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Thorsten Loch: Les Blues und die soziale Angst

In Frankreich haben erfolgreiche Heimturniere Tradition. 1984 holte das Team, um den genialen Spielmacher Michel Platini, bei der Europameisterschaft im eigenen Land den ersten Titel überhaupt. Zwölf Jahre später gelang es der „Équipe Tricolore“, angeführt von Zinédine Zidane, sogar, die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu gewinnen. Nach dem zweiten EM-Erfolg 2000 kamen allerdings keine weiteren Triumphe hinzu. Im Gegenteil: Der Weg der stolzen Nation ging bergab und mündete bei der WM 2010 an einem Tiefpunkt, mit Trainingsboykott und Vorrundenaus. In die EM startete die Mannschaft um den ehemaligen Kapitän der goldenen Generation und jetzigen Trainer Didier Deschamps im Stade de France gegen Rumänien mit einem Sieg. Das Spiel wurde durch ein spätes Traumtor gewonnen, jedoch ringt die „Grande Nation“ mit sich. Auch vor dem zweiten Turnierspiel gegen den vermeintlichen Außenseiter Albanien (Mi., 15. Juni, 21 Uhr).

Zum Thema: Soziale Angst – wie beeinflussen die Fans das Spiel

Da wären zum einen die Erwartungen der Bevölkerung an „Les Bleus“: Jede französische Nationalmannschaft wird immer an den vergangenen Erfolgen gemessen. Zum anderen kämpft das aktuelle Team um Pogba und Co. damit, dass ihnen die Herzen alles andere als zufliegen. Beobachter führen dabei immer wieder die schwierige politische Lage im Land an. Der Ausschluss des Stürmers Karim Benzema von Real Madrid darf dabei als Beispiel gelten, wie stark das Land gespalten ist. Dessen Unterstützer wähnen den Angreifer mit nordafrikanischen Wurzeln als Opfer einer rassistischen Kampagne im Auftrag rechter politischer Kräfte. Für seine Gegner ist er ein gewöhnlicher Krimineller, der sich an der Erpressung eines Mitspielers beteiligt hat. Dies alles hatte sicherlich Auswirkungen auf die Vorbereitungen auf das Turnier und flossen in den eher holprigen Start gegen Rumänien mit ein. Hinzu kommt, dass ein Eröffnungsspiel eines Großereignisses im eigenen Land mit einer zusätzlichen Bedeutsamkeit angereichert ist und nicht unbedingt die Gelassenheit fördert. Kurzum: Die Franzosen kämpfen mit der Last großer Erwartungen.

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Soziale Angst

Bei der sozialen Angst handelt es sich um eine Gefühlsreaktion, die in Anbetracht einer bestehenden oder bevorstehenden interpersonellen Beziehung auftritt (Stöber/Schwarzer, 2000). Eine Person sieht sich einer sozialen Situation ausgesetzt und empfindet eine unangenehme und beeinträchtigende Erregung. Diese Situation stellt für das Individuum eine Umweltanforderung dar, die als bedrohlich eingeschätzt wird. In diesem Zusammenhang geht es nicht um die Gefahr, körperlich angegriffen oder verletzt zu werden, vielmehr um eine Bedrohung des Selbst.

»Wenn ich ein Tor schieße, bin ich Franzose, aber wenn ich keins schieße oder wenn es Probleme gibt, bin ich Araber.« Karim Benzema

Grundlage ist die öffentliche Selbstaufmerksamkeit

Die Grundlage für soziale Angst stellt demzufolge die öffentliche Selbstaufmerksamkeit dar. Um eine soziale Umweltanforderung als bedrohlich bewerten zu können, muss die Aufmerksamkeit auf öffentliche Aspekte des Selbst gerichtet sein. In dem vorliegenden Fall wäre dies die kritische Beäugung der Herkunft der Spieler. Demzufolge tendieren wir dazu, uns selbst als ein soziales Objekt zu sehen. Diese anhaltende Selbstbeobachtung während des sozialen Handelns, in dem vorliegenden Fall das Fussballspiel, kann zu unangenehmer Erregung und unkontrollierten Bewegungen führen.

