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Dr. Rita Regös: Doping und die Paradoxie der Fairness

Die Diskussion über Doping führt zum Hinterfragen, einerseits sportlicher Leistungen, andererseits des Systems Leistungssport und mündet zwangsläufig in großen Themen, wie Moral und Fairness auf gesellschaftlicher Ebene. Ob diese große Bühne immer gerechtfertigt ist? Eine wertneutrale Perspektive neben einer kritischen Selbstreflektion, sei es auf persönlicher oder auf gesellschaftlicher Ebene, erwiese letztendlich dem Athleten in seiner Integrität als Mensch, genau die Behandlung, die jeder einzelne von uns für sich selbst mit aller Selbstverständnis und Vehemenz beansprucht – nicht in dem wir Doping befürworten, vielmehr in dem wir Paradoxien des Gesamtsystems reflektieren.

Zum Thema: Doping im Leistungssport

Ein System agiert wertfrei, es fokussiert auf Selbsterhaltung – Einzelteile des Systems sind austauschbar. Ob ein Einzelner im System, sich dem System beugt, es ablehnt, sich dagegen auflehnt, spielt für das System keine Rolle – schon gar keine moralische.

Das Wertesystem einer Gesellschaft schreit hingegen nach Schuld und Unschuld, nach Vollstreckung der Moral, nach Fairness. Landet letztendlich beim einzelnen Individuum – der wiederum schmerzlich realisiert, dass das System nicht in Frage gestellt werden kann, es ist fokussiert auf Systemerhaltung, es handelt wertfrei, der Sportler ist nur ein Teil und eben austauschbar.

Zur Profilseite von Dr. Rita Regös: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Moralische Aspekte

Das klingt hart, ist es auch – ein Grund über die Moral zu reflektieren das Urteilen zu hinterfragen, in dem man sich selbst fragt: Gibt es Systeme, die ich ablehne jedoch mitmache? Wenn ja, warum? Weil ich sonst ausgetauscht werde und mir Schaden entsteht – weil in der Regel der Einzelne das Nachsehen hat, nicht das System.

Athleten sind Helden der Moderne, sie kämpfen, siegen oder scheitern und wecken in uns längst verstummte Gefühle, zumindest verkümmert in der Intensität, in der wir uns über ihren Sieg freuen oder über die Niederlage enttäuscht sind. In unserem Alltag ist dies nicht selten unmöglich, daher leben wir diese Emotionen gern beim Mitfiebern aus. Wir projizieren in unsere Helden Hoffnung, Güte, Schönheit, Gerechtigkeit: „er hat es verdient“ und auch in das System, in dem sie agieren – „möge der bessere gewinnen“. Entsprechend ernüchternd nehmen wir Schlagzeilen über Unfairness, Doping und Betrug wahr. In erster Instanz, sind wir sofort bestrebt, unsere Weltordnung wiederherzustellen. Wir wollen wissen, ist das System falsch oder der Athlet kein Held, wir wollen von außen Stellung beziehen, um so, auch unsere eigene Moralvorstellung zu festigen, gegebenenfalls uns zu distanzieren. Wir hinterfragen das System und das Individuum. Eins bleibt jedoch in diesem Prozess der moralischen Selbstfindung unreflektiert, wir selbst: Grenzüberschreitungen „rational“ erklären, sich einem System beugen, für etwas alles geben oder manches bewusst ignorieren – sind nicht Leistungssport spezifische Themen.

Unreflektierte Heldengeschichten

Es bleibt ebenfalls unreflektiert, wie intensiv wir uns mit unseren Helden identifizieren, in ihr Handeln uns wieder finden wollen, zulassen, wie sie uns in manch unserer Vorstellungen bestärken und wir uns an sie orientieren, in guten Zeiten oder auch in schlechten?

Aber vor allem ein Gedanke sollte jede Diskussion über Doping inkludieren und reflektiert werden: Die Paradoxie der Fairness.

Stille Helden?

Athleten treten an, um zu gewinnen – in manchen Fällen entscheiden sie selbst, in manchen Fällen wird ihnen die Entscheidung abgenommen oder sie rutschen automatisch in ein System.

Andererseits gibt es sehr viele Sportler, die sich bewusst gegen Doping entscheiden, manchmal auch im Bewusstsein, den schwierigeren Weg zu wählen aber auch im Bewusstsein, fair bleiben zu wollen. Auch diese Athleten gewinnen oder aber sie stehen nie auf dem Podest und werden somit nie wahrgenommen. Sie wissen vielleicht, dass sie chancenlos sind und wählen trotzdem den fairen Weg.

Von Siegern und Gewinnern

Das Ziel ist in jedem Fall klar definiert: Sieg. Der Sportler möchte gewinnen, das System ebenfalls und wir, wir wollen auch Sieger sehen. Gewinner werden gefeiert und zu unseren Helden – keinesfalls wegen der Entscheidung, fair zu bleiben, nicht wegen eines eventuell härteren Weges. Und eine Platzierung im Mittelfeld ist auch keine Schlagzeile wert – einzig wegen Edelmetall – wohl ein unfairer Paradoxon.

Mehr zum Thema:

Diese Geschichte löst Diskussionen aus. Der österreichische Langläufer Johannes Dürr äußert sich in der ARD-Dokumentation „Gier nach Gold“ (zur ARD-Doku) offen wie noch kein zweiter Wintersportler zu seinem Dopingvergehen und seinen Erfahrungen im internationalen Skilanglaufzircus. 

Für die Hintergrundberichterstattung zur Doku „Gier nach Gold“ wurde der Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Stoll mit den Aussagen des Langläufers Dürr konfrontiert. In einem Interview trifft er unmissverständliche Aussagen:

Sportschau-Interview mit Prof. Dr. Oliver Stoll

Zum Interview mit Prof. Dr. Oliver Stoll: „Simmen Dürrs Aussagen hat der Leistungssport ein Problem“ (Link)

Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, war im Auftrag der ARD-Dopingredaktion darüber hinaus damit betraut, aus sportpsychologischer Sicht die Frage zu beantworten, warum Sportler dopen? Entstanden ist ein knapp vierminütiger Beitrag: 

Warum Sportler dopen 

Zum Beitrag: https://www.sportschau.de/doping/video-warum-sportler-dopen–100.html

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold

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Dr. René Paasch: Berührungen als Kommunikationsmittel im Sport

Viele Mannschaftssportler haben kaum Körperkontakt auf und neben dem Platz. Dabei zeigt die Wissenschaft, dass körperliche Nähe sich auch auf sportliche Leistung auswirken kann. Berührungen können eine Menge bewirken, insbesondere bezüglich des Wohlbefindens und im Ergebnis eben auch hinsichtlich der Leistungsfähigkeit von Teams. Ein Plädoyer für mehr Körperkontakt.

Zum Thema: Können Berührungen fundamentale Auswirkungen auf den Einzelnen und Teams haben?

„Man kann in Fußballer nichts hineinprügeln, aber mit Berührungen großartiges bewirken und herausstreicheln“ 

Dr. René Paasch

Wenn wir von Berührungen sprechen, dann müssen wir eine kurze Exkursion zur Haptonomie vollziehen. Die Haptonomie, also „die Lehre von der Berührung“, wurde von Frans Veldman (1921-2010) entwickelt. Durch die Berührung wird eine Verbindung zu einer kranken oder gesunden Person aufgebaut, um sie zu bestärken und ihr Wohlbefinden zu verbessern. Das Wort Nomos „Gesetz“ hingegen, ist die gefühlsbetonte Antwort der Berührten. Veldman hat die Erscheinungen der menschlichen Fähigkeiten, die bei jedem seit Urzeiten existieren, studiert und beschrieben. Diese Fähigkeiten wurden in den verschiedenen Zeiten erforscht, beobachtet und mit der fortschreitenden Industrialisierung leider aus den Augen verloren.

Dennoch ist sie für mich der Grundstein nachhaltiger Berührungen. Alle unsere Sinne erleichtern uns das Verständnis von Umweltereignissen und -eigenschaften, sozialen Austausch sowie die Anpassung an unsere Gegebenheiten. Überspitzt gesagt: Das Tastsinnessystem sichert unser Überleben! Jede Berührung unseres Körpers wird biologisch und psychologisch verwertet, aber oftmals ist unser Tastsinn für uns so selbstverständlich, dass wir ihn kaum würdigen oder gezielt einsetzen. Dabei feuern jede Sekunde Millionen von Sensoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken, Haaren und Haut ununterbrochen Signalströme an das Gehirn, um eine präzise Vorstellung der taktilen, haptischen und propriozeptiven Erfahrungen zu erhalten (Grunwald,2017). Unsere Haut ist überzogen von Millionen kleiner Haarfollikel, die kleinste Veränderungen wahrnehmen können. An Fingerspitzen und im Mundraum liegt die höchste Dichte an tastsensiblen Rezeptoren vor. Schmerz, Temperatur- oder Geschwindigkeitsveränderungen – alles wird registriert und bei der Verarbeitung von Tastsinnesreizen sind fast alle Nervenzellen des Gehirns beteiligt. Gleichzeitig begleiten emotionale Prozesse unsere taktile und haptische Wahrnehmung. Eine Meisterleistung, die einen tieferen Blick wert ist.

Du willst mehr wissen? Dann besuch die Profilseite von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Von Kindesbeinen an bedeutsam

Ein Heranwachsender ertastet die Welt, um sie zu begreifen. Er erforscht sie, indem er die Dinge einer haptischen Analyse unterzieht: Gegenstände und Nahestehende werden auf Textur, Form, Gesetze der Schwerkraft sowie auf eigene Wirksamkeitsmöglichkeiten überprüft. Eine solche stimulierende Umwelt fördert hierbei nicht nur das Erkundungsverhalten und die Reifungsprozesse im Gehirn, sie sind auch für die Sprachentwicklung Voraussetzung.

Doch auch als Erwachsener lässt dieser Prozess nicht nach. Wir lieben angenehme Erfahrungen, egal ob es um das „kollegiale Drücken“ bei guter Leistung oder eine fürsorgliche Behandlung des Physiotherapeuten geht. Berührungen und Selbstberührungen spielen im Sport und in zwischenmenschlichen Interaktionen eine sehr wichtige Rolle. Dabei dienen diese nicht nur unserem subjektiven und emotionalen Wohlbefinden, sondern auch der neurobiologischen Aktivität unseres Gehirns.

