Eine Olympiasiegerin auf der roten Couch! Im Netz stolperte Heike Meier-Henkel, eine der erfolgreichsten Leichtathletinnen Deutschlands, über die Veranstaltungsankündigung für „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ und ließ sich auch vom Thema E-Sports nicht abschrecken. Denn tatsächlich hatte die mittlerweile als Mentaltrainerin arbeitende Ex-Profisportlerin bislang keine Berührungspunkte mit dem elektronischen Sport. Dies sollte sich am 25. November zur Premiere der Veranstaltungsserie in Berlin Ende ändern:
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Sie ballern und legen smoke. Sie schiessen am Bildschirm Tore für Schalke 04 und streben im Team nach Fame und hohen Sieg-Prämien. Die Rede ist von E-Sportlern, von Clans oder auch Vereinen, die getragen von Millionen Followern im Internet und vor grossem Publikum in riesigen Stadien ihre Wettkämpfe austragen. Bis anhin interessierte sich die Angewandte Sportpsychologie nicht um die oftmals als „nerds“ bezeichneten Computerfreaks. Das kürzlich im Penta Leistungssportzentrum durchgeführte Barcamp der „die-sportpsychologen“ eröffnete überraschende und interessante Einblicke.
Zum Thema: Spannende Schnittstellen zwischen (angewandter) Sportpsychologie und E-Sport
Eine persönliche Vorbemerkung zum Text scheint angezeigt: Ein „digital immigrant“ wird versuchen, in die Welt der „digital natives“ einzutauchen. Genauer gesagt geht es um eine Subkultur dieser digitalen Welt, die innert kürzester Zeit eine hochgradig professionelle Community mit einem weltumspannenden Millionenpublikum ausgebildet hat. Im herkömmlichen Sportverständnis könnte man von einem Trendsport sprechen, der sich in Windeseile zu einem Megasport mit olympischen Format emporhievt. Ein Beispiel: am «Dota 2», dem grössten E-Sport Event 2016 in Seattle, wurde ein Preisgeld von über 20 Millionen Dollar ausgeschüttet. Das siegreiche 5-köpfige Team aus China erhielt dabei 9 Mio, ihr Captain war gerade mal 18 Jahre jung. 20.000 Zuschauer waren in der Halle anwesend. Das Publikum feierte gelungene Aktionen und bejubelte die Stars wie bei einem Fussballspiel. Millionen Fans verfolgten weltweit die Live-Streams auf ESPN3 und der Gaming-Plattform Twitch.
Szenenwechsel: Barcamp im Penta Leistungssportzentrum in Berlin. Vertreterinnen und Vertreter der Sportpsychologie treffen hier auf die E-Sportler und die Macher von Penta Sports. Manuel Mahlich (CEO) und Felix Gräbeldinger (COO) und einige Spieler führen uns eloquent und ebenso professionell in die Welt des E-Sports ein. Ad hoc und den Themeninteressen der Anwesenden folgend, wird – wie dies das Tagungsformat „barcamp“ vorsieht – das inhaltliche Tagungsprogramm festgelegt. Ein erster Blick auf die derart entstandene Liste der präferierten Diskussionsthemen lässt die spannenden Schnittstellen zwischen (angewandter) Sportpsychologie und E-Sport deutlicher erkennen:
– Stress, Druck, Regeneration
– Teambildung insbesondere in neu zusammengestellten, internationalen Teams
– unmittelbare Wettkampfvorbereitung
– Teamleistung
– Manipulation und Doping
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Ein erstes inhaltliches Fazit ist schnell gezogen. E-Sport muss und wird mit der Sportpsychologie vermehrt in Kontakt kommen. Dabei sind neben den oben aufgeführten Schlüsselthemen wichtige Rahmenbedingungen zu diskutieren, allenfalls auch zu klären. Diese Diskussion sollte zudem auch in einem grösseren Kontext stattfinden, da es sich bei den Akteuren sehr häufig um ein sehr junges Publikum handelt. Nachfolgend wird der Versuch unternommen, die vielen Eindrücke, offenen Fragen und inhaltlichen Diskussionen in einem thesengeleiteten Themenkatalog zu bündeln.
Alle Gamen (spielen) aber nur wenige sind E-Sportler!
Penta-CEO Manuel Mahlich bringt es mit folgendem Statement auf den Punkt. „Die Millionen die FIFA oder das am häufigsten gestreamte League of Legends spielen, betreiben Gaming – spielen es aus Plausch. Aber nur die E-Sportler verdienen damit Geld.“ Er verweist dabei auf den hohen Professionalisierungsgrad ihres Weltsports, der seiner Ansicht nach nur einen valablen Vergleich im herkömmlichen Sport kennt – dem Weltfussball! Üblich sei, dass die aus fünf Spielern bestehenden Teams vor wichtigen Meisterschaften täglich acht Stunden intensiv und zielgerichtet trainieren – sieben Tage die Woche. In der barcamp-Diskussion meinte die Hochsprung-Olympiasiegerin 1992 und heute auch im Bereich des Mentaltrainings tätige Heike Meier-Henkel: „Leistungssteigerung findet bei uns über die Regeneration statt“.
Wer E-Sport verstehen will, muss den Mut zum Perspektivenwechsel aufbringen!
Wenn ich mir als Psychologe das beliebte Spiel Counter-Strike: Global Offensive am Bildschirm anschaue, fällt es mir wahrlich schwer, darin einen direkten Sportbezug zu erkennen. Bei FIFA 18 lebt das Sportvehikel zumindest in der virtuellen Realität. Hört man Martin „Rekkles“ Larssen, einem Idol „League of Legends“ aufmerksam zu, so wird das Bild differenzierter: „Ich würde mich als nichts anderes als einen Athleten bezeichnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das auch in der Gesellschaft akzeptiert werden wird.“ Die Spieler sprechen von Teamleistung, von Spielstrategie und Timing. In meiner Jugendzeit haben wir „Räuber und Bulle“ gespielt, uns mit Dreckbeuteln beworfen, Fallen gestellt und den perfekten Raub inszeniert.
E-Sport verändert Lebenspläne und Tagesabläufe!
„Für E-Sportler beginnt der Tag am Mittag. Spiele starten häufig erst in den Abendstunden und dauern aufgrund der Zeitverschiebungen nicht selten bis 04.00h“. Mit dieser Charakterisierung verweist Penta-COO Felix Gräbeldinger auf Besonderheiten im Umgang mit seinen Sportlern. Ein anwesender Spieler doppelt nach: „Früher habe ich täglich und sehr lange gespielt, bis ich ein Studium begonnen habe. Aktuell macht das Studium keinen Spass, also habe ich wieder mehr Zeit für meine Passion…“ E-Sport verändert nicht nur die Gewohnheiten der Teilnehmer sondern stellt das (soziale) Umfeld der Spieler auf eine hohe Belastungsprobe. Gerade in diesem Bereich erscheint eine professionelle Begleitung und Beratung der oftmals sehr jungen Sportler als unabdingbare Notwendigkeit. Aufgrund der sehr dynamischen Entwicklung im Feld ortet der renommierte „Spielsucht“-Experte Mark Griffiths (2017, p.63) hohen Handlungsbedarf. „The gambling and video game industries are always two steps ahead of the regulators, legislators, policymakers, and academic researchers. Therefore, the field is in a constant state of flux and needs monitoring closely for further change in an evolving market.“ Auch die bekannte Schweizer Medienpsychologin Sarah Genner (2017) ortet hier ein erhöhtes Forschungsinteresse an der Schnittstelle zwischen Sport- und Medienpschologie.
Mentale Stärke der E-Sportler ist jener anderer Spitzensportler vergleichbar! – oder doch nicht?
„Es ist ja bloss ein Spiel – wenn ich verliere, kann ich auf den restart-Button drücken und es beginnt wieder bei null“. Was bei den Spass orientierten Hobbyspielern zutreffen mag, ist im Profibereich des E-Sports mittlerweile undenkbar. Unter grossem Zeitdruck und vor tobendem Publikum bekämpfen sich die Teams auf ihrem langen Weg in einen schliesslich oft mehrstündigen Final. Die Rede ist schnell von „choking under pressure“ oder eben von einer zielführenden Spielstrategie, die dann, wenn’s zählt, umgesetzt werden muss. Daher rückt auch das Thema Sportpsychologie in den Fokus von Funktionären, Trainern und Spielen, die nach einem optimalen Umfeld zur Leistungserbringung suchen. Gleichwohl existieren im Bereich des E-Sports durch das junge Durchschnittsalter der Aktiven, hohe Preisgelder und großes Zuschauer- bzw. Faninteresse besondere Herausforderungen, bei denen sportpsychologische Experten helfen können.
Auch E-Sport muss verstehen: Es geht primär um Menschen und nicht nur um wirtschaftliche Interessen!
E-Sport ist mittlerweile „big business“ mit weltweiter Verbreitung. Wie Griffith (2017) betont, ist eine wissenschaftliche Begleitung ebenso schwierig wie notwendig. Aus Sicht der Sportpsychologie ergeben sich eine Vielzahl bedeutender Fragestellungen, die weniger den wirtschaftlichen, sondern verstärkt den individualpsychologischen Anliegen und Bedürfnissen der Akteure nachgehen sollen. Aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie muss es u.a. vorrangig darum gehen, das psychologische Anforderungsprofil in den jeweiligen Disziplinen präzise zu ergründen, um sinnvolle Interventionen im Bereich der Trainingsgestaltung und Leistungsoptimierung zu entwickeln. Die pädagogisch ausgerichtete Sportpsychologie, die den jungen Menschen und seine Lebensqualität ins Zentrum ihrer Betrachtung stellt, wird sich in erster Linie um ihre Verantwortung im Dienste der Persönlichkeitsentwicklung kümmern. Eine ethisch-akzentuierte Sportpsychologie wird der Frage nachgehen: Dürfen wir, was wir könn(t)en?
