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Tanja Simone Ecken: Warum die neue Saison für NLZ-Kicker schon heute beginnt

Gute Vorsätze werden an den ersten Tag des Jahres gepackt. Gute Vorsätze im Fussball meist in den Juli oder August – zum Start der neuen Saison. Kürzlich habe ich erst wieder einen Spieler gehört der sagte, dass “die letzte Saison nicht so gut war”, “die Mannschaft hatte nicht so zusammen gepasst”, und “daher war die Performance absolut schlecht”. Aber: “zur neuen Saison hin wird alles besser, und dann kann ich auch meine Leistung voll und ganz zeigen”. Wer kennt diesen internen – oder externen – Monolog nicht? Ob im Privatleben, oder als Sportler jeglicher Disziplin, die Selbstsabotage ist allgegenwärtig. Und zwar in ungünstiger, als auch förderlicher Weise!

Zum Thema: The August Mind Set – oder wie Dich die 0:0-Einstellung weiterbringen kann

Obgleich menschlich, ist dieser Gedankengang jedoch problematisch. Warum? Weil der sogenannte Locus of Control von intern auf extern abgegeben wird. Freiwillig. Der Agent der Veränderung und der Agent des Handels ist nicht mehr das Individuum selbst, sondern wird anteilig abgegeben an die Situation. Zumindest aus subjektiver Empfindung. Dicht gefolgt von Verantwortung, Pflichtbewusstsein, Motivation, Wille … also den sportpsychologischen Erfolgsfaktoren. Bewusstes Handeln (internal locus of control) wird mehr und mehr von Zufall und Willkür (external locus of control) ersetzt, also keine Voraussetzung für peak performance.

Im Folgenden werde ich ein paar Gedankenanreize und Perspektiven erläutern, die Spielern im Nachwuchsbereich und im Profibereich dabei hilft, motiviert und selbstbestimmt die Saison zu bestreiten:

Individualisiere Erfolg: Mannschaftsziel 54 Punkte? OK, aber wie kannst Du deinen Erfolg persönlicher und als Zwischenziel zum großen Ziel gestalten? Beispiele wären: kontrolliertere Ballruhe, genauere Pässe, oder die Konzentration auf 105 Minuten halten. Individualisierte Erfolgsziele sind a) greifbarer, b) motivierender und c) unterstützen das große Mannschaftsziel.

Nutze die Euphorie und die Vorzüge des Augusts: Schreibe auf, welche Möglichkeiten die neue Saison für Dich bereithält – sportlich wie auch persönlich. Begründe, warum Du diesen Schritt für Dich gehen möchtest. Welche Wachstumspotenziale hat die neue Saison? Wie wirst Du dich fühlen, wenn Du deine Potenziale und Ziele erreichst?

In schwierigen Phasen darfst Du dich gern daran erinnern, warum Du das eigentlich alles machst!

Analysiere deine Entwicklungspotenziale: Wie kann man Training, Spiel, und extra Trainingseinheiten nutzen, um sein Spielerprofil zu steigern? Die meisten Vereine bieten eine Vielzahl an Ressourcen an, Du musst diese ansprechen und nutzen!

Setze Zwischenziele: “Profi werden” ist kein Ziel (!), sondern das Produkt von Teilaspekten, Zwischenzielen und vor allem Prozessen.

Antizipiere mögliche Schwierigkeiten und Hürden: Wo habe ich die Tendenz, Erfolg und Misserfolg im Externen zu begründen? Hier gebe ich den Locus of Control ab!

Selbstsabotage bewusst machen

Werdet euch eurer Selbstsabotage bewusst! Diese agiert mit den Prinzipien der Self-fulfilling prophecy in der Regel sehr zuverlässig, und wertfrei: egal ob gut oder schlecht für einen, es passiert.  

Lieber Spieler, wie ich es Dir damals in der Kabine mitgab: Warte nicht bis August auf einen neuen Start. Nimm jeden Montag, wenn es Dir hilft. Besser noch, jeden neuen Tag oder ergreife jeden neuen Moment so, dass er deinen Ambitionen und Zielen gerecht wird!

Oder wie die Trainer einen frischen Mindset formulieren: Habt immer eine 0:0-Einstellung im Kopf! Es ist noch alles drin und es ist noch nix passiert!

 

Lasst uns diskutieren, beim unserem Barcamp am 2. und 3. Juni in Bochum:

Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

 

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„Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ – Anfahrt, Online-Anmeldung und Tageskasse

Das Interesse an der Veranstaltung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ ist groß. Mitte Mai liegen knapp 50 Anmeldungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor. Neben Vertretern aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen haben Spielerberater, Trainer, Sportpsychologen und Mentaltrainer ihre Teilnahme angekündigt.

Online-Anmeldung

Eine Anmeldung für das Event im Bochumer Vonovia-Ruhrstadion ist über das Online-Anmeldeformular noch bis zum Donnerstag, den 31. Mai 2018, möglich.

    An den beiden Veranstaltungstagen ist eine Tageskasse geöffnet:

    Sa., 2. Juni, 13.30 – 14.00 Uhr
    So., 3. Juni, 09.30 – 10.00 Uhr

    Anfahrt

    „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ findet im VIP-Raum des Vonovia Ruhrstadions in Bochum statt. Der Zugang zum VIP-Raum, der sich in der dritten Etage befindet, erfolgt über das Stadion Hauptgebäude (Bitte an der Beschilderung des VIP-Bereichs orientieren). Anreisende mit PKW können gern an beiden Tagen kostenlos den Parkplatz P2 (Zufahrt über Quellenweg) nutzen.

    Getränke und Verpflegung

    Im VIP-Bereich des Vonovia Ruhrstadions stehen im Veranstaltungszeitraum für alle Gäste kleine Snacks sowie Kaffee, Tee und Softdrinks zur Verfügung. Alle Teilnehmer haben vor Ort die Möglichkeit, einen freiwilligen kleinen Unkostenbeitrag für die kulinarische Versorgung zu leisten.

    Veranstaltungszeitraum und -inhalte 

    „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ findet in folgenden Zeitfenstern statt:

    Sa., 2. Juni, 14.00 – 18.00 Uhr
    So., 3. Juni, 10.00 – 13.00 Uhr

    Der zeitliche und inhaltliche Freiraum am Samstagabend wird spontan, freiwillig und bestmöglich ausgefüllt. Warnung: Einiges deutet auf das sogenannte Bermuda-Dreieck hin.

    Da oft die Frage nach den Inhalten des Barcamps gestellt wird, folgt hier die einfache Antwort: Die bestimmt jeder Teilnehmer selbst. Die ausgeruhte Erklärung dazu liefert Wencke Schwarz von Die Sportpsychologen im folgenden Video:

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    Weitere Informationen

    Weitere Infos

    Alle weiterführenden Informationen zur Veranstaltung findet ihr hier:

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

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    Dr. René Paasch: Mit Erfolg und Misserfolg umgehen

    Fußball ist irrational. Denken wir nur an das Saisonende und den damit verbundenen Kampf um Klassenerhalt oder aber um Ab- bzw. Aufstieg. Für viele Profi-Kicker und natürlich auch für unzählige Amateurfußballer ist dies ein Szenario, welches nicht zuletzt mental an Belastungsgrenzen führt. Das Schlimmste dabei ist: In aller Regel sind die betroffenen Spieler und deren Trainer nicht gut darauf vorbereitet. Daher habe ich hier ein paar Methoden ausgewählt, die die Vorbereitung auf die spezielle Herausforderung oder den Umgang mit dem Ergebnis im Nachgang erleichtern können.

    Zum Thema: Wie verarbeiten wir Erfolg und Misserfolg im Auf- und Abstiegskampf?

    Auf- und Abstiegskämpfe haben in der Regel einen Gewinner und einen Verlierer. Für die mentale Gesundheit aller Beteiligter im Fußball ist der optimale Umgang mit der Situation eine wichtige Voraussetzung. Wer einen Auf- bzw. Abstiegskampf für sich entscheidet, empfindet in der Regel Freude, Stolz oder Erleichterung. Wer ihn verliert, kann mit Ärger, Wut oder Enttäuschung zu kämpfen haben.

    Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass negative Emotionen wie Ärger, Wut oder Enttäuschung durchaus auf eine positive Art verarbeitet werden können. Das heißt, die Beschäftigung mit der negativen Emotion trägt zu einem konstruktiven Umgang mit der Situation bei. Schauen wir uns das näher an.