Wahrnehmungsfördernde Berührungen  

Heranwachsende sind ohne diese nicht überlebensfähig. Selbst wenn sie ausreichend mit Nahrung versorgt werden, würden ihnen ohne Berührungen zuverlässige Bindungen fehlen, die für die Entwicklung fundamental sind. Aber auch als Erwachsene verlieren wir ohne Berührungen nachhaltig das Gespür für uns selbst und vereinsamen. Es droht die Gefahr eines inneren „Absterbens“. Berührungen kommen zwar von außen, wirken aber nach innen. Nicht berührt zu werden, kann auch zu einem Gefühl des sozialen Ausschlusses führen. So konnten Untersuchungen zeigen, dass soziale Ausgrenzung körperliche Folgen hat, wie z.B. den Anstieg diverser Entzündungswerte. Die entsprechenden Botenstoffe sorgen dafür, dass Schmerzreize noch stärker wahrgenommen werden. Soziale Nähe und Bindungen hingegen lindern körperlichen Schmerz und verstärken die Zugehörigkeit. Grunwald (2012) konnte nachweisen, dass die Wahrnehmung von Nähe oder Distanz, Zugehörigkeitsgefühl oder Ausgrenzung auch einen physischen und sogar einen sinnlichen Aspekt hat und direkte Zusammenhänge zwischen sozialem und physiologischem Empfinden bestehen. Unser soziales Erleben kann also auch unser körperliches Befinden beeinflussen (z.B. Körpertemperatur sinkt nachweislich). Umgekehrt können unsere haptischen Erfahrungen unser Wohlbefinden steigern (z.B. Wärme wirkt beruhigend auf die Stimmung und stärkt das Selbstvertrauen)

Letzteres liegt daran, dass für neurologische Verschaltungen des Empfindens bei physischer bzw. sozialer Wärme dieselben Nervenbahnen des Gehirns aktiv sind. Körperliche Berührungen von Teamkollegen stimulieren emotionale und hormonellen Reaktionen. Auch die Selbstberührung dient also zur Regulierung des neurophysiologischen Zustands (wie z.B. der Herzfrequenz), zur emotionalen und physiologischen Beruhigung. Daher ist zu beobachten, dass auch bei stressbelasteten Spielern vermehrte Selbstberührungen beruhigen können. Auch das Bindungshormon „Oxytocin“ (Magon, Kalra, 2011) wirkt stabilisierend und macht uns widerstandsfähiger gegen Belastungen.

Zünder für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

Die Gefühle, die wir bei Berührungen empfinden und weitergeben, spiegeln sich auch in unserer Sprache wieder: Wir sind „berührt“, wenn uns etwas sehr nahe geht. Erlebnisse, die Spuren in unserem Leben hinterlassen, „gehen uns unter die Haut.“ Und der Ausdruck „begreifen“ zeigt, dass die Bedeutung des Körperkontakts weit über eine bloße verbale Kommunikation mit unseren Mitmenschen hinausgeht.

Wie stark Berührungen auf uns wirken und uns mit Energie erfüllen können, ist allgegenwärtig erkennbar. So bedeutet das Wort „berühren“ im Altgriechischen zugleich auch „anzünden“. Seien Sie daher der Zünder für Wohlbefinden und nachhaltige Leistungsfähigkeit.

Praktische Empfehlungen für den sportlichen Alltag:

Wie die Sprache gehören auch Berührungen zu unserer alltäglichen Kommunikation und besitzen folgende Vorteile:

  • Das Händeschütteln ist im deutschen Fußball ein gängiges Begrüßungsritual. Dieses ist versehen mit nur einem kurzen Händedruck und Anblick. Schütteln Sie stattdessen länger und intensiver die Hände und lassen Sie dabei eine gesunde Nähe zu.
  • Wenn ein Team sich an den Händen hält oder im Kreis in den Armen liegt, ist das meistens ein anerkannter Beweis von Zuneigung, Verbundenheit und Sicherheit. Nutzen Sie dies so oft es möglich ist, denn das verändert und verstärkt das „WIR“.
  • Berühren Sie jemanden an der Schulter, bedeutet diese Geste oft: „Ich halte zu dir“ und „Du kannst mir vertrauen“. Ein sanftes Schulterklopfen kann Lob sowie Anerkennung ausdrücken, aber auch Sicherheit vermitteln und Mut machen.
  • Eine Umarmung ist im Sport eine besonders innige Form der Berührung – sie drückt Teamzugehörigkeit aus und kann das Selbstvertrauen des Einzelnen stärken. Aber aufgepasst: Jegliche Berührung kann einen Eingriff in die Intimsphäre bedeuten und vom Gegenüber als unangenehm empfunden werden. Fragen Sie daher, ob diese erwünscht ist.
  • Schließlich gibt es bei Berührungen Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Frauen lassen sich eher berühren als Männer. Zugleich werden sie durch Berührungen stärker beeinflusst – unabhängig davon, ob die berührende Person männlich oder weiblich ist.
  • Und selbst die physiotherapeutische Nähe – die Massage – kann nachweislich Stress lindern, die Stimmung aufhellen und das Immunsystem stärken.
  • Berührung ist „Urkommunikation“, bevor das erste Wort fällt. So könnte ein Trainer, wenn er die Kraft der Berührung gezielt einsetzt „das Wohlbefinden und Selbstvertrauen seiner Spieler verbessern“ bevor er ihn überhaupt einer Bewertung unterzieht.
  • Forscher haben nachgezählt, wie oft sich die Fußballer bei der Weltmeisterschaft 1998 während des Turniers einander berührten. Das Ergebnis: Die französische Nationalmannschaft hatte überdurchschnittlich oft Körperkontakt – und wurde, wie wir wissen, Weltmeister. Vielleicht ein Fürsprecher für regelmäßige Berührungen und Leistungsfähigkeiten in Sportmannschaften!?  

Die unterschiedlichen Kulturen im deutschen Fußball prägen ganz besonders persönliche Begegnungen im Sport: Menschen in berührungsfreundlichen Kulturen empfinden Angehörige berührungsarmer Kulturen eher als kühl und distanziert. Wiederum stufen berührungsfreudige Kulturen wie Südländer oft als temperamentvoll und distanzlos ein. Finden Sie Ihre eigene „Berührungswohlfühlzone“ und seien Sie experimentierfreudig, denn Grenzen entstehen nur in Ihren Köpfen.

Fazit

Der aktive und passive Vermittler des physischen Kontaktvermögens ist das Tastsinnessystem des menschlichen Körpers. Dieses ist nicht nur ein probates Mittel im Umgang mit den Teamkollegen und der Welt außerhalb unseres Körpers, sondern es stellt gleichzeitig Mittel zur Verfügung, damit das Körpersystem in schwierigen Zeiten (sozial/sportlich) adäquat handlungsfähig bleibt. Gewünschte und ehrliche Berührungen in Sportmannschaften können unseren Organismus wesentlich verändern und somit im Ergebnis auch die Leistungsfähigkeit verbessern.

Mehr zum Thema:

Literatur

Grunwald, M. (2017). Homo hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Verlag: Droemer eBook.

Grunwald, M. (2012): Haptik: Der handgreiflich körperliche Zugang des Menschen zur Welt und zu sich selbst. In: Werkzeug-Denkzeug (Hrsg.). Thomas H. Schmitz. Transcript Verlag.

Internet:

Magon, N; Kalra, S. (2011): The orgasmic history of oxytocin: Love, lust, and labor https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3183515/

Unterstell, R. (2014). The fuel of intimacy. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/germ.201490012

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Johanna Constantini: Sportpsychologie auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft (inkl. Audio)

„Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten“, ist mir in meinen Blogs ungemein wichtig. Wenn es um die Digitalisierung geht, gibt es jedoch zahlreiche Entwicklungen mehr, über die vor allem jene Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten Bescheid wissen sollten:

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten… und noch viel mehr… (Teil 12)

Wenn ich über die Digitalisierung nachdenke, schwingt immer ein wenig Unsicherheit mit. Unsicherheit darüber, wie unsere Welt im Jahr 2030 wohl aussehen mag. Welche neuen Aufgabengebiete sich auftun werden, welche hingegen keine Zukunft erleben. Werde ich in meiner Position von einem Roboter ersetzt werden, der sich dank künstlicher Intelligenz voll und ganz auf die Seele und das Befinden meiner heutigen Klienten einstellen und ihnen so die besten der besten und noch dazu „maßgeschneiderte“ Ratschläge erteilen kann?

Hinweis: Du kannst dir Johanna Constantinis Beitrag auch anhören. Unsere Profilinhaberin aus Österreich hat den Text eingelesen. Hier geht es zur Audio-Datei:

Mit seinem Werk Hirten, Jäger Kritiker beruhigte mich Philosoph Richard David Precht dahingehend: Die Berufe, die heute ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen von Menschen verlangen, werden wohl zu jenen Tätigkeitsbereichen gehören, die auch auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft noch lange nicht ersetzt werden können. (Precht, 2018) Klar, sicher ist so gut wie nichts, doch aufgrund der bisherigen technologischen Entwicklungsschritte lassen sich gewisse Tendenzen zum Arbeitsmarkt der Zukunft ableiten…

Mehr Infos zu Johanna Constantini? Findest du auf der Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Von Menschen und Messungen – Sportpsychologie auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft

Während es dem heutigen Linienrichter dann wohl nicht mehr vergönnt sein wird, sein täglich Brot am Spielfeldrand zu verdienen, so werden Berufe, bei denen unmittelbarerer Menschenkontakt unumgänglich ist, weiter bestehen. Laut den Prognosen von Precht zählen wir als Psychologen zu jener Berufsgruppe, die spät bis nie durch moderne Robotik ersetzt werden wird. (Precht, 2018). 

Meine Schlussfolgerung bezieht sich damit auch auf den Tätigkeitsbereich des Sportpsychologen, der das persönliche Coaching seiner Athleten ebenso wenig an Roboter abgeben müssen wird. Denn: obwohl und vielleicht trotzdem wir bereits heute durch Messungen und Berechnungen von Apps und Smartwatches vielerlei Leistungsvorhersagen weniger auf menschliche Vermutungen, als auf genaue technologische Prognosen zurückführen, so wird der Schwerpunkt unserer Arbeit auch in der Zukunft auf Zwischen-Menschlichkeit liegen. So lange wir sozusagen zwischen Menschen agieren, ist es umso wichtiger, sich die Bereiche des Lebens bewusst zu machen, die durch Technik ersetzt werden.

Zwischen-Menschlichkeit als wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit

Besonders wenn es darum geht, Vertrauen zu fassen und den Selbstwert zu stärken, ist und wird der Mensch immer von seinen Mitmenschen abhängig sein. Weil (analoge) Kommunikation, Verbundenheit und Gemeinschaft zu den Hauptquellen des menschlichen Wohlbefindens gehören, sollten und müssen die Begegnungen zwischen Menschen weiterhin gefördert werden. Wenn sich Athleten hingegen nur mehr auf digitale Helferchen verlassen, so schüren sie das Risiko langsam aber sicher – und inmitten all ihrer online Communitys – zu vereinsamen. Aus „Effizienzgründen“ helfen nämlich weder Onlinemedien noch Smartwatches und digitale Messgeräte, um das Wohlbefinden langfristig zu erhalten (Spitzer, 2018). 