Fazit
Die Sportpsychologie steht vor einer grossen Herausforderung. Die äusserst bereichernde Begegnung mit aktiven Spielern und den Vertretern von Penta Sports im Rahmen vom besagten Event ”Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass hier ein spannendes Handlungsfeld, insbesondere für junge Kolleginnen und Kollegen, entstehen wird. Wie sehr ich persönlich, als „digital immigrant“, in der Materie gefordert sein werde, wurde mir bei meiner Rückkehr in die Schweiz wunderschön vor Augen geführt. Als mich mein 16-jähriger Sohn Michael danach fragte, wen ich denn in Berlin getroffen hätte, antwortete ich eher beiläufig: Leute von Penta Sports! „Waaaas, du kennst Penta!“ Selten zuvor habe ich meinen Sohn dermassen euphorisch-überrascht erlebt!
Genner, S. (2017). Digitale Transformation. Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche in der Schweiz – Ausbildung, Bildung, Arbeit, Freizeit. ZHAW, Fachgruppe Medienpsychologie. https://www.ekkj.admin.ch/fileadmin/user_upload/ekkj/04themen/08Digitalisierung/d_2017_Bericht_Digitale_Transformation_Genner.pdf
Griffiths, M. (2017). The psychosocial impact of professional gambling, professional video gaming & eSports. Casino & Gaming International, 28, pp. 59-63. http://irep.ntu.ac.uk/id/eprint/30079/1/7570_Griffiths.pdf
Eric Bristow, Mervyn King, Bob Johnson, Mark Walsh, Richie Bernett, Mensur Suljovic oder Berry Van Peer – sie alle sind Dart-Profis, doch sie verbindet noch eine weitere Gemeinsamkeit: Dartitis („Dart-eye-tis“). Dartitis wird im Oxford English Dictionary als „Zustand der Nervosität, der einen Spieler davon abhält, den Dart während des Wurfs zum richtigen Zeitpunkt loszulassen“, beschrieben und ist damit keine Krankheit, sondern eine mentale Blockade. Erwähnt hat den Begriff 1981 Tony Wood zum ersten Mal als damaliger Redaktionsleiter vom Darts World magazine.
Zum Thema: Was steckt hinter dem Phänomen Dartitis
Das Vorkommen der Symptomatik lässt sich nicht auf den Dartsport eingrenzen. Golfer plagt der „Yips“, Bogenschützen das „Goldfieber“ und sogar Musiker können davon betroffen sein. Ursache könnte eine neurologische Erkrankung, die so genannte Fokale Dystonie, sein. Diese äußert sich in unkontrollierbaren Muskelkontraktionen wie Verdrehungen, abnormalen Körperhaltungen, sich wiederholenden Bewegungen, Verkrampfungen oder dem Einfrieren einer Bewegung. Fokal ist die Dystonie, weil jeweils nur ein einzelner, abgegrenzter Bereich des Körpers von der Symptomatik betroffen ist. Im Falle der Dartitis sind dies die Finger, denn diese wollen den Dartpfeil vermeintlich nicht mehr loslassen oder bringen ihn mit einer unkontrollierten Bewegung in Richtung Zielscheibe.
Wissenschaftliche Studien sehen vor allem zwei Theorien hinter der zumeist im Erwachsenenalter vorkommenden Dartitis: Die Distraction-Theory und die Self-Focus-Theory. Laut der Distraction-Theory kommen in Sportlern Sorgen und Bedenken über deren Leistung in Drucksituationen auf. Diese blockieren im Gehirn das Arbeitsgedächtnis, das folglich nicht in der Lage ist, die für die Bewegung relevanten Reize zu verarbeiten, da die Ressourcen bereits für die Sorgen und Bedenken verbraucht worden sind.
Auswege aus der Dartitis-Falle
Die Self-Focus-Theory nach Baumeister (1984) geht davon aus, dass Sportler in für sich als wichtig empfundenen Situationen ihre Aufmerksamkeit nach innen, auf sich selbst lenken. Trotz ursprünglicher Absicht, die Bewegung (z.B. den Dartwurf) zu stabilisieren, verhindert die Verschiebung der Aufmerksamkeit den ungehinderten Ablauf der automatisierten Bewegung. Resultat: Leistungsversagen.
Für den Umgang mit Dartitis existieren verschiedene Ansätze:
Oft ist die Dartitis kontext-abhängig. Ein Situations- oder Ortswechsel könnte daher bereits eine erste Hilfestellung sein.
Handschuhe können als sensorische und visuelle Hilfe genutzt werden, mit dem unser Gehirn sich austricksen lässt.
Entspannungs- und Atemtechniken sowie mentale Übungsformen zielen auf eine veränderte Wahrnehmung des (Leistungs-)Drucks in Wettkampfsituationen ab und sollen somit das Aufkommen von damit verbundenen Ängsten und Bedenken verhindern. Im Mentalen Training wird die negative Gedankenspirale identifiziert unterbrochen. Tiefe Atemzüge, die als Ritual im Dartspiel eingebunden werden, können direkt vor dem Abwurf angewendet werden.
Spieler mit einem externalen Fokus ihrer Aufmerksamkeit konzentrieren sich auf die Effekte einer Bewegung in der Umwelt. Anstatt die Aufmerksamkeit auf die Ausführung des Wurfs (internal) zu lenken, sollten Spieler das Feld der Dartscheibe oder eine Zahl anvisieren.
Grundsätzlich kann jedem Sportler im Laufe seiner Karriere eine mentale Blockade begegnen. Studien zeigen jedoch, dass vor allem perfektionistisch orientierte Personen betroffen sind, die eher zu zwanghaften Gedanken und der bewussten Kontrolle über Situationen und Bewegungen neigen.
Sieben Monate vor der Mission Titelverteidigung in Russland überrascht Löw mit Aussagen zur einer neuen Fehlerkultur, die er etablieren will: Erkenntnisse und Entwicklung sind wichtiger als Ergebnisse (Süddeutsche, 13.Nov. 2017), sagte er kürzlich zum letzten Länderspiel des Jahres gegen Frankreich. Aber halt mal: Jeder Fußballer betrachtet Misserfolge oder Fehler als unangenehm. Es löst ein Gefühl von fehlender Leistungsfähigkeit aus. Fehler zu machen, gilt als Zeichen von Schwäche. Doch es gibt auch eine optimistischere Perspektive. In vielen Bereichen entfalten Fehler erstaunlich positive Wirkungen.
Zum Thema: Wie der Fußball durch einen professionellen Umgang mit Fehlern seine Entwicklung voranbringen kann.
Wir alle machen ständig Fehler. Als Kinder stolpern wir, fallen auf die Nase, stehen wieder auf und laufen weiter. Mitunter blutet das Knie, aber was macht das schon?! Im Fußball läuft es anders. Da wird die schlechte Leistung oder häufige Fehler im Wettkampf zum Stolperstein: Ersatzspieler! Im Leistungs- und Amateursport stehen die Mannschaften wöchentlich vor diesem Risiko, Fehler zu machen: kleine und große, reversible und irreversible. Nur wer nicht experimentiert oder neue Wege geht, macht auch keine Fehler und verweigert Entwicklungsschritte.
Fehlerkultur im Fußball
Die Fehlerkultur im Fußball ist eine Form von Organisationskultur, die darauf ausgerichtet ist, aus Fehlern in einem Verein zu lernen und diese als exzellente Lernquelle zu sehen, um die Zuverlässigkeit zu verbessern. Im Training und Wettkampf ist ein Fehler ein Spielzug bzw. eine Handlung, die normalerweise einen Verlust bzw. eine Minderung des Gewinns verursacht. Ein Fehler kann spielentscheidend sein, aber oft auch durch andere Handlungen ausgeglichen werden. Fußballer versuchen zunächst immer, Fehler zu vermeiden. Aber es genügt nicht, nur den Fehler vermeiden zu wollen. Wir müssen auch lernen, solche Fehler, die unweigerlich im Sport auftauchen, zu managen. Fehlermanagement im Fußball heißt für mich, den Fehler zu machen, ihn zu erkennen, ihn zu korrigieren und dabei auch die Konsequenzen anzugehen. Dazu gehört auch, über Fehler zu kommunizieren und die negativen Fehlerkonsequenzen zu minimieren. Training für Training. Wettkampf für Wettkampf. Hier einige Anregungen für eine bessere Fehlerkultur:
Sportliche Vorteile durch Innovationen und durch experimentieren, folglich durch Fehleroffenheit, erlangen.
Individuelle Kompetenzen stärken, wie die Fähigkeit Fehler zu antizipieren und Entscheidungen zu treffen.
Fehler machen zu dürfen ist das neue Attribut der Freiheit und Entwicklung im Sport.
Für die Trainerperspektive:
Geben Sie als Trainer eigene Fehler zu.
Analysieren Sie mit dem gesamten Team, wie es zu dem Fehler kommen konnte.
Sprechen Sie auch über mögliche Schuldzuweisungen und lösen Sie diese in der Diskussion auf.
Ziehen Sie aus dem Fehler die notwendigen Schlüsse und legen Sie Maßnahmen für zukünftige Projekte fest.
Sprechen Sie als Trainer Ihren Spielern das Vertrauen aus.
Lernen aus Fehlern
Aus Sicht der Psychologie werden Fehler als „eine Abweichung von einem als richtig angesehenen Verhalten oder von einem gewünschten Handlungsziel, das der Handelnde eigentlich hätte ausführen bzw. erreichen können“ betrachtet. Jetzt kommt die interessante Aussage! Ab sofort dürfen Sie beim Sport Fehler machen. Nein, Sie dürfen nicht nur, Sie müssen es sogar, denn: Ständig variierende und vom Idealbild abweichende Bewegungen sind der Schlüssel zu schnellen Fortschritten auf dem Weg zu einem effektiven Training (Hegen, Schöllhorn, 2012). Näheres dazu gerne über den Link: http://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/23/dr-rene-paasch-torschusstraining-im-fussball/.
