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Ole Fischer: Sinnvolles Bestrafen im Mannschaftssport

Bruno Labbadia, der Trainer vom VfL Wolfsburg, kündigte vor dem Beginn der Fußball Bundesligasaison an, unpassendes Verhalten seiner Spieler mit neuen Strafen zu belegen. So sollen die Profis nun etwa zum Spül- oder Zeugwartdienst verdonnert werden. Ein spanennder Weg, aber auch einerfolgericher? Schließlich sollte im Leistungssport selbst die Bestrafung dazu führen, dass die sportliche Leistung optimiert wird.

Zum Thema: Bestrafung im Sport

Viele Sportpsychologen sind sich einig: Geht es darum, ein gewünschtes Verhalten hervorzurufen, ist es notwendig, dieses beim Auftreten positiv zu verstärken – zum Beispiel mit einem Lob. Möchte der Trainer, der Funktionär oder auch der Kapitän jedoch, dass ein unerwünschtes Verhalten vom Athleten nicht erneut präsentiert wird, ist es eine praktikable Methode, durch Bestrafung eine negative Verstärkung auszulösen.

Trotz der Tatsache, dass sich die beiden Techniken als wirksam erwiesen haben, sind wir Sportpsychologen uns einig, dass es häufiger zur Anwendung von positiven Verstärkungen wie Belohnung und Lob kommen sollte. Begründet wird dies durch die positiven Nebeneffekte, wie unter anderem der Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstachtung, welche für generellen Erfolg notwendige Eigenschaften sind.

Weshalb auch Strafen ihre Berechtigung haben

Strafen können als erzieherische Maßnahme Wirkung zeigen, um Stabilität zu gewährleisten und Rangordnungen zu unterstützen. Gerade im Teamsport existiert eine starke Erwartungshaltung an die Kooperation untereinander und eine Ablehnung destruktiven Verhaltens. Deshalb erscheint es hin und wieder notwendig, Bestrafung anzuwenden, um unerwünschtes Verhalten zu eliminieren und so die Einhaltung der konventionellen Regeln zu forcieren.

Hierbei möchte ich jedoch erneut betonen, dass es zielführend ist, hauptsächlich positive Verstärkung zu nutzen, um das beliebige Benehmen zu fördern. In Jugendteams hat sich dabei ein Verhältnis von 5:1 im Bereich positive vs. negative Verstärkung als zielführend erwiesen. Im Profibereich ist dieser Wert etwas geringer aufgestellt – mit etwa 3:1 bzw. 2:1.

Effektives Bestrafen

Sollten sich die Verantwortungsträger dafür entscheiden, dass die Bestrafung der einzige Ausweg ist, gibt es dabei ein paar wichtige und nicht zu unterschätzende Regeln zu beachten:

  • Für jeden sollte es dieselbe Strafe für dasselbe Vergehen geben (z.B. Strafenkatalog).
  • Man sollte stets das Verhalten bestrafen und nicht die Person an sich.
  • Physische Aktivitäten oder Training sollten nicht als Bestrafung dienen, da unter Umständen die intrinsische Motivation zum Training verloren gehen kann. Sollte es eine sich um die Strafe für ein gesamtes Team drehen, kann eine kleine Übung allerdings auch das Teamgefüge stärken.
  • Strafe sollte nicht den Athleten dabei unterstützen, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen.
  • Bestrafung darf nicht mit Geschrei und Aggression einher gehen, sonst wird es schnell persönlich – eine sachliche Ebene ist bei der Vermittlung der Strafe angebracht.
  • Die Bestrafung sollte dem Alter entsprechend sein.
  • Es ist wichtig, dass die Athleten den Grund für die Bestrafung verstehen.
  • Die Mitglieder eines Teams sollten nicht für das Vergehen eines einzelnen bestraft werden.
  • Kein Sportler hat es verdient, vor seinen Teammitgliedern bloßgestellt zu werden.

Effektives positives Verstärken

Wie bereits in den vorherigen Abschnitten diskutiert, ist die positive Verstärkung immer noch der effektivste Weg, um das gewünscht Verhalten zu fördern. Auch hier möchte ich ein paar Grundlagen vorstellen.

Klar ist, nicht jedes richtige Verhalten kann belohnt werden. Man sollte sich in seiner Philosophie also darüber im Klaren sein, welches das angemessenste und beste Verhalten ist, dass man als Trainer bestärken möchte. Dabei sollte es nicht um das Ergebnis gehen (z.B. der Sieg) sondern vor allem um erbrachte Leistung in bestimmten Situationen. Da das Ergebnis manchmal nicht vom Sportler alleine zu beeinflussen ist, ist es umso wichtiger, dass er für gute Leistung und „richtig“ eingesetzte Techniken belohnt wird. Und natürlich auch für den Versuch, sein Bestes zu geben auch wenn am Wettkampftag eventuell ein Gegner besser performt hat.

Verschiedene Arten von Belohnung

Als ich einem Basketballtrainer riet, deutlich mehr Lob einzusetzen, um seine Spieler zu motivieren, erwiderte er, dass er ja nicht immer sagen könnte: „Gut gemacht!“. Es würde ihn ja niemand mehr ernst nehmen.

Diese Aussage ist natürlich nicht ganz unwahr. Die Spanne an effektiven Belohnungen ist allerdings viel größer:

  • Soziale Verstärkung wie Lob, Lächeln, ein Schulterklopfen und Lob vor anderen.
  • Materielle Belohnungen also Sachpreise, Klamotten oder z.B. eine Apfelschorle.
  • Bewegungsbelohnungen sind zum Beispiel: Spiele statt Drillübungen, eine Extrapause oder mal eine neue Sportart ausprobieren.
  • Spezielle Wertschätzungen: Ein Teamausflug, eine Feier oder einen besonderen Gast ins Training einzuladen.

Auch bei der Belohnung ist es wichtig, dass die Athleten immer genau verstehen, weshalb sie belohnt werden.

Ole Fischer
Zum Profil von Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Der Fall Labbadia

Um die Wirkung seiner Strafen gleichmäßig zu gestalten, entwarf Bruno Labbadia einen Strafenkatalog, der für jeden Spieler dieselben Konsequenzen bedeuten soll. Damit verbessert er das vorherrschende System der Bundesliga, in dem Geldstrafen, welche in der Regel nicht am Einkommen der Spieler bemessen sind, zur Maßregelung dienen.

Ob Strafen wie Putzdienst und Zeugwartaufgaben den Spieler nun bloßstellen, liegt natürlich immer im eigenen Ermessen. Denn auch bei Strafen gilt: Das Individuum ist das Maß aller Dinge.

Blick auf das Wertesystem

Letztendlich reagieren Spieler unterschiedlich auf Lob und Strafe, da ihr Wertesystem durch ihr bekanntes Umfeld (Erziehung, gesellschaftliche Konventionen etc.) geprägt ist. Deshalb sollten Sie als Trainer sich stets Gedanken machen, ob ihre Strafen für alle Spieler den gleichen Wert besitzen. Schließlich geht es nicht darum, jemanden zu beleidigen, sondern die Konsequenz seiner Handlung zu verdeutlichen.

Mehr zum Thema:

Dr. René Paasch: Ziele und Motivation
Simon Brandstätter: Neue Autorität – Was sich im modernen Sport verändert

Quellen:

Weinberg, R. S., & Gould, D. (2014). Foundations of Sport and Exercise Psychology, 6E. Human Kinetics.

Linz, L. (2009). Erfolgreiches Teamcoaching: ein sportpsychologisches Handbuch für Trainer. Meyer & Meyer Verlag.

Duncan-Andrade, J. M., & Morrell, E. (2008). What a coach can teach a teacher. Counterpoints285, 69-88.

Skinner, B. F. (1953). Science and human behavior (No. 92904). Simon and Schuster.

 

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Thorsten Loch und Lisa Rückel: Teamentwicklung – Von Forming zu Storming

Teambuilding-Maßnahmen werden oftmals zu Beginn der Vorbereitung oder Saison gemacht. Dabei greifen Trainer oftmals zur altbekannten Trickkiste: man unternimmt Ausflüge in Hochseilgärten, Kanu- oder Raftingtouren werden gebucht und Spieleabende im Trainingslager organisiert. An dieser Stelle sei betont, dass keine dieser Aktionen und Aktivitäten schlecht sind. Im Gegenteil: die Teammitglieder lernen sich in einer anderen Art und Weise abseits des Fußballplatzes, der Trainingshalle, etc. kennen. Sie müssen sich dabei gegenseitig unterstützen und aufeinander Vertrauen. Doch, was passiert nachdem die ersten Spiele und Wettkämpfe gespielt sind und die Ergebnisse möglicherweise nicht die gewünschte Richtung in der Tabelle zeigen? Um diese Phase in der Entwicklung eines Teams, soll Gegenstand dieses Artikels sein.