Wo der Sport das analoge Mensch sein fördern kann

Laut dem Psychiater Manfred Spitzer sind es die vielen täglichen Begegnungen mit Menschen, die unsere Psyche positiv beeinflussen und den „Schmierstoff unserer Gesellschaft“ bilden. Und wo sonst – wenn nicht im Sport – kann diese analoge Kommunikation gefördert werden? 

In vielen meiner vorangegangenen Blogs habe ich über analoge Verhaltensstrategien im Trainings- und Wettkampfalltag geschrieben. Diese gilt es auch zukünftig zu forcieren und zu praktizieren. Schließlich geht es darum, als moderner Sportpsychologe mit dem Bewusstsein einer digitalisierten Welt das Mensch sein nicht an ein binäres System abzugeben und für den Sportler eine menschliche Vertrauensperson zu bleiben. Ein Mensch, bei dem vielleicht nicht jeder Schuss ein Treffer ist, durch den die Athleten aber lernen, an sich zu glauben und das Mensch-sein auch in Zukunft zuzulassen. 

Die komplette Serie:

Quellen

Spitzer, Manfred. 2018. Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich. Droemer Verlag. München

Precht, Richard David. 2018. Hirten, Jäger, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldmann.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Männlichkeit 2.0 – Wie Gillette allen Sportpsychologen und Sportpsychloginnen Hausaufgaben beschert

Die „toxische Männlichkeit“ sorgt dieser Tage für grosse mediale Schlagzeilen. Die Rede ist von der schädlichen Wirkung tradierter Männlichkeitsideologie, wie sie in den kürzlich erschienen Richtlinien der American Psychological Association (APA)1 dargestellt wird. Wie äussern sich die umfassend beschriebenen Elemente „Leistung“, „Risiko“, „Dominanz“, „Vermeidung von Schwäche“ und „Gewalt“ im Leistungssport und welche Konsequenzen sind aus Sicht der Sportpsychologie zu diskutieren?

Zum Thema: Die toxische Wirkung tradierter Männlichkeitsideologie und ihre Auswirkungen auf die Arbeit eines Sportpsychologen

Zugegeben, die Auswirkungen des APA-Reports hätten mich kaum erreicht, wäre letzte Woche nicht ein Rasierklingenstreit entbrannt, der sich im Netz seither zu einem veritablen Shitstorm aufgebaut hat. Was ist passiert? Gillette hat seinen 30-jährigen Slogan «The Best a Man Can Get» abgesetzt und durch «The Best Men Can Be»2 ersetzt.  Mit dem Werbefilm wendet sich das Unternehmen gegen Sexismus und Machokultur, gegen «toxische Männlichkeit». Er zeigt Männer, die prügelnde Jungs trennen oder Frauenbelästiger in die Schranken weisen. Am 13. Januar 2019 auf Youtube hochgeladen, wurde der Clip seither millionenfach angeklickt, hunderttausende Male kommentiert, meist negativ. Empörte Männer verstehen den Spot als pauschalen Angriff auf ihr Geschlecht und monieren die markttreibende Heuchelei seitens der Firma.

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Hitzige Debatte

Was in dieser hitzigen Debatte mit Heuchelei-Unterstellung aber offensichtlich verloren geht ist die Tatsache, dass sich die Rasierklingenfirma zur Plausibiltätsabklärung ihrer These an das bekannte Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov3 gewandt hat. In einer repräsentativen Studie mit 1017 Teilnehmern im Alter von 22 bis 37 Jahren kommen die Forscher zum Schluss, dass das stereotype Bild des Mannes passé ist. Die Vorstellung davon, was Männlichkeit genau ist, habe sich komplett gewandelt, so die Autoren. „So sein wie der Vater? Bitte nicht. 74% der Befragten geben an, dass sich ihr Männerbild von dem ihrer Eltern unterscheidet, und wehren sich gegen klassische Rollenzuschreibungen. Sie möchten stattdessen ein facettenreiches Männerbild (…). 72% der Teilnehmer sagen, dass Gemeinschaft für sie nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern dass diese auch ihr eigenes Verhalten und Leben prägt.“  

In dieser Quintessenz der Studie verbirgt sich auch die Wandelbarkeit des Konstrukts „Männlichkeit“. Männlichkeit ist keine naturgegebene Tatsache, sondern das Produkt einer kontinuierlichen Konstruktionsleistung. Männer müssen genauso wie Frauen tagtäglich Geschlecht in Interaktionsprozessen (re)produzieren und darstellen, so schreibt Simone de Beauvoir „man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (Beauvoir, 2000, S. 334).

Selbstverständnis und Selbstbewusstheit eines Sportpsychologen

Übergeordnetes Ziel dieses Textes ist nicht nur, auf die aktuelle Diskussion hinzuweisen. Vielmehr soll nun versucht werden, Tragweite und mögliche Konsequenzen aus Sicht der (Sport-)Psychologie zu thematisieren.

Wo stehe ich persönlich im Rahmen dieser Männlichkeitsdiskussion? Wie hat sich mein Bild der Männlichkeit im Verlauf meiner bald 30-jährigen Tätigkeit in der Angewandten Sportpsychologie verändert, entwickelt? In meiner Rückschau treffe ich unweigerlich auf einen meiner Lieblingssongs von Herbert Grönemeyer: Mann! „Wann ist ein Mann ein Mann?“… und Grönemeyer beantwortet die Frage mit „ … Männer geben Geborgenheit …Männer stehn‘ ständig unter Strom, Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon, Männer sind allzeit bereit, Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit … außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht … “ (Grönemeyer, 1984).

Das Thema (Sport-)Persönlichkeit

Zu jener Zeit befasste ich mich intensiver mit dem Thema der (Sport-)Persönlichkeit und deren Messung im Spitzensport, untersuchte u.a. die Persönlichkeitsstruktur von Weltklasse-Zehnkämpfern aus Deutschland. Ich war fasziniert ob jener äusserst selbstvertrauenden, fast manisch ausgebildeten Motivationsstruktur der deutschen „Könige der Leichtathletik“ und monierte demgegenüber ein fast hobbymässig-submissives Auftreten unserer Schweizer Protagonisten. Damals war mir die zerstörerische Wirkung tradierter Männlichkeitsideologie kein Begriff. Heute, auch mit Kenntnis der Lebensgeschichte von Christian Schenk, Zehnkampf-Olympiasieger von 1988 (vgl. Schenk & Sellin, 2018), erkenne ich die destruktive Wirkung traditioneller Männlichkeitsideologien mit übertrieben ausgeformten Elementen hinsichtlich „Leistung“, „Risiko“, „Dominanz“, „Vermeidung von Schwäche“ und „Gewalt“ wesentlich schneller.

Wo stehen Verbände und Institutionen?

APA – eine Provokation! In der Schweizer Sonntagspresse wurde das Thema breit(er) diskutiert, insbesondere wurden involvierte Verbände hinsichtlich der Tragweite der Auswirkungen „toxischer Männlichkeit“ befragt. Der Hintergrund: In Amerika wie auch in der Schweiz oder im Sport sind die Zahlen eindeutig. Die Suizidraten, sexuelle Übergriffe, Androhung oder Ausübung von physischer Gewalt, usw. – in allen diesen Kategorien liegen die Männer mit grossem Abstand vorne. Die Genderfrage stellt sich aber auch hinsichtlich gesundheitsrelevanter Auswirkungen traditioneller Männlichkeitsnormen, wenn eben der sorglose Umgang mit dem eigenen Körper und die Illusion, auf keine Unterstützung angewiesen zu sein, Krankheiten und vermeidbare Todesfälle fördern und dadurch die Lebenserwartung der des männlichen Geschlechts mindern.

Eine entsprechende Umfrage in der Sonntagszeitung (20.1.2019)4 bei den Verbänden – mit der Bitte um eine Stellungnahme zu den APA-Richtlinien – ergibt ein ernüchterndes Bild, wobei zwei hauptbeteiligte Verbände folgendermassen zitiert werden: „Bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), dem Pendant zur amerikanischen APA, wird die Pressesprecherin mit der Erklärung vorgeschickt: «Die FSP äussert sich als Verband nicht zu diesem Thema.» Bei der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie erklärt ein Vertreter des Vorstands, er finde die Amerikaner ohnehin «zum Kotzen», mehr könne er dazu nicht sagen.“ Aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie ist diese Sichtweise mehr als ärgerlich. Die Ungeheuerlichkeit dieser Statements müsste jedem Sportpsychologen zumindest dann einleuchten, wenn er die Biographie der ehemaligen Kunstturnerin Ariella Käslin gelesen und/oder sich in die Hintergründe des hundertfach dokumentierten Missbrauchs im Damen-Kunstturnen in den USA eingearbeitet hat.  

Sie wollen mehr über Dr. Hanspeter Gubelmann wissen? https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Haltung, Verhalten und Handeln sind gefragt!

Wer körperliche oder psychische Gewalt im Sport kleinredet, wer Drohgebärden von Trainern gegenüber Jugendlichen als „notwendiges Übel“ abtut oder auch wer ob der besagten Gillette-Werbekamapagne in Rage kommt, dürfte nicht gemerkt haben, selbst wesentlicher Teil des angesprochenen Problems zu sein. Aus dieser Warte betrachtet scheint jeder Psychologie-Verband in der Verpflichtung zu stehen, einen dezidierten Standpunkt vertreten zu müssen. Auch die Sportpsychologie und ihre VertreterInnen!

Mit Blick auf meine persönliche Biographie als (ehemaliger) Sportler, Trainer, Sportwissenschaftler, Sportspsychologe, Vorstandsmitglied von SASP (Swiss Association of Sport Psychology) sowie FSP möchte ich die aktuelle Diskussion zum Anlass nehmen, vier Ansatzpunkte im Umgang mit „toxischer Männlichkeit“ zu formulieren.

  • 1) Persönliche Prägung

Die aktuelle Diskussion animiert mich auch zur Reflexion meiner eigenen Biographie. Wo und in welcher Art bin ich in Kontakt mit tradierter Männlickeitsideologie gekommen? Welche Vorbildfunktion hatten damals meine Trainer (alles Männer!) und wie habe ich mich später als Leichtathletiktrainer von 20 Mehrkämpferinnen im Alter von 14 bis 20 Jahren verhalten? Welches Männerbild vermittle ich eigentlich meinen Kindern heute? Ein konkretes Beispiel aus meiner Zeit als Jugendlicher in der Leichtathletik: Wie oft habe ich gehört, dass grosse Jungs (und später Männer) eben bitteschön nicht weinerlich zu sein haben! Und eingebläut bekommen, dass ich gefälligst die Zähne zusammenbeissen oder mich doch am Riemen reissen soll!?

