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Dr. René Paasch: Regenerationsmanagement im Fußball

Timo Werner, einer der besten deutschen Torjäger in der Fußball-Bundesliga, war in den vergangenen Jahren häufig verletzt. Sein Coach vermutete, dass neben der körperlichen Belastung auch die mentale Drucksituation ihren Tribut forderte. Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal und Nationalmannschaft – bei vielen Spielen und kurzen Pausen wird das richtige Maß an Regeneration immer wichtiger. 

Zum Thema: Erholung und Beanspruchung im Fußball gezielt steuern

In den letzten Jahren ist die Aufmerksamkeit für physische und mentale Erholung in  Forschung und Praxis gestiegen (Hauswirth & Mujika, 2013; Meyer, 2010; Venter, 2014). Die Balance zwischen Training und Pause (Erholung & Beanspruchung) spielt eine große Rolle im Leistungssport und ist eine wichtige Voraussetzung für die Gesunderhaltung und Wettkampfvorbereitung. Gerade die erhöhte Anzahl von Wettkämpfen im Fußball, die mit sozialem und medialem Druck gestiegen sind, hat die Bedeutung von schneller und effektiver Erholung zugenommen.

Die Fragebögen Akutmaß Erholung und Beanspruchung (AEB) und Kurzskala Erholung und Beanspruchung (KEB) bilden den aktuellen Erholungs- und Beanspruchungszustand jeweils auf emotionaler, mentaler, allgemeiner und physischer Ebene ab. Die KEB eignet sich mit ihrer kurzen Form vor allem für den täglichen Einsatz (Trainingsmonitoring). Von dem AEB lassen sich hingegen detaillierte Informationen ableiten (Kellmann, Kölling, Hitzschke, 2016). Diese sind standardisierte Selbstbeurteilungsverfahren und umfassen die Skalen:

Akutmaß Erholung und Beanspruchung (AEB) und Kurzskala Erholung und Beanspruchung (KEB)

Das AEB umfasst 32 Adjektive und der KEB acht Adjektive, welche anhand einer sieben-stufigen Skala von 0 (trifft gar nicht zu) bis 6 (trifft voll zu) für den aktuellen Erholungs- und Beanspruchungszustand bewertet sollen. Aus den Punktzahlen werden anschließend die oben genannten Skalen gebildet. Hier ein Beispiel des Akutmaßes Erholung Belastung:

Abb.1.: Beispielitems zur Beantwortung des Akutmaßes Erholung und Belastung

Für die Anwendung des AEB wird der entsprechende Fragebogen sowie das Fragebogenmanual (Kellmann, Kölling, Hitzschke, 2016) benötigt. Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen bzw. Sportpsychologin und/oder der Uni Bochum Abteilung Sportpsychologie wird empfohlen. Aufgrund des Umfangs möchte ich Ihnen die Kurzskala Erholung und Beanspruchung (KEB) näher erläutern, da diese in der Praxis einfacher und schneller nutzbar ist.  

Kurzskala Erholung Beanspruchung

Die KEB erfasst den aktuellen Erholungs- und Beanspruchungszustand mehrdimensional mit acht Items auf emotionaler, mentaler, allgemeiner und physischer Ebene. Durch die Erfassung können Überbeanspruchungen eines Spielers bzw. Spielerin frühzeitig identifiziert und so die Sportler optimal unterstützt werden. Die KEB bestehen aus jeweils vier Items (Erholung & Beanspruchung). Hier ein Beispielitem der Kurzskala, die sie dann auf die 8 Items (Erholung: Körperliche Leistungsfähigkeit, Mentale Leistungsfähigkeit, Emotionale Ausgeglichenheit, Allgemeiner Erholungszustand und Beanspruchung: Muskuläre Beanspruchung, Aktivierungsmangel, Emotionale Unausgeglichenheit, Allgemeiner Beanspruchungszustand) erweitern können:

Körperliche Leistungsfähigkeit z.B. kraftvoll, leistungsfähigkeit, energiegeladen, voller Power

Anschließend können Sie die 8 Items tabellarisch ergänzen, um diese dann für die tägliche Überprüfung Ihrer Spieler bzw. Spielerinnen zu nutzen. Wichtig! Je höher der Wert auf einer Skala, desto höher ist der aktuell Erholungs- und Beanspruchungszustand in diesem Bereich. Bitte beachten Sie, dass die Ausprägungen interindividuell sehr unterschiedlich ausfallen und dadurch stark variieren können (vgl. Meyer et al. 2016).

Fazit:

Beide Fragebögen können für ein längerfristiges Monitoring eingesetzt werden. Aufgrund des Umfangs erlaubt der Kurzfragebogen (KEB) eine einfach zu verfolgende Rückmeldung über den aktuellen Erholung-Beanspruchungszustand. Empfehlenswert ist allerdings, das Akutmaß zur Erfassung von Erholung und Beanspruchung (AEB) vor dem ersten Einsatz ausfüllen zu lassen, um die Spieler bzw. Spielerinnen mit dem Befragungsmodus vertraut zu machen. Insgesamt zeigt der AEB eine günstigere Skalenhomogenität gegenüber dem KEB. Dennoch ist die einfache Handhabung des KEBs in der täglichen Nutzung zu empfehlen. Bei allem Monitoring kommt es auf die optimale Dosierung an. Allein viel und oft zu trainieren, wird nicht die erhofften Effekte bringen, genauso wie zu wenig. Ein Übertraining kann genauso zu mentaler Müdigkeit und Konzentrationsschwäche führen wie eine zu schwache Physis. Die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen bzw. Sportpsychologin aus unserem Netzwerk, der BISp-Datenbank und/oder von der Uni Bochum Abteilung Sportpsychologie wird empfohlen.

 

Literatur

Hauswirth, C. & Mujika, I. (Eds.) (2013): Recovery for performance in sport. Champaign, IL: Human Kinetics

Kellmann, M. (2000): Psychologische Methoden der Erholungs-Beanspruchungs-Diagnostik. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 51, 253-258

Kellmann, M. & Golenia, M. (2003): Skalen zur Erfassung der aktuellen Befindlichkeit im Sport. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin

Kellmann, M., Kölling, S., Hitzschke, B. (2016): Das Akutmaß und die Kurzskala zur Erfassung von Erholung und Beanspruchung im Sport – Manual. Sportverlag Strauß. Hellenthal – 1. Aufl. 2016

Meyer, T.; Ferrauti, A., Kellmann, M. & Pfeiffer, M. (2016): Regenerationsmanagement im Spitzensport. REGman – Ergebnisse und Handlungsempfehlungen. Köln: Sportverlag Strauß

Meyer, T. (2010): Regeneration im Leistungssport. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 61, 127-128

Venter, R. E. (2014): Perceptions of team athletes on the performance of recovery modalities. European Journal of Sport Science, 14 (S1)  S69-S76

 

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Miriam Kohlhaas: Wie Ziele dein größter Motivator werden können

„IF YOUR DREAMS DON´T SCARE YOU, THEY ARE NOT BIG ENOUGH.“

Neulich ging es in meiner Arbeit mit Niels Schroedter von den Berlin Rebels, einem Top Spieler aus einem der besten Football Vereine Deutschlands, genau um dieses Thema. Er hatte sich schwer verletzt und stand kurz vor seiner Operation. In den Tagen davor unterhielten wir uns viel darüber, dass er sich eigentlich eine Deadline gesetzt hatte. Diese Deadline besagte, dass er bei der nächsten Verletzung mit der Ausübung dieses Sportes aufhören würde.

Zum Thema: Zielsetzung im Verletzungsfall

Aber so aufhören? Diese Fragen stellte sich auch Niels Schroedter: „Würde ich diesen so geliebten Sport ohne Ring an meiner Hand, ohne den letzten „Kampf“ mit meinen Brüdern einfach an den Nagel hängen? Könnte ich dieses Kapitel meines Lebens jemals ohne Reue abschließen und beiseite legen?“

Schon im Aufwachraum des Krankenhauses war offenbar plötzlich alles klar und ich bekam von Niels Schroedter zum ersten Mal diese eine Nachricht… “ICH WILL MEHR!”

Von einem, der mehr will

Mit diesem klaren Gedanken, dieser Richtung im Kopf, (zunächst war ich vorsichtig und schob die Aussage auf die noch rückständigen Betäubungsmittel in seinem Körper) war plötzlich der Weg ganz klar. Plötzlich ging es darum, dass er „im September wieder auf dem Platz stehen“ wolle. Dieser Wunsch wurde in den folgenden Tagen dem Realitätsabgleich unterzogen, jeden Tag aufs Neue wurden Ärzte und Rehafachkräfte dazu von jeden Tag aufs Neue von Niels Schroedter befragt.

Da war dieser nicht zu brechende Wille! Ein neues, noch schnelleres Ziel wurde gesteckt: „Miriam du weißt ich will mehr!“ – war auf meinem Handy zu lesen. „Ich will eventuell schon nach der Sommerpause wieder an der Seite meiner Brüder spielen.”

Wie Ziele aussehen sollten

In diesem Moment sah ich meine Aufgabe als sportpsychologischer Coach darin, dem Sportler zu spiegeln, dass realistische, überprüfbare Ziele unser Streben sein sollten. Dass ich Sorge davor habe, dass er im Nachhinein ein Gefühl der Enttäuschung erleiden würde, würde er es nun nicht schaffen, dieses eigentlich unrealistische Ziel zu erfüllen. Dass er dabei vergessen würde, wie seine Gedanken noch vor ein paar Tagen und Wochen waren. In den Stunden, in denen er aufhören wollte zu spielen. Dass er dankbar sein sollte, wenn er sein realistisches Ziel nach so einer kurzen Reha Zeit überhaupt erreichen würde.

Und ja, er versicherte mir all meine Bedenken zu verstehen – aber da war dieser Gedanke in seinem Kopf, der nicht mehr zu stoppen war: ICH WILL MEHR!

