Start Blog Seite 153

Sebastian Reinold: Guter Zeitpunkt für mentales Training?

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, sportpsychologisches Training einzusetzen? Fest steht in jedem Fall, dass das mentale Training planerisch genauso behandelt werden sollte wie die Zyklen des physischen Trainings. Aber Vorsicht: Sportpsychologisches Training ist nicht immer gleich effizient und kann sogar die Leistungsfähigkeit kurzweilig negativ beeinträchtigen.

Zum Thema: Wann sollte sportpsychologisches Training durchgeführt werden?

Mein Kollege Phillippe Müller hatte in seinem Blog-Beitrag “Den Sommer sinnvoll nutzen” schon darüber geschrieben, dass für Biathleten der Sommer der günstige Zeitpunkt für sportpsychologisches Training sei. Für Biathleten ist es der Mangel an Schnee, der den Sommer zum günstigsten Zeitpunkt macht. In anderen Sportarten bestimmt die sonstige Saisonplanung maßgeblich den Zeitpunkt, um intensives sportpsychologisches Training anzusetzen.

Teambuildingmaßnahmen

Optimalerweise beginnt ein Wettkampfzyklus mit der Nachbesprechung des vorherigen Zyklus. Dem folgt die Ausarbeitung von Zielen für die Zukunft. Dieser Zeitpunkt variiert natürlich zwischen den Sportarten. Vor allem bei Teamsportarten, bei denen die Beteiligten inklusive des Trainer- und Betreuerstabs regelmäßig wechseln, sind Teambuildingmaßnahmen empfehlenswert. Diese finden optimalerweise dann statt, wenn wirklich alle dabei sind. Ansonsten müssen Gedanken darauf verwendet werden, wie die späten Neuen (siehe Blog-Beitrag von Philippe Müller: Die späten Neuen) noch integriert werden.

Teambuildingmaßnahmen finden aber auch in reinen Trainingsgemeinschaften statt. Denn ein positives Trainingsklima kann sich auch hier positiv auf die Leistungsentwicklung auswirken. Dies gilt also für leistungsorientierte Individual- genauso wie für Freizeitsportler.

Sport. Runner

Saisonvorbereitung

Mit Beginn der Saisonvorbereitung kann an individuellen sportpsychologischen Fertigkeiten gearbeitet werden, z.B. bei den ersten Schritten des Mentalen Trainings, bei denen die Bewegung gedanklich neu aufgebrochen wird.

Grundlegend kommt es In der Saisonvorbereitung auf die Vermittlungskompetenz des Sportpsychologen und die Lernbereitschaft des Athleten an. Die Zusammenarbeit kann deshalb auf Wunsch zeitlich sehr intensiv sein.

Saisonbeginn bis Saisonhöhepunkt

Der Saisonbeginn ist der Zeitpunkt, zu dem die neuen individuellen Fertigkeiten ausgetestet werden können. Hier zeigt sich, wie der Athlet diese unter realen Wettkampfbedingungen einsetzen kann. Sportpsychologe und Athlet treffen hier weniger häufig aufeinander, da hier vor allem der Athlet selbstständig an sich arbeiten soll.

Spitzenathleten sind in der Wettkampfphase, vor allem zum Saisonhöhepunkt hin, stark körperlich und psychisch belastet. Sie müssen hier ihre volle Konzentration auf den Sport legen, um Bestleistungen abrufen zu können. Ein sportpsychologisches Training an dieser Stelle zu starten, kann den Athleten aus seiner Konzentration heraushauen, da es selbst sehr anspruchsvoll sein kann. Vergleichbar störend wäre das sportpsychologische Training zu diesem Zeitpunkt mit privaten Ereignissen, wie einer Trennung vom Partner oder Krankheit eines nahen Angehörigen. Deswegen nutzt der sogenannte Feuerwehrmann (siehe Blog-Beitrag von Prof. Dr. Oliver Stoll: Brasiliens Feuerwehr) an dieser Stelle auch nichts.

Betreuer anstatt Lehrer

Wenn das Training planmäßig verläuft, sind die Athleten in der Lage, ihr physisches Potential mit Hilfe ihrer Psyche voll auszuschöpfen. Wichtig werden hier Konzentration und ein funktionales Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung. Bestenfalls besteht jetzt Klarheit über die eigenen Stärken und Ziele. Ein Hinterfragen dieser würde sich sehr negativ auswirken.

Der Sportpsychologe ist an dieser Stelle vor allem Betreuer anstatt Lehrer. Beobachtet werden vor allem die Feinanpassung der Psyche und die Stabilität des Belastungs-Erholungs-Gefüges.

Think long term!

Bei der Vorbereitung besonders talentierter Athleten auf die Olympischen Spiele, also einem Periodisierungszeitraum von mehreren Jahren, sollte frühzeitig, also nicht erst im Jahr der Spiele, an den Basisfertigkeiten wie Visualisierung, Entspannungsfähigkeit oder Zielsetzung gearbeitet werden, damit diese auf komplexere Themen z.B. die Emotionskontrolle besser vorbereitet sind. Den Athleten muss dazu klar gemacht werden, wozu diese Basisfähigkeiten später dienen sollen, so dass diese tollen Methoden nicht schon in einem frühen Stadium als Wischi-Waschi-Zeugs abgestempelt werden und somit nicht mehr mit voller Motivation erlernt werden. Viele Spitzenverbände setzen glücklicherweise schon auf Rahmenkonzepte in der sportpsychologischen Bildung.

 

 

 

Foto: Fotolia.com

Views: 137

Markus Gretz: Taktisches Visualisieren

In der Basketball-Bundesliga läuft die Rückrunde: Alle Mannschaften haben nun schon mindestens einmal gegeneinander gespielt. Die Spieler kennen sich und die Trainer haben nun jede Mannschaft gesehen. In der Tabelle hat sich eine Favoritengruppe herausgebildet. Für manche Teams geht es nun um den Abstieg, andere kämpfen um einen Playoffplatz. Wieder andere wollen sich möglichst hoch in der Tabelle platzieren, um in den Playoffs den Heimvorteil zu erhalten. Die Teams bereiten sich jetzt mehr denn je auf den nächsten Gegner vor. Allerdings schöpfen viele Mannschaften noch nicht alle Möglichkeiten aus.

Zum Thema: Wie mentales taktisches Training einen Vorteil generiert

In einer sehr taktischen Sportart wie es das Basketballspiel ist, können Spielzüge und Angriffssysteme ein Spiel entscheiden. Obwohl auch schon in der Vorrunde Videoscouting genutzt wird, um die gegnerischen Stärken und Taktiken zu analysieren, wissen die Trainer erst nach einem direkten Vergleich, welche taktischen Mittel ihr Gegenüber gegen die eigene Mannschaft bevorzugt einsetzt. In der Rückrunde wird also noch mehr darauf geachtet, die gegnerische Taktik zu durchkreuzen und die eigene Verteidigung auf die Stärken der Gegner einzustellen.

Im Videocoaching und im Spielvorbereitungstraining werden nun von den Trainern gegnerische Angriffe gezeigt und Lösungsmöglichkeiten mit den Spielern erarbeitet. Die Athleten verinnerlichen die Abläufe und ihre Aufgabe im Team. An dieser Stelle kann auch die Sportpsychologie einen sehr effektiven Beitrag leisten:

Taktische Visualisierungen haben enormes Potenzial

Mentales Training oder Visualisierung sind im Sport mittlerweile weit verbreitet. Viele Sportler nutzen Visualisierung, also das strukturierte Vorstellen von Bewegungen, besonders um eine neue Technik zu erlernen oder eine bekannte Technik zu verbessern. Deutlich seltener wird von taktischer Visualisierung berichtet. Doch gerade hier bietet die Methode enormes Potenzial. Studien zeigen, dass Visualisierungen bei kognitiven Aufgaben helfen und dies im Ergebnis zu Leistungssteigerungen führen kann. Arbeitet ein Sportpsychologe also mit Athleten und einem Trainerteam eng zusammen, können gerade diese taktischen Inhalte, die auf höchstem Level über Sieg oder Niederlage entscheiden, über Visualisierung mental trainiert werden.

