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Jojo Joyner – Mein Warum (#warum fragen wir nicht einfach die besten – Episode 9)

Jojo Joyner stand bis zuletzt vor einer riesigen Entscheidung. Im Herbst war er mit den Schwäbisch Hall Unicorns deutscher Meister geworden. Er hatte sich den so großen Traum erfüllt, stellte sich nun aber die Frage, ob er am Höhepunkt seiner aktiven Karriere nun noch weiterspielen oder als Trainer an die Sideline wechseln soll? Viele unserer Gespräche behandelten dieses nicht zuletzt klassisch sportpsychologische Thema und die Fragen, die sich damit verbinden.

Da ist die Sache mit der Identität, die sich Jojo als Spieler aufgebaut hat. Aber was für eine Art von Trainerpersönlichkeit möchte er eigentlich werden? Was ist sein Warum?

Doch er wusste noch keine Antwort auf diese Frage. Dachte er, bis er mir eine sehr traurige Geschichte aus seinem Leben offenbarte. Eine Geschichte, die sein Leben verändert hat und die er in diesem Text erzählt.

In der Aufarbeitung dieser Geschichte kam ich zu der Überzeugung, dass ich ihm einen Rat geben kann. Ich sagte ihm: “Alles, was du brauchst, ist LÄNGST in dir!”

Jojo Joyners besonderer Gruß (Bild: Sven Grundner)

Dear Monica,

Als ich viereinhalb Jahre alt war, kam mir alles vor wie in einem schrecklichen Hollywoodfilm…

An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich dich stolz machen würde… Ich wusste, würde ich diesen so furchtbaren Tag überstehen, würde es niemanden geben, der mir sagt, ich könne etwas nicht…

Ich war ein Kind der Liebe! Einer großen Liebe zwischen meinem Dad und meiner Mom. Mein Vater, als Amerikaner stationiert in einer Base des US Militärs. Footballspieler in der GFL bei den Munich Cowboys.

Das Leben in Verbindung mit dem American Football wurde mir also quasi in die Wiege gelegt. Als ich in der 1. Klasse die Aufgabe bekam, meinen späteren Berufswunsch zu malen, da malte ich mich als Footballspieler im selben Trikot, welches mein Vater auch trug. Damals war dieser Sport in Deutschland noch kaum bekannt. Aber mit zehn Jahren erlebte ich meinen ersten German Bowl mit. An diesem Tag war mir klar, dass ich selbst als Spieler auch einmal in meinem Leben diesen so besonderen Moment miterleben möchte.

Der stolzeste Vater an der Sideline

Als ich dann meinem Dad irgendwann sagte, ich würde zum Tackle-Football gehen, verbot er es mir zunächst aus Angst, ich könnte mich so schwer verletzten, wie er es einmal tat. Aber ich tat es trotzdem und bei meinem ersten Spiel war er der stolzeste Vater an der Sideline.

Als ich ca. acht Jahre alt war, hat mein Vater wieder geheiratet und meine Schwester ist geboren worden. Als ich 15 Jahre alt war, haben sich die beiden getrennt und wir zogen zurück nach Amerika.

Football war das Zuhause

Ich habe mich so fremd gefühlt. Lediglich Football hat sich für mich immer wie Zuhause angefühlt, ganz egal, wo ich gelebt habe. Auch dort. Damals war ich nicht wirklich begeistert von dieser Entscheidung. Wieder musste ich von vorne beginnen. Neue Freunde, eine neue Schule, neue Regeln und eine neue Umgebung. Ich erinnere mich so gut an meinen ersten Schultag an der Highschool. In der Mittagspause saß ich völlig alleine an einem der vielen Tische. Aber ich konnte Football spielen, also ging ich zum Highschool-Team. In meinem ersten Training warf ich einen 40 yard-Pass. So durfte ich ab diesem Zeitpunkt sofort im Team der Varsity mitspielen. Dort bekam ich auch zum ersten Mal einen richtig harten Tackle vom Starting Cornerback, quasi ein kleiner Willkommensgruß – und ja, es tat höllisch weh.

In dem Moment habe ich mich zum ersten und einzigen Mal gefragt, ob ich das überhaupt möchte. Aber da war dieser Satz in meinem Kopf… und er wurde immer lauter…

There`s no quit!!

Wenn ich recht überlege, war dieser Satz schon immer in meinem Kopf. Im völlig anderen Zusammenhang ist er geboren. In einem Moment, als ich keine andere Wahl hatte. Und es ist der Satz, der mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Ganz besonders in Bezug auf Football war es aber etwas, was mich immer stark gemacht hat.

Also schwor ich mir, immer besser zu werden und so trainierte ich im darauffolgenden Sommer wie ein Verrückter an jedem einzelnen Tag. Im anschließenden letzten Highschool-Jahr spielte ich abwechselnd QB oder WR und bekam sogar am Ende des Jahres eine Auszeichnung als „Player of the year“. Das sogar als QB, was ja immer nur meine zweite Position war, denn im Herzen war ich immer durch und durch ein WR.

College-Rekorde

Von da aus ging mein Weg weiter ans College. Leider erlitt ich direkt in meinem ersten Jahr eine Verletzung und brach mir den Arm. Ein ganzes Jahr musste ich aussetzen. Aber mein Fokus war immer stark. In meinem Comeback-Jahr startete ich in 39 von 40 Spielen. In den darauffolgenden vier Jahren war ich bis auf ein Spiel Starter und noch immer halte ich in fast allen Kategorien eines WR die Rekorde für dieses College.

Es folgte ein Jahr, in dem ich mich entschied, meinen beruflichen Weg ein wenig voranzutreiben. Aber ich vermisste dieses Spiel so sehr. Damals schrieb mir ein alter Freund, ob ich nicht Lust hätte, nach Deutschland zurück zu kommen und mit ihm für seinen Verein die „Franken Knights“ zu spielen? 2010 bin ich dann dieser Bitte gefolgt und begann dort in der GFL 2 zu spielen. Wir verloren nur drei Spiele in der gesamten Saison, aber wir stiegen trotzdem nicht auf. Das war ziemlich bitter, dennoch war es eine super Zeit. Nach der Saison ging es dann zurück in die USA nach Hause, um im nächsten Jahr wieder in Deutschland für die Knights zu spielen. Dieses Jahr haben wir dann total gerockt, nur ein Spiel verloren und sind direkt in die GFL aufgestiegen. Drei Jahre noch habe ich für die Knights weitergespielt und hatte dort eine irre tolle Zeit mit vielen Höhen und Tiefen.

Europameistertitel und Weichenstellung

In dieser Zeit wurde ich auch Teil der deutschen Nationalmannschaft und mit dem Team Europameister. Dort habe ich schon viele meiner zukünftigen Teamkollegen der Schwäbisch Hall Unicorns kennengelernt.

Trotz aller Tiefen bei den Knights wollte ich sie nicht im Stich lassen. Als wir aber in meiner letzten Saison abgestiegen sind, war für mich klar, dass dieser Weg hier zu Ende ist. Zu dieser Zeit war ich nicht sicher, ob ich nicht sogar ganz mit dem Football aufhören würde. Im vorletzten Jahr bei den Knights nämlich ist meine kleine Tochter geboren worden und ich wünschte mir, mehr Zeit mit ihr verbringen zu können. Wenn ich allerdings weiter spielen wollen würde, war mir eines klar: Würde ich den Verein wechseln, wollte ich niemals gegen mein „altes“ Team spielen. Und so wechselte ich in die GFL zu den Schwäbisch Hall Unicorns. Schon einige Jahre vorher hatte Head Coach Jordan Neumann gesagt, wie sehr er sich über meinen Wechsel freuen würde.

Stolzer Moment: Meisterfeier mit Tochter (Bild: Manfred Loeffler)

Von wegen Karriereausklang

An mein erstes Training dort erinnere ich mich gerne. Alle empfingen mich mit offenen Armen, alles war extrem professionell und das gesamte Programm vor Ort gefiel mir sehr gut. Wenn ich ehrlich bin, bin ich damals nur dorthin gegangen, um meine „Karriere“ langsam zu beenden und vielleicht etwas von meinem bisherigen Wissen weitergeben zu können. Aber plötzlich war ich Starter und in meiner ersten Saison kamen wir mit viel Arbeit und Schweiß ins Finale, den „German Bowl“.

Dann folgte die vergangene und meine letzte Saison, in der wir als undefeated Team eine Perfect-Season geschafft haben und am Ende im letzten Jahr dann zur Krönung den German Bowl gegen die Braunschweig Lions gewannen. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Das war alles, für was ich immer gearbeitet habe. Mein ganzes Leben als Footballspieler habe ich auf diesen Moment gewartet. Und jeder Druck und jede Anspannung fiel von mir ab. Alle Dinge, auf die ich verzichtet hatte, für jedes noch so harte Training, für all die Zeit und all die Entbehrungen… ist dieser eine Moment. Auf einmal hat sich alles gelohnt und alles hat einen Sinn.

Schwere Entscheidung

Nach diesem Moment habe ich mich viele Wochen und Monate gefragt, ob ich noch weiter spielen wollte oder, ob ich an die Sideline wechseln wollte? Und ich habe mich entschieden, für die Unicorns der WR Coach zu sein.

Ich bin irre gespannt, wie es plötzlich sein wird, dass all die Rituale, die ich seit so vielen Jahren an einem Spieltag habe, sich doch ändern müssen und werden. Wie so ein Spieltag doch anders ist, aus einer völlig neuen Perspektive heraus. Und es wird viele Dinge geben, die ich extrem vermissen werde. Allerdings bin ich auch sehr zufrieden mit meiner neuen Position und freu mich auf all die neuen spannenden Momente und Erfahrungen, die mich in Zukunft erwarten werden.

Jojo Joyners Ritual (Bild: Name des Fotografen folgt)

Der Gruß in den Himmel

Eines aber werde ich am meisten vermissen! Meine Zeit mit dir! Seit ich denken kann, beginnt bei mir jedes Footballspiel damit, dass ich in die Endzone laufe, dort auf die Knie gehe und mit dir spreche „I´m back again – ich habe die wundervolle Möglichkeit heute den Sport meines Lebens spielen zu dürfen. Bitte beschütze mich und meine Brüder.“ Und auch nach jedem Touchdown gehen meine Hände hoch zu dir und ich danke dir…

…Als ich viereinhalb Jahre alt war, kam mir alles vor, wie in einem schrecklichen Hollywoodfilm.

Mein Dad war die ganze Woche auf Geschäftsreise. Während mein kleiner Bruder und ich mittags in unseren Zimmern schliefen, wurde im gleichen Haus, nur eine Etage darunter, meine Mom Monica kaltblütig ermordet.