Der theoretische Hintergrund

Zu diesem Zeitpunkt ging ich mit einer Masterstudentin unseres Netzwerkes Die Sportpsychologen in den Austausch und wir erarbeiten folgenden theoretischen Hintergrund:

Nach einer Verletzung zurückzukommen, ist immer ein schwerer Weg. Zur Unterstützung ist das Erstellen eines Come-Back-Planers hilfreich. In diesem, werden verschiedene Bausteine eingefügt, die dem Sportler helfen sollen, eine positive Denkweise nicht zu verlieren und Mut für den Weg zurück zu schöpfen. Inhalte können sein, dass Bezug auf andere Sportler genommen wird, die bereits diese Verletzung überstanden haben oder Personen, die den Rehabilitationsverlauf begleitend unterstützen. Es können auch eigene Erfolge in den Fokus gerückt werden, um die Selbstwirksamkeitserwartung auf einem guten Level zu halten bzw. wieder zurückzubringen. Es lässt sich auch versuchen, einen „positive“ Nutzen aus der Verletzung zu ziehen, oder eine Rückschlagprophylaxe einzubauen. Aber vor allem geht es darum, über die kleinschrittige Zielsetzung die Motivation für die Reha und die Zeit danach aufzubringen.

Betrachten wir doch noch mal genauer den Bereich der Zielsetzung:

Grundsätzlich ist der Anspruch an ein Zieles oder mehrere Ziele, dass sie einerseits herausfordernd aber auch realistisch sind. Engbert hat 2011 hierzu die SMART Regel erstellt, die uns dabei helfen soll, dass unsere Ziele bestmöglich aufgestellt sind. Was bedeutet dieses SMART im Detail?

Das S steht für Spezifisch. Das Ziel soll so genau und detailliert wie möglich beschrieben werden.

Das M steht für Messbar. Die Nutzung von qualitativen bzw. quantitativen Formen wie z.B. das Erreichen einer bestimmten Zei.t

Das A steht für Attraktiv. Hierbei soll das Ziel unbedingt positiv formuliert sein und „von Innen heraus“ kommen.

Das R steht für Realistisch. Eine gesunde Selbsteinschätzung und Reflektion inwieweit das Ziel wirklich umsetzbar ist.

Das T steht für Terminiert. Und zu guter letzt muss das Ziel klar festgelegt sein, wann dies erreicht werden soll.

Dabei ist es sinnvoll, jeweils über ein kurzfristiges Ziel nachzudenken, welches etwa in einem Zeitumfang von vier Wochen liegt, einem Mittelfristigen welchen etwa zwei bis sechs Monate umfasst und einem langfristigem, welches zwischen mehreren Monaten und Jahren liegen kann.

Drei Arten von Zielen

Ebenso lassen Sich nach Engbert drei verschiedene Zielarten unterscheiden. Zum einen das Ergebnisziel, mit dem Inhalt von Titelgewinnen, Platzierungen, Siegen usw., das Prozessziel in dem es darum geht, eine bestimmte Art und Weise im Verlauf umzusetzen, wie z.B. offensiver oder aggressiver zu spielen und das Leistungsziel, in dem klar formuliert, eine bestimmte Veränderung angestrebt wird, wie z.B. eine Trefferquote um 10% zu steigern.

Und wenn wir uns nun fragen, warum das alles, so zeigt sich relativ schnell, welche Wirkung Ziele auf uns haben können? Ziele lenken zunächst einmal unsere Aufmerksamkeit und damit das Handeln für die Aufgabe. Durch das konkrete Ziel kann aber auch Energie und Anstrengungsbereitschaft mobilisiert und das Durchhaltevermögen erhöht werden.

Wichtige Einschränkung: Auf dem Weg zum Ziel sollten immer mögliche Hindernisse einkalkuliert werden oder im Bedarfsfall eine Überarbeitung des angestrebten Zieles stattfinden, um weiterhin die Wirkungen voll ausschöpfen zu können und kontraproduktiven Misserfolgen aus dem Weg zu gehen.

Theorie trifft Praxis

Zurück zu Niels Schroedter konkreter Situation: Und hier spürte ich, dass es genau diese so unheimlich hoch gesteckten Ziele waren, die in ihm eine unbeschreibliche Energie freisetzten. Eine Energie, die wohl auch seinen Heilungsprozess enorm verbesserte.

Was also ist in diesem Moment der „richtige“ Weg? War es nicht verrückt, würden wir diese enorme Energie nicht nutzen, nur weil wir auf realistische Ziele bestehen würden?

Sportliche Inspiration

Sebastian Thieme von den Potsdam Royals sagte mir zu diesem Thema, dass das Problem mit realistischen Zielen darin bestehe, dass man sich den Weg, der vor einem liegt, dann eben nur bis zu diesem realistischen Punkt vorstellt. Man muss den Weg aber weiter denken, damit überhaupt die Möglichkeit besteht, ihn über alle Grenzen hinaus gehen zu können.

Wie Recht er doch hat! Oder? (lasst uns gern bei Facebook dazu diskutieren, mich interessieren auch eure eigenen Erfahrungen)

Achtung, wichtige Dankesworte

Danke Niels, dass du mir jeden Tag aufs Neue zeigst, wie stark und ungebrochen du doch bist! Wie sehr ich mich darauf freue, dich bei deinem ersten Spiel nach dieser harten Zeit begleiten zu können.

Danke Basti für deine inspirierenden Gedanken und dafür, dass ich mir diesen Weg nun auch mit euch vorstellen werde.

All ihr fantastischen gerade verletzten Spieler, alle die, die ihr comeback gerade planen …

Greift ruhig nach den Sternen und lasst euch von niemanden sagen, ihr könnt etwas nicht! Überwindet diese Grenzen – es sind ihre, nicht eure!

Ihr selbst bestimmt, ob ihr mehr wollt!!!

An dieser Stelle möchte ich die Chance nutzen, euch die Kollegin vorzustellen, die mit mir in den theoretischen Austausch für dieses Thema gegangen ist und, die nun auch zum Ende ihres Master Studienganges in unserem Netzwerk aktiv wird:

Zum Profil: Kathrin Seufert

Vielen Dank Kate, dass ich im Rahmen des Mentorings deinen Weg besonders in den vergangenen Wochen und Monaten so eng begleiten darf. Es ist mir eine große Freude, eine so ambitionierte junge Frau auf ihren ersten Stationen in diese so wahnsinnig tolle Fachrichtung begleiten zu dürfen. In dir erkenne ich so viel von mir selbst wieder!

 

Literatur:

Alfermann, D. & Stoll, O. (2007). Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. Sportwissenschaft studieren. Aachen: Meyer & Meyer.

Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport. Ein Übungsbuch für den Schüler- und Jugendbereich. Stuttgart: Neuer Sportverlag.

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Das Ende? (Streakrunning-Serie, Teil 8)

Ich beginne mit dem Schreiben der aktuellen Folge meiner Streaking-Serie schon zwei Tage vor Ende des Monats Juli 2018, weil ich – offen gesagt nicht genau weiß, wie die Sache letztendlich ausgeht. Ich würde vermuten, die Zeichen stehen gut. Aber manchmal kommt es eben anders, als man denkt. Eines vorweg: Wahrscheinlich zieht dieser Blog-Beitrag möglicherweise einen Shit-Storm nach sich. Da lasse ich mich mal überraschen. Und wenn es denn so kommt, dann werde ich damit leben.

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 8

Aber fangen wir von vorn an. Der Juni mit den beiden „einerseits belastenden – andererseits so beliebten“  Wettkämpfen war vorbei. Kein Druck mehr – nur noch laufen wie und wann man will – Urlaub steht vor der Tür. Es kann nur besser werden. Der erste Teil des Monats Juni, war, trotz Stress in der Uni (Prüfungsphase), ein Traum von Laufgefühl. Ich hatte es mir zurückgeholt, das Glück und die Leidenschaft, die ich mit dem Laufen verbinde (Link zur Juni-Folge der Streaming-Serie: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/02/prof-dr-oliver-stoll-krisenmonat-juni-streakrunning-serie-teil-7/).  Jeder Tag war, als gäbe es gar keine „Finish-Line“, die ich ja auch immer so oft haben und erleben muss.

Am 17. Juli joggte ich gemeinsam mit Frauke gemütlich durch unser Lieblingslaufgebiet, und ich war angeregt in ein Gespräch vertieft. Wir querten Straßenbahngleiße, mit anschließenden hohen Bürgersteig und „ZACK“ – ich stolpere – lege allerdings auch eine geniale „Ronaldo-Rolle“ hin und kam schnell wieder ins Stehen. Das Ergebnis: Ein ziemlich ramponiertes linkes Knie, ansonsten alles gut. Die Wunde, im Wesentlichen oberflächlich aber breit. Mein erster Gedanke: Das war`s jetzt. Aber nein – Erstversorgung war hervorragend – alles super – auch am nächsten Tag kein Eiter oder Entzündung – alles gut – nochmal Glück gehabt (es gibt dazu auch Bilder, aber die muss man jetzt nicht haben – da kommt später noch was anderes). Nun ja – nicht funktionale Aufmerksamkeitsregulation. Man könnte ja meinen, dass ich daraus gelernt hätte. Die Aktion behinderte mich jedenfalls nicht weiter beim Streaken – das hätte allerdings auch anders ausgehen können.

Urlaub auf Sardinien

Am 22. Juli reisten wir dann nach Sardinien. Der so lange geplante und erwartete Urlaub. Die Hinreise war für einen Streak-Runner eher schwierig. Flug von Berlin nach Stuttgart um 8 Uhr – dann fünf Stunden Overlay, bevor es dann nach Cagliari weiterging. Wann laufe ich? Nein – nicht am Flughafen die Gateway rauf und runter – und auch nicht in der Overlay-Phase – das war mir zu blöd! Also raus aus dem Bett um 4:00 Uhr und dann eine lockere halbe Stunde in Leipzig (Stötteritz), die ich im übrigen sehr genossen habe, mit so viel Vorfreude und tollen Bildern im Kopf. Bilder und Visionen darüber, was uns wohl erwarten würde.

Es ging alles super. Die beiden Flüge gingen rechtzeitig und wir beide waren an Bord. Ankunft in Cagliari spät abends, Mietauto abholen, ab ins Hotel, einem kurzen ersten Eindruck der Stadt mitnehmen und dann erst mal ausschlafen.