Aber auch jeder einzelne Sportler hat die Möglichkeit, für sich die Taktiken mental zu trainieren. Nachfolgend habe ich eine vereinfachte Anleitung zum mentalen Taktiktraining erarbeitet:

  1. Die Handlungsschritte in Stichworte fassen.
  2. Die Stichworte lesen und einzelne Handlungsschritte bei geschlossenen Augen vorstellen. Evtl. Korrektur der Stichworte.
  3. Mehrmaliges Lesen des Ablaufplans bis er ohne Lesen wiedergegeben werden kann.
  4. Bei geschlossenen Augen wird der Ablaufplan visualisiert.
  5. Einzelne „Schlüsselszenen“ werden mit möglichst vielen Sinneseindrücken verknüpft.

Je lebhafter und anschaulicher, desto besser

Von diesem Ablaufplan können mehrere Versionen entstehen, wenn man die Reaktion auf alle möglichen Handlungen des Gegners üben will. Umso lebhafter und anschaulicher die Spieler visualisieren, desto einfacher wird es, die taktischen Maßnahmen im Spiel auch abzurufen. Wenn sogar die direkten Gegenspieler bekannt sind, kann man sich diese genau vorstellen und die eigene Handlung an ihre Bewegungsmuster anpassen. Ein Spieler erlangt somit den Vorteil, dass er das Spiel quasi schon vorher gesehen hat und früher als sein Gegner im Wettkampf reagieren kann.

Praxistipp: Gerade bei komplexen Spielszenen sollte die Vorstellung im mentalen Training häufiger variiert werden, um auf möglichst viele unterschiedliche Abläufe vorbereitet zu sein.

Views: 1279

Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?

Es ist die große Geschichte vor dem 50. Super Bowl am Sonntag, den 7. Februar, in Santa Clara, Kalifornien: Wird Thomas Davis von den Carolina Panthers trotz eines kürzlichen Armbruches im Spiel der Spiele (7.2. ab 23:15 Uhr live in SAT.1 und im Livestream auf ran.de) auflaufen?

Bildschirmfoto 2016-02-03 um 13.39.32

Thomas Davis im NFL-Interview nach dem Armbruch (per Klick auf das Foto zum Video), Bildquelle: NFL

Die beiden Sportpsychologen Dr. Hanspeter Gubelmann und Philippe Müller liefern sich auf der Grundlage des aktuellen Falles einen wissenschaftlichen Schlagabtausch. Während der erfahrene Gubelmann in seinem Beitrag “Pro Thomas Davis“ die Position vertritt, dass der Athlet bei einer entsprechenden sportmedizinischen Freigabe spielen soll, plädiert Müller aus ethischen Gründen gegen einen Einsatz des Linebackers der Panthers („Contra Thomas Davis„).

Grenzen und die Möglichkeiten der Sportpsychologie

In der Diskussion geht es um die Möglichkeiten und die Grenzen der Sportpsychologie. Gubelmann und Müller beleuchten hintergründig „die Fähigkeit, sich ungeachtet der Wettkampfbedingungen an seiner oberen Leistungsgrenze zu bewegen“ zu können (Loehr 2001, S.20) und das Potenzial der mentalen Stärke. Demgegenüber stellen sie die Frage, ob eine sportpsychologische Intervention in einem Verletzungsfall wie dem von Thomas Davis überhaupt Sinn macht? Wenn ja: was kann die Angewandte Sportpsychologie zum Gelingen beitragen? Wenn nein: worin gründen die Bedenken, die für den Abbruch eines solchen Unterfangens sprechen?

Wichtig dabei: es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

Unabhängig davon ob aus sportpsychologischer Sicht mehr Argumente dafür oder dagegen sprechen, wird zum Schluss der Coach über den Einsatz von Thomas Davis entscheiden müssen. Und dann werden wieder neue Gesichtspunkte zum Tragen kommen. Es sind nicht nur die individuellen Wünsche von Bedeutung. Er muss die beste Entscheidung für das gesamte Team treffen. Denn Davis spielt nicht nur auf dem Feld eine wichtige Rolle, sondern hat auch als Leitfigur neben dem Platz eine unterstützende Vorbildwirkung. Durch seinen unbändigen Einsatz- und Aufopferungswillen kann er eine Motivation für das ganze Team sein. Von einem Einsatz während des gesamten Spieles über einen Teileinsatz bis hin zur moralischen Unterstützung auf der Reservebank sind die Optionen, zwischen welchen sich der Trainer entscheiden muss.  

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

Wäre Dr. Hanspeter Gubelmann der Sportpsychologe von Thomas Davis, er würde ihm dazu raten, dieses Karriere-Highlight aktiv zu erleben. Welche Voraussetzungen er allerdings stellt und welche Methoden Anwendung finden können, erklärt er in seinem Blog-Beitrag:

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

 

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

Natürlich hat die Sportpsychologie die Mittel, einem Athleten wie Thomas Davis ins Trikot zu verhelfen. Aber ist das nötig und ist dies ethisch vertretbar? Philippe Müller betrachtet den möglichen Einsatz des Linebackers der Carolina Panthers aus einem kritischen Blickwinkel und sieht Gefahren. Zum Blog-Beitrag:

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

 

 

 

Fotoquelle: Fotolia

Views: 297

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

In meinem Studienjahr 1994 an der University of Utah führte mich meine Mentorin Prof. Evelyn Hall in die Praxis der nordamerikanischen Sportpsychologie ein. Einer ihrer Leitsätze, der mich heute noch begleitet, war: „What is at stake“? Was steht auf dem Spiel? – so lautet auch die Gretchenfrage, die Carolina-Spieler Thomas Davis für sich beantworten will. Super Bowl 50, das ist wahrscheinlich das grösste Einzelsportereignis weltweit! Dieses sorgt in den nordamerikanischen Medien für Rekord-Einschaltquoten und gilt gemeinhin als Ort, wo US-Legenden begründet werden. Aus Sicht des 32-jährigen Linebackers ist es DAS bisherige Karriere-Highlight, welches zudem in den „Indian Summer“ seiner sportlichen Karriere fällt – «once in a lifetime», wird er sich vielleicht sagen! Der erlittene Armbruch, die notwenige Operation sowie eine massive Behinderung durch verordnete Schonung und postoperative Schmerzen gefährden seine Finalteilnahme. Falsch! Aus Sicht eines Football-Spielers geht es hier nicht um irgendein Endspiel, sondern um die Realisierung seines sportlichen Traums! Gewinn der Super-Bowl 50! Auf diesen einzigartigen Moment hat er elf NFL-Saisons lang hingearbeitet!

Zum Thema: Warum Thomas Davis beim Super Bowl 50 mit dabei sein sollte

Wäre ich der Sportpsychologe von Davis, ich würde aktuell folgende Aufgabe an den Sportler richten: „Thomas, stell dir mal folgende Situation vor: Jahr 2020 – du bist zurückgetreten aus dem Spitzensport – retired eben – und schaust auf deine Karriere zurück. Was würdest du gerne berichten über jene Zeit, damals zum Karrierehöhepunkt am Super Bowl 50? Wieviel wird es dir dann bedeuten, sagen zu können: ich habe das bestmögliche versucht, um diese Phase erfolgreich zum bewältigen…?“ Genau diese Frage stellte ich damals Eiskunstläuferin Sarah Meier, als sie sich, geplagt von Verletzungen, Schmerzen und Zweifeln, entschied, die Heim-EM 2011 trotz grösster Widrigkeiten motiviert in Angriff zu nehmen. Wenige Wochen später trat sie als Europameisterin von der sportlichen Bühne ab. Entscheidend für diesen Erfolg war ihre innere Haltung. Im Zitat von Davis’ Trainer meine ich genau diesen «spirit», diese grundlegende Überzeugung des Spielers zu erkennen: „It’s reflected in his attitude and his willingness to everything he can to get on the practice field and prepare to play on Sunday Bowl. I know Thomas, and if he says he’s going to do it, I believe he will.“

Ist diese Grundlage gesichert, bieten sich mindestens fünf sportpsychologisch relevante Betätigungsfelder, in denen sich der Sportler – wenn möglich unter Anleitung von Trainer und/oder Sportpsychologe – spezifisch auf seinen Karrierehöhepunkt vorbereiten kann.