Zum Thema: Das Ergebnis der Forming-Phase

Als Forming beschreibt Tuckman (2001) die erste Phase des Teamentwicklungsprozesses. Eine genaue Beschreibung können sie hier finden. In dieser Phase lernen sich die Teammitglieder kennen und die ersten Ziele für die kommende Wettkampfphase werden formuliert. Im Laufe der Zeit und mithilfe sportpsychologischer Einheiten (ein paar Beispiele sind gleich verlinkt), entwickelt sich das Team weiter und gelangt in die zweite Phase der Teamentwicklung: STORMING.

Storming

Dieser Prozess wird mit Hilfe des erfahrungsbasierten Lernzyklus (vgl. Abbildung 1) nach Kolb (1984) erläutert. Zu Beginn steht eine (1) konkrete Erfahrung, welche die Ausgangssituation darstellt. Es folgt eine (2) Beobachtung und Reflektion dieser Erfahrung und Ausgangslage. Man (3) generalisiert das Gesehene und bildet eine Meinung bzw. eine Theorie für die Ursache. Als letzten Schritt wird (4) aktiv daraufhin agiert, um die Ausgangssituation zu ändern. Der Prozess beginnt im Anschluss von Neuem. Hier ein Beispiel in der Forming-Phase:

Abbildung 1: Der Erfahrungsbasierte Lernzyklus in der Forming Phase

Die Storming-Phase oder wer hilft mit beim Abbau und Bälle suchen?

Zum Profil von Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Nachdem die ersten Teambuilding-Aktivitäten gemacht wurden und die Teammitglieder sich nun besser kennen, werden Unterschiede deutlich. Die ersten Konflikte werden sichtbar und müssen bearbeitet und gelöst werden. Konflikte sind kennzeichnend für die 2. Phase der Teamentwicklung. Die Teammitglieder fügen sich nicht mehr, sondern vertreten aktiv ihre eigene Meinung, was zu Reibereien führen kann. Die ersten Rollen- und Machtstrukturen werden gebildet. Die Teammitglieder fühlen sich wohl im Team und vertrauen sich gegenseitig. Die Führungsspieler nehmen die ersten vermittelnden Aufgaben an. Diese Phase ist wichtig und sollte auch von Trainern nicht als problematisch angesehen, sondern begrüßt werden. Wichtig ist, dass der Trainer Rahmenbedingungen schafft, in denen die Konflikte ausgetragen werden können und die Machtverhältnisse im Team geklärt werden. Beispiele? Die einen möchten nicht mehr beim Auf- und Abbau helfen, die anderen sind sauer, weil sie nicht im Startformation stehen oder es werden diejenigen ausgeschlossen, die noch nicht so leistungsstark sind.

In diesem Zusammenhang muss jedoch darauf geachtet werden, dass auch in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Problematik Offenheit und Klarheit herrschen und es somit zu einem konstruktiven Schluss kommen kann.

Abbildung 2: Teamentwicklungsuhr nach Tuckmann (1965)

Die Bedeutung der Konflikte

Auch wenn Konflikte sehr anstrengend für den Trainer sind und die Atmosphäre im Team belasten, umso besser ist der Teamzusammenhalt, nachdem diese Konflikte geklärt wurden. Allerdings muss nicht jedes Team diese Phase durchlaufen und sie ist nicht zwingend notwendig, um in die 3. Phase der Teamentwicklung zu gelangen. Viele Teams schaffen es auftretende Konflikte selbstständig zu lösen ohne, dass sie das Team langfristig belasten.

Hinweis: Für den Fall, dass der Trainer eingreifen muss, um Rollen zu definieren, Konflikte zu lösen und die Zusammenarbeit zu verbessern, werden in die nächsten Wochen wieder drei Übungen veröffentlichen, die den Trainern und Sportpsychologen unter euch helfen sollen, ein Team in dieser Phase weiter zu bringen.

Quellen

David. A. Kolb (Ed.). (1984). Experiential Learning: Experience as The Source of Learning and Development. New Jersey: Prentice Hall, Inc., Englewood Cliffs.

Tuckman, B. W. (2001). Developmental sequence in small groups. Group Facilitation. (3), 66.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Rückkehr der Gelassenheit (Streakrunning-Serie, Teil 10)

273 Tage jeden Tag laufen – also seit dem 1.1.2018. 250 Kilometer im September. Und 2.300 Kilometer in diesem Jahr. Seit mittlerweile neun Monaten laufe ich jeden Tag mindestens eine Meile. Diese Mindestanforderung habe ich auch im Monat September wieder nicht ziehen müssen – ich liege nach wie vor so bei ca. acht Kilometern pro Tag, immerhin sind das 20 Stadion-Runden, die ihr während eures Arbeitsalltages nebenher einfach mal so laufen würdet. Das also –  im Schnitt – mal mehr, mal deutlich mehr, mal weniger, brachte mir einen Zugewinn an Erfahrung, Wissen und Gelassenheit. Und das ist das zentrale Thema für mich in diesem Monat.

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 10

Der September – ein Monat mit 30 Tagen und einer „zwischen den Jahreszeiten“. Nicht mehr wirklich Sommer, aber auch nicht wirklich grau und kalt. Da fällt mir doch gleich ein Zitat von Goethe ein: „Ein heiterer Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen.“ Und in diesem Monat habe ich mir jeden Tag „nicht ungerührt“ angeschaut. Ich habe diesen Monat so sehr genossen, weil er mir keine „Extreme“ geliefert hat. Keine extreme Kälte und auch keine extreme Hitze. Die Tage waren angenehm temperiert für ein Läufchen und die Nächte kühl genug, um gut und ausreichend schlafen zu können. Es war jeder Tag ein Tag, wie er sein sollte, wenn man in diesem Leben und in dieser, unserer Gesellschaft, nicht nur zu „funktionieren“, sondern eben auch das Leben laufend und sich bewegend zu genießen.

Ich war beruflich viel unterwegs im September. Das stand von Anfang an fest. Und ich war für zwei Laufe „mit Startnummer“ gemeldet – ein Thema, dass mich seit Anfang des Jahres begleitet und mich immer wieder zum Grübeln zwingt. Damit musste ich umgehen, das war klar. Und umsetzen konnte ich das nur, weil ich gelassen geblieben bin. Die Tage unterwegs waren voll mit Reisetätigkeit und konzentriertem Arbeiten und Austausch unter Kolleginnen und Kollegen, was mitunter auch mal länger als 14 Stunden am Stück dauert und dennoch habe ich mir diese 45 bis 60 Minuten für mich und meiner Art und Weise zu entspannen, nehmen können.

Südthüringentrail und Berlin-Marathon

Die Läufe „mit Startnummer“ waren zum einen der Südthüringentrail sowie der Berlin-Marathon, die ich absichtlich und mit Vorsatz (also mental) zu Läufen ohne Startnummer uminterpretiert habe. Ob mir das gelingen würde, wusste ich nicht. Heute weiß ich, dass das geht. Und dafür danke ich nicht nur dem Wetter in diesem Monat, sondern den Menschen, die diese Ereignisse mit mir geteilt haben, die über mein Vorhaben in diesem Jahr wissen und dafür mehr als nur Verständnis haben und mich darüber hinaus auch nicht für total bescheuert halten.

Was war also mein Zugewinn an „Wissen“? Ich weiß nun, dass es geht, und ich weiß auch, dass ich es kann! Dabei hatte ich mir ja vor ca. sechs Wochen diese Außenbandverletzung zugezogen. Ein wenig Laufen – durchaus auch täglich – mit solch einer Verletzung ist eine Sache. Aber eben damit einen Trail-Lauf über 19 Kilometer und sieben Tage später einen Marathon durchzuziehen – das steht auf einem anderen Blatt Papier. Ob das wirklich geht, wusste ich im Vorfeld nicht. Jetzt weiß ich es. Es geht – nicht schnell – nicht ambitioniert, aber es geht! Und – viel besser noch: Es macht tierisch Spaß!

Mut und Wille lohnen sich immer

Und damit sind wir schon beim zweiten Thema: Was habe ich an Erfahrung dazu gewinnen können? Die Erfahrung, das sich Mut und Wille immer lohnt! Es wäre ja ein leichtes gewesen, aufzugeben. Und einen guten Grund hatte ich auch – ach was, nicht nur einen! Niemand wäre mir böse gewesen, wahrscheinlich hätte es, außer mir selbst – auch nicht weiter irgendjemanden interessiert, aber ich hätte einiges an Erfahrungen nicht machen können. Nämlich die Erfahrung, dass alles gehen kann und mögliche Grenzen vor allen Dingen, diejenigen sind, die man sich selbst setzt. Und dann noch die Erfahrung des Laufens im Herbst, wenn die Welt immer bunter wird, die Tage immer kürzer, aber dafür die Läufe am frühen Morgen im Nebel oder am Abend, wenn die Sonne verschwindet, ein außerordentliches Erlebnis sind. Die Erfahrung von 42,195 Kilometer Non-Stopp-Läufer Party beim Berlin Marathon beginnend bei Kilometer 0 im Start-Kanal und das Ende ist nicht mal der Zielkanal hinter dem Brandenburger Tor, denn die Party geht im Kopf weiter. Die Erfahrung der stillen Gemeinschaft von uns „Läuferinnen und Läufern“, wir wir bei einem organisierten Lauf erleben. Das gemeinsame Laufen, das Genießen und das Leiden können und die Erfahrung, dass solche Erfahrungen auch an andere Menschen weitergegeben werden können, die bereit und offen für solche Erfahrungen sind, macht es aus.