    Ursachenzuschreibung

    Ob im Auf- und Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga oder in der Kreisliga, jeder bzw. jede interpretiert und bewertet die Situation für sich. In der Fachsprache: Ursachenzuschreibung (Stiensmeier-Pelster & Heckhausen, 2006). Davon ist abhängig, welche emotionale Reaktion auf Erfolg bzw. Misserfolg folgt. Wird der Aufstieg beispielsweise auf die eigenen Fähigkeiten zurückgeführt, ist ein erhöhter Selbstwert zu erwarten. Beim Abstieg dagegen entsteht Niedergeschlagenheit oder Frustration, wenn die mangelnden eigenen Fähigkeiten als Ursache wahrgenommen werden. Die mentale Gesundheit ist deshalb eng mit dem Attributionsstil verbunden. Im Attributionsstil liegt auch ein wichtiger Unterschied zwischen optimistischen und pessimistischen Akteuren: Optimisten begründen Erfolg/Aufstieg internal und stabil (z. B. mit den eigenen Fähigkeiten); Misserfolge werden entweder externalen Faktoren zugeschrieben („der Trainer und der Verein sind schuld“) oder bei eigenen Fehlern liegt der Fokus auf der Verbesserung („nächstes Mal schaff ich‘s“). Pessimisten hingegen attribuieren erfolgreiche Aktionen häufig external („nur Glück gehabt“); Misserfolge werden internal und vor allem sehr stabil interpretiert („das schaffen wir nie“).

    Als Akteur im Leistungssport ist es daher wichtig, die Attributionsart zu kennen und bestenfalls so zu verändern, dass sie dem optimistischen Attributionsstil entspricht, um mentale Gesundheit zu fördern und negative emotionale Lagen zu vermeiden. Nach Feststellung der Ursachenzuschreibung sollten Sie dann Ihre wiederkehrenden Gedanken hinterfragen und optimieren.

    Gedanken hinterfragen und Wahrnehmung ausrichten

    Leistungsdruck erleben Sportlerinnen und Sportler bzw. Trainerinnen und Trainer immer dann, wenn die eigenen Ansprüche immens hoch sind oder von außen Anforderungen an sie gestellt werden, die mit den eigenen Fähigkeiten kaum oder gar nicht zu bewältigen erscheinen. Sie haben dann das Gefühl, dass eine bestimmte Leistung um jeden Preis erbracht werden muss, sonst drohen Konsequenzen. Sie denken an frühere Niederlagen oder Misserfolge und fürchten sich vor den Folgen, die eine Nichterbringung der geforderten Leistung nach sich zieht. Dadurch wird die Konzentration entweder auf die Bewältigung von Vergangenem oder auf zukünftige Konsequenzen gerichtet.

    Beim selbst initiierten Leistungsdruck sind die Ansprüche selbst verursacht und gehen zurück auf Persönlichkeitseigenschaften, wie das Streben nach Perfektion oder darauf, keine Fehler zu machen. Beim fremdinitiierten Leistungsdruck werden die Ansprüche von außen an die Akteure im Leistungssport herangetragen. Diese sind oft vielfältig und summieren sich zu einem riesigen Berg an ungelösten Gedanken. Nicht nur Trainerinnen bzw. Trainer, auch Eltern, Funktionäre oder die Mannschaftskolleginnen und -kollegen stellen Ansprüche, die als schwere Last empfunden werden. Hier einige Strategien zur Bewältigung von belastenden Situationen:

    Raus aus dem Gedankenkarussell: Um die Kontrolle über die Gedanken im Auf- und Abstiegskampf wiederzuerlangen und die Aufmerksamkeit selbst lenken zu können, hat Teismann (2016) für Betroffene eine Art Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die ich bereits mit Sportlern und Trainern erfolgreich anwenden konnte: Nacheinander konzentrieren sie sich auf verschiedene Umgebungsgeräusche. Durch diese Übung nimmt die selbstfokussierte Aufmerksamkeit ab und es kann wieder Kontrolle gewonnen werden. Anstatt über ein Thema zu grübeln, kann darüber auch geschrieben werden. Mindestens 20 Minuten lang. Schreiben sollten sie nur für sich.

    Entspannungsmethoden trainieren: Die wenigsten Akteure im Leistungssport haben angemessen Zeit im Trainings- und Wettkampfalltag, um sich damit auseinanderzusetzen. Nutzen Sie daher die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen oder üben sie täglich achtsam zu sein. Siehe dazu http://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/21/dr-rene-paasch-der-trend-zur-achtsamkeit/. Dies ist eine hervorragende und leicht umsetzbare Methode, die mittlerweile gut nachgewiesen worden ist.

    ABC-Modell: Das Selbstkonzept und die persönliche Welt der Akteure im Leistungsfußball werden als bedeutender Einflussfaktor auf ihr Verstehen, Verhalten und ihre Gefühlswelt verstanden. Die kognitive Umstrukturierung konzentriert sich dabei auf gegenwärtige Probleme und bietet problembezogene Lösungsansätze, wie beispielsweise die Rational-Emotive Therapie von Ellis (Ellis, 1993). Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen Bewertungen, insbesondere die irrationalen Bewertungsmuster. Siehe dazu: http://www.die-sportpsychologen.de/2017/06/22/dr-rene-paasch-ruediger-und-der-hass/

    Raum für Probleme. Formulieren Sie explizite Regeln für den Umgang mit Traurigkeit, Wut und Ärger. Probleme sollten offen und sachlich erörtert und bereinigt werden. Fördern Sie diesen Prozess. Dabei können positive Umdeutungen der Situation, konstruktive Aussprachen, aber auch das „Vergeben“ dazu beitragen, dass der Abstieg oder verpasste Aufstieg bewältigt wird.

    Realistische Ziele setzen: Um die eigenen Ziele und Teamziele nach schwierigen Zeiten miteinander in Einklang zu bringen, ist es wichtig, sich darüber zu unterhalten. Sie sollten daher stets nachvollziehbare und realistische Ziele definieren (siehe dazu http://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/) und diese immer wieder gemeinsam überprüfen und anpassen.

    Grundbedürfnisse berücksichtigen: Ermöglichen Sie Bedürfnisbefriedigung, denn die Grundbedürfnisse aller sind Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit (Ryan & Deci, 2000). Aufstellungsmodus, Konfliktlösungen aber auch regelmäßige Gespräche (auf und neben dem Platz) sollten sie zur Bedürfnisbefriedigung anbieten.

    Finden Sie den Attributionsstil heraus. Dazu können Sie in Einzelgesprächen nach dem verpassten Saisonziel bzw. Siegen oder Niederlagen nach einer Erklärung für das Gelingen oder Misslingen fragen. Arbeiten Sie daran, einen optimistischen, aber gleichzeitig realistischen Attributionsstil zu entwickeln. Bauen Sie mentale Trainingsformen ins Training ein. Dies wirkt sich positiv auf die Selbstwirksamkeitserwartung (siehe dazu  http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/ aus.

    Fazit

    Angst und Leistungsdruck sind die intensivsten Faktoren im Auf- und Abstiegskampf, denen Akteure im Fußball ausgesetzt sind. Doch so vielfältig die emotionalen Einflüsse und Hemmungen auch sind – ihr Umgang mit ihnen ist erlernbar und steuerbar. Das besondere an der Gedankenkontrolle und den bereits genannten Methoden ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Somit wird der Fokus auf den Prozess des Denkens geleitet. Im Ergebnis gelingt es meistens, mit Hilfe der Übungen früher aus dem Gedankenkarussell „Leistungsdruck“ auszusteigen, Probleme zu erkennen und rationaler anzugehen.

     

    Bock, mit uns über Fußball zu diskutieren? Dann komm nach Bochum…

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

     

    Mehr zum Thema: 

    Dr. René Paasch: Der Trend zur Achtsamkeit

    Cristina Baldasarre: Entspannung als Aufgabe

    Dr. René Paasch: Rüdiger und der Hass

    Merkblatt Ressourcen-ABC

    Dr. René Paasch: Ziele und Motivation

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Mentales Training für Fortgeschrittene

    Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

    Literatur

    Ellis, A. (1993): Grundlagen der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Pfeiffer, München 1993

    Stiensmeier-Pelster, J. & Heckhausen, H. (2006): Kausalattribution von Verhalten und Leistung. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (S. 355-392). Heidelberg: Springer.

    Teismann, T., Koban, C., Illes, F. & Oermann, A. (2016): Psychotherapie suizidaler Patienten. Göttingen: Hogrefe.

    Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 72, Figure 1. In: American Psychologist 55, 68–78.

