Start Blog Seite 121

Thorsten Loch: Auslaufen und Teamentwicklung – passt das?

Thorsten Loch
Per Klick zur Profilseite von Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

„Zu jeder Einheit sind Laufschuhe mitzubringen!“ So oder so ähnlich lautet meist die letzte Information auf dem Vorbereitungsplan. Ich kenne wenige Fußballer, die bei diesem Satz nicht die Nase rümpfen. Dabei können Laufschuhe auch aus sportpsychologischer Sicht ein wunderbares Vehikel sein, zum Beispiel im Sinne des Teambuildings. Denn neben dem Aufbau der physiologischen Parameter ist in der Vorbereitung ein Hauptziel des Trainers, aus der Menge an Individuen ein Team zu entwickeln, dass möglichst erfolgreich agieren kann. Das hinter dem Prozess der Teamentwicklung weitaus mehr als nur der obligatorische Besuch im Hochseilgarten steckt, ist vielen dabei nicht bewusst. Aus diesem Grund haben meine Kollegin Lisa-Marie Rückel und ich uns zur Aufgabe gemacht, in den nächsten Beiträgen den Teamentwicklungsprozess nach Tuckmann dem interessierten Leser vorzustellen und geeignete Interventionen mit an die Hand geben. Und da kommen sogar die Laufschuhe wieder ins Spiel.

Zum Thema: Wie kann das „Auslaufen“ aktiv genutzt werden, um den Teamentwicklungsprozess positiv zu beeinflussen?

Das Auslaufen hat mehrere gute Gründe, weshalb es nach den Einheiten genutzt werden sollte. Neben der aktiven Erholung für den aktiven und passiven Bewegungsapparat, sowie für Psyche (Regenerationszeit verkürzen) kann das gemeinsame lockere Austraben bewusst als Tool für die Teamentwicklung genutzt werden. Insbesondere zu Beginn der neuen Saison, wenn es gilt, neue Spieler in das bestehende Team zu integrieren und aus Einzelkämpfern ein funktionierende Team zu schaffen.

Damit der Sinn und Zweck erkenntlich wird, soll im Folgenden kurz die Theorie dargestellt werden. Der Weg zu einem funktionierenden Team ist nach Tuckmann (1965) an verschiedene Phasen eines Entwicklungsprozesses gebunden, die nacheinander durchlaufen werden müssen. Dieser stringente Ablauf wird auch als Teamentwicklungsuhr (Abbildung 1) bezeichnet. In Bezug auf die Steuerung von außen ist anzumerken, dass in jeder dieser Phasen Führung hilfreich und erforderlich ist. Das bedeutet, der Trainer und sein Verhalten sind maßgeblich an dieser Ausbildung beteiligt. Ggf. können bestimmte Interventionen die eine oder andere Phase günstig beeinflussen und beschleunigen.

Phase 1 Forming

In dieser ersten Phase lernen die Teammitglieder sich kennen und miteinander umzugehen. Man ist höflich und eher unpersönlich zueinander. Man geht vorsichtig miteinander um. Regeln der Zusammenarbeit werden formuliert und verabredet. In dieser Phase ist das Team vom gemeinsamen Funktionieren noch weit entfernt. Es geht darum, Situationen zu schaffen, in denen sich die Mitglieder kennen lernen können und ein Austausch möglich wird. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, in dieser Phase eine gemeinsame Zielstellung zu formulieren.

Und hier kann bspw. das Auslaufen aktiv genutzt werden, um erste Berührungspunkte zu schaffen. Denkbar wäre, dass das Team mit verschiedenen Aufgaben während des Laufens beauftragt wird. Hier sind der Phantasie der Trainer keine Grenzen gesetzt. Zum Beispiel könnten sich die Spieler untereinander über private Dinge austauschen. Je nach Altersgruppe können auch spielerische Elemente mit eingebaut werden. So sollen sich die Spieler untereinander austauschen und dem kalendarischen Alter entsprechend von jung bis alt nach dem Auslaufen aufstellen können. Die Variablen können beliebig verändert werden. Über geographische Lage (Nord – Süd) des Geburtsortes, der Körpergröße usw. Damit die Aufgabe nicht allzu schnell seinen Reiz verliert, kann der Ball auch mit genutzt werden. Die Spieler sollen sich den Ball untereinander zu spielen, ohne einen Fehlpass zu provozieren.

Training/Spiel Revue passieren lassen

Eine weitere Möglichkeit ist, die Trainingsinhalte noch einmal ins Bewusstsein zu rufen. Wer den gleichen Fehler nicht ein zweites Mal machen möchte oder die einstudierten Sachverhalte (z.B. Abseitsfalle der Defensive oder Standartsituationen der Offensive) besser verinnerlichen möchte, kann das Auslaufen bestens dazu nutzen, um zum einen Situationen zum Austausch untereinander zu schaffen, als auch die Effektivität zu erhöhen. Das gilt für das Training als auch für den Wettkampf.

Beispielsweise hat man direkt nach einer Partie noch eine Menge Spielszenen im Kopf präsent und kann beim lockeren Austraben ganz nebenbei überlegen, warum sich eine Spielsituation auf eine bestimmte Weise entwickelt hat und nicht anders.

Fazit

Neben der physiologischen Vorbereitung und der Vermittlung der Spielidee, ist die Teamentwicklung ein zentrales Thema in der Vorbereitung. Das sich hinter dem Prozess der Teamentwicklung – umgangssprachlich auch als Teambuilding bezeichnet – weitaus mehr als der gemeinsame Besuch eines Hochseilgartens verbirgt, ist augenscheinlich vielen nicht bewusst oder sie wissen nicht, was man noch tun kann. Aus diesem Grund ist es unser Ziel, den interessierten Trainern Informationen mit an die Hand zu geben, wie der Prozess aktiv begleitet werden kann. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr wollen wir die Ideen vermitteln und freuen uns über einen regen Austausch.

Mehr zum Thema

In einem Beitrag für Sportschau.de geht Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, der Frage nach, ob es in der Fußball-Bundesliga einen Trend in Sachen Teambuilding gibt. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Views: 12288

Dr. René Paasch: Sportler im Kampf gegen die Sucht – Das Beispiel Jan Ullrich

Deutschlands Radsport-Held Jan Ullrich befindet sich in einer schweren Krise. Seine Geschichte macht mich tatsächlich sehr betroffen. Aufgrund dessen möchte ich diesen schweren Weg der Suchtentwöhnung kurz beschreiben, sensibilisieren und die verschiedenen Möglichkeiten der Prävention im Leistungssport aufzeigen. Denn leider ist Jan Ullrich auch kein Einzelfall.

Zum Thema: Präventionsmöglichkeiten und Früherkennung von psychischen Erkrankungen bei Leistungssportlern

Der Radsport-Profi Jan Ullrich lieferte sich in seinem Leistungssportlerleben große Duelle mit den Legenden seiner Sportart (Marco Pantani, Bjarne Riis oder Richard Virenque). Sie alle mussten mit ansehen, wie Ullrich ihnen davon fuhr und 1997 als erster Deutscher überhaupt die Tour de France gewann. Im Alter von 23 Jahren war der Rostocker auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Doch es folgten immer wieder Rückschläge. So gilt Ullrich als der wohl prominenteste Dopingsünder Deutschlands. Immer wieder berichteten Boulevardmedien dann nach seiner Karriere über Eskapaden des einstigen Topstars des Team Telekom. Nach seinem jüngsten öffentlichen Absturz lässt sich der Ex-Radprofi nun in einer Entzugsklinik behandeln. Was dort genau passiert, möchte ich Ihnen nun näher erläutern:

Zunächst einmal müssen fürsorgliche und motivierende Gespräche geführt werden, damit ein Betroffener überhaupt den Weg in die Suchtklinik findet (Teamcoach, Familie, Freunde, Teamkollegen). Der Entzug in der Klinik dauert dabei oft nur wenige Wochen, abhängig vom Suchtstoff. Es gibt Drogen, die kann man sofort absetzen, weil der Entzug zwar unangenehm, aber nicht gefährlich ist. Dazu gehören zum Beispiel Opiate und Heroin. Das Absetzen ist zwar extrem unangenehm, aber medizinisch nicht bedenklich. Des Weiteren gibt es aber auch diejenigen Suchtstoffe, die man aus medizinischen Gründen langsam ausschleichen lassen muss, da diese sehr gefährliche Nebenwirkung aufweisen. Das gilt zum Beispiel für Beruhigungsmittel, sogenannte Tranquilizer.

