Die ersten Achtelfinal-Begegnungen sind bei der Fußball-WM gespielt und bereits das erste Spiel Brasilien gegen Chile bot pures Drama. Der Gastgeber Brasilien setzte sich mit viel Glück gegen die Elf aus Chile durch, dies allerdings erst nach Elfmeterschießen. Der entscheidende Elfmeter wurde durch den Chilenen Jara nicht verwandelt, damit zog Brasilien ins Viertelfinale ein.
Zum Thema: Ist das Elfmeterschießen trainierbar?
Manche Fußball-Experten behaupten immer noch, dass Elfmeterschießen nur eine reine Glückssache sei und nichts mit fußballerischen Fähigkeiten zu tun habe. Allerdings steht fest, dass derjenige, der Weltmeister werden will, auch solche speziellen Situationen meistern können muss. Durch die gesammelten Daten von mehreren Jahrzehnten „Fußballforschung“ sind wird in der Lage, zu definieren, wo genau ein Ball für den Torwart unhaltbar ist. Trotz dieses theoretischen Wissens gelang es dem Chilenen Jara nicht, den Ball zu verwandeln – ganz im Gegenteil zu Klaas-Jan Huntelaar, der während seines Elfmeters in der Nachspielzeit des Achtelfinals gegen Mexiko mit seinem Tor die Niederlande ins Viertelfinale gebracht hat.
Enormer Druck
Für beide Spieler war der Druck in der jeweiligen Elfmetersituation enorm. Was entscheidet nun aber, ob man ein Hero und somit der Star seiner Mannschaft wird oder derjenige, der quasi Schuld an der Niederlage hat und damit zum Zero wird? Wie schon im Leitartikel über Elfmeter von Nils Gatzmaga, Link zum Die-Sportpsychologen-Leitartikel, ausführlich beschrieben wurde, ist ein Elfmeter mental trainierbar. Genau wie im Training Freistöße geübt, sollten auch Elfmeter trainiert werden – und dies am besten in Situationen, in denen Druck kreiert wird. Sehr aktuell ist in diesem Fall dann auch die Situation der Engländer, die allein für das Elfmeterschießen einen Sportpsychologen verpflichtet haben, um dies nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental zu trainieren. Weiterhin beschreibt Gatzmaga, dass ein Elfmeter mit Glück nichts zu tun hat. Eine solche Situation sollte eher als Routine gesehen, statt als Druck bewertet werden, damit die blockierenden Gedanken auf das Ergebnis so wenig Einfluss wie möglich haben.
Spannung pur
Gleich nach dem verschossenen Elfmeter von Jara war im WM-Achtelfinale zu sehen, in welchen unterschiedlichen Welten der Chilene und der brasilianische Superstar Neymar sich in diesem Moment befanden. Beide hatten mit Emotionen zu kämpfen, allerdings war Neymar nach seinem erfolgreichen Elfmeter im Gegensatz zu Jara überglücklich. Deutlich war zu sehen, dass auch der Star von Brasilien seine Emotionen nicht mehr kontrollieren konnte.
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Diese Spannung, die selbst daheim vor dem Fernseher spürbar war, hat nicht nur Einfluss auf den Körper, sondern auch auf die Psyche. Neymar war nicht der einzige Brasilianer, der seinen Emotionen freien Lauf gelassen hat. Júlio César, genau dieser Torhüter der nach dem WM-Aus 2010 von der ganzen Nation als Zero bezeichnet wurde, ist jetzt Brasiliens Hero. In seinem Interview, während dessen er in seinem emotionalen Zustand deutlich Schwierigkeiten hatte zu reden, betonte er, dass er besonders nach all der Kritik an seiner Person nach 2010 froh sei, dass Brasilien weiter gekommen ist.
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Vor allem hoffe er, dass die Brasilianer ihn jetzt als Hero sehen und nicht mehr als Zero. Leider wird jetzt der Chilene Jara erst einmal mit diesem Status leben müssen. Ob man letztendlich durch einen Elfmeter zum Hero oder Zero wird, hat also nichts mit Glück zu tun, sondern dem Ausmaß in dem man körperlich, aber auch mental auf diese vorbereitet ist.
Die Fußball-WM in Brasilien verlangt von den Spielern alles ab. Die Anfahrtswege sind lang, die klimatischen Verhältnisse schwierig und das fußballerische Niveau sehr hoch. Nach den Strapazen der Gruppenspiele heißt es für die sechzehn verbliebenen Mannschaften, sich schnellst möglich zu regenerieren.
Zum Thema: Wie wichtig ist die mentale Regeneration?
Der Energieverbrauch unter den außergewöhnlichen klimatischen Bedingungen ist hoch. Die Spiele werden intensiv geführt. Körperliche Müdigkeitserscheinungen kommen zum Vorschein. An den spielfreien Tagen müssen die Leistungsreserven des Körpers wieder aufgeladen werden. Doch nicht nur die Physis, sondern auch die Psyche muss sich von den Belastungen erholen.
Die Anforderungen an einen Fußballspieler sind in den letzten Jahren gestiegen. Nebst der physischen und technischen Stärke muss ein Spieler die taktischen Vorgaben des Trainers umsetzen können. Mit Köpfchen spielen ist angesagt. In der Vorbereitung auf ein Spiel wird der Gegner bis ins kleinste Detail analysiert. Jeder Spieler bekommt seine Anweisungen, wie er zu agieren hat. Die taktischen Vorgaben müssen von ihm nicht nur aufgenommen werden, sondern er muss diese unter Druck im Spiel abrufen können. Zudem muss er Spielsituationen antizipieren, verarbeiten und passende Lösungen finden können. Der hohe Druck löst Emotionen aus, die auf dem Spielfeld kontrolliert werden müssen. Wie der bisherige Verlauf gezeigt hat, gelang dies nicht jedem Spieler.
