Elvina Abdullaeva: Provokation widerstehen

Provozieren im Sport – eine durchaus übliche manipulative Strategie. Der Gegner manipuliert dich so, dass du dich plötzlich verhältst, wie es ihm am besten passt. Das ist ein tolles Geschenk an den Gegner, aber kein Sportler macht es absichtlich. Doch es passiert immer und immer wieder. Man bekommt die eigenen Gefühle nicht in den Griff und lässt sich aus der Fassung bringen.

Zum Thema: Provokation im Sport wiederstehen

Ist dir eine solche Situation bekannt? Willst du endlich ruhig bleiben können, wenn du provoziert wirst? Dann: Ändere deine eigene Wahrnehmung. Es klingt banal, kann auch mal nerven, aber es ist so. Man muss verstehen: „Den Gegner wirst du nicht ändern, deine Reaktion auf seine Provokation aber schon.“ Deine Emotionen hängen davon ab, wie du diese Provokation interpretierst. Wie schaffst du das?

I. «Erkennen»

Zunächst musst du für dich erkennen, wie diese typische Situation aussieht, in der es der Gegner schafft, dich aus der Kontrolle zu bringen. Also, Schritt №1 «Erkennen»: Beschreibe diese glücklose Situation, welche dich immer wieder aus dem Ruder bringt?

Beispielhaft schildere ich eine typische Situation eines jungen Tischtennisspielers, der gegen jegliche Provokation einfach hilflos war: “Das Spiel. Ein schwieriger Gegner. Netzkante. Ich habe keine Zeit, um zu reagieren. Er gewinnt den Punkt und entschuldigt sich gar nicht. Er provoziert mich! Er will, dass ich ausraste! Und das Publikum unterstützt ihn. Es ist ja unfair! Ich beginne innerlich zu kochen. Schon wieder Netzkante. Und wieder entschuldigt er sich nicht. Das macht mich so wütend. Ich suche meine Mama mit den Augen, ich glaube, sie ist sauer auf mich. Ich möchte den Gegner eine Lektion erteilen, beginne schneller zu spielen. Ich mache einen kindischen Fehler! Ich schreie mich selbst an: ‚Wie kann man nur so dumm sein!‘ Ich werde noch wütender! Der Gegner freut sich. Er macht es mit Absicht! Er lacht mich aus! Ich habe das Gefühl, ich explodiere jetzt. Ich spiele hektischer, mache noch mehr Fehler und verliere das Spiel.“

II. «Verstehen»

Der Schritt №2 «Verstehen». Also, wenn du die Situation erkannt hast, dann ist der nächste Schritt, die Gründe deiner Reaktion zu erkennen. Dazu beantworte dir selbst zwei Fragen: Was genau regt mich in der Situation auf? Und wie charakterisiert diese Reaktion mich selbst?

Damit du es besser verstehst, schauen wir mal, wie es der Sportler aus unserem Beispiel gemacht hat:

  • Die Ungerechtigkeit. Ich habe bestimmte Vorstellungen, wie der Verhaltenskodex im Tischtennis ist. Wenn der Gegner einen Punkt mit Hilfe der Netzkante macht, dann entschuldigt er sich dafür – und die Zuschauer unterstützen ihn auf gar keinen Fall. Es ist reines Glück.
  • Ich reagiere dünnhäutig auf alles, was mir im Weg steht, weil ich Angst habe zu verlieren. Ich will immer nur gewinnen, ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst.
  • Und wenn ich verliere, dann werde ich von Mama kritisiert. Aber ich habe Angst davor, weil ihre Kritik mich so kränkt. In diesen Momenten denke ich, sie liebt mich nicht genug.

III. «Umbewerten»

Wenn du, für dich, die Situation sowie die Gründe der Reaktion verstanden hast, ist es an dir, diese Selbsterkenntnis in die richtige Richtung zu lenken. Also Schritt №3: «Umbewerten». D.h. die Situation anders zu sehen bzw. günstig zu interpretieren, so dass du ruhig bleiben kannst. Hier sind die letzten Fragen in der Situationsanalyse, die du für dich beantworten sollst: Wenn die Situation wiederauftritt, wie kann ich das Geschehen so interpretieren, dass ich ruhig bleibe? Wie kann ich anders reagieren?

Folgendes hat der Spieler aus unserem Beispiel gemacht:

  • nach alternativen Erklärungen gesucht, die ihn in der Situation beruhigen konnten. So ist ein neuer Blick auf die Situation entstanden: „Der Gegner hat das aus Versehen gemacht, oder er hat doch selber nur Angst. Er weiß, dass ich stärker bin. Er versucht mich runter zu ziehen, damit ich schwächer werde. Deshalb ist der Provokationsversuch ein gutes Zeichen für mich! :-)“
  • seine dramatischen Gedanken in Frage gestellt: «Ist es wirklich so, dass wenn ich verliere, meine Mutter mich weniger liebt? Kritisiert sie mich, weil ihr nur meine Erfolge wichtig sind? Oder macht sie das, weil sie selber traurig ist? Vielleicht macht sie sich Sorgen um mich, weil ich nur wegen meiner emotionale Reaktion gegen den Gegner verliere, wobei ich aber technisch deutlich besser bin als er und gewinnen kann.“
  • den Humor mit einbezogen, damit er mit Gelassenheit an die Situation rangeht: „Ich lache über mein falsches Verhalten innerlich. Nimm dich nicht so ernst. Passiert. Dann sage ich mir aufmunternde Worte und spiele weiter“.

IV. «Praxis»

Schritt №4 “Praxis”. Und danach hat der junge Spieler seine neue Sicht auf die Situation unmittelbar auf dem Platz, in Pausen und auch durch die dritte Person beim Coaching immer wieder aufgefrischt und sich bewusst gemacht. Mit dieser neuen Betrachtungsweise spielte er ruhiger und konzentrierter am Tisch und reagierte nicht mehr auf die Provokationen. Er hat es geschafft, d.h. auch du kannst das schaffen. Nimm dir nur die Zeit, setze dich gedanklich mit deinen Stolpersteinen auseinander und beantworte dir die aufgeworfenen Fragen. Ich bin mir sicher, du wirst viel mehr über dich erfahren. Wenn du das Gefühl hast, dass du Unterstützung brauchst, um die Situation anders zu bewerten, ist es auch normal. Der Mensch erlebt die Situation sehr einseitig, hat einen starren Blick auf das Problem und kann sich kaum vorstellen, alternative Erklärungen zu finden. Manchmal liegen die innerlichen Überzeugungen sehr tief und es ist schwierig, damit allein klar zu kommen. Zieh dir dann einen Fachmann zu Rate, wenn du willst. Ansonsten hoffe ich, dass der Artikel dir helfen kann, die Gelassenheit dort zu finden, wo du sie brauchst!

P.S. Hier kannst du dich umfassender darüber informieren, wie du selbst deiner Provokationssituation auf die Spur kommst und wie du dich selbst auf die förderlichen Gedanken bringst:

Kaluza G. (2015).Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. 3.Aufl.Springer: Heidelberg

Meichenbaum D.W. (1995).Kognitive Verhaltensmodifikation.2 Aufl.Psychologie Verlagsunion: Weinheim

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