Fehlende Aufmerksamkeit

Am nächsten, frühen morgen bin ich dann schon mal losgelaufen, weil es noch einiges zu erledigen gab, unter anderem Bargeld besorgen. Der Morgen war angenehm für südeuropäische Verhältnisse, vielleicht knapp 22 Grad und eine leichte Brise fegte durch die engen Straßen Cagliaris. Ich war voll auf beschäftigt mit „laufendem Genießen“ und den Kopf immer oben, auf der Suche nach einem Geldautomaten. KEINE GUTE IDEE. Ich habe einen Fehler gemacht und war unaufmerksam, als ich so vor mich hinlief (da hatte ich wohl doch nichts gelernt aus der Aktion, eine Woche zuvor). Mein rechter Fuß trat auf einen im Weg liegenden großen Stein und knickte rechts weg. In dem Moment als es passierte, war mir klar – das ist jetzt keine Kleinigkeit. Ich kannte ja das Gefühl schon, dass ich vor ca. zehn Jahren schon mal erlebte. Es ist, wie wenn dir jemand von rechts hinten ein Messer in das Sprunggelenk rammt. Genau das hatte ich schon mal, als ich als Eishockeytrainer mal sehr blöd von der Auswechselbank aus ca. einem Meter Höhe ohne zu schauen abstieg und genau so umknickte, weil ich auf ein Schlägerende trat. Damals schon – nach gehaltener Röntgenaufnahme – Bänderriss. Ich wusste genau in diesem Moment, was da passiert war – und nein – ich wollte nicht wieder eine „gehaltene Röntgenaufnahme“ um sicher zu gehen. Ich wusste – das Band ist sicher durch. Ich kam noch gut bis ins Hotel zurück, und dann war klar, was passieren würde – mächtige Schwellung (siehe Abbildung 1), Bewegungseinschränkung und anhaltender Schmerz. War es das jetzt mit meinem Vorhaben: „Ein Jahr Streak-Running“? Nein – ich war noch nicht bereit, dieses Projekt aufzugeben. In meinem Kopf ging immer wieder der Gedanke herum: „Eine Meile geht immer irgendwie“. Andererseits begann ich mir auch richtig Sorgen zu machen, nicht unbedingt wegen des drohenden Ende des Streaks, sondern weil damit der so geliebte Jahresurlaub „auf der Kippe stand“.

Diejenigen unter Euch Leserinnen und Lesern, die mit Frauke und mir auf Facebook befreundet sind, kennen ja nur die tollen Superfotos aus unserem Urlaub. Und ja, genau so war es auch – aber die Sache mit dem Sprunggelenk habe ich erst einmal für mich behalten.

Abb.1: Das rechte Sprunggelenk drei Tage nach dem Außenbandriss; Abb.2: Das rechte Sprunggelenk vier Tage nach dem Außenbandriss, stabilisiert

Was kann passieren?

Es folgten lange Gespräche mit Frauke und einiges an Internet-Recherche. Was also könnte denn passieren, wenn ich trotzdem (in gewissen Grenzen) weiterlaufen würde? Nach meinen Gesprächen und der Internet-Recherche kam ich zu dem Schluss, dass eigentlich nichts weiter passieren kann. Das Band ist kaputt – eine Operation kommt nicht in Frage – ich muss sehen, wie ich die nächsten nächsten Wochen damit klar komme und darf nur nicht noch einmal umknicken. Die nächste Apotheke verkaufte mir jedenfalls erst einmal eine Großpackung Mobilat und Ibuprofen 400er Tabletten. Ich hatte kurz an einen Air-Cast gedacht, den aber dann nicht gekauft, weil ich jetzt bewusst laufen wollte, um nicht noch einmal umzuknicken. Und so lief ich weiter. Am Tag nach dem Vorfall, vier Kilometer, am Tag darauf neun Kilometer und dann noch mal einen Tag später fünf Kilometer – sehr kontrolliert – auf flacher Strecke – Asphalt und unter „Drogen“ – sprich Ibuprofen. Schmerzen – ja – trotz Ibu, aber erträglich. Mir schwante aber eben auch nichts Gutes, weil ich wusste, dass es am nächsten Tag nach Fonni gehen sollte, also dem Ausgangsprunkt für unser Trail-Run Highlight hier in Sardinien. Rauf und wieder runter auf die Punta la Marmola – dem Dach Sardiniens auf fast 2000 Meter und das eben vor allen Dingen auf den letzten 300 Höhenmetern, sehr unwegsames Gebiet. Laufen mit Außenbandriss auf Asphalt flach ist eine Sache – Trailrunning damit im Hochgebirge ist eine andere Angelegenheit. Wir entschieden uns für einen „Walk-Run“. Laufen immer dann, wenn es auch für mich möglich erscheint und Wandern immer dann, wenn es „technisch wird“. Am Vorabend teilten wir die Unterkunft mit zwei Medizinstudenten, kurz vor ihrem Abschluss, eine angehende Allgemeinmedizinerin, und ein angehender Radiologe aus Frankreich. Die beiden wollten auch auf die Punta und sie haben sich meinen Knöchel dann mal angeschaut. Felicitas, die Allgemeinmedizinerin, schaute zu ihrem Freund und meinte: „Was denkst Du – sechs Wochen Sportverbot“! Dann wandte sie sich mir und Frauke zu und sagte mit ernster Stimme: „Ich weiß, das machst du sowieso nicht – wahrscheinlich nicht mal die zwei Wochen, die Du jetzt eigentlich mindestens brauchst, aber ich bitte Dich – hole dir einen Air-Cast , bevor ihr auf die Punta hoch geht!“ Wir hatten mit den beiden noch einen langen Abend. Sehr interessante Gespräche und natürlich kam auch wieder das Thema „Sportsucht“ auf das Tableau – aber dazu komme ich später beim meinem Fazit noch einmal.

Liebe Leserinnen und Leser, was jetzt kommt: „Bitte nicht nachmachen“! Ich weiß, dass das unvernünftig war und ich weiß auch, dass ich damit kein Vorbild für andere Menschen bin. Dass wir dann am nächsten Tag tatsächlich los marschiert/gerannt sind, hat mit einem tiefen Urvertrauen in unsere (Frauke und meine) Fähigkeiten zu tun und wahrscheinlich auch damit, dass ich dann tatsächlich, bevor wir los sind, in einer Apotheke hier – zwar keinen echten Air-Cast – aber einen brauchbaren Knöchel-Stabilisator bekommen habe. Und dann sind wir beide – also Frauke und ich los in Richtung Punta la Marmola – und ich möchte keine Minute davon missen. Dieses gemeinsame Abenteuer da hinauf, das „Sein im Hier und Jetzt“ in dieser wilden, rauen Natur, ganz alleine mit uns und dem Berg. Das war trotz des Knöchels, ein unvergessliches Erlebnis. Wir haben kurz vor dem Gipfel dann sogar noch unsere beiden angehenden Ärzte getroffen und ein schönes Wiedersehen gefeiert. Der Abstieg war dann sehr fordernd für mich, vor allen Dingen, was Konzentration und Aufmerksamkeit betraf. Wir haben fast sechs Stunden für die 30 Kilometer und 1500 positive Höhemeter gebraucht, aber das Erlebnis und der Ausblick bei diesem Traumwetter von dort oben, was es absolut wert.

Abb. 3: Oliver – mit seinen Freunden, den Bergziegen

Wieder Schmerzmittel 

Es gibt auch noch eine Geschichte in dieser Geschichte, die aber mit dem Laufen im engeren Sinne erst Mal nichts zu tun hat und die ich Euch an dieser Stelle auch vorenthalte. Die bekommen dann diejenigen von Euch erzählt, mit denen wir uns mal persönlich treffen.

Dieser Tag war jedenfalls atemberauend schön und trotz Schmerzen und dem einen oder anderen ganz kleinen „Umknicker“ unvergesslich. Ja, der Knöchel war wieder dicker am nächsten Tag, und es ging erst mal wieder nicht mehr ohne Schmerzmittel, aber am heutigen Tag, sechs Tage nach dem Bänderriss bin ich das erste Mal wieder ohne Schmerzmittel gelaufen und die Schwellung nimmt weiter ab (die Laufeinheiten sind aber auch nicht länger als 30 Minuten gerade).

Beta-Endorphine und das „Runner`s High“

Auf dem Dach Sardiniens, der Punta la Marmora (Frauke jubelt im Vordergrund)

Ich hatte mich dann doch mal an meine Magister-Arbeit 1990 erinnert. Damals untersuchte ich die Funktion der Beta-Endorphine, die ja bekanntlich immer für das „Runner`s High“ verantwortlich gemacht werden. Das ist nachweislich aber „Blödsinn“. Endorphine wirken natürlich, aber eben ganz anders. Sie sind Teil unseres körpereigenen Opiodsystems, dass Schmerzen lindert. Konkret heißt das (im Selbstversuch getestet): Ich laufe los und schätze die Schmerzintensität auf eine Skala von 0 bis 10 bei etwa 7 ein. Im Laufe der zeit nimmt diese Wahrnehmung ab. Nach ca. 30 Minuten liegt sie bei etwas 2. Na ja und länger als eine halbe Stunde muss ich zur Zeit ja auch nicht unbedingt laufen.

Am heutigen Tage stehen 206 Kilometer in diesem Monat – zwei Tage haben wir noch: Ja, das ist für einen 31-Tage-Monat wenig – aber dann auch schon wieder viel, wenn man bedenkt, was alles passiert ist.

Fazit  

Kann man mit einem Bänderriss im Sprunggelenk (auch weiter täglich) laufen? Ja, das kann man. Kann man damit einen anspruchsvollen Trail-Lauf hinlegen? Ja, das geht (notfalls) auch. Ist das vernünftig? Nein, dass ist es sicherlich nicht. Soviel habe ich daraus erst einmal gelernt.

Bin ich sportsüchtig? Ich würde nach wie vor behaupten: Nein. Nach der Diskussion mit den beiden Medizinstudenten musste ich schon zugeben, dass ich zwei der sieben Suchtkriterien erfülle, aber eben keine vier, die für diese Diagnose zutreffen müssten. Allerdings erfülle ich ein Kriterium, dass ein zentrales ist, nämlich dass der Inkaufnahme einer weiteren Verletzung/Schädigung bei weiterer, sportlicher Aktivität. Ich bin nicht darauf voll fokussiert, vernachlässige nicht meine sozialen Kontakte, erhöhe nicht die Dosis, habe kein Kontrollverlustgefühl, und ob ich unter Entzugssymptomen leide, wenn ich nicht laufen würde, müsste ich erst mal ausprobieren. Im Moment zumindest, ist das keine Option. Ein weiteres zentrales Kriterium erfülle ich ebenso nicht. Ich leide nicht, weil ich laufen muss! Ich tue es nach wie vor, weil ich es liebe.