Spezielle Herausforderung für Ullrich

In der jetzigen Verfassung des Ex-Radsportprofis Jan Ullrich veranlasst man für einen Alkoholentzug und Amphetamine jeweils zwei bis drei Wochen. In der Klinik wird der körperliche Entzug durchgeführt, bis die Entzugssymptome abgeklungen und der Suchtstoff vollkommen aus dem Körper abgebaut ist. Diese Zeit wird bereits intensiv für eine Suchttherapie mit therapeutischen Plangesprächen genutzt. Hier wird erläutert, was die Mechanismen sind, was Sucht bedeutet, wie sie entsteht, welche die Rückfallgefahren sind und wie man ein suchtfreies Leben gestalten kann. Dies geschieht sowohl in Einzelgesprächen als auch in Gruppensitzungen. Gerade die Gruppentherapie ist bei der Sucht sehr hilfreich, weil sich die Betroffenen untereinander austauschen können. Es ist viel authentischer und glaubwürdiger, wenn beispielsweise von anderen Betroffenen Warnungen oder Überzeugungen genannt werden. Wichtig: Bereits in der Entzugsklinik muss erarbeitet werden, wie es anschließend weitergeht. Denn die Vorstellung, ich mache jetzt drei Wochen Therapie und dann bin ich das Problem los, funktioniert leider nicht.

Prof. Dr. Oliver Stoll bei Welt TV

Auch Prof. Dr. Oliver Stoll von Die Sportpsychologen beschäftigt das Thema Jan Ullrich. Er war kürzlich u.a. Talkgast beim Nachrichtensender Welt TV.  Hier geht es zu seinem Interview: https://www.welt.de/sport/video181095920/Der-Fall-Jan-Ullrich-Das-Problem-der-Spitzensportler-mit-dem-Karriereende.html

Nun ist zu hoffen, dass Jan Ullrich seine Situation annimmt und die spezielle Herausforderung meistert. Das heißt, die Überzeugung muss in diesen wenigen Wochen in der Klinik bereits erreicht werden, um am Ende das hoch gesteckte Ziel zu erreichen. Zumal sich mit der Entwöhnung direkt die zwei Phase anschließt. Diese kann durchaus auch in einer Spezialklinik stattfinden. Dort verbleiben Betroffene noch einmal für etwa sechs bis acht Wochen. Es gibt aber auch ambulante oder teilstationäre Möglichkeiten der Entwöhnung. Hierzu zählt beispielsweise der zweimalige Besuch pro Woche einer Suchtberatungsstelle und einer Selbsthilfegruppe. Für Menschen, die so berühmt wie Jan Ullrich, ist diese Phase zusätzlich herausfordernd. Besonders in einer Selbsthilfegruppe.

Prävention und Hilfe

Schauen wir uns aber nun die Möglichkeiten der Prävention und Hilfsmöglichkeiten, insbesondere mit Blick auf den Leistungssport, an: Wird psychisches Leiden von im Leistungssport tätigen Personen berichtet, so können damit verschiedene Probleme einhergehen. Zum einen scheint es aufgrund der öffentlichen Präsenz schwer zu sein, adäquate Hilfsangebote zu finden, zum anderen kann das Bekanntwerden einer psychischen Erkrankung das Karriereende des Betroffenen bedeuten.

Nach dem Suizid von Robert Enke wurden das Referat Sportpsychiatrie und -psychotherapie der DGPPN und die Koordinationsstelle MentalGestärkt an der Deutschen Sporthochschule Köln gegründet, die sich mit dem Thema „Gesundheit/Krankheit im Leistungssport“ beschäftigen. Daraus lässt sich schließen, dass Athleten im Leistungssport ein Netzwerk aus multiprofessionellen Fachkräften benötigen (ASP, BISP-Datenbank, Die Sportpsychologen, MentalGestärkt).  Zu deren Aufgaben gehört die Vernetzung von Experten und Institutionen, so dass Leistungssportler in puncto Gesundheitserhaltung und Krankheitsbehandlung optimal informiert und versorgt werden können. Aufgrund der Komplexität ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten hinsichtlich der Vorbeugung und Behandlung von psychischen Erkrankungen bei Leistungssportlern und Trainern, welche ich hier stichpunktartig aufführe:

  • Strategien für Präventionsmaßnahmen (näheres dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/09/dr-rene-paasch-praevention-statt-burnout-im-leistungsfussball/)
  • Krankheitssymptome bei Leistungssportlern und Trainern im multiprofessionellen Team (Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Sportpsychologe) erkennen und frühzeitig intervenieren (Hoyer, Kleinert, 2010).
  • Psychiatrische Behandlung erkrankter Leistungssportler und Trainer (ambulant, stationär, teilstationär)
  • Regelmäßige Vorträge/Workshops zur Psychoedukation von u.a. Stress/Druck, depressiven Erkrankungen sowie Beziehung und seelische Gesundheit (Sulprizio, 2011).

Fazit

Jan Ullrich tut mir sehr leid. Ich kenne ihn und seine persönlichen Hintergründe nicht, aber er hat es aktuell viel schwerer als andere Suchtkranke. Denn zusätzlich wird Ullrichs Schicksal öffentlich, dies sogar international, verfolgt. Die daraus resultierende extrem hohe Erwartungshaltung ist eine zusätzliche psychische Last. Ich wünsche Herrn Ullrich von ganzem Herzen eine gute Besserung! Mögen meine und viele andere Genesungswünsche ihm Kraft für seinen Heilungsprozess schenken.

Literatur

Hoyer, J. & Kleinert, J. (2010). Leistungssport und psychische Störungen. Psychotherapeutenjournal, 3, 252 – 360.

Sulprizio, M. (2011). MentalGestärkt. Psychische Gesundheit im Leistungssport. Medicalsports network, 6, 14 – 17.

Internet

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/09/dr-rene-paasch-praevention-statt-burnout-im-leistungsfussball

Views: 517

Johanna Constantini: Warum uns Leistung leichter fällt, wenn wir sie ihrem Zweck entbinden!

Johanna Constantini

Sport als „Philosophie für den Körper“, dieser Ausspruch inspirierte mich, als vor kurzem das Philosophie-Magazin Hohe Luft las. Sehr spannend, wie die Autoren in einem Bericht über Sport auf die Auseinandersetzung mit philosophischen Ansätzen während der körperlichen Verausgabung Bezug nehmen.

Zum Thema: Den Sport um seiner selbst Willen erleben!

Obwohl Sport besonders von den Philosophen oftmals als sinnlos abgetan wurde, so sehen einige von ihnen gerade darin den Sinn der physischen Betätigung. Der französische Schriftsteller Georges Magnane schrieb dazu beispielsweise, dass gerade der Sport es ist, der einer „ansonsten unsinnigen Bewegung durch sein Dasein erst einen Sinn verleiht“.