Ressource Erfahrung, Alter des Athleten

Wie bekannt wurde, hat Davis in seiner langen Karriere bereits dreimal eine schwerwiegende Kreuzbandverletzung überwunden und ist immer wieder erfolgreich ins Wettkampfgeschehen zurückgekehrt. Abfahrer Beat Feuz ist im Schweizer Skisrennsport ein weiteres Beispiel für jene Gruppe herausragender Sportler, welche derartige Rückschläge mit mentaler Stärke und Erfahrung parieren. Feuz’ ehemaliger Trainer Sepp Brunner meint den auch zu den besonderen Fähigkeiten seines Athleten: „Eben: den Kopf. Ich kenne niemanden, der mit dieser Verletzungsgeschichte so schnell wieder dort wäre, wo Beat jetzt ist. In diesen Punkten ist er der Beste der Welt.“

Mentales Training: Visualisieren und kognitives Funktionstraining

Fallen für den Verletzten Trainingseinheiten aus, können diese wiederum genutzt werden, um gezielt im mentalen Bereich zu arbeiten. Hier sind zwei Trainingsschwerpunkte speziell zu gewichten. Das Vorstellungstraining, die Vergegenwärtigung wichtiger Spielzüge und Handlungsabläufe, die im American Football sehr systematisch ablaufen. Gerade in der wichtigen Defensiv-Rolle des Linebackers sind Antizipation und Reaktionsschnelligkeit Schlüsselelemente. Davis’ wuchtige „Tackles“ und „Sacks“ müssen auch im Kopf sitzen und funktionieren!

Optimale psychophysische Regeneration/Ergänzungstraining

In der Vorbereitung auf ein Finale steigt die Anspannung kontinuierlich an, auch der mediale Druck und die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit steigen an und beeinflussen das Verhalten der Athleten. Wichtig – auch für den Kopf – ist die sorgfältige Dosierung der Belastung und Optimierung der technisch-taktischen Arbeit. Dem rekonvalszenten Athleten bietet sich hier die Gelegenheit der Leistungssteigerung über ein entsprechendes Regenerationstraining in Verbindung mit psychophysiologischem Entspannungstraining (Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation u.a.m)

Umgang mit Schmerzen

Ahtleten vom Kaliber Davis’ kennen körperlichen Schmerz und den Umgang damit. Es gehört wohl auch zum Selbstverständnis eines NFL-Defensivspielers, dass „ihr“ Spiel ein körperlich hartes Spiel sein muss. Trotzdem ist der Schmerz auch für diese „Brocken“ ein Warnsignal, dem nicht ausschliesslich mit medikamentösen Mitteln begegnet werden darf. Vermehrt Beachtung im Kontext des Sports sollten auch hypnotherapeutischen Verfahren finden (vgl. Peter, 2009) die mit Einsatz von Suggestion, Imagination und Aufmerksamkeitsablenkung auf Schmerzlinderung abzielen.

Role Model

Allein die Tatsache, dass Davis in all seinen mittlerweile elf NFL-Profi-Jahren für die Carolina Panthers gespielt hat, macht ihn zu einem Schlüsselspieler – seine Verletzung auch zu einem Thema der ganzen Mannschaft und seine positive Genesung zum Synomym mentaler Stärke des gesamten Teams.

„I was devastated for him at the time“, Carolina defensiv tackle Dwan Edwards said. „The guy has been through a lot and is the heart and soul of our team. He`s our emotional leader, our playmaker on the field.“

Denverpost.com

Bleibt abzuwarten, ob Linebacker Thomas Davis im Super Bowl 50 tatsächlich auflaufen und spielen wird. Aus Sicht der angewandten Sportpsychologie und mit Berücksichtigung der oben erwähnten Diskussionpunkte wäre es ihm zu gönnen! Der Spieler äusserst sich im Interview zu seinem erfolgreichen Comeback überzeugt: „Ain’t nothing going to stop me from playing the game!“ Teamkollege Kawann Short ergänzt dazu vielsagend: „Man muss ihm schon alle Trikots wegnehmen, damit er nicht aufläuft. Auch die, die bei ihm zu Hause hängen.“

 

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

 

 

Allgemeiner Hinweis: 

Auszug  aus dem Leitartikel „Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?„: es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

 

Quellen:

Peter, B. (2009). Mehr als blosses Wegsuggerieren. Methoden und Potenziale der Hypnose in der psychotherapeutischen Schmerzbehandlung. Psychoscope 4/30, S.4-9.

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/wintersport/da-ist-er-der-beste-der-welt/story/13754098

http://www.denverpost.com/broncos/ci_29462387/panthers-thomas-davis-play-broken-arm-broncos-know

http://www.spiegel.de/sport/sonst/thomas-davis-von-carolina-panthers-will-beim-super-bowl-mit-armbruch-spielen-a-1073770.html

 

Views: 124

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

Ziemlich genau 14 Tage nach seinem Armbruch will Thomas Davis am 7. Februar im Finale der Nordamerikanischen Footballliga für seine Carolina Panthers auflaufen. Dass Davis trotz einer so schwerwiegenden Verletzung überhaupt über einen Einsatz nachdenkt, entlockt so manchem Leser sicher ein ungläubiges Kopfschütteln. Abgesehen von den medizinischen Möglichkeiten und Empfehlungen stellt sich die Frage, in wie weit die Sportpsychologie in einem solchen Fall „behilflich“ sein kann. Um diese Frage zu klären, werde ich den folgenden drei Grundsätzen nachgehen: dem Machbaren, dem Sinnvollen und dem Vertretbaren. Ethische Vorstellungen in der sportpsychologischen Arbeit sind in diesem Fall von grosser Bedeutung, denn es geht schlussendlich nicht nur um Techniken und Interventionen sondern um den Menschen als Ganzes. Auf die Vermittlung dieser Werte und Einstellung wird bereits im Studium viel Wert gelegt. In meiner Ausbildung zum Sportpsychologen waren ethische Fragestellungen ein fester Bestandteil.

Zum Thema: Warum Thomas Davis beim Super Bowl 50 zuschauen sollte

Machbar?

Dieser Punkt ist schnell abgehandelt. Die Sportpsychologie liefert zahlreiche Möglichkeiten für solche Situation (siehe “Pro Thomas Davis”). Ob die zur Verfügung stehende Zeit jedoch dazu reicht, darf angezweifelt werden. Ein systematischer Aufbau, es sei denn Davis hat eine breite Palette an sportpsychologischen Techniken im Repertoire, ist in zwei Wochen kaum möglich. Somit kann berechtigterweise daran gezweifelt werden, dass eine Intervention erfolgreich sein wird.

