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Kay-Sven Hähner: „Man muss daran glauben und offen dafür sein“

Kay-Sven Hähner, Leipzig, 20.01.2015
Kay-Sven Hähner, Leipzig, 20.01.2015

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Kay-Sven Hähner

Kay-Sven Hähner ist Manager des Handball-Clubs Leipzig. Der HCL ist Rekordmeister im deutschen Frauenhandball. Insgesamt feierte der Club 21 Meistertitel (darunter sechs gesamtdeutsche Titel), acht Pokalsiege und einen Erfolg beim DHB-Supercup. Auch international räumte der HCL schon kräftig ab: Jeweils zweimal wurde der HCL Europapokalsieger der Landesmeister und EHF-Pokalsieger. In der aktuellen Saison haben sich die Leipzigerinnen für das Pokal final4 qualifiziert, stehen im Viertelfinale des EHF-Cups und haben gute Chancen, wieder einmal einen Meistertitel in die Messestadt zu holen. Zentrale Figur hinter dem Erfolg des HC Leipzig ist Kay-Sven Hähner, der sich gegenüber die-sportpsychologen zur Bedeutung der Sportpsychologie äußerte. Der HCL arbeitet mit Prof. Dr. Oliver Stoll, Profilinhaber (direkt zum Profil) und Mitbegründer von die-sportpsychologen, zusammen.

 

Kay-Sven Hähner, in welcher Situation haben Sie zuletzt gedacht: Gut, dass wir einen Sportpsychologen im Funktionsteam haben! 

In einer Teamsportart ist die Nutzung eines Mentaltrainers, so nenne ich diese Stelle lieber, nicht immer einfach. Bei Individualsportlern ist das deutlich einfacher. Mit 18 Spielerinnen im Kader zwischen 16 und 30 Jahren ist das definitiv eine sehr schwierige Aufgabe, die man gar nicht so richtig greifen kann. Zu viele verschiedene Charaktere in vollkommen verschiedenen Lebenssituationen und mit verschiedenen Rollen im Team. Für einen Mentaltrainer eine schier unlösbare Aufgabe. In so einer sozialen Gruppe kann man da immer nur punktuell intervenieren.

Wie regelmäßig arbeitet ihr Team mit Prof. Dr. Oliver Stoll zusammen und wie können sich Außenstehende die Umsetzung sportpsychologischer Arbeit konkret vorstellen?

In der Saisonvorbereitung regelmäßig, er hat uns auch ins Trainingslager begleitet. Plakativ ist das eine Trainingsdisziplin wie Krafttraining, Hallentraining, Lauftraining… der gute Mix aus allen Disziplinen macht es, wenn man es richtig nutzt kann es sehr wichtig sein. Wenn man es mit einer Sache übertreibt, ist es kontraproduktiv… zu viel Gewichte stemmen genauso wie zu viel mentale Arbeit

Was hat Sie an der Zusammenarbeit bislang am meisten überrascht?

Überraschungen gab es noch nicht, aber es ist angenehm, das er sich immer im Hintergrund hält.

Auf der Basis Ihrer bisherigen Erfahrung: Würden Sie als Manager eines der besten Damen-Handballteams Deutschlands allein aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive heraus empfehlen, im Funktionsteam eben auch auf die Dienste eines Sportpsychologen zu bauen?

Es macht mit Sicherheit Sinn, aber es ist wie bei verschiedenartigen Behandlungsmethoden: Man muss daran glauben und offen dafür sein, sonst funktioniert es nicht.

Im deutschen Profisport, allen voran im hochprofessionellen Männerfußball, passiert die Anwendung der Sportpsychologie meist im Verborgenen. Warum haftet dieser Disziplin, die gleichzeitig in allen Sportbereichen an Bedeutung gewinnt, noch ein gewissermaßen heikles Image an? 

Hat mit Männerfußball rein gar nichts zu tun. Steht der Kraft – oder Lauftrainer einer Mannschaft im Vordergrund? Klares nein! Die Spezialisten müssen im Hintergrund stehen, Manager und Cheftrainer sind diejenigen, die naturgemäß im Vordergrund stehen, sie entscheiden ja auch über den Einsatz der verschiedensten Mittel, denn sie haben die Verantwortung. Nehmen Sie den Fußball-Zweitligisten Rasenballsport Leipzig oder den FC Bayer München: Alle wissen, da ist jemand, der in diesem Bereich arbeitet – aber es ist vollkommen unwichtig, wer das ist. Das ändert ja nichts an deren Wertschätzung, aber mit „heikel“ hat das gar nichts zu tun.

 

 

Zum Profil: Prof. Dr. Oliver Stoll

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Thorsten Loch: Die Streif – Ein Höllenritt ins Tal

Was Wimbledon für den Tennissport, Monte Carlo für die Formel 1 und der Ironman Hawaii für den Triathlon ist, das ist die Streif in Kitzbühl für den Sportart Ski Alpin, und jedes Jahr werden die Zuschauer Zeuge, wie Legenden geboren und Tragödien geschrieben werden. Betrachtet man eine der bekanntesten Abfahrten genauer, mit einem Höchstgefälle von 85 Prozent und einer Länge von 3,3 Kilometer, wird deutlich, welche physisch und psychisch anspruchsvolle Strecke die Sportler bewältigen müssen. Sowohl in der Abfahrt, als auch beim Super-G, werden Geschwindigkeiten von über 140 km/h erreicht, was bei Stürzen zu schwerwiegenden Verletzungen führen kann. Dem Österreicher Matthias Lanzinger musste beispielsweise nach einem Sturz im März 2008 im Super-G der Unterschenkel amputiert werden.

Für die-sportpsychologen.de berichtet: Thorsten Loch

“Es braucht Kraft und Konzentration, um etwas zu Gewinnen, wovor man eigentlich Angst hat“.

Erik Guay, kanadischer Skirennfahrer

Die Sportart Ski Alpin mit den vier Disziplinen Abfahrt, Super-G, Riesenslalom und Slalom ist eine etablierte und in den Medien stark präsente Wintersportart. Allen voran die Weltcup-Abfahrt Hahnenkamm in Kitzbühl, stellt in der öffentlichen Wahrnehmung den Prototypen eines riskanten und mental anspruchsvollen Sports dar (Engbert/Seitz, 2012). Deshalb verwundert es auch nicht, dass zum 75. Jubiläum des Weltcups im Jahr 2014 eigens ein Kinofilm anlief, welcher die Faszination „Streif“ sehr eindrucksvoll verdeutlicht. Doch wie lässt sich ein solcher Konflikt/Antrieb beschreiben/erklären, sich den Hang auf zwei Brettern herunterzustürzen?

„Ich gratuliere allen, die hier heruntergefahren sind. Ich glaube, wir spinnen!“

5fach-Sieger Didier Cuche (SUI) über das Streif-Feeling

Um dieser Frage näher zu kommen, lohnt sich der Blick auf die Arbeiten von Kurt Lewin, welche einen bedeutenden Einfluss auf die Motivationspsychologie hatten. Bisher waren hauptsächlich physikalische Situationsbeschreibungen Grundlage für die motivationspsychologische Forschung gewesen. Mit Lewin änderte sich die Sichtweise hin zu der Suche nach den individuellen, aus der Lebensgeschichte einer Person entstandenen Beweggründen (Rheinberg, 2004). Die Formel, mit welcher Lewin menschliches Verhalten erklärt, integriert situative Einflüsse und erweitere somit den Blick für die zukünftigen Ansätze in der motivationspsychologischen Forschung. Das Verhalten ist demnach eine Funktion der Person und der Umwelt. Dessen Lebensraum sich durch verschiedene Zielfelder gestaltet, die der Mensch aufsucht oder zu vermeiden versucht. Bedürfnisse versteht Lewin in diesem Zusammenhang als gespannte Systeme. Durch den Spannungszustand entsteht der Aufforderungscharakter eines Zustandes oder Objektes und veranlasst zu Handeln. Daraus ergibt sich, dass jeder Mensch gemäß seiner Lebensgeschichte, seinen Erfahrungen und seinen Erinnerungen anderen Bereichen Bedeutung beimisst und sich so eigene Zielfelder aufbaut und nach ihnen seine Handlung ausrichtet. Zudem entwickelte Lewin im Laufe seiner Forschung eine Konflikttypologie, mit der Antrieb für bestimmte Handlungen erklärt werden. Hierbei unterscheidet er den Appetenzkonflikt, den Aversionskonflikt und den Appetenz-Aversions-Konflikt.

Der Appetenz-Aversions-Konflikt

Im Falle des Appetenz-Aversions-Konfliktes befindet sich eine Person einem Objekt gegenüber, das sowohl positive als auch negative Eigenschaften in sich vereint.

