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Pipo Schödler: Jüngere Springer haben bei der Tournee mehr Mühe im mentalen als im körperlichen Bereich

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Pipo Schödler

Pipo Schödler, der Bruder des Disziplinenchefs Berni Schödler, wurde für die laufende Saison 2015/2016 zum Nationaltrainer der Schweizer Skispringer berufen. Seine Aufgabe ist, das junge Schweizer Skisprungteam um Teamleader Simon Ammann in Richtung Olympische Spiele in Pyeongchang 2018 voranzubringen.

Mehr Infos: http://www.swiss-ski.ch/leistungssport/skispringen/athleten-betreuer.html

Pipo Schödler, du sagst, dass mentales Training ins alltägliche Training des Skispringers gehört und sich daraus seine mentale Stärke entwickelt, die letztlich im Wettkampf zählt. Wie meinst du das?

Bei uns ist das mentale Training ein wichtiger Bestandteil in jeder Trainingseinheit. Das Trainingsmass lässt sich nicht gleichermassen objektivieren wie z.B. die Beanspruchung durch Hürdensprünge über eine bestimmte Sprunghöhe oder Kniebeugen mit entsprechender Wiederholungszahl – trotzdem trainiert der Kopf immer mit. Auf der Schanze sprechen wir in den Trainings oft von der Checkliste jedes Athleten, welche die Kernelemente beschreibt, die zur Ausführung eines erfolgreichen Skisprung notwendig sind. Darin sind Punkte enthalten, wie z.B. ein bewusstes Ritual vor dem Sprung, wie sich eine erfolgsversprechende Anfahrposition anfühlt, welchem Rhythmus Absprung und Übergang in die Flugphase folgt, welche positiven Emotionen der Springer in der Luft wahrnimmt und wie er sich die Telemark-Landung verinnerlicht. Daraus entsteht die sehr individuelle aber ebenso notwendige Fähigkeit eines Skispringers, seinen Sprung zu reflektieren. Kann er diese Checkliste im Training und Wettkampf abrufen und umsetzen ist schon ein grosser Schritt zu einem gelungenen Wettkampfsprung gemacht.

Ein mental starker Athlet präsentiert sich mir am Wettkampftag, indem er eine gesunde Mischung zwischen Fokussierung und Aktivierung findet, sowie bereit ist loszulassen. Gerade wenn wir Wettkämpfe am Abend haben ist es suboptimal, wenn der Athlet den ganzen Vormittag schon an den Wettkampf denkt, sich vorbereiten will und dadurch seine psychische Energie bereits vor Wettkampfbeginn „verpulvert“. Deshalb zählt für mich ein gutes Zeitmanagement am Wettkampftag auch zur „Mentale Stärke“. Im unmittelbaren Wettkampfablauf ist es für mich weiter zentral, dass sich der Athlet auf seine technischen Abläufe fokussieren kann, die Handlungen auf und neben der Schanze eben so funktionieren, wie sie im Training geübt und automatisiert wurden. Der Athlet hat seine Checkliste aktualisiert und kann diese im Wettkampf optimal abrufen – auch wenn ein paar Punkte zu viel auf der Liste stehen mögen! Diese Flexibilät im Denken, eben ein technisches Manko auch einmal beiseite zu legen und weiterhin an das eigene Sprungvermögen zu glauben, macht einen grossen Unterschied. Als Trainer erkenne ich den mental starken Athleten an seinem Verhalten: er strahlt Überzeugung aus, auf und neben der Schanze und weiss genau was zu tun ist.

Was ist deine ganz persönliche Meinung zum Thema sportpsychologische Betreuunng im Skispringen? In welcher Form findet diese Betreuung auch unter deiner Leitung statt?

Ich finde eine sportpsychologische Betreuung ein spannendes Thema, weil es um den Menschen geht und nicht um Meter, Zehntel oder Material. Ich bin überzeugt, dass eine derartige Unterstützung einen Athleten in seiner Entwicklung vorantreiben kann – vorausgesetzt er zeigt sich gewillt, sich auf auf Neues einzulassen. Wir haben in den letzten Jahren Teammassnahmen gerade in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung im sportpsychologischen Bereich in die Trainings und auch den Wettkampf integriert und es den Athleten offeriert, eine persönliche sportpsychologische Betreuung wahrzunehmen.

Persönlich am nächsten dabei war ich bei unserem Projekt „Wettkampfvorbereitung“ und habe durchwegs positive Erfahrungen damit gemacht. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist, dass wir Menschen tendenziell dazu neigen, schnell zu vergessen und dass bei fehlender Eigeninitiative nicht viel hängen bleibt. Insofern wären zusätzliche Massnahmen sicher hilfreich, was jedoch nicht immer umsetzbar ist. Die Gründe dafür sind unterschiedlich; einmal scheitert es an einer sinnvollen Terminfindung, dann gehen spontane Ideen wieder verloren und hier und da fehlt es im Schweizer Sport halt auch an den Finanzen. So sind wir Trainer etwas mehr gefordert und stehen in der Verantwortung. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass wir eine ordentliche Basis in der Trainerausbildung erhalten. Ansonsten weiss ich, wo fachspezifisches Wissen zu finden ist und an wen ich mich wenden kann!

Und was muss der Sportpsychologe an Qualitäten mitbringen?

Er muss primär die Spezies „Homo athleticus“ gerne haben. Klar würden wir nicht mit einem Sportpsychologen zusammenarbeiten wollen, der so eine Schnellbleiche absolviert hat und sich nachher Sportpsychologe nennt. Er soll seinen Beruf erlernt bzw. studiert haben und passende Referenzen mitbringen. Nicht zwingend notwendig sind aus meiner Sicht vertiefte Kenntnisse in unserer Sportart. Er muss sich ja nicht um technischen Details kümmern, sondern mit dem Menschen und mit ihm zusammen an seiner Rolle als Athlet und Wettkämpfer arbeiten. Ob eine Zusammenarbeit passt oder nicht, ist eine Frage des Vertrauens aller Beteiligter sowie abhängig von der Qualität des Angebots. Nur wenn beides stimmt, wird die Zusammenarbeit fruchtbar und erfolgreich sein.

Die Vierschanzentournee ist dieses Jahr neben der Skiflug-WM das grosse Highlight. Was muss der potentielle Sieger an mentalen Qualitäten mitbringen und wie beurteilst du in diesem Zusammenhang Simon Ammanns Erfolgsaussichten, seine neue Landtechnik bald im Griff zu haben?

Die Tournee ist ein Mythos mit eigenen Regeln! Die Veranstaltung als Gesamtsieger zu verlassen ist bisher nicht einmal unserem 4-fachen Olympiasieger Simon Ammann gelungen. Gerade Simon ist meiner Meinung nach ein Meister der Konzentration und der Visualisierung eines Wettkampfes. Die Psyche, denke ich, ist in seinem Fall nicht der Knackpunkt, sondern eher die körperliche Regeneration über die vier Wettkampftage verbunden mit einer grossen Beanspruchung durch das „Drumherum“. Bei jüngeren Athleten ist es vermutlich umgekehrt. Sie dürften vom körperlichen Stress gar nicht soviel mitbekommen, sondern wohl deutlich mehr Mühe in der mentalen Verarbeitung bekunden. Da es für mich persönlich die erste Vierschanzentournee als Cheftrainer ist, werde ich einmal unvoreingenommen an die Aufgaben herangehen. Speziell interessiert mich zu sehen, was wir schon gut können und wo wir im mentalen Bereich an der Tournee noch zulegen müssen.

Die Frage bezüglich Simons Landetechnik könnte der Athlet sicher präziser beantworten, da er seinen Sprung ja selber steuern und erleben kann. Von Aussen versuchen wir Trainer, Simon zweckmässige und zielgerichtete technische Anleitungen zu geben, welche für den Athleten aber mitunter schwer umsetzbar sind. Sicherlich hat der Sturz vor einem Jahr bei Simon Spuren hinterlassen und diesen Rucksack muss er mit sich tragen. Die mentale Knacknuss dürfte primär sein, dass Simon weiter an sich und die Möglichkeit einer technisch einwandfreien Umstellung glaubt, auch wenn es zeitlich länger dauert, als er sich das erhofft hat. Ich sehe gute Ansätze zum positiven Gelingen, aber die Konstanz fehlt und seine Geduld ist ganz besonders gefragt.

Wenn du einen Wünsch für 2016 und die Verbesserung der mentalen Stärke deiner Springer offen hättest – was wäre dieser?