     

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    Johanna Constantini: Warum die Bedeutung der intrinsischen Motivation in der digitalen Welt steigt

    Die meisten Sportler können gar nicht mehr anders als sich und ihre Leistungen in den sozialen Medien zu präsentieren. Virtuelle Freunde „liken“, „sharen“ und kommentieren, bis sich die Tastaturen oder Touchpads biegen. Aber ist das nicht gefährlich, geht es nicht mehr denn je um das Feedback  von „außen“? Und bleibt damit in der mehr und mehr gläsernen und fremdbestimmten Welt, in die uns Smartphones, Smart Watches und smarte Bordcomputer führen, nicht die intrinsische Motivation auf der Strecke? Was müssen wir Sportpsychologen wissen, um richtig auf die Entwicklungen zu reagieren und unseren Sportlern auf ihrem Weg zu Höchstleistungen weiter effektiv und angemessen helfen zu können?

    Zum Thema: Hingabe vs. Selbstdarstellung: Das motivationale Ungleichgewicht einer neuen Zeit (Aus der Reihe: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 3)

    Auf der Suche nach eben dieser intrinsischen Motivation, die von uns selbst kommt und nicht durch externe Faktoren vorgegeben werden kann, frage ich mich, ob wir nicht generell in einer Zeit des motivationalen Ungleichgewichts leben? Bedingt durch die zunehmende Technologisierung unserer Schritte, gar unserer Leben, das wir ständig und vor allem mit virtuellen Freunden teilen wollen, sehe ich die Bedeutung an EIGENER Motivation wieder größer werden! Diese intrinsische Motivation ist es nämlich, die sich der Sache selbst annimmt und damit die Achtsamkeit auf den Moment fördert. Während die extrinsische und damit von außen vorgegebene Motivation immer auf die Erfüllung eines Zwecks, die Generierung von Macht und sonstige Zielen ausgerichtet ist. (Mc Reynolds, 1971)

    So könnte man Dinge, die durch intrinsische Motivation erzielt werden, mit dem Erleben des FLOW Zustandes vergleichen (nach M. Csikszentmihalyi, 1993). Dieses Gefühl des vollkommenen Aufgehens in einer Tätigkeit ist es nämlich, das uns fehlt, während wir mit unserer Selbstdarstellung beschäftigt sind.

    Johanna Constantini: Athleten brauchen Online-Regeln!

    Doch für wen laufen wir, wenn nicht für uns selbst – oder unsere Running-App? Und für wen erklimmen wir die höchsten Berge, wenn nicht für unser eigenstes Seelenwohl – oder den Hashtag #instalive?

    Zurück zur eigenen Motivation: Sportpsychologische Betreuung im Wandel der Zeit 

    Als Sportpsychologen einer technologisierten Zeit sehe ich uns daher in der Pflicht, Themen wie die extrinsisch geleitete Motivation aufzugreifen, um gemeinsam mit unseren Athleten an funktionaler Zielsetzung arbeiten zu können. In Balance zwischen dem für unsere Athleten so wichtigen „Außen“ sollten wir es uns zur Aufgabe machen, Ihnen vor allem ihr eigenes und alleiniges „Innen“ wieder vor Augen zu führen, zu spüren und schätzen zu lassen.

    Weil unser smartes Selbst immer der größte Motivator bleiben wird, um UNSERE Ziele zu erreichen.

    Tipps zur Auflösung des motivationalen Ungleichgewichts:

    • Zielsetzung hinterfragen (für wen wollen unsere Sportler was erreichen?)
    • Ziele überarbeiten und erarbeiten (wodurch lassen sich unsere Athleten wirklich motivieren?)
    • Offline-Strategien erarbeiten (wann kann z.B.: das Smartphone auch mal ausgeschaltet werden?)
    • Online-Strategien überarbeiten (Voraussetzung dafür sind Grundkenntnisse im Bereich der neuen Medien)

    Mehr zum Thema:

    Johanna Constantini: Instant Messaging als Stressfaktor!

    Johanna Constantini: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten

    Johanna Constantini: Chancen und Risiken sozialer Medien für die moderne Sportpsychologie

     

    Quellen:

    The nature and assessment of intrinsic motivation. McReynolds, 1971.

    in P. Reynolds (Ed.), Advances in psychological assessment. Palo Alto, CA: Science and Behavior Books.

    Mihaly Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis – Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen. 1993, ISBN 3-608-95338-8, S. 69.

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    Christian Hoverath: Sportpsychologie-Tipps für Triathleten

    Alles fing an mit Faris Al-Sultans – Entschuldigung – dämlichen Ausspruch, „wenn du einen Psychodoktor für deine Rübe brauchst, dann hast du im Leistungssport nichts verloren.“ Im ersten Moment regte mich das Zitat von dem – und da sind wir uns sicher alle einig – großartigen Sportler wirklich auf (Link zum Text). Kurz darauf motivierte mich der Ausspruch, eine kleine Serie über einfache Methoden und Ideen zu schreiben, die Triathleten weiterbringen. Hier habe ich die Texte zusammengestellt.

    Zum Thema: Hilfreiche Sportpsychologie-Tipps für Triathleten 

    In vielen Gesprächen mit Triathleten stelle ich immer wieder fest, dass ein gefestigtes Selbstvertrauen nicht zur Rennausstattung der meisten Athleten gehört. Oft wird neidvoll auf einzelne Konkurrenten geblickt, ohne sich der eigenen Stärken bewusst zu sein. Hier liegt massives Potential. Und das Beste: Selbstvertrauen lässt sich aufbauen. 

    In der direkten Zusammenarbeit mit Athleten mache ich klar, dass Selbstvertrauen eine Wunderwaffe ist. Denn durch einen bewussten Umgang mit der Ressource wird die Anspannung, die nicht wenige Sportler vor dem Rennen oder in entscheidenden Situationen lähmt, als positiv wahrgenommen und bringt Sie auf eine neue Ebene. Im Detail habe ich dies im folgenden Text beschrieben:

    Christian Hoverath: Selbstvertrauen aufbauen

    Hinhören: Selbstgespräche 

    Was würde wohl Faris Al-Sultan sagen, wenn ich ihn fragen dürfte, wie es so mit seinen Selbstgesprächen läuft? Hat er gar nicht nötig, vielleicht. Dabei sind Selbstgespräche allgegenwärtig. Ob wir wollen oder nicht, wir befinden uns quasi ständig in einem inneren Dialog. Mein Kollege Prof. Dr. Oliver Stoll hat dazu geschrieben: „Selbstgespräche sind eigentlich nichts anderes als unsere Gedanken. Der Prozess der Vorbereitung, Begleitung und Auswertung einer Handlung läuft zumeist mehr oder weniger unbewusst – oder besser gesagt automatisiert ab.“

    Für Triathleten, die aufgrund der langen Dauer eines Wettkampfes viel Zeit mit sich haben, sind Selbstgespräche eine wichtige Stellschraube. Quasi die Gangschaltung für den Kopf. Die wichtigsten Tipps zur sofortigen Anwendung habe ich hier zusammengefasst, etwas mehr Methodik findet sich im Text:

    • Fokussieren Sie auf das, was Sie wollen, und nicht auf das, was Sie nicht wollen.  
    • Schreiben Sie Ihre Selbstgespräche von Zeit zu Zeit nieder, um Sie sich selbst zu verdeutlichen und um an ihnen arbeiten zu können.
    • Finden Sie für sich stimmige Metaphern, die Sie motivieren.

    Christian Hoverath: Fünf wichtige Tipps für Selbstgespräche

    Planung führt zum Ziel

    Immer wieder stelle ich auch fest, dass Sportler (in diesem Fall vor allem Freizeitsportler, aber auch nicht ausschließlich) gar nicht so genau wissen, was sie wollen. Auch in diesem Bereich kann die Sportpsychologie effektiv helfen. 

    In einem Beitrag aus dem Januar habe ich für die Phase zwischen den Saisons die wichtigsten Infos zum Thema Zielsetzung zusammengefasst. Aus meiner Sicht ist der theoretische Background aber wichtig, um einfache Fehler zu vermeiden, die nicht selten Einfluss auf ein ganzes Wettkampfjahr haben.

    Christian Hoverath: Zielsetzung im Triathlon

    Auf dem Rücken des Trainers

    Noch mal zurück zum Thema Selbstvertrauen: Wie schon deutlich gemacht, sehe ich hier einen wichtigen Schlüssel, um am Ende die gesetzten Ziele zu erreichen. In diesem Prozess spielen wiederum auch Trainer und Teamkameraden eine wichtige Rolle. Denn deren Feedback und gezielte Hinweise können uns allen Beine machen.   

    In einem eher praktisch orientierten Beitrag habe ich sechs Quellen der Selbstwirksamkeit benannt. Diese können Sie mit Hilfe Ihres Trainers ansteuern. Dieses Wissen hilft Ihnen und Ihrem Team hoffentlich, gemeinsam voranzukommen. 