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In dem hier vorliegenden Fall wäre es die Abfahrt Streif mit all seinen Gefahren (Stürze, Verletzungen, Schwierigkeit, usw.) bei gleichzeitiger Faszination (Geschwindigkeit, medienwirksamer Auftritt, Prestige, Kindheitstraum usw.). Einerseits freut sich der Athlet auf den Wettkampf vor solch einer Kulisse, auf der anderen Seite hat dieser unter Umständen Angst und den möglichen Folgen eines Sturzes. Somit befindet sich der Sportler in einem klassischen Appetenz-Aversions-Konflikt. Dieser Konflikt war bereits vielfach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen (u.a. Miller, 1944), dessen Ergebnisse folgendermaßen zusammengefasst werden können:

  1. Mit zeitlicher oder räumlicher Entfernung sieht eine Person eher die positiven Aspekte der ambivalenten Situation.
  2. Die Meidungstendenz setzt erst mit einiger Nähe zum ambivalenten Objekt sein, dafür wird sie aber bei zunehmenden Nähe stärker.
  3. An einem bestimmten Punkt der Entfernung zum ambivalenten Objekt sind Meidungstendenzen und Aufsuchungstendenz gleich stark. Es kommt zu einem Pendeln. Nähert sich die Person dem Objekt weiter, überwiegt die Meidungstendenz. Entfernt sie sich, bekommt die Aufsuchungstendenz mehr Gewicht.

Das EPSTEIN-Modell

Nach Epstein (1962) sind für die Entstehung von Appetenz-Aversions-Konflikte vor allem innere Kräfte verantwortlich. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von so genannten „triebreduzierende Verdrängungen“. Bei Triebreduzierende Verdrängung handelt es sich also um Verdrängung von Antworten, die, würden sie nicht verdrängt werden, den Trieb verstärken. Deshalb kann man auch annehmen, dass das Leugnen von Furcht unmittelbar vor einem kritischen Ereignis einen inneren Schutzmechanismus darstellt, um diese Angst nicht durch Äußerungen, wie z.B. das Zugeben, dass man Angst hat, noch weiter zu verstärken. Epstein testete unerfahrene Fallschirmspringer unmittelbar vor dem Sprung mit einem speziell konstruierten Wort-Assoziationstest. Was bei der Untersuchung gemessen wird, sind nicht die Anziehungen und Vermeidungen an sich, sondern nach außen oder innen gerichtete Tendenzen, die mit dem Appetenz- bzw. Aversions-Verhalten im realen Leben übereinstimmen oder eben nicht übereinstimmen, sondern verdrängt werden. Epstein (nach Hitzlhofer, 1979) erklärt dies damit, dass sich Sportler ein Quasi-Schutzsystem aufbauen und Dinge, die eine schon vorhandene Angst noch verstärken würden, gar nicht ausspricht, sondern verdrängt. Gibt der Sportler bei den psychologischen Tests vor einem Sprung gleichmäßig Antworten, die das Springen selbst nicht betreffen, so zeigen die physiologischen Meßwerte sehr deutlich den „wahren“ Grad der Aufregung bzw. der Angst, die der Springer vor dem Absprung empfindet. Die umgekehrte U-förmige Kurve, die den Verlauf der Herzfrequenz verdeutlicht, scheint das Resultat eines physiologischen Hemmungsprozesses zu sein. Dieser Hemmungsprozess wird von der steigenden physiologischen Erregung oder durch äußere Reize ausgelöst, die mit dem herannahenden Sprung verknüpft sind, bzw. durch beide Möglichkeiten. Subjektiv empfundenen Angst und Angsthemmung gehen der physiologischen Aktivierung und Hemmung voraus. Epstein (1977) vermutet in diesem Zusammenhang ein in der Tiefe liegendes, hierarchisch geordnetes Abwehrsystem. Durch den Anstieg des Angstgradienten und durch die Entwicklung einen Hemmungsgradienten wird ein Großteil der Angst bewältigt, und Warnreize bei niedrigem Aktivierungsniveau können erfasst werden.

Untersuchung bei dem alpinen Klettern

Heitzelhofer (1979) führte ausgehend von den bis hierher dargestellten Untersuchungen und Ergebnissen den Verlauf des Konfliktes beim alpinen Klettern weiter, mit dem Ergebnis, dass vor dem kritischen Ereignis ein Anstieg der Nettoanziehung nur dort zu verzeichnen ist, wo es sich um gute Sportler handelt. Heitzelhofer stellt die Hypothese auf, dass der gute Sportler die erhöhte Aktivierung vor dem kritischen Ereignis in Leistung umzusetzen vermögen, während die Furcht die andere Gruppe von Sportlern eher daran hindert, gute Leistungen zu erzielen. Wird eine Bewegung aus irgendeinem Grund mit Angst ausgeführt, so wird das Bewegungsverhalten durch den Einfluss der Angst mit determiniert: es wird entweder gehemmt oder aktiviert. Angst kann demzufolge als Antrieb gesehen werden, deren Kraft seiner energetisierenden Wirkung einen leistungs- und lernaktivierenden Einfluss hat, der aber andererseits bei zu starker Intensität desorganisierter und wirkt und einen leistungs- und lernhemmenden Einfluss hat (vgl. Boisen, 1975).

Auf der Grundlage der Ergebnisse der subjektiven Einschätzungen der Sportler bei Risikosportarten ist es durchaus denkbar, dieses Modell auch auf den Leistungssport zu übertragen. Insbesondere in Wettkampfsituationen, wie beispielsweise das Weltcup-Rennen Streif, ist ein adäquater Umgang mit Emotionen angebracht.

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Weitere Informationen

Sportpsychologie im Ski Alpin

Basierend auf den Erfahrungen wurde im Deutschen Skiverband (DSV) die sportpsychologische Arbeit im Ski Alpin seit 2006 in einem kontinuierlichen Betreuungskonzept über alle Altersklassen hinweg etabliert (Engbert/Seitz, 2012). Dass es sich bei Ski Alpin um eine komplexe sportpsychologische Betreuungsarbeit handelt, erkennt man auf den ersten Blick. Die unterschiedlichsten Witterungsbedingungen oder längeren Anreisen zu Trainingsplätzen seien an dieser Stelle stellvertretend genannt, welche sich den Athleten gegenüber stellen. Was ist in den Disziplinen Abfahrt und Super-G aus sportpsychologischer Sicht zu beachten? Da es sich bei Abfahrt und Super-G um Speed-Disziplinen handelt, sind die Themen Angst, Selbstvertrauen, Kompetenzüberzeugung und Erwartungsdruck grundsätzlich in der sportpsychologischen Betreuung zu berücksichtigen. In der Abfahrt wie auch im Super-G müssen die Sportler die Informationen aus der Besichtigung in einen lebhaften und adäquaten Handlungsplan umsetzen, dem sie vertrauen und von dem sie überzeugt sind, diesen auch umsetzen zu können (Hermann/Mayer, 2009). Besonders die Fertigkeiten der Visualisierung und des Vorstellungstrainings stehen im Mittelpunkt der sportpsychologischen Betreuungsarbeit.  Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass die Sportler nicht nur die Strecken kennen, sondern sich auch zutrauen ihren Handlungsplan umzusetzen. Die Zuversicht in die eigene Kompetenz ist vor allem im Nachwuchsbereich sportpsychologisch aufzubauen. Dazu eignen unterschiedliche Verfahren wie beispielsweise das Prognosetraining (Eberspächer, 2012) oder die ressourcenorientierte Sammlung von positiven Eigenschaften (Engbert, 2011).

Fazit: Für eine erfolgsversprechende sportpsychologische Betreuungsarbeit im Ski Alpin sollten die Besonderheiten der Sportart und der jeweiligen Disziplinen beachtet werden. Denn es ist davon auszugehen, dass die spektakulärste Skiabfahrt der Welt weiterhin Millionen Zuschauer in ihren Bann ziehen und neue Legenden hervorbringen wird.

Literatur:

Boisen,  M. (1975). Angst im Sport. Achenbach: Lollar.

Eberspächer, H. (2012). Mentales Training: Das Handbuch für Sportler und Trainer. München: Copress Verlag.

Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport. Stuttgart: Neuer Sportverlag.

Engbert, K. und Seitz, V. (2012). Sportpsychologie im Ski Apline. In: Beckmann, J. (Hrsg.). Handbuch sportpsychologischer Praxis. Mentales Training in den olympischen Sportarten. Balinger: Spitta Verlag.

Epstein, S.: The Measurement of Drive and Conflict in Humans: Theory and Experiments. In: Jones, M. D. (ed.). Nebraska Symposium on Motivation. Lincoln 1962, S. 127-206

Epstein, S.: Versuch einer Theorie der Angst. In: Birbaumer, N. (Hrsg). Psychophysiologie der Angst. München: Urban 1977, S. 208-266

Hitzlhofer, K. (1979). Zur Bewältigung der Angst in Risikosportarten. In: Gabler, H. (Hrsg). Praxis der Sportpsychologie. Berlin: Bartels und Wernitz.

Mayer, J. und Hermann, H.-D. (2009). Mentales Training. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

Miller, N. E.: Liberalization of basic S-R-concepts: Extensions to confict behavior, motivation and social learning. In: Koch, S. (ed.). Psychology, a Study of Science. Vol. 2 New York 1959

Rheinberg, F. (2004). Motivation, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Schwer gestürzt, was nun?