Ich würde mir etwas mehr Offenheit verbunden mit einer Portion Neugier und der Idee, sich auch auf ein neuen Weg konsequent einlassen zu wollen, wünschen. Toll fände ich, wenn gerade unsere jüngeren Athleten einen solchen Ansatz von uns Trainer – egal ob hinsichtlich Sprungechnik oder ihrer Lebensphilosophie – annehmen könnten, ohne die Umsetzbarkeit gleich schon zum vornherein in Frage zu stellen.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: 2016 erfolgreich Scheitern!

In die Adventszeit, spätestens aber in den Ausklang des zu Ende gehenden Jahres fällt eine Zeit, die auch aus Sicht der (Sport-)Psychologie besonderen „Zündstoff“ hat. Es ist die Zeit der Jahresrückblicke, der Rückschau auf Siege und Niederlagen und sie bietet meist auch Anlass zu einer kritischen Würdigung des Vollbrachten. War 2015 ein gutes Jahr? Ähnlich dem Spitzensportler wird sich auch der Hobbysportler Gedanken darüber machen, was 2016 anders und besser laufen soll. Gute Vorsätze für das kommende Jahr haben dann nicht nur im Sport Hochkonjunktur!

Zum Thema: Wie aus einem Vorsatz ein spannender Plan und eine erfolgreiche Handlung werden kann.

Psychologisch betrachtet ist der „gute Vorsatz“ Zündstoff in Form eines (ersten) Antriebs zur Veränderung. Hat der Vorsatz zum Ziel, eine alte Gewohnheit zu verändern – z.B. endlich die eigene Unsportlichkeit zu bekämpfen, gilt es meist sehr hohe Barrieren zu überwinden. Zu häufig bleibt der gute Vorsatz auf dem Weg vom Wollen zum Tun schon nach wenigen Schritten hängen. Wissenschaftler wie der bekannte Motivationsforscher Gollwitzer (1999) sprechen in diesem Zusammenhang von der fehlenden „Implementierungs-Absicht“, ein Vorausplanen passender Handlungsstrategien in enger Verbindung mit dem Verhaltensvorsatz. Der Tradition der Selbstbestimmungstheorie (vgl. Deci & Ryan 1985) folgend, stehen insbesondere Selbstorganisations- und kontroll-Prozesse im Mittelpunkt des Interesses. Diese gilt es beim „simple plan“ (vgl. Gollwitzer 1999) zu befolgen.

Goschke (2002) beschreibt auf seinem Weg zum „einfachen Plan“ drei Leitideen zur optimierten Selbstregulation: Aufmerksamkeits-, Motivations- und Emotionskontrolle. Der Plan soll derart konzipiert sein, dass wir uns auf die absichtsrelevante Information fokussieren, (Belohnungs-)Anreize schaffen und auf eine positive (Grund-)Stimmung achten. Heisst: Wenn ich im Herbst 2016 am Greifenseelauf teilnehmen möchte, dann sollte ich vielleicht an Silvester meine Lauf-Utensilien so vor der Eingangstüre positionieren, dass ich mich an Neujahr quasi genötigt fühle, diese beim Verlassen des Hauses anzuziehen. Zudem steht im Kühlschrank ein Stück meines Lieblingskuchens, das ich mir im Anschluss an den Lauf als Belohnung gönnen darf. Eben: Jede Veränderung beginnt mit einem ersten, geplanten und motivierenden Schritt!

Vorschlag für einen universellen Jahresvorsatz 2016: erfolgreich(er) Scheitern!

„Interessant“, wird der Sportler oder die Trainerin sagen – nur bin ich jetzt nicht Läufer und sehe auch keine unmittelbare Veranlassung, im kommenden Jahr häufiger joggen zu gehen! Auf der Suche nach einem passenden „Vorsatz für jederman/-frau“ könnte ein 2015 erschienenes e-book einen interessanten Zugang eröffnen. Es trägt den Titel: „Erfolgreich scheitern!“ Darin beschreiben Experten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen Ideen zum Umgang mit Rückschlägen und Niederlagen. Denn nicht nur im Sport gilt: Der Weg zum Erfolg führt auch über die Niederlage. Selbst Ausnahmeathleten wie Roger Federer kennen die Niederlage als wiederkehrenden Begleiter. Federers aussergewöhnliche Karrierebilanz weist aktuell 1059 Siege und immerhin 238 Niederlagen aus!

Gut möglich also, dass auch wir uns im Jahre 2016 häufig mit Situationen des (alltäglichen) Scheiterns konfrontiert sehen. Diese meist negativen Ereignisse auf dem Weg zum Erfolg nutzbringend zu verarbeiten, könnte ein passender Ausgangspunkt zu konkreten, individuellen Vorsätzen für das neue Jahr sein. Grundlage dazu soll das Online-Buch sein, aus dem nachfolgend drei Kernaussagen in Verbindung mit der eingangs kurz beschriebenen Motivationspsychologie referiert werden.

Arno Del Curto, Eishockey-Trainer HC Davos, betont im Umgang mit einer Niederlage die Haltung des Spielers: Verantwortung übernehmen, akzeptieren und diese erst dann zu analysieren, wenn man dazu bereit ist. Positive Verlierer sind jene Spieler, die keine Entschuldigungen für Niederlagen suchen und anschliessend dermassen „angefressen“ sind, dass sie den Sieg bedingungslos suchen.

Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell meint, dass es gut ist, wenn wir uns für einen Misserfolg schämen. Wir fühlen uns in dieser Situation aktiv beteiligt und in sich selbst verankert. Dieses aktive Gefühl bietet eine Entwicklungschance, das „Ich“ zu stärken und wieder an Selbstvertrauen zu gewinnen.

Schriftsteller Lukas Bärfuss bezeichnet Scheitern als notwendigen Bestandteil seiner Arbeit. Er hasse es zu scheitern, trotzdem setze er sich diesem bewusst aus, indem er auf das Mögliche verzichte und nach dem Unmöglichen greife. Dadurch entstehe für ihn höchste Intensität.

So unterschiedlich diese Ansätze auf den ersten Blick sind, in einem wichtigen Punkt treffen sie alle aufeinander – in der Prägnanz der persönlichen Haltung zum Scheitern. Was ist ihre Haltung dazu?

 

Quellen:

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. New York: Plenum.

Gollwitzer, P. M. (1999) Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54 , 493-503.

Goschke, T. (2002). Volition und kognitive Kontrolle. In J. Müsseler & W. Prinz (Hrsg). Allgemeine Psychologie (S. 270-335). Heidelberg. Spektrum.

http://www.doqoo.ch/scheitern-erfolgreich/scheitern-sportler-gubelmann

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Philippe Müller: Mit einem Plan in die Saison

Während die Augen auf die Wettkämpfe auf Schnee und Eis gerichtet sind, beginnt bereits der Aufbau für viele Sommersportarten. Mit den Olympischen Spielen 2016 steht ein wichtiges Sportjahr vor der Tür. Eine seriöse und perfekte Vorbereitung soll das Fundament für eine erfolgreiche Saison bilden. Die Saisonplanung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Zum Thema: Was gilt es, bei der Saisonplanung zu beachten?

Die Wintermonate bieten nicht nur die Gelegenheit, für Kraft und Kondition eine solide Basis zu erarbeiten, sondern auch mentale Fertigkeiten zu stärken. Doch um zu wissen, was und wie trainiert werden soll, bedarf es einer Planung. Dabei lohnt es sich, das Gewohnte kritisch zu hinterfragen, Entwicklungsmöglichkeiten sowie zukünftige Herausforderungen zu identifizieren und diese geplant zu verfolgen

Die Olympischen Spiele sind für viele Athletinnen und Athleten der grosse Traum. Der Weg dorthin ist oftmals steinig und schwer. Es gilt, sich gegen die starke Konkurrenz zu behaupten und die harten Selektionskriterien zu erfüllen. Der Selektionszeitraum erstreckt sich in vielen Sportarten bis in die Olympia-Saison hinein. Der Formaufbau muss perfekt auf die Anforderungen abgestimmt werden. Dies bedarf einer klaren Planung.

Der Plan zum Erfolg

Der sportliche Erfolg ist von weit mehr als nur der momentanen körperlichen Verfassung abhängig. Bei der Planung der Saison müssen deshalb möglichst viele Komponenten mit einbezogen werden, um möglichst wenig dem Zufall zu überlassen. Dies beinhaltet nicht nur die Koordination der Termine und des Formaufbaus. Auch Aspekte von Reisen, Akklimatisierung und Erholung sind zu berücksichtigen. Ebenfalls sollten die psychischen Anforderungen nicht vernachlässigt werden.