 

Die komplette Serie:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Krisenmonat Juni (Streakrunning-Serie, Teil 7)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Grenzenlose Gelassenheit (Streakrunning-Serie, Teil 2)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sinne schärfen sich (Streakrunning-Serie, Teil 3)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefangen zwischen Leistungsorientierung und Bauchgefühl (Streakrunning-Serie, Teil 4)

Prof. Dr. Oliver Stoll: April – der Monat, in dem sich alles verändert… (Streakrunning-Serie, Teil 5)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Laufen im Mai – Von Hitze, viel Grübeln und mit allen Sinnen genießen (Streakrunning-Serie, Teil 6)

 

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Fünf Tipps vom Triathlon-Topathleten Ruedi Wild

Kürzlich traf ich eine talentierte und ambitionierte Nachwuchssportlerin zum Erstgespräch. In der lebendigen Diskussion meinte sie: „Ich will von den Besten lernen“!

Zu den besten seines Fachs im Langdistanz-Triathlon zählt Ruedi Wild. Im Juli 2018 wurde er in Dänemark Vizeweltmeister über die Langdistanz, gleichbedeutend mit einem seiner schönsten Erfolge seiner Karriere, wie er dies in seinen Facebook-News bezeichnet. Ich kenne den 36-jährigen Athleten seit vielen Jahren und finde es schlicht faszinierend, welchen Einblick er uns in seinem Bericht „Ruedi Wild: Inside a racing mind“ (zum Beitrag), gewährt. Ruedi hat sich nicht nur bereit erklärt, seinen Text auf die-sportpsychologen.de zu veröffentlichen, sondern äussert sich hier auch zu fünf psychologischen Aspekten seiner „racing mind“! Es sind Statements, die nicht nur die talentierte Nachwuchsathletin interessieren dürften!

Zum Thema: Wettkampfvorbereitung, Selbstgespräche, Mentale Stärke, Erschöpfung, Mentale Müdigkeit im Triathlon

Ruedi Wild bei der WM 2018 (Wagner Aurojo/ITU Media, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

Optimale psychische Wettkampfvorbereitung:

Ist bei mir immer wieder anders und situativ. In der Regel bin ich ziemlich entspannt und auch zum Scherzen aufgelegt und freue mich generell auf den Wettkampf bzw. die Möglichkeit, mein bestes Können zeigen zu können und zwar dann, wenn es am meisten zählt… 

Wenn es los geht, bin ich 100% da und voll der Wettkämpfer – bereit, alles zu geben. Optimal ist für mich meistens ein gewisses Mass an Aggressivität. Wäre ich schon die ganze Zeit zu angespannt im Vorfeld, wäre ein grosser Teil der Energie schon weg, bevor es losgeht (Energiemanagement). 

Je grösser mein erarbeitetes Selbstvertrauen, umso entspannter bin ich im Vorhinein!

Ruedi Wild bei der WM 2018 (aktiv Images, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

(Positive) Selbstgespräche:

Auf den möglichen Erfolg konzentrieren und keine Gedanken an ein mögliches Scheitern verschwenden. „Gedankenhygiene“…

Für diese Momente trainierst du die ganzen Jahre und du musst das Risiko bzw. die Herausforderung mit ganzem Herzen annehmen. Ansonsten wirst du sie nicht bestmöglich meistern können. In diesem Falle bleiben dann im Nachhinein Fragen wie „hätte“, „wäre“, „wenn nur“…

Ruedi Wild bei der WM 2018 (aktiv Images, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

Mentale Stärke, wenn du „all in“ gehst

Ich konzentriere mich auf den korrekten technischen Ablauf und mein Ziel im Wettkampf. Ich rufe mir all die harte Vorbereitung in Erinnerung, die ich und mein Umfeld/Familie investiert haben. „Leiden“ = ich bewege mich im Optimum meiner Leistungsfähigkeit. Also ein gutes Zeichen…

Ruedi Wild bei der WM 2018 (aktiv Images, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

…und wenn du „auf Eiern läufst“

Wenn das suboptimale Körpergefühl nicht mit dem Kopf/Mentalen übereinstimmt. Der Körper ist kaputt und gibt das Signal an den Kopf, doch langsamer zu laufen, es lockerer zu nehmen etc.

Ich versuche, im Kopf stark zu sein, positive Selbstgespräche zu führen, nicht langsamer zu werden und darauf zu vertrauen, dass der Körper entsprechend reagiert…

Sobald ich im Kopf aufgebe, nimmt die körperliche Müdigkeit überhand und es gibt  ab da kein zurück mehr. Ich kann dann nicht mehr die optimale Leistungsfähigkeit abrufen…

Ruedi Wild bei der WM 2018 (Wagner Aurojo/ITU Media, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

WM-Debriefing – welche Schlussfolgerungen ziehst du?

1)  Geist über Körper: Zuerst gibst du immer im Kopf auf und der Körper folgt unmittelbar. Erst wenn ich über die ganze Dauer mental hart bleibe, kann ich körperlich über mich hinauswachsen;

2)  Ich kann nicht an jedem Rennen mental in Topform sein und muss versuchen, diese Form selektiv für die wichtigsten Wettkämpfe aufzubauen; 

3)  Die mentale Müdigkeit ist nach einem solchen Wettkampf grösser als die körperliche und dauert auch länger an. Ich gönne mir eine lockere Zeit und steige erst wieder ein, wenn ich auch mental wieder bereit bin – das heisst auch: wieder motiviert bin!

 

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/26/ruedi-wild-inside-a-racing-mind/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/15/christian-hoverath-sportpsychologie-tipps-fuer-triathleten/

Christian Hoverath, www.die-sportpsychologen.de

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/07/konrad-smolinski-sportpsychologie-im-triathlon/

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Ruedi Wild: Inside a racing mind!

Ruedi Wild ist einer der erfolgreichsten Triathleten der Schweiz. Kürzlich wurde er Vize-Weltmeister auf der Triathlon-Langdistanz. In seinem Gastbeitrag, der originär auf seiner Homepage ruediwild.ch (Link zum Text) erschienen ist, erlaubt er uns einen sehr intimen Einblick in sein racing mind. Ergänzend dazu empfehlen wir ein Kurz-Interview von Ruedi Wild mit Dr. Hanspeter Gubelmann von Die Sportpsychologen – hier zum Beitrag. Beide haben zwischen 2007 und 2013 zusammen gearbeitet.

Für Die Sportpsychologen berichtet: Ruedi Wild 

„Mein gutes Gefühl im Vorfeld und in den letzten Trainingswochen hat mich also nicht getäuscht – zweiter Rang und damit Vize Weltmeister auf der Triathlon Langdistanz! Sicherlich einer meiner bisher schönsten Erfolge in meiner Triathlon Laufbahn und auch gleichzeitig auch besten Leistungen, die ich zeigen konnte.

Ich kam sehr gut über die drei Auftaktkilometer im Wasser und konnte mit rund einer Minute Rückstand auf das Führungsduo an vierter Position die Verfolgung aufnehmen. Die 120km Radfahren durch das wellige Dänische Hinterland waren topografisch nicht sehr anspruchsvoll. Dafür aber bot der starke Wind zusätzliche Herausforderungen, etwa beim Manövrieren des Rades bei Seitenwind. Bald fand ich einen guten Rhythmus und konnte konstant Zeit nach vorne gutmachen, bis ich nach rund 40km zur Spitze auffuhr. Hier verhielt ich mich zunächst eher passiv und möglichst kräfteschonend. Vor allem bei Gegenwind macht es doch einen ganz bedeutenden Unterschied, ob man alleine in die Pedalen treten muss oder von den 10m Abstand zum Vordermann und dem damit verbundenen Windschatten profitieren kann.

Ruedi Wild bei der WM 2018 (aktiv Images, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)


Weitere Athleten kamen hinzu, so dass die Spitze auf sechs Mann anwuchs. Bei den meisten Wettkämpfen wäre dies eigentlich eine ideale Situation für mich, um abzuwarten und auf meine Laufstärke zu vertrauen. Jedoch wusste ich um die grosse Laufstärke des einen Spaniers, dem ich möglichst vorgängig der letzten 30 Laufkilometern noch etwas Zeit abnehmen wollte, insbesondere da das individuelle Zeitfahren nicht seine stärkste Disziplin ist. Ich musste also voraussichtlich etwas riskieren, um ganz vorne landen zu können, verbunden jedoch mit dem Risiko, dass ich dann später umso mehr „eingehe“ und eine top Klassierung verpassen würde. Ich entschied mich für die offensive „all in“ Variante und ergriff mit einer harten Tempoverschärfung über die letzten 40km die Initiative.  Ab diesem Moment gab es kein Zurück mehr. Alles oder nichts, voll in die Pedalen treten. Wohlwissend, dass der Wettkampf noch gut drei Stunden dauern würde…
Zwar konnte ich mich gut absetzten, aber der Vorsprung wuchst nie über eine Minute an. Zugleich wurde die Gruppe nicht gesprengt, sondern blieb kompakt und arbeitete auf ihre Art zusammen, zusätzlich animiert wohl durch mein Handeln. Ich musste also davon ausgehen, dass meine Konkurrenten weniger Energie für dieselbe Leistung brauchten als ich, inklusive dem Spanier… Aber was man nicht ändern kann, sollte einen nicht beschäftigen im Wettkampf.

Gut dreissig Sekunden Vorsprung für 30 lange Laufkilometer als Polster war sicherlich nicht das, was ich mir durch diesen Effort erhofft hatte. Zudem schlossen schon nach wenigen Kilometern drei Athleten zu mir auf. Bereits da war ich nudelfertig und hätte mich am liebsten einfach auf den Boden gelegt. Auch mental war diese Situation nicht minder… Aus meiner Erfahrung weiss ich jedoch, dass es gerade diese Momente sind, die letztlich wegweisend und damit entscheidend für das Abschneiden im Wettkampf sind. Du findest viele Gründe, weshalb es nun einfach nicht hat klappen wollen. (Fast) Jeder Ausserstehende als auch ein Teil in dir wird dir im Nachhinein versichern, dass du ein toller Kerl bist, du es ja versucht hast, in Führung warst oder dergleichen… Aber ganz in deinem Innern bleibt ein Zweifel, ob du wirklich alles gegeben hast und nicht doch vielleicht mehr möglich gewesen wäre. Es ist wie ein Wegweiser im Wettkampf, der auf dich zukommt und wo du dich für die Richtung entscheiden musst und dann die Konsequenzen daraus trägst. Da hilft kein körperliches Training oder Talent, keine Kilometerangaben, Wattdaten, Trainer oder Betreuer, Puls, Laktatwert, „hätte“,  „wäre“ oder was auch immer. Das sind die Momente, wo sich die Streu vom Weizen trennt, und da musst du durch, wenn es ein erfolgreicher Tag sein soll. Alleine du entscheidest und trägst daraus die Konsequenzen! 