Was hat es also auf sich, wenn Bewegungen eingeübt, trainiert und ausgeführt werden, die ohne den Deckmantel des Sport gar keine Berechtigung hätten? Genau dann steht der Sport – wie Magnane schreibt – für „mehr als ein Bild von der Wirklichkeit.“ Dann ist er „ein System von Bedeutungen, dass eine eigene Wirklichkeit erst konstitutioniert.“

Einfach einfach sein

Dieser Gedanke des Franzosen gefiel mir besonders, legitimiert er doch die Ausübung des Sports als eigenes, von jeglichem Zweck entbundenes Tun. „Einfach sein“ ist es, was nicht nur wir Psychologen mithilfe von Achtsamkeitsübungen erreichen wollen. Fällt es also leichter, wenn wir uns darauf besinnen, dass sich der Sport allein um seiner Selbst Willen legitimiert?

Sport also erst gar nicht als auf die Leistung bezogenes Instrument zu verstehen, sondern erstmal „einfach sein zu lassen“, wie immer man das verstehen möchte?

Sport als Spiel- & Übungplatz des Lebens

Ein weiterer Gedanke, der in dem Artikel angesprochen wurde, bezieht sich ebenfalls auf die Einfachheit, nämlich jene, die entsteht, wenn wir einmal nicht leisten müssen. So wird der erfolgreiche Arzt beim Betreten des Tennis Courts nicht mehr als solcher, sondern als jener mit dem ’noch etwas schwachen Aufschlag‘ beschrieben. Um sich genau darauf ausruhen zu können, während er sich in der Übung um ein besseres Service vergnügt.

Denn wo sonst können wir als Menschen so herrlich üben, als bei Bewegungen, die aufgrund ihrer eigentlichen Unsinnigkeit niemals den einen Sinn erfüllen müssen?

Vergnügen – ganz ohne Sinn

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Nicht von ungefähr stammt das Wort Sport von dem französischen Verb “se desponser”, was so viel bedeutet wie sich zu vergnügen. Vergnügen muss keinen Sinn erfüllen, sondern kann sich diesem spielerisch entziehen. So lautet auch das Fazit meines Ausflugs in philosophisches Gedankengut: 

Wir sollten uns die Sinnfrage sowohl im Amateur- als auch im Leistungssport immer mal wieder stellen, um uns damit an seiner absoluten Sinnlosigkeit zu erfreuen und genau diese Leichtigkeit für unsere Leistungen zu nutzen. 

Quelle: Maja Beckers. Mit Leib und Seele. In: Hohe Luft. Für alle, die Lust am Denken haben. Philosophie-Zeitschrift, 2018 Ausgabe 4, Seiten 23-27.

Mehr von Die Sportpsychologen:

Views: 2491

Johannes Stuppi: Darf ich vorstellen: Ich bin Sportpsychologe!

Das Netzwerk Die Sportpsychologen wächst stetig. Neben einigen arrivierten und erfahrenen Profilinhaber bietet die Plattform ebenso Platz für ambitionierte Berufseinsteiger (alle Profilinhaber auf einem Blick). In dieser Serie begleiten wir Johannes Stuppi auf den ersten großen Schritten im Berufsfeld. Das Ziel: Jungen Menschen Mut machen, sich für die Disziplin Sportpsychologie zu begeistern. Sportler exemplarisch zeigen, wie die Menschen hinter der Berufsbezeichnung Sportpsychologe ticken. Und unter Sportpsychologen aktiv die Vernetzung fördern. Aber genug der Vorrede:

Zum Thema: Mein Weg in die Sportpsychologie (Teil 1)

Ich wollte schon immer irgendwas mit „Sport“ werden. Denn seien wir mal ehrlich: Als wir noch ganz klein waren, hielt sich jeder von uns doch für den besten Kicker nördlich des Äquators und wir träumten vom großen Profifußball. Irgendwann merkten dann die meisten (ich leider schon früher als später), dass wir leider doch nicht das Zeug zum nächsten Pelé haben würden und dachten uns Alternativen aus. Meine Alternative: Sportkommentator. Sport habe ich sowieso den ganzen Tag geschaut, wobei die Sportart dabei reichlich irrelevant für mich war! Was sich bis heute nicht geändert hat ist, dass ich mich immer noch für jede Sportart interessiere, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich habe allerdings festgestellt, dass ich viel lieber mit Sportlern spreche, als nur über sie und bin in der Psychologie gelandet. Von da an war die Sache recht klar: Sportpsychologe!

Nun ja, genauer gesagt bin ich aktuell eher Psychologe und Sportwissenschaftler. Offiziell darf ich mich erst nach Abschluss des asp-Curriculum Sportpsychologie im Rahmen des BiSp auch so nennen. Allerdings möchte ich nun, da ich mein Uni-Studium beendet habe, endlich als Sportpsychologe praktizieren, also wie sollte ich mich da sonst nennen?

Was heißt es, Sportpsychologe zu sein?

Aber was heißt das überhaupt: „Ich bin Sportpsychologe?“ Bin ich das überhaupt schon, nur weil ich die passenden Fächer studiert habe und mich ganz gut mit Sport auskenne? Was macht mich zum Sportpsychologen? Bin ich bereit, Sportlern mit teilweise jahrelanger Erfahrung eine wertvolle Unterstützung zu sein? Warum sollten Sportler ihr Vertrauen in mich setzen, wertvolle Zeit und auch noch Geld investieren, um mit mir zu arbeiten?

All diesen Fragen gilt es in den nächsten Wochen und Monaten nachzugehen. Auf einige davon, glaube ich bereits jetzt eine Antwort zu haben, andere werde ich mit Sportlern und auch mit mir selbst ergründen. Außerdem tauchen zu Beginn der Arbeit mit Klienten zusätzlich einige ganz praktische Fragen auf, die mich auch immer wieder im Laufe der Zusammenarbeit begleiten werden. Diese kleinen und größeren Fragezeichen, die sich mir als Neuling dabei stellen werden, sind für mich neue Herausforderungen, auf die ich mich freue.  

Ein echter Austausch gewünscht!

Dieser Blog soll mich bei den ersten Schritten als Sportpsychologe in der Praxis begleiten. Hierbei möchte ich die aufkommenden Fragen offen und ehrlich diskutieren und dankbar auf die Hinweise und Erfahrungen der etablierten Kollegen dieses Netzwerks zurückgreifen. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen
Der Highlights-Clip unseres Netzwerkevents im Juni 2018 – „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“

Egal ob ihr SportlerIn, SportpsychologIn oder einfach Interessierte seid: Ich hoffe auf einen regen Austausch mit euch allen und freue mich, wenn ihr mich bei meinem Einstieg in die Sportpsychologie begleitet. Vielleicht wird mir der ein oder andere von euch sogar auf diesem Weg als Kollege oder Klient begegnen. 

Soweit erst einmal zum Start. Ich melde mich hier bald wieder.

Johannes (direkt zur Profilseite)

Johannes Stuppi

Views: 1559

Sportpsychologie im Profi-Fußball: Zwischen Trend und Träumerei

Das Millerntor-Stadion, die Spielstätte des FC St. Pauli

Für viele Sportpsychologen ist der professionelle Fußball das berufliche Traumziel. Allerdings gestaltet sich in der Realität der Weg dorthin lang und steinig: Insbesondere, weil es trotz vieler positiver Entwicklungen im Erwachsenenbereich immer noch an Akzeptanz für und Vertrauen in die Disziplin mangelt. Nur die wenigsten Bundesligisten arbeiten mit Sportpsychologen auf Vollzeitbasis. Bei vielen Vereinen findet sportpsychologische Arbeit im Profi-Team, wenn überhaupt, nur abseits der öffentlichen Wahrnehmung statt.

Im Sommer sind wir von Die Sportpsychologen auf den deutschen Zweitligisten FC St. Pauli aufmerksam geworden, der recht offensiv in den Medien von seiner Suche nach einem geeigneten Fachmann bzw. Fachfrau berichtete. Anlass genug, dass Redaktionsleiter Mathias Liebing für die neue Interviewserie „Die Sportpsychologen treffen…“ nach Hamburg fuhr, um dort Uwe Stöver, den Sportchef des FC St. Pauli, zu interviewen.