    Christian Hoverath: Ran an die Quellen des Selbstvertrauens!

    Gemeinsam stärker?

    Die Textserie zur Sportpsychologie im Triathlon lässt sich noch weiter ausbauen. Aber zuvor interessiert mich, zu welchen Themen Sie mehr wissen wollen? Haben Sie mal was aufgeschnappt, können es aber nicht richtig einordnen? Oder sind Sie auf Faris Al-Sultans Seite und verfügen über optimale Werkseinstellungen – auch gut, aber lassen Sie uns das Thema Sportpsychologie im Triathlon erst nehmen. 

    Ich freu mich über Ihr Feedback und steh gern zur Verfügung, wenn Sie sich die nächsten Ziele setzen oder auf dem Weg dahin Support brauchen:

    Link zum Profil von Christian Hoverath:

    Christian Hoverath

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    Dr. René Paasch: Prävention statt Burnout im Leistungsfußball

    Im Profifußball bleibt durch Leistungsdruck und zu wenigen Entspannungsphasen häufig die Psyche auf der Strecke. Augenfällig wird das Thema immer dann, wenn Spitzensportler mit einer solchen Erkrankung an die Öffentlichkeit treten. In aller Regel finden diese Fälle aber außerhalb der medialen Betrachtung statt. Nicht selten fehlt auch auf Ebene der Trainerstäbe in den Vereinen das nötige Wissen. Der Text liefert für Betroffene und Personen aus deren Umfeld einige Anhaltspunkte.

    Zum Thema: Prävention statt Burnout

    Burnout beschreibt den Zustand des körperlichen und emotionalen Ausgebrannt seins, der von Depersonalisierung und Leistungseinbuße gekennzeichnet ist. Im Jahre 2013 veröffentlichte das Bundesinstitut für Sportwissenschaft nach der Befragung von 1154 Athleten die Studie „Dysfunktionen des Spitzensports“, in der beschrieben wird, dass sich die Hälfte der Leistungssportler regelmäßig ausgebrannt und kraftlos fühlen. Jeder dritte Spitzensportler leidet demnach unter Schlafstörungen, jeder fünfte klagt außerdem über Depressionen.

    Hohe Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit kennzeichnen gefährdete Sportler ebenso wie Rahmenbedingungen in denen Überbeanspruchung, Mängel an Kontrolle und Autonomie oder schlechtes Klima vorherrschen. Wenn Anforderungen und persönliche Ressourcen nicht mehr übereinstimmen kommt es zu einer Stressreaktion mit Anspannung, Ermüdung, und Reizbarkeit. Misslingt die Bewältigung dieser primären Stressreaktion kann Burnout mit emotionaler Distanz, steigendem Zynismus und Problemen im Leistungsbereich folgen. Prävention bedeutet, sich mit dem Phänomen auseinanderzusetzen, eventuelle eigene Gefährdungen zu erkennen und möglichst frühzeitig Gegenmaßnahmen zu initiieren. Das nun folgende Phasenmodell von Freudenberger und North (2000) ist mit Einschränkung lediglich ein theoretisches Modell des Burnout-Verlaufes und muss nicht notwendigerweise in genau dieser Reihenfolge auftreten. Sie beschreiben aber häufige Schritte bis hin zum Burnout-Syndrom und regen so betroffene Sportler zur Selbstreflexion an.

    Der Burnout Prozess von Freudenberger und North (2000)  

    Stadium 1: Der Zwang sich zu beweisen – Es stehen sich die Anpassung (an das System, die Erfordernisse, an die Gegebenheiten etc.) und die eigenen Wünsche gegenüber.

    Stadium 2: Verstärkter Einsatz – Das Gefühl aus Phase 1 baut sich weiter auf, häufig verknüpft mit dem Gefühl, alles selbst und insbesondere dringlich machen zu müssen. Aufgaben werden besonders rasch erledigt. Etwas zu delegieren fällt schwer. Zur Umsetzung üblicherweise zu hoch gesteckter Ziele.

    Stadium 3: Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse – Es gibt nur noch Zeit für den Fußball. Freunde und Beziehungen werden vernachlässigt, es kommt zunehmend zur Isolierung, zu Schlafdefiziten,  etc. Die Freizeit als freie Zeit verliert ihren Sinn und kann von Erfolgsdruck überwuchert werden.

    Stadium 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen – Da ein Konflikt unter Umständen eine Bedrohung oder Krise darstellt, die eine Auseinandersetzung fordern würde, wird er verleugnet oder verschoben. Konfliktfähigkeit und somit auch Wachstum gehen somit verloren.

    Stadium 5: Umdeutung von Werten – Zunehmende Konflikte mit Teamkollegen/innen werden ebenso wenig wahrgenommen wie Schlafmangel und erste körperliche Symptome. Außerdem mehren sich Fehlleistungen wie vergessene Termine, Unpünktlichkeit, sonstige Fehler etc.

    Stadium 6: Verleugnung der Probleme – Betroffene begegnen ihrer Umwelt zunehmend verbittert und mit Härte, in weiterer Folge beginnen sie sich abzukapseln. Ungeduld, Intoleranz, latente und/oder overte Aggressivität prägen den Umgangston. Die Leistungseinbußen sind deutlich merkbar, ebenso körperliche Beschwerden.

    Stadium 7: Rückzug – Partner, Familie und Freunde werden jetzt als Belastung, oft sogar als feindlich erlebt. Kritik wird nicht mehr ertragen; die Betroffenen beschreiben sich als orientierungslos und ihren Zustand als hoffnungslos. Um sich eine Freude zu machen, stürzt man sich in Ersatzbefriedigungen. Mit zunehmender Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit, Desillusionierung, Entfremdung sinkt die Kritikfähigkeit.  

    Stadium 8: Beobachtbare Verhaltensänderungen – Den Betroffenen wird zunehmend alles egal, sie werden apathisch und häufig zeigen sich jetzt auch ungewöhnliche Verhaltensweisen; alles wird als Angriff erlebt. Jede zusätzliche Leistungsanforderung empfindet man als Belastung; die Betroffenen greifen auf Ausflüchte zurück.

    Stadium 9: Depersonalisation – Meint den Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit wie auch für andere Menschen. Hauptsächlich negative Einstellungen beherrschen das Feld. Die Fähigkeit zur Nähe ist verloren gegangen. Die Zeitperspektive wird auf die Gegenwart eingeengt. Das Leben wird immer mehr zu mechanischem Funktionieren herabgemindert. Das Lebensgefühl ist jenes von Entwurzelung und Sinnlosigkeit. Sie vernachlässigen ihre eigene Gesundheit.

    Stadium 10: Innere Leere – Betroffene sind bereits völlig mutlos, leer, nutzlos, ausgezehrt, ängstlich bis panisch. Phobien und Panikattacken sind möglich.

    Stadium 11: Depression – Das Stadium der Depression ist von tiefer Verzweiflung, Selbsthass, Erschöpfung, dem Wunsch nicht mehr aufwachen zu müssen und Suizidgedanken geprägt.

    Stadium 12: Völlige Erschöpfung – In dieser Phase kommt es zum körperlichen (Krankheit), psychischen und emotionalen Zusammenbruch; es handelt sich nun um einen absoluten Notfall.

    Elvina Abullaeva: Depression erkennen lernen

    Strategien für Präventionsmaßnahmen

    • Eigene Ziele und Wünsche genau hinterfragen: Warum will ich das, will ich das oder wird mir dieses Ziel von außen nahegelegt, habe ich die nötigen Ressourcen, bin ich überfordert, was ist mir wichtig in meinem Leben?
    • Sich Zeit nehmen für sich und andere – eigene Bedürfnisse (Ernährung, Genuss, Freude, Sozialkontakte, Erfolge zu feiern etc.) ernst nehmen, ohne dabei völlig egoistisch vorzugehen. Ein ausgewogenes soziales Netz stellt einen wichtigen Ausgleichsfaktor im Leistungssport dar.
    • Ausgewogene bewältigbare Arbeitsmenge, also die Limitierung des Aufgabengebietes, um Überforderung zu verhindern.
    • Autonomie und Kontrolle fördern; dafür sorgen, auf Entscheidungen Einfluss nehmen zu können; Überblick über die Ziele der Mannschaft gewinnen; wissen, wofür man zuständig ist (Aufgaben- und Rollenverteilung).  
    • Supervision, regelmäßige Gespräche, Fort- und Weiterbildung, Psychotherapie …
    • Der Praxisordner zur psychischen Gesundheit im wettkampforientierten Leistungssport bietet wertvolle Einblicke in die Strategien der Sportpsychologie und unterstützt Trainer und Sportler wertschätzend und gesundheitsförderlich zu behandeln. Jetzt kostenfrei über die Website der Initiative Neue Qualität der Arbeit Downloaden: http://www.vbg.de/SharedDocs/Medien-Center/DE/Broschuere/Branchen/Sport/Kein_Stress_mit_dem_Stress.pdf;jsessionid=5D0E10AB08BB649E24CA74C7D29F647F.live2?__blob=publicationFile&v=5. Zugriff am 20.04.2018)
    • Die Robert-Enke-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Uniklinik RWTH Aachen eine Beratungshotline ins Leben gerufen. Diese Hotline bietet sowohl für Leistungssportler, als auch für Personen, die nicht aus dem Sport kommen, Informationen über Depressionen/Burnout und deren Behandlungsmöglichkeiten an und wird wissenschaftlich begleitet. Näheres dazu: https://robert-enke-stiftung.de/depression-hilfe/beratungsangebot (Zugriff am 20.04.2018)