Dear Mom,
Du bist mein Warum! Mein Grund warum ich nie aufgeben habe, warum ich immer daran geglaubt habe, dass es nach all dem Dunkel auch wieder Licht in mein Leben gehört. Du und meine Tochter Mia seid der Grund, warum ich jeden Tag versuche, ein besserer Mensch zu sein.
Ein besserer WR und nun ein besserer Coach!

 

 

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Weitere Informationen

All ihr fantastischen Coaches, ihr WR, ihr deutschen Meister, was ist eigentlich euer Warum?

 

Alle Interviews von Miriam Kohlhaas auf einen Klick (8 Beiträge):

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Christian Hoverath: Ran an die Quellen des Selbstvertrauens!

Selbstbewusstsein lässt sich definieren als der Glaube in sich selbst, ein erwünschtes Verhalten erfolgreich ausführen zu können. Es wird durch das jeweilige Umfeld sowie soziokulturelle Faktoren beeinflusst. So haben positive Kommentare von Trainingspartnern oder dem Trainer ohne Zweifel einen positiven Einfluss auf das Selbstvertrauen eines Sportlers, während fehlendes oder gar negatives Feedback das Selbstvertrauen herabsetzen oder untergraben kann. Was müssen Trainer also wissen, um ihre Sportler mit voller Zuversicht in den nächsten Wettkampf, eine wichtige Trainingsphase oder in die kommende Saison zu schicken?

Zum Thema: Wie Trainer die Selbstwirksamkeit ihrer Athleten fördern können

Einen Ansatzpunkt bieten Studien, wie sie von Nelson und Furst bereits 1972 durchgeführt wurden. Sie ließen Probanden im Armdrücken gegeneinander antreten. Bevor die Duelle ausgetragen wurden, maßen sie die Armkraft und teilten dann stärkere Personen deutlich schwächeren zu. Beiden wurde allerdings mitgeteilt, dass die schwächere Person die stärkeren Testwerte erzielt hätte. Erstaunlicherweise gewannen die objektiv schwächeren Personen mehr als 80% der Duelle. Somit sollten auch Trainer ihren Athleten in gesundem Maße Stärke zusprechen und somit deren Erwartungen an ihre Leistung positiv beeinflussen. Wer meinen Text „Selbstvertrauen aufbauen“ noch nicht gelesen hat, kann hier noch einmal tiefer einsteigen: http://www.die-sportpsychologen.de/2018/01/18/christian-hoverath-selbstvertrauen-aufbauen/

Christian Hoverath: Selbstvertrauen aufbauen

Halten wir aber an dieser Stelle auf Basis von Banduras Theorie der Selbstwirksamkeit (1977, 1986, 1997) fest: Selbstwirksamkeit bedeutet, dass jemand die Überzeugung besitzt, dass seine Fähigkeiten ausreichen, um eine Handlung erfolgreich durchzuführen und lässt sich somit als situative Form des Selbstvertrauens sehen.

Quellen der Selbstwirksamkeit

Wie wichtig das situative Selbstvertrauen nicht nur in Wettkampfsituationen ist, haben wir alle schon erlebt. Bedienen wir uns nun also der Theorie der Selbstwirksamkeit, um die sechs Quellen ausfindig zu machen und daraus optimales Trainerverhalten abzuleiten:

Leistungen vergangener Wettkämpfe sind die stärkste Quelle. Gute Ergebnisse fördern die Selbstwirksamkeit, was in der Folge die Leistung in weiteren Wettkämpfen verbessert. Trainer können ihre Sportler fördern, indem sie sie durch schwierige Übungen führen, die in der folgenden Auswertung positiv bestärkt werden und somit an der Selbstwirksamkeit ansetzen. Auch veränderte Rahmenbedingungen im Training (wie eine verkleinerte Wechselzone) können subjektive Erfolge bewirken. Zudem sollten Trainer ihren Athleten Tabellen oder Aufzeichnungen über Leistungsfortschritte bereitstellen und somit ihre Fortschritte deutlich machen. Tipp: Stellen Sie Ihren Sportler_Innen doch die Entwicklung ihrer 10km-Bestzeiten grafisch aufbereitet zur Verfügung.

Stellvertretende Erfahrungen helfen, neue Skills zu lernen. Insbesondere Sportler, die keine Erfahrung mit bestimmten Übungen haben und bei der Bewertung ihrer Leistung auf andere angewiesen sind, können hier profitieren. Dieser Prozess ist vierstufig zu sehen:

– Aufmerksamkeit,
– Speicherung im Gedächtnis,
– motorische Reproduktion,
– Motivation.

Sportler müssen ihre volle Aufmerksamkeit dem Modell widmen. Gute Trainer helfen auf einige wenige Schlüsselstellen zu konzentrieren, demonstrieren einige Male und lassen ihre Sportler genau wissen, worauf sie achten sollen. Diese Züge sollten dann im Gedächtnis behalten und bearbeitet werden, wozu sich insbesondere mentale Trainingstechniken und Visualisierungsübungen eignen, sowie die verbale Wiederholung der Schlüsselstellen. Um die muskulären Handlungen im motorischen Gedächtnis zu speichern, ist es zudem wichtig, die Übung selbst durchzuführen. So kann der Schwimmer die Rollwende theoretisch aus dem FF beherrschen. Wenn er jedoch nicht weiß, an welcher Stelle er sie bei seiner Physiognomie einleiten sollte, wird er sie nicht perfektionieren können. Für den Trainer ist es wichtig, die Techniken zu optimieren, die auf die Übung hinlaufen und die notwendige Trainingszeit bereitzustellen. Motivation als finaler Aspekt beeinflusst die genannten Punkte. Trainer sollten positiv bestärken, auf Fortschritte hinwiesen und positive Kommunikation vermitteln.

Verbale Überzeugung wie „Du bist ein guter Läufer. Bleib dran, dann wirst du den Erfolg auch im Triathlon abrufen können“, kann ebenso effektiv sein wie der Hinweis an einen erkälteten Athleten, „Ruh dich aus und werde nicht verrückt. Die Tage machen nichts aus.“ Diese Art der Gesprächsführung kann dazu beitragen, Selbstwirksamkeit zu fördern (Weinberg, Gould & Jackson, 1979). Als Trainer können Sie auf negative Gespräche und Kommentare des Athleten achten und diese relativieren sowie ihre Athleten unterstützen, sie positiv umzuformulieren. Dazu können die Gedanken als rote Gedanken aufgeschrieben und als grüne Gedanken neu formuliert werden.

Visualisierungen sind ein probates Mittel. Der Schlüssel für den Selbstwert ist es, sich erfolgreich in zukünftigen Situationen des Trainings oder des Wettkampfs zu versetzen. Als Trainer können Sie unterstützen, indem Sie Zeit für das mentale Training einräumen und beispielsweise den Wechsel im Koppeltraining mental durchlaufen lassen oder dem Athleten Zeit geben, Erfolge zu visualisieren.

Physische Erregung kann von Sportlern als Nervosität wahrgenommen werden oder auch als Zeichen dafür, bereit für die kommende Situation zu sein. Wie zu erwarten, weisen die Sportler, die physische Erregung als positives Zeichen wahrnehmen, höhere Selbstwirksamkeit auf. Diese Wahrnehmung lässt sich glücklicherweise trainieren. Sie können dem Sportler helfen, indem Sie ihn darauf hinweisen, dass Erregung dazugehört, normal ist und all ihren Athleten widerfährt.

Ähnlich verhält es sich mit emotionalen Zuständen. Sportler, die sich als müde und energielos wahrnehmen, werden sich auch nicht als wirksam erleben, wohingegen Sportler, die sich wach und energiegeladen fühlen, eine Steigerung ihrer Selbstwirksamkeit erreichen. Emotionsregulation lässt sich lernen und kann dann leicht über Atementspannungs- oder Aktivierungsübungen der gewünschte Zustand erreicht werden.

Wie sehen Sportler ihre Trainer und wie sollten Trainer ihre Rolle untermauern?

Natürlich ist es auch wichtig darauf zu schauen, welche Aspekte Sportler nennen, die ihre Trainer als besonders wirksam wahrnehmen. Eine Übersicht bieten Boardley, Kavussanu und Ring (2008):

• Die Trainer können ihre Athleten motivieren, sich zu verausgaben und sie zu größerer Leistung anspornen. Wichtig ist es jedoch gleichzeitig, den Fokus auf den Spaß am Sport zu setzen und die gesammelten Erfahrungen ins Gedächtnis zu rufen.

• Als wirksam erlebte Trainer helfen den Sportlern sich technisch weiterzuentwickeln. Sie haben die Technik im Blick und sind an Verbesserung interessiert.

• Persönlichkeitsentwicklung wird ebenfalls von den Athleten genannt. Dabei ist prosoziales Verhalten für die Sportler besonders wichtig.

Und wie sieht das ideale Trainerbild aus? Trainer, die sich als wirksam erleben, besitzen eine hohe emotionale Intelligenz und verfügen über Strategien, um ihre Emotionen zu kontrollieren – es lohnt sich also doppelt Zeit in das Erlernen von Emotionsregulation zu investieren. Auch für einen Trainer können Atementspannungsübungen oder Achtsamkeitsübungen einen wichtigen Entwicklungsschritt bedeuten.

Fazit

Haben Sie also einen Sportler an der Hand, der Probleme mit dem Selbstvertrauen hat, dann sind Ihnen beim Lesen des Textes wahrscheinlich Ideen in den Sinn gekommen, die sie ausprobieren möchten. Erinnern Sie Ihren Sportler an vergangene Erfolge, lassen Sie ihn diese mit möglichst vielen Sinnen nachspüren. Zeigen Sie ihm seine Entwicklung auf und ermutigen Sie ihn, dass Durststrecken normal sind. Es ist schwer, wenn man sich in einer solchen Situation befindet. Irgendwann enden sie jedoch alle.

Wenn Sie sich als Sportler ein anderes Verhalten von Ihrem Trainer wünschen, dann ist dies vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, Ihre Wünsche mit ihm zu besprechen. Nehmen Sie diesen Text und gehen Sie auf ihn zu.

Wenn weitergehende Expertise gefragt ist: Kontaktieren Sie uns, wir helfen gern! Hier geht es zum Profil von Triathlon-Experte Christian Hoverath und seinen Kollegen und Kolleginnen von Die Sportpsychologen aus Deutschland, Österrecih und der Schweiz:

Nach Sportarten

Literatur:

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice–Hall.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Boardley, I., Kavussanu, M. & Ring, C. (2008). Athletes’ perceptions of coaching effectiveness and athlete-related outcomes in rugby-union: An investigation based on the coaching efficacy model. The Sport Psychologist, 22, 269-287.

