Philippe Müller: Nebelkerze von Schalke?

“Augen zu und durch”, so formulierte Horst Heldt, Sportvorstand des FC Schalke 04, die Marschroute für sein Team vor dem Champions League-Auftakt beim FC Chelsea. Deutlich optimistischer klang S04-Trainer Jens Keller auch nicht, der verlautbarte, dass sein Team aktuell nicht auf Augenhöhe mit den Londonern sei.

Zum Thema: Welche Bedeutung haben öffentliche Aussagen für die Spielvorbereitung?

Nach dem Fehlstart in die Bundesliga mit nur einem Punkt aus drei Spielen und dem Pokal-Aus beim Drittligisten Dynamo Dresden herrscht rund um den FC Schalke 04 mal wieder reichlich Unruhe. Vor der Partie am 1. Spieltag der Champions League-Saison 2014/2015 beim FC Chelsea überboten sich die Offiziellen des FC Schalke 04 aber in Demut.

Bemerkenswert war ein Interview von Sportvorstand Heldt nach der 1:4-Auswärtsniederlage bei Borussia Mönchengladbach im ZDF Sportstudio. Jochen Breyer leitete das Interview mit dem Satz, “Jetzt ist der Psychologe gefragt” (dieser Satz fehlt übrigens im Mediathek-Beitrag), ein, erntete von Heldt aber nur ausweichende Floskeln. Eine Strategie, wie mit den Spielern nun in Vorbereitung auf das Champions League-Spiel umzugehen sei, wollte der Sportvorstand nicht preisgeben. So etwas werde erst bei der Analyse am Tag nach dem Spiel intern besprochen.

Seit Dezember 2013 ist der FC Schalke 04 einer der wenigen Bundesligisten, die mit einer Sportpsychologin im Funktionsteam arbeiten. Theresa Holst wird von Seiten der Spieler, allen voran von Keeper Ralf Fährmann (Spox-Interview) ausdrücklich gelobt. Über die genauen Inhalte der Arbeit sind, wie es sich im Verhältnis zwischen Trainer, Mannschaft und Sportpsychologe auch absolut empfiehlt, keine wirklichen Details bekannt.

Unterwürfigkeit als Strategie?

Vor diesem Hintergrund wundern die unterwürfigen Aussagen vor dem Spiel gegen Chelsea aber umso mehr, denn schließlich sollte von Trainer- oder Offiziellenseite eigentlich tunlichst vermieden werden, mit unvorsichtigen Aussagen die Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Es wäre wichtig in einer solchen Phase dem Team den Rücken zu stärken. Genauer: In Situationen, in denen ein großer Druck auf der Mannschaft liegt, ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Unsicherheit statt Zuversicht wird vom Trainer, meist unbewusst, vermittelt und auf die Spieler übertragen. Der Stress, welcher durch die Umstände entsteht, kann sich sowohl auf das Wohlbefinden als auch auf die Arbeitsqualität auswirken. Formen zur Stressreduktion müssen erlernt werden. Ein offenes Ohr im Umfeld ist dabei oft hilfreich.

Gut möglich, dass sich der FC Schalke 04 aber ein Beispiel am FC Chelsea und dessen Trainer José Mourinho genommen hat. Denn der Portugiese gilt als Experte im öffentlichen Kleinreden des eigenen Teams und der Überhöhung des jeweiligen Gegners – um intern vor seinen Spielern aber vollkommen anders aufzutreten und Sie mit klarer Linie auf das Spiel einzustellen.

Insofern ist es am ersten Champions League Spieltag spannend abzuwarten, ob die Kommandobrücke des FC Schalke nur weiterer öffentlicher Kritik am “Saison-Fehlstart” vorbauen wollte, tatsächlich noch keinen Plan vor der Königsklassen-Saisonpremiere hatte oder aber eine Nebelkerze zündete, um dann in London für eine Überraschung sorgen zu wollen. Nebenbei: Auch im Amateursport sind die Trainer vermehrt dem öffentlichen Druck ausgesetzt. Während es für Profi-Vereine sukzessive immer normaler wird, Sportpsychologen in das Funktionsteams zu integrieren, dürfte perspektivisch im Amateurbereich die Zusammenarbeit auf einem Coach-the-Coach-Level an Bedeutung gewinnen. Sportpsychologen können im Ergebnis die Trainer in ihrer komplexen Aufgabe zielgerichtet unterstützen.

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 91