Oliver beim Südthüringentrail

Nein – nicht alles ist Party in einem Läuferleben! Beim Südthüringentrail liefen wir (also einige meiner Mitläuferinnen und Mitläufer und auch ich) direkt in ein Erd-Wespen-Nest. Mich haben nur drei erwischt, andere haben bis zu zehn Stiche bekommen. Aber was lernen wir daraus? Augen und Ohren auf beim Trail-Laufen! Wir laufen in der Natur und sind dort nicht allein. Machen wir doch einfach demnächst einen kleinen Umweg und stören nicht die wirklichen Bewohner des Waldes! Und ja, auch bei einem „locker gelaufenen Marathon“ in etwas um die fünf Stunden merkst du irgendwann deine Muskulatur. Ja und? Ist das eine Überraschung? Natürlich nicht! Das gehört aber eben dazu und es ist besser, dass man das von vornherein akzeptiert. Nämlich genau dann, ist dieser Schmerz überhaupt nicht mehr wichtig oder störend, denn er ist ein Teil des „Großen und Ganzen“. Akzeptanz, Respekt, Offenheit und der Mythos individueller Herausforderungen bestehen zu wollen – das scheint ein Muster von uns Läuferinnen und Läufern zu sein. Und wir erkennen uns alle schon am Blick – da bedarf es keiner Worte.   

Oliver und Frauke beim Berlin-Marathon

Die neue Gelassenheit?

Das dritte Thema in diesem Blog-Beitrag ist „Gelassenheit“. Wenn es etwas ist, was mir der September (wieder) geschenkt hat, dann ist es eben genau diese Erfahrung und das Wissen darum, dass man diese Gelassenheit gewinnen kann, aber eben auch schnell wieder verliert, wenn man nicht aufpasst! Aber sie kann zurückkommen. Gelassenheit ist aus meiner Sicht eine Grundhaltung, die – wenn man sie kennt und schätzt – pflegen und kultivieren muss. Bei meinem beiden „Startnummer-Läufen“ habe ich dies ganz bewusst gepflegt und kultiviert. Beim Südthüringentrail öffnete mir der Refrain der „neue Hymne“ dieses Laufes die Ohren und Augen:

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Weitere Informationen

Und beim Berlin-Marathon waren es die Stunden vor und während des Laufens im Startblock „H“ (H – steht für „Hinten“ – also ganz hinten, was den Startblock betrifft. Das sind die Menschen, die eine Zielzeit von 4:45 oder langsamer im Kopf haben. Schon alleine die Wartezeit im Startkanal ist ein einziger Genuss. Hier mischt sich die Aufgeregtheit der „Rookies“, die auf ihren ersten Marathonlauf gehen mit der entspannten Zuversicht der „alten gechillten“, in der Mehrzahl „Jubilee-Club-Mitglieder“, die den Berlin-Marathon schon mindestens zehn Mal gelaufen sind. Dieser Gefühls-Cocktail aus Stress, Aufregung und grenzenloser Zuversicht ist ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Und natürlich dann unterwegs auf dieser wirklich tollen Strecke durch unsere Hauptstadt – da ist es dann im sich langsam auflösenden Startblock „H“ mehr als nur lustig, sondern die ungleichen Ausgangsvoraussetzungen lassen die Rookies mit den alten Hasen zu einer verschworenen Einheit verschmelzen. Hier hilft jeder jedem, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Altersklasse oder Leistungsstand. Aber apropos Berlin-Marathon und Gelassenheit. In einem Workshop im September, unter anderem mit Falk Cierpinski, einem der schnellsten deutschen Marathon-Läufer in den Jahren 2010 bis 2013, den ich damals sportpsychologisch betreute berichtete er, dass genau diese Gelassenheit, ihm dabei geholfen hatte, seinen letzten richtig schnellen Berlin-Marathon laufen zu können.

Neue Wege

Gelassenheit war auch der Schlüssel zu einem letzten Lauf-Event im September. Zum ersten Mal in meinem Uni-Leben habe ich mich an eine Veranstaltung im praktisch-methodischen Bereich versucht. Im Rahmen des Moduls „Sport und Bewegung in der Natur“ habe ich eine Trail-Running-Camp im Harz organisiert.  

Beim Trail-Running-Camp mit Sportstudentinnen und -studenten

Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt, wenn ich mich drei Tage lang mit 13 Sportstudierenden in der Schierker Baude einniste, um dann an drei Tagen ca. 50 Kilometer durch den Harz, laufenderweise, zurückzulegen. Alles was ich im Vorfeld gemacht habe, ist die Baude reserviert und drei (aus meiner Sicht) für Anfänger machbare und spannende Laufetappen auszusuchen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu „überorganisieren“, mit den Studierenden unterwegs auf Augenhöhe zu kommunizieren und abends dann im Gemeinschaftsraum etwas aus meiner Erfahrung zu berichten und darüber hinaus über die beruflichen Vorstellungen der „kommenden Sportlehrerinnen und Sportlehrer“ zu erfahren. Ich war also „extrem gelassen“ im Vorfeld, was natürlich auch hätte nach hinten losgehen können. Nach hinten ging aber gar nichts los. Im Gegenteil: Sowohl die tägliche Planung, als auch die restliche Zeit des Tages war geprägt von konstruktiven Ideen und individuellen Wünschen sowie der Möglichkeit sich weiterentwickeln zu können. Wenn aus dieser Teilnehmer-Runde nur einer oder zwei etwas mit in den Sportunterricht mitnehmen werden, dann ist nicht nur dem Trail-Running geholfen, sondern auch ein Stück weit Werte und Normen, die unsere Gesellschaft ausmachen, kultiviert.

Warme Worte

Den letzten Septemberlauf genoss ich mit meiner Frau an meiner Seite. Es war ein wunderschöner, sonniger Herbstlauf im Südwesten Leipzigs rund um den Kulkwitzer See mit einigen Trail-Experimenten fernab der gängigen Strecke. Mein Fazit aus dem Monat September lässt sich in einem Zitat des Naturphilosophen Demokrit zusammenfassen:

„Kraft und Schönheit sind Vorzüge der Jugend, Blüte des Alters aber ist Besonnenheit“ 

(Demokrit, 370-460 v. Chr.)

Herzliche Einladung

Ich würde mich freuen, wenn wir uns genau hier sehen: 

Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Ausdauersport) – 03./04.11.2018 in Leipzig

Die komplette Serie:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Tierische Instinkte (Streakrunning-Serie, Teil 9)

Literatur

Goethe, J.W. (o.J.) Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/6. 7. Buch, 1. Kap., Wilhelm mit sich allein.

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Dr. René Paasch: Elfmeterschießen gerechter gestalten?

Die Uefa will das Elfmeterschießen verändern. Künftig sollen die Schützen nach dem System „ABBA“ antreten. Damit will der europäische Verband eine Ungerechtigkeit aufheben, die vermeintlich durch die bislang starre Reihenfolge der Schützen entsteht. Kann diese Neuerung ein Gleichgewicht beim Elfmeterschießen herstellen?

Zum Thema: ABBA-Modus im Elfmeterschießen

Dr. René Paasch
Direkt zum Profil: Dr. René Paasch

Der niederländische Fußballverband KNVB testet in der neuen Saison den ABBA-Modus im Elfmeterschießen. Bei dem „ABBA“ genannten Modus, der sehr an den Tiebreak im Tennis erinnert, beginnt Mannschaft A mit dem ersten Schuss, Mannschaft B folgt dann mit zwei Versuchen. Danach ist wieder Team A mit zwei Schüssen an der Reihe. So geht es weiter, bis jede Mannschaft fünfmal geschossen hat. Bei Gleichstand setzt sich das System mit den zwei Versuchen pro Mannschaft fort. Bisher musste immer ein Spieler von Team A vorlegen, bevor die andere Mannschaft nachzog. Laut einer Forschung soll hier das Team, das beginnt, einen Vorteil haben und mit einer Chance von 60 Prozent gewinnen (Apesteguia, Jose & Pakacios-Huerta, Ignacio, 2009; Vandebroek, McCann & Vroom, 2016).