Nicht nur eine geführte Fehlerkultur braucht der Fußball sondern auch Führungskräfte, die verstehen, ganzheitlich zu arbeiten. Ein passendes Beispiel dazu ist unser Bundestrainer Joachim Löw.
Das kann jeder Trainer von Jogi Löw lernen
Jogi Löws Schlüssel zum Erfolg heißt 24,7. Fachleute nannten immer wieder diese Zahl, um den Überraschungssieg der deutschen Nationalmannschaft beim Confed Cup in Russland zu erklären. 24,7 Jahre. So jung war die deutsche Mannschaft im Durchschnitt, die das Team Chiles im Endspiel geschlagen hat. Talente früh fördern und ihnen die Chance geben, sich zu beweisen und erneuten Druck für Weiterentwicklung der „Weltmeister“ im Kader zu schaffen. Das können Trainer vom Bundestrainer lernen. Doch das ist längst nicht alles. Weitere Verhaltensweisen sind es, die Joachim Löw –aus der Ferne betrachtet – zu einem erfolgreichen Trainer machen:
Innere Ruhe: Unser Bundestrainer wirft so schnell nichts aus der Bahn. Eine Niederlage nicht und ein Sieg auch nicht. Löw beherrscht die Kunst, Siege wie Niederlagen in einen Zusammenhang zu setzen. In diesem Kontext spreche ich gerne von „in sich ruhende Führungskraft“. Sie verlieren sich nicht im Taumel der vermeintlichen Unbesiegbarkeit. Und sie lassen sich nicht in den Strudel einer Niederlage ziehen. Sie lernen aus Fehlern, ohne sich selbst über Misserfolge zu definieren.
Mut: Wer sich über eigene Fehler nicht zu lange einen Kopf macht, der kann auch mal mutig sein. Gutes Beispiel dafür ist der Confed Cup. Er hat den jüngeren Spielern das Vertrauen und somit die Chance gegeben, sich beim Confed Cup zu beweisen. Er ist ein Risiko eingegangen, was sich für ihn und für die Zukunft der Nationalmannschaft ausgezahlt hat.
Vorausschauend: „Ich habe mich auch als Führungskraft weiterentwickelt“, sagt Löw über sich selbst. Löw definiert sich als zielstrebige Führungskraft, die immer wieder an sich arbeitet. Wie anstrengend die Arbeit an sich selbst sein kann, hat Löw eindrücklich beschrieben. 2003 bestieg er den Kilimandscharo und geriet geistig und körperlich an den Rand seiner Kräfte. „Diese Grenzerfahrung hat mir gezeigt, dass es immer weiter geht“, berichtete er später. „Und wenn man das Ziel sieht, egal wie schwer es zu erreichen ist, dann dreht man nicht um! Diese Erkenntnis hat mir in meinem Leben immer geholfen.“
Empathie: „Ihr müsst heute so viel geben wie noch nie, dann werdet ihr das erreichen, was ihr noch nie hattet.“ Mit diesem Satz schickte Löw sein Team ins Endspiel der Fußball-WM in Brasilien. Eine weitere sehr prägende Aussage Löws: „Zeig der Welt, dass Du besser bist als Messi!“ Das gab der Bundestrainer dem Stürmer Mario Goetze mit auf den Weg, als er ihn im Finale einwechselte. Wenig später schoss dieser Deutschland zum WM-Titel. Ein Satz, der große Gefühle anspricht und motivierend wirkt.
Team: Hat es ein Spieler aber erst einmal in die Nationalmannschaft geschafft, wird er geführt und bestärkt vom Teamgeist. Die Mannschaft steht über allem. Für die Mannschaft müssen alle persönlichen Eitelkeiten zurückstehen. Es ist eine Ehre, dazuzugehören. Alle verlieren und alle siegen zusammen. Weiteres zum Thema Führung und Teamentwicklung im Fußball finden Sie hier:
Löw setzt großes Vertrauen in jeden Einzelnen und vermittelt: “Nur gemeinsam sind wir stark.“ Dabei kümmert er sich auch um persönliche Belange seiner Spieler, coacht sie bei Karriereentscheidungen oder erarbeitet individuelle Entwicklungsziele. Er interessiert sich sehr für seine Spieler. Diese Herangehensweise ist ein Schlüssel zum erfolgreichen Führen von Teams.
Fazit:
Eine Fehlervermeidungskultur durch zu hohe Ansprüche führt im Fußball häufig zu negativen Fehlerkonsequenzen. Der Trainer erwartet weniger Fehler und der Erfolgsdruck steigt. Da Fehler negativ besetzt sind, entsteht ein Prozess der Beschuldigungen. Außerdem werden Fehler unter den Teppich gekehrt, anderen zugesprochen oder nicht kommuniziert. Neben der Fehlervermeidung muss also bewusst eine Fehlermanagementkultur im Sport etabliert werden, um Entwicklung zu fördern. Des Weiteren ist festzuhalten, dass nicht nur die Fehlerkultur und das differenzielle Lernen wichtig sind sondern auch die Führungsqualitäten des Trainers. Viele grundlegende Eigenschaften, die wir von unserem Bundestrainer mitnehmen können sind: Innere Ruhe, Mut, stetige Entwicklung, Empathiefähigkeit, Teamgeist und Kommunikationsbereitschaft.
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Hegen, P. , Schöllhorn, W. (2012): Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung – Über ‚Umwege’ schneller zur besseren Technik: Differenzielles Lernen im Fußball; Fussballtraining, (2012) 03; S. 30-37
Wolfgang A. (Hrsg.): Fehlerwelten. Vom Fehlermachen und Lernen aus Fehlern. Leske und Budrich, Opladen 1999, ISBN 3-8100-2343-4.
Diese Geschichte ist furchtbar: Bei einer Frühgeburt stirbt der Sohn des amerikanischen Footballspielers Marquise Goodwin in einem Krankenhaus. Wenige Stunden später absolviert der 26-Jährige mit seinen San Francisco 49ers ein NFL-Match und ihm gelingt ein unbeschreiblicher 83-Yards-Touchdown. Goodwin warf schon vor der Endzone einen Kuss in die Ferne und brach dann in Tränen aus. Nach dem Spiel verließ er wortlos das Stadion und erzählte später über Instagram seine Geschichte.
Zum Thema: Wege, um in Extremsituationen sportliche Leistung abzurufen
Eines vorweg: Hier geht es nicht darum, die Entscheidung des NFL-Profis Marquise Goodwinin irgendeiner Weise zu bewerten, dass er an dem besagten Spiel gegen die New York Giants teilgenommen hat. Dies sind Fragen, die den Beteiligten und den Entscheidungsträgern des Vereins obliegen. Aus sportpsychologischer Perspektive lässt sich aber die Frage ableiten, wie sportliche Leistungen unter solchen Extrembedingungen überhaupt möglich sind?
Marquise Goodwin scores 83-yard touchdown just hours after he and his wife lost their newborn baby to pregnancy complications.
Nähern wir uns fachlich dieser Frage, lautet der Kernschlüssel:
Es ist schon passiert. Ich kann an der Situation jetzt nichts mehr ändern.
Der entscheidende Punkt ist, welche Reaktion zeigt der Sportler in der vorliegenden Situation? Verharrt der Sportler emotional in verschiedenen Gefühlsbreiten, wie Ärger, Wut, Trauer oder akzeptiert er das, was passiert ist, auch wenn es sehr, sehr schwierig ist? Akzeptieren, dass es in der gegebenen Situation nichts mehr zu ändern gibt. Das ist der Punkt. Ja, es ist passiert. Der Sportler kann nichts mehr ändern.
Die Situation beherrschen
Entscheidet sich der Sportler dazu, diese Situation zu beherrschen und sich nicht durch die Situation beherrschen zu lassen, bedeutet dies, dass er trotz der gegebenen Umstände keine negativen Einflüsse auf seine Performance und Leistung zulassen will. Entsprechend sollte er sich die nächste Frage stellen:
Was soll ich als nächstes tun, um mein sportliches Ziel zu erreichen?
Das heißt: zurück zu den momentanen Aufgaben. Beispielsweise jemandem delegieren, der sich um seine Familie kümmert, solange der Sportler im Wettkampfmodus ist. Die Ablenkung muss, so wie es nur möglich ist, reduziert werden. Es ist wichtig, sich immer wieder die Frage zu stellen, was ist der nächste Schritt, um an Punkt B (Sieg, erfolgreiche Qualifikation, Goldmedaille usw.) zu gelangen. Sei es nur, die Schuhe zu schnüren oder die Erwärmung. Die Gedanken sollen im Hier und Jetzt bleiben.
Von der Theorie zur Praxis
Die unerwartete und extreme Situation überflutet den Sportler emotional. Bevor man sich die Frage stellt, was als nächstes zu tun wäre, muss zunächst eine notwendige Phase der Beruhigung erfolgen. Sprich die körperlichen Symptome der emotionalen Reaktion wie z.B. schneller unregelmäßiger Herzschlag, Kurzatmigkeit und/oder Bauchschmerzen werden reguliert und die Konzentration von den negativen Störfaktoren auf leistungsfördernde Gedanken wird zurückgewonnen.
Dazu hilft die folgende Übung. Sie basiert auch auf dem Konzept der Achtsamkeit und findet unter Leistungssportlern zunehmende Anerkennung. (Kaufman et al. 2009)
Finde eine angenehme Position für deinen Körper und einen Punkt im Raum, auf dem du deinen Blick leicht fixieren wirst. Die Augen bleiben offen. Es ist keine Entspannung.