    Fazit

    Die Erkenntnis, dass es sich bei Burnout um keine persönliche Schwäche handelt, sondern um eine Folge extremer Faktoren ist sehr wichtig. Der nötige erste Schritt ist das sich eingestehen, dass ein Problem vorliegt. Befindet sich der Betroffene im Frühstadium, können selbst definierte Veränderungsschritte (Gespräche, Problemlösungen, Ausgleich, etc.) ausreichen. Je weiter fortgeschritten und je länger die Problematik andauert, desto schwieriger wird die Bewältigung ohne professionelle Hilfe.

     

    Lasst uns darüber reden

    Bei unserem Event „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ machen wir auch vor schweren Themen nicht halt, ganz im Gegenteil. Kommen Sie am 2./3. Juni in Bochum bitte vorbei:

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

     

    Literatur

    Freudenberger, H. North, G. (2000): Burnout bei Frauen. Über das Gefühl des Ausgebranntseins. Frankfurt: Fischer.

    Internet:

    https://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/sonstige_Publikationen_Ratgeber/Breuer_Dysfunktionen.pdf?__blob=publicationFile&v=1. Zugriff am 20.04.2018

    http://www.vbg.de/DE/3_Praevention_und_Arbeitshilfen/1_Branchen/11_Sport/7_psychische_Gesundheit/psychische_Gesundheit_node.html. Zugriff am 19.04.2018

     

    Mehr zum Thema: 

    Sport und Depression

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    Tanja Simone Ecken: Den Traum im Nachwuchsleistungszentrum richtig leben

    Tausende Fußballtalente werden in den kommenden Wochen in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) in einen neuen Lebensabschnitt starten. Die meisten träumen davon, einmal Profi-Fußballer zu werden. Allerdings ist die direkte Durchlässigkeit gering, es vom NLZ in einen Profi-Kader der 36 Erst- oder Zweitligisten zu schaffen. Eines ist sicher: Die Anforderungen an die jungen Sportler sind komplex. Die Sportpsychologie ist mittlerweile eine der fünf Schlüsselqualifikationen, die den Nachwuchskickern vermittelt werden. Denn Profisportler brauchen auch ein Profi-Mindset. Daher ist die Sportpsychologie fest in den Ausbildungscurricula der NLZ’s platziert. Viel diskutiert wird in diesem Zusammenhang – nicht erst seit den Aussagen von Weltmeister Per Mertesacker im Spiegel – über das Thema Leistungsdruck. Diese Thematik stellt sich dennoch nicht immer nur negativ dar, sondern birgt auch potenzielle Chancen. Im Folgenden werden die positiven Aspekte des Leistungsdrucks eruiert.

    Zum Thema: Leistungsdruck im Nachwuchsleistungsbereich – welche Vorteile haben “erhöhte Performance-Erwartungen”?

    Im positiven Sinne kann das Wort “Leistungsdruck” auch mit “erhöhten Performance-Erwartungen” ersetzt werden. Diese Erwartungen werden von einer Reihe Externer (Eltern, Trainer, Verein und/oder Mitspieler), als auch vom Spieler selbst an ihn gestellt. Um letztendlich positive Aspekte aus dem Leistungsdruck zu erzielen, braucht der Spieler (als auch sein Umfeld) adaptive Strategien, um Druck in beispielsweise erhöhte Resilienz und Selbstwirksamkeit umzuwandeln. Simple gesagt geht es darum, anspruchsvolle Situationen als eine Chance zu interpretieren, nicht als Hürde. Entsprechend werden Emotionen, Kognitionen und Verhalten angeglichen. Dies bedeutet auch, die Frustrationstoleranz zu erhöhen, und sich außerhalb der individuellen comfort zone zu bewegen. Dass muss sogar so sein!

    Erfolgreiche Performance trotz Widerstände erhöht die Resilienz der Spieler, und beeinflusst auf positive Art zukünftige, anspruchsvolle Situationen. Denn wer einmal die Erfahrung gemacht hat, in schwierigen Situationen erfolgreich zu sein, wird selbstbestimmter die nächste Hürde nehmen. Es ist die Erfahrung, der Agent der Handlung zu sein; den Locus of Control aktiv zu bestimmen. Das Abrufen seiner Leistung trotz Leistungsdrucks wirkt sich daher positiv auf die Selbstwirksamkeit der Spieler aus: primär über Mastery Experience und Vicarious Experience (Bandura, 1977).

    Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

    Positive Effekte

    Die Sportpsychologie sieht den Sport ebenso als Prävention zu mentalen Stressoren: So korreliert sportliche Betätigung negativ mit depressiven Episoden/Depressionen, Rumination und positiv mit generellem Wohlbefinden.

    Auch lehrt der Teamsport Disziplin, Pflichtbewusstsein und Verantwortung; aber auch Entsagungen, um seine Ziele zu erreichen. Diese Aspekte bereiten z.B. gut für das Leben eines Erwachsenen vor.

    Fazit

    Spieler eines Nachwuchsleistungszentrums zu sein, ist ein einmaliges Erlebnis. Mit der richtigen mentalen Einstellung wird es sicherlich ein unvergessliches.

     

    Diskussionsbedarf? Gern genau hier: 

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

     

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    Mario Schuster: Das Tabu-Thema sexuelle Gewalt im Sport

    Gewalt im Sport ist schon seit langem ein Thema, mit welchem sich die Sportpsychologie und Gewaltschutzeinrichtungen beschäftigen. Vor allem bei Fanausschreitung und folgenden Gewaltszenen fragen so manche Medien um die Meinung von SportpsychologInnen. Diese Bilder der Gewalt sind häufig offensichtlich. Doch was ist mit der unsichtbaren Gewalt bzw. der Form von Gewalt, welche hinter verschlossenen Türen stattfindet? Denn sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt sind auch im Spitzensport traurige Realität.

    Zum Thema: Gewalt im Sport

    Gewalt im Sport ist keine Seltenheit. Meistens ist sie offensichtlich. Zumindest wird über die offensichtliche Gewalt gesprochen. Vor allem dann, wenn diese vom Kollektiv, wie zum Beispiel bei Hooligans ausgeht. Doch auch neben gewaltvollen Fanausschreitungen sind andere Formen der Gewalt im Sport keine Seltenheit. Medial wiederkehrende Gewalt ist im Sport auch in folgenden Bereichen zu erkennen:

    • Boxen/Martial Arts (reglementierte Gewalt)
    • Hooligans und Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen
    • Bengalische Feuer
    • Körperliche Attacken zwischen Spielern
    • Spruchbänder und diskriminierende Transparente von Fans

    Erinnern wir uns aus österreichischer Sicht nur einmal zehn Jahre zurück: Während der Vorbereitungen für die Heimfußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz war die kollektive Fangewalt ein großes Thema. So auch beim berüchtigten „Judaschitz-Transparent“ während eines Vorbereitungsspiels. Anschließend rückten österreichische Top-Sportpsychologen aus, um dem damaligen österreichischen Fußball-Hoffnungsträger Andreas Ivanschitz beste Unterstützung zu geben.

    Hinter verschlossenen Türen

    Doch was ist mit der subtilen Gewalt und den Übergriffen, welche hinter verschlossenen Türen (mehr zum Thema: Mental-Blog.com von Mario Schuster) stattfinden? Darüber wird kaum gesprochen. Und wenn sich das minderjährige Opfer nach Jahren sexuellen Missbrauchs durch eine/n TrainerIn des Vertrauens  an eine andere Vertrauensperson wendet, wird das Opfer nicht immer gehört. Bagatellisierungen oder die Anschuldigung der Lüge sind keine Seltenheit. Denn immerhin ist dieses Thema nachwievor ein Tabu-Thema. „Darüber spricht man nicht„, lautet die Devise einzelner Personen. Die Konsequenz daraus ist, dass sich ein Opfer sexuellen Missbrauchs im Sport im Durchschnitt an ca. 7-8 Personen (Quelle: Fachberatungsstelle „Die MÖWE“) wenden muss, bis dem Opfer Glauben geschenkt wird und erste Maßnahmen zur Beendigung des Martyriums gesetzt werden.