  • 2) Supervsion und Intervision

Manchmal reicht es nicht, sein eigenes Handeln und Verhalten nur für sich selbst zu reflektieren. Das Thema „toxische Männlichkeit“ scheint bestens dafür geeignet, in ExpertInnen-Runden – an konkreten (eigenen) Fallbeispielen – verortet zu werden. Intervision und Supervision bieten zudem den grossen Vorteil, dass ich auch aus den Erfahrungen meiner Kolleginnen und Kollegen lernen und mein eigenes Verhalten im Spiegel dieser Erkenntnisse besser einordnen kann. Erkenne ich dabei ungelöste Konflikte in meiner eigenen Biographie, könnte dies ein Fingerzeig in Richtung persönliche Aufarbeitung mit Inanspruchnahme psychotherapeutischer Unterstützung bedeuten!

  • 3) Die eigene Brille schärfen!

Konkrete Auswirkungen der Rasierklingen-Debatte sehe ich auch in meinem Betreuungsalltag als Sportpsychologe. Im Wissen um die Tragweite der Thematik, dass bestimmte männliche Selbstbilder tatsächlich toxisch sein können, werde ich meinen Verhaltensradar überprüfen, vielleicht etwas neu ausrichten. Eine Frage, die mich weiterhin bewegen wird, ist: Habe ich in meiner Position als betreuender Sportpsychologe gegebenenfalls aufmerksam reagiert, vielleicht nachgefragt oder gar interveniert, wenn sich mir ein Schatten toxischer Männlichkeit offenbarte?

  • 4) In die Diskussion einschalten!

Sich – wie die FSP oder das Vorstandsmitglied des Verbands der Kinder- und Jugendpsychologie – aus dieser Diskussion zu verabschieden, geht aus meiner Sicht gar nicht! Entsprechende Leitlinien zu entwickeln (vgl. Swiss Olympic, Stellungnahme FEPSAC, siehe) und diese in der eigenen Praxis einzubinden ist das eine. Ebenso wichtig erachte ich die sachkundige Meinungsäusserung aller PsychologInnen zu dieser Thematik. Deshalb bin ich froh, hat Gillette als bedeutender Werbeträger auch im Sport seine Message angepasst hat. So heuchlerisch „The best man can be“ im Moment – in Anbetracht der Vergangenheit – auch erscheinen mag: hier nochmals zur Erinnerung: Man kommt nicht als Mann zur Welt, man wird es!

Mehr zum Thema:

Quellen:

De Beauvoir, S. (2000). Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau. Reinbek b. Hamburg: rororo.

Gubelmann, H.-P., Pfyl, M., Schilling, G. & Spada, M. (1995). Working situation, personality, motives and commitment of German and Swiss Decathletes. In R. Vanferachem-Raway & Y. Vanden Auweele (Eds.), Integrating laboratory and fields studies (vol.2, pp.755-761). Proceedings of the IXth European Congress on Sport Psychology in Brussels, 4/9 July 1995.

Schenk, C. & Sellin, F. (2018). Riss. Mein Leben zwischen Himmel und Hölle. München: Droemer.

Position statements – 6. Sexual exploitation in sport, 2002 FEPSAC Position Statement #6 (http://www.fepsac.com/index.php?cID=74)

1 APA Issues First-Ever Guidelines for Practice with Men and Boys (Pappas, S., Ed.) (Link: https://www.apa.org/education/ce/1360513.aspx)

2 https://www.youtube.com/watch?v=spyx52PdQ0s

3 https://www.gq-magazin.de/leben-als-mann/gesundheit/generationswechsel-die-neue-maennlichkeit

4 Pastega, N. & Gamp, R. Diagnose: Mann. Sonntagszeitung 20.1.2019, S.6

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Lisa König: Feedbackbox – Wie ein einfaches Tool die Kommunikation anregen kann

Gute Kommunikation innerhalb einer Mannschaft ist das A und O, um Missverständnisse zu verhindern, Trainingsinhalte und Ideen gut zu vermitteln oder einfach um Zustimmung oder Kritik fair auszutauschen. Aber ganz so einfach ist es nicht immer, besonders im Nachwuchsbereich. Bei meiner Zusammenarbeit im Rahmen eines Praktikums bei der ALBA Berlin Basketball Jugend hatte ich die Möglichkeit, ein Tool auszuprobieren, welches die Kommunikation ankurbeln sollte – die Feedbackbox. Was dabei herausgekommen ist, lest ihr hier!

Zum Thema: Die Idee hinter der Feedbackbox

Junge Sportlerinnen und Sportler wollen in ihrer Sportart erfolgreich sein, an Aufgaben wachsen  und sich einbringen. Nicht selten sind sie jedoch zu schüchtern, wissen nicht, wie sie sich ausdrücken sollen, haben Angst vor Konsequenzen oder einfach nicht die Zeit, außerhalb des Trainings noch das ausführliche Gespräch mit dem Trainer zu suchen.

Um den jungen Basketballerinnen der ALBA Jugend die Kommunikation und ihr Mitspracherecht zu erleichtern, habe ich einen einfachen Schuhkarton genommen und einen Schlitz in den Deckel geschnitten, in den sie kleine Zettel stecken können. Mehrmals im Monat haben die Sportlerinnen jetzt die Chance, ihre Gedanken aufzuschreiben und in die Box zu werfen, natürlich ganz anonym.

Nimm Kontakt zu Lisa König auf: https://www.die-sportpsychologen.de/lisa-koenig/

Platz für unangenehme Themen

Solche Gedanken beziehen sich beispielsweise auf Übungen oder Routinen, die sie toll finden und gerne öfter im Training üben würden. Sie sprechen den Umgang und den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft an. Sie beinhalten Ideen zur Trainingsgestaltung oder Änderungsvorschläge. Sie spiegeln aber auch unangenehmere Themen, also Kritik, Ängste oder frustrierende Dinge wieder.

Der Trainer und ich können so nun schnell und gezielt auf kleinere Probleme reagieren und besser die Meinung der Spielerinnen berücksichtigen. Klingt einfach? Ist es auch, aber nur wenn einige wichtige Regeln beachtet werden!

Das Rezept für den erfolgreichen Einsatz der Box

Vor dem ersten „Zetteleinwerfen“ wollten wir sichergehen, dass alle mit den Regeln einverstanden sind. Zum einen haben wir betont, dass niemand persönlich beleidigt, sondern fair behandelt werden sollte. Zum anderen war es wichtig, dass die Basketballerinnen ihre Meinungen auf den Zetteln auch erklären, und sowohl konstruktive Kritik, als auch positive Aspekte des Trainings und der Mannschaft ansprechen durften.

Unsere Voraussetzungen mit dem Umgang mit der Feedbackbox sind außerdem:

  • keine muss ihren Namen nennen und jede hat die Möglichkeit, ihre Meinung anonym zu äußern
  • es darf keine Konsequenzen oder Verurteilungen geben, falls die Verfasserin eines Zettels identifiziert werden kann
  • alle, inklusive des Trainers, müssen bereit sein, sich das Lob und die Kritik zu Herzen zu nehmen und gegebenenfalls etwas zu ändern
  • jede sollte frei ihre Meinung äußern können, dabei aber fair und verständnisvoll gegenüber den Mitspielern und Betreuern sein

GANZ WICHTIG! Die verbale Kommunikation sollte auf keinen Fall vernachlässigt und die Sportler ermutigt werden, ihre Ideen auch persönlich, in Teambesprechungen oder unter vier Augen, vorzubringen.

Feedbackbox 2.0 – Welche Variationen gibt es noch?

Unsere Box bei der ALBA Jugend stand ursprünglich auf einer Bank in der Sporthalle und die Spielerinnen konnten vor oder nach dem Training die Zettel einwerfen. Da nach einigen Wochen nur wenige die Gelegenheit nutzen, entschied ich mich, die Box mit in die Kabine zu geben, um es weniger „öffentlich“ zu machen. Tatsächlich war die Beteiligung danach viel größer und die Mädchen schienen es gut anzunehmen.

Der Trainer hat nun den Wunsch geäußert, die Auswertung der eingeworfenen Zettel auch mal als Team durchzuführen, um darüber zu diskutieren, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und andere Meinungen zu hören. Durch diese kleine Änderung ist es letztendlich auch möglich, die Feedbackbox zur Förderung der verbalen Kommunikation zu nutzen und für ältere Jugendliche und Erwachsene sehr gut geeignet.

Fazit

Wer als Trainer ein paar einfache Umgangsformen und Regeln beachtet, hat die Möglichkeit, durch eine Feedbackbox Missverständnisse zu vermeiden, bestimmte Trainingsinhalte zu fördern und die Meinungen und Ideen der Mannschaftsmitglieder besser einzubinden.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/11/26/elvina-abdullaeva-was-wuenschen-sich-ihre-spieler/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/04/08/katharina-petereit-trainerverhalten-im-fokus/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/22/lisa-koenig-wenn-sportler-ihre-trainer-hassen/

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Dr. René Paasch: Lernen als Führungsperson im Jugendfussball

Viele Eltern von ambitionierten Nachwuchssportlern kritisieren nicht selten das Klima bei Vereinen oder Verbänden, in denen ihre Kinder für eine spätere sportliche Karriere vorbereitet werden sollen. Allerdings wird der Unmut meiner Erfahrung nach selten offen geäußert. Nicht zuletzt aus Angst, dem eigenen Kind Chancen zu verbauen. Die Folge: Die Kritik ist wenig konstruktiv und in den lernenden Systemen, die allen voran die noch jungen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) im Fußball sein sollten, findet wenig strukturelle Entwicklung statt. Dabei sollten sich gerade Führungskräfte stetig hinterfragen und an ihren Skills arbeiten. Die Sportpsychologie kann bei einem solchen Prozess effektiv helfen. Im Text versuche ich, eine kleine Hilfestellung dazu anzubieten.