Zudem wird angenommen, dass der Spieler, der als zweites schießt, unter einem größeren mentalen Druck steht als der Profi des beginnenden Teams. Der „ABBA“-Modus soll diese Ungerechtigkeit nun aufheben. Welche Mannschaft beginnt, soll per Münzwurf entschieden werden. Um die Kontrolle über die Gedanken beim Elfmeterschießen zu erlangen und die Aufmerksamkeit selbst lenken zu können, möchte ich Euch einige Anregungen anbieten: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/06/15/test-bist-du-so-cool-wie-cristiano-ronaldo/.

Elfmeterschützen sind oft schlecht vorbereitet

Für viele Profispieler und natürlich auch für unzählige Amateurfußballer ist das Elfmeterschießen ein Nervenspiel, welches nicht zuletzt mental an Belastungsgrenzen führt. Das Schlimmste dabei ist: In aller Regel sind die betroffenen Spieler und deren Trainer nicht gut darauf vorbereitet. Daher habe ich hier ein paar Methoden ausgewählt, die die Vorbereitung auf die spezielle Herausforderung oder den Umgang mit dem Elfmeterschießen im Nachgang erleichtern können: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/.

Dr. René Paasch: Mit Erfolg und Misserfolg umgehen

Literatur

Apesteguia, Jose & Pakacios-Huerta, Ignacio (2009): Psychological Pressure in Competitive Environments: Evidence from a Randomized Natural Experiment: http://www.palacios-huerta.com/docs/ApestePH-AER.pdf

Vandebroek, McCann & Vroom (2016): Modeling the Effects of Psychological Pressure on First-Mover Advantage in Competitive Interactions. The Case of Penalty Shoot-Outs. Journal of Sports Economics, Vol. 19, No. 5, 2018, pp 725 – 754  http://journals.sagepub.com/doi/10.1177/1527002516672060

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Kathrin Seufert: Im NLZ fängt nicht immer der frühe Vogel den Wurm

Im Stadionheft der TSG 1899 Hoffenheim war kürzlich ein Interview von Julian Nagelsmann zu lesen, in welchem er moniert, dass viele junge Kicker schon in den älteren Jahrgängen mitspielen. Aus sportpsychologischer Sicht ist dies eine hoch spannende Diskussion. Wir haben uns an dieser Stelle genauer angeschaut, welche Vor- aber auch welche Nachteile dieser „Trend“ mit sich bringt?

Zum Thema: Was passiert mit der Entwicklung eines jungen Sportlers, wenn er seiner Altersgruppe entrissen und bei Älteren mitspielen soll?

Nehmen wir ein Beispiel: Wir haben einen jungen, sehr talentierten Fußballer aus der U16. Er ist körperlich schon gut ausgereift und sehr spielstark. Aufgrund seines Talentes wird er in die U19 Mannschaft hochgezogen. Er ist also auf dem schnellen Weg zum Erfolg. Die Profi-Karriere scheint zum Greifen nah. Doch was verändert sich mit dem wechselnden Umfeld, dem Altersunterschied zu seinen Mannschaftskollegen? Und was ist mit seiner Entwicklung, muss diese auch die zwei Stufen überspringen? Was erhofft man sich eigentlich davon, dass der „Kleine“ bei den „Großen“ mitspielt?

Bekannt ist, dass im Fußball der Jüngste immer eine besondere Rolle inne hat. Ballsäcke schleppen hier, für Getränke sorgen da, Leibchen aufhängen dort. Allein darin lauert eine erste Gefahr. Es ist ja nicht Ziel der „Beförderung“, dass der junge Spieler zum Lakaien der anderen wird. Er soll sich weiterentwickeln, sich unter den älteren und sicherlich spielstärkeren Akteuren, die ihm und seinem Potential näher sind als seine gleichaltrigen Mitspieler, beweisen. Es ist aber zu befürchten, dass er dort nur einer von vielen ist. Er ist nicht derjenige, der alle mitziehen kann, der voran marschiert und den Ton angibt. Er ist einer von vielen, die spielen wollen.

Verantwortung und Führungsspielerqualitäten

Gehen wir weiter ins Detail: Was ist mit seiner Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und seine Qualität als Führungsspieler auszuprägen? Alles Dinge, die sich ein jeder Trainer heutzutage wünscht! Beim Überspringen von Altersklassen rückt eine Ausprägung solcher Fähigkeiten allerdings in den Hintergrund. Denn ein 15-Jähriger bekommt unter 18-Jährigen im Regelfall nicht die Chance, eine Führungsrolle einzunehmen.

Und was macht dieser Wechsel mit seinem Selbstwert? Der stärkste seines Teams, der beste Kicker in seinem Alter, wechselt in den höheren Bereich, wo dann Spieler dabei sind, die ihn übertreffen, ihm körperlich überlegen sind und ausspielen. Nicht jeder hochgezogene Nachwuchskicker wird diesen Transfer auch im Kopf schaffen. Die eigentlich einfache Erkenntnis, dass es nun einmal auch ältere Spieler sind, spielt in der individuellen Betrachtung oft keine große Rolle.

Vom Jungen zum Mann

Neben dem Selbstwert sind die Bereiche der eigenen Identität und des Körpererlebens in dem Altersbereichen der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) maßgeblich. Eine Junge wird zum Mann und das nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Wenn dann noch der Leistungssport dazu kommt, ist das für viele schon eine Hürde. Die Entwicklung unter Gleichaltrigen und der Austausch mit diesen ist eine hilfreiche Stütze. Zu wissen, wer ich bin, meine Stärken und Schwächen zu erkennen und bestimmen zu können, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, der nicht unterschätzt werden darf. Ebenso sind die Themen soziale Integration und Abgrenzung entwicklungspsychologisch Bereiche, die im Sport zum tragen kommen. Unter Gleichaltrigen ist es für die meisten leichter, sich zu positionieren. Es ist ungleich schwerer, wenn sie allein vom Alter her ein Unikat in der Gruppe darstellen.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/07/kathrin-seufert-wie-nachwuchsfussballer-das-entscheiden-wieder-lernen-koennen/

Eher Fortbildung als Dauerzustand

Doch ist es sicherlich nicht nur von Nachteil, einen jungen Fußballer in eine höhere Altersklasse zu setzen. Allerdings betone ich folgende Einschränkung: Vielleicht ist es sinnvoll, die Berufung für eine höhere Altersklasse nicht dauerhaft durchzuführen, sondern nur punktuell einzusetzen.

So kann der Spieler sich einfach mal anschauen, wo die Reise hingehen soll. Welche Eigenschaften bei den Älteren wichtig sind, einfach auch als Anreiz und Motivation, um weiter an den Stellschrauben zu drehen und an sich zu arbeiten. Es soll eher eine Belohnung, eine Fortbildung sein, als ein Dauerzustand, bei dem die eigentliche Entwicklung Sprünge machen müsste, bei denen vielleicht die ein oder andere wichtige Fähigkeit auf der Strecke bleibt.

Hinweise für Trainer

Was ist also zu tun, wenn man als Trainer in der Position ist, einen Spieler in die höhere Altersklasse zu nehmen? Es gibt leider keine Standardparameter, die einem die Entscheidung erleichtern könnten. Es gilt dabei immer, individuell auf die Entwicklung des Sportlers zu schauen.

Sollte die sportliche Entscheidung, einen Jungen frühzeitig oben mitspielen zu lassen, wirken, so sollte aber auch parallel dafür gesorgt werden, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen oder Pädagogen, dass der Sportler sich weiter altersgemäß entwickeln kann. Die enge Zusammenarbeit von Trainerteam und Sportpsychologen ist dabei ein wichtiger Faktor. Der Unterschied zwischen einem Kind und einem jungen Erwachsenen ist manchmal größer als man glaubt, auch wenn die “Jungs” auf dem Platz alle Profis sein wollen.

Per Klick zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Hinweise für Nachwuchsspieler

Und als Spieler selbst, was kannst du für dich tun, wenn du schon oben mitspielen darfst? Ganz wichtig, bleib erst einmal du selbst! Es ist immer noch Fußball, es sind immer noch 11 gegen 11 und es wird immer noch auf ein Tor geschossen. Und da ist es erst mal egal, ob diejenigen um dich herum 15 oder 18 Jahre alt sind.