Ruedi Wild bei der WM 2018 (aktiv Images, zur Verfügung gestellt von Rudi Wild)

Ich biss mich am Spanier fest – alles oder nichts! Irgendwann kam die zweite Luft. Das ganze entwickelte sich immer mehr zu einem Fahrtspiel. Der Spanier versuchte alles, um mich loszukriegen. Lange, bis etwa zur Rennhälfte, konnte ich dagegenhalten, aber nach einigen Kilometersplits von 3.15min/km wusste ich, dass meine Reserven nicht bis zum Ende reichen würden… Ich liess abreissen und versuchte, nach hinten abzusichern, während ich insgeheim noch auf eine Schwäche vorne hoffte. Die letzten fünf Kilometer waren dann nur noch überleben angesagt, und ich fühle, wie die Kräfte immer mehr schwanden. Ich lief sprichwörtlich auf Eiern und zuletzt wie in Trance, konnte aber einige Sekunden Vorsprung retten und mich über den tollen zweiten Rang freuen.

Nicht nur mit dem Resultat bzw. dem Rang, sondern eben auch mit meiner Leistung bin ich sehr zufrieden. Je mehr man sich im Wettkampf überwinden muss, grossen Herausforderungen gegenübersteht und diese letztlich auch meistern kann, umso grösser ist anschliessend die Befriedigung. Allzu gerne wäre ich natürlich zuoberst auf dem Treppchen der WM gestanden und hätte diese einmalige Chance packen wollen, aber ich traure nichts nach. Ich habe alles versucht, bin aufs Ganze gegangen und habe alles gegeben. 

Nun freue ich mich zunächst auf eine trainingsfreie Woche, um dann weiter top motiviert und mit vollen Akkus die weiteren Ziele dieser Saison in Angriff zu nehmen. Schliesslich ist ja erst Juli 😉

Euer Ruedi“

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/26/dr-hanspeter-gubelmann-fuenf-tipps-vom-triathlon-topathleten-ruedi-wild/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/15/christian-hoverath-sportpsychologie-tipps-fuer-triathleten/

Christian Hoverath, www.die-sportpsychologen.de

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/07/konrad-smolinski-sportpsychologie-im-triathlon/

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Johannes Wunder: Anspannung und Entspannung leicht gemacht

2020 feiert das Klettern eine Olympia-Premiere. Allerdings finden die Disziplinen, die bislang mehrheitlich von Spezialisten betrieben worden sind, in einer Art Mehrkampf statt. Die deutsche Top-Athletin Alma Bestvater bedeutet dies eine echte Herausforderung. Denn sie muss in bislang eher weniger geliebten Bereichen nun auch Bestleistungen bringen. Auf diesem Weg können Entspannungsverfahren helfen.

Zum Thema: Kombiniertes Achtsamkeits- und Entspannungstraining im Klettern

Eine hervorragende Methode, um auftretender Anspannung bei sportlicher Höchstleistung entgegen zu wirken, ist die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson. Zum einen kann die Muskulatur in Stresssituationen vor und während des Wettkampfes aktiv und bewusst entspannt werden. Zum anderen eignet sich die Methode auch direkt während der sportlichen Belastung.

Die ursprüngliche Technik vom Begründer dieser Entspannungstechnik geht auf eine aktive und gezielte Entspannung verschiedener Muskelgruppen des Körpers zurück. PMR ist in der Psychologie keine Unbekannte mehr, viele Studien wurden bereits zu den entsprechenden Auswirkungen publiziert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass durch das Ausführen von progressiver Muskelrelaxation ein Entspannungseffekt zu erwarten ist (Crawford et al., 2013). Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Methodik (Joseph Wolpe) konnten zusätzlich zu den nachgewiesenen physischen auch vermehrt psychische Effekte vor allem in der Verhaltenstherapie festgestellt werden (APMR). In einer Studie von Dolbier und Rush (2012) wurde durch abbreviated-PMR eine Verminderung von Sorgen und Ängsten nachgewiesen.

Das einfache Entspannungstraining

PMR alleine wird häufig als einfaches Entspannungstraining bezeichnet. Tatsächlich können selbst Anfänger durch das Anspannen einer Muskelgruppe (z.B. Unterarme – Hand zur Faust) und dem aktiven wieder Entspannen spürbar ein Gefühl der Entspannung wahrnehmen. Viele Übungseinheiten beginnen mit den Armen, arbeiten sich dann durch den ganzen Körper und beenden die Entspannung mit den Füßen. Immer wieder die gleichen Abläufe, Muskulatur anspannen, tief Ein- und Ausatmen, die Spannung lösen und dieser nachspüren. Muskel für Muskel, Spannung für Spannung.

Ein wichtiges Instrument im täglichen Üben ist zweifelsohne ein Entspannungssignal, was in Form eines Bildes oder einfachen Wortes während des Übens automatisiert werden kann (Kaluza 2005). Die Ausatemphase wird also zum Beispiel durch ein Ruhewort (z.B. „Ruhe“ oder „Relax“) unterstützt. Kognitiv wird somit Ausatmen, ein selbstgewähltes Wort und Entspannung verknüpft. Dieser Punkt ist nicht nur in einer überfüllten U-Bahn nach einem stressigen Arbeitstag durchaus hilfreich. Auch Sportler können sich mit Hilfe des gelernten und konditionierten Ruhewortes über die eigene Atmung in einen Entspannungszustand versetzen. Dass die Atmung generell einen Effekt auf die körpereigenen Spannungszustände hat, wurde bereits mehrfach wissenschaftlich beschrieben (z.B. Lewis et al., 2007) und in der Praxis bereits von namhaften Sportlern, wie zum Beispiel Cristiano Ronaldo genutzt. Die Verknüpfung eines Ruhewortes ist hierbei ein zusätzliches, aber wichtiges „Add-On“, was dem einzelnen Sportler den Zugang zur Entspannung erleichtern soll.

Zauberwort Autosuggestion

Eine Variante der progressiven Muskelrelaxation geht auch in Richtung der Techniken aus dem autogenen Training, also der Autosuggestion. Nach mehreren Einheiten der traditionellen Methode kann sich der Übende nun vorstellen, wie er die Muskulatur anspannt, die Atmung und das Ruhewort nutzt und schließlich rein visuell wieder entspannt.

Beide Methoden sind aus eigener Praxiserfahrung insbesondere für Sportler denkbar. Die physische Entspannung klappt ebenso gut wie die mental eingeleitete. Das Ruhewort braucht natürlich etwas Zeit, um wahrnehmbare Effekte zu erzielen. In einem vorherigen Artikel habe ich über die Konsequenzangst und dem Panikgefühl im Lead-Klettern geschrieben. In dieser Thematik naheliegend wäre in jedem Fall die Anwendung der Techniken des PMR. Wenn die Unterarme langsam härter werden und die (Wettkampf)Situation immer bedrohlicher. Nun wäre genau an diesem Punkt in einer Ruheposition an der Wand eine „Mini-Einheit“ PMR denkbar. Ob aktiv ausgeführt, analog des bei Kletterern bekannten „Ausschüttelns“ mit der freien Hand oder eher „passiv“ mit Hilfe des Ruhewortes. So kann jeder Sportler für sich entscheiden, wie er die Techniken des PMR (Muskelanspannung, Ruhewort) nutzt, um wieder in eine gute Balance zu kommen. Es ist in diesem Kontext auch denkbar, dass die Techniken zur Reduktion von Angst und Panik genutzt werden (s. APMR).

Achtsamkeit

Bei all den Vorteilen der akuten Entspannungstechnik sollte während des Wettkampfes, wie zuletzt einer Olympic-Combined-Competition, nicht vergessen werden, dass auch die Zeit in den Pausen oder während der einzelnen Durchgänge genutzt werden kann, um effektiv entspannt – also nicht zu viel und an den richtigen Stellen – in die neue Aufgabe zu starten.

Zu guter Letzt ist für mich nicht nur der physische Aspekt mit seinen Auswirkungen auf die Psyche entscheidend, sondern gerade in der Übungsphase auch das „Bei sich sein“ – Achtsam mit seinem Körper und dessen Empfindungen. Jede Übungseinheit bietet viele Möglichkeiten die Spannungszustände des eigenen Körpers zu erkunden, Unruhe und Nervosität zu entdecken und mit Hilfe der Techniken eine Entspannung zu provozieren. Nur aus Achtsamkeit und den verschiedenen Techniken zusammen wächst ein Paket, was auch dem Profisportler persönlich und seiner Leistung zu Gute kommen wird. Denn beides bedingt sich!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/24/alma-bestvater-olympic-combined-ihr-harter-weg-nach-tokyo/

 

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Alma Bestvater: Olympic Combined – ihr (harter) Weg nach Tokyo

Alma Bestvater (Fotoquelle: Deutscher Alpenverein/Marco Kost)

Im Rahmen der Deutschen Klettermeisterschaft im neu geschaffenen Olympic-Combined-Format in Augsburg hat Johannes Wunder von Die Sportpsychologen Alma Bestvater getroffen. Die 22-Jährige ist eine der besten deutschen Kletterinnen und berichtet von Chancen und Nebenwirkungen des olympischen Windes, der in der Kletterszene weht. Denn schon 2020 wird die Sportart olympisch. Da die Aufnahme ins Programm aber mit einigen einschneidenden Veränderungen einhergeht, stehen selbst die Stars der Szene wie Alma Bestvater vor großen Herausforderungen.

Zum Thema: Konsequenzerwartung beim Lead-Klettern

Die 22-jährige Alma Bestvater kann bereits namhafte Platzierungen sowohl national, wie auch international vorweisen. Jüngst erzielte sie beim Boulderworldcup in Tokyo einen hervorragenden fünften Platz. Bei der Deutschen Meisterschaft in Augsburg errang sie den sechsten Platz. Auf dem Weg zur Sommerolympiade in Tokyo 2020 scheint sie gut in Form zu sein.