Atme auf 2 Sekundenein (durch die Nase) und versuche auf 4 Sekunden durch den Mund auszuatmen. Dieser Atem 2 zu 4 aktiviert über eine verlängerte Ausatmung das körpereigene Beruhigungssystem (Parasympathikus). Die Atmung vertieft sich, der Herzschlag wird langsamer, der Magen-Darm-Trakt beruhigt sich. Es gibt verschiedene Variationen dieser Atemübung, z. B. 4 zu 6: 4 Sek. einatmen, 6 Sek. Ausatmen. Je nach konditionellem Zustand ist dies eine denkbare Alternative. Atme in diesem Rhythmus ca. 1-2 Minuten.
Atme weiter im Rhythmus 2/4. Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper. Gehe deinen Körper von unten nach oben durch. Spüre erst die Fußsohlen, dann die Unterschenkel, die Oberschenkel, die Muskeln deines Bauches, die Brustmuskulatur, die Schulter, deinen Hals und deine Arme, deine Gesichtsmuskulatur und die Kopfhaut etc. Bleibe nur ganz kurz bei jedem Bereich, 2-3 Sekunden. Das ist nur ein kurzer Check Up. Vielleicht brauchst du dafür ca. 30 Sekunden. Spüre, wie du zunehmend emotional ausgeglichener wirst.
Dann richte die Aufmerksamkeit nach außen. Sei dir bewusst, was um dich herum passiert. Beschreibe dir in Gedanken, was du jetzt im Moment hörst und siehst. Der Blick bleibt dabei auf den gleichen Punkt fixiert. Zum Beispiel finde 3 Geräusche und 3 Objekte um dich herum und sprich innerlich (nach Dolan, 1991): 3 mal: Ich sehe … 3 mal: Ich höre …
Und am Ende gibst du dir noch einmal innerlich oder laut das Kommando Hier und Jetzt zu sein: Ich, (der Name), heute ist (Datum) bin jetzt (die Stadt und der Ort), ich bin hier und jetzt. Ich, (der Name), bin heute am (Datum) in (die Stadt und der Ort), im Hier und Jetzt. Und atme tief ein, und spüre die Gänsehaut im ganzen Körper beim Ausatmen
Und beende die Übung.
Ziel: Mentale Frische
Wie es oben schon erklärt wurde, wird diese Übung das Nervensystem des Sportlers beruhigen und ihn von den aufregenden Gedanken ablenken. Nun ist er mental frischer, klarer und kann die Fragen anschließen:
Was ist mein nächster Schritt? Was soll nun momentan getan werden?
Am Anfang des Artikels ist eine extreme Situation beschrieben, die einen Sportler komplett aus der Bahn werfen und die wettkampfnotwendige Konzentration zerstören kann. Die Fertigkeit sich immer wieder ins Hier und Jetzt zurück zu bringen, kann helfen, eine positiven Konzentration zurück zu gewinnen. Es ist hierbei nicht zu erwarten, dass diese psychologische Technik wie ein Zauberstab sofort Wirkung entfaltet und wundersam die Wettkampfvorbereitungen uneingeschränkt fortsetzen lässt. Damit Übungen dieser Art in so einem schwierigen Moment wirken können, müssen die Übungen proaktiv gut antrainiert werden.
Training als Voraussetzung
Deswegen ist es ratsam, “Hier und Jetzt” Übung über einen längeren Zeitraum (Empfehlung drei Wochen) täglich zu trainieren. Es dauert max. 5 Minuten. Beim Bahn fahren, auf der Arbeit, dort, wo es laut ist. Suche dir die Orte aus, an denen schlechte Bedingungen für Konzentrationseinheiten vorherrschen. Übe in folgender Reihenfolge: Atem 2/4- Körpercheck- Außenweltsignale-Kommando „Hier und Jetzt“. Die Entwicklung kannst du in einem kleinen “Tagebuch” verfolgen. Nimm dir einen Zettel dafür. Dort sollen nur das Datum und 1-2 Sätze stehen, wie sich dein Empfinden nach der Übung verändert hat, z.B.:
10.10.17: Die aufdrängenden Gedanken sind zurückgetreten. 11.10.17: Die Unruhe ist milder geworden.
Es wird somit deine Fähigkeit trainiert und konditioniert, sich selber aus einer negativen Gedankenschleife herauszunehmen und in den vorherrschenden Moment, ins Hier und Jetzt zurück zu momentanen Aufgaben zu bringen. Egal, was passiert.
Literatur
Dolan, Y. (1991). Resolving Sexual Abuse.Solution-focused therapy and Ericksonian hypnosis for adult survivors. New York: Norton.
Kaufman, K. A., Glass, C. R., & Arnkoff, D. B. (2009). Evaluation of Mindful Sport Performance Enhancement (MSPE): A New Approach to Promote Flow in Athletes. Journal of Clinical Sport Psychology, 25, 334-356.
Unsere Plattform Die Sportpsychologen dient auch der Akquisition neuer Klienten. Mit Hilfe der Beiträge und Profilseiten erhalten interessierte Trainer und Verbandsfunktionäre die Möglichkeit, die Überzeugungen, Arbeitsweisen und Methoden der Profilinhaber kennenzulernen. Genau diesen Weg der Sondierung und Evaluation haben die Verantwortlichen von Swiss Unihockey beschritten. Welche Vorgehensweise dabei gewählt wurde und wie letztlich die Zusammenarbeit von zwei Profilinhabern mit dem Schweizer Nationalteam der Herren zustande gekommen ist, davon handelt der anschliessende Werkstattbericht.
Zum Thema: Von der Idee zur Tat, wie die sportpsychologische Arbeit vorbereitet wird
Ende März 2017 erhielt ich per E-mail folgende Anfrage: „Ich bin Chef Leistungssport und Verantwortlicher Auswahlen bei Swiss Unihockey, und damit u.a. verantwortlich für die Unihockey-Nationalmannschaften der Schweiz. Im Dezember letzten Jahres haben wir die Herren-Weltmeisterschaften bestritten und vor wenigen Wochen die WM-Analyse abgeschlossen. Im Rahmen dieser Analyse haben wir beschlossen, dass wir in der neuen Kampagne verstärkt im Mentalen Bereich arbeiten möchten.“
Remo Manser, Chef Leistungsport von Swiss Unihockey, beschreibt die Ausgangslage für eine geplante längerfristige sportpsychologische Unterstützung des Herren-Nationalteams aus Verbandssicht folgendermassen: „Im Unihockey-Sport sind die Top-4 Nationen (Schweden, Finnland, die Schweiz und Tschechien) den nachfolgenden Nationen einige Schritte voraus. Die Medaillen werden alle zwei Jahre unter diesen 4 Nationen ausgespielt. Wir bestreiten alle zwei Jahre eine WM. An dieser finden in neun Tagen sechs Spiele statt, die wichtigsten drei davon am letzten Wochenende Freitag bis Sonntag (Finalspiele). Dies allein ist schon eine mentale Herausforderung. Speziell an der Sache ist sicher, dass wir zwei Jahre Arbeit in einem einzigen Spiel (Halbfinale) auf den Punkt bringen müssen. Die Schweiz hat dabei seit 1998 höchstens noch Bronze geholt, und dies weil man im Halbfinale immer auf Finnland oder Schweden trifft, gegen die wir an grossen Turnieren selten (Finnland) bis nie (Schweden) gewinnen. Diese spezielle mentale Anforderung ist unsere ganz grosse Challenge, und die möchten wir neu mit einem Fachmann angehen.“
Assessement potentieller Anbieter
In meiner Antwort-Mail bekräftigte ich zunächst mein Interesse an einer Zusammenarbeit. Ich stellte dabei klar, dass die Betreuung eines derart grossen Teams mit rund 25 Spielern und zahlreichen Staff-Mitgliedern nur in der Besetzung eines „Tandems“ – in meinem Fall in Kooperation mit Cristina Baldasarre – erfolgsversprechend umsetzbar wäre. Anhand der uns zur Verfügung gestellten WM-Analyse entwarfen wir einen kurzen Projektbeschrieb. Insgesamt drei „Bewerber“ wurden anschliessend vom Verband zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ende April erhielten wir folgende Antwort: „Noch einmal herzlichen Dank für eure Offerte und euer Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns. Wir haben in der Zwischenzeit alle Gespräche und Offerten evaluiert und sind zum Schluss gekommen, dass wir uns enorm freuen würden, mit euch zusammen in die neue WM-Kampagne zu steigen!“ Auf meine Frage, welche Aspekte schliesslich für die Wahl ausschlaggebend gewesen seien, meinte Remo Mamser: „Wir haben uns eure Profile auf die-sportpsychologen genau angeschaut und die Hinweise bezüglich eurer Expertise im Spitzensport haben uns überzeugt!“
In den folgenden Wochen ging es darum, die Auftragsklärung zu sichern, eine genauere Analyse aus Sicht der Sportpsychologie voranzutreiben und erste Gespräche mit den Trainern, Betreuern und den drei Team-Captains zu führen. Neben der frühzeitigen Einsatz- und Terminplanung stand die Ausarbeitung eines schriftlich fixierten Pflichtenhefts (Auftrag) im Vordergrund. Die dort skizzierten Arbeitsschwerpunkte lauten u.a.:
Beobachtung und Analyse des Verhaltens von Staff und Team im mentalen Bereich
Vermittlung von Knowhow aus dem sportpsychologischen Bereich an Staff und Team
Ergänzung der Teamtrainings durch mentale Trainingsformen
Unterstützung des Teambildungsprozesses im Hinblick auf die Weltmeisterschaften
Schweiz schlägt Schweden 7:5
Der Einstieg in die Betreuungsarbeit erfolgte Anfang September beim „Next-Generation-Camp“, eine Massnahme ausschließlich für U-23 Spieler. Die ersten Einsätze im Rahmen der A-Nationalmannschaft folgten am Vorbereitungscamp für die Euro Floorball Tour und am 4-Nationenturnier vom 2.-5. November in Kirchberg. Dabei konnte das junge CH-Team bereits einen ersten Meilenstein auf dem Weg bis zu den Weltmeisterschaften im Dezember 2018 erreichen: das favorisierte und bisher gegen die Schweiz ungeschlagene Team Schweden kassierte eine 5:7 Niederlage – im 67. Spiel der erste Sieg eines Schweizer Unihockey-Männerteams gegen den mehrfachen Weltmeister Schweden!
