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Prof. Dr. Oliver Stoll: Hohe Hürde Muttersprache

Sportartenübergreifend arbeiten in vielen Profi-Vereinen und sogar in Nationalmannschaften Trainer, die nicht die jeweilige Sprache des Landes sprechen, in dem sie tätig sind. Oftmals ist es die besondere sportspezifische Expertise, die diese Trainer mitbringen. Im Basketball und im Eishockey sind es oftmals Nordamerikaner oder Skandinavier, im Fußball finden wir häufig Italiener und Spanier und in den technisch-kompositorischen Sportarten sind es oftmals Trainer mit einem russischen Hintergrund.

Zum Thema: Wie schwer wiegt die Sprache in der Trainer-Athleten-Interaktion?

So sehr diese sportartspezifische Expertise hilfreich und besonders ist, so sehr kann aber gerade das Problem der „Sprache“ zu einem echten Problem in der Arbeit mit den Athleten werden. Kommunikation erfolgt häufig über Sprache. Wir kommunizieren aber eben auch über andere Kanäle, nämlich z.B. auch über Gestik und unsere Mimik. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine funktionale Kommunikation nur dann auch erfolgen kann, wenn die verbale Kommunikation zu der nonverbalen passt. Darüber hinaus kommunizieren wir eben auch auf einer Sachebene, auf der es darum geht, Informationen auszutauschen, aber andererseits eben auch auf einer Beziehungsebene, auf der z.B. Empathie, Sympathie oder auch Antipathie deutlich wird. Und auch hier sollten alle Kanäle „synchronisiert“ sein, damit die Information vom Sender auch korrekt vom Empfänger interpretiert werden kann.

Jetzt wird deutlich, dass die Sprache in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle in der Trainer-Athleten-Interaktion spielt und das ein Trainer, der in seiner Muttersprache kommuniziert, insbesondere im Bereich der Kommunikation auf der Beziehungsebene einen deutlichen Vorteil hat, denn sportspezifische Sachinformationen lassen sich mitunter auch gut über ein Zeichen- und Symbolsystem übermitteln, die es auch in fast jeder Sportart gibt. Es sind manchmal die vielen kleinen Besonderheiten oder Begriffe, die es in der Muttersprache gibt, und die ein Trainer aus dem Ausland so gar nicht kennt und missverstehen kann. Besonders deutlich wird das Problem aber zumeist erst dann, wenn Krisensituationen auftreten, in denen die Kommunikation funktional sein muss. Nicht selten werden in solchen Situationen auch Sportpsychologen hinzugezogen, die um diese Problematik wissen und in solchen Krisensituationen als Moderatoren fungieren können.

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Sebastian Reinold: Neue Regeln im Basketball

Der September ist für gewöhnlich der Monat, in dem die Amateuerbasketballer wieder in den Spielbetrieb einsteigen. Kurz darauf geht auch die Bundesliga wieder los. Für die bevorstehende Saison 2014/15 hat der Weltverband FIBA neue Regeln herausgegeben.

Zum Thema: Wie wirken sich die neuen Regeln auf Spiel und Training aus?

Die wichtigsten Regeländerungen beziehen sich auf das Nehmen von Auszeiten, auf den Umgang mit technischen Fouls, den Wirkungsradius des No-charge-Halbkreis und auf die Shot Clock.

Coaches müssen ab sofort beachten, dass sie in den letzten zwei Minuten des Spiels nur noch maximal zwei Auszeiten nehmen können, auch wenn sie in der zweiten Spielhälfte noch gar keine Auszeit genommen hatten. Gerade in engen Spielen wird die Einflussmöglichkeit des Coaches damit eingeschränkt.

Ein technisches Foul, also ein Foul ohne Körperkontakt z.B. respektloses Ansprechen des Gegners oder Schiedsrichters, wird ab sofort nur noch mit einem anstatt zwei Freiwürfen bestraft. Spieler haben also nicht mehr die gleichen Konsequenzen für ein Fehlverhalten zu befürchten. Hingegen werden Wiederholungstäter nach zwei Ts vom Spiel ausgeschlossen.  Für Spieler bedeutet dies, dass sie ihre Emotionen und ihre Wortwahl noch besser kontrollieren müssen.

Bisher musste ein Spieler, um ein Offensivfoul annehmen zu können, noch mit einem Fuß im Kreis bzw. auf der Linie stehen. Nach den neuen Regeln muss der Spieler mit beiden Füßen außerhalb des Kreises stehen, um ein Offensivfoul annehmen zu können. Das fordert vom Verteidiger eine noch intensivere Beobachtung seiner Position und seiner Körperhaltung zum Angreifer.

Offensivrebounds als psychische Belastung

Die Shot Clock wird ab sofort im Falle eines Offensivrebounds nicht mehr auf 24 Sekunden zurückgestellt sondern lediglich auf 14 Sekunden. Wichtig dabei ist, dass die Uhr auch auf 14s gesetzt wird, wenn zum Zeitpunkt des Wurfes noch mehr Sekunden auf der Uhr standen. Diese Regeländerung stellt den größten Eingriff dar, weil sich der Druck auf die Spieler enorm erhöht. Zehn Sekunden sind im Basketball ziemlich viel. Es wäre möglich, in so einer Zeitspanne zwei Schnellangriffe durchzuführen. Durch die neue Regelung wird einem Team die Möglichkeit genommen, einen erneuten Angriff in Ruhe auszuspielen  Im zweiten Angriff müssen nun vorwiegend schnelle Spielzüge durchgeführt werden. Bisher brauchte eine Mannschaft solche schnellen Spielzüge nur für den Fall, dass der Ballbesitz nach einem Ausball gleichblieb oder aber in den allerletzten Sekunden eines Spiels. Schnelle Spielzüge müssen ab sofort im Training stärker fokussiert werden. Neue Spielzüge werden sowohl die Coaches als auch die Spieler stärker fordern. Im Spiel können häufige Offensivrebounds, die eigentlich etwas Gutes sind, die Spieler zunehmend psychisch belasten, da sie immer wieder gezwungen sind, schnell und richtig zu handeln.

Die neuen Regeln sollten den Spielern ausreichend vermittelt werden, damit es im Spiel nicht zu Reibereien mit den Schiedsrichtern kommt und deswegen sogar die neue Regelung zu den technischen Fouls zum Einsatz kommt. Überdies hinaus muss gerade in den unteren Ligen, in denen das Kampfgericht häufig von anderen Spielern des Vereins gestellt wird, die neue Regel zur Shot Clock geschult werden. Schon bisher war das korrekte Bedienen der Uhr gerade für jüngere Personen eine Herausforderung.

 

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Ruud Vreuls: Als Talent von Null auf Hundert

Die Spannung ist nach dem Sieg von Lewis Hamilton im Nacht-Rennen von Singapur wieder zurück in der Formel 1. Doch die überraschendste Nachricht aus diesem Rennen basiert nicht auf Hamilton, sondern auf einem 16-jährigen Newcomer. Der Niederländer Max Verstappen könnte der jüngsten Fahrer der Formel 1-Geschichte werden.