Und es ist vollkommen in Ordnung, wenn die neuen Mannschaftskollegen andere Interessen verfolgen. Drei Jahre können viel ausmachen! Wenn du dich vergleichen möchtest, dann setz deine Maßstäbe nicht nur in der neuen Mannschaft an. Als Sportpsychologin kann ich dich dabei unterstützen, deine eigenen Fähigkeiten herauszuarbeiten und einen intraindividuellen Vergleich anzustreben, d.h. wir vergleichen also dich in der „alten“ Mannschaft und dich in der „neuen“ Mannschaft – unabhängig von deinen Mannschaftskollegen. Deine Ressourcen und Fähigkeiten sollten im Vordergrund stehen. Nur so kannst du erkennen, was du vielleicht noch nicht so gut beherrschst und worauf du aufbauen kannst, weil du es schon sehr gut umsetzt.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/22/tanja-simone-ecken-warum-die-neue-saison-fuer-nlz-kicker-schon-heute-beginnt/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/01/peter-schneider-ich-bin-fuer-alle-ein-schwarzes-loch-der-information/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/08/tanja-simone-ecken-den-traum-im-nachwuchsleistungszentrum-richtig-leben/

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Dirk Asmussen: „Dank der Sportpsychologie bin ich ein besserer Trainer“

Der TSV Kropp ist im Sommer in die Fußball-Oberliga Schleswig-Holstein aufgestiegen. Dr. René Paasch (zum Profil) begleitet den Verein seit Jahren sportpsychologisch. In unserem Interview erklärt TSV-Chefcoach Dirk Asmussen, wie ihn die Zusammenarbeit besser gemacht hat, warum sich jeder Trainer und Spieler mit dem Thema befassen sollte und weshalb er sich wundert, dass es der Sportpsychologie im deutschen Fußball immer noch an Akzeptanz fehlt.

Dirk Asmussen, wie hast du eigentlich vor zehn Jahren über die Sportpsychologie gedacht?

2004 habe ich die  DFB-A-Lizenz in Hennef gemacht, da war der Anteil der Sportpsychologie unter Werner Mickler noch sehr überschaubar. Trotzdem fand ich es damals schon super interessant. Ich war sofort überzeugt, dass es etwas ist, was den Spieler bzw. die Mannschaft voranbringen kann. Doch die Berührungspunkte und auch die Möglichkeiten im gehobenen Amateurbereich waren damals kaum vorhanden. Und natürlich war damals auch in unserem Umfeld das Thema „Sportpsychologie“ auch eher eine belächelte Randerscheinung.

Als ich dann vor zehn Jahren nach meiner Zeit bei Holstein Kiel beim TSV Kropp anfing, hatte sich diese Blickweise noch nicht wirklich geändert.

Inwiefern hat sich dein Bild von der Sportpsychologie geändert? Und was war der Grund dafür?

Seit ich im Herbst 2015 erstmals Kontakt mit Dr. René Paasch hatte und er uns unkompliziert seine Mitarbeit angeboten hatte, wollte ich unbedingt mehr darüber wissen. Wir hatten damals eine weit unter ihren Möglichkeiten spielende Mannschaft. Dabei hat René dem Team, vielen meiner Spieler individuell aber auch mir als Trainer eine ganz neue Herangehensweise an bestimmten Problemstellungen aufgezeigt. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich persönlich ein besserer Trainer durch den Einfluss der Sportpsychologie geworden bin. Dabei sehe ich kaum Unterschiede zwischen Amateurbereich und Profibereich, denn wir Trainer arbeiten in beiden Bereichen mit Menschen. Mit deren Gedanken und deren Verarbeitung mit Drucksituationen, die sich viele Fussballer auch ohne äußere Einflussfaktoren selber im Kopf aufbauen.

Sportpsychologie geht für mich jetzt viel weiter als der Besuch im „Kletterpark“ als Teambuildingmaßnahme. Es ist ein steter Prozess, der natürlich von der Akzeptanz der Spieler abhängt. Da habe ich aber bisher zu 95% gute Erfahrungen gemacht, was mich natürlich darin bestärkt, diesen Weg weiterzugehen. Unabhängig davon bringt mir es auch riesigen Spaß.

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Wie profitierst du noch heute von der Zusammenarbeit mit Dr. René Paasch, schließlich ist er mittlerweile beim VfL Bochum aktiv?

Natürlich ist es jetzt schon etwas schwerer. Doch wir haben immer mal wieder regelmäßig Kontakt. U.a. ist er auch weiterhin in die teaminternen Abläufe und unsere Arbeit eingebunden und wenn es seine Zeit erlaubt, gibt es dann immer mal wieder kleine Hinweise und konstruktives Feedback. Gleichzeitig verfolge ich „Die Sportpsychologen“ mit großem Interesse und habe auch da schon viele Inputs für mein Team nutzen können.

Ihr seid als Aufsteiger sehr gut in die Oberliga-Saison in Schleswig-Holstein gestartet. Braucht ein Trainer eigentlich auch in Erfolgsphasen sportpsychologisches Handwerkszeug oder eher dann, wenn es nicht von allein läuft?

Wir sind tatsächlich gut gestartet, aber wir sind weit davon entfernt, sportpsychologisch in eine Ruhephase zu gleiten. Bei einem Kader von 26 Spielern gibt es trotz des Teamerfolges nicht nur freudige Gesichter. Es können eben nur maximal 14 Spieler am Wochenende Gas geben. Aber das Team wird auf Sicht einer langen Saison nur erfolgreich sein, wenn alle mitgenommen werden. Da müssen wir schon schauen, auch die Spieler im Rahmen unserer Möglichkeiten zu stärken, die aktuell im zweiten Glied stehen. Gleichzeitig sind wir bemüht, mit jedem Erfolgserlebnis die Überzeugung im Team zu stärken und diese Überzeugung in ein mutiges und offensiv ausgerichtetes Spiel zu übertragen.

Vor der Saison habt ihr euch mit fünf Neuzugängen verstärkt. Was habt ihr gemacht, um die Jungs zu integrieren?

Grundsätzlich sind sie schnell und gut aufgenommen worden. Wir konnten aber leider aufgrund von zahlreichen Ausfällen – auch von den Neuen – noch nicht so viel in diese Richtung tun.

Durch die bisherigen vielen englischen Wochen wurde unsere gemeinsame Trainingszeit zusätzlich eingegrenzt. Dass ist eben der Amateurbereich, wo man mit solchen Umständen dann auch umzugehen lernt. Wir forcieren das Thema in den Wochen bis zur Winterpause weiter in kleinen Schritten. So ist es z.B. schon Tradition, dass sich die Neuen ins Team „hinein singen“! Ein riesiger Spaß für alle. Ein gemeinsames Trainingslager in der Saisonvorbereitung, wo die Jungs genügend Möglichkeiten an die Hand bekommen, neben dem Fussballer auch den Menschen kennen zu lernen.


Aus einem fussballerischen „Opel“ kann auch die Sportpsychologie keinen „Porsche“ machen. Sie kann den Lack polieren, den Einspritzer optimieren, den Vergaser frei bekommen. Also die Leistungsfähigkeit maximieren.

Dirk Asmussen, Trainer TSV Kropp

Wann ist aus deiner Sicht ein Teambuilding-Prozess abgeschlossen? Was macht ihr diesbezüglich während der Saison?

Besonders im Bereich Selbstbild und Fremdbild sind wir bemüht, allen ein realistisch positives Selbstverständnis zu vermitteln. Worin bin ich gut, was macht mich auf dem Platz aus, welche Stärken von mir machen uns als Team besser? Dabei ist es ja immer wieder erstaunlich, dass dir fast jeder Spieler auf Schlag sagen kann, was nicht zu seinen Stärken zählt, aber wenn er sagen soll, wo er richtig gut ist, kommt er böse ins Grübeln. Es wird dann natürlich immer etwas schwerer, wenn der Spieler selber seine Stärken nicht kennt, somit oftmals auch nicht an diese glaubt und als logische Folge diese auch nicht mutig und mit Überzeugung einbringen kann. Ein sehr spannendes Feld.

Selbst in der Bundesliga ist die Sportpsychologie bei weitem noch nicht etabliert. Wieso können Fußballer, vielleicht auch vollkommen unabhängig vom Leistungslevel und der Liga, sportpsychologisches Grundwissen gebrauchen?

Erst einmal bin ich selber ja auch immer noch eine Art Novize, was das weite Feld der Sportpsychologie angeht. Was ich aber aus Erfahrung und echter Überzeugung sagen kann: Du kannst mit einer fundierten sportpsychologischen Trainingsunterstützung jeden Fussballer noch wertvoller für den gemeinsamen Teamerfolg machen. Es gibt so viele logische und nachvollziehbare unterstützende Übungen und Handlungsstrategien, die in kurzer Zeit jedem Team etwas Neues, stärkeres geben kann. Natürlich steht auch fest, dass das fussballerische Können auf dem jeweiligen Level auch vorhanden sein muss. Aus einem fussballerischen „Opel“ kann auch die Sportpsychologie keinen „Porsche“ machen. Sie kann den Lack polieren, den Einspritzer optimieren, den Vergaser frei bekommen. Also die Leistungsfähigkeit maximieren. Darum bin ich immer noch überrascht, dass sich gerade im deutschen Fussball immer noch vielerorts so viele Vorurteile halten können.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/

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Johanna Constantini: Spieglein, Spieglein an der (Pinn-)wand oder das digitale Lob

Beinahe jeder kennt es, das großartige Gefühl viele Likes für seinen letzten Post bekommen zu haben! Wir fühlen uns bestätigt in dem, was wir tun und in dem, was wir sind. Unser Selbstwert scheint ins Unermessliche zu steigen. Doch was die wenigsten wissen: Diese Verstärker-Wirkung rührt von einer seit jeher bekannten menschlichen Eigenschaft: Dem unermüdlichen Bedürfnis nach Resonanz aus unserer Umwelt. Bereits im Neugeborenen-Alter suchen wir ständig nach einer Reaktion bei unserem Gegenüber, vorrangig im Angesicht von Bezugspersonen (Tronick et al, 1987).