Ebenfalls höchst erfreulich ist die offene und transparente Haltung von Swiss Unihockey im Zusammenhang mit unserem Engagement. Cristina und ich wurden gebeten, im Rahmen eines ersten Interviews mit der Presse-Verantwortlichen Petra Kropf unsere Grundhaltungen und Arbeitsweisen zu beschreiben. Auch daran lässt sich die fortschrittliche und selbstbewusste Einstellung eines Verbandes gegenüber der Angewandten Sportpsychologie erkennen!
Hinweis: In Deutschland wurde die Sportart Unihockey 2009 in Floorball umbenannt.
Zum Interview von Swiss Unihockey mit Dr. Hanspeter Gubelmann und Cristina Baldasarre:
Von einem engen Freund von mir wurde ich zu diesem Interview quasi gedrängt. Ich habe ja bereits ein Interview mit einem der besten Wide Receiver Deutschlands (zum Insiderbericht von Niklas Römer) geführt und hatte eigentlich vor, jeweils nur einen Spieler pro Position zu befragen. Aber Ole Kretschmann, sein Coach (und mein bester Freund), bestand darauf. Er versprach mir, dass es sich lohnen würde Yannick Baumgärtner kennenzulernen – und ja, das tat es.
Wie ist es eigentlich, mit der Liebe zum Football nicht alleine zu sein? Wenn die ganze Familie jede freie Minute auf dem Platz steht? Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn die eigenen Eltern einen Meisterschaftsring besitzen – man selbst aber noch nicht? Fragen über Fragen an Yannick Baumgärtner.
Miriam Kohlhaas und Yannick Baumgärtner
Yannick, wie bist du zum Football gekommen?
Zum ersten Mal habe ich den Football über Besuche bei Rhein Fire Düsseldorf kennengelernt – und ich hab es toll gefunden. Mit sieben Jahren bin ich zu den Düsseldorf Bulldozern gegangen.
Als ich 16 Jahre alt war, hatte ich ein Spiel mit der Greenmachine, bei der meine beiden Eltern tätig wurden. Meine Mutter als Physiotherapeutin und mein Vater als Kameramann. Der American Football Verband Deutschland (AFVD) hat dann beide direkt für die Jugend-Nationalmannschaft verpflichtet.
Ein weiteres Jahr habe ich dann noch bei den Düsseldorf Panther in der Jugend gespielt. Im Finale haben wir gegen die Berlin Adler verloren und mir gegenüber stand Björn Werner. 2010 spielte ich meine erste Saison bei den Herren und wir stiegen in die erste Liga auf. Mit mir spielten dort unter anderem Niklas Römer (zum Insiderbericht) und Dominik Hanselmann.
In der ersten Liga hatte ich jedes Jahr einen neuen Head Coach, in einem Jahr sogar zwei. Da gab es keine Beständigkeit und gerade die hat mir damals sehr gefehlt. Zwei Jahre hatten wir Glück, dass zwei Teams zwangsabgestiegen sind und wir so als letzter in der Liga bleiben konnten.
Als Niklas und Dominik wechselten, war ich Starter auf meiner Position, aber zeitgleich kamen auch meine dunkelsten Zeiten. Zwei Jahre hintereinander hatte ich jeweils eine Eckgelenkssprengung in beiden Schultern und konnte jeweils nur eine halbe Saison mitspielen und trainieren.
2015 wechselte ich dann nach Essen zu den Assindia Cardinals. Für mich war klar, dass ich mindestens in der 2. Liga spielen wollte. Ich kannte einige Jungs von dort, kannte den Headcoach Yves Thyssen persönlich und wusste, dass wenn er mir etwas verspricht, er es auch hält.
Aus persönlichen Gründen, wegen der Arbeit, Freunden und meiner Familie wollte ich unbedingt in der Nähe bleiben. Allein aus monetären Gründen, oder weil der Team-Erfolg gesichert scheint, wollte ich nicht in eine Mannschaft wechseln. Für mich waren und sind andere Dinge viel wichtiger!
Ich habe lieber ein Team, in dem Jungs spielen, die diesen Sport lieben und die nicht nur spielen, weil eine gewisse Summe auf ihrem Konto auftaucht oder weil sie bald einen Ring am Finger tragen. Für mich sind es vielmehr die Jungs, mit denen ich Seite an Seite stehe, die diesen Sport genauso lieben wie ich und deshalb auf dem Platz neben mir stehen.
Hattest du jemals ein Problem damit, dass deine Eltern ständige Begleiter waren?
Ich bin sehr gerne mit meiner Familie zusammen und so habe ich mich immer gefreut, in dieser Zeit meine Familie bei mir zu haben. Meine Mama hatte viel öfter Sorge, dass mich das stören würde und hat mich immer wieder gefragt, ob es wirklich ok für mich ist.
Das ist ja mittlerweile ein paar Jahre her. Meine Eltern hatten damals sehr viel für meinen Ex-Verein getan und sind leider auf eine sehr unschöne Art und Weise dort „gegangen worden“. Daraufhin hatte ich dann verkündet, dass ich nur noch das letzte Saisonspiel für dieses Team spielen werde und dann nie wieder. In den letzten zwei Jahren hatte ich auch immer wieder Anfragen, würde diese aber nie wieder annehmen.
Hinter den Kulissen:
Die Baumgärtners – Die Footballfamilie
Ich habe ehrlich gesagt niemals einen Gedanken daran verschwendet, dass ich die Chance hätte bekommen können, auch die Familien der Spieler zu treffen, mit denen ich Interviews führe. Und trotzdem hatte ich bis jetzt fast immer diese wundervollen Begegnungen.
Dieses Mal allerdings hat mich die Familie selbst gefunden. Eines Mittags beim Essen sprach die Mama von Yannick ihn darauf an, dass sie einen wundervollen Artikel über Dennis Zimmermann (zum Insiderbericht) gelesen hätte, den Yannick auch unbedingt lesen müsse. Yannick schmunzelte daraufhin und berichtete, dass die Frau, die diesen Artikel geschrieben hätte, ihn in der gleichen Woche noch interviewen würde. Daraufhin erklärte seine Mutter, dass er mich doch direkt zu ihnen nach Hause einladen soll und sie auch sehr gerne ein paar Dinge erzählen würde.
Sandra und Alex Baumgärtner
Seit 2008 fester Bestandteil des Deutschen Football Verbandes AFVD im Team der Coaches der U19 Nationalmannschaft. Sie als Physiotherapeutin und er als Video-Advisor.
Fast alle Top-Spieler Deutschlands gingen somit buchstäblich durch ihre Hände oder standen in seinem Fokus. Und somit kennt und liebt fast die gesamte deutsche Footballwelt die beiden.
Sandra und Alex, in euch habe ich etwas wiederfinden können, was ich selbst auch in mir sehe – deshalb habe ich mich euch von Beginn an nah gefühlt. Ihr habt, obwohl ihr selbst nie aktiv Football gespielt habt, diesen Sport zu einem Teil eures Lebens gemacht, zu einem Teil eurer Familie. Ihr liebt ihn genauso, wie ich selbst auch. Für euch ist es keine Last, eure freie Zeit, eure Urlaube oder Feierabende auf irgendwelchen Footballplätzen in Deutschland zu verbringen. Nein, wie ich erfahren habe, ist es euch sogar eine riesige Freude. Die besten Spieler in Deutschland, ihr kennt sie alle.
Yannick Baumgärtner und Vater Alex
Und obwohl es Momente und Situationen gab, in denen euch eure fantastische Arbeit nicht annähernd genug gedankt wurde, so seid ihr immer dabei geblieben.
Eure Art eure Familie zu leben, hat mich tief beeindruckt. Solch eine tiefe Verbundenheit, welche ihr zu euren beiden Kindern geschaffen habt, habe ich selten zuvor gesehen. Damit habt ihr sie zu den wundervollen Menschen gemacht, die sie geworden sind.
Ich freue mich auf viele weitere Abendessen beim Griechen mit euch!
Ein Hoch auf all euch Ehrenamtler da draußen, die diesen Sport so fantastisch machen. An alle, die ihre freien Wochenenden, ihre Urlaube oder Familienzeit „opfern“, um ein Teil der Football-Familie zu sein.
Ein Dank an alle, die an jedem Spieltag die Trikots aufhängen und einsammeln, das Wasser auffüllen, das Obst schneiden. An alle Physiotherapeuten und Menschen hinter den Kameras, an alle, die alles dafür tun, dass die Jungs den Kopf frei haben, um sich auf das Spiel zu konzentrieren.
Ohne Euch wäre diese von uns allen so geliebte Football-Welt nur halb so schön.
Ein riesen Dankeschön an euch!! Auf das euch alle immer und jeder Zeit zu schätzen wissen und es euch so oft wie möglich wissen lassen!!!
Was treibt dich an?
Ich bin jemand, der nie zufrieden mit sich ist. Für dieses Jahr ist es mein Ziel, international spielen zu dürfen. 2018 möchte ich dann bei der Europameisterschaft im eigenen Land für Deutschland spielen.
Meine ständigen Ziele sind immer das Beste von mir selbst zu und immer das Beste für‘s Team zu geben.