Zum Thema: Welche Phasen durchläuft ein Talent im Zuge seiner Karriereentwicklung?

Lewis Hamilton führt nach dem Sieg mit seinem Silberpfeil in der WM-Rangliste. Der Engländer hat jetzt drei Punkte mehr gesammelt als sein Mercedes Teamkollege Nico Rosberg. Rosberg, der durch ein technisches Problem am Lenkrad vorzeitig zur Box fahren musste, wird im nächstes Rennen alles versuchen, um seine Führungsposition zurückzugewinnen. Ein 16-jähriger Niederländer kann es derweil kaum erwarten, bis der Formal 1-Tross zum nächsten Rennen in Suzuka weiterzieht: Max Verstappen, Sohn des 1994 bis 2003 in der Formel 1 aktiven Jos Verstappen, soll in Suzuka erstmals im freien Training eingesetzt werden. Toro Rosso’s Teamchef Franz Tot hat am vergangenen Wochenende angekündigt, dass Verstappen bereit sei für den nächsten Schritt. Der selbe Teamchef hat Verstappen auch schon einen der 22 heißbegehrten Sessel für die nächste Saison versprochen. In der Formel 1 steht also ein besonderes Debüt bevor – denn nie war ein Rennfahrer jünger als Verstappen, der bislang 400 Trainingskilometer und einige Formel 3-Einsätze sammeln konnte.

Salmela`s Phasenmodell

Max Verstappen steht mit seinen 16 Jahren als Mensch und auch als Fahrer am Anfang in seiner sportlichen Karriereentwicklung. Hierbei ist es besonders wichtig, dass er Leuten vertrauen und mit ihnen über seine Erfahrungen reden kann. Auf der Grundlage von John Salmela´s (1994) Phasenmodell wird beschrieben, in welchen Phasen er von bestimmten Personen, nämlich Trainer und Eltern, die meiste Aufmerksamkeit benötigt, um sich sportlich optimal entwickeln zu können. So wird das Modell von Samela in vier Phasen eingeteilt: Beginn, Entwicklung, Meisterschaft und Nachkarriere. Eltern spielen eine wichtige Rolle in diesem Phasenmodell und haben einen großen Einfluss auf die Karriere ihrer Kinder. So wirken Eltern, wie auch im diesen Fall, als Rollenmodelle und Vorbilder. Außerdem unterstützen sie ihr Kind, wenn es neben positiven sicherlich auch mal negative Erfahrungen machen wird. Sie haben somit also den größten Einfluss im Beginn der Phase. Im Gegensatz zu den Eltern wird die Bedeutung des Trainers durch die zunehmende Verantwortung für die sportliche Karriereentwicklung des Aktiven im Laufe der Zeit immer größer. Der Trainer wird zu Beginn der Zusammenarbeit als gutmütig dargestellt, jedoch wird von ihm erwartet, dass er in den Phasen Entwicklung und Meisterschaft als fordernd, erfolgsfokussiert und gefürchtet wahrgenommen wird.

In der aktuellen Phase, in der sich Verstappen befindet, zeigen alle Einflusspartner, auf welchem Gebiet auch immer, offenkundig das richtige Verhalten. Gerade in dieser Situation kann sein Vater, der frühere Formel 1-Star, auf Grundlage seiner Expertise beraten und ihm helfen, die richtigen Entscheidungen auf und neben der Rennbahn zu treffen. So ist sein Vater als Mentor derzeit gewünscht, allerdings wird sich auch sein neuer Trainer nun intensiver um ihn kümmern. Es ist allerdings wichtig zu betrachten, dass Verstappen sich selber auch engagiert, also keine fremdgesteuerten Automatismen erwartet, und so in die nächste Phase seiner sportlichen Karriere kommt. Nur so kann er sich weiterentwickeln und versuchen, sich zu verbessern und erfolgreich zu werden. Max Verstappen hat die wichtigen Ressourcen in der Hand und damit das Potential, den Durchbruch als talentierter Fahrer in der Formel 1 zu schaffen. Ob Verstappen diese Ressourcen nutzen kann, um sich einen eigenen Namen zu machen, wird die kommende Saison sicherlich zeigen.

 

Quellen:

Stoll, O., Pfeffer, I., & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

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Elvina Abdullaeva: Danke deinem Konkurrenten!

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Bis zu seiner Entlassung Mitte September hat Felix Magath beim FC Fulham sage und schreibe 47 verschiedene Spieler eingesetzt. Eine Größenordnung, in der der frühere Meistertrainer gern arbeitet, um eine neue Mannschaft zu formen. Beim Premier League-Absteiger verfolgte er in den zurückliegenden sieben Monat seinen Auftrag gewohnt stoisch, allerdings blieben die kurzfristigen Erfolge aus: Ein Punkt aus sieben Spielen und einiges an Unruhe in der aufgeblähten und durcheinander gewirbelten Mannschaft bedeuteten seine Entlassung. Was geht eigentlich vor sich, wenn innerhalb einer Mannschaft das Konkurrenzdenken ungesunde Züge annimmt? Und wie können Trainer, egal ob Profi oder Amateur, darauf reagieren? Und wie sollten Spieler mit neuer Konkurrenz umgehen?

Zum Thema: Schaffung einer förderlichen Konkurrenzsituation

Ist Konkurrenz gut oder schlecht? Ganz klar: Ohne Konkurrenz ist der Leistungsport unvorstellbar. Durch Konkurrenz verbessert jedes Teammitglied seinen Stellenwert und entwickelt sich ständig weiter. Aber was, wenn innerhalb einer Mannschaft eine ungesunde Konkurrenz entsteht? Wenn sich einige Akteure aus dem Training zurückziehen oder sich ein echter Konflikt anbahnt? Dann ist der Trainer gefragt und muss sofort Gegenmaßnahmen einleiten.

Kooperation statt Konkurrenz

Damit die Rivalität zwischen den Mitspielern im gesunden Rahmen bleibt, muss die Konkurrenzsituation transparent und fair sein. Der Schlüssel dazu ist Kooperation, die der Trainer bei seinen Spielern fördern muss. Denn nur, wenn die Konkurrenten beschließen, sich gegenseitig zu unterstützen, werden eine gemeinsame Entwicklung und damit im Ergebnis sportliche Erfolge überhaupt erst möglich. Wie kann der Trainer kooperatives Verhalten gezielt fördern?

I. Trainer- Spieler Gespräch.

Wenn Sie als Trainer auf so einen Konkurrenzkonflikt, beispielsweise zwischen den Stürmern gestoßen sind, ist das Gespräch immer die beste Lösung. Dabei ist es wichtig, aus ihrer Perspektive die Spieler nicht als Konkurrenten, sondern als Mitglieder einer Mannschaft sehen. Überschreiben Sie das Gespräch als eine Besprechung mit dem Ziel, das Spiel im Angriff zu optimieren.