Die Auslösung der sozialen Angst erfolgt durch die Art der sozialen Umgebung und durch das Verhalten der Mitmenschen. Besitzt die soziale Angst zusätzlich Bewertungscharakter, am Beispiel der Europameisterschaft möglichst viele Spiele zu gewinnen, verstärkt dieses die öffentliche Selbstaufmerksamkeit und erhöht die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von sozialer Angst. Nicht die geforderte Leistung ruft Angst hervor, sondern die Erwartung, in einer leistungsthematischen Situation beobachtet werden. Begleitende Kommentare, die negativ bewertend ausfallen, verstärken diese Tendenz.

Angst und Leistung

Liebert und Morris (1967) unterschieden das Erleben der Angst in zwei Komponenten, nämlich der Aufgeregtheit und der Besorgnis.

In der Regel übt Angst einen negativen Effekt auf die Leistung aus. In diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass vor allem die kognitive Erlebniskomponente der Angst (Besorgnis) mit Leitungseinbußen einhergeht, während Aufgeregtheit wesentlich geringeren Einfluss ausübt (Liebert/Morris, 1967). Als Grund für die leistungsmindernde Qualität der kognitiven Komponente des Angsterlebens wird inzwischen angesehen, dass diese das Arbeitsgedächtnis mit aufgabenirrelevanten Inhalten belegt bzw. Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abzieht (Sarason, 1975). Besonders die Theorie von Sarasons hat dabei viel Beachtung gefunden, denn man konnte zeigen, dass Ängstlichkeit mit erhöhter Selbstaufmerksamkeit einhergeht, was zu kognitiven Interferenzen bei der Aufgabenbearbeitung und damit zu verminderter Leistung führt (Schwarzer/Wicklund, 1991).

Fazit:

Angst ist das bewusste Erleben eines Erregungszustandes, der als quälend und bedrückend empfunden wird. Folglich streben Personen danach, diesen Zustand möglichst schnell zu beenden. Trainer Didier Deschamps ist darin gut beraten seinen Schützlingen entsprechende Handlungsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Sei es durch die gezielte Aufgabenstellung, sprich was er sich von seinen Spielern in bestimmten Situationen erwartet. Zusätzlich könnte er den Druck von seinen Spielern nehmen, indem er die Situation umbewertet. Es ist keine Bedrohung, sondern sie haben die Möglichkeit die Nation ein Stück weiter zu „vereinen“. So wie einst 1998, als er und seine damaligen Mannschaftskameraden wie Zidane, Bartez, Thuram, usw. vor dem gleichen „Problem“ standen. Und wem schenkt man denn nicht den meisten Glauben, als dem damaligen Kapitän.

 

Literatur:
Liebert, R. M. & Morris, L. W. !1967). Cognitive and emotional components of test anxiety: A distinction and some initial data. Psychological Reports, 20, 975-978.
Sarason, I. G. (1975). Anxiety and self-preoccupation. In I. G. Sarason & C. D. Spielberger (Eds.), Stress and anxiety (Vol. 2, pp. 27-44). Washington, DC: Hemisphere.
Schwarzer, R. & Wicklund, R. A. (Eds.). Anxiety and self-focused attention. New York: Harwood.
Stöber, J. & Schwarzer, R. (2000). Angst. In J. H. Otto, H. A. Euler & H. Mandl (Hrsg.), Emotionspsychologie: Ein Handbuch (S. 189-198). Weinheim: Beltz/PVU.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Analyse ALB vs. SUI

Der 1:0 Auftaktsieg der Schweiz gegen Albanien bei der Fussball-EM war glücklich. Dr. Hanspeter Gubelmann von die-sportpsychologen.ch nimmt bei seiner Sportpsycho-Analyse Banduras Theorie der Selbstwirksamkeitsüberzeugung in den Fokus.

Hinweis: Das Format Sportpsycho-Analyse ist neu. Wir freuen uns über jegliches Feedback –  per Mail, Facebook oder Twitter!