Ich will einer der besten Receiver in Deutschland sein. Aber nicht in einem Team, in dem ich einen amerikanischen Quarterback oder Runningback habe, sondern in einem Team, in dem die nationalen Jungs genauso mit mir dafür kämpfen müssen, um Imports zu schlagen. Zudem erfüllt es mich sehr, andere Spieler mitzuziehen und voran zu gehen.
So habe ich zum Beispiel in der letzten Saison anderen jüngeren Spielern mit extra Trainingseinheiten geholfen, damit wir als Team besser werden. Tipps, Tricks und Wissen weitergegeben, um uns weiter zu bringen.
Auf dem Feld bin ich wie in einer anderen Welt. Würde ich auf der Straße herumlaufen, ohne Helm und Pad, so würde ich nie einem anderen Menschen weh tun, aber auf dem Platz ist es etwas anderes. Es ist eine Competition und ich will immer besser sein als die anderen.
Viele Menschen sagen, dass zu viel Sport eine Sucht ist oder eine Einstellung – für mich ist es einfach mein Leben! Ich könnte mir mein Leben nicht anders vorstellen und habe deshalb auch noch einen sportlichen Beruf gewählt, da ich sowieso den ganzen Tag Sport mache. Um selbst zu trainieren, gehe ich zusätzlich noch in ein weiteres Fitnessstudio.
Außerhalb der Saison bin ich sechs Tage pro Woche im Studio. In der Saison heisst das: vier Tage Studio, zwei Tage Training, ein Tag Spiel und einen Erholungstag, obwohl ich auch da nicht still sitzen kann.
Was würdest du jüngeren Spielern raten?
Unser Sport wird immer athletischer und so ist es meiner Meinung nach enorm wichtig, sich dort stets weiterzuentwickeln.
Geht also so viel wie möglich ins Fitnessstudio, vernachlässigt dabei nicht die Schule aber seid euch dann bewusst, dass es nichts anderes geben wird als Schule und Training.
Und es ist schwer jemanden zu finden, der dann versteht, dass es nicht nur ein Hobby ist, sondern ein Lebensstil. Für mich ist es immer das Schönste gewesen am nächsten Tag mit meinen Jungs auf dem Platz zu stehen. Auch in meiner Jugendzeit, in der alle meine Freunde angefangen haben, Party zu machen, habe ich angefangen zu trainieren. Es kam mir einfach sinnvoller vor auf meinem Weg. Ich trinke auch fast keinen Alkohol. Ich möchte, dass mein Körper immer bestmöglich vorbereitet ist. Ich habe mich irgendwann immer mehr auf den Sport konzentriert und die Schule ist für mich immer mehr in den Hintergrund gerückt. Dadurch, dass ich allerdings dann kein Abitur hatte, konnte ich auch zwei tollen Angeboten von Colleges in Amerika nicht folgen, was ich im Nachhinein sehr schade fand. Nach der Schule habe ich dann freiberuflich gearbeitet und an Schulen mit Kindern motorische Tests durchgeführt. Ich habe ein Einstiegs-Qualifikations-Jahr bei den Panthern gemacht und dann in der Ausbildung auch wieder die Lust an der Schule neu gefunden, da es um das ging, was mich am meisten interessierte.
Es muss nach vorne gehen – zurück geht nie!
Welche Menschen haben dich auf deinem Weg am meisten geprägt und was zeigten sie dir?
Ich habe von Anfang an eine tolle Verbindung zu meinem Coach Ole Kretschmann gehabt. Wenn er zwischendurch nicht trainieren konnte, habe ich unser Positionstraining übernommen und zudem das Athletiktraining für unser gesamtes Team. Ich gebe den hohen Anspruch an mich selbst gerne weiter an andere. Deshalb arbeite ich auch so gerne mit Sportlern.
Estrus Crayton war ein riesen Vorbild. Er hat mich gelehrt, den Ball zu bekommen und dann erst damit anzufangen, zu denken oder die Lösung zu suchen, anstatt zuvor schon alle Lösungen durchzugehen. Bevor ich an die Line gehe, weiß ich zu 100 Prozent wie es ausgeht. Ich weiß in meinem Kopf, dass ich den Ball gleich bekomme. Ich habe irgendwann verstanden, dass wenn ich mich darauf konzentriere, was ich kann, wie mein Play ist und welcher Gegner mir gegenübersteht, dann kommt keine Panik in mir auf. Und selbst, wenn ich Fehler mache, dann ist es ok und ich kann zurück in den Huddle gehen und es noch einmal machen – es wird nicht passieren. Selbst den besten Spielern, wie Estrus Crayton, die in Deutschland alle Rekorde halten, passieren Fehler.
Ich darf Fehler machen, ich weiß trotzdem wer ich bin und was ich kann!!
Welche Rituale hast du?
Bei mir beginnt die Vorbereitung schon in der Woche vor dem Spiel – Gameweek. In dieser Woche muss für mich alles klappen. Jede Wiederholung. Und am Tag vorher schlemme ich, gucke einen Film, etwas, dass mich aus der Welt zieht. Ich packe meine Tasche sehr genau, das gibt mir Sicherheit. Und zudem weiß ich meistens eine Woche vorher, was ich am Gameday tragen werde. So kann ich mir besser vorstellen, wie ich auf dem Platz aussehen werde.
Am Abend vor jedem Spiel werde ich ruhig. Ich spiele dann Szenarien des Spieltages im Kopf durch. Was ist, wenn plötzlich meine Beine schlapp sind, wenn meine Hände nicht das machen, was ich will, wenn ich Bälle droppe. Dann fange ich an, mir zu jeder Situation eine mögliche Handlung zu überlegen und mir durch Zuspruch Mut zu machen – Du hast genug trainiert!
Miriam Kohlhaas und Yannick Baumgärtner beim Interview
Ich bin vor jedem Spiel noch immer nervös. Dann werde ich ruhig und konzentriere mich. Auch bei Auswärtsfahrten suche ich mir als Zimmerpartner immer ruhige Spieler und sage den Teamkollegen auch, dass ich nun meine Ruhe brauche. Ich habe gemerkt, dass wenn ich zum Beispiel am Abend zuvor noch auf einen Geburtstag oder ähnliches gehe, dann komme ich viel schlechter in meinen Spielmodus.
Am Tag selbst denke ich sofort nach dem Aufstehen: Gameday – und mein Magen kribbelt. Dann frühstücke ich meistens herzhaft Bacon und Ei, ich checke die Tasche noch einmal. Dann ziehe ich mich an, wobei ich immer darauf achte, dass ich dann im Spiel noch einmal komplett neue Kleidung anhabe und nichts von zuvor trage. Für mich ist es, als würde ich eine Uniform anziehen. Seit Jahren habe ich orange Crocs an, egal, wie das Wetter ist, ich komme und gehe in diesen Schuhen. (Anmerkung der Redaktion: Unheimlich schön…!)
Angekommen im Stadion bringe ich als erstes meine Tasche weg, ziehe mir Handschuhe an und gehe auf den Platz, die ersten Bälle werfen. Zusätzlich zum eigenen Aufwärmen mache ich noch immer kurz ein eigenes Warmup. Dann esse ich noch einmal ganz in Ruhe auf der Tribüne – ab diesem Zeitpunkt werde ich ruhiger und es geht für mich los. Ab da bin ich im Modus. In diesem Jahr bin ich zum Teamcaptain gewählt wurden und übernehme nach meinem Aufwärmtraining mit dem gesamten Team noch eine kleine Ansprache ans Team. Dann freue ich mich einfach nur noch wahnsinnig und möchte diesen verdammten Ball haben.
Sollte ein Spieler auf deiner Position furchtlos sein?
Ja und nein. Ja, wenn es darum geht, um den Ball zu kämpfen und wenn es darum geht gegen einen guten Gegner zu spielen. Nein, wenn es darum geht, sich zu schützen, um die ganze Saison für das Team da zu sein und nicht nur einen Spielzug.
Denkst du ein Spieler auf deiner Position hat narzisstische Züge?
Die müssen wir haben. Wenn man als Wide Receiver auf dem Platz steht, gehört einem dieser Platz. Wenn der Ball in der Luft ist, sollte er immer zu mir kommen, denn ich bin immer frei – nur mit diesem Gedanken in meinem Kopf habe ich die Chance auf Erfolg.
Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir sportpsychologische Betreuung gewünscht hättest?
Ja, die gab es. Ich habe zwei Jahre hintereinander länger pausieren müssen, durch eine Schulterverletzung. Gerade im zweiten Jahr war es schwer für mich, dass annehmen zu können und da hätte ich mir sportpsychologische Hilfe sehr gewünscht. Als ich verletzt war, war es ein schlimmer Schmerz für mich, meine „Familie“ auf dem Platz zu sehen und nicht helfen zu können. Schlimmer als der eigentliche Schmerz meiner Verletzung.
Sollte deiner Meinung nach die Sportpsychologie ein fester Bestandteil des American Football in Deutschland sein?
Meiner Meinung nach sollte die Sportpsychologie ein fester und vor allem ein geschätzter Teil im deutschen Football sein. Gerade für junge Spieler, die den Schritt von der Jugend in den Herrenbereich machen, wäre es eine große Hilfe, einem festen Ansprechpartner zu haben, der sie bei allen Sorgen und Nöten begleitet.