Beim Gespräch ist folgendes zu beachten:

1) Die Verantwortung gegenüber der Mannschaft betonen. Im Kern der Kooperation soll immer ein das gemeinsames Ziel stehen: das Mannschaftsziel. Es muss die miteinander konkurrierenden Spieler sehr deutlich daran erinnern, dass „wir das gleiche Ziel haben und alle gemeinsame Sache machen.“

2) Den individuellen Beitrag hervorheben. Verdeutlichen, welche Erwartungen die Mannschaft an jeden Spieler hat: in Bezug auf die Leistungsbereitschaft, Unterstützung und Hilfe. Die Spieler sollen wissen, was sie gegebenenfalls tun, wie sie sich entwickeln sollen, um der Mannschaft zu helfen, das Ziel zu erreichen.

3) Win-win-Handeln fördern. Damit ist gemeint, dass die konkurrierenden Spieler ihre Zusammenarbeit so gestalten, dass beide einen Nutzen erzielen. Solche Fragen an den Spieler wie z. B.: “Wie werden die Beiden davon profitieren, wenn sie einander helfen?” oder “Wie wird die ganze Mannschaft davon profitieren?” wechseln den Blickwinkel auf die Situation und fördern die Einnahme einer aktiven Position seitens der Spieler.

4) Gruppenregeln erarbeiten. Je kleiner die Gruppe ist, desto größer ist die Hilfsbereitschaft. Daher ist es förderlich, für bestimmte kleine Gruppen z.B. die Stürmergruppe einige kooperative Regeln einzubringen. Als Beispiel: “Wenn ein Stürmer ein Tor erzielt, bekommen alle Stürmer eine Belohnung“. Lassen Sie aber lieber die Spieler selbst überlegen, welche für Maßnahmen bei ihnen eine kooperative Zusammenarbeit stimulieren könnten. Die eigenen Ideen der Spieler sind in der Regel wirksamer.

II. Das Gegnerbild stärken.  

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, die Kooperation innerhalb der Mannschaft zu fördern. So steigt der Gruppenzusammenhalt dann, wenn das Bild des äußeren Gegners, der Konkurrenzmannschaften, gestärkt wird. Es liegt am Trainer zu überlegen, wie er das am besten schafft. Dafür sind Massenmedien ein sehr geeignetes Mittel, z. B. Zeitungsartikel über die gegnerische Mannschaft, die in dieser Saison eine große Hoffnung auf den Angriff setzt und viele Tore von den eigenen Stürmen erwartet, können den gewünschten Effekt erzielen.

III. Strafsanktionen gegen Konkurrenzverhalten.

Sie können außerdem ihre Spieler zur Kooperation zwingen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Leute sich deutlich kooperativer benehmen, wenn eine Gefahr (Strafe, Sanktionen) besteht, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Auch hier ist es empfehlenswert, die Sportler zur Planung von kooperativen Regeln sowie Strafen im Falle des Regelbruchs heranzuziehen.

Message an die Spieler

Und zum Schluss habe ich ein paar Worte für die Spieler, in deren Mannschaft eine Konkurrenzsituation aufgetaucht ist. Sagt euren Konkurrenten „Danke!“. Schließlich sind sie eure Motivation, euch zu entwickeln. Hättet ihr sonst die Zeit und Lust gefunden, euch hinzusetzen und kritisch zu hinterfragen, wo ihr spielerisch momentan seid, was ihr braucht, um besser zu werden, wie ihr das machen könnt? Und das Wichtigste: Habt ihr überhaupt die Motivation und die Kraft, das alles durchzuziehen? Dank eurer „Konkurrenten“ habt ihr die Möglichkeit, den oft fehlenden Anstoß zur Arbeit an euch selbst zu finden. Dafür könnt ihr ihnen auch Danke sagen.

Quellen:

Baumann, S. (2008). Mannschaftspychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.).Aachen: Meyer& Meyer

Tenzer, E. (2014). Kooperation ist ein Erfolgsrezept. Psychologie heute, 41 (7), S. 32- 36

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Fokus auf das Wesentliche

Was man unter unmittelbarer Wettkampfvorbereitung versteht, darüber streiten sich die „Gelehrten“ und – ohne Ironie – darüber kann man auch trefflich streiten. An dieser Stelle ziehe ich eine persönliche Erfahrung heran, die ich im Juni 2014 als Finisher der 100 Kilometer von Biel gemacht habe. Meine unmittelbare Wettkampfvorbereitung begann circa eine Woche vor dem Start. In dieser Phase nutzte ich die aus meiner Sicht die drei zentralen „Mentalen Werkzeuge“, die uns allen zur Verfügung stehen.

Zum Thema: Die unmittelbare Wettkampfvorbereitung

  1. Die Fähigkeit, mit Bildern und Videos zu arbeiten. Für Biel bedeutet das, dass ich schon lange vorher etliche Male „Mental“ vor Ort war, obwohl ich noch niemals vorher wirklich persönlich dort war. Ich habe mich informiert über alles, was ich nur bekommen konnte. Texte, Berichte, Bilder, You-Tube-Videos, Facebook-Einträge. Ich wusste direkt vor dem Rennen schon so viel über das Rennen, dass mich kaum etwas überraschen konnte. . Diese „gesammelten Informationen“ habe ich für mich strukturiert und in Vorstellungsbilder überführt. Mit diesen Vorstellungsbildern habe ich dann täglich gearbeitet – im Training, nachmittags in einer ruhigen Minute, Am Abend vor dem Einschlafen. Ich habe mir in der Woche vorher ein Drehbuch für ein – für mich optimales Rennen – zusammengeschrieben und dies dann in einem „inneren Film“ überführt, den ich mir dann täglich vor Augen geführt habe.
  1. Die Fähigkeit, sich selbst instruieren zu können. Für Biel bedeutete das, dass ich mir schon Selbstinstruktionen und Gedanken zurecht gelegt habe, die dann zum Einsatz kamen, wenn sich für mich mutmaßlich kritische Situationen ergeben. Ich war auf die Krise bei KM 68 vorbereitet. Ich wusste, dass sie kommen würde. Ich wusste nur nicht wann und in welcher Form. Als die Krise dann kam, war ich optimal vorbereitet. Mich hat die Bewältigung dann zwar ca. 10 Minuten gekostet, aber ich habe sie überwunden, weil ich die plötzlich auftretende, für mich sehr schwierige Situation in einem „anderen Licht sehen konnte“. Es gelang mir über meinen inneren Dialog die Gelassenheit zu erreichen, die ich gebraucht habe. Dies war jedoch auch ein Ergebnis, systematischem Selbstgesprächsregulations-Trainings im Vorfeld dieses Laufes.
  1. Die Fähigkeit, mit anderen Menschen kommunizieren können. Für Biel bedeute das, dass ich mindestens eine Person an meiner Seite wusste, der ich alles erzählen, alles mitteilen konnte, was mich gerade umtreibt, ohne dafür verurteilt zu werden, sondern eher im Gegenteil – die mich mit ihrer Sichtweise „befruchtet hat“, die mir eine andere Sichtweise auf die Dinge geben konnte und dies wiederum hat dann wieder meine Einschätzung der Situation (in der Regel positiv) beeinflusst. Kommunikationsfähigkeiten spielten aber auch unterwegs im Rennen eine nicht zu unterschätzende Rolle, unabhängig ob dies mit meinen Mitläufern war oder ob es sich um die vier oder fünf Treffen mit Frauke während des Rennens betraf. Kommunikation erzeugt wichtigen Informationsaustausch für eine Neueinschätzung einer ganz spezifischen, mitunter wichtigen Situation, in einem Wettkampf. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, Informationen auszutauschen und diese dann zu nutzen, sondern es geht auch um die Erfahrung einer „Perspektivübernahme“ einer anderen Person für die eigene (in diesem Moment sehr wichtige) Situation. Dies ist eine sehr beeindruckende und sehr mächtige Erfahrung, die ganz sicher die eigene Selbststeuerung maßgeblich beeinflussen kann.