Nelson, L. & Furst, M. (1972). An objective study of the effects of expectation on competitive performance. Journal of Psychology, 81, 69-72.

Weinberg, R.S., Gould, D. & Jackson, A. (1979). Expectancies and performance: An empirical test of Bandura’s self-efficacy theory. Journal of Sport Psychology, 1, 320-331.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: The winning mindset

Die «Winnermentalität» langfristig aufbauen! Mit dem Ziel, dieses spannende Thema aus Sicht der angewandten Sportpsychologie einem breiten Publikum näher zu bringen, bin ich kürzlich an die Kantonsschule Romanshorn gereist. Nach dem Vortrag sprach mich ein talentierter und offensichtlich sehr interessierter 16-jähriger Volleyballspieler an, bedankte sich artig und fragte: „Wie nur bringe ich das meinem Trainer bei?“

Zum Thema: Die langfristige Entwicklung einer „Winnermentalität“

Ich sehe es als eine zentrale Aufgabe, als Notwendigkeit gar, dass sich die Angewandte Sportpsychologie in der Öffentlichkeit zeigt, über Inhalte und Arbeitsweisen informiert und so ihre Expertise einem breiten Sportpublikum zugänglich macht. So geschehen am 13. März 2018 im ländlichen Romanshorn.

An dieser klassischen Kantonsschule mit gymnasialer Matura findet sich im Ausbildungsprogramm eine besondere Trouvaille: die Matura Talenta. Es handelt sich dabei um ein Bildungsangebot für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die besondere intellektuelle Begabungen haben oder auf hohem Niveau sportlich oder künstlerisch-musisch aktiv sind. Die Kantonsschule wird geleitet von Stefan Schneider, einem Sportlehrer und –experte mit eigener Spitzensport-Vergangenheit.

Psychoedukation ist wichtig!

Mein Vortragsziel war, den rund 120 anwesenden Schülerinnen, Eltern und Trainer praxisnahe „Psychoedukation“ zu vermitteln. Ich wollte Denksanstösse geben, eine differenzierte Sichtweise auf das Thema ermöglichen und die Anwesenden mit Ideen zur individuellen Umsetzung in die Praxis auf den Nachhauseweg entlassen.

Das Thema „Winning mindset im Leistungssport“ ist gleichermassen spannend wie tückisch. Eine Gefahr besteht unter anderem darin, sich allzu sehr auf populärwissenschaftliche Exkurse einzulassen – eine andere, sich in der Weite des Themas zu verlieren. Trotzdem: Aus Sicht der Sportpsychologie bejahe ich die „Existenz“ eines psychologischen Konstrukts, das wir als »Winnermentalität« bezeichnen. Im Kern dieses Ansatzes steht die Annahme einer variablen, lernfähigen und nicht primär den Genen zuzuschreibenden „Mentalität“, die aus individuellen Denkweisen, Haltungen und Einstellungen gespiesen wird (vgl. u.a. Dweck 2006; 2012). In der sportpsychologischen Anwendung verbinde ich diese Theorie gerne mit dem Modell der Karrierentwicklung (vgl. Wylleman & Lavallée, 2004) und weiteren ganzheitlichen Ansätzen im Bereich der Umfeld- und Talententwicklung (vgl. Henriksen et al., 2010) sowie des Mentalen Trainings (vgl. Gubelmann, 2004). Aus meiner Sicht als angewandt tätiger Sportpsychologe stehen die Vorzeichen im Prozess der langfristigen Entwicklung eines „winning mindsets“ dann besonders gut, wenn folgende Grundgedanken konsequent verfolgt werden:

  • Förderung eines positiven Selbstbildes und Selbstbewusstseins;
  • Lernförderlicher Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen;
  • Entwicklung von mentaler Stärke, insbesondere von emotionaler Robustheit.

Take home messages

An ausgewählten Beispielen versuchte ich schliesslich exemplarisch aufzuzeigen, wie eine praktische Umsetzung dieser drei Grundgedanken aussehen könnte. Die Erkenntnisse hieraus sind in folgenden „take home messages“ zusammengefasst:

  • Breite sportliche Förderung, keine wettkampforientierte Frühförderung
  • Unterstützung zur Selbständigkeit;
  • Gradmesser „emotionale Stabilität“ vermehrt beachten
  • Umsichtige Betreuung in der Niederlage oder in anderen Krisensituationen (z.B. Verletzungen);
  • Kompetente und vertrauensvolle Begleitung in der Umfeldbetreuung;
  • Elterncoaching;
  • Geeignete sportpsychologische Intervention prüfen.

Ein Hinweis an junge Kolleginnen und Kollegen im Feld der Sportpsychologie: Mit solchen Referaten verdient man monetär wenig, umso grösser und wichtiger ist der Gewinn an Sympathie, Goodwill – und wichtigen Netzwerkkontakten! Längerfristig entwickelt sich so jenes Netzwerk, das später eine Selbständigkeit im Berufsfeld ermöglichen wird. Darum galt für mich zu Beginn meiner beruflichen Karriere als Sportpsychologe immer: jede Vortragsmöglichkeit annehmen und einen qualitativ möglichst hochwertigen Beitrag liefern!

Interesse an mehr Informationen?

PS: Wer sich für die Inhalte meines Referats oder gar für jene Ideen interessiert, die ich dem Nachwuchs-Volleyballspieler mitgegeben habe, kann sich ungeniert bei mir melden! h.gubelmann@die-sportpsychologe.ch

Dr. Hanspeter Gubelmann: Winning mindset im Leistungssport (Vortrag)

 

Quellen:

Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. New York: Random House.

Dweck, C. S. (2012). Mindset: How you can fulfill your potential. Constable & Robinson Limited.

Gubelmann, H. (2004). Ein Fall für den Sportpsychologen? Über Themen, Aufgaben und Integration der psychologischen Intervention im Schweizer Spitzensport. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 52 (2), S.49-53.

Henriksen, K., Stambulova, N. & Roessler, K.K. (2010). Holistic approach to athletic talent development environments: A successful sailing milieu. Psychology of Sport and Exercise 11(3): 212-222.

Wylleman, P., Lavallee, D. (2004). A developmental perspective on transitions faced by athletes. In M.Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A life span perspective (pp. 507-527). Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

Homepage Kantonsschule Romanshorn: https://www.ksr.ch/gymnasiale-maturitaetsschule/matura-talenta.html/3345

Bericht: https://www.ksr.ch/news.html/1337/news/31455

Handout Vortrag Romanshorn (auf Anfrage)

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Dr. René Paasch: Wenn Nachwuchsfußballer den Traum der Eltern leben

Fußballprofi – der Traum vieler Nachwuchskicker. Manche Eltern projizieren ihre Träume auf ihre Söhne und Töchter. „Mein Kind soll schaffen, was ich nicht geschafft habe“, wünschen sich „gescheiterte“ Eltern, die ihr Kind sehr stark als Teil ihrer selbst betrachten.

Zum Thema: Psychologische Projektion im Nachwuchsfußball

Unter Projektion versteht man einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z.B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen zugeschrieben werden. Projektion ist somit das Verfolgen eigener Wünsche in anderen. Eddie Brummelman und Team (2013) von der Universität Utrecht ermittelten in diesem Zusammenhang mit Hilfe eines bereits etablierten Fragebogens, ob die Eltern ihre Kinder sehr stark als Teil ihrer selbst betrachten oder eher als eigenständige Persönlichkeiten. Vor allem Eltern, die Kinder stark als Teil ihrer selbst sahen, wünschten, dass ihre Kinder die eigenen Träume wahr machen. Dieser Zusammenhang ergab sich allerdings nur dann, wenn die Eltern zuvor mit ihren eigenen unerfüllten Wünschen konfrontiert worden waren.

Die Forscher schränken ein, dass die Zahl ihrer Studienteilnehmer noch nicht sehr hoch sei und dass ein Großteil der Befragten (89 Prozent) Mütter waren. Weitere Untersuchungen müssten die Zusammenhänge bestätigen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung könnten möglicherweise das Verhalten von Müttern oder Vätern erklären, die ihre Kinder auf den Sportplatz treiben (Brad Bushman, 2013).

Bedenkliche Entwicklung im Nachwuchsfußball

Aus meiner eigenen Erfahrung als Trainer und Sportpsychologe kann ich die Grundaussage aber bestätigen: Man stößt immer wieder auf die Geschichten, in denen Eltern die Karriere viel mehr wollen als die Kinder. Sie machen eine erfolgreiche Laufbahn dadurch schon kaputt, bevor sie überhaupt begonnen hat. Kinder von Eltern, die gelassen mit der möglichen Sportler-Karriere umgingen, kämen in der Regel am weitesten. Fußball-Nationalspieler Thomas Müller ist dafür ein gutes Beispiel. Seine Eltern hätten ihn nie unter Druck gesetzt. „Das war völlig wurscht, ob der jetzt kickt oder nicht, man sieht ja, was aus ihm geworden ist.“

Mein regelmäßiger Austausch mit Jugendtrainern deutet derweil eine bedenkliche Entwicklung an. Eltern greifen immer mehr direkt ins Spiel ein, geben dem eigenen Kind Anweisungen und beschimpfen Gegner oder Schiedsrichter. Sie projizieren ihre Erwartungen und ihren eigenen Ehrgeiz auf ihre Kinder. Die Aufgabe bei allen Formen der Projektion lautet, die projizierten Anteile als solche zu erkennen und wieder ins eigene Ich zu integrieren. Wie das geht, möchte ich Ihnen in den nun folgenden Abschnitt erläutern.