Zum Thema: Führungskompetenz im Jugendfussball

Der Idealzustand in einem NLZ oder einem Sportinternat außerhalb des Fußballs sieht aus meiner Sicht so aus: Die sportliche Leitung des Nachwuchsleistungszentrums führt dabei ein Team aus engagierten und empathischen Trainern. Diese Gruppe ist dadurch gekennzeichnet, dass die Persönlichkeiten sich gut ergänzen und ihr kreatives Potenzial zielgerichtet einsetzen können. Die Auffassungen vom Führungsverständnis sind ähnlich und die handelnden Personen dürfen nicht konfliktscheu sein. Ein gutes Leitungsteam hebt sich zudem durch eine hohe fachliche, organisatorische und soziale Kompetenz hervor. Sie sind meistens für die gesamten Bereiche oder Teilbereiche im Verein zuständig. Das heißt allerdings nicht, dass sie alles allein erledigen müssen. Im Gegenteil, sie sollten einige Bereiche delegieren, um sich nicht zu überfordern und um die Effektivität des Vereins nicht zu gefährden. Dafür ist eine gute Teamarbeit unter der Voraussetzung von Kooperation und Vertrauen notwendig. Sie müssen dafür sorgen, dass sich die Trainerkollegen mit ihren unterschiedlichen Kenntnissen und pädagogischen Perspektiven gegenseitig kennenlernen. Sie fördern die Kooperationsbereitschaft ihres Trainerteams, indem sie z.B. Trainergruppen in Kleinteams initiieren. Darüber hinaus sollten sie für klare Kommunikationskanäle (regelmäßige Teambesprechungen und persönliche Gespräche) und die Einhaltung dieser sorgen.

Der Führungsstil sollte dabei zwischen gesunder Autorität und einem ausgeprägten Teamgedanken pendeln. Zu betonen ist dabei jedoch, dass der autoritäre Führungsstil den kleinsten Teil ausmachen sollte und die Teamplayer-Qualitäten vordergründig zur Anwendung kommen sollten. Zur besseren Veranschaulichung stelle ich nun die wichtigsten Führungsstile dar, die nicht nur im Sport allgegenwärtig sind, sondern jeder Berufstätige auch aus dem beruflichen Alltag kennt.

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Führungsstile von Leitungspersonen

1. Der Kontrollsüchtige

Dieser Führungsstil setzt eine sehr aktive Führungskraft voraus. Sie leitet matriarchalisch und fürsorglich, lässt den Trainerkollegen dabei allerdings wenig eigene Entscheidungsspielräume. Diese verfallen dadurch eher in ein ängstliches Verhalten und sind dementsprechend angepasst. Die Atmosphäre kann z.B. durch Respekt gepaart mit Angst vor Entlassung geprägt sein. Das Team wirkt unselbständig.

2. Der Sorglose

Hier zeigen sich die Leitungskräfte sehr passiv. Sie äußern weder Kritik noch Anerkennung. Es gibt also wenig Rückmeldung. Sie wirken gleichgültig. Es finden kaum Entscheidungsprozesse statt. Im Team kann sich unter einer solchen Führungskraft schnell Lustlosigkeit und Aggression breit machen. Da jeder macht, was er will, kann leicht eine Atmosphäre von Rücksichtslosigkeit entstehen. Die Arbeit hat wenig Kontinuität und wirkt bisweilen strukturlos.

3. Der Führende

Hier finden wir Leitungskräfte vor, die anderen wenig eigenen Entscheidungsspielraum lassen. Es werden Befehle erteilt. Kritik und Anerkennung wird auf der Beziehungsebene kommuniziert. Eine autoritäre Leitung unterbricht oft die Arbeit und lässt wenig Arbeitsfluss zu. Sie „dirigieren“ ihre Teams und es gibt wenige Absprachen. Eine gemeinsame Arbeitsplanung ist schwer durchzusetzen. Für die Trainerkollegen sind Arbeitsaufträge oft nicht nachvollziehbar. Im Team herrscht eine erhöhte Reizbarkeit. Die Trainerkollegen zeigen dabei wenig Eigeninitiative und arbeiten anweisungsorientiert. Das Verhalten spannt sich dabei von übertriebener Unterwürfigkeit bis zur Rebellion.

4. Der Teamplayer

Eine Leitung, die diesen Stil kultiviert, lässt ihren Trainerkollegen viel Spielraum zur Eigeninitiative und fördert somit die Selbstständigkeit des Teams. Bei Entscheidungsprozessen wird das gesamte Team mit einbezogen. Kritik und Anerkennung wird auf der Sachebene ausgesprochen und ein verständnisvoller Umgang mit Gefühlen wird vorgelebt. Die Teammitglieder unterstützen sich gegenseitig, sind freundlich und hilfsbereit. Im Kontakt mit den Führungskräften besteht eine persönliche Ebene. Das Team zeichnet sich durch Konfliktfähigkeit und konstruktive Zusammenarbeit aus.

Persönliche Einordnung?

An dieser Stelle kann jede Führungskraft nun die eigene Ausprägung der genannten Qualitäten einschätzen. Um diesen Prozess zu unterstützen, empfehle ich zusätzlich den folgenden Selbsttest, der bei dem einen oder der anderen vielleicht zu unerwarteten Erkenntnisse führt:

Hier einige Anregungen zum Selbstcheck für Führungskräfte im Jugendfussball:

Handlungsspielraum

  1. Ich übertrage meinen Trainern verantwortungsvolle Aufgaben und versuche ihren Handlungsspielraum zu erweitern
  2. Ich habe nur selten ein ungutes Gefühl, wenn ich eine Aufgabe an jemanden abgegeben habe
  3. Ich beteilige meine Trainer an Entscheidungsprozessen

Wohlbefinden  

  1. Ich erkenne immer genau, wenn einer meiner Trainerkollegen überlastet ist (z.B. weiß ich, wer wie auf Stress reagiert)
  2. Ich beobachte meine Trainerkollegen wohlwollend
  3. Ich achte ganz bewusst auf sicherheitsgerechtes Arbeiten meiner Trainer
  4. Ich bemühe mich die Belastung meiner Trainer in einem gesunden Maß zu halten

Nähe – Distanz

  1. Ich bemühe mich, für meine Trainer immer ein offenes Ohr zu haben, z.B. indem ich oft (mind. 1x/Woche) durch die Bereiche und das Nachwuchszentrum gehe  
  2. Ich suche häufig (mind. 1x/Monat) das Gespräch mit jedem Trainer – nicht nur in festgesetzten Gesprächen

Informationsfluss

  1. Ich bemühe mich, alle Informationen über den Verein und die verschiedenen Bereiche rasch weiterzugeben und damit „Wissensgefälle“ zu vermeiden
  2. Meine Mitarbeiter wissen genau, „was sie tun“ und wie ich das finde: Ich gebe mindestens einmal im Monat Feedback.
  3. Die Meinung meiner Kollegen ist mir wichtig

Umgang

  1. Ich begrüße meine Trainer morgens freundlich
  2. Ich spreche nicht ironisch oder herablassend mit ihnen
  3. “Bitte” und “Danke” ist bei uns selbstverständlich – Schreien kommt nicht vor.

Wertschätzung

  1. Ich kenne die größte Stärke jedes Trainers (bis max. 30 Trainer).
  2. Ich lobe wesentlich öfter als ich kritisiere
  3. Ich habe keine Lieblinge, die ich bevorzugt behandle

Soziale Unterstützung

  1. Ich bemühe mich, für meine Trainer da zu sein und ihnen den Rücken zu stärken
  2. Sie wissen, dass ich ihnen nicht in den Rücken falle und sie auch bei einer Panne nicht im Regen stehen lasse
  3. Ich bemühe mich, auch für belastete Trainer (sensible oder erkrankte) menschliche- und unternehmensfreundliche Lösungen zu finden

Gesundheit

  1. Ich achte trotz aller Belastungen auf meine Gesundheit und schütze mich vor Überforderung
  2. Ich nehme meine Vorbildfunktion auch in puncto Gesundheit ernst (z.B. durch Sporttreiben, Hobbies zum Abschalten)
  3. Ich gebe nicht mit Überlastungssituationen an

Gesunde Nachwuchskultur

  1. Ich achte darauf, das Vereinsklima positiv mitzugestalten
  2. Ich habe mich in der Vergangenheit wiederholt für mehr Gesundheit im Verein eingesetzt und hierzu konkrete Verbesserungsvorschläge gemacht

Zusammenfassung

Perfekt ist niemand, aber optimieren können wir uns ein Leben lang. Meine Kollegen (zur Profilseitenübersicht) aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen und ich (zur Profilseite von Dr. René Paasch) haben die Erfahrung und die Fachkenntnis, solche individuellen und persönlichen Prozesse zu begleiten. Entsprechend freuen wir uns auf ihre Kontaktaufnahme.

Eine Führungsperson im Nachwuchssport, sei es in einem NLZ oder einer vergleichbaren Institution, bewegt sich in einem lernenden Umfeld. Und die Skills, die am Ende dazu führen, lassen sich auch auf Leitungsebene lernen. Das Lob der Eltern ist den Verantwortlichen dann sicher.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/15/mario-schuster-optimales-motivationsklima-was-fuehrungskraefte-aus-der-sportpsychologie-lernen-koennen/
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/14/thorsten-loch-abstiegskrise-massnahmen-fuer-den-vorstand/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/10/marcus-muecke-und-detlef-christoph-kowaltschuk-die-rahmenbedingungen-innerhalb-der-profivereine-muessen-verbessert-werden/

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Die Sportpsychologen erleben Hype – und erklären warum?

„Insides“ aus der deutschen American Footballszene, Tipps für Fußballer und deren Eltern aus dem Bereich der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) und konkrete Hinweise für Mannschafts- und Individualsportler. Auf den ersten Blick sind das die Topthemen, die Leser auf die Plattformen Die Sportpsychologen bringt. Bei der genaueren Analyse wird aber deutlich, wie vielschichtig das Interesse an sportpsychologischen Inhalten geworden ist.

Zum Thema: Was im Netz in Sachen Sportpsychologie funktioniert

Vier Jahre nach Gründung erlebt die Plattform Die Sportpsychologen einen kleinen Hype um die veröffentlichten Blog-Beiträge, Insiderberichte und Leitartikel: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Reichweite des kostenlosen Online-Angebots, welches Sportler, Trainer, Funktionäre, Unternehmer und Journalisten mit sportpsychologischen Themen konfrontieren soll, im Jahr 2018 mehr als versechsfacht. Über 630.000 Seitenzugriffe zählte die Plattform zwischen Anfang Januar und Ende Dezember 2018, was einen absoluten Rekordwert darstellt. Prof. Dr. Oliver Stoll: „Unsere Seite wird monatlich im Schnitt von fast 17.000 Besuchern frequentiert. Die Tendenz ist dabei stabil auf Wachstumskurs. Ganz ehrlich: Bei solchen Zahlen bin ich platt.“

Offenkundig wächst das Interesse an sportpsychologischen Themen. Hinzu kommt, dass das Angebot eine zusätzliche Nachfrage generiert, da Texte und Beiträge über Social Media-Plattformen in Freundes- und Bekanntenkreisen intensiv geteilt werden. So erreicht Die Sportpsychologen auch diejenigen, die von allein einen Bogen um den Themenbereich gemacht hätten.