Ein prominentes Beispiel dafür, was Verletzungen nach sich ziehen können, liefert der Fall Thomas Morgenstern. Nach einem guten Start in die Saison 2013/14 stürzte er 2013 in Titisee-Neustadt und zog sich einen Fingerbruch sowie Prellungen und Ergüsse zu. Es wurde alles getan, damit er an der Vierschanzentournee starten konnte. Er wurde daraufhin in der Gesamtwertung Zweiter. Kurz darauf, im Training zur Skilug-Weltcup am Kulm, stürzte er erneut und zog sich kritische Verletzungen am Kopf und an der Lunge zu. Da die Olympischen Spiele einen Monat später stattfanden, wurde alles daran gesetzt, Morgenstern wieder fit zu bekommen. Doch an den Spielen konnte er weder auf der Normal- noch auf der Grossschanze überzeugen. Daraufhin erfolgte der Saisonabbruch und später der Rücktritt. Als Grund gab er unter anderem die psychische Belastung nach den beiden schweren Stürzen an.

Sinnvoll?

Die zweite Frage bietet bereits etwas mehr Zündstoff, bewegt man sich im Fall Davis doch im (dunkel)grauen Bereich. Über die Sinnhaftigkeit lässt sich bekanntlich immer streiten. Eine Möglichkeit zur Argumentation bietet die Anbindung an die medizinischen Befunde und die daraus resultierenden Massnahmen und Empfehlungen. Nach Auffassung von Dr. Aloiya Earl von der Ohio State University’s Wexner Medical Center ist die Verletzung erheblich und sie ist skeptisch, ob für ihn ein Bestreiten des Super Bowl 50 möglich ist. Obwohl es medizinische Möglichkeiten gibt, Brüche vorübergehend zu fixieren, ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Verletzung erheblich. Sollte es möglich sein, die Knochen zu stabilisieren, sieht Earl die grösste Herausforderung darin, mit dem Schmerz und der Unbeweglichkeit umzugehen. Während seiner langen Karriere hat Davis bereits einige Rückschläge miterlebt. Er hat sich nach allen drei Kreuzband-Verletzungen erfolgreich zurückgekämpft. Unbestritten spricht dies für seine Kämpfernatur. Die Ausgangslage in diesem Fall liegt aber ganz anders und ist auch für Davis neu. Nach den Kreuzbandrissen konnte er jeweils einen physischen Aufbau machen und trat genesen zu den weiteren Spielen an. Dieses Mal will er verletzt auflaufen.

Sind also die physischen Voraussetzungen für ein Bestreiten eines Wettkampfes nicht gegeben, sollte man auch die Sinnhaftigkeit aus psychologischer Sicht überdenken. In welche Richtung sollte also eine sportpsychologische Betreuung gehen? Sollten, z.B durch gezielte Aufmerksamkeitslenkung, die Schmerzen und somit auch die Warnsignale abgeschwächt werden?

Vertretbar?

Ein zentraler Punkt (sport-)psychologischer Arbeit ist der würdevolle Umgang mit Athletinnen und Athleten. Wie auch bei den Medizinern gibt es in der Psychologie ethische Richtlinien. Der Fachverband für Psychologie (FSP) sieht solche Richtlinien für ihre Mitglieder vor.

Gemäss Punkt 3 der Berufsordnung sind sich die Mitglieder (in diesem Fall der/die Sportpsychologe/in) „ihrer professionellen Verantwortung gegenüber ihren Klientinnen und Klienten […] bewusst. Sie vermeiden es, Schaden zuzufügen, und sind für ihr Handeln verantwortlich.“.

Auch wenn Davis unumstritten alles unternehmen wird und sich allen Gefahren bewusst ist, kann schlussendlich ein möglicher Schaden nicht ausgeschlossen und die Verantwortung für die Interventionen nicht abgelegt werden. Dadurch wäre eine Reduktion der natürlichen Hemmschwelle schwer zu vertreten.

Eine weitere Frage in der Diskussion der Vertretbarkeit ist, wie weit die Sportpsychologie gehen darf. Während es einen Katalog für verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung gibt, sind psychologische Interventionen nicht geregelt. Dennoch sollte man moralische Grenzen ziehen. Gerade Techniken zur Reduktion oder Aufhebung von Grenzen oder Schutzfunktionen (z.B. Angst- oder Schmerzgrenzen) können als „Psychodoping“ bezeichnet werden. Ein gesteigertes Risikoverhalten und eine bewusste Inkaufnahme von erheblichen Schäden, auch an anderen Personen, sind deren Folgen.

Bleibt abzuwarten, ob Linebacker Thomas Davis im Super Bowl 50 tatsächlich auflaufen und spielen wird. Aus Sicht der Ethik sowie der Gesundheit und mit Berücksichtigung der oben erwähnten Diskussionpunkte wäre es ihm abzuraten! Hoffen wir, dass ihn die Ärzte gut beraten und schlussendlich die Vernunft über den Ehrgeiz siegt.

 

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

 

Allgemeiner Hinweis: 

Auszug  aus dem Leitartikel „Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?„: Es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

 

Literatur:

http://www.spiegel.de/sport/wintersport/thomas-morgenstern-ehemaliger-skispringer-spricht-ueber-angst-a-1069551.html

http://www.sbnation.com/nfl/2016/1/25/10826270/thomas-davis-broken-arm-play-super-bowl-50-panthers-broncos

http://www.psychologie.ch/politik-recht/berufsethik/berufsordnung-der-fsp/

Morgenstern, T. (2015). Über meinen Schatten. Eine Reise zu mir selbst. Ecowin Verlag.

Views: 133

Prof. Dr. Oliver Stoll: Motiviert Crowdfunding?

Crowdfunding liegt im Trend. Mittlerweile gibt es sogar eigene Plattformen für Sportprojekte wie das Stuttgarter Start-Up Fairplaid. Vereine, Teams und Einzelsportler suchen im Netz nach Unterstützern, die dabei helfen, ganz individuelle Träume wahr werden zu lassen. Diese Analyse zeigt, dass der Crowdfunding-Mechanismus auch eine sportpsychologische Wirkung entfalten kann.

Zum Thema: Die Macht der sozialen Unterstützung

Dass soziale Unterstützung stresspuffernd wirkt, ist kein Geheimnis (siehe hierzu auch die Arbeiten von Prof. Ralf Schwarzer in den 1990er Jahren). Diese Arbeiten betreffen jedoch lediglich die direkt wahrgenommene oder erfahrene soziale Unterstützung durch Eltern, Geschwister, aber auch Trainer oder Mannschaftskameraden. Damals gab es zwar schon das Internet, auch wenn es da noch in den Kinderschuhen steckte, aber es gab noch kein Konzept, um über die digitale Welt effektiv Geld für diverse – ja, meist sinnvolle – Zwecke zu sammeln. Crowdfunding heißt hier das „Zauberwort“. Die Idee, ebenso einfach wie genial. Ein Mensch, eine Gruppe, eine Mannschaft oder ein Unternehmen hat eine „gute Idee“. Um diese Idee umzusetzen, braucht es finanzielle Unterstützung. Lange und aufwendige Anträge, z.B. an Banken zu schreiben, um einen Kredit zu bekommen, ist zeitaufwendig und organisatorisch sehr fordernd. Also bemüht man z.B. die sozialen Medien, um auf dieses Projekt aufmerksam zu machen. So geschehen, wie z.B. aktuell die U19-Damen-Nationalmannschaft der jungen Randsportart Floorball, die für eine WM-Teilnahme im Mai 2016 nach Kanada reisen muss. Der Verband – Floorball Deutschland – ist zwar Mitglied im DOSB und könnte rein theoretisch auf Antragsbasis hier fördern, allerdings erfolgte der Beitritt erst Ende 2014. Dummerweise erfolgen die Haushaltsplanungen des DOSB immer im olympischen Vier-Jahres-Rhythmus, d.h. Floorball Deutschland geht auch dieses Jahr (noch) leer aus.