Klettern wird in zwei Jahren olympisch – mit den drei Disziplinen Speed, Bouldern und Lead. Allerdings nicht etwa einzeln wie etwa beim Turnen, sondern als „Kletter-3-Kampf“. Für die Sportler bedeutet dies, dass aus spezialisierten Athleten innerhalb kurzer Zeit Allrounder werden müssen. „Für mich ist das eine unheimliche Chance,“ so Alma Bestvater.

Fokus auf dem Bouldern

In eineinhalb Jahren endet die Olympia-Qualifikation, bis dahin ist es noch ein langer Weg für die Leistungssportlerin. „Mein Fokus lag bisher immer auf dem Bouldern, dort fühle ich mich wohl,“ beschreibt Alma Bestvater ihre Paradedisziplin. Seit sie für die Combined-Wettkämpfe trainiert, ist ihr Trainingspensum deutlich gestiegen. Dabei ist ihr das Leadklettern nicht ganz unbekannt, denn ab und an hat sie in der wettkampffreien Zeit auch ihren Klettergurt angelegt. „Speed hingegen habe ich erst seit gut einem dreiviertel Jahr im Trainingsplan“, beschreibt die DAV-Athletin. Dennoch konnte sie sich in dieser Zeit deutlich um einige Sekunden steigern. Die Wettkampfroute bleibt bis 2020 überall die gleiche, ein kontinuierliches Training kann die Zeit also erheblich verbessern.

Doch die neuen Disziplinen im Wettkampfalltag bringen auch ungewohnte Aspekte ins Training der Boulderspezialistin. Beim Lead spielt für Alma die Effizienz eine große Rolle, beim Speed-Klettern finden die Wettkämpfe im K.O. System statt. „Wenn du fliegst, bist du raus“, beschreibt Alma Bestvater den für sie neuen Druck und fügt an, „ein falscher Tritt kann dir dein ganzes Wettkampfergebnis ruinieren.“

Panik im Lead

Diese ungewohnte Problematik stellt sie auch vor neue psychische Herausforderungen. Im Bouldern hat sie mehrere Minuten Zeit, um das Problem zu lösen und kann sich ausprobieren. Anders in der Disziplin Lead: „Wenn ich mir die Kraft beim Lead nicht einteile und meine Unterarme zu machen, kann es schon vorkommen, dass ich etwas Panik bekomme.“

Der Erwartungsdruck in der neuen Disziplin zeigt sich hierbei nicht unbedingt positiv. „Häufig gehe ich dann noch zwei, drei Züge, weiß aber, dass es danach vorbei ist.“ Beim Bouldern hingegen sieht man Alma Bestvater in kniffligen Routen auch mal am Boden pausieren. Sie überlegt dann genau, wie sie die Züge aneinanderreiht und nimmt sich Zeit für eine kurze Erholungsphase. Das alles wird schwierig im Lead, gar unmöglich im Speed. Hier kann sie von ihren bisherigen Erfahrungen im Bouldern mental nicht unbedingt profitieren. Im Idealfall sitzt alles auf den ersten Zug.

Sportpsychologischer Bedarf

Für Bundestrainer Urs Stöcker ist die Unwiederholbarkeit im Speed- und Lead-Klettern ein Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit den Sportlern. Doch wie gehen die Athleten eine solche Thematik an? Für Alma Bestvater ist es ganz wichtig, regelmäßig mit der Trainingsgruppe unterwegs zu sein. „So sehe ich, wie die anderen die Situation lösen und kann mich daran orientieren.“ Sie weiß, dass der mentale Aspekt im Klettern unheimlich wichtig ist und konnte sich konkret mit dem Visualisieren ihrer Top-Leistung schon vertraut machen. „Das hilft mir im Wettkampf, gelassener meiner Aufgabe entgegen zu blicken und insgesamt besser abzuschneiden,“ beschreibt die Kletterin ihre Erfahrung mit Techniken aus der Sportpsychologie. Dennoch hat sie immer wieder Schwierigkeiten, entsprechende Trainingsmethoden zu finden. „Das Problem ist nicht nur die optimalen Methoden für mich zu finden, sondern auch angeleitet zu werden.“

Die Sportpsychologie bietet in diesem Fall verschiedene Möglichkeiten, um die ungewohnten Situationen besser zu meistern. Neben der bereits angewandten Visualisierungsmethode können zum Beispiel auch Methoden aus dem Achtsamkeitstraining (MBSR) dabei helfen, die Wahrnehmung für den eigenen Körper zu steigern und die entsprechende Leistung besser einschätzen zu können. Auch Entspannungstechniken (z.B. PMR) können dabei helfen, die Balance zwischen An- und Entspannung in der Wand zu halten und bieten hierbei auch für Leistungssportler schnelle Hilfen. Johannes Wunder hat in einem Blog-Beitrag eine Methode aus dem Bereich Entspannungstechniken erklärt:

Link zum Text

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/24/johannes-wunder-anspannung-und-entspannung-leicht-gemacht/

Zum Profil von Johannes Wunder: 

https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Fotos:

Portrait Alma Bestvater (Fotoquelle: Deutscher Alpenverein/Marco Kost)

Alma Bestvater in Aktion (Fotoquelle: Deutscher Alpenverein/Marco Kost)

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Christian Hirschbühl im Interview mit Simon Nussbaumer: “Beim Start richte ich den Blick in den Himmel”

Ski-Alpin-Athlet Christian Hirschbühl ist mittlerweile in der Weltspitze angekommen und erfüllte sich 2018 mit seiner Olympia-Teilnahme in Peyongchang einen Traum. Der Slalom- & Riesenslalom-Spezialist hat einen sehr steinigen Weg hinter sich. Ein Weg, der geprägt war von vielen Rückschlägen wie Verletzungen oder Leistungstiefs, die ihn in seiner Entwicklung immer wieder zurück warfen. Ob er sich jedoch gerade deshalb so entwickelt hat, wie er sich entwickelte, erzählt er uns im folgenden Interview.

Wie sieht dein sportlicher Werdegang aus und welche Ereignisse haben dich besonders geprägt?

Ich habe das Skigymnasium Stams besucht und dort die Handelsschule abgeschlossen. Nach der Saison 2011/2012 wurde ich aus dem ÖSV-Nachwuchskader gestrichen, da die Leistung nicht ausreichend war. Wie für viele war diese Entscheidung des ÖSV mit der Frage verbunden, ob ich noch einmal weitermachen soll, oder nicht? Diese konnte ich jedoch sofort mit „ja“ beantworten. Ganz wichtig war, dass meine Familie in dieser Zeit zu 100 Prozent hinter mir gestanden ist und mich in meiner Entscheidung gestärkt hat.

Mit der Unterstützung des Vorarlberger Skiverbands habe ich ein Jahr später die Quali-Richtlinien des ÖSV in der Vorbereitung wieder erfüllt. Eine Woche vor Saisonstart erlitt ich aber einen Kreuzbandriss. Bis dahin hatte ich dem Skisport alles untergeordnet. Ich verfügte über keinen Plan B und es stellte sich abermals die große Frage für mich: Will und kann ich es noch einmal versuchen? Würde mich meine Familie auch noch einmal auf diesem Weg zurück unterstützen können? Die Unterstützung wurde mir von Seiten der Familie sehr schnell zugesagt. Unter der Voraussetzung, dass ich den Weg mit ganzer Kraft und zu 100 Prozent gehe.

Was braucht es an Fähigkeiten und Eigenschaften, um in solchen schwierigen Zeiten durchzuhalten?

Die wichtigste Fähigkeit, die ich damals brauchte und welche ich immer noch als eine der zentralsten Fähigkeiten eines Sportlers erachte, ist die Geduld bzw. „den Erfolg erwarten zu können“.

Den Erfolg erwarten können: Kann man das lernen und wenn ja, wie kann einem die Sportpsychologie dabei helfen?

Zentral ist, nicht primär den Erfolg, im Sinne von Resultaten zu erwarten, sondern die Konzentration auf die Dinge zu richten, die ich selbst beeinflussen kann. Ob sich der Erfolg wirklich einstellt, kann ich im Endeffekt nicht beeinflussen, das muss ich eben erwarten können. Ich habe in der schwierigen Zeit, von der wir vorher gesprochen haben, auch ganz bewusst die Unterstützung eines Mentaltrainers gesucht. Das hat mir sehr dabei geholfen, ich selbst zu sein und mich auf mich zu konzentrieren. Ich hab mich in dieser Zeit selbst besser kennen gelernt, hab gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören und im „Hier und Jetzt“ zu sein. Denn die Erreichung des großen Ziels liegt ausschließlich in der Qualität des nächsten Schrittes.

Welche mentalen Fähigkeiten sind vor dem Start wie bspw. in Kitzbühel, wo tausende Menschen an der Strecke und vor dem Fernseher sitzen, zentral? Was kann man da tun?

Am Renntag fechte ich oft den größten Kampf mit mir selbst und nicht mit meinen Gegnern aus. Der Glaube an mich selbst und die eigenen Stärken sind dann ganz wichtig. Auch im Hier und Jetzt zu sein und fokussieren zu können, erachte ich als ganz zentral. Um das zu können, habe ich mir gewisse Routinen angelernt, die mich dazu zwingen, im Hier und Jetzt zu sein und die meine Aufmerksamkeit jeden Moment auf das zu richten, was gerade wichtig ist. Eine dieser Routinen besteht bspw. darin, den eigenen Blick bewusst nicht auf Dinge zu richten, die mich in meiner Konzentration ablenken. Direkt beim Start sieht das dann bei mir so aus, dass ich meinen Blick z.B. gegen den Himmel richte und nicht in die Zuschauermassen.

Darüber hinaus mache ich mir niemals Gedanken über das Ergebnis, sondern immer über meine Leistung und wie ich diese am besten erbringen kann.

Fotoquellen:

Christian Hirschbühl in Madonna di Campiglio (Photo by Stanko Gruden/Agence Zoom)

Christian Hirschbühl in Adelboden (Photo by Alexis Boichard/Agence Zoom)

Mehr zu Simon Nussbaumers Arbeit im Olympiazentrum Vorarlberg:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/02/27/simon-nussbaumer-wie-im-vorarlberg-spitzensport-funktioniert/

Simon Nussbaumes, die-sportpsychologen.at

https://www.die-sportpsychologen.de/simonnussbaumer/

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Paul Schlütter: Ein Argument für holistische Sportpsychologie in eSports

Sportpsychologie ist in der eSports-Welt nicht fremd. Viele verschiedene Organisationen in mehreren Spielen setzen bereits auf Experten, um ihre Spieler dabei zu unterstützen, ihre Leistung zu verbessern. Dennoch bleibt es ein recht neues Arbeitsfeld für Sportpsychologen. Dementsprechend ist es notwendig, die individuellen Aspekte der Branche zu identifizieren, um das Potential unserer Zusammenarbeit mit Spielern zu verbessern. Einer dieser Aspekte ist der Weg eines Amateurspielers zu einem Profispieler: Wie können wir sie dabei unterstützen und wie wirkt sich das auf unsere Rolle als Sportpsychologe aus?