Der Start zur Skiflugweltmeisterschaften wird überschattet durch den schweren Unfall des österreichischen Skispringens Lukas Müller. Der ehemalige Junioren-Weltmeister kam im Rahmen des Vorfliegens der Vorspringer – so wird die spezielle Vorbereitung dieser „Testpiloten“ im Fachjargon genannt – zu Fall und zog sich gemäss ersten Medienberichten schwere Rückenverletzungen zu. Unweigerlich werden wir Schweizer an den tragischen Unfall von Daniel Albrecht 2009 in Kitzbühl erinnert. Das schwere Schicksal eines einzelnen Athleten wird in einem solchen Moment zum übergreifenden und auch medialen Hauptereignis, insbesondere wenn es sich im Umfeld von Titelkämpfen oder bedeutsamen Sportevents ereignet. Besonders betroffen davon sind die Athleten und Trainer, die sich einer zusätzlichen mentalen Herausforderung (vgl. Kleinert, 2003) stellen müssen. Was ist in einer solchen Situation aus sportpsychologischer Sicht zu tun?

Zum Thema: Das Risiko springt mit!

ÖSV-Cheftrainer Heinz Kuttin hatte auf der Anreise zur Skiflug-WM vom Unfall seines früheren Schützlings Müller erfahren (Salzburger Nachrichten, 14.1.2016) und gab in einem ersten Interview seiner grossen Betroffenheit Ausdruck. „Der Schock sitzt tief, da ist es schwierig, den Fokus auf den Sport zu richten“. Der verheerende Sturz „macht einen als Trainer nachdenklich“. Zum spezifischen Umgang mit der Situation meint er: „Der Sport geht weiter“. Er sei in Gedanken bei Müller und hoffe, dass alles gut ausgehe. „Aber wir müssen uns nun vom Kopf her zu hundert Prozent konzentrieren.“ Seinen Athleten will der Coach offen Informationen geben und das Thema klar ansprechen. Aus diesen pointierten und ebenso fachkundigen Aussagen Kuttins lassen sich vier Hauptanliegen im Umgang mit Schicksalschlägen – nicht nur im Sport – ableiten.

Trainerpersönlichkeit:

Ein Nationaltrainer ist ein professioneller Mehrkämpfer mit einem breiten Repertoire an Fähigkeiten und Fertigkeiten, die weit über das sporttechnische Wissen hinausgehen. In einer akuten Krisensituation, wie sie sich anlässlich der Skiflug-WM präsentiert, sind insbesondere seine Trainerpersönlichkeit im Allgemeinen und sein Einfühlungsvermögen in der Interaktion mit dem Team und den einzelnen Athleten gefordert. Eigene Betroffenheit und Mitempfinden gehören ebenso dazu wie eine aktiv-unterstützende Haltung in der Teambetreuung. Welche Konsequenzen ein egozentrisch-oberflächlicher Umgang mit einem tragischen Unfall haben kann, zeigte sich vor vielen Jahren am Beispiel von Silvano Beltrametti. „Unsere Abfahrer sind harte Jungs, wir brauchen keine psychologische Unterstützung“, war da aus Trainersicht zu hören – worauf sich einige Athleten selbständig mit Sportpsychologen in Kontakt setzten. Angemessener wäre, wenn sich Trainer auf einen in Notfallpsychologie geschulten Sportpsychologen stützen und sich – im Fall eigener Verunsicherung – mit diesem über das weitere Vorgehen (z.B. Debriefing, vgl. Hogg & Kellmann, 2002) absprechen könnten.

Das Thema ansprechen:

Die aktuelle Situation auch im Bezug auf die Skiflug-Weltmeisterschaften macht es erforderlich, dass der Trainer das Ereignis im gesamten Team, im Beisein aller Athleten und den involvierten Betreuern, anspricht und alle zu Wort kommen lässt. In diesem „geschützten Rahmen“ soll den Teammitgliedern die Möglichkeit geboten sein, sich auf ganz persönliche Art und Weise auszudrücken, sich gegenseitig Unterstützung zuzusprechen und ihrer emotionalen Betroffenheit Ausdruck zu geben. Diese Vorgehensweise dient nicht nur dem psychohygienischen Umgang mit dem Unfall, sondern gibt dem Trainer insbesondere wichtige Rückmeldungen zum Ausmass und Stärke der Betroffenheit. Schliesslich wird es für das Team wichtig sein, eine gemeinsame Vorgehensweise zu thematisieren, insbesondere auch was den Umgang mit den Medien und persönliche Stellungnahmen in der Öffentlichkeit betreffen.

Aktueller Beitrag von Radio Central mit O-Ton von Dr. Hanspeter Gubelmann:

Die Athleten in ihrem persönlichen Umgang stützen:

So wichtig der gemeinsame Umgang mit dem Ereignis im Team ist, entscheidend bleibt die individuelle Auseinandersetzung des einzelnen Athleten mit sich und der Aufgabe, um seine Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Weltmeisterschaften zu optimieren. Dabei gilt, was sich bereits in Kuttins Aussage findet: 100% Konzentration! Jeder Skispringer kennt das Gefühl des Stürzens und einige von ihnen haben sich dabei, meist ziemlich harmlos, verletzt. Die mentale Herausforderung liegt darin, dem eigenen Sturzempfinden aus der Vergangenheit nicht zu viel Raum zu bieten und stattdessen die eigene Kontrollüberzeugung zu stärken, sich vermehrt an Erfolgserlebnissen, z.B. an vergangenen Skiflug-Weltmeisterschaften, gedanklich zu orientieren und sich primär auf die eigenen Handlungsabläufe zu fokussieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Phase der unmittelbaren Sprungvorbereitung. Diese muss automatisiert und fokussiert ablaufen können. Als „delikat“ lässt sich die Ausgangslage von Simon Ammann beschreiben. Zusätzlich zur Landethematik und seiner auch öffentlich geäusserten Sprungangst beim ersten Versuch auf einer neuen Schanze, wird er sich zusätzlichen, auch medialen Fragestellungen, widmen müssen. Hilfreich sind ihm dabei Ressourcen wie seine Erfahrungen als ehemaliger Skiflugweltmeister, seine jüngsten Leistungsfortschritte auf der Schanze, hauptsächlich aber seine aussergewöhnliche Fähigkeit, sich auf den entscheidenden Moment – dann wenn’s zählt“ – zu fokussieren!

Langfristige Auseinandersetzung:

Skispringerinnen und Skispringer lernen früh in ihrer Karriere, wie mit Stürzen umzugehen ist: technisch, im Sinne eines „richtig“ Stürzens und mental bezüglich gedanklicher und emotionaler Verarbeitung des Sturzerlebens. Beunruhigend ist, dass die Zahl schwerwiegender Stürze zugenommen hat. Thomas Morgenstern gab aufgrund einer Sturz-Serie seinen Rücktritt bekannt, Nick Fairall stürzte letztes Jahr in Bischofshofen schwer und ist seither auf den Rollstuhl angewiesen, Simon Ammann und jetzt Lukas Müller sind die jüngsten „Sturzopfer“. Logische Konsequenz muss sein, dass dem Faktor „Sicherheit“ auch aus sportpsychologischer Sicht vermehrt Bedeutung beigemessen wird. Dies hat in zweierlei Hinsicht zu erfolgen: präventiv in Richtung Stärkung der mentalen Handlungskompetenz (insbesondere der Selbstwirksamkeitsüberzeugung) und reparativ in der mentalen Rehabilitation von Sportverletzungen. Letztlich muss auch der möglichen Tatsache sportpsychologisch begegnet werden, dass ein schwerwiegender Sturz zum Karriereende führen kann. In meiner Praxis als Sportpsychologe stelle ich dem Athleten einmal im Jahr die grundsätzliche Frage: Was würdest du tun, wenn deine Karriere heute Abend zu Ende wäre. Denn: das Risiko springt immer mit!

Quellen:

Hogg, J.M. & Kellmann, M. (2002). Debriefing im Leistungssport. Psychologie und Sport, 9, 90-96.
Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. BLV: München.

http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/sport/wintersport/sn/artikel/nach-sturz-auf-kulm-lukas-mueller-erleidet-schwere-wirbelverletzung-180273/

http://www.aargauerzeitung.ch/sport/skispringer-leben-grundsaetzlich-mit-dem-risiko-zu-stuerzen-128717704

http://www.blick.ch/sport/wintersport/skispringen/simi-erinnert-sich-an-seinen-horrorsturz-ich-habe-heute-noch-angst-id4500029.html

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Philippe Müller: Sinn und Unsinn des Teambuildings

Teambuilding-Maßnahmen sind aus dem Sport und der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Dabei reichen die Maßnahmen von einfachen Gruppenarbeiten, über Workshops bis hin zu ausgefallenen Outdoor-Events. Das beabsichtigte Ziel bleibt bei allen Arten das Gleiche. Durch die gemeinsamen Unternehmungen soll der Zusammenhalt und somit die Leistung einer Gruppe gesteigert werden. So reiste der Bundesligist FSV Mainz 05 kurzerhand vor dem Trainingslager im spanischen Marbella für drei Tage in die Schweizer Berge. Nebst Konditionstraining standen Schneeschuhwanderung und Übernachtung in einem Zeltlager auf 2700 Meter Höhe auf dem Programm.