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Yann Sommer –„role model“ für Selbstwirksamkeitsüberzeugung

Als „role model“ für hoch entwickelte self efficacy steht Torhüter Yann Sommer – in den entscheidenden Momenten wirkte er unüberwindbar, total fokussiert, abgeklärt, und agierte mit grosser Entschlossenheit. Er war physisch sehr präsent, seine Körpersprache hatte die Austrahlung von Souveränität und grosser Sicherheit. Entsprechend schlüssig war seine Spielanalyse nach getaner Arbeit: „Wir waren gut vorbereitet, haben gut begonnen. Es kann aber nicht sein, dass wir mit einem Mann mehr auf dem Platz mehrfach in gegnerische Konter laufen. Da waren wir nicht aufmerksam genug!“ In die gleiche Richtung argumentiert der Trainer Vladimir Petkovic: „Die ersten 30’ des Spiels waren wir gut. Dieses Niveau müssen wir im kommenden Spiel über 90 Minuten halten“.

Petkovic gab anschliessend auf die Frage, wie er in der anstehenden Mannschaftsbesprechung vorgehen werde, gleich eine – im Sinne von Bandura – passsende Antwort. „Ich werde zuerst die Stärken unserer Mannschaft in den ersten 30 Minuten hervorheben“. Er dürfte dies mit entsprechenden Videoausschnitten von taktisch klugen und erfolgreichen Spielverhalten des Teams (best practise) unterstreichen. Vielleicht stehen ihm auch weitere Daten (z.B. Laufleistungen der einzelnen Spieler) zur Verfügung, die zeigen dürften, dass die Mannschaft zu Beginn des Spiels dynamischer auftrat als später, als sie in Überzahl spielte. Er dürfte auch gut daran tun, die Weltklasseleistung des Torhüters entsprechend zu würdigen. Nicht nur, weil er es verdient, sondern auch im Sinne von: „Diese Spielklasse steckt in euch allen! Zeigt das im Spiel gegen Rumänien!“

Haris Seferovic – wie er dem Nervenflattern begegnen kann

Ein interessanter Hinweis dafür, woran es gelegen haben könnte, dass die Mannschaft in der zweiten Halbzeit gegen einen dezimierten Gegner eher scheu und zaghaft agierte und die sich bietenden Chancen nicht nutzte, lieferten alle im TV-Interview befragten Spieler: Druck! Und sie meinten wohl vor allem den Erwartungsdruck des „Nicht-Verlieren-Dürfens“! Torschütze Fabian Schär umschrieb es geradezu prototypisch: „Speziell wir Innenverteidiger haben in letzter Zeit schon viel ‚aufs Dach’ bekommen, entsprechend war der Druck gross und spürbar“.

Haris Seferovic, der einige gute Torchancen nicht nutzen konnte, meinte: „Der gegnerische Torhüter hat schon auch gut reagiert, vielleicht haben aber auch meine Nerven geflattert.“ Ein konkretes, mentalgestütztes Training für einen Spieler in seiner Situation könnte so aufgebaut sein:

1) Videoanalyse der 4 Torschancen, in welcher vor allem die positive Aktion, z.B. das starke Durchsetzungsvermögen mit Drang zum Tor herausgestrichen wird

2) Entwicklung einer erfolgsorientierten Abschlussstrategie, wie sie beispielsweise Fussballexperte Alain Suter vorschlägt: „Wenn ich alleine vor dem Torhüter stehe, dann schiesse ich flach ins freie Eck!“

3) Entwicklung eines „mentalen Films“ zukünftiger Torschussaktionen in Verbindung mit positiven Affirmationen: „In die Tiefe gehen, Ball mitnehmen, cool bleiben, die untere Ecke treffen – Tor!“

4) Praktische Umsetzung im nächsten Training! Vielleicht entwickelt Vladimir Petkovic sogar ein „Abschlusstraining“ in diesem Sinne und schaut sich seine Stürmer im Hinblick auf das kommende Spiel auch unter diesem Aspekt noch etwas genauer an…

Der Tipp des Sportpsychologen

Ein letzter Tipp des Sportpsychologen zum Schluss: Eine sehr sinnvolle Intervention, die der Trainer gerade im weiteren Turnierverlauf immer wieder ins Training einbauen könnte, wäre die Anwendung der Nicht-Wiederholbarkeitsmethode – z.B. beim Elfmeterschiessen. Es könnte ja sein, dass die Schweiz wieder auf die Urkraine trifft…

 

Quellen:

Bandura, Albert (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: Freeman.