Zum Thema: Warum und wo wir Resonanz suchen und finden! (Aus der Reihe: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 7)

Das Bedürfnis nach diesem Echo aus unserer Umwelt wächst im Laufe unseres Erwachsenwerdens und wird von uns vor allem in jenen Lebensbereichen gefordert, durch die wir uns vorrangig identifizieren. So suchen Sportler beispielsweise vermehrt nach Rückmeldungen zu ihren erbrachten Leistungen. Die Befriedigung dieses Resonanzbedürfnisses findet sich schließlich vermehrt in der Nutzung sozialer Medien. (Altmeyer, 2016) Besonders dann, wenn das Prinzip “höher, schneller, weiter” die Hauptrolle spielt und es darum geht, on- und offline das beste Bild von sich als Athlet zu vermitteln, streicheln positive Rückmeldungen über soziale Medien das athletisches Ego ungemein.

In der Sportpsychologie arbeite ich vermehrt mit Pferdesportlern und auch hier äußert sich diese „Suche nach Resonanz“, wie sie der Psychiater Martin Altmeyer in seinem gleichnamigen Buch so treffend bezeichnet, verstärkt über die sozialen Medien. So viele Vorteile wie die Bestätigung über online Kanäle auch bringen mag, so viele Nachteile resultieren durch die Suche nach “digitaler Bestätigung” in der Zusammenarbeit von Sportpartnern und Teams. Während sich die Pferdesportler in soziale Medien vertiefen, um ihr Ego aufzupolieren, sind ihre tierischen Partner vor allem auf das Echo “ihrer” Menschen angewiesen, um Leistungen erbringen zu können. Auch die Pferde suchen nämlich ständig nach Resonanz und werden dabei immer öfter vom Handybildschirm verdrängt.

Resonanz im Pferdesport – der Mensch, das Tier & das Smartphone

In meinen Workshops zeichne ich meinen Teilnehmern daher gerne das Bild des nachdenklichen Vierbeiners, der gerne wüsste, was in dem kleinen, schwarzen Rechteck so dermaßen spannend sein kann, dass sogar die Phase des Schrittreitens (wohlgemerkt auf dem Pferd sitzend!!) mit der ständigen Betrachtung eines Displays verbracht wird. „Ich bin zu 100% auf dich konzentriert. Was machst du?“, könnte das Pferd in meinem Beispiel überlegen. (Genauso verhält es sich im Übrigen auch mit menschlichen Sportkollegen)

Diese Vorstellung rüttelt viele Athleten wach, verliert sich der Großteil doch viel zu oft in den Online-Welten. Warum? Ganz einfach, weil wir uns davon allerhand erwarten. Warum wir unsere Social Media Kanäle andauernd öffnen hängt nämlich mit dem Prinzip der sogenannten “intermittierenden Verstärkung” zusammen (Altmeyer, 2016). Dieses Phänomen beschreibt, das Verhalten in unregelmäßigen Abständen durch Belohnungen verstärkt und dadurch gelernt wird. Für das „Checken unseres Facebook-Accounts“ bekommen wir demnach nicht jedes mal einen tollen, spannenden, interessanten oder berührenden Post vorgesetzt, aber immer wieder und damit oft genug, um dauerhafte Verhaltensweisen einzulernen. Wie die Hunde, die nach jedem Glockengeläut auf das lang ersehnte Leckerli hoffen, erwarten wir beim Betreten unserer Facebook-Welt die ebenso lang ersehnte “digitale Belohnung”.


Wann der Wettkampf zum digitalen Glücks-Wettrüsten wird

Nicht nur, dass Athleten durch die vermehrte Nutzung sozialer Medien sowohl vergessen, auf ihre Umwelt, vor allem aber auf ihre Sport- und Teamkollegen zu reagieren. Kurz um: Wer einmal mit dem Pos(t)en angefangen hat, kommt noch dazu so schnell nicht mehr davon los.

„Du musst jetzt ausrasten! Wenn niemand etwas sieht, ist es nie passiert“, meinte Christina Obergfäll, die extrovertierte Speerwurfweltmeisterin von 2013, zu ihrer eher introvertierten Kollegin Katharina Molitor, als sich diese wohl eben zu “still und heimlich” und ohne Freudentaumel über soziale Medien  den WM Titel 2015 sicherte. Durch Obergfälls Kommando wird nur zu klar, was längst Alltag in den sozialen Medien ist: Posten ist gleich Posen. Und wo funktioniert das, wenn nicht im Sport! Wir müssen uns zeigen, müssen „ausrasten“, immer präsent und in Pose sein – sobald wir einmal damit angefangen haben (Altmeyer, 2016).


Warum soziale Medien Helden formen!

Johanna Constantini
Zum Profil von Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Daher lieber ganz auf soziale Medien verzichten? Wo sie doch auch viele Vorteile mit sich bringen? So zum Beispiel die psychischen Plastizität, innere Strukturen, die durch die neuen Formen der Kommunikation über das gesamte Leben veränderbar sind und bleiben. (Altmeyer, 2016)

Sogar von der Entwicklung einer neuen Persönlichkeit ist die Rede. Die sogenannte „postheroischen Persönlichkeit“ kann besonders im Sport von Vorteil sein. Laut Dornes (2012) zeichnet sich dieses neue,  innere Naturell nämlich dadurch aus, dass es sich nicht mehr an einem in der Vergangenheit gesetzten Ziel festbeißt, sondern flexibel und veränderbar bleibt. Eine moderne Art der Persönlichkeit eben, die, geprägt durch die Schnelllebigkeit der digitalen Kommunikation nicht mehr nur den einen gangbaren Weg kennt, sondern offen lebt und denkt. Im besten Fall so offen, um die Inhalte sozialer Medien als Instrumente zu bedienen, ohne sich von ihnen instrumentalisieren zu lassen.

Die komplette Serie:

Quellen:

Altmeyer, M. Auf der Suche nach Resonanz. 2016. Vandenhoeck & Ruprecht; Auflage: 2.

Diefenbach, S., Ullrich, D. 2016. Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. mvg Verlag.
Dornes, M. Die Modernisierung der Seele. 2012. Kind-Familie-Gesellschaft. Frankfurt/M (Fischer) (1. Aufl.)

Tronick, E., H. Als, L. Adamson, S. Wise and B. Brazelton (1978): The infant´s response to entrapement between contradictory message in face-to-face interaction. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 17:1-13

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Thorsten Loch: Die Teamentwicklungsphase Forming (Übung 3: Teamidentität fördern)

Forming ist die erste Phase der Teamentwicklung nach Tuckman. Wie bereits im ersten Teil der Blogreihe (Thema: Vertrauen herstellen) erwähnt, ist die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft noch distanziert und unpersönlich. Als Trainer/-in und Sportpsychologe/-in zählt es Kontexte zu schaffen, in welchen sich die Teammitglieder besser kennen lernen. In diesem Artikel fokussieren wir uns auf den folgenden Punkt: Die Schaffung von Teamidentität.

Zum Thema: Teamidentität durch eine personalisierte Schnitzeljagd fördern  (Übung 3)

Teamidentität bedeutet die Identifikation mit einer Gruppe. Man sieht sich selbst als einen Teil der Gruppe aufgrund gemeinsamer Interessen/Aktivitäten/Ziele oder aufgrund vorhandener Sympathie. Wird eine Mannschaft neu gebildet und zusammengesetzt, so müssen sich die einzelnen Mitglieder erst kennenlernen. Zwar kann Sympathie auf den ersten Blick entstehen, allerdings kann man darauf als Trainer oder Sportpsychologe schwer Einfluss nehmen. Gemeinsame Aktivitäten jedoch können ersten Zugehörigkeitsgefühle entstehen lassen und auch zu Sympathie mit den Anderen führen.