Obwohl ein Plan spezifisch auf eine Person zugeschnitten sein sollte, gibt es einige allgemeine Merkmale. So hilft es, am Anfang jeden Plan auf ein Ziel auszurichten. Um dieses Ziel zu definieren, empfiehlt es sich, die einach Frage zu beantworten: Was will ich überhaupt erreichen? Steht dieses fest, sind die erforderlichen Ressourcen zu identifizieren. Was brauche ich, um dieses Ziel zu erreichen? Daraus lässt sich schlussendlich ableiten, was und wie trainiert werden muss.

So trivial der letzte Punkt erscheint, steckt doch eine schwierige Aufgabe dahinter. Zum einen muss man alle anstehenden Anforderungen voraussehen und zum anderen für jede Herausforderung die passende Massnahme kennen. Während im physischen Bereich meist detaillierte Pläne durch einen Trainer ausgearbeitet werden, ist man beispielsweise bei der mentalen Vorbereitung oft auf sich allein gestellt. Dennoch lohnt es sich, sich auch in diesen Gebieten Zeit dafür zu nehmen und eine Planung zu erstellen. Allfällige Stolpersteine können dadurch vorhergesehen und Gegenmassnahmen frühzeitig eingeleitet werden. Gegebenenfalls können neue Fertigkeiten zur Bewältigung von Aufgaben erlernt werden.

Dem eigenen Plan treu bleiben

Dennoch läuft nicht immer alles planmässig. Was ist zum Beispiel zu tun, wenn eine Chance zur Qualifikation verpasst wurde? Mit jeder verpassten Chance nimmt der Druck zu. Zweifel kommen auf, ob das angestrebte Ziel noch erreicht werden kann oder ob der gewählte Weg der richtige ist. Das Bedürfnis etwas zu ändern oder den Plan gänzlich zu verwerfen steigt.

Wenn ein Plan mit Bedacht ausgearbeitet wurde, sind zumeist mögliche „Rückschläge“ einkalkuliert. Oftmals ist die Athletin oder der Athlet gut beraten, den Plan weiterhin zu verfolgen (ausser bei gravierenden Ereignissen, z.B. Verletzung, siehe auch: Siro Stump – Der bislang schwerste Kampf eines Judotalents), auch wenn es zum Zeitpunkt viel Überwindung braucht. Denn was kann eine kurzfristige Änderung besser als eine monatelange Planung?

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Siro Stump: Der bislang schwerste Kampf eines Schweizer Judotalents

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Siro Stump

Der 16-jährige Lehrling Siro Stump gehört zum U18 Judo Nationalkader der Schweiz. Judo ist sein ganzes Leben. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder trainiert er im Judo Club Uster 20 Stunden pro Woche. Seit 2014 reihte Siro Stump vielerlei Erfolge aneinander (siehe unten) und formulierte auf seiner Homepage grosse Ziele für seine Zukunft: Vom Schweizermeister über Podestplätze an Europacups bis hin zur Teilnahme an den Olympischen Spielen. Eine Verletzung hat im Oktober 2015 seine Pläne vorerst durchkreuzt und ihn zu einer ungewollten Pause gezwungen.



Erfolge 2014: 2. Rang U18 SM; 3. Rang U21 SM; 1. Rang Int. La Fontaine; 1. Rang Int. Kaizen

Erfolge 2015: 2. Rang Int. Eindhoven; 7. Rang European Cup Follonica

Mehr Infos: http://www.sirostump.ch/

Siro Stump, wie passierte die Verletzung?

Ich bin ein sehr ambitionierter Athlet und gehe bei jedem Kampf voll rein, egal ob es ein Training oder ein Ernstkampf ist. Vor drei Monaten verletzte ich mich im Trainingslager in Japan. Es splitterte ein Knochenstück am Ellenbogen ab. Dies passierte Ende Saison, direkt vor den Schweizermeisterschaften, die somit leider ohne mich statt fanden. Das war schon bitter, denn ich wollte mindestens meinen letztjährigen Rang verteidigen.

Was hast du seither alles für deine Rehabilitation unternommen?

Nun, ich war bei zwei Sportärzten und im MRI um das Ausmass des Schadens zu erfassen. Es ist zwar nur ein Knochensplitter weg, aber wie so oft dauern die kleinen Verletzungen auch sehr lange. Ich musste den Arm zwei Wochen ruhig stellen und das was für mich sehr schwierig auszuhalten. Es machte sich Unsicherheit in mir breit, da das meine erste Verletzung mit einer längeren Pause ist. Auch merkte ich, wie schnell die Muskeln im Arm schwanden. Von Beginn an habe ich darum viel in die Physiotherapie investiert, was tolle Resultate ergab.

Was hast du gegen deine Unsicherheit unternommen?

Zuerst machte sich ein Gefühl der Angst in mir breit, dass ich mich bei der Wiederaufnahme des Trainings sofort wieder verletzen würde. Oder dass ich nicht mehr an meine früheren Leistungen anknüpfen würde. Oder dass mein Arm den erneuten hohen Belastungen nicht mehr standhalten würde. Darum habe ich Unterstützung bei der Sportpsychologin Cristina Baldasarre (zum Profil) gesucht, die ich schon vorher von unserer gemeinsamen Arbeit kannte. Sie erklärte mir, wie man während einer Verletzung mental Arbeiten kann, um wieder an Sicherheit zu gewinnen und vor allem das Bewegungsgefühl wieder zu finden und zu festigen. Das wichtigste Element dabei war für mich das Visualisieren meiner Bewegungsabläufe, dass heisst sich die unterschiedlichen Abläufe der Würfe im Kopf vorzustellen. Seither bereite ich mich auch mental auf den Wiedereinstieg vor.

Wie setzt du diese mentalen Techniken konkret ein?

Hauptsächlich visualisiere ich die verschiedenen Standardtechniken, die ich im Judo am häufigsten werfe. Cristina Baldasarre (zum Profil) brachte mir diese Vorgehensweise bei, die sich Bewegungsvorstellungstraining oder mental gestütztes Techniktraining nennt und mit sogenannten Knotenpunkten arbeitet: Ich musste zuerst die Bewegung einige Male langsam Vorzeigen, quasi als Trockenübung. Dabei musste ich ihr den Ablauf sehr detailliert erklären, Hauptaugenmerk lag auf der genauen zeitlichen Abfolge der Teilbewegungen. Aber auch darauf, den Rhythmus präzise aufzunehmen und die Intensität der realen Bewegung in das Visualisieren einfliessen zu lassen. Danach führte ich sie im richtigen Tempo durch und dann musste ich genau dieses Bewegungsgefühl mit geschlossenen Augen vor meinem inneren Auge wiederholen. Zu Anfang war das für mich alles sehr ungewohnt, mich so auf die Details zu konzentrieren. Aber auch, weil ich ja sonst immer einen Kampfpartner habe.

Glücklicherweise hatte ich den Dreh schnell raus. Seither visualisiere ich diejenigen Würfe, die für mich die wichtigsten darstellen. Ich mache das meistens zu Hause mehrmals täglich, mit kurzen Pausen dazwischen.

Was bringt dir das Visualisieren?

Ich merke einfach, dass es mir gut tut und ich im Technikbereich nicht so fest einroste. So ist es ein ideales Training für die Phase der Verletzung. Das Gefühl für die Bewegung wird durch die geistige Auseinandersetzung mit der dieser viel klarer, ich lerne die Bewegung präziser kennen und das gefällt mir sehr. Es gibt mir wieder viel mehr Sicherheit und Zuversicht für den Wiedereinstieg, der hoffentlich Ende Februar sein wird. Ergänzend dazu habe ich eine weitere Technik von Cristina Baldasarre erlernt. Ich schaue mir meine letzten erfolgreichen Kämpfe auf Video an und so erinnere ich mich an das Gewinnergefühl und sehe die tollen Würfe immer und immer wieder und lerne durch das reine Zuschauen. So steigt mein Selbstvertrauen täglich an und bis ich wieder voll trainieren kann, bin ich dann auch mental wieder ganz fit. Die anfängliche Angst verschwindet so jeden Tag mehr und mehr.