Zum Thema: Bringen Teambuilding-Maßnahmen Erfolg?

Im Zentrum des eingangs erwähnten Themas steht eine Gruppe oder eine Mannschaft. Ganz einfach kann man sagen, dass eine Gruppe gegeben ist, „wenn sich zwei oder mehr Personen als Mitglieder einer Gruppe definieren“ (Nijstad & van Knippenberg, 2007, S. 411). Eine etwas detailliertere Unterteilung von Gruppen anhand von charakteristischen Merkmalen nehmen Lickel, Hamilton, Wieczorkowska, Lewis, Sherman und Uhles (2000) vor. Nach ihnen werden Sportmannschaften der aufgabenbezogenen Gruppe zugeordnet. Diese zeichnet sich vor allem durch hohe gemeinsame Ziele und hohe gemeinsame Handlungsergebnisse aus. Ebenfalls sind die Interaktionen und die Entitativität (der Gruppenzusammenhalt) hoch ausgeprägt.

Durch die Definitionen wird der Gegenstand einer Teambuilding-Maßnahme klarer. Ein zentrales Merkmal ist die Entitativität (der Gruppenzusammenhalt). Das berühmte Zitat von Sepp Herberger „11 Freunde müsst ihr sein“ steht als Inbegriff für den Stellenwert des Gruppenzusammenhalts. Mit einem guten Mannschaftszusammenhalt wird das Ziel verfolgt, die größtmögliche Leistung zu erbringen und somit Erfolg zu haben.

Doch welchen Einfluss hat der Zusammenhalt auf die Leistung?

Es lassen sich sowohl zahlreiche Studien finden, welche einen positiven, als auch solche, welche einen negativen Zusammenhang aufzeigen. Und wie sieht es mit der Richtung des Zusammenhanges aus? Führt also gute Leistung (Erfolg) zu höherem Zusammenhalt oder der gute Zusammenhalt zu mehr Erfolg? Auch wenn sich aus wissenschaftlicher Sicht keine eindeutige Aussage treffen lässt, sprechen einige Punkte für die teambildenden Maßnahmen (vgl. Carron, Colman, Wheeler & Stevens, 2002).

Auch wenn sich der Effekt des Zusammenhalts auf den Erfolg nicht eindeutig nachweisen lässt, (dies ist zu einem großen Teil der Tatsache geschuldet, dass Erfolg von vielen Faktoren abhängig ist. Ein einzelner Faktor in einem Feldexperiment zu kontrollieren und isoliert zu betrachten, ist nahezu unmöglich) können Faktoren, welche Einfluss auf den Erfolg haben, beeinflusst und trainiert werden. Allgemeine Ziele von Teambuilding-Maßnahmen können somit sein, besseres Rollenverständnis zu schaffen, die Kommunikation innerhalb der Mannschaft zu verbessern, die gegenseitige Unterstützung zu steigern, effektive Problemlösestrategien zu entwickeln, das Konfliktmanagement zu verbessern und die Kooperationen innerhalb der Gruppe zu verstärken.

Teambuilding-Maßnahmen – Ein stumpfes Schwert

Teambuilding-Maßnahmen sollten gut durchdacht und geplant werden. Der Zeitpunkt der Intervention muss in Abhängigkeit des Ziels ausgewählt werden. Zum Beispiel sollte eine Maßnahme, die das Ziel verfolgt, die Rollenakzeptanz (was ist die Aufgabe jedes einzelnen im Team) zu steigern, zu Beginn einer Saison durchgeführt werden. Auch bei der Auswahl der Inhalte ist Sorgfalt angebracht, um negative Effekte auszuschliessen. Ungewohnte Situationen und Aufgaben können neue Konflikte in der Gruppe hervorrufen, der Kommunikation schaden oder auch zu Kleingruppen innerhalb der Mannschaft führen. Zudem ist es möglich, dass vor allem ältere Spieler bereits einige Maßnahmen miterlebt haben und die Motivation sowie die Einsatzbereitschaft nicht mehr vollständig ist. So verzichtet dem Vernehmen nach der Betreuerstab der Deutschen Fußballnationalmannschaft mittlerweile auf solche Maßnahmen, weil sie der Auffassung sind, dass die Spieler durch ihre Clubs „abgestumpft“ seien.

 

Quellen:

Carron, A. V., Colman, M. M., Wheeler, J., & Stevens, D. (2002). Cohesion and performance in sport: A meta-analysis. Journal of Sport and Exercise Psychology, 24, 168-188.

Lickel, B., Hamilton, D. L., Wieczorkowska, G., Lewis, A., Sherman, S. J., & Uhles, A. N. (2000). Varieties of groups and the perception of group entitativity. Journal of Personality and Social Psychology, 78, 223-246.

Nijstad, B. A., & van Knippenberg, D. (2007). Gruppenpsychologie. Grundlegende Prinzipien. In K. Jonas, W. Stroebe & M. Hewstone (Eds.), Sozialpsychologie (pp. 409-441). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

 

Hinweis: Der Beitrag ist auch auf der Plattform die-sportpsychologen.ch erschienen.

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Philippe Müller: Sinn und Unsinn des Teambuildings

Teambuilding-Massnahmen sind aus dem Sport und der  Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Dabei reichen die Massnahmen von einfachen Gruppenarbeiten, über Workshops bis hin zu ausgefallenen Outdoor-Events. Das beabsichtigte Ziel bleibt bei allen Arten das Gleiche. Durch die gemeinsamen Unternehmungen soll der Zusammenhalt und somit die Leistung einer Gruppe gesteigert werden. So reiste der Bundesligist FSV Mainz 05 kurzerhand vor dem Trainingslager im spanischen Marbella für drei Tage in die Schweizer Berge. Nebst Konditionstraining standen Schneeschuhwanderung und Übernachtung in einem Zeltlager auf 2700 Meter Höhe auf dem Programm.

Zum Thema: Bringen Teambuilding-Massnahmen Erfolg?

Im Zentrum des eingangs erwähnten Themas steht eine Gruppe oder eine Mannschaft. Ganz einfach kann man sagen, dass eine Gruppe gegeben ist, „wenn sich zwei oder mehr Personen als Mitglieder einer Gruppe definieren“ (Nijstad & van Knippenberg, 2007, S. 411). Eine etwas detailliertere Unterteilung von Gruppen anhand von charakteristischen Merkmalen nehmen Lickel, Hamilton, Wieczorkowska, Lewis, Sherman und Uhles (2000) vor. Nach ihnen werden Sportmannschaften der aufgabenbezogenen Gruppe zugeordnet. Diese zeichnet sich vor allem durch hohe gemeinsame Ziele und hohe gemeinsame Handlungsergebnisse aus. Ebenfalls sind die Interaktionen und die Entitativität (der Gruppenzusammenhalt) hoch ausgeprägt.

Durch die Definitionen wird der Gegenstand einer Teambuilding-Massnahme klarer. Ein zentrales Merkmal ist die Entitativität (der Gruppenzusammenhalt). Das berühmte Zitat von Sepp Herberger „11 Freunde müsst ihr sein“ steht als Inbegriff für den Stellenwert des Gruppenzusammenhalts. Mit einem guten Mannschaftszusammenhalt wird das Ziel verfolgt, die grösstmögliche Leistung zu erbringen und somit Erfolg zu haben.

Doch welchen Einfluss hat der Zusammenhalt auf die Leistung?

Es lassen sich sowohl zahlreiche Studien finden, welche einen positiven, als auch solche, welche einen negativen Zusammenhang aufzeigen. Und wie sieht es mit der Richtung des Zusammenhanges aus? Führt also gute Leistung (Erfolg) zu höherem Zusammenhalt oder der gute Zusammenhalt zu mehr Erfolg? Auch wenn sich aus wissenschaftlicher Sicht keine eindeutige Aussage treffen lässt, sprechen einige Punkte für die teambildenden Massnahmen (vgl. Carron, Colman, Wheeler & Stevens, 2002).

Auch wenn sich der Effekt des Zusammenhalts auf den Erfolg nicht eindeutig nachweisen lässt, (dies ist zu einem grossen Teil der Tatsache geschuldet, dass Erfolg von vielen Faktoren abhängig ist. Ein einzelner Faktor in einem Feldexperiment zu kontrollieren und isoliert zu betrachten, ist nahezu unmöglich) können Faktoren, welche Einfluss auf den Erfolg haben, beeinflusst und trainiert werden. Allgemeine Ziele von Teambuilding-Massnahmen können somit sein, bessere Rollenverständnisse zu schaffen, die Kommunikation innerhalb der Mannschaft zu verbessern, die gegenseitige Unterstützung zu steigern, effektive Problemlösestrategien zu entwickeln, das Konfliktmanagement zu verbessern und die Kooperationen innerhalb der Gruppe zu verstärken.