Die Nutzung dieser drei Werkzeuge gehören aus meiner Sicht zu den grundlegenden Fähigkeiten, die jeder ambitionierte Sportler entwickeln und ausbauen sollte, denn sie helfen uns, schwierige Situationen zu überstehen, die eigene Einstellung zu einer grenzwertigen Anforderung zu verbessern und seinen eigenen Selbstwert positiv zu beeinflussen. Ich wusste um diese Werkzeuge, habe die für mich relevanten Inhalte mit diesen Werkzeugen bearbeitet und dies hilf mir in nicht unbeträchtlicher Art und Weise diesen – meinen Lebenstraum – zu erfüllen.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Wann tut eine Pause Not?

Das neue Modewort im Triathlon heißt zurzeit „Off-Season“. Athleten anderer Sportarten wie zum Beispiel die Extremläuferin Anne-Marie Flammersfeld reden von „Post-Race-Depression“. Beide Phänomene gehen auf einen richtige Steuerung der Belastungs- und Erholungsphasen zurück. Neben der Trainingswissenschaft und der Sportmedizin liefert die Sportpsychologie spannende Ansätze, um die richtige Balance zu finden.

Zum Thema: Wie kontrolliere ich Belastung und Erholung mit sportpsychologischen Mitteln?

Sportliche Höchstleistung setzt systematisches körperliches und mentales Training voraus. In der Regel entstehen dann Anpassungsprozesse an eine Belastung. Diese Anpassungsprozesse erreicht man durch eine gut geplante und zielgerichtete Belastung, der dann aber auch immer eine Erholungsphase folgen muss. Dieses Prinzip ist in der Trainingswissenschaft sehr zentral und ist das Kernstück der Trainingssteuerung eines Athleten.

Alle Sportarten nutzen dieses Prinzip, um eine Leistungssteigerung erzielen zu können. Trainingssteuerung wird oftmals durch verschiedene diagnostische Verfahren unterstützt, denn es ist sehr hilfreich zu erkennen, wann beispielsweise eine Belastung zu hoch oder zu niedrig ist, oder aber eine Erholungsphase zu kurz beziehungsweise zu lang war, bevor man einen nächsten Trainingsreiz setzt. In der Regel kommen hier medizinische, diagnostische Verfahren zum Einsatz, wie z.B. Laktatmessung, die Messung der Herzfrequenzvariabilität oder etwa der Bestimmung eines Blutbildes.

Wie aber gehen Sportpsychologen vor, wenn diese Erholungs-Belastungs-Bilanzen diagnostiziert werden sollen? Zumeist kommen hier Fragebogenverfahren zum Einsatz, um diese eher subjektiven Einschätzungen erfassbar zu machen. Ein solcher Fragebogen ist der sogenannte „Erholungs-Belastungs-Fragebogen“ (Kallus, 1996). Der Athlet füllt diesen Fragebogen aus, der aus 25 vorgegebenen Fragen besteht. Auf einer Skala von 0 bis 6 kann der Athlet hier seine Zustimmung ankreuzen. Der Sportpsychologe erhält dann in seiner Auswertung ein Profil, dass die Ausprägung emotionaler, allgemeiner, sozialer Belastung und Erholung zeigt und kann somit auf einem Blick feststellen, in wie weit der Athlet aus seiner Sicht möglicherweise schon in einen Übertrainingszustand gerät oder ob er etwa unterfordert ist. Diese Form der psychologischen Diagnostik kommt oftmals in der Vorbereitung auf sportliche Großereignisse zum Einsatz (wie etwa in der unmittelbaren Vorbereitung auf Olympische Spiele, siehe bei Stoll, 2013), aber auch in einer sehr belastungsintensiven Vorbereitungsphase einer Mannschaft vor Beginn der eigentlichen Saison. Somit werden die objektiven Daten aus der Sportmedizin und der Trainingswissenschaft durch die mentale Dimension ergänzt. Dies wiederum hilft dem Trainer und den Athleten bei der Trainingssteuerung.

 

Kallus, K.W. (1996). EBF: Erholungs-Belastungs-Fragebogen. Frankfurt/Main: Swets Test.

Stoll, O. (2013). Preperation of the Olympic Games: a psychological approach. In T. Köthe & O. Stoll (Eds.), Diving Research Worldwide (pp. 35-39). Hamburg: Czwalina.

http://www.sportschau.de/weitere/breitensport/trainigspause100.html

http://www.achim-achilles.de/menschen/lauf-stars/22548-extremlaeuferin-flammersfeld-depression-nach-dem-laufen.html

 

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Philippe Müller: Nebelkerze von Schalke?

“Augen zu und durch”, so formulierte Horst Heldt, Sportvorstand des FC Schalke 04, die Marschroute für sein Team vor dem Champions League-Auftakt beim FC Chelsea. Deutlich optimistischer klang S04-Trainer Jens Keller auch nicht, der verlautbarte, dass sein Team aktuell nicht auf Augenhöhe mit den Londonern sei.

Zum Thema: Welche Bedeutung haben öffentliche Aussagen für die Spielvorbereitung?

Nach dem Fehlstart in die Bundesliga mit nur einem Punkt aus drei Spielen und dem Pokal-Aus beim Drittligisten Dynamo Dresden herrscht rund um den FC Schalke 04 mal wieder reichlich Unruhe. Vor der Partie am 1. Spieltag der Champions League-Saison 2014/2015 beim FC Chelsea überboten sich die Offiziellen des FC Schalke 04 aber in Demut.

Bemerkenswert war ein Interview von Sportvorstand Heldt nach der 1:4-Auswärtsniederlage bei Borussia Mönchengladbach im ZDF Sportstudio. Jochen Breyer leitete das Interview mit dem Satz, „Jetzt ist der Psychologe gefragt“ (dieser Satz fehlt übrigens im Mediathek-Beitrag), ein, erntete von Heldt aber nur ausweichende Floskeln. Eine Strategie, wie mit den Spielern nun in Vorbereitung auf das Champions League-Spiel umzugehen sei, wollte der Sportvorstand nicht preisgeben. So etwas werde erst bei der Analyse am Tag nach dem Spiel intern besprochen.