Rücknahme Projektion

Wenn wir im Außen nach Schuldigen suchen oder im speziellen fall unsere Träume auf unsere Kinder übertragen, machen wir uns zu Opfern und belasten unnötig unsere Kinder. Als Opfer oder Elternteil ist man im Re-aktions-Modus und damit abhängig. Wenn ich diese Projektion zurücknehme und meine eigene Verantwortung für mich übernehme, komme ich in ein aktives Gestalten meiner Wirklichkeit. Die Aufgabe bei allen Formen der Projektion lautet, die projizierten Anteile als solche zu erkennen und wieder ins eigene Ich zu integrieren. Theoretisch leicht zu verstehen, in der Praxis oft ein langer Weg. Hinter dem Mechanismus Projektion steckt immer Schatten. Es gilt also aufmerksam zu sein, genau zu beobachten und auch die Schattenseite zu beleuchten. In dem Augenblick, in dem man die eigenen Projektionen aufdeckt, wächst man als Mensch und man wird stärker und flexibler. Deswegen möchte ich Sie heute dazu einladen, sich auf die Suche nach Ihren Projektionen zu machen. Stellen Sie sich doch öfter mal die Fragen:

  • „Was hat das eigentlich mit mir zu tun?“
  • „Werfe ich meinem Jungen/Mädchen gerade vor, was ich selbst in mir trage oder sogar lebe?“
  • „Werfe ich meinem Jungen/Mädchen etwas vor, was ich mir selbst nie erlaubt habe?“
  • „Werfe ich meinem Jungen/Mädchen etwas vor, dass er/sie etwas hat oder kann, was ich nicht habe oder kann?“

Die Persönlichkeitsentwicklung und eine Portion Mut 

Solche Fragen zu stellen, erfordert Mut. Aber das ist es ja, was Persönlichkeitsentwicklung ausmacht. Den Mut zu haben, sich selbst besser kennenzulernen, auch wenn es manchmal weh tut. Denn das ist ein Schritt in Richtung emotionaler Freiheit für Sie und Ihren Jungen bzw. ihr Mädchen. Nach erfolgreicher Projektion, machen Sie doch als Eltern versuchsweise auch mal einen langen Hals, wie die Giraffe. Giraffe? Ja, Giraffe!

Die Giraffe hat einen langen Hals und kann von der Höhe aus gut beobachten und andere Tiere warnen. Sie hat das größte Herz aller Landtiere, welches für Mitgefühl und Liebe steht. Sie lebt friedvoll und hat kaum Feinde. Sie schafft Verbindung zu uns selbst, zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen, sowie zu den Gefühlen und Bedürfnissen unserer Kinder. Empathie ist die Grundvoraussetzung für einen konstruktiven Umgang. Wir sagen unseren Kindern was uns stört, ohne ihnen weh zu tun. Wir versuchen, unsere Kinder zu verstehen und hören mit unserem ganzen Herzen zu, ohne Manipulation, Bestärkungen,  Vergleiche oder Bewertungen einfließen zu lassen. Wir sind im Hier und Jetzt! Es gibt keine Schuld! Wir übernehmen die Verantwortung für unser Denken, Fühlen und Handeln! Ich sage, was ich fühle. Ich sage deutlich, was ich mir wünsche.

In drei Schritten zu einer empathischen Haltung!

Im Zuge der Rücknahme von Projektionen zur besseren elterlichen Beziehung, biete ich Ihnen nun drei Schritte an, um von einer moralisch-wertenden zu einer empathischen Haltung zu gelangen:

  • Beobachten Sie, ohne zu bewerten. Vermitteln Sie Ihrem Jungen/Mädchen einen Umgang mit Schwierigkeiten, der allein auf wahrnehmbaren Tatsachen beruht. (Was habe ich wahrgenommen? Was hat mein Junge wahrgenommen?)
  • Eigene und fremde Gefühle erkennen. (Wie fühle ich mich oder mein Junge?)
  • Bedürfnisse. (Was ist mir wichtig? Welche Bedürfnisse sind erfüllt oder unerfüllt? Gilt Gleiches für meinen Jungen/mein Mädchen?)

Mit den oben genannten Fragen, bekommen Sie einen schnellen Zugang zur Entstehung von Gefühlen und der Bedeutung von Bedürfnissen, die Ihnen als Elternteil im Gesamtkonzept der elterlichen Erziehung behilflich sein können.

Fazit

Gehen wir zurück in die Vergangenheit, zu dem Punkt, an dem das Kind mit Fußball beginnt. Lassen wir nicht die Kleinen unsere eigenen Träume verwirklichen, sondern lernen wir, mit den Grenzen zu leben, die uns unsere Lebenszeit aufzeigt. Die Kinder machen uns das vor. Wenn wir sie lassen. Wertschätzende und zielgerichtete Kommunikation kann uns in vielen Situationen als Eltern helfen, unsere Anliegen so zu formulieren, dass sich niemand verletzt, manipuliert oder angegriffen fühlt und auf sachlicher Ebene eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann.

 

Mehr zum Thema:

Cristina Baldasarre: Frühförderung im Kinderleistungssport – Wieviel ist genug?

Thorsten Loch: Wie Trainer die Konzentrationsleistung fördern können

 

Literatur

Brummelman, E., Thomaes, S., Slagt, M., Overbeek, G., Orobio de Castro, B., & Bushman, B. J. (2013). My child redeems my broken dreams: On parents transferring their unfulfilled ambitions onto their child. PLOS ONE, 8, e65360. Online: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0065360

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Lorraine Huber im Interview mit Mila Hanke (exklusiv vor dem Freeride World Tour-Finale): „Wenn ich mich auf ein Lernziel konzentriere, ergeben sich die Resultate von selbst“

Lorraine Huber gewann 2017 die Freeride World Tour (FWT) der Ski Damen – die Weltmeisterschaft der Freerider. Seit Jahren fährt die 37-jährige Österreicherin aus Lech am Arlberg ganz vorne in der Weltspitze mit. Wer die Wettkampfbedingungen nicht kennt: Die Teilnehmer dürfen den zu fahrenden, mit Felsklippen durchsetzten und meist sehr steilen Tiefschneehang nur von gegenüber per Fernglas besichtigen, um sich vorab eine möglichst spektakuläre Abfahrtslinie zu überlegen. Einen Trainingslauf gibt es nicht. Für den Wettkampf werden die Fahrer und Fahrerinnen per Helikopter oben am Startpunkt abgesetzt und müssen dann die Linie ihrer Wahl möglichst schnell, flüssig, mit tiefen Klippensprüngen, Tricks und sauberen Landungen abfahren. Judges bewerten den „run“ nach einem Punktesystem. Derjenige mit der höchsten Gesamtpunktzahl aus fünf weltweit verteilten Contest gewinnt den Weltmeistertitel.

Seit Januar steht Lorraine Huber in der FWT 2018 unter dem Druck, ihren Vorjahrestitel zu verteidigen. Die ersten drei von fünf internationalen Contests liefen nicht wie erhofft, Lorraine lag danach nur auf Platz acht der Gesamtwertung. Beim Contest im Österreichischen Fieberbrunn am 10. März musste ein Knoten platzen, um doch noch unter die besten Sechs und damit ins Finale am 31. März in Verbier einzuziehen. Und dieser Knoten platzte: Lorraine siegte in Fieberbrunn und schaffte als Gesamtvierte doch noch den Sprung ins Finale (siehe Video des Runs unten). Auch aufgrund ihrer mentalen Vorbereitung.

Im Interview mit Journalistin und Sportpsychologin Mila Hanke verrät sie, welche Mentaltechniken ihr wann am meisten helfen. Außerdem interessant: Weil Lorraine die mentale Stärke im Ski-Sport so wichtig ist und sie auch andere Sportler in dieser Fähigkeit unterstützen möchte, absolviert sie gerade ein Masterstudium zum Mentalcoach an der Universität Salzburg. www.lorrainehuber.com

Fotoquelle: Zoya Lynch

 

Lorraine, wie wichtig ist der „mentale Faktor“ in deinem Sport?

Beim Freeriden ist er enorm wichtig. Es wäre aber ein Trugschluss zu denken, dass innere Stärke ausschließlich im Kopf, also durch die richtigen Gedanken entsteht. Je besser mein Training in der Saisonvorbereitung lief, je stärker ich körperlich bin, je ausgeruhter ich mich fühle, je mehr ich meinem Material vertraue usw., desto stärker bin ich auch im Kopf. Körper und Geist hängen eben immer zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.

Von welcher sportpsychologischen Methode hast Du bisher am meisten profitiert?

Von ideomotorischem Training, auch Visualisierungstraining genannt. Vor jedem Wettkampf stelle ich mir meine geplante Abfahrtlinie im Detail vor, vom Start bis ins Ziel. Und zwar aus meiner eigenen Perspektive. Beim Freeriden ist das enorm wichtig, da wir den zu fahrenden Hang nur von gegenüber „besichtigen“ können und es keine Trainingsläufe gibt. Du fährst also oft für dich komplett neues Gelände. Vorab stelle ich mir nicht nur das Gelände vor, wie es aus meiner Perspektive aussehen wird – die Rinnen des Hanges, die Felsen, die ich umfahren muss, die Klippen, die ich springen will, die Landeflächen usw. – , sondern auch das Rundherum am Contest-Tag: das Geräusch des Helikopters, der uns oben am Berg absetzt, die Atmosphäre am Start während des Wartens, meine Empfindungen direkt im Start-Gate – so lebendig wie möglich und mit allen Sinnen. Wenn ich die Bilder im Kopf mit den Emotionen verbinden kann, die ich an den verschiedenen Orten und Zeitpunkten im Wettkampf empfinden möchte, dann ist die Wirkung dieser Mentaltechnik umso stärker.

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Weitere Informationen

Seit Beginn der Free Ride World Tour 2018 im Januar stehst du unter dem Druck, deinen Weltmeistertitel vom letzten Jahr zu verteidigen. Der Saisonstart lief aber nicht so gut und bis zu deinem Sieg in Fieberbrunn sah es sogar aus, als würdest du es nicht ins Finale schaffen. Wie gehst du mit hohem Leistungsdruck um?

Dabei hilft mir die richtige Zielsetzung. Ich konzentriere mich voll und ganz auf mein Skifahren – also wie ich technisch fahren möchte – und nicht auf das Resultat, das ich erzielen will. Es ist gut, eine übergeordnete Vision wie einen Weltmeistertitel zu haben, um Zugkraft zu generieren und Ressourcen zu fokussieren. Aber während meiner Wettkampfsaison hilft es mir enorm, den Fokus auf kleinere Teilziele zu lenken, bis hin zu dem, was ich am Wettkampftag frühstücke oder wie ich mich aufwärme. Ganz wichtig ist für mich zudem, bei jedem Contest neben einem Leistungsziel auch ein Lernziel vor Augen zu haben – wie zum Beispiel einfach Spaß zu haben, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, von Konkurrentinnen dazuzulernen. Wenn ich mich auf das Lernen und meine persönliche Entwicklung konzentriere, dann ergeben sich die Resultate von selbst. Diese Lernziel-Perspektive war auch ein wichtiger Baustein dafür, dass ich trotz des Rückstandes fokussiert und motiviert geblieben bin, den Contest in Fieberbrunn gewonnen und es doch noch ins Finale geschafft habe.  

In deinem Risikosport könnte ein Fehler schwere Verletzungen mit sich bringen oder sogar tödlich sein. Was hilft Dir, mit Ängsten umzugehen?