Was also tun? Simon Brechbühler, der Trainer und „Macher“ der Damen-Auswahlbereichs in den vergangenen Jahren, hatte die Idee, ein Crowdfunding-Projekt ins Leben zu rufen, dass gerade läuft. Für einen Betrag „X“ bekommt man so etwas wie ein „symbolisches Geschenk“ des Teams – Armbänder, Autogrammkarten, Persönliche Videobotschaften für den „kleinen Geldbeutel“ oder aber man kauft seinen Namenszug auf das Trikot der Mannschaft, oder kauft sich das Team für ein Freundschaftsspiel oder man kauft sich direkt ins Team ein und ist während der WM Assistent und steht direkt bei den Mädels und dem Trainer an der Bande. Sei es wie es sei – informieren Sie sich einfach, vielleicht überzeugt sie das Vorhaben der jungen Damen. (Direkt zur Crowfundingkampagne)

Bildschirmfoto 2016-02-01 um 11.03.02

Sportpsychologische Konsequenzen

Was aber sind die psychologischen Konsequenzen eines solchen Projekts? Auch wenn es hierzu, meines Wissens, noch keine systematische Forschung gibt, so erscheint für mich einiges plausibel:

Wenn direkte, wahrgenommene oder erfahrene, soziale Unterstützung stresspuffernd wirkt, dann sollte dies mit einem solchen Projekt auch ein Ergebnis sein. Die Mädels wissen, dass sich, um sie herum, ein soziales Netzwerk entwickelt, dass sich um die finanzielle Absicherung des Projekts kümmert. Damit haben sie den Kopf frei für Training und unmittelbare Wettkampfvorbereitung. Dies erzeugt eine Bewertung der zunehmenden „subjektiven Kontrollierbarkeit“ in diesem Vorhaben.

Die Mädels nehmen wahr, dass sich Menschen für sie und ihr Projekt interessieren. Dies wiederum hat zur Folge, dass ihr Selbstvertrauen und ihre sportspezifische Selbstwirksamkeit steigt. Es ist kein Geheimnis, dass genau dieser Effekt leistungssteigernd wirken kann.

Das Team präsentiert sich und ihr Ziel in der Öffentlichkeit. Damit gehen die Mädels eine „nach außen gerichtete Verpflichtung ein“. In der Geschäftswelt sind Verträge die Grundlage für jeden „Austausch“ von Werten. Nichts Anderes ist diese Verpflichtung des Crowdfunding Projekts. Diese Spielerinnen wird vor Ort alles geben, um ihr persönliches und ihr Team-Ziel zu erreichen, um es dann auch gerne wieder in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es ist ja bereits in die Öffentlichkeit hineingetragen worden – und keiner blamiert sich gern.

Der Mannschaftszusammenhalt wird steigen. Dieses Projekt schweißt die Truppe zusammen, denn jeder weiß um das gemeinsame Ziel, dass es zu erreichen gilt.

Die Floorball-Juniorinnen brauchen bis Ende Februar noch Unterstützung, um ihren Wunsch, nach Kanada fliegen zu dürfen, umzusetzen. Ganz nebenbei liefern die Amateurspielerinnen, die den Großteil der Kosten aus eigener Tasche zahlen, ein schönes Beispiel, dass Crowfunding-Initiativen auch auf sportpsychologischer Ebene wertvoll sein können.

 

 

Hinweis: Prof. Dr. Oliver Stoll war zwischen 2009 und 2014 Präsident von Floorball Deutschland und führte den jungen Verband in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Views: 59

Benjamin Göller: Gründe des Handballwunders

Am Sonntagnachmittag (ab 17.15 Uhr, live in der ARD) steht die deutsche Nationalmannschaft im Finale der Handball-Europameisterschaft. Dass das jüngste Team des Turniers den Sprung ins Endspiel gegen Spanien geschafft hat, wird – unabhängig vom Ausgang der Partie – als eine der ganz großen Sensationen des Sportjahres in Erinnerung bleiben. Aber wie war das möglich? Trotz der vielen Verletzungen, der Ausfälle einiger Stammkräfte noch während des Turniers und des eigentlich erst in den Anfängen begriffenen Umbaus der Herren-Nationalteams? Die Antwort liefern junge unbekümmerte “Bad Boys”, wie sie sich selbst bezeichnen, und ein äußerst besonnener Trainer…

Zum Thema: Außenseiter im Vorteil – wie junge Teams über sich hinaus wachsen können

Junge Spieler brauchen Vertrauen, um ihr Potenzial auszuschöpfen und ihr Leistungsoptimum zu erreichen. Dieses Vertrauen bringt Trainer Dagur Sigurdsson seinen nominierten Spielern entgegen, indem er jeden spielen lässt. Das ist ein Erfolgsrezept, weil jeder junge Spieler auch spielen will – niemand will einfach nur dabei gewesen sein. Außerdem möchten junge Spieler ihre Rolle und ihre Aufgabe im Team kennen, dadurch sind sie sich ihrer Bedeutung im Team bewusst und bereit, sich für einander einzusetzen. Durch die vielen Ausfälle weiß jeder Spieler, dass er wertvoll für die Mannschaft und das Team ist, so dass das Selbstwertgefühl der Spieler wächst. Durch die wenigen „Stars” im Team setzt sich jeder Spieler voll für den anderen ein, an soziales Faulenzen ist nicht zu denken. Und noch etwas ist vorteilhaft für den Kopf der Spieler: Keiner schaut zum anderen auf, wie es vielleicht bei Starspielern sonst mal der Fall sein würde… Junge Spieler unterschätzen sich oft und mindern ihre eigenen Fähigkeiten, wenn Spieler mit großem Namen neben ihnen auf dem Spielfeld stehen. Oft wird unterbewusst Verantwortung abgegeben. In der jetzigen Konstellation der Nationalmannschaft ist es jedoch kaum möglich.

Die Spieler sehen eine Chance, eine Herausforderung in den Spielen, so dass sie Lust auf mehr bekommen. Angst und Zweifel brauchen sie nicht mehr zu haben, da sie bereits mit dem Einzug ins Viertelfinale erreicht haben, was keiner von ihnen erwartet hatte. Der Druck von außen ist gering. Die Spieler werden bereits jetzt gefeiert und ermutigt, weiter alles zu geben. Dadurch kann die Willenskraft weiter gesteigert werden und die Spieler reißen sich gegenseitig mit, weil sie noch mehr zusammen erreichen wollen.

Erfolge machen sie noch stärker

Die Erfolge machen sie noch stärker, da sie zusammen wachsen und das gemeinsame Ziel, den Titel zu holen, forcieren können. Jeder der Spieler weiß sich im Team einzubringen und genau das ist die Stärke: das Team.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Wie werden sich die Spieler nun psychisch auf das abermalige Duell gegen die Spanier vorbereiten? Die Begegnung gegen die favorisierten Iberer ging in der Gruppenphase knapp verloren. Der Vorteil ist aber, dass die Spanier bereits als Favorit in das Turnier starteten. Das deutsche Team kann befreit aufspielen und das spannende dabei – sie kennen den Gegner bereits und können das erste Duell genau analysieren. Trainer und Spieler können sich demnach vorbereiten und den individuell womöglich überlegenen Gegner mit taktischen Mitteln überraschen. Taktische Umstellung hat Trainer Sigurdsson bereits im Spiel gegen Schweden genutzt und die Mannschaft hat es bestens umgesetzt. Durch die Vorbereitung auf die Finalpartie können die Spieler erneut Sicherheit gewinnen und sich ihr so genanntes Drehbuch schreiben.

Ein Drehbuch ist hilfreich

Für den Kopf ist ein Drehbuch sehr hilfreich. Zudem würde ich als Sportpsychologe das Team an die erzielten Erfolge und die Entwicklung der Mannschaft im Turnierverlauf erinnern, dadurch steigert sich erneut das Selbstvertrauen der Spieler. Besonders Bilder, Videos und die richtige Musik helfen Sportlern, ihre Emotionen und ihre Leistungsbereitschaft zu verstärken. Ein weiterer wichtiger Punkt im Umgang mit dem Druck des Finalspiels ist die Betrachtung der Situation als Herausforderung (siehe auch: Christian Reinhardt: Versagen unter Druck; Benjamin Göller: Ales oder nichts; Elvina Abullaeva: Die Vorbereitung auf ein Finale). Sportler gewinnen Lockerheit durch ihre eigene Freude und Bereitschaft etwas für ihre Leidenschaft zu tun.