Tipp: Tim Hartmann, Chefexperte J+S Judo hat zusammen mit dem Schweizerischen Judoverband die Plattform www.SJV4U.ch für seine Mitglieder aufgebaut (https://sjv.ch/Dokumente/DOJO/DE/2014-4-DOJO). Dort finden sich rund 350 Videosequenzen sowie Bewegungssequenzen, die das Techniktraining visuell unterstützen. Solche Tools eignen sich wunderbar als Unterstützung für das Visualisieren.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wir und unser Problem

Wie es um die angewandte Sportpsychologie steht, fragte vor wenigen Tagen Journalist Rainer Sommerhalder in seiner breit angelegten Reportage zum Stand der Entwicklung der angewandten Sportpsychologie in der Schweiz (Mentales Training: Sind Erfolge im Sport reine Kopfsache?). Der gut recherchierte und dokumentierte Artikel verweist auf die vielfältigen Herausforderungen, denen sich das Berufsfeld auch in Zukunft stellen muss. Die Quintessenz liest sich so: Es ist nicht fehlendes Interesse seitens der Sportler oder Trainerinnen, sondern primär ein finanzielles Problem – der Schweizer Spitzensport scheint sich die angewandte Sportpsychologie nicht leisten zu können.

Zum Thema: Die Sportler sind an der Sportpsychologie interessiert…

Das Gespräch mit dem Autor brachte ein interessantes Detail zu Tage. Es war für den Journalisten nicht einfach, einen bekannter(en) Sportler zu finden, der NICHT auf eine sportpsychologische Unterstützung zurückgreift oder noch keine positiven Erfahrungen in Zusammenarbeit mit der Sportpsychologie gesammelt hatte. Aus Athletenumfragen im Zusammenhang mit sportpsychologischen Support im Vorfeld olympischer Spiele ist zudem bekannt, dass sich zahlreiche Athletinnen psychologischen Beistand auch aus anderen, nicht professionellen Gruppen suchen – z.B. beim Freund oder bei der Mutter. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, vor allem wenn von diesen Athleten berichtet wird, dass die Qualität des Angebots durchaus ihren Wünschen entsprach.

Weitgehend unbeantwortet bleibt hingegen die Frage, wie sich die Athleten und Trainer die notwendigen Informationen beschaffen, um im (unmittelbaren) Bedarfsfall schnell an eine passende Person zu gelangen. Eine Kontaktaufnahme über Swiss Olympic, das Bundesamt für Sport (BASPO) oder über Kontaktpersonen beim Berufsverband SASP (Swiss Association of Sport Psychology) scheint naheliegend. Ebenso dürften mündliche Referenzen bedeutsam sein und einige werden sich auch im Internet nach Angeboten umschauen. Die ersten „Treffer“ auf den Suchbegriff „Sportpsychologie“ bei google liefert nebst Namen bekannter Sportpsychologen Kontaktmöglichkeiten zum Fachverband (SASP) und zum IAP in Zürich, wo ein Lehrgang für Mentaltrainer angeboten wird. Zudem findet der Interessierte Informationen von Swiss Olympic hinsichtlich der Unterschiede zwischen Mentaltrainer und Sportpsychologen. Ob die Sport-Fachverbände im Bedarfsfall schlüssige Informationen zur Verfügung stellen können, ist nicht bekannt.

… die Betreuungsangebote sind nicht „sichtbar“!

Im Hinblick auf Grossveranstaltungen wie die kommenden Olympischen Spiele 2016 in Rio darf von einem weiterhin steigenden Interesse an mentaler Unterstützung ausgegangen werden. Ein schaler Beigeschmack bleibt, wenn davon ausgegangen werden muss, dass im breiten Markt mit sehr unterschiedlichen Anbietern auch unlautere und unseriöse Angebote zu finden sind (Vgl. Seiler 2009). Deshalb bleibt verstärkte Information und Transparenz seitens aller involvierter professioneller Institutionen und Partner eine absolute Notwendigkeit. Beispiele wie jenes von Rainer Harnecker, der sich als Mentaltrainer und Menschenreparierer (vgl. Wulzinger 1999) das Vertrauen der Tennisspielerin Patty Schnyder erschlich, dürfen sich gerade aus Sicht einer professionellen Sportpsychologie nie mehr wiederholen.

Die Sportpsychologie in der Schweiz leidet nicht an einem Image-Problem, sondern hat sich durch das strickte Befolgen seines Berufsethos’ derart im Hintergrund und fernab der Öffentlichkeit gehalten, was zu einem beträchtliches Informationsvakuum geführt hat. Will sie sich im härter umkämpften Markt des Schweizer (Spitzen-) Sport behaupten und weiterentwickeln, muss sie eine vermehrt offensive und transparente Haltung in der Sportöffentlichkeit einnehmen.

 

Quellen:

Artikel von Rainer Sommerhalder: Mentales Training: Sind Erfolge im Sport reine Kopfsache? 

Seiler, R. (2009). Angewandte Sportpsychologie in der Schweiz: Ausbildungskonzeption und Berufsfeldperspektiven. Zeitschrift für Sportpsychologie 16/1, S.29-34. Göttingen: Hogrefe.

http://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1026/1612-5010.16.1.29?journalCode=spo

Wulzinger, M. (1999). Der Menschenreparierer. Der Spiegel 15/99. Online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-11616906.html

www.sportpsychologie.ch

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Philippe Müller: Nervosität ist kontrollierbar

Die Nervosität hat schon manchen Sportlern/innen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Sportpsychologie bietet jedoch gute Rezepte, die Auswirkung der Nervosität zu senken.

Zum Thema: Welche Punkte bei der Wettkampfvorbereitung sollten beachten werden?

Werden Trainer nach typischen Problemen von Athleten/innen gefragt, wird häufig die Nervosität angesprochen. Wer kennt dieses Empfinden vor einem Wettkampf nicht: Dieses laue Gefühl im Magen, ja fast schon zur Übelkeit neigend. Gedanken, die sich im Kopf immer wieder winden. Schlechte Träume und unruhiger Schlaf in der Nacht vor dem Wettkampf. Zitternde Hände und Knie direkt vor dem Start.

Von Nervosität vor einem wichtigen Wettkampftag sind wir Sportler/innen alle betroffen. Die einen können mit ihr gut umgehen. Was ist aber mit jenen, die darunter leiden und nicht wissen, wie damit fertig zu werden ist? Wie viel Nervosität ist „normal“ und darf vorhanden sein?

Jede/r Sportler/in verfügt über eine individuelle Stresstoleranz und einen optimalen Erregungszustand. Somit kann auch nicht gesagt werden, wie viel Nervosität „normal“ ist. Dennoch lässt sich eine Trennung vornehmen. Leidet die sportliche Leistung darunter, sprich: es kommt deswegen zu einer Leistungsminderung, besteht Bedarf zum Handeln. Im Folgenden sollen ein paar kurze Tipps für die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) gegeben werden. Es empfiehlt sich allerdings, mit einem Sportpsychologen einen individuellen Ablaufplan zu entwickeln. Dabei können unter anderem folgende Themen bearbeitet werden:

Ziele bestimmen: Als erstes sollte sich jede/r Sportler/in die Frage nach den Zielen stellen. Welche Ziele habe ich für den Wettkampf? Die Ziele sollten nicht nur ergebnisorientiert (Platz 1, Top 10, usw.) sein, sondern auch Handlungsziele (meinen Aufschlag technisch perfekt durchführen, nach einem Pass sofort wieder freilaufen, usw.) beinhalten. Die Zielbestimmung dient einerseits dazu, den Fokus auf die Aufgabe zu lenken und wirkt somit antreibend. Anderseits kann das Ziel als Handlungskontrolle verwendet werden.

Selbstvertrauen stärken: Ist einem bewusst, was erreicht werden will (die Ziele müssen realistisch sein), ist zu überlegen, welche Ressourcen für die Zielerreichung vorhanden sind. Dafür sollen alle Stärken aufgeschrieben werden. Sowohl eigene Stärken (meine Technik ist ausgereift, ich bin in guter konditioneller Verfassung, usw.) als auch Umfeldstärken (ich habe sehr gutes Material, mein/e Trainer/in hat mich taktisch gut auf das Spiel vorbereitet und steht unterstützend zur Seite, usw.) zählen dazu. Durch diese Massnahmen wird das Selbstvertrauen gestärkt.

Sicherheit gewinnen: Wettkämpfe laufen selten genau so ab, wie es geplant und erwünscht wurde. Zu viele Faktoren (Wetter, Gegnerverhalten, Schiedsrichter, Kurssetzung, usw.) können einen Einfluss haben. Indem sich der/die Athlet/in mit diesen Faktoren auseinandersetzt und Lösungen für allfällige Probleme erstellt, können deren Auswirkungen auf die eigene Leistung vermindert werden.