Zum Thema: Sportpsychologie im Profi-Fußball

Anders als viele andere Fußball-Bundesligisten geht der FC St. Pauli offen mit seinem Bedarf an sportpsychologischem Know-How um. Nach der Analyse der durchwachsenen Saison 2017/2018 kamen die Hamburger zu dem Schluss, dass es im Trainerstab sowie auf Ebene der Verantwortungsträger im Verein schlicht an Expertise fehle, die Mannschaft im Sinne von Zusammenhalt, Mentalität und Selbstvertrauen weiterzubringen. Die Lösung? Es soll ein Sportpsychologe verpflichtet werden. Das Problem: Es ist alles andere als einfach, eine geeignete Person zu finden. In der folgenden Multi-Media-Story berichtet Uwe Stöver von der schwierigen Suche, von den hohen Ansprüchen und den realistischen Erwartungen, die beim FC St. Pauli an die Personalie Sportpsychologe geknüpft werden:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Direkt zur Multi-Media-Story: „Die Sportpsychologen treffen Uwe Stöver“

In mehreren Interviews hatte Sportchef Uwe Stöver in der Sommerpause von der schwierigen Suche nach einem Sportpsychologen berichtet. Ursache? Für Außenstehende ist der Markt höchst intransparent. Meist fällt es schwer, belastbare Informationen zu Qualifikationen, Abschlüssen und Erfahrungen ausfindig zu machen (Hinweis: Auf unseren Profilseiten versuchen wir, die Informationen zu jedem einzelnen Sportpsychologen im Netzwerk optimal aufzubereiten und frei zugänglich zu machen. Zu den Profilseiten). Hinzukommt, dass auf Ebene von Bundesliga-Vereinen personelle Akquise in der Regel über persönliche Kontakte funktioniert – ist ein Sportpsychologe nicht oder noch nicht ausreichend vernetzt, ist er quasi nicht existent.

Insofern ist der Schritt des FC St. Pauli in die Öffentlichkeit bemerkenswert. Denn hier verlässt ein Verein bewusst den geschützten Bereich, in dem der professionelle Fußball nicht nur in Deutschland stattfindet.

Hohe Ansprüche

Spannend sind die Ansprüche, die Uwe Stöver als sportlicher Verantwortungsträger mit der bevorstehenden Verpflichtung eines Sportpsychologen verbindet. Der Sportchef gibt klar zum Ausdruck, dass die neue Person im Funktionsteam dafür Sorge tragen soll, dass aus den Einzelspielern eine Mannschaft geformt wird, dass Spieler selbstwirksam agieren und dass das Team eine bestimmte Mentalität entwickelt. Im folgenden Auszug bringt Stöver seine Anforderungen auf den Punkt:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Problemorientierter Zugang

Deutlich wird an Stövers Aussagen auch, dass der Zugang zum Thema Sportpsychologie aktuell problemorientiert passiert. Soll heißen: Die Verantwortlichen haben ein bestimmtes Problemfeld identifiziert und wollen dieses mit Hilfe eines Experten bearbeiten. Nicht verwerflich, allerdings scheint bei den Überlegungen noch keine Rolle zu spielen, dass Sportpsychologie auch gezielt zur Leistungssteigerung genutzt werden kann. Dass es zahlreiche Methoden und Techniken gibt, die den Trainingsalltag bereichern und über das im Fußball etablierte Bild des Sportpsychologen als Reparateur hinausgehen.

Aber zurück zum Ausgang: Die Sportpsychologie ist noch nicht im Alltag des Bundesliga-Geschäfts angekommen. Die vielen wichtigen Schritte, die schon vor der Installation von Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann als Sportpsychologe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Jahr 2004 passiert sind, bis hin zur festen Etablierung von Sportpsychologen in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten, scheinen noch nicht auszureichen. Vielleicht braucht es gerade deshalb Vereine wie den FC St. Pauli, die die Sportpsychologie nutzen wollen und dabei keine Hand vor den Mund nehmen.

Interviewserie „Die Sportpsychologen treffen…“

Die Interviewserie „Die Sportpsychologen treffen…“ ist durch die Unterstützung und Finanzierung von Jürgen Walter (zum Profil von Jürgen Walter) möglich. Der Profilinhaber von Die Sportpsychologen hat das Konzept zur Serie gemeinsam mit Redaktionsleiter Mathias Liebing entwickelt. In einer der nächsten Folge treffen Die Sportpsychologen auf Dorian Rogozenco, den Schach-Bundestrainer.

Habt ihr, liebe Leser, eine Idee, wen Die Sportpsychologen treffen sollten, um über das Thema Sportpsychologie zu sprechen? Dann her mit euren Vorschlägen. Am besten per Mail an Redaktionsleiter Mathias Liebing.

Views: 6273

Mila Hanke: Von Fußball bis Eishockey – Teambuilding im Schul- und Nachwuchssport

Sollten Sportler Teamfähigkeiten „trainieren“ wie Torschüsse, egal in welcher Sportart? Wie können die Trainer von Nachwuchskadern und -mannschaften Teamgeist früh fördern, also lange vor dem Eintritt in den Profibereich? Und wie können schon junge Mannschaftssportler die Bausteine von echtem Zusammenhalt „erlernen“? Diese Fragen sind nicht erst seit der Fußball-Weltmeisterschaft aktueller denn je. Und gerade in der Saisonvorbereitung sollten sich Trainer, Funktionäre und verantwortungsvolle Spieler intensiv damit beschäftigen. Im folgenden Beitrag liefert Mila Hanke passende Anstösse zu den weit verbreiteten Fragen.  

Zum Thema: Teambuilding im Sport

„Es kann nur beflügeln, wenn bereits Kinder und Jugendliche spielerisch die gruppenpsychologischen Faktoren erleben, verstehen, wertschätzen und verinnerlichen, die das Zusammenspiel einer Mannschaft beeinflussen“, findet Mila Hanke. „Denn die jungen Sportler und ihre wechselnden Teams werden ihre ganze Laufbahn lang davon profitieren. Nicht nur im Sinne der Leistung – sondern auch bezogen auf ihre Persönlichkeitsentwicklung, ihre sozialen Fähigkeiten und vor allem den Spaß.“

Dabei wird das Thema Teambuilding selbst im professionellen Sport nicht immer in Gänze verstanden. Oft enden die Maßnahmen, die Zusammenhalt und Identifikation fördern sollen, schon in einem sehr frühen Stadium. In einem Interview mit dem Sport-Thieme Magazin (August-Ausgabe, Thema: Teambuilding im Schul- und Nachwuchssport) gibt Mila Hanke (zum Profil von Mila Hanke) ein paar Beispiele, die Theorie und Praxis zusammenbringen.

Cover Sport-Thieme August-Ausgabe (Quelle: Sport-Thieme)

Interview: Teambuilding – 11 Freunde müsst ihr sein
(Sport-Thieme magazin, Deutschland, Ausgabe 69, August 2018)

Frau Hanke, im Sport erleben wir immer wieder Veränderungen. Ob neue Mannschaftsmitglieder oder neues Trainerteam – gerade zum Saisonstart werden die meisten Sport-Mannschaften frisch zusammengewürfelt. Für jeden Trainer ist diese Phase eine Herausforderung, denn es geht darum, möglichst schnell ein gut funktionierendes Team zu bilden. Welche Ratschläge können Sie geben?

Zuallererst: Teamgeist kann nicht vom Trainer „verordnet“ werden, sondern muss aus der Mannschaft heraus selbst entstehen. Und: Die Entwicklung von Mannschaftsstärke ist immer ein Prozess, der verschiedene Phasen durchläuft und im Grunde nie einen Endpunkt hat. Mit Ungeduld und einem „Machtwort“ kommt ein Trainer also nicht weiter. Stattdessen sollte er im Idealfall gemeinsam mit einem Sportpsychologen – idealerweise schon vor Saisonbeginn – konkrete Themenfelder herausgreifen und gezielt fördern.