Beim Freeriden wie auch bei anderen Sportarten hilft es zunächst, Gefühle der Angst zu differenzieren: Wovor genau habe ich Angst? Sind es Ängste rund um die eigene Gesundheit? Und/oder Versagensängste? Und/oder Zukunftsängste? Wenn ich zum Beispiel Versagensängste empfinde, bin ich meist blockiert, was dazu führt, dass ich sehr verhalten bzw. verkrampft Ski fahre. Indem ich sportpsychologisch daran arbeite, verschiedene Eigenschaften in mir aufzubauen oder zu stärken (zum Beispiel mehr Mut, mehr Entschlossenheit), kann ich mich selbst von einem blockierten in einen mutigen Zustand verändern. Bestimmte Eigenschaften stärke ich unter anderem durch diszipliniertes Denken (unterstützende Wörter, Sätze und Bilder durch meinen Kopf gehen lassen) sowie diszipliniertes Verhalten (unterstützende Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke). Dabei gibt es eine Vielzahl an mentalen Techniken, die ich einsetze. Ein Beispiel für diszipliniertes Denken wäre, mir in einer angstauslösenden Situation nicht innerlich zu sagen: „Boah, das ist ja brutal steil! Wenn das jetzt schief geht…“. Sondern mir zuzusprechen „Ich habe mich bestmöglich vorbereitet, um eine Passage wie diese zu meistern. Ich schaffe das!“

Welche Mentaltechniken nutzt du sonst noch in einem Wettkampf?

Wenn ich oben am Start stehe, muss ich „vom Kopf“ – also von der ganzen akribischen Planung und Analyse vorab – „in meinen Körper“ kommen. Nur dann gelange ich bei der Abfahrt wirklich in einen Flow-Zustand. Mittlerweile funktioniert das bei mir sehr schnell über eine Routine aus Körperreizen. Zum Beispiel vor dem Start die Oberschenkel abklopfen, Fäuste ballen, tiefes Ein- und Ausatmen, in die Hände klatschen. Dann lenke ich meinen Fokus auf das Hier-und-Jetzt und bin auch körperlich aktiviert und „ganz da“, um meine Leistung genau jetzt, in den folgenden Minuten, erbringen zu können.

 

Interview: Mila Hanke, zur Profilseite von Mila Hanke
Fotoquelle: Zoya Lynch

Mila Hanke

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Mario Schuster: Optimales Motivationsklima. Was Führungskräfte aus der Sportpsychologie lernen können!

Gewinnen um jeden Preis? Trainer und Führungskräfte, welche dieses Motto in den Himmel loben, werden früher oder später lernen müssen, Frustration und Misserfolge zu verdauen. Zwar herrscht im Hochleistungssport nach wie vor die Dualität von Sieg und Niederlage, doch bevor es um das Gewinnen geht, sollten zunächst die Hausaufgaben erledigt werden. Und dazu zählt vordergründig die Entwicklung der Fähigkeiten der AthletInnen bzw. der Kompetenzen der MitarbeiterInnen. Umso wichtiger ist es für Führungskräfte, ein Motivationsklima mitzugestalten, in welchem sich die MitarbeiterInnen des Unternehmens optimal entwickeln können. Denn: Der Weg führt zum Ziel!

Zum Thema: Das Konzept Motivationsklima in Wirtschaft und Sport

Sehr plakativ hatte ich vor Jahren die persönliche Erfahrung gemacht, als Mitarbeiter in einer größeren Abteilung in einem internationalen Konzern Teil eines intensiv gelebten konkurrenzorientierten Arbeitsklimas zu sein. Zwar kann dies zu einem gegenseitigen Ansporn und zu einem Motivationsschub führen, um die KollegInnen leistungsmäßig zu übertrumpfen, jedoch hat die Ellbogenmentalität auch Nebenwirkungen, welche für Unternehmen als auch für die Beteiligten langfristig sehr teuer werden können.

So war ich auch selbst über mehrere Jahre hinweg ein Mitarbeiter mit Projektverantwortung in einem internationalen Konzern. Bereits damals habe ich mich auch intensiv mit Organisationsstrukturen sowie Führungsstilen und deren Wirkungen auf die Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter beschäftigt. Vor allem in Projektteams mit komplexeren Aufgaben und hohen Anforderungen an den Informationsfluss wirkt ein übermäßig konkurrenzorientiertes Arbeitsklima tendenziell kontraproduktiv.

Das Motivationsklima in der Psychologie

Neben der Sportpsychologie beschäftige ich mich im Rahmen meines zweiten beruflichen Standbeins, der Arbeitspsychologie, auch sehr intensiv mit Führungsfragen, Teams und Organisationsstrukturen. Vor allem im IT-Bereich bin ich wiederholt mit High-Performance-Teams konfrontiert. Doch nicht nur in High-Performance-Teams, sondern auch im normalen Arbeitsalltag spielt das Arbeitsklima eine große Rolle für einen positiven organisationalen Output (Leistung, Motivation und Zufriedenheit). Eine besondere Möglichkeit, das Arbeitsklima zu messen und zu gestalten, funktioniert über das Konzept Motivationsklima. Ein Konzept, welches auch die Grundlage meine erste Masterarbeit war.

Mario Schuster

Individuelle Ansätze zur Zielorientierungs-Motivation

Der Ansatz des Motivationsklimas lässt sich auf Nicholls (1984) zurückführen, welcher zunächst die Zielorientierungtypen Aufgabenorientierung (engl. task involvment) und Ego-Orientierung (engl. ego involvement) konzipiert hat.

In Bezug auf die Auswahl des Schwierigkeitsgrads wählen Personen bei hoher Aufgabenorientierung überdurchschnittlich schwere Aufgaben. Bei einer hohen Ego-Orientierung wird der Schwierigkeitsgrad jedoch hinsichtlich der persönlich wahrgenommenen Fähigkeiten im sozialen Vergleich ausgewählt. Daher ist in Bezug auf die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten eine Förderung der Aufgabenorientierung (Nicholls, 1992) klar zu bevorzugen.

Das Trainingsklima auf Gruppenebene

Während sich die Zielorientierung auf einzelne AthletInnen bezieht, zeigt das motivationale Trainingsklima die von den einzelnen Akteuren wahrgenommene Motivationsstruktur der Sportmannschaft (vgl. Ames & Archer, 1988; Ames, 1992; Nicholls, 1984; 1992; Seifritz, Duda & Chi, 1992). Dabei unterscheidet sich das motivationale Trainingsklima in den Ausprägungen aufgabenorientiertes Trainingsklima (engl. mastery climate) und wettkampforientiertes Trainingsklima (engl. performance climate).

Grafik 1: Gegenüberstellung von Aufgaben- und Wettkampforientierung auf individueller als auch auf Gruppenebene (Grafik: Mario Schuster)

Frühe Studien beschäftigten sich vor allem mit der Wirkung eines Motivationsklimas an Schulen (Ames & Archer, 1988). Dabei zeigte sich, dass sie ein aufgabenbezogenes Motivationsklima (engl. mastery goal orientation) positiv auf eine effizientere Anwendung von Lernstrategien, eine Tendenz zu Herausforderungen, die Einstellung zur Schulklasse und auf den Glauben, dass Anstrengung zu Erfolg führt, auswirkt. Demgegenüber verstärkt eine wahrgenommene Wettkampforientierung (engl. performance goal orientations) die Beurteilung der eigenen Fähigkeiten im sozialen Vergleich, die Tendenz, die eigenen Fähigkeiten negativ zu bewerten und die Ursachenzuschreibung von Misserfolgen auf mangelnde Fähigkeiten.

Wettkampfbezogenes Trainingsklima

Hinter der Ego-Orientierung (individuelle Ebene) bzw. einem stark ausgeprägten Wettkampfklima (performance climate; Gruppenebene) besteht der Wunsch nach sozialer Anerkennung. Bei der Ego-Orientierung bewerten die AthletInnen die eigene Leistung im Vergleich mit anderen Personen. Dies führt dazu, dass die tatsächliche erbrachte Leistung (z.B. Heribert hat ein Tor geschossen) an Wert verliert und der Rang der Leistung (z.B.:  „Christian hat zwei Tore geschossen!“) innerhalb der Vergleichsgruppe an Bedeutung gewinnt.

Wie die Auswertung meiner ersten Masterarbeit auch zeigt, lohnt sich ein Blick auf die Details. So zeigte sich, dass ein hoch ausgeprägtes Wettkampfklima einen positiven Einfluss auf die Wahrgenommene Anerkennung der exzessiven Verausgabungsbereitschaft, die Wahrgenommene Anerkennung des Einsatzwillens und Investition in das Besondere hat (Schuster, 2011). Dies zeigt auch, dass ein starkes Wettkampfklima im Team dazu führt, dass sich AthletInnen über die Norm heraus (= „overconformity“) anstrengen. Und dafür gibt es auch folgend Anerkennung von den TeamkollegInnen und anderen für die AthletInnen wichtigen Menschen.

Negative Folgen eines hohen Wettkampfklimas

Nichtsdestotrotz hat ein hohes Wettkampfklima auch negative psychologische Auswirkungen, welche nicht außer Acht gelassen werden sollten. Zu diesen zählen vor allem:

  • Erhöhte Frustration bei Misserfolgen. Trotz guter Leistungsentwicklung kann dies zu einem Motivationsverlust oder zu einem Drop-Out führen, falls andere nach wie vor besser sind.
  • Mehr Stress/Angst. Vor allem hinsichtlich des Umstandes, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. AthletInnen mit geringen Fähigkeiten neigen zudem auch dazu, eine Furcht vor Misserfolgen zu entwickeln.
  • Eine verminderte Fairness sowohl innerhalb des Teams, als auch gegenüber den Gegnern. Mit all ihren Folgen!
  • Allgemein niedrigere Moral in Bezug auf die moralische Urteilsfähigkeit und verstärktes amoralisches Verhalten.
  • Legitimation von ‚injurious acts‘. Dieser Umstand führt dazu, dass (gesundheits-)schädliche Handlungen im Team nicht nur ausgeführt, sondern sogar tendenziell toleriert werden.

Positiv hervorzuheben ist zumindest, dass ein hohes Wettkampfklima zu einer höheren Zufriedenheit mit dem Mannschaftserfolg führt.

Aufgabenorientiertes Trainingsklima

Die Aufgabenorientierung kann zum einen auf der individuellen Ebene (engl. task orientation) und zum anderen auf der Gruppenebene in Form eines aufgabenorientierten Gruppenklimas (engl. mastery climate) betrachtet werden. Bei der Aufgabenorientierung liegt der Fokus der Zielerreichung auf der Bewältigung von konkreten Aufgabenzielen, der Erledigung von ToDo´s oder Arbeitspaketen sowie bei Entwicklungssprüngen.