Teambuilding-Massnahmen – Ein stumpfes Schwert?

Teambuilding-Massnahmen sollten gut durchdacht und geplant werden. Der Zeitpunkt der Intervention muss in Abhängigkeit des Ziels ausgewählt werden. Zum Beispiel sollte eine Massnahme, die das Ziel verfolgt, die Rollenakzeptanz (was ist die Aufgabe jedes einzelnen im Team) zu steigern, zu Beginn einer Saison durchgeführt werden. Auch bei der Auswahl der Inhalte ist Sorgfalt angebracht, um negative Effekte auszuschliessen. Ungewohnte Situationen und Aufgaben können neue Konflikte in der Gruppe hervorrufen, der Kommunikation schaden oder auch zu Kleingruppen innerhalb der Mannschaft führen. Zudem ist es möglich, dass vor allem ältere Spieler bereits einige Massnahmen miterlebt haben und die Motivation sowie die Einsatzbereitschaft nicht mehr vollständig ist. So verzichtet dem Vernehmen nach der Betreuerstab der Deutschen Fussballnationalmannschaft mittlerweile auf solche Massnahmen, weil sie der Auffassung sind, dass die Spieler durch ihre Clubs „abgestumpft“ seien.

 

Quellen:

Carron, A. V., Colman, M. M., Wheeler, J., & Stevens, D. (2002). Cohesion and performance in sport: A meta-analysis. Journal of Sport and Exercise Psychology, 24, 168-188.

Lickel, B., Hamilton, D. L., Wieczorkowska, G., Lewis, A., Sherman, S. J., & Uhles, A. N. (2000). Varieties of groups and the perception of group entitativity. Journal of Personality and Social Psychology, 78, 223-246.

Nijstad, B. A., & van Knippenberg, D. (2007). Gruppenpsychologie. Grundlegende Prinzipien. In K. Jonas, W. Stroebe & M. Hewstone (Eds.), Sozialpsychologie (pp. 409-441). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wenn Angst mitfliegt …

Die 64. Austragung der Vierschanzentournee hat mit einem sportlich hochstehenden letzten Wettkampf in Bischofshofen und einem hochverdienten Gesamtsieg des Slowenen Peter Prevc einen würdigen Abschluss gefunden. Als Gewinner darf sich aber auch Simon Ammann fühlen – er hat seine Angst besiegt und am Ort seines schlimmen Sturzes vor Jahresfrist mit einem 8. Rang seinen besten Wettkampf der laufenden Saison bestritten. Dieses sportpsychologische Lehrstück ist deshalb besonders wertvoll, weil es bedeutsame Hinweise für einen behutsamen Umgang mit dem Gefühl der Angst liefert – nicht nur im Sport und für die Trainerarbeit!

Zum Thema: Emotionen und Umgang mit Angst im Spitzensport

Die Ausgangslage zur diesjährigen Springertournee präsentierte sich für den Ausnahmekönner aus dem Toggenburg delikat: Mittelmässige Weltcupresultate im Vorfeld der Tournee, ein grundsätzlich „funktionierender Sprung mit ungenügender Landetechnik“ und dem Ausblick, an jenen Ort des Geschehens zurückzukehren, wo letztes Jahr ein schlimmer Sturz und eine schwere Gehirnerschütterung eine schwerwiegende Zäsur in der Karriere des Skispringers bewirkten. War zunächst das Umlernen in der Landtechnik im Fokus des (öffentlichen) Interesses, folgte spätestens ab dem resultatmässigen Rückschlag im 3. Springen in Innsbruck ein Themenwechsel: fortan dominierte seine „Flugangst“ die Schlagzeilen. Am Anfang dieser medialen Diskussion stand Simon Ammanns Aussage, wonach er seit dem Sturz vor Jahresfrist auf jeder Schanze, auf welcher er seither gesprungen sei, beim ersten Sprung Angstgefühle gespürt habe. Wie würde ein Draufgänger im Stile Ammanns, plötzlich geplagt von Ängsten, auf Topniveau weiterspringen können? Entsprechend vielfältig und teilweise kontrovers fielen die Interpretationen der Journalisten aus. Der BLICK riet zur sofortigen Heimreise, im Tagesanzeiger war von „Angst, die beflügeln kann“ die Rede. Wo liegen nun die sportpsychologischen Trouvaillen, die uns Ammanns Entwicklung seit Bischofshofen 2015 offenlegt? Oder was kann der interessierte Trainer im Umgang mit Angstgefühlen seiner Athletin lernen?

Angst als grundlegende Emotion: Sechs Emotionen sind allen Menschen gemeinsam: Angst, Wut, Trauer, Freude, Überraschung und Ekel. Im Sport erfüllen diese Basisemotionen wichtige Funktionen (vgl. Birrer et al. 2010). Angst dient auch dem Sportler primär als Schutz vor Gefahr und Schaden. Erlebt er eine Stressreaktion, bewertet er die Situation automatisch. Schätzt sich Simon Ammann „schwächer“ ein als das stressauslösende Objekt – z.B. im Hinblick auf den ersten Sprung – resultiert daraus ein Gefühl der Angst. Obwohl negative Emotionen mit suboptimalen Wettkampfleistungen im Sport in Verbindung gebracht werden, sind sie unerlässlich für eine positive längerfristige Leistungsentwicklung. Der aktuelle PIXAR-Kinofilm «Alles steht Kopf» verdeutlicht dies in wunderbarer Art und Weise – quasi ein unerlässlicher Kinobesuch für jeden Nachwuchstrainer!

Ammann Bischofshofen 2016
Simon Ammann in Bischofshofen 2016 (Quelle: berkutschi.com)

Angst als Teil der Verunsicherung nach einem Unfall: Eine schwere Gehirnerschütterung, wie alle anderen schwerwiegenden Sportverletzungen, bergen immer ein grosses Mass an Ungewissheit in sich. Diese Unsicherheit dürfte der entscheidende Faktor für die Entstehung von Ängsten sein. Dem Umgang mit dieser Unsicherheit, insbesondere in der Zusammenarbeit mit dem Trainer oder den engsten Vertrauten, muss deshalb höchste Priorität eingeräumt werden. Simon Ammann war gut beraten, einen behutsamen Umgang zu finden, indem er seine Gefühle lange Zeit für sich behielt. Um herauszufinden, welche positiven und negativen Auswirkungen Erregung und Angstgefühle haben, muss der Athlet lernen, in sich hineinzuhorchen (vgl. Kleinert, 2003). Die psychologische Bezeichnung hierfür ist die Introspektion; Umsetzungsform in der angewandten Sportpsychologie ist häufig das persönliche Tagebuch!

Angst, ein häufiger Begleiter im Spitzensport:  Skispringer gelten gemeinhin als Draufgänger, „wilde Hunde“ eben, die sich furchtlos über die grössten Bakken dieser Welt stürzen. Spätestens seit dem Angst bedingten Rücktritt des österreichischen Skisprungstars Thomas Morgenstern (vgl. Morgenstern, 2015) – quasi Ammanns Ebenbild – hat sich der Ton in der Diskussion gewandelt. Offen spricht Morgenstern aus, wie sehr ihm die schlimmen Stürze letztlich zusetzten und ihm das Vertrauen und die Kontrollüberzeugung raubten. Andere Beispiele, wie der Abfahrer Marco Büchel, der seinem „Höllenritt“ auf der Face de Bellevarde in Val d’Isère mit grossen Angstgefühlen bestritt oder Sarah Meier, die von derartig schlimmer Nervosität sprach, dass sie kurz vor einem wichtigen Wettkampfeinsatz „am Liebsten gestorben wäre“, zeigen die Notwendigkeit eines achtsamen Umgangs mit Angstgefühlen auf. Und: es zählt zu den erforderlichen Fähigkeiten einer Sportpsychologin oder eines Trainers, Athleten in dieser Notsituation adaequat unterstützen und begleiten zu können!

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Per Klick zum Web-Special von Servus TV über Thomas Morgenstern (Bildquelle: Servus TV)

Angst und ihre Entstehung: Um das Angsterleben zu beschreiben oder gar zu messen, sind verschiedene Instrumente, meist in Form von Fragebogen, entwickelt worden. Für die Sportpraxis interessant sind die Teilaspekte, die erhoben und mieintander in Verbindung gebracht werden. Beckmann et al. (2009) unterscheiden dabei die „Somatische Angst“. Diese erfasst den Grad der wahrgenommenen, körperlichen Symptome (Zittern, Herzrasen usw.). Die „Kognitive Angst“ beschreibt, inwieweit der bevorstehende Wettkampf Selbstzweifel oder spezifische Sorgen im Sportler hervorruft. „Zuversicht“ schliesslich ermittelt das Selbstvertrauen des Sportlers in Hinblick auf den Verlauf und den Ausgang des bevorstehenden Wettkampfes. Die Autoren fanden heraus, dass am Tag vor dem Wettkampf die kognitive Angst anstieg und am Wettkampftag die somatische Angst ihren Höhepunkt erreichte. Simon Ammann tankte mit einem erfolgreichen Qualifikationssprung (mit reduziertem Anlauf) offensichtlich viel Zuversicht für den Wettkampftag, an welchem er in der Lage war, körperlichen Stresssymptomen adäquat zu begegnen. Hieraus lässt sich ableiten, dass die unmittelbare, erfolgreiche Wettkampfvorbereitung meist 24 Stunden vor dem eigentlichen Wettkampf startet!