    Die Dunkelziffer sexuellen Missbrauchs sowie sexueller Übergriffe im Sport sind hoch. Zumindest höher als erwartet. Es liegen nur wenige Studien vor, welche sich mit der Prävalenz zu sexuellen Übergriffen im Sport beschäftigt haben.

    Die SAFE SPORT-Studie

    Erst vor wenigen Jahren (Laufzeit: 01.10.2014 – 30.09.2017) wurden systematisch Daten zum Thema sexualisierte Gewalt und Übergriffe im Sport erhoben. Dazu wurden im Rahmen des Forschungsprojekts SAFE SPORT von der Sporthochschule Köln n=1799 deutsche KaderathletInnen aus 128 Sportarten anonymisiert befragt.

    Die erhobenen Daten wurden folgend ausgewertet und sehr differenziert analysiert. Eine Zusammenfassung der (Zwischen-)Ergebnisse des Forschungsprojekts ist auch in der Broschüre „Safe Sport: Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland“ nachzulesen.

    Keine tragischen Einzelfälle

    Gleich vorweg, die Ergebnisse zeigen eines deutlich: Bei den Fällen von sexueller Belästigung im Spitzensport bis zu langjährigem sexuellen Missbrauch minderjähriger AthletInnen handelt es sich nicht um tragische Einzelfälle, sondern es zeigt sich, dass hier ein strukturelles und kulturelles Problem im deutschen (und auch für Österreich ist dies naheliegend) Sport besteht. Diese Fälle werden auch durch eine Vielzahl an strukturellen Bedingungen und Besonderheiten im Spitzensport begünstigt. Potentielle und auch aktive Täter haben folgend auch mit weniger Widerständen zu rechnen.

    Ein wesentlicher Kritikpunkt hierbei ist, dass eine Kultur des Verleugnens, Tabuisierens oder Bagatellisierens dazu führt, dass über das Thema nicht gesprochen wird und Opfer sogar als „Täter“ dargestellt werden (Opfer-Täter- Umkehr). Vielmehr zeigt sich, dass eine Kultur des Hinsehens und der Beteiligung zu einer signifikanten Reduktion sexueller Übergriffe im Sport führt. Aus diesem Grund ist ein Wertewandel im Sport zugunsten des Opferschutzes nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

    Die nationale Drehscheibe: 100% Sport

    Demgegenüber hat die Kampagne „Prävention sexueller Übergriffe und Gewalt im Sport“ (Abkürzung: PSG) ihren Ursprung bereits deutlich vor dem Weinstein-Skandal. Genau genommen hat die in Österreich angelaufene Kampagne gegen sexuelle Übergriffe im Sport ihren Ursprung in der EU-Strategie „Gender Equality in Sport 2014-2020“. Daraus ist auch der Verein 100% Sport entstanden, welcher auch als nationale Drehscheibe in Genderfragen im Sport sowie zur Prävention sexueller Übergriffe und Gewalt im Sport fungiert.

    Seit der Gründung ist einiges passiert. So hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe Unterlagen, Materialien und Broschüren zu diesem Thema unter dem Namen „Für Respekt und Sicherheit“ veröffentlicht. Zudem wurden Mitte Juni 2017 in Wien die ersten Referenten (zu denen ich ebenfalls zähle, zum Profil auf die-sporpsychologen) im deutschsprachigen Raum zum Thema PSG von zwei internationalen Expertinnen ausgebildet. Weitere ReferentInnen und MultiplikatorInnen werden laufend ausgebildet. Ein strukturelles Ziel ist es auch, in allen 67 Bundessportverbänden in Österreich sogenannte MultiplikatorInnen (Gewaltschutzbeauftragte) auszubilden und zu installieren.

    Was hat die Kampagne „Für Respekt und Sicherheit“ mit #metoo zu tun?

    Genau genommen gar nichts: Zwar wird die Vielzahl der medialen Veröffentlichungen im Herbst/Winter 2017 zu sexuellen Übergriffen im Sport von den Medien häufig mit #metoo in Verbindung gebracht wordem, doch streng genommen, haben sich diese beiden Bewegungen unabhängig voneinander entwickelt. Dass beide Kampagnen relativ zeitgleich starteten ist mehr eine Auswirkung des Zeitgeistes, als der einer präzise-abgestimmten Doppelkampagne.

    Die #metoo-Bewegung, so sei gesagt, hat ihre Verbreitung erst im Oktober 2017 durch den „Weinstein-Skandal“ erfahren. Im Sinne der Vollständigkeit: Der Hashtag #MeToo wurde bereits von der Aktivistin Tarana Burke im Jahr 2006 auf MySpace verwendet.

    Eine nationale Initiative

    Zudem hat die BSO (Bundessportorganisation) im Jänner 2018 einen nationalen 5-Punkte-Maßnahmenplan zur Prävention sexueller Übergriffe im Sport erstellt:

    1. Schulung von 100 ReferentInnen bzw. MultiplikatorInnen (Schnittstellen/Ansprechpersonen, welche in den Bundesverbänden installiert werden sollen)
    2. 67 verpflichtende Infotermine in den Bundesverbänden bis Mitte 2018
    3. Empfehlung Strafregisterbescheinigung und Ehrenkodex
    4. Fortbildungsprogramm zum Thema PSG
    5. Vernetzung mit externen ExpertInnen zu Opferschutz

    Darüber hinaus wurde ein Maßnahmenplan mit folgenden Eckpunkten aufgesetzt:

    (a) Kinderschutzregeln für den Sport bzw. einem Verhaltensleitfaden
    (b) offizielle Kooperation mit der Fachberatungsstelle „die möwe“
    (c) Absichtserklärung, Ausmaß und Formen sexueller Übergriffe im österreichischen Sport zu evaluieren

    Eine Finanzierung wurde seitens des Sportministeriums erfreulicherweise zugesichert. Vielleicht kommt nun tatsächlich der österreichische Ableger der SAFE SPORT-Studie zu Stande. Denn dies ist wichtig, um Fakten zu schaffen, welche zeigen, dass es sich bei sexuellen Übergriffen im Sport nicht nur um Einzelfälle handelt. Denn eines steht jetzt schon fest: Handlungsbedarf für präventive Maßnahmen ist gegeben.

    Mario Schuster

    Mehr zum Thema:

    Offizielle Materialien der Arbeitsgruppe zur Prävention sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Sport findest du –> HIER Diese Initiative läuft unter dem Titel „Für Respekt und Sicherheit“

     

    Verwendete Literatur

    Begriff #metoo (2018). Abgerufen am 2. März 2018 unter https://de.wikipedia.org/wiki/MeToo

    Rulofs, B., Hartmann-Tews, I., Bartsch, F., Breuer, C., Feiler, S., Ohlert, J., Rau, T., Schröer, M., Seidler, C., Wagner, I. & Allroggen, M. (2016). Safe Sport. Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland. Sporthochschule Köln.

    Schuster, M. (2018). Hinter verschlossenen Türen: Sexuelle Übergriffe und Gewalt im Sport! Blogbeitrag abgerufen am 30. April 2018 unter http://www.mental-blog.com/MentalBlog_Synergy/uebergriffe-macht-gewalt-missbrauch-sport/

     

     

     

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    Dr. René Paasch: Zum Teufel mit dem 12. Mann

    Zweiundzwanzig spielen Fußball, Tausende und Zehntausende sehen zu. Sie stehen um das Spielfeld herum, kritisieren, pfeifen, geben ihr sachverständiges Urteil ab, feuern die Spieler an, beklatschen einzelne Leistungen, arbeiten sich am Schiedsrichter ab. Sie spielen innerlich mit. Mehr noch: Der Fan möchte mitbestimmen, ob die Lieblingsmannschaft gewinnt beziehungsweise auf- oder absteigt. Dafür schafft er sich eine eigene Wirklichkeit. Über das Phänomen der Kontrollillusion im Fußball und deren Beeinflussung sportlicher Leistung des Stadionpublikums handelt dieser nun folgende Artikel.