Zum Profil von Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Ziel: Sympathie und Zugehörigkeitsgefühl aufbauen. Gemeinsamkeiten und gleiche Interessen entdecken

Aufgabe: Schnitzeljagd durch einen nahegelegenen Wald oder Park durchführen. Die Mannschaft kann entweder als ganze Gruppe die Route durchlaufen, oder man teilt das Team in Kleingruppen auf. Wenn Kleingruppen verwendet werden ist es wichtig, dass die Gruppen am Schluss zusammengeführt werden und die gesammelten Antworten austauschen. An den Stationen werden persönliche Fragen und Teambuilding Aufgaben gestellt. Im Folgenden werden Beispiel-Station beschrieben:

Station 1: Name des Lieblingsgetränks rückwärts nennen

Station 2: Traumberuf oder tatsächlichen Beruf pantomimisch darstellen

Station 3: Gordischer Knoten lösen

Station 4: Plane wenden

Im Anschluss an die Schnitzeljagd kann eine gemeinsame Feier stattfinden.

Keine Grenzen

Der Phantasie sind in dieser Phase des Teamentwicklungsprozesses sind schier keine Grenzen gesetzt. Ziel ist es, dass die Teammitglieder sich kennenlernen. Dazu sollten die Teamverantwortlichen den Sportlern Möglichkeiten bieten, sich außerhalb der normalen Abläufe miteinander auseinandersetzen zu können.

Hinweis: Die gennante Übung dient als Veranschauung und kann erweitert und modifiziert werden. Wie immer gilt, dass diese Methode nicht als universell anzusehen ist. Über eine Rückmeldung zu den einzelnen Übungen dieser Serie und eure eigenen Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.

Profil Thorsten

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/24/thorsten-loch-die-teamentwicklungsphase-forming-uebung-1-vertrauen-herstellen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/30/thorsten-loch-die-teamentwicklungsphase-forming-uebung-2-mannschaftsziele-im-zirkeltraining/

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Dr. René Paasch: Die Angst im Kinderkopf besiegen

Lachende Kinder, die sich wie losgelassen in den Wettkampf stürzen. Solche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir an Nachwuchssport denken. Allerdings gibt es nicht wenige Jungen und Mädchen, die Schwierigkeiten haben, sich der Wettkampfsituation zu stellen. Sie kämpfen zum Teil mit intensiven Ängsten. In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, was Angst überhaupt ist und welche Erscheinungsformen sie hat. Anschließend möchte ich Ihnen Techniken an die Hand geben, mit denen Kinder und Jugendliche ihre Angst in den Griff bekommen.

Zum Thema: Die Angst im Kopf besiegen?

Ängste sind unter Kindern und Jugendlichen sehr verbreitet und gehören zu den häufigsten Symptomen ab dem Vorschulalter (Reinhard, 1992). Esser und Schmidt (1987) fanden heraus, dass jedes dritte Schulkind unter Ängsten leidet, wobei im Vorschulalter noch mehr Kinder betroffen sind. Nach Miller, Boyer und Rodoletz (1990) liegt die Anzahl der von Ängsten betroffenen Grundschulkindern im Durchschnitt bei 12 spezifischen Ängsten. Unter ausgeprägten Angstsymptomen leiden 10-15% aller Grundschüler und 5-10% aller Jugendlichen, wobei sie bei Jungen und Mädchen gleich häufig auftreten (Reinhard, 1992). Insgesamt kann man diese in drei verschiedene Gruppen unterscheiden: die physiologischen, die altersspezifischen und die generalisierten Angstsyndrome mit Phobien (Schmidt & Blanz, 1989).

Die physiologischen Ängste sind reifungsabhängige Phänomene, die im Zusammenhang mit der jeweiligen Entwicklungsstufe auftreten. Sie kommen sehr häufig vor. Voraussetzung für das Auftreten dieser physiologischen Ängste, ist die Fähigkeit bestimmte Stimuli wahrzunehmen. Die Angstreaktion entsteht dann entweder durch eine fehlerhafte Einschätzung der Realität oder einer Unterschätzung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten (Schmidt & Blanz, 1989). So korrespondiert z.B. die Wettkampfängstlichkeit mit der Fähigkeit des Kindes, die Situation des Spiels in Verhältnis zur positiven Gegenwelt zu unterscheiden. Altersspezifische Angstsyndrome sind Störungen, bei denen physiologische Ängste wie z. B. Angst vor schlechter Leistung als vorherrschendes Merkmal auftreten, deren Schwere aber über die Schwelle des Altersüblichen hinaus geht (Schmidt & Blanz, 1989). Die dritte Gruppe bildet sich aus Störungen, wie z.B. die generalisierte Angststörung oder verschiedene Phobien, die sowohl in der Kindheit als auch bei Erwachsenen vorkommen.

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Aufregung, Unsicherheit, innere Unruhe

Ganz allgemein sind Ängste bei Kindern und Jugendlichen im Sport gekennzeichnet durch ein Gefühl der Aufregung, der Unsicherheit oder einer inneren Unruhe, wie auch in der negativen Erwartung der Leistung. Nach dieser Betrachtungsweise zeigt sich die Angst auf ganz unterschiedlichen Erfahrungsebenen. Auf physiologischer Ebene reagieren Kinder und Jugendliche mit einer erhöhten körperlichen Erregung, auf kognitiver Ebene herrscht die Angst vor negativer Bewertung und eine negative Selbsteinschätzung. Somit ist die Angst vor Bewertung und der Leistungsdruck angstauslösend. Relevante Situationen im Fußball sind in der Regel die Erfolgserwartung und die Wettkampfangst. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen von einem jungen Leistungskicker im Fußball berichten, der aufgrund von Fehlern und Reaktionen anderer ängstlich und verhalten auf dem Platz wirkte:

Ein 16-jähriger Leistungskicker berichtete, er traue sich seit Saisonstart nicht mehr zu, sich selbstbewusst und zielstrebig im Training und am Spiel zu beteiligen. In den Trainings- und Freundschaftsspielen spielte er einige Fehlpässe, woraufhin vor allem der Trainer und einige Mannschaftskollegen laut gemeckert hätten. Seitdem ist sein Verhalten auf dem Platz sehr zurückhaltend. Er spielte den Ball nur noch sehr ängstlich und werde jedes Mal nervös, da er in den Augen anderer wieder etwas falsch machen könnte.

Anregungen für die Praxis

Hier einige Anregungen, wie Sie mit dem oben genannten Beispiel umgehen könnten:  

Im ersten Schritt beginnt das kognitive Training, bei dem der Spieler lernt, seine angstfördernden Gedanken zu erkennen, zu überprüfen und zu verändern. Dazu werden gezielte offene Fragen formuliert, z.B. Was tatsächlich passiert, wenn er schlecht spielt? Der Kicker wird so angeleitet, den Realitätsgehalt seiner Angst zu überprüfen. Gemeinsam können dann Alternativen und hilfreiche Gedanken erarbeitet werden, die dazu beitragen, die gefürchtete Situation in Zukunft besser bewältigen zu können. Diesbezüglich besteht die Möglichkeit, nun hilfreiche Sätze auf kleine Karteikärtchen zu notieren, diese bei sich zu tragen und in Angst auslösenden Situationen hervorzuholen („Ich schaffe das!“ oder „Es kann nichts passieren!“). Auch Bildmaterial mit Mut machenden Figuren wie beispielsweise ein „Maskottchen“ können eingesetzt werden.

Weitere Hilfestellungen: 

Selbstwirksamkeitsgefühl stärken: In einer interessanten Studie zur Auswirkung des Motivationsklimas auf die Angst junger Sportler (Journal of Sport Exercise and Psychology, 2007) zeigte sich, dass Trainer, die das Selbstwirksamkeitsgefühl ihrer Spieler begünstigten, die Angst reduzieren konnten. Ähnliches kann ich mir auch gut vorstellen, für Eltern und alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Schaffen Sie also ein Umfeld, dass die Entwicklung persönlicher Fähigkeiten fördert. Weniger Dominanz und mehr individuelle Förderung. Hier eine kleine Hilfestellung für einen besseren Zugang: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/12/dr-rene-paasch-empathiefaehigkeit-fuer-trainer/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/12/dr-rene-paasch-empathiefaehigkeit-fuer-trainer/

Ziele und Motivation: Überprüfen Sie in regelmäßigen Abständen die inneren und äußeren Einflüsse (Selbstkonkordanz) ihrer Schützlinge. Mit diesem Begriff sind die Merkmale gemeint, die sich mit der formulierten Absicht verbinden. So lassen sich also Absichten hinsichtlich ihrer Selbstkonkordanz unterscheiden und die Höhe gibt Auskunft darüber wie sehr eine gefasste Absicht den eigenen Interessen und Wertvorstellungen entspricht, was für die Reduzierung der Ängstlichkeit sehr wichtig ist. Näheres dazu:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/.