Einzelsportler können noch so gut sein – wenn sie nicht kooperieren können, hat die Mannschaft keinen Erfolg. Ebenso kann ein gut eingespieltes Team manche Defizite ausgleichen. Welche psychologischen Aspekte führen dazu, dass ein gutes Miteinander zu besserer Leistung führt?

Genau dieser „Gruppen-Katalysator“ ist eben nicht selbstverständlich. Damit ein Team wirklich über sich hinauswachsen kann, müssen viele Faktoren erfüllt sein und sich ergänzen (siehe Übersicht unten). Ein sehr anschauliches Beispiel war die Deutsche Eishockey Nationalmannschaft mit dem Gewinn der Olympia-Silbermedaille im Februar 2018: Nach dem frühen Ausscheiden bei der Heim-WM 2017 hatten die Spieler erkannt, dass ihnen bisher der Glaube gefehlt hatte, als Außenseiter Favoriten schlagen zu können. Um eine gemeinsame Vision zu verinnerlichen und mit einem gemeinsamen Gefühl zu verbinden, haben sie mit ihrem Mentalcoach eine Art Codewort entwickelt: „Glaube“. Um eben diesen Glauben an die Fähigkeiten der Mannschaft und jedes Einzelnen zu stärken, wurden für die Spieler, den kompletten Trainerstab und die Trainingsräume schon lange vor Olympia T-Shirts und Plakate mit diesem Visions-Codewort bedruckt. Offenbar war diese Maßnahme ein wesentlicher Baustein – natürlich zusätzlich zu der Leistung der Trainer – für den extremen Selbstbewusstseins-Schub, den Willen und die Leistung der Mannschaft.

Hinter einer besonders guten Teamleistung stehen vor allem folgende Faktoren:

  • gemeinsame Vision
    z.B. „ins Meisterschafts-Finale kommen“: Nur wenn alle gemeinsam ein Gruppenziel  definieren, sich damit identifizieren und bereit sind, darauf bestmöglich hinzuarbeiten, entsteht echter Zusammenhalt.
  • Kooperation statt interne Konkurrenz
    z.B. einen Pass zum richtigen Zeitpunkt zu spielen, statt zwei Stürmer, die sich
    gegenseitig übertrumpfen wollen und den Ball nicht abgeben
  • gemeinsame Verantwortung
    Fühlt sich jedes Mitglied für den Teamerfolg gleich stark verantwortlich?
  • gegenseitiges Vertrauen und Respekt
    z.B. in die Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft der Mitspieler, für Ideen und Sorgen jedes Einzelnen
  • konstruktive Kommunikation
    z.B. bei Trainerentscheidungen und Konfliktlösungen
  • regelmäßiges Feedback
    Anerkennung und konstruktive Kritik von Trainer und Mitspielern

Viele denken beim Thema Teambuilding an gemeinsame Grillabende. Ist es damit getan – oder gibt es effektivere Übungen?

Hanke: Tatsächlich haben auch Grillabende, Wanderausflüge oder Radtouren einen positiven Effekt – gerade bei (evtentuell neu zusammengewürfelten) Jugend-Mannschaften, für die es wichtiger ist, sich auch als „Kumpel“ gut zu verstehen, als etwa für erwachsene Profisportler.

Solche Events fördern die Kommunikation und bringen den Faktor „gemeinsam ohne Leistungsdruck Spaß haben“ in das Team mit ein. Zudem lassen sich dabei sehr gut Erfolge und Zwischenziele feiern – auch das fördert den Zusammenhalt und schafft eine Atmosphäre, in der neue gemeinsame Visionen entstehen können.

Das Interview im Print-Magazin (Quelle: Sport-Thieme)

Will man jedoch konkrete Themen angehen und nachhaltig fördern, sind ein sportpsychologisches Konzept und aufeinander aufbauenden Übungen unabdingbar. Wenn ein Trainer zum Beispiel die Kooperation im Team verbessern will, kann folgendes „Spiel“ helfen: Alle Teammitglieder begeben sich in einen Kreis. Jeder sucht sich stumm in Gedanken zwei Mitspieler aus. Die Teilnehmer sollen sich nun in einem begrenzten „Spielfeld“ so aufstellen, dass sie jeweils mit ihren zwei Mitspielern ein gleichschenkliges Dreieck bilden, bei dem alle drei Spieler identische Abstände einhalten. Und zwar ebenfalls, ohne miteinander zu sprechen. Haben alle ihre Positionen gefunden, wird gemeinsam diskutiert: Wie haben wir die Aufgabe erlebt? Wie finden wir zusammen schnell Lösungen für Herausforderungen im Verlauf eines Spiels, notfalls ohne miteinander zu sprechen? Können wir mit Gesten oder Blicken notwendige Handlungsschritte und Entscheidungen kommunizieren?

Dann wird ein Spieler gebeten, einen großen Schritt zu machen – die Regel des gleichen Abstands zwischen jeweils drei Personen bleibt aber bestehen. Daraus folgt eine Kettenreaktion, da auch alle anderen Spieler ihre Position verändern müssen. Anhand dieses Impulses kann das Team erneut reflektieren: Welche (positiven oder negativen) Konsequenzen hat das individuelle Verhalten Einzelner für das Team? Und wie können wir den Einfluss Einzelner für die Gruppenleistung nutzen?  

Besonders kompliziert wird es, wenn Neuzugänge auf „eingeschweißte“ Mannschaften treffen, die sich bereits länger kennen. Was raten Sie hier?

Hanke: Die Mannschaft kann zum Beispiel schon nach den ersten Trainingseinheiten  reflektieren, welchen Gewinn die Neuen für das Team mitbringen. Hierzu notiert zunächst jeder Spieler auf ein großes Flipchart mit seinem Namen die Stärken und Schwächen, die er selbst glaubt, in das Team einzubringen – sportlich und menschlich. Alle Plakate werden auf dem Boden ausgebreitet – dann können alle Mannschaftsmitglieder zwischen den Plakaten umhergehen und bei jeder Person ihre eigene Einschätzung ergänzen.  

Schließlich sollen sich alle einige Minuten schweigend ein Gesamtbild davon machen, wer mit welchen Attributen zum Erfolg der Mannschaft beiträgt und wie sich alle Stärken und Schwächen zu einem großen Ganzen ergänzen. Anschließend kann das Team gemeinsam – mit dem Sportpsychologen oder geschulten Trainer – reflektieren und diskutieren, wie die Neuzugänge die Mannschaft stärken und welche bisherigen Schwächen durch sie ausgeglichen werden können. Diese Übung macht nicht nur den „Wert“ der neuen Mitspieler deutlicher, sondern bestärkt auch gleichzeitig jeden Einzelnen als weiterhin wichtigen Baustein des Teams. Das kann auch helfen, falls zum Beispiel ein vermeintlicher „Superstar“ neu dazustößt und die „Alten“ Angst haben, dass er ihnen die Show und die Mannschaftsposition stiehlt.

Beim Fußball ist es am deutlichsten: Wenn das Team nicht zusammenspielt, kann der Torwart noch so gut halten – am Ende wird die Mannschaft das Spiel verlieren.  Engagieren sich die Vereine genug im Bereich „Teambuilding“ oder müsste hier mehr passieren?

Gerade im Fußball haben in den letzten Jahren immer mehr Profivereine Sportpsychologen und Mentalcoaches engagiert. Durch den Transfermarkt und häufige Spielerwechsel auch in andere europäische Länder, Kulturen und Sprachregionen sind die Integration neuer Spieler und ein kontinuierliches Teambuilding in diesem Sport besonders wichtig – z.B. auch für den Generationenwechsel in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Grundsätzlich unterschätzen aber viele Vereine noch immer den Nutzen sportpsychologischer Unterstützung. Was im Profi-Fußball schon „in“ ist, muss in vielen anderen Sportarten und vor allem auch im Nachwuchsbereich und im Amateursport noch „normal“ werden: Dass Sportpsychologen Einzelsportler und Mannschaften mental fit machen, sollte genauso selbstverständlich werden wie Massagen und Tapeverbände von Physiotherapeuten.