Umgang mit Angstgefühlen als langfristiger Prozess: Tagesanzeiger-Journalist Christian Brüngger (2016) ging in seinem Beitrag kürzlich der Frage nach, wie Simon Ammann seine Angst in den Griff bekommen kann. Er zitiert Skisprung-Legende Toni Innauer, der in der «Zeit» zum Thema meinte: «Man kann die Angst besiegen, aber nur schrittweise und mit wachsender Bewältigungsüberzeugung. Man muss sich dafür immer neue, kleine Ziele setzen.» Damit folgt Innauer einem konstruktiv-kognitivistischen Ansatz, der letztlich auf Selbstkontrolle und -regulation von emotionalen Zuständen abzielt. Einem anderen Weg würden achtsamkeitsbasierte Interventionsformen folgen. Skispringer können darin angeleitet werden, Angst zuzulassen, ohne dabei in die Gefahr eines Kontrollverlusts zu geraten. Schliesslich ist dieses Gefühl auch für einen Skispringer „normal“. Entscheidend dabei – auch für die Unterstützung durch den Trainer: die Zuversicht, die Hoffnung auf Erfolg müssen hoch bleiben! Athleten sprechen vom Gefühl einer inneren Gelassenheit, trotz oftmals höchster körperlicher Anspannung!

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Weitere Informationen

In einem abschliessenden Interview gab Ammann in Bischofshofen zu Protokoll: „Es ist ein richtig gutes Erlebnis draus geworden.“ Er hat dafür auch aus Sicht der Sportpsychologie viel und sehr lohnend investiert!

 

Quellen und Verweise:

Beckmann, J., Ehrlenspiel, F., Schönfelder, M., Strahler, K. & Weil, J. (2009). Neuroendokrine Facetten der Wettkampfangst. BISP-Jahrbuch, S. 299-306.

Birrer, D., Ruchti, E. & Morgan, G. (2010). Psyche – Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele. BASPO: Magglingen.

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. BLV: München.

Morgenstern, T. (2015). Über meinen Schatten springen: Eine Reise zu mir selbst. Ecowin-Verlag: Wals bei Salzburg.

 

http://www.srf.ch/sport/mehr-sport/skispringen/thomas-morgenstern-tritt-ab

http://www.servustv.com/at/Medien/Vorschau-Thomas-Morgenstern-Sommer-der-Entscheidung

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/wintersport/simon-ammann/story/30001614?track

http://www.srf.ch/sport/mehr-sport/skispringen/ammann-ein-wichtiges-erfolgserlebnis

http://www.filmstarts.de/kritiken/196960/trailer/19545796.html

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Cristina Baldasarre: Junge Sportler stark machen

Eiskunstlaufen ist eine derjenigen Sportarten, die schon sehr früh professionell betrieben werden müssen – die kindliche Entwicklung passt da oft nicht in den gedrängten Saisonplan. Um Jahre später eine erfolgreiche SpitzenathletIn werden zu können, bedarf es eines psychologisch geschickten Trainingsumfeldes. Die Förderung und der Aufbau von Selbstvertrauen sind darum oberstes Ziel. Aber wie machen wir das im Trainingsalltag? Die 9-jährige Valeria Ackermann konnte ihren ersten und persönlich sehr bedeutungsvollen Erfolg feiern und träumt von Art on Ice und Weltmeisterschaften.

Zum Thema: Gibt es ein Erfolgsrezept für das Selbstvertrauen?

Wer mehr Selbstvertrauen hat, wird öfters Erfolge erleben … wer Erfolge kennt, hat mehr Selbstvertrauen … wir kennen alle diese alte Geschichten, die eigentlich in der Frage gipfeln, ob zuerst das Huhn oder doch das Ei da war? Eine Antwort darauf brauchen wir aber nicht, denn aus den Büchern wissen wir, dass ein gesundes Selbstvertrauen vor allem auch ein positives Selbstbild benötigt. Natürlich sind auch weitere Faktoren daran beteiligt, so all die mentalen Voraussetzungen, Techniken und Tools, die AthletInnen erlernen und einsetzen. Aber auch die eigene Persönlichkeit sowie die Einflüsse von Aussen und auch frühere Erfahrungen und Erlebnisse wirken sich höchst bedeutsam aus.

Valeria Ackermann ist seit fünf Jahren leidenschaftliche Eiskunstläuferin. Was zuerst Hobbysport war, entwickelte sich schnell zu intensivem Training auf und neben dem Eis. Sie trainiert im Kader des Winterthurer Schlittschuhclub rund acht Stunden pro Woche und fährt gerne an Wettkämpfe und Meisterschaften. Sie selber hat in Trainingslagern erste Erfahrungen mit sportpsychologischen Themen machen dürfen und dabei verschiedene mentale Strategien erlernt, die ihr in schwierigen Situationen helfen, ruhig und fokussiert zu bleiben und an ihre Stärken zu glauben. Genauso wichtig wie die persönliche Arbeit von Valeria an ihrer mentalen Stärke ist ein Umfeld, welches leistungsfördernd unterstützt und funktioniert.

Das Verhalten von Trainern und Familie ist von großer Bedeutung

Seit Anfang an galt für Trainern und Familie darum: Jeder kleinste Erfolg zählt, denn das gibt Valeria Kraft, Mut und Energie zum Weitermachen. Also wurden ihr, ähnlich wie bei der Methode Marte Meo (Bünder et al., 2015), immer wieder positive Videosequenzen aller Art gezeigt: Aus eigenen Trainings, Tests, Wettkämpfen aber auch von ihren Vorbildern Sarah Meier, Carolina Kostner und Stéphane Lambiel. Dadurch konnte sie ein positives Selbstbild aufbauen und sie lernte automatisch die korrekten Bewegungsabläufe mit.

Weiter hat Valeria von ihrer Trainerin und ihrem Umfeld über die Jahre hinweg konsequent immer wieder unterstützendes und wohlwollendes, aber auch kritisch-konstruktives Feedback erhalten. Vor allem ist die Kommunikation auf dem Eis jeweils auf die technischen Details fokussiert und Fehler werden auf die Bewegung und nicht auf Valeria als ganze Person bezogen. Bereits vorhandenes Selbstvertrauen kann dadurch aufrechterhalten werden. Ganz nach dem Selbstwirksamkeitsmodell von Bandura (1977) ist die verbale Ermutigung einer der vier zentralen Ansatzpunkte, um die Selbstwirksamkeit zu steigern. Menschen, mit denen unterstützend und positiv gesprochen wird und denen andere zutrauen, herausfordernde Situationen zu meistern, strengen sich eher an und sie glauben vermehrt an ihre Fähigkeiten.

Instabiler Selbstwert bei Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche haben entwicklungspsychologisch betrachtet noch keinen stabilen Selbstwert. Sie sind darum sehr abhängig von den Voten der Aussenwelt, vor allem von direkten Bezugspersonen wie Eltern, Lehrern oder Trainern etc. Das macht sie sehr angreifbar oder einfach formuliert: Mit Worten können Erwachsenen viel Selbstvertrauen zerstören oder erst gar nicht aufkeimen lassen. Darum gilt bei allen Kindern und Jugendlichen das Gebot: Anspornen und Loben ist immer besser als das Gegenteil.

Valeria Sitz Glattal Cup 2015

“Der Erfolg verleiht Flügel” – dies ist nicht nur ein bekannter Werbespruch, dahinter versteckt sich viel Wahres. Denn was beflügelt mehr als das Gewinnen eines Wettkampfes? So durfte Valeria Ackermann Ende 2015 ihren ersten persönlichen Erfolg feiern und wurde in ihrer Kategorie Kantonalmeisterin. Objektiv gesehen sicherlich ein toller Moment, subjektiv betrachtet für die 9-jährige aber das Grösste in ihrem Leben überhaupt. Sie trug ihre Medaille mit viel Stolz die ganze Woche über unter dem T-Shirt und erzählte allen von ihrem Erfolg, erntete immer viele Komplimente, positives Feedback und Bewunderung. Sich an vergangene Erfolge zu erinnern und zu erfreuen, stärkt das Selbstvertrauen ungemein. „Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.“ (Marie von Ebner-Eschenbach). Dieser Glaube an das eigene Können setzt voraus, in der Vergangenheit Herausforderungen angenommen und erfolgreich bewältigt zu haben. Dabei war für Valeria zentral zu erfahren, durch ihr eigenes Handeln wirksam zu sein. Diese Erfahrung war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert.