    Zum Thema: Kontrollillusion im Auf- und Abstiegskampf

    Gibt es diese Kontrollmöglichkeit des Stadionpublikums, welche so gerne von den aktiven Fußballern als „12. Mann“ bezeichnet wird? Inwieweit ist es den Sportzuschauern überhaupt möglich, einen direkten Einfluss auf die Leistung ihrer Lieblingsmannschaft und Spieler auszuüben?

    Steigen wir mal ein: Ellen Langer stellte 1975 als Erste das Phänomen der Kontrollillusion fest. Sie untersuchte es systematisch und erforschte, dass Menschen oft so handeln, als hätten sie einen Einfluss auf Vorgänge, auf die sie objektiv keinen Einfluss haben. Dies ist beispielsweise bei Bundesligaspielen auf jeder Tribüne zu beobachten. Sicherlich kann niemand den Ausgang eines Fußballspiels beeinflussen oder den entscheidenden Pass zum Torerfolg leisten. Aufgrund ihrer vermeintlichen „Fachkompetenz“ glauben sie jedoch oft, das Ergebnis der Mannschaft vorher sehen und beeinflussen zu können. Sie sind einer Kontrollillusion ausgesetzt, die sie glauben lässt, das Spiel in der Hand zu haben. Die Illusion der Kontrolle ist umso stärker ausgeprägt, je mehr man sich einbildet, in das Handeln eingreifen zu können, weil man zu wissen glaubt, welche Handlung (Aufstellung, Spielereinkäufe) zum Ziel führt. Wir versuchen intuitiv so viele Dinge wie möglich zu steuern, wie bspw. Rituale, Regeln und festgelegte Verhaltensweisen. Diese geben uns Halt und Sicherheit. Paradox: Andererseits verzichten wir häufig in Situationen auf Kontrolle, in denen wir sie eigentlich ausüben könnten. Ein gutes Beispiel ist das Gesundheitsverhalten (Gesunde Ernährung, Bewegung, weniger Stress u.v.m.).

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sache mit dem Selbstvertrauen im Fußball…

    Sportzuschauer und die Beeinflussung sportlicher Leistung

    Doch zurück zu den Fans. Den aktiven Fans, die in den Stadien für die Atmosphäre sorgen und sehr eng mit dem Team und ihrem Verein verbunden sind. Wodurch entsteht ihre unbeschreibliche Motivation als Fan eine solche Leistung abzurufen? Dies liegt aus meiner Sicht in der Verbindung und im Erfolg des Vereins. Sie erwarten positive Gefühle, wie Optimismus und Leistungsfähigkeit, wenn ihre Mannschaft gewinnt. Und sicher gehen viele davon aus, dass sie den Erfolg mitbestimmen können. Demgegenüber gibt es aber Untersuchungen, die zeigen, dass der Einfluss von Zuschauern im Fußball und komplexeren Sportarten nicht gegeben ist. Die Angesprochenen unterliegen der Kontrollillusion. In einer Untersuchung von Strauß (1999) von rund 10.000 Partien der Fußball-Bundesliga zwischen 1963 und 1995 zeigt er erstaunliche Ergebnisse auf. Die einladende Mannschaft siegt häufiger, wenn weniger Fans anwesend waren als im Saisondurchschnitt. Wenn dagegen mehr Fans ins Stadion kommen als im normalen Durchschnitt einer Saison, so hat die Gastmannschaft größere Chancen.

    Aber mal langsam: Die Fans ohne Wirkung? Vielleicht sogar mit einer tendenziell negativen? Schauen wir genauer hin: Die bekannteste Methode zur positiven Einwirkung auf die Leistungen der eigenen Mannschaft und Spieler ist das Anfeuern durch Klatschen und Gesänge, wohingegen das Auspfeifen, das Beschimpfen oder das Entmutigen zentrale Verhaltensweisen zur negativen Beeinflussung der Leistung der gegnerischen Mannschaft darstellen (Strauß, 1999). Ob diese Verhaltensweisen ihren gewünschten Effekt erzielen, bleibt weiterhin unklar, da die Wissenschaft zu keinem allgemeingültigen Urteil kommt. So findet Strauß (1999, 132ff) zusammenfassende Nachweise, sowohl für einen leistungssteigenden-, als auch für einen leistungsmindernden- oder überhaupt keinen Zuschauereinfluss.

    Fazit

    Fan-Sein ist ein ganz wichtiger Faktor im menschlichen Leben. Entsprechende Personen investieren sehr viel Leidenschaft und Energie. Das wird häufig unterschätzt. Es gibt wenig Bereiche, in den Menschen so viel Zeit investieren. Fangesänge können durchaus motivierend sein aber auch zu Fehlern einzelner Spieler führen. Der wichtigste Punkt in dieser Betrachtung ist: Ein guter Profifußballer blendet diese Bedingungen jedoch nahezu aus. Die Spieler sind von ihren Vereinen inzwischen so gut geschult, dass sie äußere Einflüsse ignorieren können sollten. Schauen wir mal, ob uns dies in den letzten Bundesligaspielen der Saison 2017/018 so bestätigt wird oder ob sich noch Nachholbedarf zeigt. Das Gerangel um die europäischen Startplätze und vor allem der Kampf um den Klassenerhalt in der ersten und zweiten Bundesliga bieten wunderbaren Anschauungsunterricht.  

     

    Lust, über Fußball zu diskutieren? 

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

     

    Literatur

    1. Kübert R., Neumann H., Hüther J., Swoboda W. Fußball, Medien und Gewalt. Medienpädagogische Beiträge zur Fußballfan-Forschung (S.45-50). München: KoPäd-Verlag
    2. Langer, E. (1975): The Illusion of control. Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 32, Iss. 2, S. 311–328
    3. Pilz, G.A., Schippert, D. Silberstein, W. (Eds.) (1990): Das Fußballfanprojekt Hannover. Ergebnisse und Perspektiven aus praktischer Arbeit und Wissenschaftlicher Begleitung. Münster (lit).
    4. Pilz G., Behn S., Klose A., Schwenzer V., Steffan W., Wölki F. (2006): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball. Schorndorf: Hofmann-Verlag
    5. Strauß, B. (Hrsg) (1998). Zuschauer. Göttingen: Hofgrefe
    6. Strauß, B. (1999): Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen. Lengerich: Pabst
    7. Strauß, B. (2002a). Über den Heimvorteil. Spectrum der Sportwissenschaft, 14, 70-90.
    8. Strauß, B. & Welberg (2008). Der Heimvorteil bei Kontinentalmeisterschaften im Fußball. Spectrum , 20 (1), 64 – 73.

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    Prof. Dr. Oliver Stoll: April – der Monat, in dem sich alles verändert… (Streakrunning-Serie, Teil 5)

    Veränderung. Genau, das macht ja auch den April in jedem Jahr mal wieder aus. Im April verändert sich alles! Die Luft, die Erde und das Wasser erwärmt sich, die Blumen und Bäume „explodieren“ förmlich, damit verbunden ist eine Farbenvielfalt und eine blütengeschwängerte Luft, die meine sensibilisierten Wahrnehmungsorgane Tango tanzen lassen. Aber bevor wir zu den Veränderungen kommen, schauen wir mal kurz in die Fakten.

    Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 5

    Seit dem 1. Januar 2018 bin ich nun 1031 Kilometer gelaufen, und davon allein im April 265 Kilometer. Ein Drittel des Jahres ist nun vorbei und damit verbunden eben auch 121 Tage, an denen ich täglich gelaufen bin.

    Dieser Monat war wild, schwierig, sinnlich, und extrem. Was den Streak betrifft, so war er zwar nie wirklich in Gefahr, aber ich war zweimal „am Limit“. Am Limit war ich jeweils an den Tagen, nachdem ich an Wettkämpfen teilgenommen hatte. Das war zum einen ein 16 Kilometer Trail-Lauf am Schladitzer See und am Wochenende darauf der Kyffhäuser Berglauf (22 Kilometer). Bei beiden Läufen waren natürlich ein paar Höhenmeter dabei und es waren wie schon gesagt: „Wettkämpfe“. Soll heißen: Kein „Vor sich hin joggen“ in flachem Gelände im gemächlichen Tempo zwischen 5:30 und 6:00 Minuten pro Kilometer – sondern Vollgas! Beim Neuseen TrailRUN am Schladitzer See ist mir sogar etwas gelungen, was ich nicht sehr häufig erlebe – ich landete auf Platz drei in meiner Altersklasse und stand auf dem Podium. Das konnte ich zwar beim „Kyffi“ nicht wiederholen (war auch kaum möglich, da dieser Lauf sehr viel besser besetzt ist), aber flott war der dann trotzdem mit einem Kilometerschnitt unter 5:50 Minuten pro Kilometer bei reichlich Höhenmetern. So oder so – schwierig waren die zwei, drei 3 Tage nach dem Lauf. Ich hatte mächtig Probleme (Schmerzen) im rechten Knie. Nicht das diese Erfahrung neu für mich gewesen wäre, denn das ist meine ganz persönliche „Achillessehne“, dass weiß ich. Ich habe mir wohl Mitte der 1980er Jahre (eine Zeit, in der ich „sehr extrem“ drauf war) dort den Meniskus etwas ruiniert. Also diesen Schmerz kenne ich. Ich habe jedoch um das Knie herum ganz gut Stützmuskulatur aufgebaut, dass die „normale Belastung“ abfängt, aber wenn Du – wie beim Kyffhäuser Berglauf – auf den letzten beiden Kilometern bergab „all in“ gehst, dann packt das die dann ohnehin angeschlagene Muskulatur auch nicht mehr. Das Ergebnis: Schmerzen – und eben immer noch das Ziel: Täglich laufen. Ich weiß, jeder von Euch sagt jetzt: „Hast Du eine Macke – Höre auf mit dem Kram, erhole dich“, aber meine Antwort dazu ist: „Ich weiß, dass das möglich ist, ohne großen Schaden zu nehmen.“ Und was ich dazu brauche, ist meine „Anti-Knie-Schmerz-Allzweckwaffe“ – meine Vibram 5-Fingers.