Mentale Müdigkeit kann unterschiedliche Effekte haben. Ein müder Kopf kann zur Verlangsamung der Informationsverarbeitung, Reaktionsverzögerung, Motivationsverlust, emotionalem Kontrollverlust sowie Konzentrationsabfall führen. Um diesen negativen Erscheinungen entgegen zu wirken, ist die Regeneration von großer Bedeutung.
Die Psyche weist eine längere Erholungszeit auf als die Wiederherstellung der körperlichen Leistungsreserven. Dies erschwert die Planung für den Trainer. Damit die körperliche Leistungsfähigkeit nicht bereits wieder abnimmt, sollte das Training wieder aufgenommen werden, bevor die psychische Regeneration abgeschlossen ist. Je weiter die mentale Regeneration zu diesem Zeitpunkt fortgeschritten ist, desto besser. Es empfiehlt sich, die Erholungsphase aktiv durch geeignete psychologische Methoden zu unterstützen.
Von zentraler Bedeutung ist der Schlaf. Zu mancher Überraschung bedarf guter Schlaf einer guten Planung. Zum Beispiel hat die Regelmäßigkeit einen großen Einfluss auf die Schlafqualität. Auch die Aktivitäten – z.B. Essen, Fernsehen oder Barbesuch – vor dem Schlafengehen, tragen ihren Teil bei. Zudem kann die Regeneration durch Entspannungsverfahren unterstützt werden. Eine große Anzahl an Methoden stehen dabei zur Verfügung (z.B. progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, Yoga, Qigong). Ein letzter wichtiger Punkt stellt die Zeit neben dem Fußball dar. Die Freizeit sollte ebenfalls zur Erholung beitragen. Den Kopf frei machen und einmal an etwas anderes als Fußball denken, steht im Vordergrund. Zum Beispiel ermöglicht der Austausch über soziale Medien den abgeschotteten Spielern mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Pasha Rozenberg war einer der besten deutschen Wasserspringer. 2012 beendete er seine Karriere. Beginnend mit den Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking wurde er als Mitglied der Olympia-Mannschaft von Prof. Dr. Oliver Stoll sportpsychologisch begleitet. Mittlerweile lebt und arbeitet Pasha Rozenberg in der Schweiz.
Für die-sportpsychologen.de berichtet:
Pasha Rozenberg
– Mehrfacher Deutscher Meister; 5. und 6. Platz bei den Olympischen Spielen in Beijing; Bronze Medaille Europameisterschaften 1m; Bronze Medaille Weltmeisterschaften 1m; Mehrfache Medaillen International Diving Grand Prix
Vor zwei Jahren habe ich mit dem Leistungssport aufgehört. Inzwischen bin ich 31 Jahre jung und habe davon 22 Jahre Wasserspringen betrieben.
Früher oder später erlebt jeder Sportler die Bedeutung des Wortes Psychologie im Zusammenhang mit der sportlichen Leistung, also die Sportpsychologie. In meinem Fall ist dies bereits im Alter zwischen 14 und 15 passiert. Mein Vater, der gleichzeitig mit Trainer war, hat mir vom Autogenen Training erzählt. Er zeigte mir dann einen Artikel, auf dessen Grundlage ich üben sollte. Ich habe dann versucht, die eine oder andere Technik des Autogenen Trainings anzuwenden, was mit relativ leicht gelangen. Sich zu entspannen, mal die Wärme von einer Extremität zur anderen wandern lassen, die Atmung „zu beobachten“, sich vorzustellen, wie eine Extremität schwerer wird als die andere und so weiter.
Leider wurde mir dies irgendwann langweilig und ich habe es sein lassen. Nichtsdestotrotz habe ich, ohne es wahrzunehmen, weiter die Elemente der Sportpsychologie im alltäglichen Training geübt und verbessert. So bin ich allein darauf gekommen, mit Schlüsselwörtern zu arbeiten. Die erwachsenen Sportler haben mir immer gesagt, ich solle mir vor dem Sprung, den Sprung im Kopf vorstellen – allerdings sagten sie mir nicht, wie ich das anstellen könne. Irgendwann war ich dann nicht nur in der Lage, mir den Sprung mental vorzustellen, sondern auch die Schwerkraft dabei zu fühlen. Die Vorstellungen waren so real, dass ich auch manchmal außerhalb des Schwimmbades trainieren konnte.
Kurze Kommandos
Nun zu den Schlüsselwörtern: Das waren gezielte und lautlose Kommandos zu mir selbst, quasi zur Beachtung der technischen Elementen des Sprunges. Mein Trainer hat mir immer wieder irgendwelche Fehler genannt. Aber die Sätze waren viel zu lang, um sie im Kopf während oder vor der Imitation mir selbst anzusagen, also habe ich die Anweisungen immer abgekürzt, bis aus einem Satz ein Wort geworden ist. So wurde zum Beispiel aus dem Satz: „Während des Absprungs Arme schneller nach oben führen“ ein einfaches „Arme“.