Es steht fest, dass sich solch eine Partie auch im Kopf entscheidet. Hier ist es wichtig, sich auf die eigenen Fähigkeiten verlassen zu können und sich auf diese zu konzentrieren. Eine besondere Qualität bringt zweifelsfrei der isländische Coach des deutschen Teams mit: Wie Sigurdsson im Turnierverlauf Auszeiten in Bezug auf das Timing und auch inhaltlich genutzt hat, war sensationell. Der Weltklassetrainer beschränkt seine Ansprachen dabei auf sieben Informationen, die er in aller Ruhe und Besonnenheit –  egal wie es auf der Anzeigentafel und um das tapfere Team steht – platziert.

Ein Blick in die deutsche Handballgeschichte

Die Geschichte des Außenseiters erinnert an die Weltmeisterschaft 1978, bei der „Außenseiter“ „Jimmy“ Waltke, in der 39. Spielminute im Finalspiel eingewechselt wird und zugleich einen Treffer zur Zwei-Tore-Führung der Deutschen Mannschaft gegen die UdSSR erzielt. Jimmy Waltke, damals erst 24 Jahre alt, hat bis zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Spiel in dem Turnier für die Nationalmannschaft bestritten.

Doch der damalige Trainer Vlado Stenzel hat Jimmy vor dem Spiel bestens auf die Situation vorbereitet und zwei entscheidende Dinge getan: Zum einen hat er Jimmy Vertrauen geschenkt, indem er ihm bereits zwei Tage zuvor einen Stammplatz für die kommende Spielzeit zusicherte und ihn dann aber bereits im Endspiel einsetzte. Und noch wichtiger: Stenzel hat den Druck aus der Situation für Jimmy Waltke genommen, da dieser das Spiel nicht als seine „Lebenschance“ gesehen hat. Im aktuellen deutschen Kader finden sich auf den ersten Blick viele dieser Waltkes…

 

Quellen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/der-zweite-gegner-wenn-der-kopf-beim-sport-im-wege-steht.966.de.html?dram:article_id=325418

http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-em-2016-dagur-sigurdsson-schweigend-von-sieg-zu-sieg-a-1074580.html

 

Views: 433

Cristina Baldasarre: Ohne Krise kein Erfolg?

Die ZSC Lions kennen seit Jahren keine richtigen Krisen, so munkeln es jedenfalls die Medien. In der NZZ Ausgabe vom Montag, den 25. Januar 2016 (zum Artikel), wirft der Autor Ulrich Pickel die Frage auf, ob sich Krisen simulieren lassen? Gegenfrage: Braucht es überhaupt Krisen, um erfolgreich sein zu können?

Zum Thema: Warum auch im Erfolg Krisen zu finden sind und wie sich erfolgreiche Teams formen lassen.

Die Auseinandersetzung mit der Erfolgsformel von überlegenen Teams wie zum Beispiel die ZCS Lions ist nicht nur für Journalisten schwierig. Denn letztlich sind die bestimmenden Faktoren jeweils multikausal, wie man psychologisch so schön sagt. Das heisst nichts anderes als dass viele verschiedene Faktoren zusammenwirken. Woraus wir an dieser Stelle schlussfolgern, dass wohl auch viele dieser Faktoren gut beeinflussbar sind – andere wie z.B. Trainingsstätten oder Verletzungen eher weniger. Es gilt als Trainerstaff folglich diejenigen beeinflussbaren und Erfolg bringenden Faktoren der Mannschaft zu erkennen und diese gezielt zu fördern. Insofern spricht alles dafür, dass dies mindestens ein mittelfristiges Unterfangen darstellt, eine Erfolgsformel zu entwickeln und weiterfortzuführen.

Als Coach investiere ich in die Spieler

Marc Crawford, seines Zeichen erfolgreicher kanadischer Spieler und Trainer, steht bei den ZSC Lions seit 2012 an der Bande. In unserer schnelllebigen Trainer-Austausch Realität eine doch sehr beachtliche Leistung und ganz klar ein Teil des Erfolges. Zu Beginn seiner Trainertätigkeit bei den Lions sagte Crawford in einem Interview: „…Charakterstärke hat viel zu tun mit Konstanz, guten Gewohnheiten, Professionalismus. Als ich mir die Zürcher Playoff-Spiele auf Video anschaute, erkannte ich etwa sofort, wie charakterstark, wie smart unser Captain Mathias Seger ist. Er spürt das Spiel, die Situationen. Das sind Spieler, die mir Freude machen. Nicht jeder ist wie er. Aber bei jedem findet man etwas Gutes…..Man darf nicht nur die Fehler ansprechen, sondern muss auch das Positive herausstreichen. Man muss in die Spieler investieren.“

Krisen oder Selbstvertrauen?

Die aufgeworfene Frage, ob Krisen für einen Erfolg zwingend sind, lässt sich auf dem Hintergrund der Multikausalität nicht so einfach beantworten. Gewissheit gibt uns die sportpsychologische Literatur hingegen zu grundlegenden Faktoren, die Motivation, Selbstvertrauen und schliesslich Erfolg hervorbringen.

Besonders die Fähigkeiten eines Sportlers, an sich selbst und die eigenen Stärken zu glauben sowie in schwierigen Situationen konstruktiv und positiv zu bleiben, tragen massgeblich zum Erfolg bei. So spricht der deutsche Feldhockey-Erfolgstrainer Joachim Mahn über seine Hamburger Mannschaft ganz einfach: „Die Jungs glauben an sich, ich glaube an sie – und dann geht die Post ab.“

Denn: Selbstvertrauen kann über die Zeit heranwachsen, …

  • wenn einerseits ein Trainer wie Crawford den ZSC Lions dieses Gefühl in allen Facetten vermitteln kann
  • wenn die Mannschaft über solche Identifikationsfiguren wie den Captain der Lions, Mathias Seger, verfügen
  • wenn die Waage zwischen eigener Autonomie und Führung ausbalanciert ist
  • wenn die Selbstverantwortung und damit auch die innere Motivation gefördert werden
  • wenn ich gelernt habe, auch schwierige Situationen meistern zu können
  • wenn ich meine gesteckten Ziele realistisch einschätzen kann
  • wenn ich mich und andere motivieren kann
  • wenn ich gelernt habe mich selber zu regulieren und zu kontrollieren
  • wenn….die Liste ist schier unendlich!

Wer rastet der rostet

Die Kunst besteht darin, alle Situationen so zu nehmen wie sie sind und immer daraus zu lernen, hungrig zu sein, besser werden zu wollen, Neues auszuprobieren und Mut zu beweisen. Dabei spielt es keine zentrale Rolle, ob gerade eine Erfolgswelle oder ein Leistungstief herrscht. Denn die Definition von Was ist eine Krise ist doch sehr individuell und abhängig von den eigenen Erwartungen und vom eigenen Perfektionismus. Somit lassen sich auch bei gewonnen Spielen und erfolgreichen Phasen durchaus Krisen finden. Oder sollten wir sie eher Herausforderungen, nächste Ziele oder lessons learned nennen? Wer sich auf der Welle des Erfolges ausruht, der wird bald überholt werden. Wer aber mit einem wachen Blick für stetige Verbesserungen und Leistungssteigerungen unterwegs ist, wird an kleinen Fehlern wachsen und nicht einrosten. Womit auch die anfangs gestellte Frage voller Selbstvertrauen verneint werden kann. Denn: Aus Erfolgen lernen macht es möglich, auch ohne Krisen an die Spitze zu kommen und dort zu bleiben.