Seit Dezember 2013 ist der FC Schalke 04 einer der wenigen Bundesligisten, die mit einer Sportpsychologin im Funktionsteam arbeiten. Theresa Holst wird von Seiten der Spieler, allen voran von Keeper Ralf Fährmann (Spox-Interview) ausdrücklich gelobt. Über die genauen Inhalte der Arbeit sind, wie es sich im Verhältnis zwischen Trainer, Mannschaft und Sportpsychologe auch absolut empfiehlt, keine wirklichen Details bekannt.

Unterwürfigkeit als Strategie?

Vor diesem Hintergrund wundern die unterwürfigen Aussagen vor dem Spiel gegen Chelsea aber umso mehr, denn schließlich sollte von Trainer- oder Offiziellenseite eigentlich tunlichst vermieden werden, mit unvorsichtigen Aussagen die Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Es wäre wichtig in einer solchen Phase dem Team den Rücken zu stärken. Genauer: In Situationen, in denen ein großer Druck auf der Mannschaft liegt, ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Unsicherheit statt Zuversicht wird vom Trainer, meist unbewusst, vermittelt und auf die Spieler übertragen. Der Stress, welcher durch die Umstände entsteht, kann sich sowohl auf das Wohlbefinden als auch auf die Arbeitsqualität auswirken. Formen zur Stressreduktion müssen erlernt werden. Ein offenes Ohr im Umfeld ist dabei oft hilfreich.

Gut möglich, dass sich der FC Schalke 04 aber ein Beispiel am FC Chelsea und dessen Trainer José Mourinho genommen hat. Denn der Portugiese gilt als Experte im öffentlichen Kleinreden des eigenen Teams und der Überhöhung des jeweiligen Gegners – um intern vor seinen Spielern aber vollkommen anders aufzutreten und Sie mit klarer Linie auf das Spiel einzustellen.

Insofern ist es am ersten Champions League Spieltag spannend abzuwarten, ob die Kommandobrücke des FC Schalke nur weiterer öffentlicher Kritik am “Saison-Fehlstart” vorbauen wollte, tatsächlich noch keinen Plan vor der Königsklassen-Saisonpremiere hatte oder aber eine Nebelkerze zündete, um dann in London für eine Überraschung sorgen zu wollen. Nebenbei: Auch im Amateursport sind die Trainer vermehrt dem öffentlichen Druck ausgesetzt. Während es für Profi-Vereine sukzessive immer normaler wird, Sportpsychologen in das Funktionsteams zu integrieren, dürfte perspektivisch im Amateurbereich die Zusammenarbeit auf einem Coach-the-Coach-Level an Bedeutung gewinnen. Sportpsychologen können im Ergebnis die Trainer in ihrer komplexen Aufgabe zielgerichtet unterstützen.

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Florian Reus über die Angst vor dem Glücksgefühl

Florian Reus ist zwar mit 30 Jahren noch relativ jung für die ganz langen Ultraläufe. Dennoch hat der Sport- und Soziologiestudent schon jetzt die meisten Einzelmedaillen für den Deutschen Leichtathletik-Verband bei internationalen Meisterschaften in den Ultramarathon-Disziplinen sammeln können. Motiviert durch die Faszination für große Ziele und dem damit verbundenen Vorbereitungsaufwand hat er sich insbesondere auf den 24-h-Lauf beziehungsweise auf Distanzen mit einer ähnlichen Zeitspanne spezialisiert. Dementsprechend wird der für die LG Würzburg startende Wahlhesse auch bei der 32. Auflage des Spartathlons, welcher Ende September über 246 Kilometer von Athen nach Sparta führt, an der Startlinie stehen.

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Florian Reus

Florian Reus ist seit 2010 Mitglied der Ultramarathon-Nationalmannschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbands (aktuell A-Kader) und war Sportler des Jahres der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung 2013, 2012 und 2007.

Seine größten Erfolge: Vize-Weltmeister und Europameister im 24-Stunden-Lauf 2012 in Katowice (Polen) über 261,7km, Europameister und 3. Platz der Weltmeisterschaft im 24-Stunden-Lauf 2013 in Steenbergen (Niederlande) über 259,9km, 2. Platz beim Spartathlon 2013 – 246 Kilometer von Athen nach Sparta; 4 x Deutscher Meister im 24-Stunden-Lauf (Rekordmeister): 2012 in Stadtoldendorf über 255,4km , 2011 in Reichenbach/Vogtland über 246,3km, 2007 in Scharnebeck über 233,1km, 2006 in Reichenbach/Vogtland über 205,3km

 

Florian Reus, welche Rolle spielt die Psyche bei einem Wettkampf wie dem Spartathlon?

Dadurch, dass es bei solch einer langen Wettkampfdistanz praktisch unmöglich ist, ohne das Auftreten von Problemen und Krisen durchzulaufen, kommt der Psyche eine enorme Bedeutung zu. Genauso wie bei meiner Hauptdisziplin, dem 24-h-Lauf, habe ich natürlich auch beim Spartathlon den Anspruch an mich, eine der ersten Platzierungen zu belegen. Um dies zu realisieren, darf man sich aber praktisch keine Schwächeperioden, die mit größeren Zeitverlusten einhergehen, leisten. Dementsprechend ist es bei solchen Wettkämpfen immer mein Ziel, komplett ohne Sitzpausen oder Ähnlichem durchzulaufen. Dies stellt mental natürlich eine riesige Herausforderung dar, da in Schwächeperioden das Bedürfnis, das Laufen zu unterbrechen, fast grenzenlos ist. Vor allem in den einsamen Nachtstunden, in denen das vordere Läuferfeld beim Spartathlon weit auseinander gezogen ist und auch selbst in Griechenland die Temperaturen recht unangenehm werden können, ist mentale Stärke Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Ergebnis.

Wie bereitest Du dich mental auf diesen Wettkampf vor?