 

Hinweis: Dieses Interview zum Thema Teambuilding für die August-Ausgabe des Kundenmagazins von Sportartikelhersteller „Sport-Thieme“ gab Sportpsychologin Mila Hanke bereits im Mai. Das war lange vor der Fußball-WM in Russland – bei der wohl so viel wie nie zuvor über den Leistungsvorsprung durch Teamgeist, mentale Mannschaftsstärke und gemeinsame Visionen diskutiert wurde. Favoriten schieden früh aus – auch, weil ihnen all dies offenbar fehlte. Außenseiter kamen überraschend weit – auch, weil sie all dies offenbar hatten.

Als Mila Hanke die Wichtigkeit von Teambuilding für den Generationenwechsel in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erwähnte, wusste sie noch nicht, dass genau dieser Prozess (bzw. sein vermeintliches Scheitern) zwei Monate später zum großen medialen Streitthema werden würde.

Mehr zum Thema: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/01/14/philippe-mueller-sinn-und-unsinn-des-teambuildings/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/09/18/markus-gretz-teamwork-makes-the-dream-work/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/31/dr-rene-paasch-das-team-braucht-ein-haus/

 

Views: 1616

Dr. Fabio Richlan: Leistungsdruck im Training für den Wettkampf üben

Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin war Diskuswerfer Christoph Harting einer der Goldfavoriten. Allerdings scheiterte der amtierende Olympiasieger bereits in der Qualifikation. Dreimal in Folge landeten seine Würfe im Fangnetz und waren damit ungültig. Im Interview im ZDF erklärte Harting, dass er die Qualifikationen nicht speziell vorbereitet habe. Es habe es als “offenes Training” betrachtet. Im folgenden Text zeigen wir einen Weg auf, wie sich Athleten umgekehrt vorbereiten können: Also den Druck, den sie im Wettkampf erleben, ins Training überführen können, um auch in außergewöhnlichen Situationen optimal vorbereitet zu sein.

Zum Thema: Umgang mit Leistungsdruck

Vielfach zielt sportpsychologisches Training darauf ab, Wettkampfsituationen in Bezug auf das Erregungsniveau (Stichwort Nervosität) trainingsnaher zu gestalten, d.h. die Anspannung auf ein Niveau ähnlich wie im Training zu SENKEN. Um die vielbeschworene “Lockerheit” zu erlangen, kann es z.B. hilfreich sein, sich auf den Prozess anstatt auf das Ergebnis zu fokussieren.

In diesem Beitrag sollen jedoch Möglichkeiten und Wege aufgezeigt werden, die einen entgegengesetzten Ansatz verfolgen, nämlich Trainingssituationen wettkampfnaher zu gestalten, d.h. die Anspannung auf ein Niveau ähnlich wie im Wettkampf ANZUHEBEN.

Training und Wettkampf in Balance

Beide Ansätze sollten im Rahmen einer professionellen Wettkampfvorbereitung eingesetzt werden. Im Idealfall resultiert das dann in einer exakten Passung zwischen Training und Wettkampf: train like you compete – compete like you train!

Folgende Tipps und Hinweise könnt ihr ausprobieren:

  • Der Hauptunterschied zwischen Training und Wettkampf ist der (manchmal bewusste, manchmal unbewusste) Leistungs- und Konkurrenzdruck. Absolviere wettkampfspezifische Trainingsszenarien und stelle dir dabei vor, wie du im Wettkampf agieren würdest bzw. möchtest!
  • Simuliere Wettkämpfe! Prognostiziere deine Leistung und gib dir genau einen einzigen Versuch, die anvisierte Leistung im Training zu erreichen. Belohne dich bei Erfolg! Dadurch lernst du, mit Leistungsdruck und Stress umzugehen und einen positiven Zugang dazu zu finden (d.h. als Challenge zu sehen).
  • Trainiere smart! Setze dir für jede Trainingseinheit konkrete, deiner Kontrolle unterliegende Ziele und mache dir bewusst, was du mit dieser Einheit erreichen möchtest. Dadurch trainierst du deine Kompetenzerwartung und übernimmst Verantwortung dafür, dass du dich als Sportler weiter entwickelst.
  • Trainiere hart! Bringe dich im Training in körperlich und vor allem auch mental ungewohnte und unangenehme Situationen. Dadurch wirst du ganz automatisch Fähigkeiten und Gewohnheiten entwickeln, die dir dabei helfen, deine Trainingsleistungen im Wettkampf abzurufen.

Zum Profil:

https://www.die-sportpsychologen.de/fabiorichlan/

Dr. Fabio Richlan die-sportpsychologen.at

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/09/mila-hanke-zielsetzung-vor-und-nach-grossen-erfolgen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/20/lorraine-huber-wenn-ich-mich-auf-ein-lernziel-konzentriere-ergeben-sich-die-resultate-von-selbst/

Views: 2525

Philippe Müller: Sportpsychologie im Orientierungslauf

Philippe Müller hat die sportpsychologischen Grundlagen für die einzelnen Disziplinen der Sportart Orientierungslauf zusammengefasst. Hieraus wird deutlich, welche Bedeutung die optimale mentale Leistung auf das sportliche Gesamtergebnis, die Qualität der Vorbereitung und die Wettkampfnachbereitung haben kann.

Orientierungslauf, Quelle: Adobe Stock

Sprint

Die Sprintrennen dauern normalerweise zwischen zwölf und 15 Minuten. Sie sind gekennzeichnet durch die hohe Laufgeschwindigkeit. Dies führt mit sich, dass die Rennen in gut belaufbaren Geländen, vorzugsweise in Städten oder Parks, ausgetragen werden. Die Austragung des Sprintrennens in urbaner Umgebung bedeutet zudem, dass mehr Zuschauer anwesend sind.

Wettkampfstrategie

Da man bei jedem Blick auf die Karte Geschwindigkeit und somit Zeit einbüsst, ist das Kartenlesen auf ein Minimum zu beschränken. Deshalb ist es ratsam, in der Wettkampfstrategie zu definieren, wie viele Routen man ausarbeiten will. Die Spannbreite erstreckt sich dabei von der Wahl der ersten wahrgenommenen Route bis zum Ausfindigmachen mehrerer Alternativen. Zu beachten gilt, dass der Mehraufwand beim Kartenlesen durch die schnellere Strecke zumindest kompensiert, besser noch Zeit herausgeholt werden kann.

Routenwahl (Entscheidungsfindung)

Die Kartenschreiber versuchen oft, die Posten so zu legen, dass auf den ersten Blick möglichst mehrere Routen zur Auswahl stehen. Welcher Weg der Schnellste ist, zeigt sich meist erst nach dem Rennen in der Auswertung. Da sich die Wege zeitlich nicht viel nehmen, ist eine schnelle Entscheidungsfindung notwendig, denn Zeit kann nicht nur beim Laufen, sondern auch bei unnötig langem Kartenlesen verloren werden. Um die Entscheidungsfindung effizient zu halten, ist es hilfreich, sich im Vorfeld mit der Umgebung auseinanderzusetzen. Dabei können charakteristische Merkmale des Terrains identifiziert werden, welche während des Rennens helfen, die relevanten Zeichen auf der Karte schneller zu erkennen.  

Selbstregulationsmechanismen

Zuschauer haben eine anspornende und motivierende Wirkung auf die Sportlerinnen und Sportler. Die hohe Anzahl der Beobachter bei den Sprintrennen, welche bei Rennen im Wald nicht zugange sind, können einem somit regelrecht beflügeln. Es gilt trotzdem, sich davon nicht ablenken zu lassen, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Routen sauber zu planen, sowie die Kräfte optimal einzusetzen.