Übersicht zu den meistgelesenen Texten bei Die Sportpsychologen im Jahr 2018:

  • Miriam Kohlhaas: Mentale Vorbereitung auf ein Finale (Link)
  • Dr. René Paasch: Wenn Nachwuchsfußballer den Traum der Eltern leben (Link)
  • Ole Fischer: Sinnvolles Bestrafen im Mannschaftssport (Link)
  • Mila Hanke: Mentaltraining für Mountainbiker – Konzentration & Aufmerksamkeit verbessern (Link)
  • Miriam Kohlhaas: Wie Ziele dein größter Motivator werden können (Link)
  • Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1) (Link)
  • Dr. Hanspeter Gubelmann: Kranker Spitzensport – Wenn Könige zu ängstlichen Mäusen mutieren (Link)
  • Johanna Constantini: Spieglein, Spieglein an der (Pinn-)wand oder das digitale Lob (Link)
  • Cristina Baldasarre: Lara Dickenmann – Es würde viel bringen, würden sich einige Fußballer als homosexuell outen (Link)
  • Mathias Liebing: Hilfe für Sportler mit depressiven Problemen (Link)

Sportinteressierte Leserschaft

„Die Leserschaft eint, dass sie allesamt sehr sportinteressiert sind. Darüber hinaus geht die Schere aber auseinander. Wir erreichen sowohl ganz junge Sportler oder auch deren Eltern, Amateure, ambitionierte Freizeitathleten aber auch Manager, Trainer und Profis“, freut sich Prof. Dr. Stoll über die im zurückliegenden Jahr sich noch einmal verstärkte Entwicklung.  

„Ein ganz wichtiger Punkt ist aus meiner Sicht,“ sagt Dr. Hanspeter Gubelmann, Profilinhaber von Die Sportpsychologen aus der Schweiz, „dass wir einen sehr breit angelegten Themenmix anbieten. Hier findet sich jeder wieder. Und wenn jemand etwas tatsächlich nicht findet oder eine spezielle Frage hat, ist die Kontaktaufnahme nur einen Klick, einen Post oder einen Anruf entfernt.“

Profilinhaber bekommen Aufmerksamkeit

Dr. Gubelmann ist im übrigen inoffizieller „Profilseitenmeister 2018“. Über 6.000 Mal wurde seine persönliche Seite im vergangenen Jahr besucht. Dem Schweizer Sportpsychologen ist der Titel aber fast unangenehm. „Vor allem für Berufseinsteiger und Experten für bestimmte Arbeitsfelder ist der Mechanismus sehr wertvoll, dass Veröffentlichungen bestimmte Reaktionen generieren. Insofern freue ich mich über die Resonanz, bin aber genauso froh, wenn ich sehe, wie viele junge Leute auch auf sich aufmerksam machen können.“ Und tatsächlich: Unter den zehn  Profilinhabern, deren Seite die meisten Aufrufe hatte, ist jeder zweite ein sogenannter „Young Professional“.

Wichtig für die Macher von Die Sportpsychologen wird nun im neuen Jahr, dass der Kontakt im Netzwerk weiterhin noch stärker gefördert wird. Zwar finden mehrfach im Jahr Netzwerktreffen oder Events wie „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ statt. Dennoch könnte der Austausch zwischen den Profilinhaber, die mittlerweile aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen, noch intensiviert werden. Prof. Dr. Oliver Stoll: „Das Interesse beginnt bei Workshops geht weiter über Inter- und Supervisionen und endet bei gemeinsamen Projekten. In der Zukunft wird das Ziel werden, dass wir die begonnen Baustellen effektiv ausweiten.“

Gute Aussichten?

Fortgeführt wird zudem die Video-Serie „Die Sportpsychologen treffen…“, die auf Initiative und mit finanzieller Unterstützung von Profilinhaber Jürgen Walter im Sommer 2018 entstanden ist. Denn bei den Gesprächen und Recherchen für die Serie wurde deutlich, wie groß der Wissensdurst und auch die Wissenslücken in Sachen Sportpsychologie im Sport sind. 

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Weitere Informationen
Erik Schneider, Disziplintrainer Langlauf bei den deutschen Frauen im Interview 

Kritisch und offen diskutiert wird zudem, wie im Netzwerk mit dem wachsenden Interesse von Mentaltrainern umgegangen wird. Prof. Dr. Oliver Stoll: „Wir sehen unsere Plattform, die ja eben von mehr und mehr Personen aus dem Sport besucht wird, in der Lage, dass wir zum einen Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Arbeitsspektrums von Sportpsychologen und Mentaltrainern leisten können. Und nicht zuletzt haben wir einen Ort des Austauschs, des Miteinanders und der Zusammenarbeit für all jene geschaffen, die sich einer qualitativen, seriösen und nachhaltigen Arbeit im Bereich der Sportpsychologie und des Mentaltrainings verschrieben haben.“ 

Du hast Interesse am Netzwerk und willst dich informieren?

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Thorsten Loch: Abstiegskrise – Maßnahmen für Spieler

Nachdem wir uns bereits dem Vorstand und den Trainern gewidmet hatten, schließt diese Serie ihren Kreis, indem sie nun die Kicker in den Fokus nimmt. Logisch, denn wer sonst steht auch auf dem Platz, mag eine weit verbreitete Einschätzung lauten… In diesem Zusammenhang sei jedoch noch einmal ausdrücklich betont, dass die Verantwortung und/oder die Schuld für eine sportliche Krise oder deren Entstehung nicht ausschließlich die Bürde Einzelner oder des Mannschaftsverbundes ist. Vielmehr sei – und dies so konstruktiv wie nur möglich – noch einmal betont, dass in einem so großen System wie es ein Sportverein nun einmal ist, jeder vom EDV-Bereich bis in den Lizenzbereich seinen Beitrag dazu leisten kann, dass Schiff wieder auf Kurs zu bringen.

Zum Thema: Wie Spieler in sportlichen Krisensituationen handlungsfähig bleiben können

Du willst mehr von Thorsten Loch wissen? Hier entlang: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Zielbereich 1: Lösungsorientierung

Zunächst einmal sollte sich jeder Spieler selbst kritisch hinterfragen, welchen Anteil er selbst daran haben könnte, weshalb die Mannschaft unter ihren Möglichkeiten spielt? So leicht und vernünftig sich diese Aufforderung der Selbstreflexion anhört, umso schwerer gestaltet sich häufig die individuelle Suche nach Lösungen in der Praxis. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein. Einen möglichen Grund liefert die Wissenschaft. So konnte in Untersuchungen nachgewiesen werden, dass Menschen dazu neigen, Misserfolg eher mit äußeren als mit inneren Ursachen zu erklären (Attribution). Der einzelne Spieler erlebt sich häufig nur als ein Rädchen in dem Getriebe und es erscheint ihm als ungerechtfertigt, die ganze Last auf den eigenen Schultern zu tragen. Aber ist es nicht die Summe aller Einzelteile, die letztendlich den Unterschied ausmacht?

Aus diesem Grund sollte man sich als Spieler vor Augen führen, dass es nicht darum geht, die ganze Last der Verantwortung (was ein erdrückendes Gefühl ist) auf sich zu nehmen. Vielmehr sollte man sich dahingehend hinterfragen, in welchem kleinen Bereich, welchen ich selbst beeinflussen kann, ich mich verbessern kann oder meinen Beitrag zu einer Verbesserung leisten kann. Mit dieser Sichtweise und/oder Einstellung wird jedem die Möglichkeit gegeben zu handeln. Der Stammspieler als auch der Ergänzungsspieler. So könnte sich der aktuelle Reservist die Frage stellen, ob er wirklich im Training alles gibt, damit die Trainingsqualität entsprechend hoch ist? Konsequent umgesetzt, gebe es nur Gewinner: Der Einzelspieler, der sich leistungsfähiger zeigt, und die Mitspieler, die stärker an eigene Leistungsgrenzen gehen müssen. Die Praxis zeigt auch, dass wenn einer beginnt, sich selbstkritisch und gleichzeitig engagiert zu zeigen, kann sich dies sehr positiv auf andere auswirken.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/28/thorsten-loch-abstiegskrise-massnahmen-fuer-den-trainer/

Zielbereich 2: Handlungssicherheit und Optimismus/Aufbruchstimmung

In einer Krisenphase ist es ratsam, wenn die Ansprüche ein wenig herunter geschraubt werden. Es ist von Bedeutung, dass jeder Spieler ein Gespür dafür bekommt, was andere von ihm erwarten. Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass der Spieler das, was er selbst von sich erwartet, erfüllen kann. Bitte versteht mich nicht falsch. Dies bedeutet nicht, den Ehrgeiz oder Willen zu reduzieren. Vielmehr geht es in diesem Punkt darum, dass man sich möglicherweise für eine gewisse Zeit von einem technisch anspruchsvollen Spiel verabschieden muss und sich stattdessen auf Qualitäten besinnen sollte, die immer funktionieren.

In der Praxis fordere ich Sportler dazu auf, sich zu überlegen, welche Dinge sie immer im Wettkampf geben können. Mit anderen Worten: Was ist die Basis deiner sportlichen Leistungsfähigkeit?

Ausblenden aller ablenkender Informationen + Fokus auf das Wesentliche

Kleines Beispiel (vgl. Eberspächer, 1998) gefällig, wie psychologische Faktoren die Handlungssicherheit beeinträchtigen können? Die Aufgabe ist denkbar einfach. Stellen sie sich auf einen Stuhl und bleiben sie ruhig stehen. Das wird sie sehr wahrscheinlich vor keine größeren Probleme stellen, oder? Eben, es handelt sich um eine ganz einfache Handlung, die sie mit hoher Sicherheit ausführen können. Nun stellen sie sich vor, das dieser Stuhl nicht ein Stuhl ist, so wie sie ihn kennen, sondern ein Sockel in zehn Metern Höhe von dem ein Sturz sicher nicht ganz angenehm sein würde. Auch hier besteht wieder die Aufgabe darin, einfach nur ruhig auf der Sitzfläche stehen zu bleiben – so wie gerade eben – eine ganz einfache Handlung.

Schon in der Vorstellung werden sie merken, dass sie wahrscheinlich ein ziemlich mulmiges Gefühl dabei hätten, in zehn Metern Höhe auf einem Podest zu stehen, dessen Standfläche nicht größer als die des Stuhls ist. Die identische Handlung erscheint als ganz unterschiedlich schwierig – in Abhängigkeit davon, mit welchen Konsequenzen des Misslingens (Sturz) die Handlung verbunden ist.