Vor allem hinsichtlich Entwicklungssprüngen orientiert sich der Mensch an seinen aktuellen Fähigkeiten (IST-Zustand). Die Motivation dahinter ist, die eigenen Fähigkeiten oder Kompetenzen auszubauen. Dabei liegt der  Erfolg der Aufgabenorientierung nicht im Übertrumpfen der eigenen KollegInnen, sondern an der Erreichung eines höheren Kompetenzniveaus (SOLL-Zustand).

Konkrete Beispiele

Im Sport handelt es sich dabei beispielsweise um eine Steigerung der Kraft (z.B. von 1300 Watt auf 1400 Watt beim Win-Gate-Test), der Ausdauerleistung beim Cooper-Test (z.B. von 2800m auf 3200m) der Abwurfgeschwindigkeit beim Basketball (z.B. von 1,6 sec auf 1,2 sec beim 3-Punktewurf) oder auch der Körperzusammensetzung (z.B. Fettanteil von 12% auf 9% reduzieren).

Beispiele für die Aufgabenorientierung von MitarbeiterInnen in einem Unternehmen sind die Qualität eines neuen QM-Handbuches, Genauigkeit in der Buchhaltung, Erlernen einer neuen Software, Anzahl erfolgreich abgeschlossener Fälle (z.B. bei Juristen) oder der Entwicklung einer neuen wetterbeständigen Lackierung in der Sportwagenproduktion.

Vorteile eines hoch ausgeprägten aufgabenorientierten Motivationsklimas

Zusammengefasst weist ein hoch ausgeprägtes aufgabenorientiertes Motivationsklima eine Vielzahl an Vorteilen auf:

  • Steigerung der wahrgenommenen Leistungsverbesserung
  • Konzentration auf die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten
  • Mehr Spaß und dem Glauben, dass Anstrengung zu Erfolg führt
  • Die Anwendung von effektiveren Lernstrategien
  • Höhere Zufriedenheit mit dem Mannschaftserfolg
  • Weniger Stress/Angst
  • Höhere Fairness und Moral
  • Weniger leichte Verletzungen

Sozialorientierung

Ein neueres Konzept beim Motivationsklima ist die Erweiterung um das Konzept der Sozialorientierung (engl. social orientation). Während die Wettkampforientierung dem Leistungsvergleich mit anderen und die Aufgabenorientierung der individuellen Entwicklung zugrunde legt, liegt der Fokus bei der Sozialorientierung in der Verbesserung und Harmonisierung sozialer Beziehungen.

Stuntz und Weiss (2003; 2009) gehen dabei davon aus, dass von AthletInnen den Erfolg auch über soziale Sichtweisen bzw. Orientierungen bewertet wird. Die Sozialorientierung wird dabei in Gruppenakzeptanz, Freundschaft und der Bedeutung des Trainerlobs unterteilt. In ihren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass sich eine hohe Sozialorientierung auch positiv auf die intrinsische Motivation, erlebte Freude und die wahrgenommenen Fähigkeiten auswirkt. Aus diesen Gründen wird auch eine Förderung sozialer Aspekte im Team empfohlen.

Der optimale Klima-Mix

Die bisherigen Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass sich die Dominanz eines aufgabenorientierten Trainingsklimas positiv auf die Motivation auswirkt. Das günstigste Motivationsmuster wurde bei der Kombination eines hohen aufgabenorientierten Trainingsklimas und eines hohen wettkampforientierten Trainingsklimas festgestellt. Wobei es auch bei dieser Kombination von Vorteil ist, wenn das aufgabenorientierte Trainingsklima zumindest geringfügig höher ausgeprägt ist. Bei dieser Motivationsstruktur wird die Anerkennung für Anstrengung, für individuelle Verbesserungen und persönlichen Bestleistungen begünstigt.

Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für Unternehmen ableiten?

An dieser Stelle sei zunächst gesagt, dass sich der Ansatz des Motivationsklimas nicht direkt mit den Ansätzen eines Betriebsklimas bzw. Organisationsklimas aus der Arbeits- und Organisationspsychologie (Nerdinger, 2014, S. 144) vergleichen lässt, da letztere auch mit anderen Facetten beschrieben werden. Nichtsdestotrotz bietet das Motivationsklima einen nützlichen Ansatz für Führungskräfte, um Rahmenbedingungen zur Motivationsförderung der MitarbeiterInnen zugunsten der Unternehmensziele zu schaffen.

Die Gestaltung der Rahmenbedingungen hat einen bedeutenden Einfluss auf die Zielorientierung und die Motivation von MitarbeiterInnen. Vor allem die Gestaltung von Leistungssituationen sollte gut durchdacht sein, um motivationsschädliche Faktoren zu vermeiden. Vor allem die Art und Weise der Kommunikation von Führungskräften kann von MitarbeiterInnen unterschiedlich wahrgenommen werden. Letztlich ist das Wahrgenommene entscheidend dafür, wie sich die Motivation der MitarbeiterInnen entwickelt. Hervorzuheben ist vor allem eine adäquate Anerkennung für Anstrengungen, anstatt die MitarbeiterInnen in Ihrer Endleistung untereinander zu vergleichen und zu beurteilen. Der Weg führt zum Ziel!

Wie können Führungskräfte nun das Motivationsklima gestalten?

Führungskräfte sind also gut beraten, bei der Zusammenstellung, Gestaltung und Führung eines Arbeitsteams auf das allgemeine Motivationsklima zu achten. Andernfalls lassen Führungskräfte ein wertvolles Potential für Leistung, Motivation, Zufriedenheit, soziales Miteinander und Innovationsfähigkeit liegen. Dies gilt nicht nur für einfache Arbeitsteams in Büros mit Routineaufgaben, sondern vor allem auch für High-Performance-Teams, wie sie auch in der IT-Branche zu finden sind.

Dahingehend ist auch zu erwähnen, dass ein hoch ausgeprägtes Wettkampfklima bei gleichzeitig geringer Aufgabenorientierung auch zu negativen Konsequenzen im Unternehmen führt. Beispielsweise kann dies zum Vorenthalten von wichtigen Informationen oder zu schädlichen oder amoralischen Verhaltensweisen führen. So zeigt auch eine aktuellere Studie, dass MitarbeiterInnen bei einem hoch ausgeprägten aufgabenorientierten Motivationsklima im Unternehmen ein besseres Vertrauensverhältnis zu ihren Vorgesetzten sowie eine höhere Bereitschaft haben, Wissen zu teilen (Nerstad et al., 2017). Somit zeigt sich, dass ein hohes Motivationsklima in Unternehmen mit hohen Innovationsanforderungen ein sehr wichtiger Baustein ist.

Sechs praktische Wege zur Gestaltung eines aufgabenorientierten Motivationsklima

Aus der Bildungs- und sportpsychologischen Forschung lassen sich sechs Prinzipien ableiten, durch welche ein Arbeitsklima geschaffen werden kann, welches wertvolle Bewältigungserfahrungen (engl. mastery experiences) begünstigt. Als erwünschten Nebeneffekt steigert dies auch die Selbstwirksamkeit der MitarbeiterInnen. Daher sollten Führungskräfte die folgenden sechs Prinzipien fördern, welche auch ein positives aufgabenorientiertes Motivationsklima begünstigen:

  1. Verteilen Sie bedeutungsvolle Arbeitsaufgaben mit ansprechender Abwechslung
  2. Delegieren Sie herausfordernde Aufgaben mit kreativen Anforderungen, welche auch autonome Entscheidungen erfordern
  3. Fördern Sie die intrinsische Motivation der MitarbeiterInnen durch die Betonung der eigenen Kompetenzentwicklung und Selbstbestimmung
  4. Vermeiden Sie es, Einzelne zu bevorzugen (z.B. „Freunderlwirtschaft“ / „Vetternwirtschaft) oder den/die Beste(n) hervorzuheben. Vielmehr ist es wichtig, alle MitarbeiterInnen wertschätzend zu behandeln.
  5. Die Leistungsbeurteilung von MitarbeiterInnen sollte nicht auf dem Vergleich mit anderen MitarbeiterInnen beruhen. Vielmehr sollte Lob und die Leistungsbeurteilung auf dem Engagement und der individuellen Entwicklung der MitarbeiterInnen liegen.
  6. Nehmen Sie sich Zeit, um das den einzelnen MitarbeiterInnen innewohnende Potential zu fördern.

 

Verwendete Literatur

Ames, C. & Archer, J. (1988). Achievement goals in the classroom: Students‘ learning strategies and motivation processes. Journal of Educational Psychology, 80, 260-267.

Ames, C. (1992). Achievement Goals, Motivational climate, and Motivational processes. In, Roberts, G.C. (Hrsg.), Motivation in sport and exercise (S. 161-197). Champaign, Ill., Human Kinetics Books

Nerdinger, (2014). Organisationsklima und Organisationskultur (3. Auflage). In F.W. Nerdinger, G. Blickle & N. Schaper (Hrsg.), Arbeits- und Organisationspsychologie (S. 143 – 157). Heidelberg: Springer.

Nerstad, C.G.L., Searle, R., Černe, M., Dysvik, A., Škerlavaj, M., & Scherer, R. (2017): Perceived mastery climate, felt trust, and knowledge sharing. Journal of Organizational Behavior. Online abgerufen am 3. März unter: https://mihaskerlavaj.net/2017/12/01/perceived-mastery-climate-felt-trust-and-knowledge-sharing

Nicholls, J.G. (1984). Achievement motivation: Conceptions of ability, subjective experience, task choice, and performance. Psychological Review, 91, 328-346.

Nicholls, J.G. (1992). The General and the Specific in the Development and Expression of Achievement Motivation. In G.C. Roberts (Hrsg.), Motivation in Sport and Exercise (pp. 31-56). Champaign, IL: Human Kinetics.

Schuster, M. (2011). Einfluss des motivationalen Trainingsklimas auf die exzessive Verausgabungsbereitschaft und dem damit verbundenen Verletzungsrisiko. Magisterarbeit, Universität Wien.

Seifritz, J.J., Duda, J.L. & Chi, L. (1992). The Relationship of Perceived Motivational Climate to Intrinsic Motivation and Beliefs About Success in Basketball. Journal of Sport & Exercise Psychology, 14(4), 375-391.

Stuntz, C.P. & Weiss, M.R. (2003). The influence of social goal orientations and peers on unsportsmanlike play. Research Quarterly for Exercise and Sport, 74, 421-435.

Stunz, C.P. & Weiss, M.R. (2009). Achievement goal orientations and motivational outcomes in youth sport: The role of social orientations. Psychology of Sport and Exercise, 10, 255-262.

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Johanna Constantini: Instant Messaging als Stressfaktor!