Die Kommandos habe ich mir sowohl bei der mentalen Sprungvorstellung gegeben als auch im realen Sprung. Sie waren kurz und haben mich ganz genau daran erinnert und darauf hingewiesen, was ich machen sollte. Das war so wie ein Step-by-Step-Ablauf, nach einer Bewegung folgt die andere, nach einem Kommando folgt das andere. Nichts ging durcheinander. Das hört sich zwar etwas komisch an, aber wenn die Bewegungsabläufe sehr komplex sind, ist es sehr wichtig, die bestimmte Reihenfolge zu beachten. Die Selbstinstruktionen haben mir dabei sehr geholfen.
Als Sportler habe ich bei den mentalen Imitationen und Vorstellungen immer aus der Perspektive der ersten Person gearbeitet. Es gibt auch sehr viele, die dies aus der Dritten Person tun. Ich kann nicht sagen, was mehr oder weniger effektiv ist – hier sollte jeder Sportler das bevorzugen, womit er sich wohler fühlt.
Hilfreiche Selbstgespräche
Zudem haben mir Selbstgespräche sehr geholfen. Wenn ich mir den Ablauf (sei es im Sportlerleben oder privat) einer Handlung logisch nachvollziehbar erklären konnte, hat es mir sehr viel innere Ruhe gegeben und ich konnte mich viel besser auf den Prozess fokussieren. Also Selbstinstruktionen/-gespräche habe ich intuitiv irgendwann im Trainingsprozess eingeführt und dann täglich benutzt. Besonders, wenn ich in schlechter Form war, musste ich die Instruktionen sehr präzise geben.
Es ist ziemlich offensichtlich, dass die Sportpsychologie in allen Belangen und in jedem einzelnen Detail ein sehr mächtiges und sogar notwendiges Werkzeug ist. Dazu kommt mir ein Vergleich in den Sinn: Ein PC kann einen aktuellen und schnellen Prozessor und einen riesigen Speicher haben. Aber wenn das Betriebssystem wacklig ist, können wir vom PC nicht profitieren. Wir würden also versuchen, ihn zu reparieren, ohne genau zu wissen, wo das ursächliche Problem liegt.
Die Sportpsychologie ist ein Werkzeug, dass das Betriebssystem einer Sportlers in einen optimalen und leistungsfähigen Zustand bringt. Dies ist auch dann der Fall, wenn ein Teil des Mechanismus ausfällt. Aus meiner Sicht sollte ein Sportler sich sowohl physisch, technisch als auch mental (psychisch) entwickeln – je ausgewogener dieses Dreieck ist, desto großer sind am Ende die Siegchancen.
In der begleitenden WM-Berichterstattung des MDR-Fernsehens spielen die-sportpsychologen eine tragende Rolle. In einem aktuellen Beitrag zum Thema „Lagerkoller“ wurde Philippe Müller als Experte befragt. Damit nicht genug: Für die verbleibenden WM-Wochen sind noch mindestens zwei weitere Drehs mit Profilinhabern von die-sportpsychologen.de geplant.
Auch der Berliner Radiosender FluxFM hat nach der Sportpsychologie-Premiere weiter Bedarf an der sportpsychologischen Perspektive. Nach dem Christian Reinhardt und Prof. Dr. Oliver Stoll kürzlich telefonisch interviewt worden ist, steht am Montag, den 30. Juni, ein Telefonat mit Ruud Vreuls auf dem Sendeplan des „FluxWM-Magazins – Runde Stunde spezial“.
Sabine Lisicki kehrt nach Wimbledon zurück. 2013 stand sie als erste Deutsche nach Steffi Graf im Finale eines der traditionsreichsten und bedeutungsvollsten Tennisturniere der Welt. Sie verlor unter Tränen und voller Enttäuschung gegen die Französin Marion Bartoli mit 1:6 und 4:6. Ihre extrem emotionale Reaktion machte sie für viele Zuschauer menschlich. Aus sportpsychologischer Sicht ließ sich erkennen, dass sie nicht in der Lage war, ihre Emotionen zu kontrollieren.
Zum Thema: Einsatz von Atemtechniken zur Emotionsregulation
Sabine Lisicki zeigte sich 2013 auf ihrem Weg ins Finale sowohl physisch als auch psychisch überlegen. Doch der Showdown sollte anders verlaufen – die Nervosität und fortschreitende Enttäuschung lähmten ihre Fähigkeiten. Im Nachhinein bestätigte sie selbst, dass es ihr nicht mehr gelang, sich zu konzentrieren und sie mental völlig erschöpft gewesen sei. Mithilfe sportpsychologischer Techniken hätte sie sich auf ein solches Worst-Case Szenario vorbereiten können.
Tief durchatmen
Lisicki hat nach dem Finale beschrieben, dass sie irgendwie versucht habe, ihre Atmung zu beruhigen – was offenkundig nicht funktioniert hat.
Es gibt unterschiedliche Atemtechniken, die die Anspannung des Sportlers regulieren können. Hierbei geht es darum, mit einfachen Mitteln die Atmung zu entspannen, den Erregungszustand zu beruhigen und die damit einhergehenden negativen Emotionen zu verändern. Der emotionale Zustand und die Atmung beeinflussen sich gegenseitig. Negative Gefühle wie Angst, Zweifel, Bedrohung und Anspannung bewirken eine flache und schnelle Atmung. Bei positiven Emotionen wie Sicherheit, Entspannung und Zufriedenheit erfolgt die Atmung tief und langsam.
Wir können durch die bewusste Atmung unsere Gedanken steuern, indem wir die Aufmerksamkeit von negativen Ereignissen abwenden und uns voll und ganz auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren. Bei der Atementspannung liegt der Fokus vor allem auf der Bauchatmung und der Ausatmungsphase. Das Ziel ist es, den zuvor gemessenen Puls zu beruhigen.