Das wichtigste in meiner mentalen Vorbereitung ist die Tatsache, dass ich mich gedanklich sehr stark mit dem jeweiligen Wettkampf auseinandersetze. Dabei versuche ich mich immer ein Stück weit in den Lauf hineinzuversetzen. Das sind zum einen Vorstellungen über ein erfolgreiches Abschneiden und den damit verbundenen Emotionen. Dies geschieht oft auch ganz unbewusst während einer lockeren Trainingseinheit, manchmal auch mit solch einem intensiven Nachspüren, dass die Herzfrequenzanzeige auf meiner Trainingsuhr förmlich in die Höhe schießt. Meist kann man in der letzten Woche vor einem wichtigen Wettkampf mit mir nicht mehr wirklich viel anfangen, da meine Gedanken ständig bei der bevorstehenden Aufgabe sind. In dieser Phase versuche ich mich dann aber auch ganz bewusst in die zu erwartenden Problemsituationen hineinzuversetzen. Meist ist es ja so, dass man mit etwas zeitlichem Abstand nach einem harten Wettkampf vergisst, welche Strapazen mit dem erfolgreichen Abschneiden verbunden waren. Stattdessen bleiben meist vor allem die schönen Erinnerungen erhalten. Dementsprechend versuche ich mich möglichst intensiv all die mit Sicherheit auftretenden Strapazen und auch Schmerzen vorzustellen. Nur durch die intensive Auseinandersetzung mit all diesen Begleiterscheinungen gelingt es mir, gerade in der Schlussphase eines langen Wettkampfes an die Schmerzgrenze zu gehen. An dieser Stelle muss ich auch dazu sagen, dass ich es in den Tagen vor dem Wettkampf vermeiden möchte, ausschließlich positive Stimmungen hinsichtlich des Wettkampfes aufkommen zu lassen. Dies mag vielleicht auf den ersten Blick etwas absurd klingen, jedoch habe ich meine besten Leistungen immer dann erbracht, wenn ich vor dem Wettkampf und den damit verbundenen Strapazen eine ganz gehörige Portion „Angst“ hatte. Das ging manchmal sogar soweit, dass ich nachts vor wichtigen Läufen nur sehr wenige Stunden geschlafen habe. Die Vorfreude ergibt sich stattdessen meist durch die große Spannung auf das zu erwartende Ergebnis von selbst.

Wenn es unterwegs beginnt schwer zu werden und weh zu tun – Wie gehst Du damit um?

Mein Ziel ist es, alle auftretenden Ereignisse im Wettkampf mit möglichst stoischer Ruhe hinzunehmen. Dies bezieht sich während des Wettkampfes im Übrigen auch auf die Vermeidung von übermäßigen Glücksgefühlen, da ich es auch schon erlebt habe, nach einem Hochgefühl wenige Stunden später in ein umso größeres Loch zu fallen. Ich glaube, dass mir heute in schwierigen Phasen meine Erfahrungen, die ich in mittlerweile etwa 15 Läufen mit einer Größenordnung von 24 oder mehr Stunden gesammelt habe, zu Gute kommen. Manchmal hat man schon nach der Hälfte des Rennens eine schwere Krise zu bewältigen. In solchen Momenten fällt es unwahrscheinlich schwer, den Glauben an ein gutes Endergebnis aufrechtzuerhalten. Stattdessen fällt man leicht in eine Stimmung der Resignation, bei der man sich den weiteren Rennverlauf als ständige Abwärtsspirale vorstellt, nach dem Motto: „Wenn ich jetzt schon keine vernünftige Geschwindigkeit mehr laufen kann, wird das mit noch mehr Kilometern in den Beinen nur noch schlimmer sein“. In solchen Situationen können mir auch Aufmunterungen von Betreuern, Mitläufern oder Zuschauern kaum helfen. Dementsprechend habe ich in der Anfangszeit meiner Ultramarathonkarriere auch mal den einen oder anderen Lauf vorzeitig abgebrochen, da ich es mir einfach nicht mehr vorstellen konnte, noch ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen und deshalb keinen Sinn mehr in der Quälerei sah. Heute hab ich auf Grund meiner selbst gemachten Erfahrungen das Wissen, dass man durchaus auch nach frühzeitigen Problemen wieder in das Rennen zurück finden kann. So versuche ich, in solchen Situation Ruhe zu bewahren und mich gedanklich genau auf diese erlebten Erfahrungen zu berufen. Außerdem stelle ich mir selbst in diesen Situationen gedanklich die Frage, was denn rein objektiv das beste Handeln für den Erfolg sei, wodurch mir nichts anderes „übrig bleibt“ als Ruhe zu bewahren und weiter zu laufen.

Was mir in Phasen der Schwäche außerdem sehr gut hilft ist die Tatsache, dass ich mir selbst vergegenwärtige, den leistungssportlichen Ultralauf nur als zeitlich begrenzte Lebensepisode auszuüben. Mit dem Wissen, dass ich solche Wettkämpfe mit der Motivation, ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen, nur einige Jahre betreiben möchte, fällt es mir leichter, an die totale Grenze zu gehen. So kam es durchaus schon vor, dass ich in der Endphase von 24-h-Läufen ein baldiges Ende der leistungsambitionierten Karriere beschlossen habe. Manchmal ist es also durchaus sinnvoll, sich selbst auszutricksen.

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Christian Reinhardt: Marco Reus „harte Zeit 2.0“

Eine Verletzung am Sprunggelenk, die er sich im letzten Testspiel vor dem Abflug nach Brasilien zuzog, kostete Marco Reus die WM-Teilnahme. Was folgte, war nach eigenen Angaben eine „harte Zeit“, in der er intensiv an seiner Genesung arbeitete – mit Erfolg. Im EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland stand er bereits wieder von Beginn an auf dem Platz. Allerdings musste der Dortmunder Spieler nach einem rüden Foul in der Nachspielzeit erneut humpelnd das Spielfeld verlassen. Wieder hat es das betroffene Sprunggelenk erwischt.

Zum Thema: Wie Sportler eine Verletzung managen können

Verletzungen und Wieder-Verletzungen sind eine der häufigsten Krisen, mit denen Sportler zu kämpfen haben. Unabhängig vom sportlichen Niveau sind neben den physiologischen Beschwerden auch die psychologischen Konsequenzen entscheidend. In diesem Zusammenhang unterscheidet sich die Bundesliga nur geringfügig von der Kreisliga.

Die meisten gravierenderen Sportverletzungen gehen mit einem dreistufigen psychologischen Verarbeitungsprozess einher:

1. Die Akutphase

Die meisten Sportverletzungen sind mit einem großen Schmerz verbunden. Dieser Schmerz nimmt die Gedankenwelt meist voll in Anspruch. Man sucht eine Haltung, eine Position des betroffenen Körperteils, die den Schmerz zurückgehen lässt. Je nach Konstitution und Schweregrad der Verletzung kann hier sogar ein Schock auftreten. Es folgt (hoffentlich schnell) die medizinische Erstversorgung. Die Fragen der Ärzte/Physiotherapeuten ‚Wie ist das passiert?‘ ‚Wo sitzt der Schmerz?‘ ‚Tut das weh oder das…?‘ helfen hier, weil sie – auch wenn sie sich auf die Verletzung beziehen – ablenken.