Wie in meinem ersten Blog über die Nutzung sozialer Medien in der modernen Sportpsychologie angekündigt, widme ich mich in Teil II nun einem weiteren Kanal. Davon gibt es zahlreiche, denn vor allem die junge Generation verbringt ihre Tage mehr und mehr online. Auch zahlreiche Athleten* – wie ich aus meiner Arbeit als Sportpsychologin weiß – surfen ständig in den Sozialen Netzwerken, checken ihren Facebook Account mehrfach täglich, erwarten „Likes“ und „Follower“ für ihre bearbeiteten Bilder auf Instagram oder „snappen“ direkt vom Trainingsgelände.

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 2

Ein für mich aufgrund meiner Praxiserfahrung sehr bedeutendes soziales Medium, das genau genommen gar nicht zu den Social Media Kanälen, sondern zu den „Instant Messaging Diensten“ zählt, ist WhatsApp. Seit 2014 ebenfalls Teil des Imperiums der Facebook Inc. wächst der Nachrichtendienst unaufhaltsam. Wie der Name „Instant Messaging“ schon sagt, führt auch WhatsApp – genauso wie Instagram, der Facebook Messenger und Snapchat – nicht nur zu einer Zunahme, sondern auch zu einer enormen Beschleunigung unserer Kommunikation.

Der Online-Nachrichtendienst hat die herkömmlich SMS, ja sogar die etwas modernere MMS nicht nur bei Sportlern schon längst in den Schatten gestellt und – was ihn für mich so entscheidend macht – führte in den letzten Jahren zu einer immensen Zunahme unserer „Online Kommunikation“. Alleine 2017 wurden täglich rund 700 Millionen WhatsApp Nachrichten versendet (Focus, 2017), im Januar 2018 zählte das amerikanische Unternehmen bereits 1,5 Milliarden User (Statista, 2018). Dabei funktioniert WhatsApp wie eine Art „moderne SMS“, die es zulässt nicht nur Textnachrichten, sondern auch Bilder, Videos, Sprachnachrichten und Dokumente kostenfrei über eine WLAN Verbindung oder das Mobile Handynetz zu versenden.

Gratis oder doch auf Kosten UNSERER Zeit?

Ich selbst stehe mit beinahe allen meiner Sportler per WhatsApp in Kontakt. Einige verfügen sogar über WhatsApp-Gruppenchats, in denen Trainingszeiten, sonstige Termine und allgemeine Infos geteilt werden. Was mir in den letzten Monaten dabei besonders auffällt ist das unmittelbare Antwortverhalten meiner Athleten, sobald ich ihnen eine Nachricht sende. Und ich frage mich: Sollten sie nicht gerade offline sein?

Nicht nur einen, sondern gleich zwei „Häkchen“ hat der Instant Messaging Dienst WhatsApp. Diese zeigen nämlich empfangene Nachrichten an und färben sich sogar blau ein, sobald der Empfänger ihren Inhalt gelesenen hat. Das bedeutet, wenn jemand ein WhatsApp empfängt und die Nachricht öffnet, wird unmittelbar ein sogenannter „Gelesen-Status“ angezeigt. Nur wehe, wenn die Antwort nicht auf die Sekunde folgt – Kein Wunder also, dass nicht nur meine Athleten ständig online sein wollen.

Offline Zeit als wichtig(st)er Trainingsfaktor!

Es liegt wohl in der Natur unserer Zeit, dass wir einander ständig gegenseitig Rückmeldung über unser Tun geben müssen. Ob anhand der blauen Häkchen einer gesendeten und gelesenen WhatsApp Nachricht, unseres Newsfeeds auf Facebook der vermeintlichen „Freunden“ zeigt, was uns gerade beschäftigt oder eines Instagram Bildes direkt aus unserem Leben gegriffen (und bearbeitet). Kein Wunder also, dass wir – und unsere Sportler – immer und zu jeder Zeit das Gefühl haben, Rede und Antwort stehen zu müssen. Dabei wäre die Konzentration auf uns selbst und unser Tun – besonders, wenn wir (sportliche) Höchstleistungen vollbringen wollen – doch wichtiger, oder nicht?

Johanna Constantini: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten

Offline geht kaum – was tun? Tipps, um Athleten auch mal „auszuloggen“!

—> Genauso wie die täglichen Trainingszeiten meiner Athleten gehört für mich der Programmpunkt „Offline“ ganz klar in die Tagesstruktur. Erfahrungsgemäß werden dabei vorab schriftlich festgelegte Zeiten und Vereinbarungen eher eingehalten, als die mündliche Ermahnung, das Handy auch mal wegzulegen.

—> Apropos Schrift: Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer weist in seinem Bestseller „Das unsoziale Gehirn“ eindrucksvoll daraufhin, dass handschriftlich Verfasstes unser Gehirn aktiv fordert, während Tippen „ohne Denken funktioniert“ (Spitzer, 2013). Dessen sollten wir uns bewusst sein und als Sportpsychologen mit unseren Athleten das gute alte Trainingstagebuch (re)aktivieren!

—> Konzentrationsübungen können ebenfalls helfen, Sportler von der Übermacht ihrer Smartphones fernzuhalten. Dabei ist es empfehlenswert, die gewünschten Offline-Zeiten in diverse Challenges zu integrieren. Schafft es der Sportler, die blauen Häkchen auch mal zu ignorieren um sich voll und ganz auf sein Training zu konzentrieren, ohne online zu gehen?

im konkreten Fallbeispiel: WhatsApp Einstellungen – Account – Datenschutz – Lesebestätigungen ausschalten (funktioniert übrigens auch für andere Messenger Dienste). Als erster Schritt von den blauen Häkchen weg sozusagen…

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichte ich in diesem Blog darauf zu gendern und spreche jeweils Männer und Frauen an.

 

Literatur

https://www.focus.de/digital/internet/weltbekannter-komiker-schreibt-buch-wissenschaft-bestaetigt-warum-sie-bei-whatsapp-nie-sofort-zurueckschreiben-sollten_id_5317267.html

Prof. Dr. Dr. Spitzer, M. (2013): Das (un)soziale Gehirn; Taschenbuch.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/285230/umfrage/aktive-nutzer-von-whatsapp-weltweit/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3624/umfrage/entwicklung-der-anzahl-gesendeter-sms–mms-nachrichten-seit-1999/

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Thorsten Loch: Badminton. Wie Umgehen mit der Regeländerung?

Rund um die Yonex German Open 2018 in Mühlheim an der Ruhr hat nicht zuletzt eine Regeländerung für Aufsehen gesorgt: Der Badminton-Weltverband (BWF) hatte verfügt, dass bei diesem Turnier erstmals die neue Aufschlagregel umgesetzt werden soll. Konkret: In Mühlheim galt eine einheitliche maximale Aufschlaghöhe von 1,15 Meter. Das Ziel dahinter: Es soll mehr Transparenz bei der Aufschlagsituation geschaffen werden. Doch bereits nach den ersten Turniertagen kam Unmut auf und viele Spieler kritisierten, u.a. auch Superstar Chong Wei, die neue Aufschlagregel scharf.  

Zum Thema: Wie kann die Sportpsychologie bei Regeländerung Abhilfe leisten?

„Ich spiele seit über 30 Jahren Badminton, habe in den letzten Jahren an zahlreichen Großevents teilgenommen und hätte nicht gedacht, dass mir die BWF in 2018 noch erklären müsste wie man aufschlägt. Um ehrlich zu sein, das ist lächerlich.“ Chong Wei

Die Spannung bei den Zuschauern und Athleten war groß. Vor allem in Hinblick auf die hochgewachsenen Doppelspieler aus Dänemark. Wer kommt mit der Regeländerung am besten zurecht? Der über zwei Meter große Däne Mads Kolding äußerte gemeinsam mit Viktor Axelson bereits im Vorfeld seinen Unmut via social media (Instagram).  

Große Spieler im Nachteil?

Wegen seiner Größe musste Kolding aufgrund der neuen Regeländerung seine Aufschlagposition fast einen Meter nach hinten verlegen und in einer sehr ungewohnten Position servieren.

Sicherlich ist diese Regeländerung nicht glücklich und wirft Fragen nach Objektivität auf. Jedoch unabhängig davon, stellt sich die Frage, wie können sich Sportler auf solche unvorhersehbaren Dinge vorbereiten? Die BWF hatte die Regeländerung im Vorfeld angekündigt und den Sportlern die Möglichkeit eingeräumt, entsprechend darauf zu reagieren. Genau hier könnte ein Ansatzpunkt für die angewandte Sportpsychologie sein. Im Leistungssport wird das Mentale Training (MT) bekanntlich mit unterschiedlichen Zielsetzungen angewandt. Primäres Ziel ist die Leistungsoptimierung, jedoch macht es in diesem Zusammenhang Sinn, sportpsychologische Methoden hinsichtlich des  Erlernens und Stabilisierens von motorischen Fertigkeiten in Augenschein zu nehmen:

Einsatzmöglichkeiten des Mentalen Trainings

Das Erlernen und Stabilisieren von motorischen Fertigkeiten stellt nur eine Einsatzmöglichkeit des Mentalen Trainings dar (Übersicht über Einsatzmöglichkeiten zu finden bei Mayer/Hermann, 2009). Außerordentlich in den Bereichen Erlernen und Trainieren von motorischen Fertigkeiten wie bei einem Aufschlag, kann das MT in der kognitiven Phase des Lernens und Erwerbens unterstützen. Insbesondere bei komplexen Bewegungsabläufen liefert das Mentale Training bedeutende Vorteile für den Sportler.

Durch die Veränderung von Bewegungsstellungen und deren Training ist es schneller möglich, Fehlerentstehung zu erkennen und die Ursachen für Fehler durch entsprechende Korrekturen zu beseitigen. Zwingende Voraussetzung für eine schnelle Fehlerkorrektur bzw. Modifikation der Aufschlagbewegung ist eine entsprechende Differenzierung und Intensität der Bewegungsvorstellung von Nöten (Mayer/Hermann, 2009). Damit ist es den Sportlern möglich, mittels MT, die für die Automatisierung von Bewegungsabläufen nötigen Umfänge annähernd zu realisieren. Grundlage hierfür sind die äquivalente neuronale Aktivierung der Prozesse mittels Mentalen Trainings, wie bei dem tatsächlichen praktischen Bewegungsvollzug. Es ist zu berücksichtigen, dass direkt nach der praktischen Durchführung eine ausführliche Analyse von Athlet und Trainer vorgenommen wird. Denn erst eine angemessene differenzierte Bewegungsvorstellung ermöglicht es dem Sportler, die Traineranweisungen schnell aufzufassen und umzusetzen.