 

http://die-sportpsychologen.ch/2016/06/10/dr-hanspeter-gubelmann-albanien-1-vs-albanien-2/

 

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Elvina Abdullaeva: EM mit ohne Sicherheit

Jerome Boateng hat am Sonntag zum EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine wie angekündigt darauf verzichtet, seine Familie bei der Fußball-Europameisterschaft mit ins Stadion zu nehmen. Der Grund liegt auf der Hand: Spätestens seit den Terrorakten rund um das EM-Vorbereitungsspiel der deutschen Mannschaft im vergangenen November in Paris gegen den Gastgeber Frankreich haben auch die Nationalspieler Angst um Leib und Leben. Bundestrainer Joachim Löw sprach kürzlich in einer Pressekonferenz, dass allen Beteiligten die Gefährdung bewusst sei, aber „sich keiner unsicher fühle“. In der Mannschaft werde über das Thema nicht gesprochen.

Zum Thema: Der richtige Umgang mit der Angst

Angst ist ein normales Gefühl. Interessant: Ein Mittelmaß an Angst kann sogar die Leistungsfähigkeit steigern. Klassisches Beispiel dafür ist ein Urmensch, der im Wald auf einen Tiger trifft. Hätte dieser Urmensch keine Angst, würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet werden. Angst versetzt den Organismus eines Menschen in eine erhöhte Alarmbereitschaft, bzw. löst im jeweiligen Körper bestimmte physiologische Reaktionen aus. So erhöht sich die Aufmerksamkeit, die Seh- und Hörnerven werden empfindlicher, die Reaktionsgeschwindigkeit steigert sich, so dass der Urmensch aus unserem Beispiel im Extremfall schnellst möglich reagieren – also flüchten oder kämpfen – kann. Vielleicht erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt aus Angst etwas Außergewöhnliches gemacht haben, z.B. vor einem Hund schnell weggelaufen sind, in einem Tempo, das Sie beim Sportunterricht in der Schule niemals geschafft haben. Also, manchmal kann Angst sehr hilfreich sein! Aber dieses Gefühl ist nicht immer gut und kann sich auf die sportliche Leistung negativ auswirken. Warum ist das so? Die Wahrnehmung in der Angstsituation ist einfach gestört. Der Mensch bekommt einen Tunnelblick, welcher auf die bestehende „Gefahr“ ausgerichtet ist. Denken wir zurück an unseren Urmenschen, der sich nicht ablenken lassen durfte und die Situation mit dem Tiger meistern musste, um zu überleben. Das heißt, wenn wir im Sport Angst empfinden, z.B. wie der Spieler Jerome Boateng, welcher auf den Platz kommt, aber gedanklich auf der Tribüne bei seiner Familie ist und sich um diese Sorgen macht, ist automatisch von seiner Aufgabe abgelenkt. Denn bei der Angstempfindung hat der Körper keine Ressourcen für etwas anderes, als diese eine Gefahr“ (Alsleben et al., 2004) .

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Was wäre der richtige Umgang mit dieser Angst? Die Antwort darauf hängt davon ab, wie bedrohlich die Situation ist. Es gibt zwei Wege beim Umgang mit der Angst: Konfrontation oder Vermeidung. In dem Beispiel von Jerome Boateng ist die Familie zu Hause geblieben, also eine klare Vermeidungsstrategie. Ob Vermeidung in dieser Situation angemessen ist? Aber natürlich! In einer bedrohlichen Situation, wofür es reale Gründe gibt, ist Vermeidung eine vernünftige überlebensnotwendige Strategie. Aber ist es immer gut, die angstauslösenden Situationen zu vermeiden? Nein! Bei den meisten Situationen im Sport und auch im Leben, welche bei uns Angst auslösen, ist Vermeidung keine Lösung. Solche Ängste kann man nur in der Konfrontation besiegen, um so das zunächst bedrohliche Ereignis in eine positive Erfahrung umzuwandeln.