 

Literatur

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/hockey/Es-wird-kein-Kulturschock-mehr-sein/story/10597446

http://www.nzz.ch/sport/eishockey/ein-koenigreich-fuer-eine-krise-1.18682939

Negri, Christoph: Selbstwert – von allen Seiten betrachtet, in: Punktum, SBAP Schweizerischer Berufsverband für angewandte Psychologie, Heft 3/2006, S. 14-16.

 

 

Avatar_BaldasarreMehr zur Autorin?

Mit einem Klick geht es zum Profil von Cristina Baldasarre auf die-sportpsychologen.ch

„Solution talk creates solutions – problem talk creates problems.“ (Steve de Shazer)

Views: 561

Wencke Schwarz: Phänomen Schweinehund

Eines vornweg: Ich bin sicher nicht die größte Tierexpertin im Land, dennoch wage ich die Behauptung aufzustellen, dass der Schweinehund die am weitesten verbreitete Hunderasse im deutschsprachigen Raum ist. In meinem ersten Blog-Beitrag für die-sportpsychologen.de (zum Profil) bin ich der Frage nachgegangen, ob auch Spitzensportler den Schweinehund kennen und was Hobby-Athleten von ihrem Umgang mit ihm lernen können?

Zum Thema: Wie schaffe ich es, meinen Schweinhund im Zaum zu halten?

Bei meiner Recherche bin recht schnell auf Aytac Sulu vom SV Darmstadt 98 gestoßen. Der Kapitän des Bundesliga-Aufsteigers sprach kürzlich in ein ARD-Mikrophon: „Das ganze Trainingslager war sehr anstrengend. (…) Jeder einzelne Spieler ist über seine Grenzen gegangen, was den Schweinehund betrifft. Aber das gehört dazu. (…) Wir wollen gut in die Rückserie starten.“ Sulu und seine Darmstädter eignen sich ohnehin bestens als Beispiel dafür, welche Kraft Motivation auslösen kann. Der von vielen Experten vor der Saison als chancenlos eingestufte Aufsteiger hält sich auch nach dem Rückrundenstart prächtig – und Anführer Sulu, der sich den Beinamen “Gladiator” verdient hat, ist ein absolutes Muster, wenn es darum geht, Grenzen zu überwinden, um seine Ziele zu erreichen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Schauen wir vor diesem Hintergrund eines der bekanntesten Modelle der Motivationspsychologie in seinen Grundzügen an: Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen von Heinz Heckhausen und Peter M., Gollwitzer, aus dem Jahr 1987.

Den Rubikon überschreiten

Der Name des Modells hängt eng mit seinem Inhalt zusammen: Der Rubikon war zur römischen Zeit ein Grenzfluss. Metaphorisch wird mit „den Rubikon überschreiten“ folglich das Passieren einer Grenze gemeint, die eine unwiderrufliche Handlung zur Folge hat. Unter Handlungen werden dabei Aktivitäten verstanden, denen eine Zielvorstellung zugrunde liegt, d.h. bewusst nachvollziehbar ist, aus welchem Grund man etwas getan hat.

Das Rubikon-Modell besteht aus vier Handlungsphasen und legt seinen Fokus auf die Beantwortung von zwei zentralen Fragen der Motivationspsychologie:

  1. Wie werden Handlungsziele ausgewählt?
  2. Wie werden diese Handlungsziele realisiert?

Rubikon-Modell der Handlungsphasen

Bildschirmfoto 2016-01-28 um 15.36.59

 

Wenn Ziele nicht erreicht werden

Woran liegt es aber, dass das gewünschte Ziel nicht immer erreicht wird? Dies kann sowohl einer falschen Strategie im Vorfeld geschuldet sein, als auch an der fehlenden Bereitschaft für eine notwendige extra Anstrengung liegen, etc. Hinzu kommt, dass eine Person mehrere Ziele verfolgen kann. Jedes Ziel ist für sich gut durchdacht. Jedoch kommt es zu einer sogenannten Querkonkurrenz dieser Ziele untereinander, da z.B. die Zeit nur für eine erfolgreiche Handlung ausreicht. Das Ziel, dass einen am stärksten motiviert und mit dem man sich verbunden fühlt, „gewinnt“ in der Regel.

Also: Spitzensportler haben alle ein klares, deutliches Ziel, das sie extrem stark motiviert und vorantreibt, selbst bei einer unklaren Erfolgswahrscheinlichkeit, wie im Fall von Darmstadt 98. Alle Beteiligten investieren viel Zeit in die Planung bzw. Optimierung. So können sie auf „wenn-dann“-Fälle und Eventualitäten besser und zielgerichteter reagieren.

Beim Handeln fokussieren sie sich klar auf ihr Ziel und sind bereit, große extra Anstrengungen regelmäßig zu investieren. Des Weiteren erarbeiten Profis gezielt viele Erfahrungswerte, werten diese aus, um (noch) effizienter und effektiver zu werden.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie und warum Spitzensportler den Schweinhund schnell im Regen stehen lassen können. Aber: Lernen, wie ein Sieger zu denken, kann jeder – auch du. Hier sind fünf Tipps, die dir helfen, dein Ziel motiviert(er) zu erreichen:

Fünf Praxistipps die helfen, Ziele zu erreichen

Tipp 1: Identifiziere deine wirklichen Ziele

Was treibt dich an und weckt deine Begeisterung und dein Interesse? Ist es etwas, dass du selber beeinflussen und realisieren kannst? Das sind die zwei wichtigsten Fragen, die du dir zuerst stellen solltest. Warum? Nur ein Ziel, dass du wirklich erreichen willst, motiviert dich langfristig genug, um verlockende Angebote auf dem Weg auszuschlagen und auf dein Ziel fokussiert zu bleiben. Ist es nur ein „nice to have“, streiche es von deiner Liste. So sparst du Energie für die wirklich wichtigen Dinge und dein Schweinehund kann es nicht als Futter für eines seiner Ablenkungsmanöver verwenden.

Tipp 2: Investiere Denkzeit

Wenn du mehrere Ziele identifiziert hast, überlege genau, welche Priorität sie für dich haben. Spiele danach konkret durch, wieviel Zeit und Energie dich die Erreichung des ersten Ziels kostet. Gehe dabei vom schlechtesten, nicht vom besten Fall aus. Frage dich erst mit diesem Bild vor Augen, ob du realistisch jetzt noch genug Motivation und Zeit für dein Ziel auf Platz zwei hast. Wenn nicht, konzentriere dich nur auf das Erste. Dadurch vermeidest du, dich selber in eine Zwickmühle zu bringen und nimmst dem Schweinhund eine Angriffsfläche.

Tipp 3: Gut gezielt, ist halb getroffen

Wenn dein Ziel für dich feststeht, überlege dir in Ruhe, wie du das Ziel Schritt für Schritt erreichst. Spiel, wie im Film, verschiedene Szenarien durch und vergiss nicht die Stellen einzubinden, an denen du stolperst und es trotzdem schaffst. Stolpern und „schlechte“ Tage gehören zum Leben dazu. Deshalb ist es gerade gut, hier zu überlegen, wie du dich an diesen Tagen verhalten willst. All diese Gedanken bewirken, dass du den Weg zum Ziel immer konkreter werden lässt. Hilfreich sind zudem Impulse und Erfahrungswerte von außen, gerade von Personen, die das gleiche oder ein ähnliches Ziel verfolgen. Frage nach, erweitere deinen Handlungsspielraum und steh öffentlich zu deinem Ziel.

Tipp 4: Erfolg buchstabiert man T.U.N.