2. Emotionale Reaktion

Zunächst erlebt der Sportler eine große Bestürzung. Auch wenn das Risiko, sich im Sport – insbesondere in einem zweikampfintensiven Sport – zu verletzen, relativ groß ist, rechnet man eigentlich nicht damit, selber betroffen zu sein. Der Betroffene kann sein Unglück gar nicht fassen. Es drängt sich der Gedanke auf, welche Konsequenzen die vermutete (meist gibt es so schnell noch keine finale Diagnose) Verletzung haben könnte. Diese möglichen Folgen will man nicht wahrhaben. Deshalb verdrängen viele Sportler anfänglich die Realität. ‚Nein, das kann nicht sein‘. Betroffene Sportler verbergen oft das Gesicht in ihren Händen., wie es beim EM-Qualifikationsspiel auch Reus tat. Häufig folgt auf diese Phase eine Stufe der Wut. Der Ärger kann dabei zielgerichtet gegen beteiligte Personen (Im Fall von Reus also auf Mulgrew), sich selbst (‚Warum habe ich mich nicht auswechseln lassen? Ich war zu erschöpft! ‘ ‚Ich habe zu früh angefangen!…‘), vermeintliche Schuldige (‚Der Bundestrainer hätte mich nicht zweimal aufstellen und so lange spielen lassen sollen.‘ ‚Der Arzt hätte mir noch keine Freigabe geben dürfen!…‘) oder ziellos auf alles und jeden abgewälzt werden. Es ist besonders für das medizinische Personal, Freunde und Familie wichtig zu wissen, dass Sie in einem solchen Fall eigentlich nicht das tatsächliche Ziel für den verletzten Sportler darstellen, sondern nur stellvertretend für die frustrierende Gesamtsituation fungieren.

Einige Sportler versuchen sogar, über ihr Schicksal (meist mit Ärzten oder Physiotherapeuten) zu verhandeln. ‚Wenn ich die Reha sehr intensiv mache, mich entsprechend ernähre, dann müsste ich doch schon wieder zum Zeitpunkt X auf dem Platz stehen können.‘ Diese Verhandlungen zeigen, dass die Realität der Verletzung noch nicht vollends akzeptiert wird. Das schließlich zunehmende Akzeptieren der Wahrheit führt oft zu einer depressiven Stimmungslage. Oft wollen weder der Sportler noch sein Umfeld das wahrhaben. Diese reaktive Depression stellt keine psychische Störung dar. Sie ist eine normale Reaktion auf ein belastendes Ereignis. Eine Verletzung ist traumatisierend und hat zur Folge, dass der Sportler seine Sportart für einen meist zunächst unbekannten Zeitraum nicht ausüben kann. Die fehlende körperliche Auslastung, führt zu einer erhöhten psychischen Anspannung. Diese Anspannung und der Wechsel vom Akteur zum Zuschauer, der eingeschränkte Kontakt zu Mitspielern, das abrupte Wegfallen von lang gesetzten Zielen und täglichen Routinen führt schließlich dazu, dass aus einer körperlichen auch eine psychische Krise wird. In dieser Phase ist das soziale Netzwerk des Sportlers sehr wichtig (Marco Reus hat z.B. erwähnt, wie wichtig die Unterstützung seiner Familie und Freunde für ihn war). Nach einiger Zeit hellt sich dann die Stimmung wieder auf und die Rehabilitation kann nun in Angriff genommen werden.

3. Akzeptanz und Bewältigung

Die Akzeptanz der Verletzung ist eine für den eigentlichen Reha-Prozess entscheidende Phase. Der Sportler überwindet seine intensive emotionale Reaktion und blickt positiver in die Zukunft. Hier ist es von entscheidender Bedeutung, die Rehabilitation systematisch zu planen. Eine realistische Zielsetzung mit vielen Teilzielen (wann werde ich was erreicht haben) hilft den Fortschritt sichtbar zu machen. Das motiviert. Der Blick darf nicht nur auf das obligatorische ‚Was kann ich noch nicht?‘ gerichtet sein und muss zum ‚Was kann ich schon wieder? Wie liege ich im Plan?‘ verschoben werden. Leistungssportler sind einen geregelten, auf ein Ziel hin ausgelegten Tagesablauf gewohnt. Es empfiehlt sich eine solche Ausrichtung auch im Rahmen der Reha zu etablieren. Eine Möglichkeit zu trainieren, auch wenn der Körper es noch nicht vollends zulässt, ist das Vorstellungstraining. Für das Gehirn macht es keinen großen Unterschied, ob man sich eine Bewegung nur exakt vorstellt oder sie tatsächlich durchführt. Es ist also möglich Bewegungen, Bewegungsabläufe sogar eine Taktik durch gezieltes Vorstellungstraining zu verbessern. Gleiches gilt auch für die Bewegung eines verletzten Gelenks. Videos, insbesondere vom eigenen Bewegungsablauf, sind hier hilfreich. Der Kontakt zur Mannschaft und zum Trainerstab sollte nicht abreißen. Es ist wichtig, sich weiterhin als Teil des Teams zu sehen. Sportler, die bereits eine ähnliche oder noch viel schlimmere Verletzung erfolgreich überwunden haben, können als Inspiration gesehen werden. Auch eine Beschäftigung mit der Verletzung kann helfen, ein exakteres Bild zu erlangen und die Erwartungen realistischer zu formulieren. Es klingt schwierig, aber letztlich ist eine Verletzung immer auch eine Chance. Es gibt viele Beispiele von Sportlern, die nach einer Verletzung stärker zurückkehren. Zum einen wächst man in der Krise und andererseits bietet eine Verletzung tatsächlich neue Möglichkeiten. Es bleibt mehr Zeit für Freunde und Familie. Gleichzeitig bietet sich auch die Chance an Aspekten der sportlichen Leistung zur arbeiten, die sonst wenig Beachtung finden. Ein solcher Aspekt ist beispielsweise die Entspannung. Sportliche Leistungsentwicklung beruht nicht nur auf Belastung, sondern auch der nötigen Erholung. Wer nicht ausreichend erholt ist, wird nicht mit der optimalen Anpassung auf Belastungsreize reagieren. Entspannungsverfahren können helfen, mit den Schmerzen und der Anspannung nach der Verletzung umzugehen und die nötige Erholung zu generieren. Viele Sportler, die während ihrer Reha mit diesen Verfahren in Kontakt kommen, nutzen diese auch im Trainingsalltag. Außerdem kann die spielfreie Zeit genutzt werden, um die eigenen taktischen Fähigkeiten zu verbessern. Nicht zu spielen heißt nicht, sich nicht weiterzuentwickeln.

Sportpsychologie bei Sportverletzungen

Im Spitzensport hat sich die Sportpsychologie zusammen mit den medizinischen Interventionen im Genesungsprozess sehr bewährt. Der Sportler wird dabei während und nach der Verletzung begleitet und ermutigt, die Pause sinnvoll zu nutzen und selbstsicher mit realistischen Zielsetzungen wieder in seinen Sport einzusteigen. Eine positive Einstellung und positive Selbstinstruktionen („Mir geht es schon deutlich besser, ich verbessere mich jeden Tag.“) wirken sich vorteilhaft auf den Heilungsprozess aus. Auch der Umgang mit Ängsten z.B. einer Wieder-Verletzung ist wichtig, wie es Marco Reus nun aktuell am eigenen Leib erfährt.

Umso besser ein Sportler mit seiner Verletzung und den psychischen Folgen umgeht, desto wahrscheinlicher ist der erfolgreiche Wiedereinstieg in den Sport! Es wäre daher äußerst sinnvoll dies zum Inhalt des Unterrichts an den Sportschulen zu machen.

 

Hinweis: Ich habe diesen Artikel mit einem relativ frischen Bänderriss geschrieben. Das Wissen um die psychologischen Folgen und Chancen einer Sportverletzung hat diese nicht angenehm gemacht, aber die Bewältigung deutlich vereinfacht.