Bei den längeren Distanzen mag es verziehen werden, wenn man erst nach den ersten Posten richtig im Wettkampf ankommt. Im Sprint ist es von grosser Wichtigkeit, von Anfang an bei der Sache zu sein. Denn es gilt: Achtung, fertig, los!

Orienteering. Control point Prism and composter for orienteering in the autumn forest. Quelle: Adobe Stock

Mitteldistanz

Bei der Ausarbeitung der Strecken für die Mitteldistanz wird darauf geachtet, dass die Siegerzeit zwischen 30 und 35 Minuten erzielt wird. Somit dauert die Mitteldistanz etwa doppelt so lange wie der Sprint. Die physische und psychische Ausdauer gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Zudem wird ein Augenmerk auf die orientierungsfeintechnischen Komponenten gesetzt. Die Karten sind dadurch sehr genau und detailreich. Es ist eine präzise Planung – gepaart mit einer hohen Geschwindigkeit – gefragt.

Wettkampfstrategie

Vor den Wettkämpfen dürfen die Athletinnen und Athleten das Gebiet rund um die Austragungsorte nicht betreten. Dennoch gibt es viele Möglichkeiten, an Informationen heranzukommen. Zu einer seriösen Vorbereitung zählt deshalb auch das Studium alter Karten. Mit den gewonnenen Informationen können mögliche Szenarien erarbeitet werden. Beispielsweise, wie das Gelände in etwa und eine dazu passende Wettkampfstrategie aussehen könnte. Obwohl eine hohe Laufgeschwindigkeit erzielt werden sollte, darf das Planen und Orientieren nicht vernachlässigt werden. Das Laufkonzept muss deshalb genügend Raum für die Planung beinhalten und auch die Zeitpunkte für diese festhalten. So sollte bereits vor dem Erreichen des nächsten Postens, die Route für den darauffolgenden Kontrollpunkt geplant sein, damit die Richtung beim Weglaufen vom Checkpunkt stimmt.   

Routenwahl (Entscheidungsfindung)

Da die Karten detailreich sind, ist eine saubere Planung notwendig. Dazu zählen nebst den Informationen auf den Karten auch die Hinweise des Postenbeschriebs. Während beim Sprint jede Sekunde beim Planen zählt, sollte bei der Mitteldistanz etwas mehr Zeit investiert werden. Mit dem Ausarbeiten von mindestens zwei Routen kann ein Übersehen relevanter Informationen umgangen werden. Die Wahrscheinlichkeit, die schnellste Route zu finden, wird dadurch erhöht. Ausserdem sind die Übergänge zwischen den Planungsphasen und deren Bestimmung wichtig. Diese beinhalten zum Beispiel, dass eine Route bis zum Bereich um den Kontrollpunkt geplant wird und anschliessend kurz davor nochmals eine Feinplanung stattfindet. Somit kann auf geraden Strecken das Tempo forciert werden, ohne den nächsten Kontrollpunkt zu verpassen.

Selbstregulationsmechanismen

Das Startintervall bei Mitteldistanzrennen beträgt normalerweise zwei Minuten. Dies hat zur Folge, dass es bei schwierigem Gelände zu Gruppenbildung kommen kann. Das mentale Verarbeiten des Eingeholtwerdens benötigt viel Energie. Zum einen müssen die negativen Emotionen, meist Ärger, unter Kontrolle gebracht werden. Zum anderen kreisen viele Fragen durch den Kopf: Wo habe ich so viel Zeit verloren? Warum wurde ich eingeholt? Soll ich jetzt der Person nachlaufen, oder selber weiterplanen? Das Ziel in solchen Situationen ist, die Gedanken zu sammeln und den Fokus wieder auf das eigene OL-Konzept zu lenken.

Orientierungslauf, Quelle: Adobe Stock

Langdistanz

Die Langdistanzrennen dauern normalerweise zwischen 70 und 80 Minuten bei den Frauen und 90 bis 100 Minuten bei den Männern. Die konditionelle Komponente verlagert sich somit zunehmend in den aeroben Bereich. Eine gute Ausdauer ist deshalb nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf gefragt.

Wettkampfstrategie

Damit auch zum Schluss noch genügend Energie zur Verfügung steht, müssen die verfügbaren Kräfte sinnvoll geplant und eingesetzt werden. Auch mit den mentalen Ressourcen muss sparsam umgegangen werden. Die Wettkampfstrategie sollte deshalb definieren, ob man zum Beispiel schnell oder eher konservativ starten will. Desweiteren kann definiert werden, welche geländespezifischen Strukturen man bevorzugen oder vermeiden möchte.

Routenwahl (Entscheidungsfindung)

Mit einer sauberen Routenplanung kann einiges herausgeholt werden. Dabei müssen nicht immer die direktesten Routen auch die schnellsten sein. Manchmal lohnt es sich, die zusätzlichen Meter in Kauf zu nehmen, wenn dadurch Zeit und Kraft eingespart werden können. Dafür werden die in der Wettkampfstrategie definierten geländespezifischen Strukturen in die Routenplanung einbezogen.

Auf längeren Abschnitten ist die Versuchung gross, zu oft einen Blick in die Karte zu werfen. Dies kostet einerseits unnötig Zeit und anderseits auch unnötigen mentalen Kraftaufwand. Bei der Routenwahl ist es deshalb auch wichtig, den nächsten Punkt fürs Kartenlesen zu definieren. Dieser Punkt ist meistens kurz vor einem Übergang von einer groben zu einer feinen Planungsphase. Eine Route zum nächsten Posten wird deshalb in mehrere Teilstrecken aufgeteilt. Dies hat ebenfalls den Vorteil, dass auch unmittelbare umgebungsspezifische Informationen in die weitere Routenwahl einbezogen werden können.

Selbstregulationsmechanismen

Da die Distanzen zwischen den Posten grösser sind, gibt es oftmals längere Abschnitte, bei denen man einer Leitlinie, z.B. einem Weg folgt. Diese sind technisch wenig anspruchsvoll und bieten deshalb viel Raum zum Denken. Gerade wenn die Kraftreserven schwinden oder vermeintliche Fehler begangen wurden, kommen häufig negative Gedanken auf. Auch das Gefühl, dass jemand im Nacken sitzt und man jeden Moment eingeholt werden könnte, kann aufkommen. In solchen Situationen gilt es möglichst rasch die Oberhand über die Gedanken zurückzugewinnen und eine Negativspirale zu verhindern. Dabei helfen positive Selbstgespräche oder auch die Aufmerksamkeitslenkung zurück zur Karte.

 

Kontakt zu Philippe Müller:

Ich würde mich freuen, wenn meine Kollegen (Übersicht aller Profilinhaber) und ich (zum Profil von Philippe Müller) eure Fragen zur sportpsychologischen Betreuung im Orientierungslauf beantworten kann:

https://www.die-sportpsychologen.de/philippe-mueller/

Mehr zum Thema: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/03/philippe-mueller-orientierungslauf-laufen-mit-koepfchen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/03/17/prof-dr-oliver-stoll-nie-wieder-party-am-kontrollpunkt/

 

 

Views: 288

Philippe Müller: Orientierungslauf – Laufen mit Köpfchen

Am ersten Augustwochenende starten die Wettkämpfe der 35. Orientierungslauf-Weltmeisterschaft in Lettland. Um in den WM-Tagen erfolgreich zu sein, sind nebst einer guten physischen Verfassung auch viele psychologische Komponenten von Bedeutung. Jede Disziplin stellt unterschiedliche Anforderungen an die Psyche. In den weiteren Beiträgen, jeweils vor den betreffenden Rennen, werde ich die disziplinspezifischen psychologischen Komponenten beleuchten.

Zum Thema: Welche Anforderungen stellt der Orientierungslauf an die Psyche?