    Abbildung: Olivers „Anti-Knie-Schmerz-Allzweckwaffe“

    Einfache Umstellung

    In den Tagen nach den Wettkämpfen habe ich mein Schuhwerk umgestellt. Von einem eher neutralen Schuh mit viel Dämpfung und hoher Sprengung (12mm) auf einen sogenannten „Natural-Running-Schuh“ ohne Dämpfung und ohne Sprengung. Die gibt es übrigens auch von anderen Marken (nicht nur von Vibram). Fakt ist: Zwei bis drei Tage, fünf bis sieben Kilometer nach den Wettkampfläufen, flach im Tempo zwischen 6:30 und 7:00 Minuten pro Kilometer und die Schmerzen sind weg. Warum das funktioniert? Keine Ahnung! Vielleicht haben wir hier ja einem Biomechaniker unter den Lesern, der mir das erklären kann. Ich weiß aber eben, dass das funktioniert. Der Wirkmechanismus dahinter interessiert mich erst einmal nicht weiter. Dennoch waren diese Tage – auch mental – sehr schwer, denn ich war mir nicht sicher, ob das wieder so funktioniert, wie in der Vergangenheit und Aufgeben mit dem Streaken will ich nicht, denn dazu ist mir das Täglich-Laufen zu sehr ans Herz gewachsen, weil ich wirklich sehr davon profitiere. Ich möchte hier nicht „Schön-Zeichnen“. Ich weiß, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Entweder trainiere ich für Wettkämpfe oder ich mache mit „Täglich-Laufen“ weiter. Beides zusammen ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Das geht früher oder später schief.

    Und ansonsten? Ansonsten war – wie schon angedeutet der Monat der vielen Veränderungen. Neben den Veränderungen, die in der Natur stattfinden, verändert sich auch das Berufsleben eines Hochschullehrers. Es ist der Monat, in dem die Vorlesungszeit wieder beginnt. Vorlesungen, Seminare, Sprechstunde, Instituts- und Fakultätsratssitzungen, Mitarbeiter-Besprechungen und Konferenzen pressen mich in ein Korsett, aus dem ich nicht ausbrechen kann. Konferenzen erfordern auch noch Reisetätigkeit, die mich zeitlich eben auch in der Planung meiner Laufeinheiten ganz schön herausfordert. Hinzu kam auch noch die Tatsache, dass Frauke und ich unser Buch „Einmal war ich in Biel“ als Druckversion auf den Markt gebracht haben. Dazu mussten wir ein kleines Unternehmen gründen und sind natürlich sofort umsatzsteuerpflichtig geworden. Auch diese Organisationsarbeit musste irgendwie erledigt werden. Da sollte doch eigentlich eine sehr gute und bewusst-funktionale Tagesplanung von Nöten sein. Aber genau diesbezüglich kam mir ein psychologischer Prozess zu Hilfe, der uns allen besten bekannt ist – und zwar „Anpassung“. Wenn wir etwas oft genug tun, brauchen wir diesbezüglich nicht immer unsere volle Aufmerksamkeit, weil sich einiges an Informationsverarbeitungsprozessen „automatisiert“. Ganz konkret erlebte ich dies in Situationen, die mich selbst überrascht haben, und die ich mir nur so im Nachhinein erklären kann. Wenn ich morgens beim Kaffee sitze und mit Frauke und mit unseren Kindern rede, dann höre ich völlig unbewusst, neben den Verkehrsnachrichten mit Fokus auf die A14 auch den Wetterbericht. Wenn ich das Haus verlasse, habe ich immer meine (perfekt gepackte) Arbeitstasche und meinen Laufrucksack dabei. Die Zeit nach Halle verfliegt mental, weil ich mich während der Fahrt mit den anstehenden Aufgaben auseinandersetze. Komm ich dann im Büro an – und finde eine Stunde Zeit für mich, bin überrascht, dass ich immer die Wetter angepassten Klamotten dabei habe, um Laufen zu gehen. Das Einpacken passiert mittlerweile automatisch – unbewusst. Ich erledige mittlerweile auch „Wege in der Stadt“ zu Fuß – kein Auto, keine Straßenbahn, kein Fahrrad. Zehn bis 15 Kilometer kann man auch laufen. So geschehen auch an einem Mittwoch, an dem ich zum Fakultätsrat gelaufen bin – meine normale Hose und das Hemd sowie ein Handtuch im Rucksack. Sechs Kilometer hin und zurück – kein Problem. Ich war während des Laufes dorthin und zurück so sehr in Gedanken mit den zu behandelnden Themen beschäftigt, dass ich Abends zuhause kurz darüber nachdenken musste, ob und wenn ja, wo – ich überhaupt schon gelaufen bin? Fazit: Einiges meiner Lauferei scheint in den mentalen „Automatik-Modus“ abzudriften (so wie das Zähneputzen). Das ist sehr funktional – aber es geht dabei auch einiges an Emotionalität und Genuss verloren.

    Buch-Tipp:

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Einmal war ich in Biel (Buch-Bestellung)

    Abbildung: Genuss pur – Laufen mit Frauke

    Wochenendgenüsse

    Genuss hole ich mir nach wie vor am Wochenende, wenn ich mit Frauke unterwegs sein kann. Der Frühling lockt auch sie immer häufiger mit mir nach draußen und am schönsten, lustigsten und genussvollsten ist eben das gemeinsame Erleben draußen im warmen Frühling, ob am Strand mit direkten Möglichkeiten, sich im Wasser abkühlen zu können oder im Wald, in dem uns zur Zeit der Bärlauch-Geruch förmlich betäubt.

    Zwei Themen will ich aber noch kurz ansprechen. Ich war ja im April in Köln zur „International Conference of Behavioral Addictions“ – also einer Tagung für Vehaltenssüchte. Ich werde ja logischerweise immer wieder von verschiedenen Menschen „angezählt“, von wegen ich sei süchtig, und würde meiner Gesundheit schaden. „Exercise Dependence“ – also Sportsucht – gehört ja auch zu den sogenannten Verhaltenssüchten, und ich forsche ja auch in diesem Bereich. Kann sein, dass ich möglicherweise mal süchtig war, aber das ist gut 30 Jahre her. Was mich jedoch sehr optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass selbst in diesem Gremium von anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darüber diskutiert wird, ob wir Forscher und somit auch die Gesellschaft zunehmend dazu neigen, sogenanntes „exzessives Verhalten“ zu schnell zu pathologisieren. Zu einer Suchterkrankung zählt eben vor allen Dingen auch, dass der Klient unter diesem Verhalten leidet. Fakt ist aber auch, dass weder ich, noch viele anderen Menschen, die täglich laufen, darunter leiden, sondern wir lieben das, was wir tun. Eine harmonische Leidenschaft kann niemals zu einer Suchterkrankung führen. Zwanghafte Leidenschaft ist etwas komplett anderes.

    Und abschließend weiß ich nun, was ein „Influencer“ ist. Meine Schwiegertochter Anne läuft täglich, mittlerweile seit 18 Tagen.

     

    Die komplette Serie:

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1)

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Grenzenlose Gelassenheit (Streakrunning-Serie, Teil 2)

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sinne schärfen sich (Streakrunning-Serie, Teil 3)

    Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefangen zwischen Leistungsorientierung und Bauchgefühl (Streakrunning-Serie, Teil 4)

     

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