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Ruud Vreuls: Malandas drei Punkte-Rettungsplan

Neue Saison, neues Glück. So dachte wohl auch Junior Malanda, Spieler des VfL Wolfsburg. Der gebürtige Belgier machte beim Pokal-Halbfinale gegen Dortmund im April ein Riesenspiel, versemmelte aber seine Großchancen. In den bisherigen Bundesliga-Spielen führte er dieses Muster nahtlos fort: Gute Leistungen, krasses Versagen vor dem Tor. In der Liga hat sich Malanda jetzt schon einen Namen gemacht – allerdings als „Tor-Tollpatsch“. Daran kann gearbeitet werden.

Zum Thema:  Worauf müssen Spieler achten, um einen wichtigen Torschuss erfolgreich zu verwandeln?

Bernard Malanda-Adje, wie sein vollständiger Name lautet, hat zum Anfang der Bundesliga-Saison da weiter gemacht, wo er letzte Saison aufgehört hat: Größte Chancen ungenutzt zu lassen, meistens auch noch auf eine ungeschickte Art und Weise. Für den neutralen Zuschauer vielleicht belustigend, für ihn und die Fans der Wölfe sehr ärgerlich. Es ist noch nicht sehr lange her, als der belgische U21-Nationalspieler zwei sehr große Chancen im Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund verpasst hatte. Diese Bundesliga-Saison hat er bereits in zwei Spielen wieder 100-prozentige Torchancen liegen lassen. Sowohl im Auftaktspiel gegen Rekordmeister FC Bayern München als auch gegen Eintracht Frankfurt gelang es ihm nicht, trotz bester Einschussmöglichkeiten, zu treffen. Hätten seine Schüsse das Ziel gefunden, wären die Wölfe momentan auf Platz zwei der Tabelle und Junior Malanda ein Stern am Bundesliga-Himmel der jungen Saison. Allerdings kann Malanda geholfen werden, der schlicht selbstsicherer im Spiel und vor allem vor dem Tor werden muss.

Zusätzlich zum sportlichen Training gibt es zahlreiche sportpsychologische Strategien, die man trainieren kann, um dieses Ziel zu erreichen. Selbstsicherheitstraining ist eine von diesen Strategien. Für dieses Training sind lediglich zusätzliche Videoaufnahmen notwendig, da in den meisten Fällen, wie bei Junior Malanda, die Körpersprache eine wichtige Rolle spielt und der Spieler sich dessen bewusst werden muss. Aufgepasst: Bei all seinen Torchancen war zu sehen, dass sein Kopf beim Schuss nach unten gerichtet war. Genau diese Körperausstrahlung zeigt, dass er – von außen betrachtet – mit der Situation überfordert war. In dieser wichtigen Situation scheint er selbst nicht von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt zu sein, so dass er sich während des Torschusses zu sehr auf die Gesamtsituation und zu wenig auf sein eigentliches Ziel fokussiert. Wenn man sich während so einer Situation auf das Ziel konzentriert, hat man idealerweise den Kopf oben und automatisch die Brust voraus. Diese drei Aspekte machen das Selbstsicherheitstraining aus: Kopf hoch, Brust raus, Fokus schaffen. (Hinweis: Im Blog von Christian Reinhardt wird die Bedeutung der Körpersprache noch tiefergehend erörtert.) Werden die drei Tipps (Kopf hoch, Brust raus, Fokus schaffen) umgesetzt, demonstriert dies nicht nur Selbstsicherheit nach außen, es wirkt sich auch auf die Person selber aus. Diese Strategie kann man während des Trainings gut üben und umsetzen. Ob es sich jetzt um einen Pass, einen Torschuss oder einen Elfmeter handelt, völlig egal – Ziel ist es, sich die drei Punkte vor Augen zu führen. Im Verlauf merken die Spieler, dass diese Umsetzung immer leichter fällt und sie sich in kurzer Zeit sicherer fühlen. So werden die Akteure schnell merken, dass der Ablauf der drei Punkte automatisch passiert. Sitzt der Automatismus, spart der Spieler im Ergebnis dessen sogar wichtige Zeit, die er nutzen kann, um sich schon auf die nächste Situation vorzubereiten.

Die Sache mit dem Druck

Mal ganz allgemein: Ein Spiel besteht aus vielen verschiedenen Situationen. Im Grunde genommen ist jede Situation im Spiel gleich, entscheidend ist nur, wie wichtig der Ablauf der Situation für das Spiel ist. Ein Beispiel: Ein Abstoß vom Torhüter ist im Grunde nichts anderes wie ein Torschuss, nur das Ergebnis ein anderes darstellt. Ein erfolgreicher Abstoß bedeutet, dass der Ball beim Mitspieler ankommt, ein erfolgreicher Torschuss allerdings wird ein Tor und hat damit mehr Bedeutung. Obwohl ein Torschuss somit im ersten Augenblick mehr Bedeutung hat, muss auch der entscheidende Pass  erfolgreich sein, um überhaupt die Möglichkeit eines Torschusses zu schaffen.

Die Chancen, die Junior Malanda bis jetzt verpasst hat, waren alle von großer Bedeutung. Und genau das wusste er auch als er versucht hat, den Ball ins Tor zu schießen. Er hat sich die Wichtigkeit, das Tor zu machen, vor Augen geführt, was dafür gesorgt hat, dass der Druck, das Tor auch wirklich zu treffen, enorm war. Im Leistungssportbereich ist der Druck, Leistung zu bringen, sehr hoch und Junior Malanda hat sich selbst wahrscheinlich noch mehr Druck auferlegt. Nun steckt er in einem Teufelskreis: Denn im Ergebnis hat er nicht nur kein Tor erzielt, sondern es ist noch mehr Stress bei Junior Malanda und ein erhöhter Druck beim nächsten Versuch entstanden.

Die Lösung für sein Problem steckt in einem Zitat von Johan Cruijff: „Jeder Nachteil hat auch seinen Vorteil.“ Denn im Spiel werden immer wieder solche Situationen auftreten und die Möglichkeit besteht natürlich auch, dass er erneut nicht treffen könnte. Junior Malanda kann allerdings selbst Einfluss darauf nehmen, wie er mit den Situationen umgehen wird. Wenn er sich während der Situation auf die drei vorher genannten Punkte des Selbstsicherheitstrainings konzentriert, wird der Druck automatisch weniger groß sein. Außerdem muss der Spieler lernen, solche Situationen zu relativieren. All diese Situationen finden auch im Training statt und können als Vergleich  dienen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er die Chancen im Training fast alle erfolgreich zum Tor verwandeln, da hier der Druck nicht so groß ist, um das Tor unbedingt treffen zu müssen. Mit Hilfe von sportpsychologischen Strategien kann letztendlich dafür gesorgt werden, dass ein Spieler wie Junior Malanda diese Trainingsleistung auch auf den größten Fußballbühnen abrufen kann.

 

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