Obwohl fast jeder schon einmal von dieser Sportart gehört hat, zählt sie zu den Randsportarten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern besitzt der Orientierungslauf in der Schweiz gewisse Popularität. Dies wohl auch dadurch, dass die eidgenössischen Athletinnen und Athleten seit Jahren zur Weltspitze zählen.

Um erfolgreich Orientierungslauf zu betreiben, sind, nebst einem guten Laufvermögen, viele psychologische Komponenten von Bedeutung. Zum einen sind es die spezifischen OL-Techniken wie zum Beispiel Kartenlesen, Arbeit mit dem Kompass, Routenwahl und zum anderen Selbstregulationsmechanismen vor, während und nach dem Wettkampf. Spannend wird es, wenn man die sportpsychologischen Anforderungen der einzelnen Disziplinen miteinander vergleicht. Denn jede Sparte stellt die Sportlerinnen und Sportler vor neue Herausforderungen.

Wettkampfstrategie und Routenwahl (Entscheidungsfindung)

Es gibt nie ein und dasselbe Rennen. Sowohl die Karten mit den Posten als auch die Lokalitäten ändern immer aufs Neue. Während sich zum Beispiel ein Gebiet durch einen dichten Wald mit vielen unpassierbaren Abschnitten kennzeichnet, gibt es anderseits Regionen mit vielen offenen Flächen. Dementsprechend muss die Wettkampfstrategie auf jedes Terrain angepasst und festgelegt werden.

In engem Zusammenhang mit dem Gelände steht die Routenwahl. Anspruchsvolle Gebiete benötigen mehr Zeit, um die beste Route identifizieren zu können. Auch je nach Beschaffenheit der Topographie sind bestimmte Strukturen zu bevorzugen oder zu meiden. Steile Anstiege mögen manchmal die direkteste, jedoch nicht die schnellste Route sein. Somit ist es bei der Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung, die relevanten Merkmale zu erkennen.

Selbstregulationsmechanismen

Auch im OL-Sport muss gegen viele verschiedene mentale Herausforderungen gekämpft werden. Diese können zum Beispiel die Verarbeitung von Fehlern, die Emotionskontrolle beim Überholt werden, die positive Selbstregulation bei Ermüdungserscheinungen, oder auch die Aufmerksamkeitslenkung zwischen den Posten sein.  

In den kommenden Tagen werde ich einige Texte zum Thema beisteuern. Wenn ihr Orientierungslauf betreibt oder euch dafür interessiert, nehmt gern Kontakt auf. Ihr könnt auch spezielle Themenwünsche äußern oder Fragen zu Herausforderungen stellen, bei denen sportpsychologische Unterstützung vielleicht helfen kann. Hier geht es zum Profil von Philippe Müller:  

https://www.die-sportpsychologen.de/philippe-mueller/

Views: 273

Christian Hoverath: Selbstgespräche gegen Hitze

Der Sommer hat uns immer noch fest im Griff und somit ist das Thema Sport bei Hitze weiterhin so aktuell, dass ich mich gefragt habe, was die Literatur an Ideen bereithält. Einerseits ist das Wissen darum, dass wir sehr anpassungsfähig sind und somit auch die Möglichkeit haben, uns an die Hitze anzupassen, nicht neu. Doch gibt es mentale Strategien, die uns helfen können?

Zum Thema: Mit Selbstgesprächen zur Hitzetoleranz

Physiologisch gibt es einige Strategien, um der Hitze zu begegnen. Faude und Donath (2016) nennen als effektive Möglichkeit mit Hitze umzugehen, die Akklimatisierung, eine adäquate Flüssigkeitszufuhr, Kälteanwendungen vor der Belastung und auch das kühlen unter der Belastung. Stevens und Kollegen (2017) verglichen den Einfluss von Kühlung vor der Belastung mit dem Einfluss von Kühlung während der Belastung bei Läufern und konnten in dieser Studie feststellen, dass Kühlung während der Belastung einen größeren Einfluss auf die Leistungsfähigkeit hat als Kühlung vor der Belastung. Beide Arten der Kühlung jedoch hatten Einflüsse auf physiologische Faktoren wie die Körperkerntemperatur und das EMG. Die Autoren vermuteten endokrinologische und psychophysiologische Einflüsse. In einer weiteren Studie stellte eine Gruppe um Stevens (2017) ähnlich wirksame Effekte auf die Leistung von Kühlung vor der Belastung und dem Sprühen kalten Wassers ins Gesicht während der Belastung fest. Beide Methoden scheinen also gut geeignet zu sein, um die Leistung auch bei Hitze aufrecht erhalten zu können. 

Nun interessiert mich (natürlich) auch der Einfluss von mentalen Strategien auf die Leistungsfähigkeit unter Hitze. Castle und Kollegen (2012) zeigten, dass die Vortäuschung einer niedrigerer Körperkerntemperatur und einer niedrigeren Außentemperatur die Leistungsfähigkeit im Sport signifikant steigern kann. Wir können uns dies zunutze machen. Auch ein mentales Training sorgt für eine größere sportliche Leistungsfähigkeit unter Hitze (Barwood, Thelwell & Tipton, 2008). Eine interessante Studie zum Einfluss von Selbstgesprächen stammt von Wallace und Kollegen aus dem Jahr 2017. Sie untersuchten den Einfluss von Selbstgesprächen auf Ausdauerleistungsfähigkeit und kognitive Funktionen in der Hitze bei Radfahrern. Ein zweiwöchiges mentales Training mit Fokus auf Selbstgespräche, welche die Ausdauerleistungsfähigkeit und motivierende Affirmationen („bleib dran, du siehst gut aus“ oder „du bist fokussiert“) im Blick hatten, half den Athleten dabei, auch unter Hitze ihre Leistung abrufen und steigern zu können. Diesen Einfluss führten sie auf eine Steigerung der Willensstärke und die Steigerung von psychophysiologischer Toleranz auf Hitze zurück.

Eine Anwendungsidee 

Was machen wir daraus? Eine Idee: Fertige eine Liste mit positiven Affirmationen an, gern auch zusammen mit Trainingskollegen, um mehr Ideen zu generieren. Dann denke an die vergangenen Trainingseinheiten und Wettkämpfe zurück und überlege, welche negativen Äußerungen dir durch den Kopf gegangen sind. Stelle diese Listen gegenüber und suche dir die fünf motivierendsten Statements aus, die du dann in den kommenden Trainingseinheiten einsetzt und mit denen Du verstärkt arbeitest. Mache dich stark und hitzetolerant!

 

Literatur

Barwood MJ, Thelwell RC, Tipton MJ. Psychological skills training improves exercise performance in the heat. Med Sci Sports Exerc. 2008;40(2):387–96.

Castle PC, Maxwell N, Allchorn A, Mauger AR, White DK. Deception of ambient and body core temperature improves self paced cycling in hot, humid conditions. Eur J Appl Physiol. 2012;112(1):377–85.

Faude, O., & Donath, L. (2016). Thermoregulation during marathon running. Marathon running: Physiology, psychology, nutrition and training aspects, pp. 69-81.

Stevens, C. J., Bennett, K. J. M., Sculley, D. V., Callister, R., Taylor, L., & Dascombe, B. J. (2017). A comparison of mixed-method cooling interventions on preloaded running performance in the heat. The Journal of Strength and Conditioning Research, 31(3), p. 620629.

Stevens, C. J., Kittel, A., Sculley, D. V., Callister, R., Taylor, L., & Dascombe, B. J. (2017). Running performance in the heat is improved by similar magnitude with pre-exercise cold-water immersion and mid-exercise facial water spray. Journal of Sports Sciences, 35(8), pp. 798-805.

Wallace, P. J., McKinlay, B. J., Coletta, N. A., Vlaar, J. I., Taber, M. J., Wilson, P. M., & Cheung, S. (2017). Effects of motivational self-talk on endurance and cognitive performance in the heat. Medicine & Science in Sports & Exercise, 49(1), pp. 191-199.

Views: 1873