Die Kraft der Angst vor dem Misslingen

Wenn die Höhe des Sockels also den Grad der Gefährlichkeit der Situation widerspiegelt, so kann man Abstiegsgefahr damit vergleichen, dass der Sockel mit jedem verlorenen Spiel zunehmend in die Höhe wächst. Mit jedem verlorenen Spiel steigen die negativen Konsequenzen einer weiteren Niederlage. Dies bedeutet, dass einfachste Handlungen möglicherweise deshalb nicht mehr sicher ausgeführt werden können, weil man Angst vor den Folgen des Misslingens hat (Konsequenzdenken).

Deshalb ist es ratsam, in Abstiegssituationen oder im Allgemeinen in Drucksituationen, dass man seine Aufmerksamkeit bewusst auf seine Stärken richtet, sprich sich auf handlungsdienliche Dinge konzentriert. Der Kopf beschäftigt sich mit Dingen, die in dieser Situation (Wettkampf) nicht hilfreich sind. Wenn es darauf ankommt, sollte der Kopf die Handlung unterstützen und nicht stören (vgl. Eberspächer, 1998).

Visualisierung des Wettkampfes

Sich den nächsten Wettkampf vor dem inneren Auge wie einen Spielfilm auszumalen und ablaufen zu lassen, hat mehrere positive Konsequenzen:

  1. Jeder Spieler kann sich die Anforderungen des Wettkampfes gut vorstellen und sich somit innerlich besser darauf einstellen.
  2. Es steigert auch die Motivation und die Lust auf den nächsten Wettkampf. Je mehr man sich innerlich mit einem zukünftigen Ereignis beschäftigt, desto stärker ist man gewissermaßen gespannt auf das Ergebnis.
  3. Durch die Visualisierung ist der Spieler genau auf die Situation des Wettkampfes vorbereitet und gegenüber Überraschungen gerüstet. Dies gilt insbesondere dann, wenn man sich ebenfalls ungünstige Situationen vorstellt und entsprechende Handlungsmöglichkeiten ableitet. Für solche Visualisierungen ist es wichtig, sich eine entspannte und ruhige Situation zu schaffen, so dass man die Lust entwickelt, sich auch die Details des Wettkampfes genau vorzustellen. Ein Sportpsychologe kann hierbei behilflich sein.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/14/thorsten-loch-abstiegskrise-massnahmen-fuer-den-vorstand/

Zielbereich 3: Teamgeist und Handlungssicherheit

Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie sich Spieler gegenseitig den Wind aus den Segeln nehmen können. In Ausnahmesituationen kommt es zwangsläufig zu Spannungen innerhalb des Teams. Diese lassen sich jedoch auch im Positiven nutzen. Alle wollen mehr erreichen als das, was bisher erreicht wurde. Allerdings muss man sich vor Augen führen, dass sich zu viel Kritik – offen oder versteckt – negativ auf jeden Einzelnen auswirken kann. Das Selbstvertrauen der meisten Akteure ist in dieser Situation angekratzt, so dass kritische Kommunikation häufig gereizte und aggressive Reaktionen hervorruft. Im Gegensatz dazu bedeutet positive Kommunikation, seine Mitspieler für gelungene Aktionen zu loben, Mitspieler zu ermutigen, wenn ihnen etwas nicht gelungen ist, und immer wieder auf’s Neue den Glauben in die Mannschaft tragen, das man es schaffen kann, wenn alle am gleichen Strang ziehen. In der Regel sind Krisensituationen nur dann aufzulösen, wenn sich innerhalb der Mannschaft so etwas wie Geschlossenheit entwickelt. Das setzt voraus, dass jeder Spieler dazu bereit ist, dem anderen zu helfen und eigene Befindlichkeiten hinten anzustellen. Kennzeichnend für Geschlossenheit wird dadurch deutlich, dass jeder jeden als fehlerhafte (nicht unfehlbare) Person und fehlerhaften (nicht unfehlbaren) Spieler akzeptiert. Jene Akzeptanz geht insbesondere in solchen Zeiten schnell verloren.

Neben der Notwendigkeit einer wertschätzenden und ehrlichen Kommunikation ist es von Bedeutung, die gemachten Fehler innerhalb des Teams zu analysieren. Häufig übernimmt die Fehleranalyse der Trainer, doch gerade in Ausnahmesituationen ist es wünschenswert, wenn auch aus der Mannschaft Impulse kommen. Anregungen aus den eigenen Reihen können den Prozess der Fehleranalyse in erheblichen Maße beeinflussen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man herauszufinden versucht, was wirklich fehlt und was man wirklich verbessern sollte und nicht versucht, sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen oder anderen den „schwarzen Peter“ zuzuschieben.

Fazit

Ziel dieser kleinen Reihe sollte es sein, dem Leser eine andere Sicht/Übersicht von der Bewältigung einer Krisensituation innerhalb des Systems Verein zu verschaffen. Andauernde Leistungsdefizite einer Mannschaft werden als Ausdruck eines Teufelskreises von Erfolglosigkeit, Verunsicherung und Fehleranfälligkeit betrachtet.

Aus der zuvor beschriebenen Betrachtungsweise wird für jeden Funktionsträger im Verein deutlich, dass er etwas zur Verbesserung der Situation beitragen kann. Getreu dem Motto: Frag nicht, was der Verein für dich tun kann sondern was du für den Verein tun kannst. Die Kunst bei der Bewältigung einer sportlichen Krise scheint darin zu liegen, die Mentalität des teamorientierten Denkens und Handelns nicht zu erzwingen, sondern in jedem zu erwecken.  

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/09/thorsten-loch-abstiegskampf-wie-krisen-funktionieren-und-sich-loesen-lassen/

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Prof. Dr. Oliver Stoll: „Aufgeben“ – ein Zeichen von Schwäche oder Stärke?

Auf die Idee zu diesem Beitrag kam ich nach einem etwas längeren Interview mit der Chef-Herausgeberin der Zeitschrift “Psychologie heute”, die das Thema „Aufgeben“ zum Thema machen wollen. Ihr sei aufgefallen, dass Top-Athleten (zumindest von außen betrachtet) nie aufgeben und immer ihr Bestes geben (müssen) und natürlich die Frage, wie es Ihnen gelingt, ihre Motivation aufrechtzuerhalten, wenn sie nicht gewinnen, bzw. man die Athleten in einem solchen Fall sportpsychologisch betreut? Das Gespräch wurde immer länger und länger und mir wurde zunehmend klar, dass es zunächst einmal Aufklärungsarbeit bedarf, um zu verstehen, was so ein Top-Athlet im Laufe seiner Karriere erlebt. Denn erst dann wird klar, wie so etwas überhaupt funktionieren kann.    

Zum Thema: Zielführender Umgang mit Erwartungen und Zielen  

Wir haben es ja gerade in den öffentlichen Medien viel mit Wintersport zu tun. Da gibt es jede Menge Ski-Alpin, Tour de Ski, Biathlon und die Vierschanzen-Tournee. Je nachdem, welche Sportart wir da gerade sehen, treten bei diesen Wettkämpfen zwischen 50 und 70 Sportlerinnen und Sportler gegeneinander an. Und die wollen alle gewinnen? Ja, im Prinzip wollen die alle gewinnen! Aber allen ist natürlich klar, dass das nicht möglich ist und darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit bei dem einen oder anderen höher oder niedriger, auf dem Treppchen zu landen. Schauen wir uns zum Beispiel die Vierschanzen-Tournee an. Nach drei Springen ist mehr oder weniger klar, wer das Ding gewinnen wird (wenn nicht Ungewöhnliches passiert), nämlich Ryoyu Kobayashi. Spannend wird da nur noch der Kampf um Platz zwei und drei. Schaut man aber mal auf die Liste der 70 Springer, die jedes Mal zur Qualifikation antreten, dann finden wir solch klangvolle Namen wie Noriaki Kasai oder Simon Ammann, also in der Vergangenheit „hoch dekorierte“ und schon sehr erfahrene Athleten. Und die wollen gewinnen?

Ich habe es schon einmal geschrieben: Im Prinzip ja! Aber natürlich wissen die beiden mittlerweile längst, dass das nicht mehr möglich ist (zumindest nicht die Gesamtwertung). Warum nehmen diese beiden wohl weiter an den Wettkämpfen teil und geben nicht auf? Eigentlich wäre es doch viel sinnvoller auszusteigen und „Körner zu sparen“. Selbst ein Severin Freund, der genau zur selben Einsicht gekommen sein muss, spart die Körner nicht und startet in der „2. Liga des Skispringens“ beim Intercontinental-Cup. Man könnte meinen, dies sei „ein Abstieg, eine persönliche Niederlage“. Aber nein – genau das ist es nicht! Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein Zeichen der Stärke, ein Ausdruck besonderer Persönlichkeitseigenschaften sowie spezifischer mentaler Fähigkeiten und nicht der „mentalen Schwäche“.

Nimm Kontakt zu Prof. Dr. Oliver Stoll auf: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

„Aufgeben“ ist nicht gleich „Aufgeben“

„Aufgeben“ ist nicht gleich „Aufgeben“! Eine Teilnahme an einem Wettkampf im Top-Bereich erfordert harte Trainingsarbeit im Vorfeld und eine klare, gut überprüfbare und realistische Zielsetzung. Diese Teilnahme ist auch von dem System (Staff) abhängig, welches den Athlet unterstützt. In erster Linie geht es natürlich darum, dass der Athlet, körperlich in einer Topform ist und – aus meiner Sicht – nachgeordnet braucht es dann eben auch bestimmte psychologische Fähigkeiten. Eine der wichtigsten Eigenschaften bei einem Wettkampf der Vierschanzen-Tournee ist es, eine realistische Selbsteinschätzung zu haben. Orientiert an dieser Einschätzung geht es darum, seine Ziele für sich selbst – und natürlich in der Konsequenz die weitere Trainingsarbeit (sofern das bei diesem Event überhaupt noch möglich ist) festzulegen. Für Markus Eisenbichler geht es jetzt nicht mehr um den Sieg. Er wird sicherlich versuchen, den zweiten Platz zu verteidigen. Gibt er deswegen auf? Ich habe solche Forderungen schon gehört! Er möge doch in Bischofshofen mutiger springen und nicht gleich den Gesamtsieg aufgeben.