You can find the English version of the text below.

Zum Thema: Sportpsychologie als unterstützendes Element der Professionalisierung von Spielern im eSports

Es gibt verschiedenen Theorien über die Entwicklung von Expertise im Sport. Eine dieser Theorien beschreibt Spielerentwicklung im jungen Alter in drei Phasen (Cote, Baker & Abernethy, 2003):

Die Probejahre

In den Probejahren nehmen die Kinder an verschiedenen Sportarten teil und versuchen herauszufinden, was ihnen Spaß macht. Eltern haben eine aktive Rolle darin, ihren Kindern diese Möglichkeit einzuräumen und es gibt wenig formelles Training. Spaß und Aufregung stehen in dieser Phase im Hauptfokus.

Die spezialisierenden Jahre

In dieser Phase fokussieren sich die Kinder auf ein bis zwei Sportarten. Eine Entscheidung wird üblicherweise anhand von Faktoren wie Interaktionen mit Trainern, positiven Erlebnissen und Erfolg gefällt. Fertigkeitsentwicklung in den Sportarten ist nun wichtiger, jedoch bleiben Spaß und Aufregung im Mittelpunkt.

Die Investitionsjahre

Nun zeigen die Kinder eine Hingabe dazu, Hochleistungssportler in einer Sportart zu werden. Der wichtigste Faktor während dieser Phase ist strategische Fertigkeitsverbesserung, demnach bewegen sich die Interaktionen mit den Trainern in den Mittelpunkt. Mittlerweile hat die Rolle der Eltern stark nachgelassen.

Expertiseentwicklung im eSports

Die systematische Entwicklung von Expertise im eSports wurde bisher nicht erkundet. Aufgrund dieser Lücke in der Forschung setze ich mich seit geraumer Zeit mit dem Thema auseinander und schöpfe Informationen aus Interviews, Live Events, Dokumentarfilmen, Vlogs und Twitch Streams. Daraus habe ich eine handvoll Ideen darüber entwickelt, wie ein Amateurspieler zu einem Profispieler wird. Diese sind unter Vorbehalt zu sehen, da die verfügbaren Informationen extrem limitiert sind.

Üblicherweise lernen die Spieler Videospiele im jungen Alter kennen, gefolgt von frühem Erfolg in mehreren Spielen, bevor sie sich auf eines spezialisieren.

Abrupter Übergang

Der darauf folgende Übergang vom Amateur zum Profi ist oft sehr abrupt. Jedes Spiel hat sein eigenes Rangsystem (oft nah orientiert an dem Elo-System, wie es aus dem Schach bekannt ist), worin sie gegen und mit Profispielern in sogenannten Ranglistenspielen spielen. Hier können sie positiv auffallen und werden von Organisationen, Mannschaften, Trainern oder Profispielern wahrgenommen. Hieraus resultiert im Normalfall ein Testspiel oder eine Probephase, gefolgt von einem Vertragsangebot. Einige Organisationen haben zweite Mannschaften, die sie für Talentförderung und Vorbereitung auf die erste Mannschaft nutzen.

Die Rolle der Eltern ist tendenziell ein negativer Faktor, da die meisten Spieler anfänglich mit viel negativem Feedback aus ihrer Familie umgehen müssen. Ein weiterer Unterschied ist der Einfluss von Trainern, da die Spieler in den meisten Fällen noch nie einen Trainer hatten, bevor sie Profi wurden.

Die Rolle von Sportpsychologen im eSports

Ein weiterer Punkt, der weder vergessen noch zu stark betont werden darf: Die Annahme, dass Expertiseentwicklung in eSports nicht dieselbe Aneignung von sozialen und allgemeinen Lebensfähigkeiten erlaubt wie in traditionelle Sportarten, muss in Erwägung gezogen werden. Ich möchte betonen, dass dies keinesfalls für alle Spieler zutrifft. Dennoch sind die Themen der Kommunikations-, Konflikt- und allgemeinen Lebensfähigkeiten im eSports zentral – und somit sind sie auch für die Rolle eines Sportpsychologen absolut relevant.

Dieser Annahme folgend bedeutet dies, dass die Rolle eines Sportpsychologen in eSports-Organisationen wahrscheinlich über die in traditionellen Organisationsstrukturen hinausgehen wird. Die meisten Spieler waren nie professionelle Athleten, finden sich jedoch plötzlich in genau dieser Situation wieder. Unterstützung bei der Aneignung von professionellen und persönlichen Fähigkeiten werden dadurch zu einer der zentralen Aufgaben eines Sportpsychologen, um den Übergang für den Athleten nicht nur zu erleichtern, sondern daraus Gewinne ziehen zu können.

Teammanager versus Sportpsychologe

Ich würde zustimmen, dass diese Aufgabenbereiche eher zu der Rolle eines Teammanagers o.ä. passen, trotzdem bin ich der Überzeugung, dass sie sich mit den Fertigkeiten von Sportpsychologen decken. Es kann durchaus zu Rollenkonflikten kommen, in denen ganz klar sein muss, welche Arbeitsbereiche sportpsychologisch sind und welche sich eher auf die professionelle und persönliche Entwicklung beziehen. Dennoch glaube ich, dass genau dadurch eine Vielzahl von Möglichkeiten bestehen, Beziehungen zu Spielern aufzubauen, worin eine besondere Chance steckt. Im Ergebnis würde mehr Vertrauen in unsere Arbeit entstehen. Eine holistische Herangehensweise an unsere Arbeit mit eSport-Athleten ist, meiner Meinung nach, extrem wichtig.

Am Ende läuft es in der Praxis anders als in der Theorie. Trotzdem hoffe ich, dass dieser Artikel helfen kann, zukünftige Kooperationen hinsichtlich einer problemlosen Integration der Sportpsychologen in eSports-Organisationen anzubahnen.

Zum Profil von Paul Schlütter: 

https://www.die-sportpsychologen.de/paul-schluetter/

Literatur:

Cote, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2003). From Play to Practice – A Developmental Framework for the Acquisition of Expertise in Team Sports

 

Paul Schlütter: The case for the holistic sports psychologist in eSports

Sport psychology is not a new topic in the era of eSports. Many different organisations in several different games have made use of the input such experts can provide in order to help their players improve performance. Yet it remains a fairly novel field of work for sports psychologists, which means identifying aspects that are unique to it are necessary in order to advance our potential effects on players. One such aspect is the way players become professionals, what we may need to do in order to help them, and how it might affect the role of a sports psychologist.

Topic: the professionalisation of players in eSports

There are several theories of development of expert athletes in sports. One of these describes player development from an early age in three phases (Cote, Baker & Abernethy, 2003).

The Sampling Years
During the sampling years, athletes engage in a variety of sports, trying to find one they enjoy and want to participate in. Parents play an active part in providing their children with the opportunity to do so, and there is little formal coaching involved. Fun and excitement are the main focus of this phase.

The Specializing Years
While in this phase, the athletes narrows its sports down to one or two different ones. This decision is often made based on factors such as interactions with coaches, positive experiences, and success. Skill development in the sport becomes important, but fun and excitement remain as central aspects.

The Investment Years
In the investment years the children exhibit commitment to becoming elite level athletes in one single sport. The most important factor during this phase is strategic skill development, which means interactions with coaches become a central part of this phase. By now, the role of the parents has been limited significantly.

Development of expertise in eSports

The systematic development of expert skill in eSports has not yet been explored. Due to this severe research gap, I began exploration of the eSports world through interviews, twitch streams, documentaries, vlogs, and live-coverages. Thus I have deduced the following ideas about how casual gamers become professionals. Do take them with a grain of salt, as there has not been any research into this topic thus far.

Usually there is an introduction to video games at a young age, followed by some early success in a variety of games, before specialising in a single game.

The following transition from a “casual gamer” to a professional player is often sudden. Each game has a ranking system where players can rise to the top (similar to the Elo ranking system in chess for those of you familiar with it), which causes them to play on the same level as pro players during what is called ranked play. It is here that organisations, teams, coaches, or other professional players start noticing their skill, which will usually result in a try-out, followed by an offer of contract. Some organisations have second teams in some games, which they use to foster talent and prepare players for their main team.

The role of the parents has a tendency towards being negative, as most professional players have encountered significant pushback from their family when they decided to go down this path. There is also a big difference in the role of coaches. Many players had never had a coach for their game previous to joining a professional team.

Another aspect that should not be forgotten, although not overstated either: there is some merit to the idea that development of expertise in video games does not lend itself to the same acquisition of social and life skills that other sports may do. While I will stress again that this is in no way the case for all players, patterns of communication, conflict mediation and other general life skills are central to eSports and, thus, the sports psychologist’s role.

What does this mean for the sports psychologists?

It means that the demands for the role of a sport psychologist in an eSports organisations will likely stretch beyond those in traditional sports. Most players have never been professional athletes in their lives, yet suddenly find themselves in that exact position. Facilitation of both professional and personal skills in order to not only deal with that transition, but use all resources available to them, becomes one of the most central tasks of a sports psychologist.

While I do agree that these tasks should ideally be reserved for a different position, such as a team manager, I also believe that the necessary skillset coincides with that of a sports psychologist. Yes, it may cause some role conflicts where players will need to realise which parts of our work are related to sports psychology itself and which parts relate to their general personal and professional development. Nonetheless, I believe herein lie many opportunities to build relationships with players that go beyond the usually attainable level, which in turn creates more trust in the work we do. An holistic approach to our work with eSports athletes is, in my opinion, extremely important.

In the end, the way it works out in practice is always different from how we imagined it, but I hope that this article may help prepare expectations for future cooperations to allow for a smoother integration of sports psychologists into eSports organisations.