Die Grundlage der Angst

Egal wovor die Spieler Angst haben, sei es die Angst vor der Niederlage, Angst, sich vor den Fans zu blamieren, Angst, die Erwartungen der liebsten Menschen nicht zu erfüllen – alles geht auf die Angst zurück, eine bestimmte Situation nicht bewältigen zu können. Andererseits hat der Mensch viele tiefe Ressourcen und ist dadurch in der Lage, quasi jede Situation zu überleben. Und wenn Sie wissen, dass egal was in Ihrem Leben kommen mag, Sie das überleben können, damit klarkommen, wovor brauchen Sie dann Angst zu haben? Vor dem Nichts! (Jeffers, 2014).

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Ich sage nicht, dass Sie nach diesem Satz keine Angst mehr haben werden. Ganz und gar nicht: Die Angst wird in Ihrem Leben immer präsent sein. Aber nur durch Konfrontation – zu probieren, sich was zutrauen, zu riskieren – werden Sie immer selbstbewusster und zuversichtlicher in solche spezifischen Situationen hineingehen, die Ihnen jetzt Angst machen. Die Selbstsicherheit des Menschen wächst dadurch rasch und gewaltig. Sie werden selbst nicht merken, wie locker und gelassen Sie danach Sport- sowie Lebensaufgaben annehmen, vor denen Sie kurz zuvor Angst hatten.

In diesem Sinne, viel Mut!

P.S. Und auszuschließen ist nicht, dass Jerome Boatengs Familie am 10. Juli vielleicht doch nach Paris reist. Vorausgesetzt, die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich für das Finale der Europameisterschaft und die Sicherheitsbehörden bestätigen bis dahin den Eindruck, dass sie die Lage – abgesehen von den bislang auffällig gewordenen Hooligans – unter Kontrolle haben.

 

Literartur:

Alsleben H., Weiss A.,Rufer M.(2004) Psychoedukation Angst- und Panikstörungen. Manual zur Leitung von Patienten- und Angehörigengruppen. Elsevier GmbH, München, Urban & Fischer Verlag.
Jeffers S., (2014).Selbstvertrauen gewinnen: Die Angst vor der Angst verlieren. Aufl. (16). Kösel-Verlag

Profilvideo:

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Vor dem Albanien-Spiel

Das EM Eröffnungsspiel der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft verspricht Spannung, Emotionen und Dramatik. Aus rein sportlicher Optik betrachtet, spielt die Schweiz als aktuelle Nr. 15 der FIFA-Weltrangliste gegen den Aussenseiter Albanien, FIFA-Weltnummer 42. Trotzdem macht sich im (medial geprägten) Vorfeld dieses Eröffnungsspiels eine eigenartig destruktive Stimmung breit.

Zum Thema: Eine sportpsychologische Vorausschau auf das EM-Auftaktspiel der Schweizer Fussballnati

Ich sitze zusammen mit meinem SASP-Vorstand beim „Italiener“. Nach getaner Arbeit lassen wir unsere eben beendete Sitzung mit Smaltalk und in gemütlicher Atmosphäre ausklingen. Am Nebentisch ereifert sich derweil eine Seniorenrunde, möglicherweise vom Männerturnverein Zürich-Witikon, in einer Diskussion um das Auftaktspiel unserer Nati. „Da spielt ja Albanien 1 gegen Albanien 2“ ruft der eine. „Ach ja, und der Trainer spricht ja auch nur sehr gebrochen Deutsch, geschweige denn Mundart!“ erwidert der andere. „Hast du auch im Blick gelesen – nicht einmal unser Sportminister Ueli Maurer traut dem Schweizer Team einen Sieg zu!“ – meint der dritte Sportsfreund, schon recht echauffiert.

Aus sportpsychologischer Sicht ergeben sich aus diesem Stammtisch-Intermezzo drei sportpsychologisch bedeutsame Fragestellungen. Auf welche Überzeugungen und (mentale) Stärken soll der Trainer setzen, um das kollektive Selbstvertrauen zu optimieren? Welche mentalen Herausforderungen dürften im „Albanien-Spiel“ in besonderem Masse zu bewältigen sein? Und schliesslich: welche mentalen Methoden und Trainingsmassnahmen müssen jetzt greifen und eingesetzt werden?

Die Schweiz – eine Fussballmacht!?