Vorteile der Atementspannung
Die Atementspannung wirkt sich auf den körperlichen, kognitiven und emotionalen Zustand des Sportlers aus. Eine tiefe und langsame Atmung ermöglicht eine größere Sauerstoffzufuhr, die Umbewertung der Situation und somit eine Regulierung der Emotionen und im Ergebnis eine verbesserte Konzentration. Atemübungen beinhalten keine komplexen Techniken, so dass sie leicht trainier- und durchführbar sind. Sie können demzufolge sowohl im Trainingsalltag, im Wettkampf und in Stresssituationen geübt und eingesetzt werden. Des Weiteren können sie zum Beispiel zur Entspannung in einer Halbzeit- oder Satzpause dienen, um daraufhin entweder weitere sportpsychologische Techniken durchzuführen oder die Instruktionen des Trainers konzentrierter aufnehmen zu können.
Ohne Frage sind Atemübungen nur ein Teil des psychologischen Trainings, sie können und sollten durch weitere Techniken ergänzt werden. Ich bin gespannt, wie Sabine Lisicki sich ab dem 23. Juni 2014 in Wimbledon schlagen wird und ob sie ihre Emotionen regulieren kann – auch wenn sie, ganz bewusst, keine sportpsychologische Betreuung nutzt…
Weiterführende Literatur:
Birrer, D., Morgan, G. & Ruchti, E. (2010). Psyche – Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele. Magglingen: BASPO.
Cristiano Ronaldo trägt den Titel Weltfußballer des Jahres. Ganz offiziell ist er also der aktuell beste Kicker aller Kontinente. Bei der in Brasilien stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft kämpft der Portugiese aber dennoch gegen das frühzeitige Ausscheiden – einmal mehr scheint der konstruierte Superstar-Avatar „CR7“ bei einem internationalen Turnier auf menschliches Niveau herabgestuft zu werden. Dies liegt sicher nicht vorrangig an ihm, vielmehr an seinen durchschnittlich begabten (siehe Hugo Almeida) und überdurchschnittlich undisziplinierten (siehe Pepe) Mitspielern.
In dieser Situation leidet der durch und durch perfekte Cristiano Ronaldo wie kein anderer. Denn normalerweise hat der maximal austrainierte, technisch anderen Weltfußballern vielleicht noch überlegene und wie besessen an seinen Skills arbeitende 29-Jährige jedes Detail unter Kontrolle. Verletzungen lässt er von einem eigenen Ärzteteam behandeln, zur Regeneration leistet sich der Real Madrid-Profi eine heimische Kältekammer und was auf dem Platz passiert, dass entscheidet im Normalfall er (siehe Zitat seines Ex-Trainers José Mourinho: „Ich habe versucht, bei ihm was zu verbessern, was er nach meiner Meinung verbessern kann. Er nahm das nicht an, weil er denkt, er weiß alles, und ein Trainer könne ihm nicht mehr helfen, sich zu verbessern.“).
Das drohende Scheitern oder womöglich der große Triumph des Cristiano Ronaldos bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist Anlass genug, dass wir uns hier mit dem Thema Perfektionismus befassen. In den nächsten Tagen wird es spannend, welche Seite die Welt von „CR7“ zu sehen bekommt.
Für die-sportpsychologen.de: Prof. Dr. Oliver Stoll
Perfektionismus im Sport – Fluch oder Segen?
Athleten mit perfektionistischen Tendenzen sind keine Seltenheit. Gerade in den technisch-kompositorischen Sportarten ist die Fähigkeit, eine Bewegung so perfekt wie möglich ausführen zu können, ein zentraler Faktor in der Leistungserbringung. Aber auch in anderen Sportarten, insbesondere in Sportarten, in denen es unter anderem auf das Material bzw. die Materialbehandlung ankommt sind perfektionistische Tendenzen durchaus hilfreich und können die sportliche Leistung unterstützen. Andererseits kann Perfektionismus auch störend wirken. Diese eher negative Seite dieser Persönlichkeitsdisposition wird insbesondere dann deutlich, wenn Athleten ihre in der Regel hohen, selbst definierten Ziele nicht erreichen. Oftmals reagieren sie dann mit Wut, Ärger und frustrierenden Selbstgesprächen, die von Selbstzweifel und Besorgnis gekennzeichnet sind.
Perfektionismus ist eine überdauernde Persönlichkeitsdisposition, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Individuen, die eine hohe Perfektionismusausprägung aufweisen, sehr hohe, teilweise auch manchmal unrealistische Ansprüche an sich selbst stellen und mit negativen Emotionen reagieren, wenn sie diese Ansprüche nicht erfüllen können. Historisch betrachtet kommt die Perfektionismusforschung eher aus der Klinischen Psychologie. Der vorliegende Forschungsstand zum Thema zeigt, dass insbesondere Suchterkrankte häufig hohe Perfektionismustendenzen aufweisen. Die Suchterkrankung ist somit häufig eine Konsequenz nicht verarbeiteter Misserfolge aus Leistungssituationen, die auf der Basis unrealistischer Zielsetzungen, also zu hohen Selbstansprüchen, entstanden sind. Der dadurch entstandene subjektiv erlebte Kontrollverlust wird dann mit Handlungen kompensiert, die diesen erlebten Kontrollverlust kompensieren sollen. Das Ergebnis solcher Kompensationshandlungen ist dann mitunter die Ausprägung einer psychosomatischen Störung.