Optimalen Leistungszustand finden: Wie bereits erwähnt, hat jeder Mensch seinen optimalen Erregungszustand. Suchen sie als Athlet durch Testen ihren eigenen optimalen Bereich. Zur Regulation empfehlen sich zum Beispiel Atemübungen. Konzentrieren sie sich dazu lediglich auf die Atmung. Atmen sie tief bis in ihren Bauch ein, halten die Luft für zwei bis drei Sekunden an und atmen anschliessend langsam wieder aus. Achten sie darauf, dass ein gewisses Mass an Anspannung vorhanden sein muss. In einem ganz entspannten Zustand sind Höchstleistungen eher selten zu erbringen.

Die beschriebenen Tipps helfen Athleten, sich optimal auf einen Wettkampf vorzubereiten. Es ist nicht ausreichend, dass lediglich ein Trainingsplan erstellt wird. Es bedingt auch, dass dieser fortwährend trainiert wird. Ebenfalls gehört eine Überprüfung der Abläufe von Zeit zu Zeit dazu, den Prozess zu optimieren. Wie beim Techniktraining gilt auch hier: Übung macht den Meister.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Vom Ende eines Automatismus – wie Simon Ammann nach neuer Perfektion sucht

Skispringer Simon Ammann ist kürzlich in seine mittlerweile 19. Saison im Weltcup gestartet – ein Start mit besonderen Vorzeichen und einem grossen Fragezeichen. Wird es dem vierfachen Olympiasieger gelingen, mit Hilfe einer grundsätzlich veränderten Landetechnik wieder an die Weltspitze zurückzukehren? Aus Sicht der angewandten Sportpsychologie interessiert die Frage, ob und wie er einen über viele Jahre „gereiften“ Automatismus loswerden und diesen durch einen neuen ersetzen kann.

Für die-sportpsychologen.ch berichtet: Dr. Hanspeter Gubelmann

Kurze Rückblende. Am 6. Januar 2015 stürzte Ammann bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen schwer und wurde nach kurzer Bewusstlosigkeit mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert. Es war der schmerzvolle Höhepunkt einer Serie von Unsicherheiten bei der Landung und mehreren Stürzen innerhalb weniger Tage. Erst nach langer Bedenkzeit und reiflicher Überlegung entschied sich der Athlet gegen einen Rücktritt. Ihm dürfte in dieser Zeit klar geworden sein, dass eine Weiterführung seiner Karriere nur dann möglich würde, wenn er dieses Muster löschen und den alten Lande-Automatismus gegen einen neuen, stabileren austauschen könnte. Was auf den ersten Blick nach einem simplen „Beinwechsel“ ausschaut – neu stellt er bei der geforderten Telemark-Landung den rechten Fuss vor den linken – ist in Tat und Wahrheit eine massive Veränderung im gesamten Flugsystem. Entsprechend hoch gewichtet der Athlet die an gestellte Herausforderung und spricht vom „Ritterschlag“, wenn ihm dies in seinem fortgeschrittenen Alter noch gelänge.

Was aber macht dieses Umlernen derart anspruchsvoll? Die Problemstellung lässt sich vereinfacht am folgenden Alltagsbeispiel prototypisch darstellen – nämlich an einem geübten Automobilisten, der nach rund 20 Jahren Fahrpraxis ein erstes Mal in England mit einem links geschalteten Auto unterwegs ist. Grundsätzlich ändert sich wenig an der Fahrpraxis und der Lenker wird sich erstaunlich schnell an den neuen Schaltvorgang gewöhnen können. Spätestens beim erstmaligen Befahren eines Kreisverkehrs in London dürfte ihm bewusst(er) werden, wie „seltsam“ sich diese neue Erfahrung anfühlt, entsprechend unsicher und zurückhaltend wird er sich im Verkehr bewegen.

Jens Weißflog – bislang wohl der erfolgreichste Umlerner der Skisprunggeschichte?

Aber auch in der Geschichte des Skispringens lässt sich ein vergleichbares, geradezu klassisches Beispiel für ein motorisches Umlernen anführen. Es war Ende der 80er-Jahre das Verdienst des schwedischen Skispringers Jan Boklöv, dass 1990 die bis dahin geltende parallele Skiführung im Flug durch den V-Stil abgelöst wurde. Viele scheiterten an dieser Aufgabe und es gab nur ganz wenige Athleten, die in beiden Sprungstilen erfolgreich waren. Der erfolgreichste unter ihnen: Jens Weißflog. Die Einzigartigkeit seines Erfolgs lag unter anderem darin begründet, dass er die Vierschanzentournee je im Parallel- (1984, 1985 und 1991) und V-Stil (1991 und 1996) gewann und selbiges Kunststück auch mit Medaillengewinnen an Olympischen Spielen (OS Sarajevo 1984, OS Lillehammer 1994) vollbrachte.

Ein Grund für diesen Erfolg dürfte auch darin gelegen haben, dass der DDR-Sportler in seiner Karriere von einem bekannten Sportpsychologen, Rolf Frester, begleitet wurde, welcher sich im sportwissenschaftlichen Bereich insbesondere im Fachgebiet des sensomotorischen Lernens einen Namen machte. Damals herrschte die These vor, dass Umlernen nur im Notfall praktiziert werden solle, da die alte Bewegungstechnik „nicht rückgängig gemacht werden kann“, diese „nicht verlernt wird“, sondern dass die „alte und neue Bewegungstechnik parallel im Gedächtnis abgelegt werden“ (Schnabel et al. 2011, S. 296). Aus heutiger Sicht dürften zwei von Festers damaligen Erkenntnissen massgeblich am erfolgreichen Umlernen seines Athleten beigetragen haben. Einerseits fordert er die „rationale Durchdringung“, das „Wissen über die Zieltechnik und das Erkennen bewegungsstruktureller Zusammenhänge“, andererseits muss der erlebnismässigen, bildhaft-anschaulichen Repräsentation der neuen Bewegung im Training besonderes Gewicht gegeben werden (Frester 1991). Zu einer erfolgreichen Anpassung dieser Selbstorganisationsprozesse, die das Umlernen erforderlich machen, wählt er in der Trainingspraxis den Weg über die mentale Rhythmisierung der Bewegung. (vgl. Frester 1999, S.88)

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Simon Ammann in der SRF Sportlounge vom 23.11.2015 (Zum Video? Ein Klick auf das Bild genügt.)

Keine Wahl für Simon Ammann

In seiner ausführlichen Stellungnahme (vgl. Sportlounge vom 23. November) zum Thema und den notwendigen Schritten zur Änderung seiner Landtechnik äusserst sich Ammann verhalten optimistisch. Ihm ist bewusst, dass er hart dafür arbeiten muss, sich selbst keinem zu hohen Erwartungsdruck aussetzen will und dem Veränderungspozess genügend Raum und Zeit geben wird. Entscheidend für das Gelingen dürfte sein, dass seine Motivation sehr hoch ist, seine Willensqualitäten hinlänglich bekannt sind, er sicher als Meister seines Fachs zählt und im Verlaufe seiner Karriere schon manch’ aussichtlos erscheinende Situation gemeistert hat. Seine Entschlossenheit hält ihn auf Kurs: auf die Aussage seines ehemaligen Trainers Werner Schuster „er könne ja notfalls auf das alte Landungssystem zurückgreifen“ kontert der schlagfertige Toggenburger: „Nein, ich habe keine andere Wahl“!

Unterstützung in seiner Überzeugung erhält Ammann auch durch jüngste Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurowissenschaften. Der These, wonach Hans nicht (mehr) lernt, was Hänschen nicht schon gelernt hat, stehen interessante Befunde hinsichtlich der menschlichen Hirnplastizität gegenüber. Der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke vertritt die Ansicht, dass die enorme (strukturelle) Veränderbarkeit des menschlichen Gehirns auch mit zunehmendem Alter nicht oder nur wenig abnimmt. Seine Befunde lassen sich dahingehend deuten, dass entsprechendes Training beim Umlernen zu einer Reorganisation der sensomotorischen Areale führen wird.