Wir alle, die wir nicht in den Athleten drin stecken, können ohnehin nicht wirklich realistisch einschätzen, was noch geht und was nicht. Nur der Athlet selbst kann diese Entscheidung treffen, was er nun machen wird. Und sollte er zu dem Ergebnis kommen, den zweiten Platz abzusichern, dann ist genau diese Entscheidung für diesen Athleten richtig. Und was geht wohl in den Köpfen von Simon Ammann und Noriaki Kasai vor, deren Chancen auf den Gesamtsieg sehr, sehr niedrig ausfallen? Beide werden auch in Bischofshofen am Start sein und beide werden versuchen, das Beste, zu was sie gerade in der Lage sind, abzurufen, auch wenn es für sie nicht mehr um den Gesamtsieg gehen wird. Beide werden ihr ursprüngliches Ziel (Gesamtsieg) vermutlich in Richtung eines realistischen Ziels modifiziert haben und ihre Leistung an diesem neu ausgerichteten Ziel bewerten. Alles andere wäre psychologisch betrachtet auch Unsinn, denn wenn diese Athleten an unrealistischen Zielen festhalten werden, würden sie über kurz oder lang ausbrennen, denn sie werden ihre Ziele niemals erreichen.

Die Nähe zwischen Aufgeben und Perfektion

Wettkämpfe sind für Athleten häufig „nur“ Durchgangs-Stationen auf ihrem individuellen Entwicklungsweg. Auch wenn eine Vierschanzen-Tournee für einen Skispringer doch eigentlich der Saisonhöhepunkt sein sollte (und es für viele auch ist), so verändert sich dies in der Wahrnehmung der Athleten über diese vier Wettkämpfe und das ist auch gut so. Top-Athleten sind „Meister im Anpassen ihrer Ziele“. Sie trainieren ja fast jeden Tag. Dafür bekommen sie keine Medaillen jeden Abend. Sie lernen Belohnungen aufzuschieben und die erleben im Training sehr viel häufiger Misserfolge als Erfolge, die aber auch nötig sind, um etwas „zu verändern“. Sie trainieren, um sich weiter zu entwickeln, um dann gegebenenfalls mal diesen einen Tag (oder diese eine Woche) erleben zu dürfen, an dem alles passt, die physische Form, die persönliche Einstellung, die Umstände (also das System) und die äußeren Gegebenheiten. Sie arbeiten genau auf diesen Tag hin. Manche erleben ihn nie. Andere fangen z.B. nach einem Kreuzbandriss wieder ganz von vorn an. Und warum? Weil es das ist, was sie können und was sie wollen. Weil sie es lieben! Es ist ihre ganz große Leidenschaft. Anders könnte das auch gar nicht funktionieren.  

Bei der Vierschanzen-Tournee kann man diese Ziele von Tag zu Tag neu anpassen. In einem einzigen Wettkampf wie z.B. bei einem Marathonlauf oder einem Triathlon geht es häufig auch um solche „wegweisenden Entscheidungen“: Greife ich pro-aktiv an oder steige ich aus, um Körner zu sparen? (siehe hierzu Stoll, 1996). Orientiere ich mich am Sieg oder laufe ich mein persönliches Rennen? (siehe hierzu Schlicht und Kollegen, 1990). Selbst ein Aussteigen in einem Marathonlauf muss auf lange Sicht nichts mit „Aufgeben“ zu tun haben, sondern es kann ein Ausdruck von emotionaler Intelligenz sein, wenn man merkt, dass ein Ziel an einem Tag X realistischerweise nicht mehr zu erreichen ist. In der Öffentlichkeit werden die Athleten dann häufig kritisiert – oder zumindest wird dies nicht gerade wertgeschätzt. Aus Sicht eines Athleten hat dies dann aber nichts mit „Aufgeben“ zu tun, sondern ist es dann eben nur eine weitere Erfahrung, ein weiterer Schritt in der Entwicklung zur persönlichen Perfektion.

Quellen:

Schlicht, W., Meyer, N. & Janssen, J.P. (1990a). „Ich will mein Rennen laufen – Bewältigung belastender Ereignisse im Triathlon – Eine Pilotstudie. Sportpsychologie ,4 (2), (Teil 2), S. 5-9.

Stoll, O. (1996). „Beiß Dich fest und kämpfe!“ Selbstmotivation und Durchhalteparolen – immer der beste Weg zur Bewältigung kritischer Situationen im Sport ? Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 37 (2), 120-134.

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Kathrin Seufert: Nutzung von Vorstartroutinen

Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Immer Training. Samstag, Sonntag Wettkampf. So sieht  – mit ein paar Einschränkungen – der Alltag eines Sportlers aus. Denn ein Wintersportler muss saisonbedingt zwischen Oktober bis März liefern. Während bei einem Fußballer über das Jahr hinweg nahezu jedes Wochenende ein Spiel ansteht, in englischen Wochen sogar zwei. Bei Schwimmern geht es mal auf der Lang- (50m) mal auf der Kurzbahn (25m) zur Sache. Gemeinsam haben die Athleten, dass sie immer wieder vom Trainings- in den Wettkampfmodus umschalten. Das hat neben der sport- und trainingswissenschaftlichen Seite nicht zuletzt mit einem Prozess im Kopf zu tun.

Zum Thema: Wie sich Sportler mit kleinen Tricks bestmöglich auf einen Wettkampf vorbereiten können

Sogenannte Vorstartroutinen verbinden Mentales und Körperliches für eine optimale Einstimmung. Vorausgesetzt, dass die Routine-Handlung gut gewählt ist. Denn nicht selten wird in der Praxis vernachlässigt, dass die Ausarbeitung der Routine detailliert und unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte ablaufen muss.

Wichtig zu wissen ist zunächst, was der Sportler überhaupt für ein Typ ist:

  • Ist er/sie jemand, der eher zu starker Aufregung vorm Start neigt und etwas benötigt, um sich zu regulieren?
  • Oder fehlt ihm/ihr es etwas an positiver Anspannung und es wäre gut, wenn eine Aktivierung vor dem Start dahingehend unterstützend wäre?
  • Mag er/sie lieber Musik oder ist der Sportler eher ein kreativer Kopf, der mit Bildern und Assoziationen arbeitet?
  • Ist der Sportler eher introvertiert und lässt das Ritual im Inneren nur ablaufen oder ist er jemand der das auch durch Körpersprache nach außen tragen will?

Wie die Aufzählung schon zeigt, existieren eine Vielzahl an Möglichkeiten und Ansätzen, die in die Vorstartphase inkludiert werden können.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/06/kathrin-seufert-sportpsychologie-beim-warmmachen/

Was können Rituale bewirken?

Wenn sich der Ablauf vor dem eigentlichen Wettkampf nicht verändert, bringt das vor allem erst einmal Sicherheit! Dann spielt es auch weniger eine Rolle, was für eine Bedeutung der Wettkampf hat. Da die Abläufe davor identisch sind, kann der Sportler auch mit einer identisch positiven Einstellung starten, auch wenn die Nervosität ob der Wichtigkeit des Wettkampfs deutlich gestiegen ist.

Neben der Sicherheit, bringt ein gutes Ritual auch Selbstvertrauen und Stärke. Durch gezielte Inhalte kann sich der Sportler auch seine Ressourcen und Fähigkeiten besinnen, die bei steigender Anspannung einen guten Ausgleich schaffen können. Der immer gleiche Ablauf hilft dabei, die Konzentration und Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu behalten. Wenn ich mir nicht jedes Mal aufs Neue überlegen muss, was ich nun machen muss und was vielleicht noch sinnvoll wäre, sondern es fast schon automatisiert abläuft, habe ich auch keine Zeit, mir Gedanken zu machen, die mich vom eigentlichen Geschehen ablenken können.

Beispiel Michael Phelps

Die Vorstartroutinen des Schwimmers sind zu seinem Markenzeichen geworden. Bei ihm konnte man beobachten, wie er etwa eine Minute vor dem Start anfing, sich zunächst die Füße zu dehnen und sich dann die Hände über den rauen Startblock zu reiben. Auf den Startblock ist er immer nur von der Seite aufgestiegen und hat darauf stehend immer noch einmal die Arme hinter dem Oberkörper zur Dehnung zusammengenommen, um sie dann explosiv vor und zurück schwingen zu lassen.

https://www.youtube.com/watch?v=ct8HQTNYfIs

Doch solch ein Ritual ist nicht nur etwas für Individualsportler: So zählt beispielsweise die Kreisbildung vieler Fußballmannschaften vor und/oder nach dem Spiel bei vielen Teams zur direkten Vorbereitung. Auch hier können im Kollektiv Abläufe ritualisiert werden. Sicherlich ist dies etwas schwieriger, aufgrund der Menge an Individuen, aber die Ausgangslage birgt das Potential, dass sich die Einzelspieler gegenseitig perfekt ergänzen.

Gefahren von Ritualen

Einen geeigneten Ritualablauf für sich oder das Team zu finden, ist also nicht immer einfach. Er sollte so lange modifiziert werden, bis sich die Beteiligten damit zu 100% wohlfühlen.

Doch Vorsicht! Was, wenn sich das Ritual mit einem Negativerlebnis verbindet? Sollte also ein wichtiges Spiel verloren werden, ist es nicht ratsam, gleich alles über Bord zu werfen. So ist es immer wieder zu beobachten, dass es Mannschaften im Fußball gibt, die nach Siegen eng umschlungen im Kreis stehen, nach Niederlagen aber jeder für sich steht und der Kreis nicht mehr dieses Einheitsbild ausdrückt.

Was Vorstartroutinen können

Die Gründe für sportlichen Erfolg oder Misserfolg sollten nicht im Ritual selbst oder vielleicht in der Pulloverfarbe des Trainers gesucht werden. Es gibt andere Faktoren, die dafür verantwortlich sind, ob etwas wie gewünscht läuft oder eben nicht. Vorstartroutinen wie Rituale können aber sehr wohl dabei unterstützen, in die Bestmögliche mentale Verfassung für den Wettkampf zu kommen, um dann bestenfalls den Weg zu ebnen, die sportliche Herausforderung erfolgreich abzuschließen.

Gern helfen meine Kollegen (zu den Profilseiten) und ich (zum Profil von Kathrin Seufert), wenn du als Sportler, Kapitän oder Trainer eine optimale Vorstartroutine entwickeln willst.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/26/janosch-daul-mentale-einstimmung-auf-ein-fussballspiel/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/18/christian-hirschbuehl-im-interview-mit-simon-nussbaumer-beim-start-richte-ich-den-blick-in-den-himmel/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/03/markus-gretz-rituale-im-basketball/

Quellen:

  • Weigelt, M., & Steggemann, Y. (2014). Training von Routinen im Sport. Kognitives Training im Sport, 8, 91.
  • Heimsoeth, A. (2015). Stabilität und Sicherheit durch Routinen. In
    Chefsache Kopf (pp. 175-187). Springer Gabler, Wiesbaden.

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