Kommunikationsregel: Erfolge vor Fehlern

Wenn Sie als Trainer also positiv verstärkend arbeiten, dann machen Sie schon vieles richtig. So sollten AtheltInnen ihre Fortschritte als persönliche Erfolgserlebnisse vermittelt bekommen. Oft werden aber eben solche Erfolgsschritte wenig thematisiert, Fehler hingegen immer wieder besprochen. Das wirkt wie eine Waage, die andauernd aus dem Gleichgewicht gerät, da die negative Seite schwerer wiegt als die positive. Erhalten AthletInnen aber auch regelmässig Rückmeldungen auf Gelungenes, die ihnen das Gefühl geben, Trainer und Umfeld trauen ihnen etwas zu, dann werden sie Vertrauen in ihre eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln. „Die AtheltInnen erleben dadurch Selbstwirksamkeit, die sie in die Lage versetzt, selbstständig hart zu trainieren und Verantwortung zu übernehmen. Das macht sie stärker und steigert ihr Selbstwertgefühl (…). (Haas, 2011, S.13).

 

Info: Cristina Baldasarre (zum Profil) ist die Mutter der Eiskunstläuferin Valeria Ackermann und begleitet ihre Tochter auch sportpsychologisch.

 

Literatur

Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 1977, 84 (2), S. 191-215.
Bünder, P., Sirringhaus-Bünder, A. & Helfer, A. (2015). Lehrbuch der MarteMeo-Methode (4. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Bund, A. (2003). Kinder stark machen – Selbstvertrauen fördern. In: Sportpraxis, Heft 4.
Haas, P. (2011). Paradigmenwechsel im Sportunterricht. DSLV-Info Nr.1.

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Schwerpunkt: Skispringen

“80, 90 Prozent sind bei einem Top-Sprung psychologisch definiert”, sagt Simon Ammann. Der vierfache Olympiasieger macht keinen Hehl daraus, dass die Sportpsychologie von großer Bedeutung ist, wenn es beim Skispringen um Weitenmeter und Haltungsnoten geht. Keine Frage: Skispringen ist das Elfmeterschiessen des Winters. Kaum eine Sportart eignet sich besser,  um nachvollziehbar zu machen, welchen Einfluss mentale Faktoren auf die sportliche Leistung haben. Genau deshalb widmet die-sportpsychologen.ch eben dieser Wintersportdisziplin den ersten Schwerpunkt – in dieser Rubrik wird aus verschiedenen Perspektiven ein definiertes Thema beleuchtet.

 

Insiderbericht Pipo Schödler: Jüngere Springer haben bei der Tournee mehr Mühe im mentalen als im körperlichen Bereich

Die Trainerperspektive nimmt Pipo Schödler ein. Der neue Nationaltrainer der Schweizer Skispringer erklärt in einem Interview seine Beziehung zur Sportpsychologie. Beeindruckend schildert er, welche Herausforderungen auf seine Sportler gerade während Top-Ereignissen wie der Vierschanzentournee zukommen. Schödler zeigt auf, wie unterschiedlich sich die Belastungen auf junge und erfahrene Athleten auswirken und welche Herausforderung es darstellt, die Sportler an Wettkampftagen, an denen es erst in den Abendstunden zur Sache geht, optimal vorzubereiten.

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Direkt zum Insiderbericht

 

Leitartikel Dr. Hanspeter Gubelmann: Vom Ende eines Automatismus – wie Simon Ammann nach neuer Perfektion sucht

Thematisch spielt natürlich auch Simon Ammann eine tragende Rolle. Schließlich liefert der Vorzeigeathlet eine perfekte Vorlage, um die praktische Anwendung der Sportpsychologie im Skispringen zu überprüfen. Denn in Folge der Unsicherheiten bei der Landung in der Saison 2014/2015 hat Ammann nun mit sportpsychologischer Unterstützung seine Landetechnik auf den Kopf gestellt. Dr. Hanspeter Gubelmann hat dazu den Leitartikel: “Vom Ende eines Automatismus – wie Simon Ammann nach neuer Perfektion sucht” verfasst.

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Blog-Beitrag Dr. Hanspeter Gubelmann: Legende Vierschanzentournee

Apropos Gubelmann. Seit 1999 begleitet er als Sportpsychologe die Schweizer Skispringer. Zuvor hatte er lediglich mal aus Interesse ein Weltcup-Springen in Engelberg, nahe seine Wohnortes, verfolgt. Die Vierschanzentournee kannte er nur aus der Fernsehsesselperspektive. Mit 17 Jahren Schanzentischerfahrung  ist der frühere Sprinter nun längst zu einem weltweit anerkannten Experten der Disziplin geworden. Seine Erfahrungen, insbesondere mit Blick auf die Vierschanzentournee schildert er in einem Blog-Beitrag.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Legende Vierschanzentournee

Viele Trainer bezeichnen die Vierschanzentournee schlicht als einen Mythos – ein sportliches Monument im Skispringen, welches in seiner Einzigartigkeit vergleichbar ist mit einer Tour de France im Radsport oder Wimbledon im Tennis. Aus welchem „psychologischen“ Holz muss ein Skispringer geschnitzt sein, um sich nach dem 4. Springen in Bischofshofen in die Siegerliste der Skisprunglegenden eintragen zu lassen?

Zum Thema: Zur Psychologie der Springertournee

Die Vierschanzentournee geniesst insbesondere im Ansehen der Athleten eine Sonderstellung. Selbst wenn Olympische Spiele oder wie Mitte Januar mit den Skiflugweltmeisterschaften ein weiterer Top-Event in derselben Saison stattfindet, bleibt die Ausnahmestellung der „Springertournee“ unangetastet. Auf berkutschi.com, der offiziellen Homepage des internationalen Skisprungsports, finden sich interessante Statistiken und Hintergrundinformationen, die Licht in die Besonderheiten des Events bringen. Auf einen Nenner gebracht heisst das: Von den letzten zehn Austragungen wurden sieben von österreichischen Athleten gewonnen, beim Auftaktspringen in Oberstdorf klassierte sich der spätere Gesamtsieger mindestens im 4. Rang und nur in zwei Fällen – nämlich 2006/2007 mit Anders Jacobsen und 2013/2014 mit Thomas Diethart – standen absolute Rookies in der Endabrechnung ganz vorne. Ansonsten wird die Tournee von Springern dominiert, die zu den erfahrensten und erfolgreichsten ihres Fachs zählen.

Aufgrund der Aufgabenstellung, vier Einzelspringen mit entsprechendem Vorprogramm (Training und Qualifikation) auf vier verschiedenen Sprungschanzen erfolgreich zu absolvieren, wird sofort klar, dass nur ein „kompletter Mehrkämpfer mit ausgeprägter psychischer Robustheit“ diese Veranstaltung dominieren kann. Als Grundlage der dazu notwendigen mentalen „toughness“ sind die aus der nordamerikanischen Sportpsychologie bekannten „skills“ (Fähigkeiten) passend: Confidence (Selbstvertrauen), Concentration (Konzentration), Commitment („Leidenschaft“) und Composure (Gelassenheit). Nur wer an sich glaubt, mit grossen inneren Feuer an die Aufgabe herantritt, sich im entscheidenden Moment voll und ganz auf den Sprung konzentriert und bei all dem Trubel in sich gelassen bleiben kann, wird sich am Ende durchsetzen können!

Der Weg bis nach Bischofshofen ist lang und beschwerlich…

Eine besondere mentale Herausforderung stellt sich durch die Dauer der Veranstaltung und den steten Wechsel von maximaler Beanspruchung in der Wettkampfsituation und anschliessender Deaktivierung. Aktivierungsmessungen im Tagesverlauf bei Skispringern vor, während und nach einem Wettkampfeinsatz (vgl. Kusserow et al., 2011) machen sichtbar, welche Dimension die Gesamtbeanspruchung erreicht. Der Athlet verliert über die insgesamt zehn Tage dauernde (Tor-)Tour nicht nur massiv an körperlicher, sondern auch an psychischer Substanz. Nur wer in körperlicher Bestform, psychisch frisch und in Verbindung mit sehr guter psychophysicher Regenerationsfähigkeit zur Springertournee antritt, kann sich eine Topleistung zum Ziel setzen. Hieraus lässt sich ableiten, in welche Richtung eine erfolgreiche Tourneevorbereitung zielen muss. Ein potentieller Siegesanwärter ist unter jenen Kandidaten zu suchen, der in der aktuellen Gesamtwertung unter den ersten zehn rangiert, beim Weltcup in Engelberg vor Weihnachten mit einem Spitzenresultat zusätzliche Zuversicht getankt hat, sich über die oftmals belastende Weihnachtszeit erholen konnte und schliesslich gesund und mit „geladenen Batterien“ in Oberstdorf antritt.