References:

Cote, J., Baker, J., & Abernethy, B. (2003). From Play to Practice – A Developmental Framework for the Acquisition of Expertise in Team Sports

 

Mehr zum Thema: 

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Weitere Informationen

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/11/28/dr-hanspeter-gubelmann-e-sport-mit-guten-skills-zum-sieg/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/26/thorsten-loch-esport-und-die-sportpsychologie/

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Feature: Weltmeisterliche Regeneration und Euphorie

Welche Rolle spielt nach einem langen und in allen Belangen anstrengendem Turnier die Regeneration? Und welche Kräfte stecken in der Euphoriewelle, auf der schon lange nicht mehr nur die beiden Teams reiten? Wir haben die Fußballexperten Dr. René Paasch und Thorsten Loch vor dem WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien befragt.

Zum Thema: Regeneration und Euphorie – Triebfedern für den sportlichen Erfolg

Was hatten die Kroaten für ein straffes Programm? Auf dem Weg zum Finale in Moskau mussten die Spieler von Zlatko Dalic in allen drei KO-Spielen in die Verlängerung, zweimal sogar ins Elfmeterschießen. Und jedesmal, nicht zuletzt in der Halbfinalpartie gegen England, machten sie auch mental einen hervorragenden, ja unheimlich fokussierten Eindruck. Thorsten Loch fragt sich also, welche Rolle die Regeneration bei den Kroaten in diesen WM-Wochen spielt und ganz generell bei Teams in kräftezehrenden Phasen spielen kann:

Zur Profilseite von Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Interessant ist, was wissenschaftlich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren erarbeitet werden konnte. Denn längst ist das bloße Ziel Regeneration Geschichte. Die wissenschaftliche Forschung hat sich in den jüngeren Vergangenheit vermehrt mit der Thematik Erholung beschäftigt. Dabei ist Erholung weitaus mehr als das reine Wiederauffüllen von psychophysiologischer Leistungsressourcen. Erholung integriert die verschiedenen physiologischen subjektiven sowie proaktiven handlungsorientierten Komponenten (Beckmann/Elbe, 2008). Anders formuliert: Findet kein Ausgleich der Trainings- und Wettkampfbeanspruchung statt, kann eine längerfristige unzureichende Erholung beim Sportler zu Leistungseinbußen oder Übertraining und auch Burnout führen. Wird Erholung also als ein unmittelbares Element der Wettkampfvorbereitung verstanden, kann die Sportpsychologie neben den bekannten und gängigen Regenerationsmaßnahmen konkrete Abhilfe schaffen.

Individuelle Erholungsstrategien

Entscheidend ist, dass Erholung personenspezifisch und von individuellen Bewertungen abhängt. Was dem einen hilft, muss nicht zwangsläufig dem anderen gefallen. So ist beispielsweise der gemeinsame vom Trainer angeordnete Saunagang für den einen optimal und für den nächsten eine Belastung. Hieraus wird deutlich, dass Sportler verschiedene Erholungsstrategien und –bedürfnisse haben können. Für die praktische Arbeit bedeutet dies, dass keine allgemeinen Erholungsaktivitäten angeordnet werden sollten, sondern diese müssen individuell abgestimmt werden. Hier wird deutlich, dass Erholung individuelle Freiräume braucht. Im Rahmen einer sportpsychologischen Betreuung ist es daher wichtig, mit dem Sportler gemeinsam die persönlich optimalen Erholungsstrategien zu erarbeiten. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass jeder Sportler über mehrere Alternativen verfügen sollte, denn manchmal ist die bevorzugte Erholungsstrategie nicht einsetzbar oder aufgrund externer oder interner Umstände nicht effektiv umsetzbar.

Thorsten Lochs Fazit: Die Thematik Erholung hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Lange Zeit wurde die Regeneration stiefmütterliche behandelt oder gar ganz bei Seite gelegt. Welche Möglichkeiten jedoch eine optimale abgestimmt Erholungs-Belastungs-Bilanz mit sich bringt zeigt am Beispiel Kroatien hervorragend. Es hat den Anschein, dass Trainer Dalic seinen Spielern die nötigen Freiräume gibt, sich individuell zu erholen. Zwingende Voraussetzung ist jedoch, dass die Spieler wissen, was sie benötigen, um sich optimal erholen zu können. Wie bereits angedeutet, kann ein Sportpsychologe helfen, individuelle Erholungsstrategien und „Gegenwelten“ zu entwickeln.

Tiefer ins Thema eintauchen? Dann bitte hier entlang: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/24/thorsten-loch-immer-immer-weiter-und-dann/

Die Rolle der Euphorie

Bleiben wir, jetzt, wo sich Dr. René Paasch um die Euphorie kümmert, konsequenterweise bei den Kroaten. Denn die herrscht nach dem „Einmarsch“ ins WM-Finale in diesem kleinen Land bei seinen besten Fußballern und natürlich den vier Millionen Einwohnern sowie den weiteren vier Millionen Kroaten, die außerhalb der Landesgrenze leben. Daran ändern auch die kleinen Skandale um NS-Rhetorik, rechtsausladene Musik in der Kabine oder der verfrühte Abgang von Nikola Kalinic nicht, der seine Einwechslung im Vorrundenmatch gegen Nigeria verweigerte und nach Hause geschickt worden ist, rein gar nichts. Auch der große Prozess um Fußballfunktionäre, der in diesem Jahr schon einige Haftstrafen forderte und in den auch Stars wie Luka Modric verwickelt sind – alles egal. Es herrscht Euphorie. Was steckt dahinter, Dr. René Paasch?

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Das Wort Euphorie steht für ein Persönlichkeitsmerkmal, eine Eigenschaft, wie große Freude, Begeisterung und Hochstimmung. Individuell gesehen ist Fußball die größte Sache der Welt. Fesselnde Leidenschaft auf und neben dem Platz und auf den Rängen. Fußball fesselt. Er entfacht Emotionen und Leidenschaft. Vielen Millionen Menschen fiebern vor dem Fernseher und beim  Public Viewing mit. Nüchtern betrachtet hat es für die Zuschauer keine persönlichen Konsequenzen, ob ihre Lieblingsmannschaft verliert oder gewinnt. Gerade das ermöglicht den Fans sich den Emotionen beim Zuschauen voll hinzugeben und aus ihrer Haut zu gehen. Wer sich in ein Fußballspiel hineinsteigert kann extreme Freude und Leidenschaft erleben ohne individuelle Konsequenzen zu bekommen. Natürlich frustriert es, wenn die eigene Mannschaft verliert. Nach zwei Nächten gilt aber meist das bekannte Motto: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ und die Ruhe und Zuversicht kehrt zurück. Der Fußball bildet eine Gegenwelt zum durchorganisierten Leben.  Was ihn darüber hinaus ausmacht und ihn von vielen anderen Sportarten abhebt, ist seine Verständlichkeit. Es gibt 22 Spieler, einen Ball und dieser muss einmal mehr ins gegnerische Tor. Auch Einwurf, Elfmeter und Abstoß sind schnell erklärt. Dadurch bekommt man schnell einen Zugang zum Spiel und kann sich eine Meinung zum Spielgeschehen bilden. Die Menschen suchen im Fußball in erster Linie Unterhaltung und Spaß. Hinzukommt auch die Identifikation und die Zugehörigkeit. Sie zeigt sich an den Trikots und Fanschals. Dies manifestiert sich dann in Stadiongesängen. Fußball ist für viele Fans und Zuschauer leidenschaftsgeladen, spannend, gesellig und verbindet die Menschen miteinander. Überdurchschnittlich viele Zuschauer glauben, dass sie mitbeteiligt sind am Erfolg des Teams. Fragt man Fans aber inwieweit sie an der Niederlage ihrer Mannschaft beteiligt waren, sinkt das dramatisch ab. Schuld ist die Mannschaft dann selbst (Frankfurter Allgemeine, Prof. Dr. Strauß, Juni 2012).

Näheres zum Thema Sportzuschauer: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/04/dr-rene-paasch-zum-teufel-mit-dem-12-mann/

Der Schalter der Kroaten

Sportlich betrachtet bedeutet dies aus meiner Sicht, dass die Spieler spüren, wie sehr sie ihren Fans verbunden sind. Hier steckt eine Menge Potential. Niko Kovac, der neue Trainer des FC Bayern München und frühere kroatische Nationalspieler hat vor wenigen Tagen in einer Kolumne für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) erklärt, dass beim Tragen des Trikots mit dem Schachbrettmuster ein Schalter angehe: „Dann kann man noch mehr rennen, obwohl es eigentlich nicht mehr geht.“

Die erzeugte Welle der Begeisterung kann also auf kroatischer Seite eine Menge in Bewegung setzen. Sicherlich werden die Teamverantwortlichen damit auch spielen. Zumal die Euphorie bei den Kroaten nicht fremdgesteuert, sondern subjektiv und herzgesteuert ist.

Vor dem Finale…

Euphorie herrscht natürlich auch in Frankreich. Hier verlaufen die Konfliktlinien in der Gesellschaft und der Politik anders, dennoch ist auch dieses Land wegen der Erfolge der Kicker ebenso euphorisiert. Die von Sportpolitikern allzu oft beschriebene Kraft des Sports zu vereinen und zusammen zu bringen, kann hier wohl wahrhaftig beobachtet werden. Auch das macht das WM-Finale spannend. Und sicher steht auch die Frage im Raum, ab wann Euphorie hinderlich wird – dazu aber gern einem anderen Mal mehr.

Aus sportpsychologischer Sicht geht mit der Partie Frankreich gegen Kroatien eine Weltmeisterschaft zu Ende, die sicher nicht schlecht war für das Fachgebiet. Gern haben unsere Profilinhaber in den vergangenen vier Wochen in diesem Zusammenhang das Motto bemüht, dass beim Turnier in Russland Mentalität Qualität schlägt. Und ja, auch Mentalität lässt sich trainieren. Insofern freuen sich alle Profilinhaber von Die Sportpsychologen auf das WM-Finale und die arbeitsreiche Zeit danach.

 

Literatur

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/04/dr-rene-paasch-zum-teufel-mit-dem-12-mann/.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/sportpsychologie-ein-gefuehl-der-enge-11772541.html

 

 

 

 

Wir dürfen gespannt sein, ob es den Kroaten gelungen ist, sich entsprechend regulieren zu können, um der Équipe Tricolore einen spannendes Duell über mindestens 90 Minuten, wenn nicht auch noch mehr zu liefern☺.

Um mit den Worten von Per Merteacker zu schließen (was im Übrigen für mich, überhaupt keine Alternative darstellen würde)

https://www.youtube.com/watch?v=m64Y6-ZpFt0

 

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