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/

Mit Erfolg und Misserfolg umgehen lernen: Das Leben hat in der Regel gute und schlechte Erfahrungen. Für die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ist der optimale Umgang mit der Situation eine wichtige Voraussetzung. Wichtig sind in diesem Zusammenhang, dass negative Emotionen wie Ärger, Wut oder Enttäuschung durchaus auf eine positive Art verarbeitet werden können. Das heißt, die Beschäftigung mit der negativen Emotion trägt zu einem konstruktiven Umgang mit der Situation bei. Näheres dazu:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/

Verhaltensänderung: Erfahrungen und Gespräche mit Kollegen bzw. Kolleginnen sprechen dafür, dass es bei Ängsten im Sport während des Kindes- und Jugendalters gewisse Selbstheilungsraten gibt, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass viele Kinder und Jugendliche ihre Ängste bis ins hohe Alter mitnehmen. Verhaltensmaßnahmen können dabei unterstützen. Diese wären:  

Für Kinder und Jugendliche

  • Umdenken bei der Bewertung von Angstauslösern und Angstsymptomen – Sichtweise verändern
  • Aufbau selbstsicheren Verhaltens – Stärkung des Selbstvertrauens
  • Konfrontationsübungen– sich der angstauslösenden Situation stellen
  • Operante Belohnungen – Verhalten belohnen
  • Kompetenztraining – soziales Kontakte ausbauen und stärken
  • Entspannungstechniken lernen – Fantasiereisen, Atemübungen,
  • Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung 

Für Eltern:

Auch Eltern müssen gegebenenfalls lernen, ihre unbegründeten Ängste um das Wohl ihres Kindes auf ihren Realitätsgehalt hin zu überprüfen und ihren Erziehungsstil entsprechend zu korrigieren.

  • Elternverhalten, das zur Aufrechterhaltung der Angst entscheidend beiträgt (stark überbehütender Erziehungsstil, Unterstützung des Vermeidungsverhaltens, Druck durch elterliche Erwartungen).
  • Abbau von überbehütendem Verhalten der Eltern bzw. Förderung der kindlichen Autonomie, gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Fazit

Angst ist ein Affektzustand, der durch die Wahrnehmung von Gefahr in der Umwelt oder im Individuum ausgelöst wird. Sie ist eine allgemeine Erfahrung und damit Teil der menschlichen Existenz. Angst dient als biologisches Warnsystem, welches bei Gefahr aktiviert wird. Als Reaktion auf eine Bedrohung richtet sie sich auf zukünftige Ereignisse. Da ein gewisses Maß von Furcht und Angst durchaus eine adaptive Emotion darstellt, ist es nicht überraschend, dass Emotionen, die ein Gefühl von Kontrolle erhöhen, während der Kindheit und Jugend häufig auftreten. Nur wenn sie übermäßig stark sind oder in einem entwicklungsunangemessenen Kontext stehen, geben sie Anlass zu Besorgnis. In diesem Fall empfehle ich ihnen mit professioneller Hilfe von Fachkräften Rücksprache zu halten.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/28/dr-rene-paasch-angst-im-nachwuchssport/

Literatur

Reinhard, H.G. (1992): Angst im Kindes- und Jugendalter. In Müller, U. (Hrsg.), Angst und Angsterkrankungen (S. 91-103). Regensburg: Roderer.

Miller, S.M., Boyer, B.A. & Rodoletz, M. (1990): Anxiety in children – nature and development. In Lewis, M. & Miller, S.M. (Eds.), Handbook of Developmental Psychopathology (pp. 191-207). New York: Plenum Press.

Schmidt, M.H. & Blanz, B. (1989): Angstsyndrome im Kindes- und Jugendalter. Acta Paedopsychiatrica, 52, 36-43.

Internet

https://journals.humankinetics.com/doi/pdf/10.1123/jsep.29.6.706

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/28/dr-rene-paasch-angst-im-nachwuchssport/

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Sportpsychologie im Schach: Das unterschätzte Potential

Schach ist ein Kopfsport. Für Bundestrainer Dorian Rogozenco liegt das vor allem an der Tatsache, dass der Einzelspieler so sehr wie in wenigen anderen Sportarten für das Endergebnis höchstpersönlich verantwortlich ist. „Wenn du besser bist als dein Gegner, dann gewinnst du. So einfach ist das“, sagt der 45-jährige Hamburger, der seit 2013 die besten deutschen Schachspieler coacht. 

Wer nun aber denkt, dass die Sportpsychologie zum Schach gehört wie die Automobilindustrie zur Formel 1, der täuscht sich gewaltig. Denn selbst bei den führenden Schachspielern und den Top-Nationen ist die sportpsychologische Betreuung keine Selbstverständlichkeit. Zumindest brüstet sich kaum jemand damit.

Im Rahmen unser Interviewserie „Die Sportpsychologen treffen…“ wollten wir genauer wissen, wie es um die Sportpsychologie im deutschen Schachsport bestellt ist und welches Potential ein Insider der Disziplin zutraut. Dafür sind Jürgen Walter, Profilinhaber und Unterstützer der Interviewreihe, und Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, nach Hamburg gefahren. Das Ergebnis seht ihr in einer Multi Media-Story – genau hier: 

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Sportpsychologie – ein zentraler Bestandteil des Schachspiels?

Aber natürlich ist die Sportpsychologie ein zentraler Bestandteil des Schachspiels. Nicht von ungefähr gibt es sogar einen Begriff, der dies deutlicher kaum ausdrücken könnte: die „psychologische Initiative“. Damit meint Rogozenco im „Zweikampfsport“ Schach die Situation, dass ein Spieler die Partie bestimmt und der Gegenüber diese Überlegenheit zu spüren bekommt. 

„Aber auch im Alltag der Spieler geht es immer wieder um sportpsychologische Herausforderungen. Wenn zum Beispiel Akteure damit hadern, dass sie die Form aus den ersten Turnierspielen nie oder selten beim Finale abrufen können. Dies sind ja ganz klassische sportpsychologische  Ansätze“, sagt Rogozenco. Aber dies sei nur der Anfang: Der Bundestrainer denkt allein an die Teamkomponente. Also denn, wenn bei Wettkämpfen aus klassischen Einzelsportlern funktionierende Mannschaften entstehen sollen, die mehrere Tage miteinander verbringen. Und dann kam die Frage nach der Selbstwirksamkeit auf: Hier hält Rogozenco im Gespräch kurz inne und erklärt dann, dass fehlendes Selbstvertrauen vor allem im Frauenbereich sehr, sehr verbreitet sei. Arbeit gebe es also offenbar genug.

Bedarf bei Trainern

Rogozenco ist ausgebildeter Pädagoge. Dieses Wissen, durchaus auch grundlegendes Know-Hoc aus der Sportpsychologie, erleichtert es ihm, die Führungsrolle bei den deutschen Nationalteams auszufüllen. Immer wieder stößt er aber auch an Grenzen. „Da gibt es Situationen, wo ich mich im Nachgang schon einmal frage, ob ich dies richtig gelöst habe. In solchen Fällen einen Sportpsychologen zur Seite zu haben, wäre gerade bei unseren Turnieren sehr wertvoll“, so Rogozenco. 

Bislang bildet sich der internationale Großmeister auf eigene Faust weiter. Diese Situation will er aber verbessern, indem ein Kontaktnetz zur Sportpsychologie aufgebaut wird. Rogozenco: „Hier stecken wir in Deutschland aber noch in der Anfangsphase.“

Improvisationstalent

Improvisiert wird in Sachen Sportpsychologie im Schach nicht nur auf Trainerebene. Auch Spieler erarbeiten sich einige Kniffe, die mehr oder weniger adäquat funktionieren, wie Rogozenco im Video ausführt:

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Den größten Nutzen und den stärken Bedarf hinsichtlich einer sportpsychologischen Betreuung sieht der Bundestrainer bei den Jugendnationalspielern. „Es gibt sehr viele talentierte, junge Spieler, die aber mit anderen Dingen nicht klarkommen. Die verlieren eine Partie und können dann nicht mehr spielen. Sie verlieren die Konzentration und haben wirklich Schwierigkeiten, mit diesem Negativerlebnis umzugehen,“ führt Rogozenco aus. Daher sei es um so wichtiger, dass die Spieler Handwerkszeug bekämen, um diese Situationen zu meistern, wenn sie auftreten. 

Finanzen als Knackpunkt

Schwierig ist die Ausgangslage für eine intensive sportpsychologische Betreuung aber allein aus finanzieller Hinsicht: Dem Deutschen Schachbund fehlt es an Mitteln. „Für die Nationalmannschaft haben wir mir dem Windparkentwickler UKA einen Sponsor, wofür ich als Nationaltrainer sehr dankbar bin. Darüber hinaus fehlt uns aber Unterstützung“, sagt Rogozenco, der dennoch hofft, in den nächsten Monaten die Kontakte zu Interessierten Sportpsychologen intensivieren zu können. Schließlich ist für ihn Schach ein Kopfsport – und im Sinne der Entwicklung der Spieler weiß er, dass noch einiges an Potential abgerufen werden kann.  

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Zum Profil von Jürgen Walter:

Jürgen Walter

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