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung

Bleibt also letztlich die Frage, mit welcher Methodik und in welcher Art der Athlet in den Umlern-Prozess einsteigt. Zunächst gilt es zu beachten, dass Ammann seinen Weg zurück in die Weltspitze nach einem heftigen Sturzerlebnis mit Verletzungsfolge und entsprechender Versunsicherung sucht. Erst die positive Verarbeitung dieser Erfahrung in Verbindung mit einer Neuorientierung ebnen den Weg in Richtung Umlernen. Als Leitidee auch im Hinblick auf ein erfolgreiches Coaching von rekonvalszenten Spitzensportlern bietet sich das von Bandaura (1986) beschriebene Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) an. Die Theorie beschreibt den Zusammenhang subjektiver Erwartungen in Verbindung mit den eigenen Kompetenzen im Hinblick auf das erfolgreiche Ausführen einer Handlung. Der Athlet, der daran glaubt, selbst etwas zu bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können, hat demnach eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Im Modell von Bandura sind vier Quellen der SWE beschrieben, die sich als Richtschnur für zielgerichtetes und selbstgesteuertes Umlernen im Spitzensport anbieten:

Eigene Verhaltenserfahrungen: Nach Bandura sind eigene Verhaltenserfahrungen die direkteste und wichtigste Informations- und Motivationsquelle der SWE. Erfolgserlebnisse, auch sehr kleine, sind die besten Verstärker, die den Glauben in die eigenen Fähigkeiten mehren. Diese positiven Orientierungspunkte gehören nicht nur in das Techniktraining und in den systematischen Aufbau der neuen Zielbewegung, sondern sollten vermehrt in allen anderen Trainingsbereichen – z.B. im spezifischen Krafttraining – eingesetzt werden.

Stellvertretende Erfahrungen: Beispiele wie dasjenige von Jens Weißflog können Modelcharakter für das eigene Streben haben. Wichtig in diesem Zusammenhang ist insbesondere die Unterstützung und Bekräftigung durch den Trainer und das ganze Betreuungsumfeld. Modelcharakter haben aber auch Videoanalysen der Sprungtechnik, die nicht nur als Feedback hinsichtlich der Zielerreichung sondern in höchstem Masse auch zur Optimierung der erlebnismässigen, bildhaft-anschaulichen Repräsentation der neuen Bewegung im Training (vgl. Fester) zweckdienlich sind.

Verbale Selbstbekräftigung: Vertrauen in die eigene Wirksamkeit kann auch durch verbale Überzeugung aufgebaut werden. Damit sind sowohl Selbstinstruktionen der Athleten als auch Rückmeldungen der Betreuer gemeint. Bezogen auf die kommunikativ- informelle Gestaltung des Trainings sollte deshalb darauf geachtet werden, dass (1) positive Selbstgespräche der Athleten bekräftigt; (2) die erreichten Lernfortschritte herausgestellt und (3) Leistungsrückmeldungen positiv formuliert werden. Letztere sollten weniger die Fehler thematisieren als vielmehr erfolgreiche Übungsversuche deutlich bekräftigen; sie müssen dabei jedoch realistisch und in der Augen der Athleten glaubwürdig sein.

Wahrnehmung und Kontrolle physiologischer und emotionaler Erregungszustände: Schliesslich verlassen sich Athletinnen und Athleten bei der Beurteilung ihrer Selbstwirksamkeit auch auf ihren aktuellen Erregungszustand. Körperliche und emotionale Stressreaktionen werden als Indikator mangelnder Bewältigungskompetenz interpretiert. Der Sportler wird versuchen, seine im Training erarbeiteten Lernfortschritte auch im Wettkampf und unter besonderem Druck – dann wenn’s zählt – in Spitzenleistungen zu präsentieren.

Simon Ammann vor einer Hercules-Aufgabe 

Quo vadis, Simon Ammann? Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Sportpsychologen, Prognosen zu Erfolgsaussichten oder Leistungsentwicklung abzugeben. Bei näherer Betrachtung der Situation des Athleten wird sofort klar, dass sich dieser einer Hercules-Aufgabe verschrieben hat. Er spricht von seiner grössten Herausforderung, die ihn nochmals auf unbekanntes Terrain führt. Mehrere Klassierungen in den Top-15 des Weltcups zu Beginn der aktuellen Wintersaison dürften ihm aber Zuversicht für die kommenden Aufgaben geben. Diese Zuversicht scheint auch aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet durchaus begründet. Die erfolgreiche Umstellung seiner Landetechnik verbunden mit der Rückkehr an die Weltspitze würde sich nahtlos in die Karriere eines aussergewöhnlichen Spitzensportlers einfügen!

 

 

Hinweis: Hanspeter Gubelmann ist seit 1998 verantwortlich für die sportpsychologische Betreuung der Schweizer Skispringer.

 

Quellen:

Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Englewod Cliffs, New York: Prentiss Hall.

Frester, R. (1991). Psychische Komponenten der Bewegungsregulation in sportlichen Handlungen. In H. Kratzer & R. Mathesius (Hrsg.) Beiträge zur psychischen Regulation sportlicher Handlungen (S.13-24). Köln: bps-Verlag.

Frester, R. (1999). Mentale Fitness für junge Sportler. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Jänke, L. (2013). Nicht immer sind die Gene Schuld, Psychoscope 4, S.6.

Schabel, G., Harre, H.-D. & Krug, J.(Hrsg.), 2011: Trainingslehre – Trainingswissenschaft. Aachen: Meyer&Meyer.

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Prof. Dr. Daniel Memmert: Kreatives taktisches Entscheiden im Fußball

Messi schenkt mit seinem Spiel dem Publikum die Illusion, das Spontane, das Wilde auf der Straße existiere noch; Wie kann man ihn stoppen? „Indem du die Augen schließt und betest.“

Fabio Cannavero, italienischer Nationalspieler (1997-2010)

Messi spielt auf einem total anderen Niveau.“

Neymar, brasilianischer Nationalspieler (2010 – heute)

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Für die-sportpsychologen.de berichtet Prof. Dr. Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Kognitions- und Sportspielforschung:

Die Begriffe Einzigartigkeit, Originalität, Intuition oder Kreativität nehmen in unserer Gesellschaft seit je her eine bedeutsame, ja sogar besondere Stellung ein. Kreative Leistungen deuten oftmals auf bizarre Produkte oder ungewöhnliche Verhaltensweisen von Menschen hin, die sich scheinbar der analytischen und rationalen Durchdringung verschließen. Sie werden demnach mit mystischen, nicht realen oder verborgenen Prozessen in Verbindung gebracht, die sich eines wissenschaftlichen Zugangs zu entziehen scheinen.

Beispiele für kreative Produkte finden sich in allen zeitlichen Epochen: Die frühkindlichen Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Erfindung der chemischen Struktur des Benzolrings. Die Entdeckung des Fosbery-Flops beim Hochsprung in der Leichtathletik. Auch in Sportspielen führen einstudierte Handlungsabfolgen (z. B. Spielzüge) zum Erfolg, kreative Ideen spielen aber in vielen Fällen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Beispielsweise in der Auswahl, welcher Spielzug zu initiieren ist, für die Auswahl der geeigneten „Ausstiegsoptionen“ (z. B. Folgehandlungen), sowie jenseits einstudierter Spielzüge. Somit sind taktisch optimale und kreative Lösungen in allen Sportspielen von Bedeutung. Im Fußball haben insbesondere die Mittelfeldspieler die Aufgabe, durch kluges, einstudiertes taktisches Entscheidungsverhalten das Aufbauspiel einer Mannschaft zu steuern. Oder Spielmacher im Handball oder Basketball können mit kreativen Lösungen Abschlussmöglichkeiten ihrer Mitspieler vorbereiten.

Taktische Kreativität versus taktische Spielintelligenz

Während intelligent immer in Verbindung mit den einzigen richtigen Lösungen gebracht wird, steht Kreativität für schöpferisch, originell, produktiv, gestaltend, künstlerisch, kunstvoll, erfinderisch, innovativ, ideenreich, einfallsreich, phantasievoll, bahnbrechend, oder richtungsweisend um nur einige Begrifflichkeiten zu nennen. Allgemein gesprochen bedeutet kreatives Verhalten, dass man zu einem vorgegebenen, meist schlecht oder nur vage definierten Problem, bei dem es keine vorgefertigten klaren Lösungswege gibt, dennoch Ideen produzieren kann, die zu adäquaten Lösungen führen. Diese Lösungen werden dann von der Umwelt oftmals als überraschend, originell und flexibel wahrgenommen.