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Als ich kürzlich wie üblich die Sportberichterstattung konsumierte, landete ich zur Abwechslung bei einem Beitrag des Spiegels. Dort äußerte sich Sportpsychiater Karl-Jürgen Bär der Universität Jena zum mutmaßlichen „Seelenzustand“ von Timo Werner. Der Nationalspieler von RB Leipzig hatte nach Verletzungsproblemen gerade wieder zurück ins Team gefunden. Schon vor diesem Artikel wurde in der Presse immer wieder gemutmaßt, dass der junge Leipziger Stürmer, mit den Problemen, die er im Kiefer- und Nackenbereich hatte (mutmaßlich erlitten in seinem Spiel in der Nationalmannschaft), und der auch in Istanbul in der Champions-League mit Problemen im Gehör- und Gleichgewichtsorgan ausgewechselt werden musste, unter Umständen mit einem psycho-pathologischen Problem zu kämpfen hätte. Konkret mit einem Stressproblem, dass mitunter zu einem Erschöpfungssyndrom führen kann. Naja, dass lasse ich hier jetzt erst einmal unkommentiert so stehen…
Zum Thema: Über die unterschiedlichen Rollen von Sportpsychologen und Sportpsychiatern
Im Spiegel-Interview, dessen Kernaussagen auch in einem RB Leipzig Fan-Blog (siehe Quellen) wiedergegeben werden, finden wir dann eine interessante Aussage. Angesprochen auf die bei Timo Werner von Ralph Hasenhüttl kürzlich wahrgenommene „mentale Extrembelastung“ erklärt der kommissarische Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Jena: „Junge Athleten neigen dazu, durch schnelle Erfolge und öffentliche Aufmerksamkeit die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit zu verleugnen. Dadurch können sie unbemerkt in gefährliche Zustände der Erschöpfung geraten.“
Es folgen weitere Ausführungen über den „problematischen Leistungsfußball“ sowie der subjektiven Wahrnehmung des Herrn Bär, dass sich diese Fälle in seiner Sprechstunde häufen würden und dann noch folgende Einlassung: „Auch wenn immer mehr Profivereine mit Sportpsychologen zusammenarbeiten, sei die Situation nicht optimal. Sportpsychologen haben in der Regel keine therapeutische Ausbildung. Sie werden von den Vereinen hauptsächlich zur Leistungsoptimierung eingestellt“, so Karl-Jürgen Bär. „Zur Verbesserung der psychischen Gesundheit brauchte es mehr beratende Sportpsychiater. So etwas gäbe es im Profifußball aber gar nicht.“
Fehlendes Wissen über die Sportpsychologie
Mit Verlaub, Herr Bär – da wissen Sie leider nicht genau, welche Rolle Sportpsychologen spielen, wie ihre Ausbildung aussieht und welches Selbstverständnis Sportpsychologen in Deutschland haben. Schauen wir doch erst einmal in die Statuten der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (also dem Berufsverband der deutschen Sportpsychologen). Dort steht zum Selbstverständnis in Abschnitt 7:
„Voraussetzung für die praktisch sportpsychologische Berufstätigkeit ist der Einsatz wissenschaftlich fundierter Methoden zur Diagnostik und Intervention, die insbesondere dem Qualitätsstandard der psychologischen Fachverbände entsprechen. Sportpsychologische Intervention in der Praxis des Sports ist die professionelle Hilfestellung für das Vorbeugen, Erkennen und Lösen psychosozialer Probleme in den verschiedenen Anwendungsfeldern der Sportpsychologie (Leistungs-, Schul-, Freizeit-, Gesundheits- und Rehabilitationssports). Die Behandlung klinisch-psychologischer Krankheitsbilder und die Anwendung psychotherapeutischer Verfahren ist ohne fundierte und anerkannte Psychotherapie-Ausbildung nicht zulässig. Die in der Sportpraxis sportpsychologisch Tätigen sind dazu verpflichtet, gemäß den berufsethischen Richtlinien der psychologischen Fachverbände DGP und bdp und den berufsethischen Richtlinien der asp zu handeln.“ (Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (o.J.).
Mein klinisches Auffangnetz
Tja, damit ist rein theoretisch auch schon alles gesagt. Aber ich möchte noch einmal im Detail auf Karl-Jürgen Bärs Aussage (“Sportpsychologen haben in der Regel keine therapeutische Ausbildung. Sie werden von den Vereinen hauptsächlich zur Leistungsoptimierung eingestellt. … Zur Verbesserung der psychischen Gesundheit brauche es mehr beratende Sportpsychiater. So etwas gäbe es im Profifußball aber gar nicht.”) eingehen:
Richtig ist: Sportpsychologen haben in der Regel keine therapeutische Ausbildung. Falsch ist: Sie werden von den Vereinen hauptsächlich zur Leistungsoptimierung eingestellt. Sportpsychologen kümmern sich neben der Aufgabe der Leistungsoptimierung eben auch um Fragen der Persönlichkeitsentwicklung (dies vor allen Dingen in den Nachwuchsleistungszentren) und selbstverständlich auch um das Wohlergehen und somit der psychischen Gesunderhaltung der Athletinnen und Athleten (sofern sich dies im Kompetenzbereich des Sportpsychologen bewegt), denn auch Sportpsychologen arbeiten auf der Basis eines humanistischen Menschenbildes. Selbstverständlich brauchen wir Psychologische Psychotherapeuten und Psychiater, die dann wichtig werden, wenn sich klar diagnostizierte psycho-pathologische Probleme ergeben. Das passiert aber sicher nicht täglich. In meiner, mittlerweile schon 25-jährigen Karriere als praktischer Sportpsychologe kam dies insgesamt zwei Mal vor und ich war mehr als nur froh, dass ich über so etwas wie ein „klinisches Auffangnetz“ verfügte (und immer noch verfüge). Mehr noch: Die institutionalisierte, deutsche Sportpsychologie ist strukturell mittlerweile sehr gut aufgestellt und mit ihren Partnern, die genau dieses klinische Auffangnetz vorhalten („Mental Gestärkt“ sowie die Robert-Enke-Stiftung sowie im schlimmsten Fall der Fälle auch die Abteilung Leistungssport im Nationalen Suizid-Präventionsprogramm, NASPRO) sehr gut vernetzt. In der akademischen Ausbildung zum Sportpsychologen spielen neben den klassischen Inhalten zur Leistungsoptimierung, eben auch Module zum Coaching sowie zur klinischen Psychologie – aber nicht etwa aus dem Grund, dass die Absolventen dann therapieren könnten, jedoch durchaus um eine Idee zu bekommen, was Psychopathologie ist oder wie sich psycho-soziale Probleme zeigen; siehe hierzu das Modulhandbuch des Master-Studiengangs „Angewandte Sportpsychologie“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Da dieser Studiengang auch adäquat mit der Post-gradualen Ausbildung der ASP gestellt ist, somit als Grundqualifikation gilt, um auch für den DOSB arbeiten zu dürfen, muss ich wohl an dieser Stelle auch nicht die Qualifikation oder das Selbstverständnis aller anderen Kolleginnen und Kollegen, die diesem Qualitätsstandard entsprechen, in Frage stellen.
Fazit
Wir brauchen natürlich Sportpsychologen, im Fußball, und auch im Profibereich. Wir brauchen natürlich auch Psychologische Psychotherapeuten und Psychiater im Sport, wenn wir es mit klinischen Problemen zu tun haben – auch im Fußball. Denn genau hier endet die Kompetenz der meisten Sportpsychologen in der Praxis. Diese „Psychopathologie“ kommt im Sport genauso häufig vor, wie in der nicht leistungssportlich aktiven Normalbevölkerung (zumindest ist mir keine epidemiologische Studie bekannt, die den Leistungssport besonders verdächtig macht, psychisch krank zu werden).
Was wir nicht brauchen, ist eine grundsätzliche „Psycho-Pathologisierung“ des Leistungssports, weil dies, zumindest was die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die Schweiz betrifft, jeglicher empirischer Evidenz entbehrt. Wir Sportpsychologen haben zwei Jahrzehnte lang dafür gekämpft, um das Stigma los zu werden, dass wir uns womöglich mit Pathologie beschäftigen. Diese Sichtweise war natürlich im Leistungssport höchst problematisch, weil sie aus Sicht von Trainern und Athleten als weniger relevant bewertet wird. Lasst uns bitte nicht, mit solchen Aussagen wie im Spiegel, die Öffentlichkeit wieder verunsichern!
Noch ein Wort zu Timo Werner
Timo Werner hat im Champions-League Spiel gegen Porto, in dessen zeitlichen Zusammenhang der besagte Text veröffentlicht wurde, das einzige Tor für Leipzig geschossen. Ich fürchte nicht, dass er wegen dieses Erfolges und der mitunter dadurch erhaltenen öffentlichen Aufmerksamkeit die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit verleugnet, denn verloren haben die Leipziger trotzdem. Aber ich halte mich da mal lieber mit Spekulationen zurück, denn das wäre eine „Ferndiagnose“ und die würde ich dann ja auch in der Öffentlichkeit äußern. Das verbieten mir meine berufsethischen Richtlinien. So oder so, bin ich mir sicher, dass der Sportpsychologe von RB Leipzig, Sascha Lense, hier einen guten Job machen wird.
Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (o.J.) asp Statement I, Zum Selbstverständnis der Sportpsychologin/des Sportpsychologen in der Bundesrepublik Deutschland. http://www.asp-sportpsychologie.org, Zugriff am 01.11.2017.
50 Prozent der 10-jährigen Kinder in Deutschland können nicht schwimmen. Diesen Fakt darf man sich ruhig erneut durch den Kopf gehen lassen: Jedes Zweite 10-jährige deutsche Kind kann nicht schwimmen! Schwimmbäder werden es immer weniger, Sportlehrer unterrichten Schwimmen, ohne dass sie selbst richtig wissen, wie Schwimmunterricht didaktisch sinnvoll aufgebaut wird. Manchmal wissen sie selbst nicht, wie man richtig schwimmt. Die Ausgangsbedingungen zur erfolgreichen Schwimmlernvermittlung sind eher dürftig und dennoch ist es unumstritten, dass es wichtig ist, dass unsere Kinder sicher schwimmen lernen. Das Seepferdchen reicht hier nicht aus!