Es ist aber nicht allein der Wettkampfstress an sich, der dem Athleten zusetzt – es ist vor allem auch die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit in Verbindung mit einer oftmals erfolgshungrigen Medienberichterstattung, die mit der Erfolgszuversicht des einzelnen Athleten konkurrenzieren. Sportpsychologisch betracht ergibt sich aus dem Zusammenspiel von grossem Leistungsvermögen und hohem Leistungsanspruch in Verbindung mit einem positivem Zuspruch des Publikums jener Heimvorteil, der sich in den sieben Gesamtsiegen österreichischer Skispringer seit 2007/08 verdeutlichen lässt. Es wird interessant sein zu beobachten, ob es unseren östlichen Nachbarn auch dieses Jahr gelingen wird, trotz deutlich schlechterer Resultate im bisherigen Saisonverlauf, diesen „Heimvorteil“ ein weiteres Mal zu nutzen. Zudem wird es für alle Athleten von herausragender Bedeutung sein, sich in den wenigen sich bietenden Rückzugsmöglichkeiten und abseits der Sprungschanzen zu regenerieren.

Und: nur wer sich mit genügend und ungestörtem Schlaf von den Strapazen des Wettkampfes erholt, wird seine Bestleistungen erbringen können!

Die fliegerische Leichtigkeit gewinnt…

Früher, vor Einführung des Bodymassindex’ und einem damit verbundenen „Mindestgewicht“, galt die Devise: (körperliche) Leichtigkeit fliegt und gewinnt. Geblieben ist die Überzeugung, dass ein von innerem und äusserem Druck befreites Springen zum Erfolg führt. Darin liegt die Chance eines unbeschwert auftretenden Rookies, wie es 2006/07 der Norweger Anders Jacobsen vormachte. In der Rückblende beschreibt er seinen damaligen Erfolg so: „Es war ein Märchen für mich. Ich bin erst in dieser Saison zum Team gestoßen, habe einen Monat vor der Tournee meinen ersten Weltcup absolviert und bin auf Anhieb Dritter geworden. In Engelberg habe ich mich mit Gregor Schlierenzauer duelliert, bin Erster und Zweiter geworden. Und dann kam die Tournee. Es war alles ganz leicht für mich. Ich war jung, habe mir keine Gedanken gemacht und bin einfach gesprungen. Es hat einfach Spaß gemacht. Es hat mein Leben verändert. Ich bin über Nacht von einem ganz normalen Jungen zum Prominenten in Norwegen geworden.“ (berkutschi.com)

Jacobson schildert eindrücklich diese fliegerische Leichtigkeit, quasi die Selbstverständlichkeit des Skispringens in Verbindung mit der Überzeugung des Athleten, seinen eingespielten und funktionierenden Automatismen „freien Lauf“ geben zu können. Dieses absolute Zutrauen, es auch unter höchster Belastung nicht „erzwingen“ zu müssen, ist ein wesentlicher mentaler Faktor sportlicher Höchstleistung.

Überraschungscoup ausgeschlossen?

Der Ausgang des ersten Springens in Oberstdorf zeigt aber auch, dass noch weitere, auch äussere Einflussfaktoren die sportlichen Leistungen massgeblich mitbestimmen. Durch die sehr wechselhaften Windbedingungen und die dadurch entstandene Zäsur in der Rangliste wird ein Überraschungscoup an der diesjährigen Tournee unwahrscheinlich. Vielmehr scheint ein routinierter Athlet – höchstwahrscheinlich einer der drei Erstplatzierten von Oberstdorf – in Bischofshofen ein weiteres Kapitel im Tourneebuch „lebender Legenden“ zu schreiben.

 

Quellen:

Kusserow, M., Amft, O., Gubelmann, H.-P. & Tröster, G. (2011). Arousal pattern analysis of an Olympic champion in ski jumping. Sports Technology, 3:3, S.192-203.

http://berkutschi.com/de/front/news/7568-mythos-vierschanzentournee

http://berkutschi.com/de/front/news/7572-jacobsen-prevc-gewinnt-die-tournee

 

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Sabrina Windmüller: „Umfallen, aufstehen, Krone richten, weiter machen“

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Sabrina Windmüller

Sie gilt als die erfolgreichste Schweizer Skispringerin. Seit 2006 ist Sabrina Windmüller an internationalen Springen mit von der Partie. Ihren ersten grossen Erfolg verzeichnete sie 2012 am Weltcup in Hinterzarten mit dem ersten Rang. Bei Schweizer Meisterschaften feierte sie seit 2007 insgesamt fünf Einzelmedaillen – 2011 und 2012 holte die gebürtige Walenstädterin dabei den Titel. Sabrina Windmüller hat von klein auf, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester, beim SSC Toggenburg, also im gleichen Verein wie Simon Ammann, trainiert. Die laufende Saison begann für sie mit ihren beiden Siegen im Dezember 2015 am Continental Cup Notodden, Norwegen, sehr erfolgreich.

Sabrina Windmüller auf Facebook

Wie schaffst du das, immer wieder auf den Punkt genau bereit zu sein?

Das war ich nicht immer in gleicher Form. Früher war mein Start viel mehr Glückssache oder Zufall als heute. Ich meine so nach dem Motto: Manchmal ging es gut, manchmal eben nicht. Oder jeweils rückblickend „heute war ein guter Tag, heute war nicht mein Tag“. Irgendwann wollte ich das dann mit dem Ziel ändern, mich selber besser steuern zu können und suchte Hilfe beim Sportpsychologen. Ich habe lange daran gearbeitet und gefeilt, um herauszufinden, was mir in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung gut tut, was ich brauche und was ich sicher vermeiden möchte. Das Resultat waren Rituale als Vorbereitung vor dem Start.

Wie sieht deine Vorbereitung vor dem Start denn konkret aus?

Generell pflege ich meine Rituale. Diese beginnen mit dem Aufwärmen: Übungen, die mir gut tun, bleibe ich treu, andere Übungen können auch mal variieren. Wenn ich oben am Start angekommen bin, nehme ich mir ca. 10 Minuten vor dem Start Zeit für mich. Ich richte dann meine Schuhe, meinen Anzug und die Starnummer. Nach dem Materialcheck beginnt die mentale Vorbereitung. Ich widme mich meinen Schlüsselpunkten, die ich im Sprung realisieren will. Dabei fokussiere ich die einzelnen Teile und stelle sie mir in Begleitung eines Selbstgespräches vor.

Danach gehe ich zur „Schrittkontrolle“ und begebe mich in eine Ruheposition, damit mein Puls nicht zu fest ansteigt und ich den Sprung in meinem optimalen Zustand absolvieren kann. Dort warte ich, bis mir erlaubt ist die Skier anzuziehen. Dafür stehen mir meistens 25 Sekunden zur Verfügung. In dieser Zeit stelle ich mir nochmals die wichtigsten Punkte vor und kommentiere sie in einem motivierenden Selbstgespräch. Ich hüpfe auf den Startbalken und warte dort auf das Signal, dass ich losfahren kann. In diesem Moment versuche ich völlig frei von Gedanken zu sein um den Sprung laufen zu lassen.

Wie merkst du, wenn du richtig gut bereit bist für den Sprung?

Ich habe gelernt, auf meinen Körper und seine Signale zu achten. Sobald ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, weiss ich es halt einfach. Die vielen Erfahrungen über die Jahre hinweg geben mir wichtige Anhaltspunkte dazu. Die Sportpsychologie spricht vom Erreichen des optimalen Leistungszustandes (Anmerkung: Yerkes & Dodson, 1908). Ziel ist das individuell passende Niveau an Aktivation zu kennen, also meinen richtigen Punkt zwischen Entspannung und Anspannung zu finden. Durch meine Rituale während der Wettkampfvorbereitung gelingt es mir viel einfacher und schneller in den OLZ zu gelangen. Es ist wie ein Countdown. Vom Start rückblickend sind die Abläufe, die genauen Inhalte und der mentale Teil im Detail definiert. Ich bin meistens eine Stunde vor Wettkampfbeginn an der Schanze und richte das Material. Die verbleibenden 45 Minuten verwende ich dann für meine Wettkampfvorbereitung. Inzwischen kenne ich meine Rituale genau und weiss, wann ich sie wie anzuwenden habe. Wichtig für mich ist, eben genügend Zeit einzuberechnen, Hektik gefällt mir nicht. Was bedeutet, dass ich mich zeitig auf den Weg zum Start machen muss, damit ich in Ruhe alles durchgehen kann.

Was würdest du jungen SportlerInnen mit auf den Weg geben zum Thema unmittelbare Wettkampfvorbereitung?

Mir erscheint es wichtig, dass man seine Rituale findet und diese dann auch pflegt. Das ist eine Übungssache, die man in die Trainings einbauen kann. Es ist wichtig herauszufinden was einem persönlich gut tut. Aber das erfordert viel Arbeit und ich brauchte oft einiges an Geduld, auch hier hilft mir mein Spruch immer: „Umfallen, aufstehen, Krone richten, weiter machen“.

Gelingt das, dann kann ich besser Ruhe und einen klaren Kopf bewahren und ich kann mich gut konzentrieren.

Avatar_BaldasarreDas Interview führte Cristina Baldasarre: Zum Profil

Quellen:

http://www.coopzeitung.ch/Skispringen

Yerkes, R.M. & Dodson, J.D.: The relation of strength of stimulus to rapidity of habit-formation. Journal of Comparative Neurology and Psychology, 18 (1908) 459-482

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