Im Sportspiel und somit auch im Fußball muss taktische Kreativität von taktischer Spielintelligenz unterschieden werden (Roth, 2005). Taktische Kreativität im Fußball kann als die Generierung zahlreicher Lösungen zu Problemen in fußballspezifischen individual-, gruppen- oder mannschaftstaktischen Spielsituationen definiert werden, die als überraschend, selten und/oder originell bezeichnet werden können (Memmert, 2014). Demgegenüber versteht man unter taktischer Spielintelligenz im Fußball die Produktion einer Bestlösung von Problemen in fußballspezifischen individual-, gruppen- oder mannschaftstaktischen Spielsituationen. Zur Operationalisierung und damit Bewertung taktischer Kreativität wird fast immer auf die bereits 1967 von der Forschungsgruppe um Guilford (1967) faktorenanalytisch identifizierten Eigenschaften Originalität, Flexibilität und Flüssigkeit zurückgegriffen. Die gebräuchlichsten Formen ihrer Bewertung anhand dieser drei Faktoren finden sich auch in Fußball-Videotests (Memmert, Hüttermann, & Orliczek, 2013) und fußballspezifischen Spieltestsituationen (vgl. Memmert, 2004, 2006, 2010).

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Die sieben D`s

Nationale und internationale empirisch geprägte Forschungsprogramme haben in den letzten Jahren dazu geführt (für einen Überblick: Memmert, 2012, 2015), dass zahlreiche methodische Möglichkeiten zur fußballspezifischen Schulung von taktischer Kreativität entwickelt werden konnten. Auf einer methodischen Ebene scheinen die sieben Prinzipien Deliberate-Play, 1-Dimension-Games, Diversifikation, Deliberate Memory, Deliberate-Coaching, Deliberate-Practice und Deliberate-Motivation – quasi die sieben D´s der Kreativitätsschulung im Fußball – von besonderer Bedeutung (vgl. Abb. 1).

Abb. 1. Die 7 D´s der Schulung taktischer Kreativität (vgl. Tactical Creativity Approach von Memmert (Mem-mert, D. (2015). Teaching Tactical Creativity in Team and Racket Sports: Research and Practice. Abingdon: Routledge.)

Ihre Anordnung ist nicht zufällig, sondern entspricht einer chronologischen Reihung. Während die sechs ersten Prinzipien eher für das Kinder- und Jugendtraining geeignet erscheinen, können alle sieben Prinzipien auch im Erwachsentraining eingesetzt werden. Diese D´s können Berücksichtigung finden, wenn fußballspezifische taktische Inhalte geschult werden (z. B. fußballspezifische Basisbausteine: Memmert & Breihofer, 2010; Memmert, Thumfart, & Uhing, 2014), aber auch bei sportartübergreifenden Basistaktiken (allgemeine Ballschule: Roth & Kröger, 2011; Ballschule Rückschlagspiele: Roth, Kröger & Memmert, 2002; Ballschule Wurfspiele: Roth, Memmert & Schubert, 2006). Nachfolgend werden die sieben methodischen Prinzipien (kurz) erklärend tabellarisch zusammengefasst (vgl. Tab. 1, vgl. ausführlicher Memmert, 2014, 2015).

Prinzip Erklärung
Deliberate-Play In den Basis-Bausteinspielen kann unangeleitetes Agieren zum Ausprobieren unterschiedlichster Lösungsvariationen führen.
1-Dimension-Games Basis-Bausteinspiele können durch eine hohe Zahl von immer wieder-kehrenden ähnlichen Situationskonstellationen einzelne sportspiel-übergreifende Basistaktiken schulen.
Diversifikation Der Einsatz von verschiedenen motorischen Fertigkeiten in Basis-Bausteinspielen kann die Ausbildung von originellen Lösungsvariationen unterstützen.
Deliberate-Coaching In den Basis-Bausteinspielen sind keine Instruktionen einzusetzen, die den Aufmerksamkeitsfokus der Agierenden verringern.
Deliberate-Memory Beachte bei taktischen Instruktionen die Quantität und Qualität der Informationen, um das Arbeitsgedächtnis mit nützlichen Informationen „zu füllen“.
Deliberate-Motivation Für die Basis-Bausteinspiele sind Hoffnungs-basierte Instruktionen einzusetzen, die die Generierung von ungewöhnlichen Lösungen erhöhen.
Deliberate-Practice In späteren Phasen des Lernprozesses können die Basis-Bausteinspiele sportartspezifisch ausgerichtet werden, sodass ein zielgerichtetes Überlernen von sportartspezifischen Lösungsvariationen erfolgen kann.

Tab. 1.            Die 7 D´s der Schulung taktischer Kreativität im Fußball (Memmert, D. (2015). Teaching Tactical Creativity in Team and Racket Sports: Research and Practice. Abingdon: Routledge.)

Kreativität als Baustein der Talentförderung

Taktische Kreativität gilt für individual-, gruppen- und mannschaftstaktische Situationen. Somit muss seine Entwicklung als ein zentraler Baustein einer taktisch geprägten Talentförderung im Fußball verstanden werden. Auch erste empirische Evidenzen zur Bedeutung von taktischer Kreativität im Spitzen-Fußball (WM 2010, 2014) weisen immer stärker darauf hin (Memmert, 2015; Memmert, Vogelbein, Nopp, & Knievel, 2015), dass

a) je näher die Aktionen am Tor sind, desto kreativer werden sie eingeschätzt;

b) mehr als 80% aller Tore mindestens eine der letzten acht Aktionen vor dem Tor im hochkreativen Bereich beinhalten;

c) ca. 40% aller Tore mindestens eine der letzten acht Aktionen vor dem Tor im höchstkreativen Bereich beinhalten;

d) die Teams, die in die K.o.-Runde eingezogen sind im Schnitt mehr Kreativitätsmerkmale beim vorletzten Pass aufweisen, als die in der Vorrunde gescheiterten Teams.

 

Literatur

Beim Autor

 

Prof. Dr. Daniel Memmert ist Institutsleiter und Professur am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Von 1999 bis 2009 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Akademischer Rat am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg. Im Jahr 2003 promovierte er (Auszeichnung: dvs-Nachwuchspreis, Bronze) und habilitierte sich 2008 an der Elite-Universität Heidelberg (Auszeichnung: DOSB-Wissenschaftspreis, Bronze). 2014 war er Gast-Professor an der Universität Wien. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation), in der Sportinformatik (Mustererkennung und Simulation), in der Kinder- und Jugendforschung, im Bereich der Sportspiel- und Evaluationsforschung sowie in den Forschungsmethoden.

Er hat etliche Forschungsaufenthalte (u. a., USA, Kanada) absolviert, verschiedene Preise gewonnen (u.a. DOSB-Wissenschaftspreis Bronze, Research Writing Award AAHPERD), zahlreiche Drittmittelprojekte eingeworben (u. a., DFG, BISp), arbeitet in internationalen Editorial Boards (u. a. PSE) und publiziert in internationalen Fachzeitschriften. Von 2009 bis 2013 war er Geschäftsführer der asp (Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie), seit 2012 ist er Herausgeber der Zeitschrift für Sportwissenschaft (verhaltenswissenschaftlicher Bereich) und seit 2009 ist er stellv. Sprecher der dvs-Kommission „Sportspiele“. Er besitzt Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zum modernen Fußballtraining. Sein Institut kooperiert mit verschiedenen Fußball-Bundesligisten, der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft sowie DAX-Unternehmen und organisiert den ersten internationalen Weiterbildungs-Masterstudiengang „Spielanalyse“.

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Masterstudiengang “Angewandte Sportpsychologie” doppelt ausgezeichnet

Der Masterstudiengang “Angewandte Sportpsychologie” der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat zwei wichtige Auszeichnungen erhalten: Zum einen hat die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) eine inhaltliche Äquivalenz hinsichtlich der Inhalte zur Vermittlung sportpsychologischer Expertisekompetenzen in Training und Coaching festgestellt. Dies bedeutet nicht zuletzt, dass Absolventen des Studienganges nach dem erfolgreichen Abschluss in der BISp-Datenbank aufgenommen werden, ohne das weitere Zusatzqualifikationen erworben werden müssen. Zum anderen hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) den Masterstudiengang “Angewandte Sportpsychologie” als anerkannten Studiengang gelistet. “Beide Auszeichnungen sind ein Ritterschlag für unser Studienangebot und machen deutlich, dass die Martin-Luther-Universität eine wichtig Instanz ist, um den Weg in eine praktische Tätigkeit in der angewandten Sportpsychologie zu finden”, erklärt Studiengangsleiter Prof. Dr. Oliver Stoll.   

