Kathrin Seufert: Wie Nachwuchsfußballer das Entscheiden (wieder) lernen können

Nach dem WM-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde viel über die Zukunft diskutiert. Und über eventuelle Fehler in den Ausbildung der Nachwuchsleistungszentren. Gern wurde dabei ein Mehmet Scholl-Klassiker zitiert: “Die Kinder müssen heute abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.” Abseits der Flatulenz-Polemik ist an der Aussage etwas dran: Denn jungen Fußballern wird viel abgenommen, häufig auch das Entscheiden.

Zum Thema: Die Fähigkeit, entscheiden zu lernen

Talente in den Nachwuchsleistungszentren kämpfen mit ganz vielen Faktoren: Ehrgeiz, Disziplin, Wille, Gesundheit und vieles mehr. Aber es greifen auch externe Faktoren, die sich in den vergangenen Jahren so etabliert haben, dass sie mittlerweile ganz normal erscheinen. Die Spieler haben einen Berater, der ihnen den besten Weg zeigen will, einen Ausrüster, der ihnen das beste Material geben will und einen Trainer sowie sportlicher Leiter, der ihnen auf dem Weg zum Profi alles mitgeben will.

Das entstandene Konstrukt federt vieles ab. Aber es befreit auch von vielen Pflichten. Fragen wir mal so: Was entscheidet der Sportler denn eigentlich noch alleine?

  • In welchem Verein er bestenfalls spielen kann, sich präsentieren und weiterentwickeln… entscheidet der Berater.
  • Welche Schuhe, Schienbeinschoner und Untershirts er trägt… entscheidet der Ausrüster.
  • Welche Laufwege er spielen soll und wie die Ausrichtung des Spiels ist… entscheidet der Trainer.
  • Ob er schon aufgrund seines Talents bei der nächsten Altersgruppe oder sogar bei den Profis trainieren oder gar spielen soll… entscheidet der Trainer und der Geschäftführer Sport.
  • Wann er was für die Schule tun soll… entscheidet das pädagogische Personal im NLZ.

Und so reihen sich eine Vielzahl von Entscheidungen, die dem Sportler abgenommen werden aneinander. Das sich dabei viele wie eine Marionette fühlen, wird schnell deutlich.

Entscheidungen treffen lernen

Kathrin Seufert
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Uns als Sportpsychologen macht das Sorgen. Da ist zum einen ein Unwohlsein mit der Hilflosigkeit und der Abhängigkeit, die durch das Marionettenleben zwangsläufig entsteht. Zum anderen wissen wir um die Gefahr, die damit einhergehen kann, wenn jemand das Entscheiden verlernt oder nie richtig gelernt hat.  

Was passiert im Gehirn eigentlich, wenn wir eine Entscheidung treffen? Hierzu ist ein Experiment Leipziger Wissenschaftler ein guter Anhaltspunkt. In der Studie war es Aufgabe der Probanden, zu entscheiden, ob sie einen Drücker mit der linken oder rechten Hand auslösen wollen. Während die Versuchsteilnehmer über diese Frage nachdenken, um sich zu entscheiden, beobachteten die Wissenschaftler mittels eines Kernspinttomografen die Hirnaktivität. Schon sieben Sekunden bevor der Proband die Entscheidung mitteilte und den Drücker auslöste, konnten die Forscher im vorderen Bereich des Gehirns Aktivität feststellen. Die Seite, die ausgesucht wurde, zeigt auch vorher schon eine Aktivität im präfrontalen Kortex. Sichtbar werden diese Bereiche, da durch den Denkprozess der Sauerstoffverbrauch steigt bzw. fällt. Durch die Verbindung des präfrontalen Kortex mit dem limbischen System, zeigt sich, dass Entscheidungen nicht nur rational sondern auch durch das limbische System auch emotional getroffen werden. Eine vollständige Trennung der beiden Anteile ist daher nicht möglich.

Übungs- und Trainingsansätze

Um die Fähigkeit eben nicht zu verlieren, bzw. sogar vielleicht zu stärken ist es sinnvoll, diese kognitive Komponente gezielt zu trainieren. Es gibt sicherlich viele Ansätze nachdem die Fähigkeit des Entscheidens im Sport geübt werden kann. Basis sind entweder implizites bzw. explizites Lernen und generelle bzw. spezifische Ansätze.

“Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.”

Immanuel Kant

Es ist zunächst hilfreich, sich darüber Gedanken zu machen, warum etwas entschieden wurde. Ein einfaches Beispiel ist eine Schiedsrichterentscheidung. Ganz egal, ob man mit dieser einverstanden ist oder nicht, man kann versuchen sich hineinzudenken, warum diese nun so getroffen wurde. Dies bringt möglicherweise Erkenntnisse, die einen auf eine andere Lösung bringen, als die eigene es ist. Aufgepasst: Dieser Mechanismus ist nicht nur für den Sportler interessant, sondern auch für den Trainer. Versteht der Sportler, warum ich eine bestimmte taktische Entscheidung treffe, kann er diese nachvollziehen. Im Ergebnis geht sie auch einfacher auf ihn über.

Fazit

Sich aktiv in die Entscheidungsfindung einzubringen, hilft dabei, die Fähigkeit aufrechtzuerhalten, Entscheidungen treffen zu können. Das nachvollziehende und kritische Hinterfragen sollte ein jeder Sportler mit seinem Trainer nutzen, um sich auszutauschen. Den Talenten würde dabei nichts genommen, sondern eine wichtige Fähigkeit geschenkt.

Literatur

Raab, M. (2007). Think SMART, not hard—a review of teaching decision making in sport from an ecological rationality perspective. Physical Education and Sport Pedagogy, 12(1), 1-22.

Gilbert, C. (2017). Entscheidungen Handeldefizit. Zeitmagazin Nr. 44/2017  

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