Somit wurde also dieses psychologische Konstrukt, auch im Sport zunächst eher kritisch und negativ bewertet. Eine differenziertere Betrachtung dieses Konzepts, auch im Leistungssport, erfolgt erst seit knapp zehn Jahren. Das erste Problem, dass es zu lösen galt, war die Entwicklung einer Psychodiagnostik (in Form eines Fragebogens), die das Perfektionismuskonstrukt insbesondere im Sport differenzierter erfassen konnte. Somit entstand im Jahr 2004 das Multidimensionale Inventar zur Messung von Perfektionismus im Sport (MIPS). Der MIPS misst also zum einen das Vorliegen perfektionistischer Bestrebungen im Sport im Sinne des Strebens nach einem sich selbst gesteckten, hohen, sportlichen Ziels (Perfektionistische Bestrebungen) und zum anderen die Ausprägung negativer Emotionen bei einer Nichterreichung dieses selbst gesteckten Ziels (Negative Emotionen). Es folgten dann eine Reihe verschiedener Querschnittstudien im Sport, die nachweisen konnten, dass die Dimension der Perfektionistischen Bestrebungen von Athleten eher mit einer generell hohen Leistungsmotivation und die Ausprägung der Dimension der negativer Emotionen bei einer verfehlten Zielerreichung hoch mit Angst und Selbstzweifel korrelierten. Somit konnte zunächst festgestellt werden, dass Perfektionismus im Leistungssport nichts Negatives zu bewerten ist, solange der Athlet in der Lage ist, seine negativen Emotionen zu kontrollieren.
Negative Reaktionen müssen kontrolliert werden
Jedoch blieb der eigentliche, objektive Nachweis der leistungsmindernden oder der eher leistungsfördernden Rolle des Perfektionismus im Sport noch aus. Darüber hinaus wurden die ersten Querschnittstudien zumeist nur an Sportstudierenden durchgeführt und nicht etwa an Hochleistungssportlern. Das Erfolgskriterium war in den ersten Studien ein sogenanntes eher „weiches“ Kriterium, nämlich die Selbstberichte der Probanden.
Ein erster Fortschritt in der weiteren Erforschung dieses Konstruktes konnte eine Studie an den insgesamt 160 besten Eishockeyspielern im U16-Bereich aus Finnland zeigen. Hier konnten die schon oben genannten Zusammenhänge zwischen Perfektionistischen Bestrebungen und positiven motivationalen Konstrukten (wie z.B. einer leistungsförderlichen Zielorientierung) und Negativer Emotionen mit eher negativen motivationalen Konstrukten (wie z.B. einer reinen, eher leistungsmindernden Ergebnisorientierung) erstmals an einer Stichprobe von Hochleistungsathleten repliziert werden. In einer darauf folgenden Studie wurde dann erstmals mit einem objektiven Leistungsparameter operiert. Im Rahmen eines korrelativen Untersuchungsdesigns sollten 122 Probanden insgesamt vier Serien mit jeweils sieben Würfen einer – eher für den Basketball atypischen – Wurfleistung durchführen. Vor der Absolvierung der Aufgabe beantworteten die Versuchspersonen das „Mehrdimensionale Inventar Perfektionismus im Sport“. Ein zentrales Ergebnis war, dass die erfolgreicheren Probenden höhere Ausprägungen in der Subdimension der Perfektionistischen Bestrebungen aufwiesen. Die Dimension der Negativen Reaktionen hatte keine leistungsprognostische Funktion. Somit konnte das zunächst auf eher „weichen“ Kriterien basierende Ergebnis, nämlich dass Perfektionismus im Sport durchaus hilfreich im Leistungserbringungsprozess wirken kann, nun erstmals auch auf der Basis motorischer Leistungsdaten bestätigt werden. Aktuell laufen weltweit Untersuchungen, die eine leistungsbeeinträchtigende oder –fördernde Funktion bei Triathleten aufklären soll. Darüber hinaus werden aktuell sportpsychologische Interventionsprogramme entwickelt, die hoch perfektionistischen Athleten helfen sollen, ihre möglicherweise auftretenden negativen Emotionen nach Nichterfüllung der eigenen sehr hohen Zielstellungen besser zu bewältigen und somit von den eigentlich leistungsfördernden Perfektionistischen Bestrebungen zu profitieren. Eine erst kürzlich erschienene Übersichtsarbeit, die nahezu alle vorliegenden Studien zum Zusammenhang von Perfektionismus im Sport und Leistung diskutiert, unterstreicht die Tatsache, dass Perfektionismus im Sport per se – nicht schlecht sein muss, sondern tatsächlich hilfreich sein kann, wenn die negativen Reaktionen bei Nichterfüllung der eigenen Standards kontrolliert werden können.
Literaturhinweise
Stoeber, J., Stoll, O., Peschek, E. & Otto, K. (2008). Perfectionism and Achievement Goals in Athletes: Relations with Approach and Avoidance Orientations in Mastery and Performance Goals. Psychology of Sports and Exercise, 9, 102-212.
Stoll, O., Lau, A. & Stoeber, J. (2008). Perfectionism and Performance in a New Basketball Training Task: Does Striving for Perfection Enhance or Undermine Performance? Psychology of Sports and Exercise, 9, 620-629.
Stoeber, J., Stoll, O., Salmi, O., Tiikaja, J. (2009). Perfectionism and Achievement Goals in Young Finnish Ice-Hockey Players. Aspiring to Make the U16 National Team. Journal of Sports Sciences, 27, 85-94.
Gotwals, J., Stoeber, J., Dunn, J. & Stoll, O. (2012). Are Perfectionistic Strivings in Sport Adaptive? A Systematic Review of Confirmatory Contradictory and Mixed Evidence. Canadian Psychology, 53(4), 263-279.