Zum Thema: Didaktik, Methodik, psychologische Grundlagen – Die Fehler bei der Schwimmausbildung in Deutschland
Die Kinder in Deutschland liegen im Wasser auf dem Bauch und sie Schwimmen Brust. Es gibt vier Schwimmlagen: Freistil (oder auch: Kraul), Rücken, Delphin (oder auch: Schmetterling) und Brust. Brustschwimmen ist die technisch anspruchsvollste, langsamste und medizinisch ungesündeste Schwimmart. Haben sie mal einen Schwimmanfänger Brustschwimmen sehen? Es gleicht einem Überlebenskampf: Kopf im Nacken, damit kein Wasser in den Mund laufen kann, meist fast senkrecht im Wasser stehend, während mit Armen und Beinen waschmaschinenartig gekreist wird, damit man nicht untergeht. Im klassischen Schwimmunterricht schreit zeitgleich vom Beckenrand der Lehrer/die Lehrerin: „Mach dieses, tu jenes nicht und fass’ nicht am Rand an!“
Ich liebe Wasser! Wenn ich meinen Kopf untertauche, dann ist es berauschend still. Ich kann schwimmen, gar nicht mal so schlecht sogar. Ich halte mich regelmäßig in Schwimmbädern auf und beobachte Schulklassen, Kinder, Lehrer und Eltern im Schwimmbad. Ich habe noch nie jemanden beobachten können, der es aus sportlicher und pädagogischer Sicht, meiner Meinung nach „richtig“ macht. Ich war im Sommer mit einem 5-jährigen Mädchen im Schwimmbad. Sie kann noch nicht schwimmen und hatte Schwimmflügel um. Sie hat keine Angst vor Wasser – im Gegenteil! Sie hüpft immer wieder fröhlich vom Beckenrand und kämpft sich brustschwimmend zurück an den Beckenrand. Als ich sie auffordere, sich mal auf den Rücken zu legen, strampelt sie automatisch schnell mit den Beinen, ansonsten liegt sie ruhig und gerade da. Sie kommt unfassbar schnell voran. Ich lobe sie und sie sagt: „Ja, aber meine Lehrerin sagt, ich soll nicht so viel mit den Beinen strampeln.“ Ein Kind bewegt sich also schnell, sicher und richtig durchs Wasser und das soll es nicht? Das macht mich wütend!
Element Wasser: Faszination und Ungeheuer zugleich
Wasser kann einen Menschen tragen, ein Gefühl der Schwerelosigkeit erzeugen. Wasser kann einen nach Luft schnappen lassen und mit seiner unbändigen Kraft in die Tiefe ziehen. Wasser kann weich sein, Wasser kann hart sein. Wasser kann mit dir oder gegen dich sein. Wasser kann ein lebendiges und geborgenes Gefühl vermitteln. Wasser kann dich töten. Vielleicht ist die Kombination aus dem Facettenreichtum des Elements Wasser genau das, was seine Faszination ausmacht.
Kinder haben oftmals Angst vor Wasser. Manchmal haben sie schlechte Erfahrungen damit gemacht, manchmal haben sie „einfach nur“ Angst. „Du brauchst keine Angst haben“, reduziert die Angst nicht. Wie aus psychologischen Studien bekannt ist, verarbeitet das Gehirn das „Nicht“ nicht. Lasst uns den Kindern Sicherheit vermitteln, indem wir sie ins Wasser begleiten. Wenn sie Fahrradfahren lernen halten wir sie doch auch fest. Warum stehen die Lehrer*innen eigentlich immer „oben“, während die Kinder sich „unten“ einen abstrampeln? Auch ein langsames Ranführen an das Gefühl, wenn der Kopf unter Wasser ist, kann enorme Sicherheit geben. Wasser spielerisch erkunden, ohne gleich schwimmen zu müssen, kommt auch recht kurz. Ich weiß, dass all das in der Umsetzung möglicherweise schwierig ist. Letztendlich sollte Bund, Ländern und Kommunen eine sichere und spaßbetonte Schwimmvermittlung aber wichtig genug sein, um fachlich geschultes Personal und genügend Zeit zur Verfügung zu stellen. Denn: Am Ende rettet sicheres Schwimmen Leben!
Literatur:
Scheler, Fabian (2017): „Deutschland wird zum Nicht-Schwimmerland“. Quelle: http://www.zeit.de/sport/2017-06/schwimmen-nichtschwimmer-schwimmunterricht-dlrg-interview (aufgerufen am: 20.10.17)
Scheler, Fabian (2017): „Mit Brustschwimmen hält man sich gerade so über Wasser“. Quelle: http://www.zeit.de/sport/2017-08/schwimmen-kinder-sicherheit-sommer-dlrg (aufgerufen am: 20.10.17)
Am Samstag, den 25. November 2017, stellen Die Sportpsychologen zum ersten Mal „Die rote Couch“ (zum Event) auf. Hinter dem mehrbödigen Namen verbirgt sich eine Veranstaltung, die sich sowohl an Sportpsychologen und Mentaltrainer als auch an Vertreter einer Sportart richtet. Zum Auftakt der Barcamp-Eventreihe geht es Ende November in Berlin um das Thema E-Sports. Als Gast freuen sich Die Sportpsychologen dabei insbesondere auf Heike Meier-Henkel. Die Hochsprung-Olympiasiegerin von 1992 in Barcelona arbeitet mittlerweile als Mentaltrainerin und hat sich kürzlich für unsere Veranstaltung angemeldet. Wir haben die Chance genutzt, bei einer der besten deutschen Leichtathletinnen der Geschichte nachzufragen, welche Rolle die Sportpsychologie in ihrer sportlichen Karriere gespielt hat und welche Verbindung sie mittlerweile zur Disziplin hat:
Heike Meier-Henkel, würden Sie heute einer jungen Hochspringerin raten, mit einem Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin dauerhaft zusammenzuarbeiten?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass mentales Training genauso zur Vorbereitung auf Wettkämpfe gehört, wie physisches Training. Wenn Athleten das Gefühl haben, dass sie unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil es im Training besser läuft, würde ich auf jeden Fall empfehlen die Unterstützung eines Sportpsychologen oder Mentaltrainers in Anspruch zu nehmen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, am Ende entscheidet der Kopf. Und hier liegt bei vielen noch ganz viel Potenzial brach.
Wie war dies in den Anfängen ihrer Karriere. Gab es damals den Zugang zu sportpsychologischen Experten?
Zu meiner Zeit gab es das nur vereinzelt und war auch noch nicht so akzeptiert. Eine Trainingskollegin hat sich aber Rat bei einer Sportpsychologin geholt, die ihr Techniken gezeigt hat, wie sie in schwierigen Situation mit ihre Nervosität umgehen konnte. Es hat geholfen. Ich gehörte eher zu den interessierten, habe es aber nie in Anspruch nehmen müssen.
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In der Rückschau: In welchen Momenten Ihrer Karriere hätte Ihnen die Sportpsychologie konkret helfen können?
Mentale Stärke gehörte mit zu meinen Talenten. Trotzdem hat mich das Thema immer wieder interessiert, weil ich mich natürlich gefragt habe, warum Trainingskollegen nie oder nur selten ihr wahres Potenzial zeigen konnten?
Bei mir lief ziemlich viel intuitiv. Wenn ich gemerkt habe mir tut etwas gut, dann habe ich es immer wieder eingesetzt. Außerdem schaut man sich auch einige Dinge bei der Konkurrenz ab. Wenn ich mich nach meinem Olympiasieg wirklich dazu entschlossen hätte, wieder richtig in den Hochleistungssport einzusteigen, dann wäre dies der richtige Zeitpunkt für ein Sportpsychologen gewesen.
Welche Beziehung haben Sie heute zur mentalen Seite des Sports?
Ich habe eine Ausbildung zum Mentaltrainer gemacht, weil ich gerne etwas von meinen Erfahrungen direkt an den Sport weitergeben möchte. Ich sehe so viele talentierte Nachwuchsathleten, die fleißig trainieren, aber das Potenzial von mentaler Stärke noch nicht erkannt haben. Aber auch Trainer können sehr stark vom Wissen eines Sportpsychologe profitieren. Wie schaffe ich es meine Athleten darin zu unterstützen sich zu eigenverantwortlichen Menschen zu entwickeln. Oder wie kann ich als Trainer die Motivation der Sportler fördern. Um nur zwei Beispiele zu nennen.
Am Samstag, den 25. November, sind Sie Gast bei „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ (zum Event). Was versprechen Sie sich von der Veranstaltung und wie viel wissen Sie als Olympiasiegerin im Hochsprung von 1992 in Barcelona – Stand heute – vom E-Sports?
Meine Ausbildung zur Mentaltrainerin und dem dort erlernten Wissen gibt meinen Erfahrungen zwar das nötige Fundament, aber die Sportpsychologie ist ja noch jung und entwickelt sich auch stetig weiter. Und dies gilt auch für mich. Außerdem sind meine persönliche Erfahrung ja nur ein Ausschnitt im Bereich Sportpsychologie. Da wir als Menschen individuell verschieden sind, gibt es auch unterschiedlich Herangehensweisen im Umgang mit Leistung. Von E-Sports habe ich überhaupt noch keine Ahnung. E-Sports ist ja im Gegensatz zum körperlichen Sport sehr Kopflastig. Aber man kann mit Sicherheit viel von E-Sportlern und ihren Erfahrungen eine ganze Menge neues erfahren und lernen. Deshalb finde ich so eine Veranstaltung wie das Sportpsychologie-Barcamp für den gegenseitigen Austausch einfach spannend und wichtig für die Weiterentwicklung.
Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass hier das gleiche gilt wie im physischen Sport. Körper und Geist sind nicht zu trennen. Es muss immer ein Gleichgewicht zwischen beiden vorhanden sein, damit man Leistungsfähig ist und bleibt.