Die CH-Fussball-Nationalmannschaft taucht schon seit längerer Zeit in den Top-15 Positionen der FIFA-Weltrangliste auf. Trotz sehr mässigen Leistungen in den Vorbereitungsspielen ist diese Position weder Zufall noch gänzlich unerwartet. Betrachtet man das aktuelle EM-Aufgebot mit den 23 nominierten Spielern sind mindestens 3 sportbezogene Qualitätsmerkmale zu erkennen: 17 Spieler stehen in ausländischen Vereinen und sportlich höher bewerteten Ligen unter Vertrag. Mit Torhüter Yann Sommer und den Feldspielern Ricardo Rodriquez, Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Fabian Frei, Admir Mehmdi und Haris Sefereovic bilden heute sieben Spieler den Stamm der Nationalmannschft, die schon in der U17 Juniorenauswahl (Weltmeister 2009!) und/oder in der U21-Nationalmannschaft (Vize-Europameister 2011) erfolgreiche Endrunden-Tourniere absolvierten. Diese Erfolge stehen für eine erfolgreiche Nachwuchsförderung im Fussballverband und verschiedenen Clubs, insbesondere auch im FC Basel, der bei sehr vielen Spielern als Sprungbrett für eine internationale Karriere dient(e). Der 56-fache Nationalspieler Gelson Fernandez bringt es mit seine Aussagen auf den Punkt: „Die Mannschaft hat Qualität, muss diese aber noch zeigen.”

Der Trainer in einer Schlüsselfunktion

Die Umsetzung dieser Qualität der Mannschaft in eine erfolgreiche Spielweise – in Verbindung mit der multikulturellen Herkunft vieler Akteure; darin dürfte eine Hauptanforderung an den Coach Vladimir Petkovic liegen. Gefordert sind Einfühlungsvermögen (Empathie) und kommunikative Fähigkeiten, die sich der polyglotte Trainer auch neben dem Fussballplatz ihm Rahmen mehrjähriger Tätigkeiten bei der Caritas und anderen sozialen Institutionen angeeignet hatte. Petkovic spricht zwar nur gebrochen Deutsch, dafür kann sich der Trainer in mindestens acht Sprachen an seine Spieler wenden. Seine Aufgabe dürfte weiter darin bestehen, den Spielern Vertrauen zu schenken, sie in ihren Stärken und Aufgaben zu unterstützen, für eine positive Atmosphäre innerhalb des Teams zu sorgen und Spieler und den gesamten Staff auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Dieser Zusammenhalt (Kohäsion, vgl. Rauch) der ganzen Equipe ist gerade in Tournier-Situationen wie Europameisterschaften besonders wichtig.

http://die-sportpsychologen.ch/2016/03/02/dr-jan-rauch-von-wegen-elf-freunde/

Gefordert: Mentale Kompetenz

Die Verantwortung für eine professionelle, zielgerichtete mentale Spielvorbereitung liegt aber aber auch beim Spieler selbst. Dazu gehört die individuelle, auf die spezifische Aufgabe ausgerichtete fokussierte Einstimmung, das Erreichen eines optimalen psycho-physischen Vorstartzustandes sowie die Aktivierung technisch-taktischer Automatismen. Der besondere ethnische Hintergrund der beiden Teams lässt ein emotionsgeladenes, kampfbetontes Spiel erwarten. Speziell im Fokus auch der medialen Aufmerksamkeit stehen die Brüder Taulant und Granit Xhaka, die in ihren Teams Schlüsselpositionen einnehmen und sich auf dem Spielfeld gegenüberstehen werden. Mit „Zerreissprobe“ betitelt der Tagesanzeiger die besondere Affiche, beide wollen „hart aber fair spielen“, wobei Taulant festhält: “Ich ziehe auch gegen Granit nicht zurück“. Granit Xhaka und seine Teamkollegen werden gut beraten sein, sich auch auf „brenzlige“, emotionsgeladene Situationen vorzubereiten, auf die sie mit entsprechenden Bewätligungsstrategien (coping) und im Sinne eines „mental preplay’s“ (so genannte was-wenn – Aktionen) einstimmen können. In Anlehnung an die Selbstwirksamkeits-Theorie von Bandura dürfte gerade der Aktivierungs- und Emotionskontrolle grosse Bedeutung zukommen.