Bildquelle: antwerpenR.com, Roger Price
Zum Autor:
Prof. Dr. Oliver Stoll
Prof. Dr. Oliver Stoll (* 5. Februar 1963) studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik sowie am College of Charlestin (S.C., USA). Er promovierte 1993 zum Dr. phil. im Fach Sportwissenschaft an der Universität Gießen und wechselte 1995 an die Universität Leipzig. Hier absolvierte er eine wissenschaftliche Assistentenzeit und habilitierte hier im Jahr 2000. Im Jahr 2002 folgte er einen Ruf auf eine Professur für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie und Sportpädagogik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Die mediale Aufmerksamkeit gegenüber die-sportpsychologen.de wächst. So beleuchteten pünktlich zum Ausscheiden der spanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM Christian Reinhardt und Prof. Dr. Oliver Stoll das Thema Körpersprache. Bildmaterial lieferte das Spektakel in Brasilien ja schon ausreichend.
Der Weltmeister ist ausgeschieden. Nach der 1:5-Auftaktschlappe gegen die Niederlande war die spanische Fußball-Nationalmannschaft auch beim 0:2 gegen Chile taktisch überfordert, körperlich unterlegen und sichtlich gehemmt.
Zum Thema: Welche Bedeutung kommt dem Selbstwertgefühl beim vorzeitigen Scheitern der spanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM zu?
In den Medien findet aktuell eine Diskussion zum Thema „Selbstwertgefühl“ und Erfolg im Fußball statt. Grundlage boten bereits die ersten WM-Tage: Deutschland gewinnt souverän 4:0 gegen Portugal, Spanien hingegen scheidet nach zwei Niederlagen aus dem WM-Turnier aus. In beiden Fällen ist die unterschiedliche Körpersprache der Spieler zu beobachten gewesen. Die deutschen Spieler agierten dynamisch, fest entschlossen, deutlich zu sehen in Gestik und Mimik. Die spanischen Spieler hingegen liefen eher unsicher und nicht immer überzeugend über das Spielfeld. Soweit so gut. Es wäre jedoch sehr reduktionistisch, diese Beobachtungen auf ein möglicherweise – im Falle der deutschen Spieler hohes – und im Falle der Spanier niedriges Selbstwertgefühl zurück zu führen.
Das „Selbstwertgefühl“ wird in der Psychologie durch drei verwandte – jedoch graduell -unterschiedliche Konstrukte beschrieben. Hierzu gehören die Selbstwirksamkeitserwartung, das Selbstkonzept sowie konkrete Fähigkeitseinschätzungen. Alle drei Konstrukte sind überdauernde, also stabile, Wertungsdispositionen und verändern sich (in der Regel) nicht innerhalb kürzester Zeit. Die Psyche eines Fußballers ist sehr komplex und lässt sich eben nicht auf nur einen Teilbereich reduzieren. Ich möchte dies mal an einem Beispiel deutlich machen: Ein Sieg oder eine Niederlage hat natürlich immer eine Einschätzung zur Folge. In der Psychologie sprechen wir hier von „Kausalattribution“, also der Ursachsenzuschreibung. Die kann funktional oder dysfunktional ausfallen und je nachdem, wie dies passiert, hat das natürlich eine Auswirkung auf die Leistungsmotivation. Wenn ich also beispielsweise nach einem Sieg, die Ursache in meinen stabilen Fähigkeiten sehe, dann hat dies natürlich eine Steigerung der Leistungsmotivation zur Folge (funktionale Ursachenzuschreibung). Wenn ich allerdings nach einer Niederlage den Grund in meinen fehlenden Fähigkeiten sehe, dann wiederum senkt das meine Leistungsmotivation (dysfunktionale Ursachenzuschreibung). Die Folge daraus ist eben ein nicht mehr entschiedenes und eher unsicheres Auftreten auf dem Spielfeld, beziehungsweise eine Verminderung meines Einsatzes und eine niedrigere Volition (Wille). Auch dies lässt sich zum Beispiel in der Körpersprache erkennen.
Leistungsmotivation ist im übrigen eher etwas situatives und nichts stabiles. Somit würde sich jedoch auch die Körpersprache der beiden oben genannten Teams erklären lassen, ohne das gleich ein niedriges oder hohes Selbstwertgefühl hierfür verantwortlich gemacht werden kann. Unter dem Strich bleibt, dass man nur darüber spekulieren kann, was psychisch bei den Spielern passiert ist. Wir alle wissen nicht, wie sie denken und fühlen und können somit auch nicht solche Prognosen, wie sie aktuell in der Öffentlichkeit verbreitet werden, treffen. Die Psyche eines Menschen ist eben sehr komplex sowie auch die Handlungen auf dem Spielfeld. Auch wenn wir am liebsten alles im Detail analysieren und wissen würden, so ist dies einfach nicht möglich. Die einzigen, die uns hier weiter helfen können, sind die Spieler selbst beziehungsweise die Menschen in ihrem Umfeld, denen sie sich anvertrauen.