Fazit

Es ist immer wieder erstaunlich und macht zeitgleich deutlich, dass vermeintliche kleine Änderungen im Bewegungsablauf, sei es durch Regeländerungen, Umweltbedingungen, usw., im Spitzenbereich die Athleten vor massive Probleme stellen. In diesem Leistungsbereich entscheiden Nuancen über Sieg und Niederlage. Die Sportpsychologie gibt den Sportlern jedoch die Möglichkeit, sich adäquate auf solche äußeren Störungen vorzubereiten.

Die eingangs beschriebene Regeländerung bei den German Open soll hier stellvertretend nur eine Einsatzmöglichkeit des Mentalen Trainings darstellen. Darüber hinaus gibt es noch weitere, jedoch muss immer von Individuum ausgegangen werden und ein allgemeingültiges „Kochrezept“ wird es nicht geben. Hieraus wird klar, dass eine Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen durchaus Sinn macht, genauso wie mit einem Physiotherapeut oder einem Athletiktrainer.

Gerne helfen wir vom Netzwerk: http://www.die-sportpsychologen.de/sportpsychologen-nach-sportarten/

Nach Sportarten

Thorsten Loch

Literatur:

Mayer, J./Hermann, H.D. (2009). Mentales Training. Grundlagen und Anwendungen in Sport, Rehabilitation, Arbeit und Wirtschaft. Springer Verlag. Heidelberg.

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Jürgen Walter: Zum Sportpsychologen „zwingen“?

Seit einigen Jahren ist die Anstellung von Sportpsychologen in Fußball-Nachwuchsleistungszentren verpflichtend. Damit ist der persönliche Kontakt des Sportlers mit dem Sportpsychologen aber noch nicht hergestellt. Und in den Profi-Teams steht es um den Zugang zu sportpsychologischer Betreuung deutlich schlechter. Für Aufsehen hat kürzlich ein Spiegel-Artikel über Per Mertesacker gesorgt. Immer wieder frage ich mich also, ob man Sportler – besonders nach psychisch und physisch belastenden Phasen wie schweren Niederlagen, persönlichen Konflikten oder Verletzungen oder wenn die im Wettkampf gezeigt Leistung von der im Training abweicht – zum Sportpsychologen zwingen sollte?

Zum Thema: Fallbeispiel zur Etablierung eines sportpsychologischen Angebots in einem Sportverein

Meine ehrliche Antwort: Ja – aber mit einem Augenzwinkern und der „Clownsnase“. Natürlich kann niemand tatsächlich zu sportpsychologischen Methoden gezwungen werden. Zumal: Wenn keine Motivation und Bereitschaft für eine Zusammenarbeit besteht, sinken die Erfolgschancen nahe Null. Dennoch sollte mit der Sportpsychologie im aktuellen Leistungssport so verfahren werden wie mit Ernährungsberatung, Physiotherapie, Athletiktraining oder der Sportmedizin. Diese sind fest im Wochenplan eines Profis verankert. Kein ambitionierter Sportler wird sich weigern, Unterstützung in diesen Bereichen anzunehmen. Warum soll es anders sein, wenn es um sportpsychologische Unterstützung geht?

Carolina Werner: „Ich hätte öfter Kontakt suchen müssen”

Ein konkretes Beispiel: Ein Drittligist – die Sportart spielt keine Rolle – meldet sich beim Sportpsychologen mit der Bitte um sportpsychologische Betreuung, da die Mannschaft acht Spieltage vor Abschluss der Saison auf einem Abstiegsplatz liegt. Im Verein herrscht Panik, da zuletzt eine neue Geschäftsstelle eröffnet wurde und der Verein für die kommende Saison bereits Sponsoren gewonnen hat. Bei einem Abstieg wäre die Geschäftsstelle nicht weiter zu betreiben und auch kein Sponsor mehr in Sicht. Die Gefahr: Der Verein würde in die Bedeutungslosigkeit versinken. Der Kontakt zwischen Sportpsychologen und dem Trainer, dem Manager und der Spielern ist sehr gut. Die Offiziellen betonen, dass die Spieler auch sportpsychologische Einzelberatung auf Kosten des Vereins annehmen sollen, damit sich am Ende der Saison keiner vorwerfen lassen muss, nicht alles für den Klassenerhalt getan zu haben.

Eine unethische Geschichte

Drei Spieltage später mit einer Niederlage und zwei Siegen steht die Mannschaft weiter auf einem Abstiegsplatz. Da kein Spieler das Angebot zum persönlichen Coaching angenommen hat, kommt es in Absprache mit Trainer und Management zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Beim nächsten Kontakt mit der Mannschaft spricht der Sportpsychologe direkt zur Mannschaft: „Leute, da wir nach wie vor auf einem Abstiegsplatz stehen, jedoch bisher keiner bei mir nach einem Einzelgespräch nachgefragt hat, haben euer Trainer und ich einen Vorschlag. Falls das nächste Spiel nicht erfolgreich läuft, suchen wir uns drei Spieler aus der Mannschaft aus. Diese haben mit dem Sportpsychologen ein Einzelgespräch zu führen!“

Thorsten Loch: Selbstwert – nur eine Frage der Leistung?

Die Auflösung dieser anscheinend unprofessionellen und unethischen Vorgehensweise folgt: „Aber, Leute, nehmt das mal sportlich! Fasst das bitte nicht als Bestrafung auf, sondern als Chance auf eine Weiterentwicklung im mentalen Bereich. Seid ihr dabei?“. Jeder einzelne Spieler stimmte der Vorgehensweise zu. Das nächste Spiel endete dann nach einer großartigen Aufholjagd unentschieden. Die angedeutete Maßnahme musste nicht umgesetzt werden, der Klassenerhalt wurde erreicht. Einige Spieler traten aber im Nachhinein neugierig mit der Frage an den Sportpsychologen heran „Hättest Du mich ausgewählt?“ – „Ja, Du warst ein Perspektivspieler!“

Wenig Wissen über die Sportpsychologie

An der Maßnahme könnte kritisiert werden, dass die Spieler im Rahmen der sozialen Erwünschtheit oder des Gruppendrucks sich nicht getraut hätten, sich gegen diese Maßnahme zu stellen. Letztendlich muss man Leistungssportlern aber zutrauen, ihre Meinung eigenverantwortlich kund zu tun. Selbstverständlich wäre in letzter Konsequenz natürlich niemand zum Gespräch gezwungen worden. Das gesamte Vorgehen muss – bei aller Ernsthaftigkeit der aktuellen Situation der Mannschaft – mit ganz viel Humor „gewürzt“ werden!

Wuthrich und Frei (2015) sehen die Uneinsichtigkeit Betroffener als größtes Hindernis, um sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Psychotherapie ist selbstverständlich nicht mit Sportpsychologie gleichzusetzen, dennoch ist der Ansatz, das genannte Hindernis zu überwinden sehr wohl übertragbar. Durch Psychoedukation über Inhalte, Möglichkeiten und Effektivität von psychotherapeutischen Methoden steigt die Wahrscheinlichkeit, dass therapeutische Unterstützung in Anspruch genommen wird. In einer Studie von Jürgen Walter & Valeria Eckardt (2016) stellte sich heraus, dass sich rund 77 Prozent der teilnehmenden Sportler, Trainer und Funktionäre für wenig bis gar nicht über Leistungsangebote der Sportpsychologie informiert fühlen. Ein Ansatz könnte daher eine gezielte Aufklärung sein, um das „Hindernis Kontaktaufnahme“ zu erleichtern.

Jürgen Walter und Valeria Eckardt: Das Informationsproblem der Sportpsychologie

 

Film „Praxis der Sportpsychologie“

Jürgen Walter ist im Sinne der Sportpsychologie auch zum Filmemacher geworden. Wenn Sie seine Dokumentation, die unter anderem im Bayrischen Rundfunk zu sehen war, auf DVD erhalten wollen, können Sie den Film (u.a. mit Mats Hummels) hier beziehen:

http://www.walter-sportpsychologie.de/aktuelle-filmprojekte-praxis-der-sportpsychologie.html

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Weitere Informationen

 

Literatur:

Wuthrich, V. M. & Frei, J. (2015). Barriers to treatment for older adults seeking psychological therapy. International Psychogeriatrics, 27 (7), 1227-1236.

 

Walter, J. & Eckardt, V. (2016). Das Informationsproblem der Sportpsychologie. Online verfügbar unter: http://www.die-sportpsychologen.de/2016/06/15/juergen-walter-und-valeria-eckardt-das-informationsproblem-der-sportpsychologie/.

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Oliver Sequenz: Warum sich Sportjournalisten mit der Sportpsychologie befassen sollten

Nach dem Frühstück ging es für Oliver Sequenz direkt ins Bett. Denn während der Olympischen Spiele wurde für den Moderator der Eurosport-Übertragungen im Zeitfenster zwischen 0:30 und 6:00 Uhr die Nacht zum Tag. Und der Tag zur Nacht.

Drei Wochen lief die Produktion im Sendezentrum von Eurosport in München und wurde für den geübten Fernsehmann zu einer echten Herausforderung. „Den Rhythmus aufzunehmen, war alles andere als einfach. Denn vor allem der Schlaf über den Mittag war meist nicht so richtig erholsam,“ erklärt Sequenz, der versuchte, seinen Tagesablauf zwischen Hotel und Sender immer wieder durch kleine Sporteinheiten und Stadtbummel zu unterbrechen. Im Interview mit Christian Hoverath von Die Sportpsychologen erzählt Oliver Sequenz von dieser Ausnahmeerfahrung, über sein persönliches Highlight der Olympischen Spiele und seine Tricks, um zwischendurch Abschalten zu können:

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Weitere Informationen

Mit Christian Hoverath verbindet Oliver Sequenz nicht nur eine Freundschaft, sondern auch die Sportpsychologie. Als ambitionierter Hobby-Golfer nahm der TV-Mann vor einigen Jahren erstmals die Unterstützung durch den Sportpsychologen aus Wesel in Anspruch und verbuchte für sich entsprechende Erfolge. Mehr noch: Sequenz wurde deutlich, dass das Wissen und die Kniffe aus dem sportpsychologischen Wergzeugkoffer auch für seinen Job als Sportmoderator und -kommentator wichtig sein können. Fortan intensivierten die beiden ihre „berufliche“ Zusammenarbeit.

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Oliver Sequenz im Gespräch mit Christian Hoverath, wie sich die Bedeutung der Sportpsychologie in den vergangenen Jahren gewandelt hat und warum er seinen Kollegen empfiehlt, sich in diesem Themenbereich durchaus zu tummeln:

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Weitere Informationen

 

Zum Profil von Christian Hoverath: http://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

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