 

Weitere Informationen zum Studiengang

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Elvina Abdullaeva: Die Regeln des Lebens

Was mag ich an meiner Arbeit mit Menschen? Die Möglichkeit zu beobachten, wie sie den Schwierigkeiten trotzen, nicht aufgeben, und Kraft finden, ihre Probleme zu lösen, egal was passiert. Stellen Sie sich einen Mensch vor, der gerade erst vor einer Woche völlig verloren, am Boden zerstört gewesen ist und keinen Ausweg aus seiner Situation gesehen hat. Dann aber beginnen seine Augen wieder zu leuchten, er lächelt öfter, hat neue Wünsche, Pläne, findet wieder einen Sinn im Leben und weiß, dass er seine Situation überwinden kann. Für solche Momente arbeite ich. Zu sehen, wie eine Person wieder aufblüht, ist eine große Belohnung und eine Inspirationsquelle für mich. Was hat das alles mit Sportpsychologie zu tun?

Zum Thema: Was können wir Menschen von Sportlern lernen?

Ich denke, dass Sport in seinem Kern ein sehr einfaches und zugleich klares Beispiel dafür ist, wie man durch das Leben gehen sollte. Diesen Gedanken versteht man besser, wenn man sich vorstellt, dass jeder Mensch in gewisser Art und Weise ein Sportler ist und sein ganzes Leben nicht anders als eine Sportkarriere mit Siegen und Niederlagen ist. Ein Athlet, in einer Idealvorstellung, steht nach einem Scheitern auf und kämpft weiter. An seinem eigenen Beispiel zeigt er den anderen, wie man sich in einer schwierigen Situation verhalten soll.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Probleme im Leben unvergleichbar größer und komplizierter als im Sport sind. Deshalb ist es viel schwieriger diese zu bewältigen und man braucht mehr Zeit und Geduld. Aber das Wesentliche bei der Sache bleibt trotzdem gleich:

Was auch immer für ein schwieriges Schicksal einem Mensch zugeteilt wurde,
er hat immer die Möglichkeit die Schwierigkeiten zu überwinden.

Meiner Meinung nach beschreibt dieser Aspekt den tiefen Sinn der Psychologie oder Philosophie des Sportes und stellt den Leitfaden für alle Menschen dar. Allerdings, denke ich, gibt es noch viele andere Seiten der Psychologie des Sportes, die anderen Menschen nützlich sein können. Woran genau sollen wir uns noch ein Beispiel nehmen, wenn wir über Athleten sprechen?

Sport lehrt die Menschen, sich Ziele zu setzen und die Schritte zu diesen Zielen zu planen. Warum ist es so wichtig? Weil mit Hilfe eines konkreten Plans wir automatisch die Erfolgswahrscheinlichkeit, dass wir das Ziel erreichen, steigern.

Nehmen wir einen gewöhnlichen Menschen. Wonach strebt er in der Regel? Nach seinem Glück würde ich sagen. Dieses persönliche Glück eines Menschen kann man als ein konkretes Ziel vorstellen. Unser Leben ist aber sehr facettenreich und komplex. Viele Bereiche (Familie, Arbeit, immaterielle Bedürfnisse, Freizeit etc.) erfordert die Erfüllung bestimmter Aufgaben. Der Mensch hat alle Hände voll zu tun und verliert oft dadurch die Orientierung und sein Hauptziel. Und so geht er durch das Leben, ohne ein klares Ziel und ist weniger produktiv. Im Sport ist es dagegen schwierig, diese Orientierung zu vergessen. Denn alles dreht sich um diesen Leitplan. Zum Beispiel ein großes Ziel, Olympiasieger zu werden. Damit ein Athlet sich für die Olympischen Spiele qualifiziert, muss er einen langen Weg überwinden. Je sorgfältiger und je konkreter er diesen Weg und alle Schritte plant, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er die Olympischen Spiele erreicht und sogar gewinnt. Dabei helfen ihm Saisonplanungen und ein klarer Ablauf von Trainings und Wettkämpfen. In solchen Konstellationen wird der Athlet mit größerer Wahrscheinlichkeit die Olympischen Spiele erreichen. Für uns heißt das also:

Wenn wir glücklich und erfolgreich sein wollen,
sollen wir lernen, die richtigen Ziele zu setzen und deren Umsetzung sorgfältig zu planen.

Unter den richtigen Zielen meine ich Ihre wahren Ziele, welche Sie wirklich glücklich machen werden. Versuchen Sie zu verstehen, was Sie im Leben erreichen wollen, was Ihr wahres Ziel ist, wo Sie in fünf oder zehn Jahren sein wollen? Und welche konkreten Schritte sollen Sie dafür unternehmen? Danach setzen Sie diese Schritte um.

Darüber hinaus bringt Sport meiner Meinung nach bei, die Verantwortung in die eigenen Hände zu nehmen und an sich selbst zu arbeiten. Schauen wir auf die beliebten und effektiven Techniken in der Sportpsychologie: Selbstbekräftigungstraining, Selbstgesprächregulation, Selbstargumentation, Selbstmanagement etc. Präfix «Selbst» sagt, dass die Sportler damit sich selbst hilft, die Situation unter seine eigene Kontrolle zu nehmen. Betrachten wir das anhand eines konkreten Beispiels. Stellen wir uns zwei Menschen vor, einen aussichtsreichen Manager eines großen Unternehmens und einen talentierten Handballspieler, die die gleichen Charakterzüge haben: sie sind Hitzköpfe, aggressiv, überempfindlich gegenüber jeder Kritik und leicht gereizt, wenn etwas nicht nach ihrem Wunsch läuft. Aus diesem Grund haben beide Personen einige Probleme: der Manager mit seinen Kollegen und mit dem Chef, der Handballer mit seinen Mitspielern und mit dem Trainer. Das ehrgeizige Ziel unserer ersten Person ist es, an die Spitze des Unternehmens zu kommen und sein wertvolles Wissen zum Wohle des Unternehmens einzubringen, wird kaum erreicht oder es wird eine sehr lange Zeit brauchen und mit großem Schwierigkeiten verbunden sein. Ständige Konflikte mit Kollegen hindern seinen Weg zu einem eigentlich guten Ziel. Mit diesen Charakterzügen geht er durch das Leben und stört vor allem sich selbst.

Jetzt zu unserem Handballer, der sich über die Kritik seines Trainers ärgert und aufgrund seiner jähzornigen Natur sich mit anderen Mannschaftskollegen nicht einspielen kann. Dies stört ihn, sich auf das Spiel und seine Leistungen zu konzentrieren. Und wenn es so weiter geht, dann kann er sich von dem Ziel, in der DKB Handball-Bundesliga zu spielen, verabschieden. Aber zum Glück, ist die Dauer der sportlichen Laufbahn sehr kurz! Der Zusammenhang zwischen seinem aggressiven Verhalten und seiner schlechten Leistung ist offensichtlich. Abwarten, dass die Situation sich von alleine ändert ist eine reine Zeitverschwendung. Deswegen beginnt er, an sich zu arbeiten: sich immer wieder zu überreden, den Emotionen nicht nachzugeben, die richtigen Strategien zu finden, ruhig in den Momenten zu bleiben, wo er sonst automatisch auf 180 ist. Das ist sehr schwierig. Denken Sie selbst an Situationen, in denen Sie emotional nicht so reagieren wie sie eigentlich wollen. Versuchen Sie jetzt anders zu reagieren. Leichter gesagt als getan! Aber Sportler, die ein positives Ergebnis wollen, machen diese schwierige Arbeit:

Arbeiten an sich, wenn sie die Situation verändern wollen.

Ich sage nicht, dass Sportler besser sind als wir. Nein, wir sind alle gleich. Nur im normalen Leben denken wir, dass wir noch „viel Zeit“ haben, um uns aufzuregen. Wir suchen die Schuld für Probleme bei den anderen, anstatt sich zu überlegen, was man selbst an der Situation ändern kann und was der eigenen Kontrolle unterliegt. Der Abschnitt des sportlichen Lebens ist kurz. Und genau Dank dieser zeitlichen Einschränkungen ist es viel einfacher Nebensächliches ausblenden, das wichtigste Ziel zu bestimmen und dafür alle seine Kraft und Energie einzusetzen. Es ist viel einfacher, nach einer Niederlage im Sport aufzustehen, weil man weiß, dass für den nächsten Versuch nur wenig Zeit bleibt. Und zuallerletzt kann man im Sport schneller begreifen, dass wenn man in seinem eigenen Leben etwas verändern will, dann sollte man bei sich selbst anfangen. Viel Erfolg auf Ihrem Weg!

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