Die Bewerbungsfrist für den Master-Studiengang Angewandte Sportpsychologie für das Wintersemester 2014/2015 endet am Dienstag, den 15. Juli 2014. Weitere Informationen zur Bewerbung hält die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf folgender Internetseite bereit: http://immaamt.verwaltung.uni-halle.de/bewerbung/
Der nicht-konsekutive Masterstudiengang „Angewandte Sportpsychologie“ ist der erste universitäre Präsenz-Studiengang dieser Art in Deutschland und verbindet sowohl sportpsychologisches, klinisch-psychologisches und pädagogisch-psychologisches Wissen. Die Federführung des Studiengangs erfolgt durch die Sportwissenschaft. Folgende Schwerpunkte sind Inhalt des Studienganges:
– Verfahren und Methoden der Diagnostik aus sportmedizinisch-trainingswissenschaftlicher, bewegungswissenschaftlicher und psychologischer Perspektive
– Optimierung der sportlichen Leistung
– Sportpsychologische Verfahren zur Motivationsregulation, der Emotionsregulation sowie des Mentalen Trainings
– Teamdiagnose und Teambuilding
– Psychopathologie
– Forschungsmethodologie und Statistik
Ziel des Studiengangs ist es, die Studierenden für eine berufliche Tätigkeit im Leistungssport zu qualifizieren. Sie erwerben Kompetenzen, um die im Leistungssport aktiven Athletinnen und Athleten in ihrer Leistungsentwicklung und -optimierung psychologisch zu begleiten und zu unterstützen. Die Studierenden erwerben Kompetenzen in der Optimierung von Bewegungslernen sowie der Emotions- und Motivationsregulation. Ebenso werden die Studierenden in die Lage versetzt, psycho-pathologische und klinische Symptome zu erkennen und somit auch gesundheitlich präventiv wirksam zu werden. Die Studierende erwerben umfangreiche Kompetenzen in der sportpsychologischen, bewegungswissenschaftlichen und trainingswissenschaftlichen Diagnostik.
Im sportlichen Wettkampf zählt oft nichts mehr als das Ergebnis. Begeisternde Vorrundensiege, eine makellose Vorkampf-Bilanz oder temporäre Siegesserien sind sportartenübergreifend Makulatur, wenn in den entscheidenden Situationen versagt wird. Viele Sportler haben damit Probleme, große Probleme. Christian Reinhardt von die-sportpsychologen.de unternimmt einen Ausflug in eine Randregion der Sportwelt, um an Hand der weltweit boomenden Kampfsportart Mixed Martial Arts (Gemischte Kampfkünste) dieses Phänomen zu erklären.
Für die-sportpsychologen.de berichtet Christian Reinhardt:
Druck verändert die psychischen Leistungsvoraussetzungen
Das Mixed Martial Arts Großereignis im Juni, die Ultimate Fighting Championship 174 im kanadischen Vancouver, stand im Zeichen der psychischen Beanspruchung der Athleten. Andrei Arlovski gab zu, dass bei seinem ersten UFC Auftritt seit 2008 seine Arme und Beine auf dem Weg zum Oktagon und auch während der ersten Runde heftig gezittert haben. Sein Gegner Brendan Schaub schien nicht weniger nervös. Das Publikum quittierte den entsprechend gehemmten Kampf mit Buh-Rufen.
Schlimmer erging es Tyron Woodley, der in seinem Kampf gegen Rory Macdonald wie paralysiert wirkte. Wie zur Bestätigung wurde der einstige Ausnahme-Ringer dann sogar von seinem Gegner zu Boden ‚gerungen‘. UFC Präsident Dana White urteilte, dass Woodley in diesem wichtigen Kampf unter Druck versagt und vielleicht nicht das Zeug für die UFC habe.
„HE GOT BEAT MENTALLY. HE GOT BEAT PHYSICALLY. TYRON’S GOT A WAYS TO GO. HE SEEMS LIKE HE CHOKES IN THE BIG FIGHTS.“
DANA WHITE, UFC PRÄSIDENT
Tatsächlich zeigt sich ein Muster, wenn man Woodleys Karriere (15 Siege, 3 Niederlagen) genauer betrachtet. Seine einzigen Niederlagen erlitt er jeweils in entscheidenden Kämpfen und auf ähnliche Art und Weise: Er verlor den Strikeforce-Titelkampf gegen Nate Marquardt, nachdem er trotz eines guten Starts immer passiver wurde. In der UFC unterlag er bei einem richtungsweisenden Kampf Jake Shields, wobei er teilweise „fast apathisch wirkte“ (Lawson, 2014). Der zurückliegende Kampf gegen Rory MacDonald sollte Woodley nach eigener Aussage in die Position des Titelanwärters bringen. Der Ausgang ist bekannt.
Was ist nun mit Tyron Woodley passiert? Das Versagen unter Druck (engl. Choking under pressure; Baumeister & Showers, 1986) ist keine seltene Erscheinung und bedeutet, dass ein Athlet seine Leistung plötzlich nicht mehr abrufen kann, da sich unter wahrgenommenem Druck die psychischen Leistungsvoraussetzungen ändern, beispielsweise das Angstniveau steigt. Insbesondere die subjektiv empfundene Wichtigkeit des Wettbewerbs spielt dabei eine Rolle. Grundsätzlich gibt es zwei Erklärungsmodelle für dieses Phänomen:
Das erste Modell geht von einem Anstieg der Selbstaufmerksamkeit aus. Der empfundene Druck führt zu einer gesteigerten Angst zu Versagen, was wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zur Folge hat. Dies bewirkt, dass automatisierte Bewegungen nicht mehr reibungslos ausgeführt werden, sondern die Kämpfer plötzlich bewusst darauf achten, wie ihre Bewegung (eigentlich) ablaufen sollen. Dies kann zu einer „Paralyse durch Analyse“ (Beilock, 2011) führen.