In den Wartezeiten kannst du immer wieder in die Phase des Planens zurückkehren und mit Hilfe deiner Erfahrungen deine Strategien und Verhaltensweisen anpassen. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass du nie, ich betone nie, alle Dinge bedenken oder gar beantworten kannst. Achte darauf, dass dich dein Schweinehund nicht durch „was wäre, wenn dies oder jenes“-Fragen vom Tun abhält und du sinnbildlich in ein Gespräch verwickelst stehen bleibst. T.U.N ist der Schlüssel zum Erfolg und jeder Weg fängt mit dem ersten Schritt an.

Tipp 5: Erfolg ist erlernbar

Die Überwindung deines inneren Schweinehundes lohnt sich! Das erfährst du allerdings erst, wenn du ihn bezwungen hast und schon alleine deshalb auf dich stolz sein darfst. In den meisten Fällen merkst du dann, dass es doch nicht soooo schlimm ist, z.B. im Regen zu laufen. Vielleicht gefällt es dir sogar, weil bei diesem Wetter die Luft besonders klar und toll zu riechen ist. Je öfter du den inneren Kampf gewinnst, desto mehr positive Erfahrungen kannst du dem Schweinehund entgegensetzen und ihn dadurch schrumpfen lassen oder gar verjagen. Manche Verhaltensweisen werden mit der Zeit zur Gewohnheit, so dass hier keine Diskussionen mehr aufkommen. Um im Beispiel zu bleiben: Rausgucken, sich passende Laufkleidung anziehen und einfach loslaufen ohne vorher über den Einfluss der (un)perfekten Wetterbedingungen mit deinem Schweinehund lamentieren zu müssen.

Halten wir fest: den inneren Schweinehund wird es immer geben. Sieh ihn als sportlichen Herausforderer, der deine Willensstärke und Zielmotivation überprüft. „Ohne Preis, keinen Fleiß“ gilt in der Regel, deshalb lass dich nicht von einem schlechten Tag oder einem missglückten Versuch abschrecken.

Ein Extra-Tipp zum Abschluss: Behalte dein Ziel vor Augen

Je deutlicher dir dein Ziel vor dem inneren Auge steht, desto mehr hältst du den Fokus über die Zeit. Such dir ein Bild aus, der sinnbildlich für dein Ziel steht. Häng es dir an die Kühlschranktür, stell es vor den Badezimmerspiegel und wähl es als Sperrbildschirm auf deinem Smartphone aus. So führst du es dir regelmäßig im Alltag vor Augen und richtest deinen inneren Kompass immer wieder darauf aus und motivierst dich. Wetten, dass die Darmstädter im Geheimen auch mit einem solchen Bild arbeiten?

Views: 1716

Dr. Jan Rauch: Die Art des Coachings

0

Noch immer wird Jürgen Klopps Jubellauf nach dem 3:3-Ausgleichstreffer von Liverpool gegen Arsenal in der englischen Presse als „Klopps epic celebration“ gefeiert (siehe Video unten), und auch Ende Januar coachte Klopp beim Gastspiel in Norwich wieder so intensiv, bis seine Brille in die Brüche ging. Immer wieder erreichen uns Medienanfragen, ob diese Art des Coachings „etwas bringe“ oder ob nicht eher ein ruhiger Stoiker an der Seitenlinie für eine Mannschaft hilfreicher sei. Meistens wird eine solche Anfrage mit einem Satz beantwortet, der im Zusammenhang mit psychologischen Auswirkungen häufig genannt wird: „Das hängt von den Umständen ab und lässt sich nicht so leicht beantworten“.

Zum Thema: Lassen sich Emotionen vom Trainer auf Sportler übertragen?

Durchforstet man auf der Suche nach einer präziseren Antwort die Forschungsliteratur, so sind die Schlüsselworte Emotionale Konvergenz, Ansteckung und Kollektivismus relevant.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Unter emotionaler Konvergenz versteht man Geschehnisse in einem Team, die alle Mitglieder emotional ähnlich beeinflussen. Dies kann beispielsweise ein Tor, gemeinsamer Erfolg, aber auch gemeinsamer Frust sein. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass der affektive Zustand eines Teams in Zusammenhang mit dem affektiven Zustand der einzelnen Teammitglieder steht (z.B. Ilies, Wagner, & Morgeson, 2007). Das bedeutet nichts anderes, als dass Gefühlszustände eines Teammitglieds unter anderem abhängig vom ‚Gefühlszustand des Teams‘ bzw. der anderen Teammitglieder sind. Dies gilt natürlich auch für den Trainer, solange man ihn als Teil des Teams betrachten kann. Die Stärke dieses Effekts wird unter anderem durch die individuelle Anfälligkeit für emotionale Ansteckung moderiert. Der Psychologe nennt dies „susceptibility to emotional contagion“, also Empfänglichkeit für emotionale Übertragung. Darunter wird das Phänomen verstanden, dass Menschen die emotionalen Zustände anderer Personen übernehmen. Gerade im Sport ist die emotionale Ansteckung ein verbreitetes Phänomen. Positive wie auch negative Emotionen werden in Erfolg und Misserfolg geteilt. Wenn also ein Spieler einen Torerfolg gemeinsam mit dem Team feiert, hat dies nicht nur mit der individuellen Freude über das Tor an sich zu tun – sondern auch damit, dass sich die anderen Spieler freuen. Das gleiche Phänomen tritt auch bei negativ konnotierten emotionalen Situationen auf, z.B. bei der sogenannten „Rudelbildung“, welche meistens aus einem Disput zweier Einzelspieler entsteht: Ich rege mich nicht nur auf, weil ich Frust verspüre; ich rege mich auch auf, weil meine Teammitglieder sich aufregen!

Das Team ist wichtiger als der Einzelne

Inwieweit sich ein Einzelspieler von den Emotionen anderer Teammitglieder oder des Trainers anstecken lässt, hängt also von der Stärke der Anfälligkeit auf emotionale Ansteckung ab. So weit, so logisch. Nun kommt jedoch hinzu, dass diese Anfälligkeit wiederum vom Ausmass der kollektivistischen Tendenz eines Individuums abhängt. Unter Kollektivismus wird die Orientierung am Team verstanden: Das gesamte Team ist für eine Person mit kollektivistischer Tendenz wichtiger als die Selbstverwirklichung des Individuums (individualistische Tendenz). Je kollektivistischer ein Spieler eingestellt ist, desto stärker wirken sich die Emotionen des gesamten Teams auf diesen Spieler aus. Es liesse sich nun spekulieren, dass sich Spieler von einem sehr emotionalen Trainer anstecken lassen (je nach Ausprägung der beschriebenen Parameter), was sich beispielsweise im Einsatzwillen bemerkbar machen müsste. Inwieweit dies für das Team im Sinne von mehr Toren, mehr Siegen oder ähnlichem förderlich ist, scheint jedoch schwierig abzuschätzen. Ist ein kühler Knipser vor dem Tor doch genauso gefragt wie ein emotionaler Mittelfeldkämpfer.

Auf die zu Beginn gestellte Frage, ob ein emotionaler Coaching-Stil besser ist als ein zurückhaltender, würde der Forscher also antworten, dass die Wirkung eines Trainers durch emotionale Ansteckung mit sehr vielen Team-Parametern in komplexer Wechselwirkung steht. Oder in anderen Worten: Das lässt sich nicht so leicht beantworten!

 

Hinweis: Dieser Beitrag ist auch im Blog des IAP Instituts für Angewandte Psychologie, einem Angebot der ZAHW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, erschienen:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

 

Literatur zum Thema:

  • George, J. M. (1990). Personality, affect, and behavior in groups. Journal of Applied Psychology, 75, 107–116.
  • Ilies, R., Wagner, D. T., & Morgeson, F. P. (2007). Explaining affective linkages in teams: individual differences in susceptibility to contagion and individualism- collectivism. Journal of applied psychology, 92(4), 1140.
  • Kelly, J. R., & Barsade, S. G. (2001). Mood and emotions in small groups and work teams. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 86, 99–130.

Views: 425