Das zweite Modell basiert auf der Ablenkung der Kämpfer aufgrund des empfundenen Drucks. Die Aufmerksamkeit wird dabei auf irrelevante Hinweisreize und auf leistungsabträgliche Gedanken, wie beispielsweise die Angst zu versagen, Gedanken an zurückliegende Misserfolge in vergleichbaren Situationen, Selbstzweifel oder aber auch vorzeitige Sieggedanken und Gedanken an den nachfolgenden Wettkampf gelenkt. Diese Ablenkung führt dazu, dass ein Sportler sich nicht mehr optimal auf die Bewegung konzentrieren kann. Die Auswirkungen sind in einer Sportart, die extreme koordinative und konzentrative Anforderungen mit sich bringt, wie die MMA, entsprechend gravierend.
Was kann man gegen das Versagen unter Druck tun?
Grundsätzlich ist es für den betroffenen Sportler wichtig zu wissen, dass die auslösenden Gedanken beeinflusst und die Stressreaktion damit abgemildert oder ganz vermieden werden kann. Abhängig davon, welches der beiden Erklärungsmodelle überwiegt, gibt es unterschiedliche Methoden, diesem Erleben zu begegnen.
Ist der Leistungsabfall auf eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zurückzuführen und die normalerweise automatisierten Bewegung funktionieren plötzlich nicht mehr, weil sich der Athlet zu bewusst auf ihre Ausführung konzentriert, liegt der Schlüssel in der (Wieder-) Erlangung der kognitiven Kontrolle. Hier ist zum einen das Training von Drucksituationen* wichtig, beispielsweise durch die Simulation von kritischen Situationen, die Verknüpfung mit Konsequenzen, das Einbinden von stressauslösenden Reizen etc. Zum anderen sollten die Kämpfer lernen, eine Kurzentspannung, eine Atementspannung oder eine Entspannungsroutine in den Rundenpausen anwenden zu können (sehr gut bei Halbschwergewichtschampion Jon Jones zu beobachten). Diese Kurzentspannungen sollten dann auch in Drucksituationen im Training oder bspw. als Zuschauer (möglichst nah am Ring) geübt werden. Darüber hinaus sind positiveund handlungsrelevante Selbstinstruktionen hilfreich. Durch diese Maßnahmen bauen wir uns auf und es bleibt kein Raum mehr für leistungsabträgliche Gedanken. Die Situation bleibt somit in der Kontrolle des Athleten. Wenn Sie mit dem Auto Hindernisse umfahren müssen schauen Sie im Optimalfall dahin, wo Sie hinfahren wollen und nicht auf das Hindernis. Ähnlich ist es im Ring. Die Aufmerksamkeit sollte auf das gerichtet werden, was mir hilft die Aufgabe zu bewältigen und nicht das (mentale) Hindernis.
Für den Fall, dass die Aufmerksamkeitsablenkung hauptsächlich für den Leistungsabfall verantwortlich ist, kommt der Anwendung von Routinen eine Schlüsselrolle zu. Sie vermitteln dem Kämpfer ein Gefühl von Sicherheit und führen dazu, dass derDruck weniger stark empfunden wird und die Aufmerksamkeit (routinemäßig) auf die aufgabenrelevanten Reize gelenkt wird. Diese Routinen können sowohl vor dem Kampf als auch in den Pausen durchgeführt werden und sollten unbedingt mit den Trainern bzw. dem Team erarbeitet werden, das tatsächlich am beziehungsweise im Ring sein wird.
Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich mit den ablenkenden Gedanken und reizen zu befassen. Welche Gedanken haben mich abgelenkt? Gab es vielleicht auch Gedanken, die mir geholfen haben? So lässt sich letztlich das Zulassen von vornehmlich hilfreichen und handlungsleitende Gedanken trainieren. Der Athlet muss sich bewusst sein, dass er die Möglichkeiten hat, die Situation zu kontrollieren und erfolgreich zu meistern.
Fazit
Ein Leistungsabfall unter Druck kann – in unterschiedlich starker Ausprägung – jedem Sportler wiederfahren. In einigen Sportarten, insbesondere in den gemischten Kampfkünsten, ist dies eine bekannte Erscheinung. Entscheidend ist, sich darauf vorzubereiten um die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens zu verringern und sich vor allem während des Kampfes wieder fangen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist Woodleys Gegner, Rory Macdonald. Dieser wurde nach eigenen Angaben bei seiner ersten Niederlage (gegen Carlos Condit bei UFC 115) während des Kampfes durch das Publikum so abgelenkt, dass er nicht mehr aufmerksam genug war und kurz vor dem Ende den Kampf noch verlor. Nachdem er intensiv an diesem Problem arbeitete, berichtete er nach dem Kampf gegen Woodley, dass er so fokussiert war, dass er das Publikum kaum wahrnahm (siehe Video).
Dana White liegt also richtig, wenn er sagt, dass Tyron Woodley unter Druck versagt hat. Er liegt allerdings falsch, wenn er daraus ableitet, dass ein Sportler deshalb nicht das Zeug zum Spitzenathleten hat.
*Das Training von Drucksituationen im Kampfsport ist aus sportpsychologischer Perspektive eine so wichtige und komplexe Komponente der Trainingsarbeit, das diese hier zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher beschrieben wird.
Literaturverzeichnis
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Beilock, S. (2011). Choke: What the Secrets of the Brain Reveal About Getting It Right When You Have To. New York: Free Press.Absatz
Lawson, N. (16. 06 2014). Bleacherreport. Von http://bleacherreport.com/articles/2098539-dana-white-tyron-woodley-seems-like-he-chokes-in-big-fights abgerufen