Tipp: Der interessierte Leser findet bei Dr. René Paasch einen fachkundigen und lehrreichen Überblick über das sportpsychologisch gestützte Training der Selbstwirksamkeit im Fussball!

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

 

Quellen:

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Eberspächer, H. (2004). Mentales Training. Ein Handbuch für Trainer und Sportler. München: Copress.

http://www.blick.ch/news/politik/bundesrat-maurer-ist-vor-der-em-realist-die-albaner-sind-im-vorteil-id5129097.html

http://www.blick.ch/sport/fussball/taulant-xhaka-zum-bruderduell-gegen-die-schweiz-ich-ziehe-auch-gegen-granit-nicht-zurueck-id4612033.html

http://www.blick.ch/sport/fussball/die-beste-nati-fernandes-macht-den-vergleich-die-mannschaft-hat-qualitaet-muss-diese-aber-noch-zeigen-id5122787.html

http://webspecial.tagesanzeiger.ch/longform/die_xhakas/

http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/

http://die-sportpsychologen.ch/2016/03/02/dr-jan-rauch-von-wegen-elf-freunde/

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Thorsten Loch: Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation

Spätestens mit Beginn der Fußball-Europameisterschaft wird es um eine Personalie richtig ruhig: Marco Reus. Der Dortmunder Offensivspieler sollte eigentlich ein wichtiger Faktor im Angriff der deutschen Nationalmannschaft werden, musste aber wegen einer zu schwerwiegenden Verletzung seine Teilnahme absagen. Mal wieder. Schon vor der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verpasste der hochbegabte Reus das Turnier verletzungsbedingt. Zugegeben, solche Pechsträhnen sind selten, das Phänomen von Verletzungen aber umso verbreiteter. Und das schlimmste: Es herrscht großer Nachholebedarf hinsichtlich der Einbeziehung von sportpsychologischen Methoden in der Rehabilitation. Der Fall Reus kann also vielen Sportler eine Lehre oder eine Warnung sein. Schauen wir einmal genauer hin:

Für die-sportpsychologen.de berichtet: Thorsten Loch 

Verletzungen und Schmerzen gehören ebenso zum Sport wie Sieg und Niederlage. Nach offiziellen Schätzungen ereignen sich allein in Deutschland jährlich 1,25 Millionen Sportunfälle, die ärztlich behandelt werden müssen (Henke et al., 2000). Sportverletzungen, welche eine Unterbrechung des Trainings- und Wettkampfalltags zur Folge haben, bedeuten für die meisten Sportler einen erheblichen Einschnitt in den gewohnten Lebensrhythmus. Die Art und Schwere der Verletzung, der Saisonzeitpunkt und weitere Faktoren spielen eine entscheidende Rolle für die mentale Verfassung der Sportler, die weitreichende Folgen nach sich ziehen können. In diesem Kontext ist es umso mehr verwunderlich, dass sich die Rehabilitation darauf beschränkt, den verletzten Sportler mit rein medizinischen, physiotherapeutischen und trainingswissenschaftlichen Maßnahmen möglichst schnell wieder fit zu bekommen, ohne sich dabei mit der psychischen Beanspruchung der Verletzten auseinanderzusetzen. Diese einseitige Betrachtungsweise kann zu erheblichen Differenzen zwischen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen bei der Re-Integration in den Sportalltag führen. Damit es möglich wird die Reichweite der „Schmerzen“ der Betroffenen zu begreifen, reicht es nicht auf der körperlichen Ebene zu bleiben, sondern es müssen auch die damit verknüpften Ängste, Sorgen und soziale Veränderungen in die Überlegungen mit einbezogen werden. Effektive Rehabilitation setzt eine ganzheitliche Sichtweise voraus – Körper und Geist müssen parallel genesen.

Vorherrschende Sichtweise in der Rehabilitation

Eine aus medizinischer Sicht vollendete Rehabilitation eines Sportlers ist jedoch selten gleichbedeutend mit unmittelbarer, hundertprozentiger Leistungsfähigkeit. Dies hat mehrere plausible, medizinische und psychologische begründete Ursachen. Es ist jedoch auffallend, dass verletzte Sportler nach erfolgreicher Rehabilitation in vielen Fällen nicht mehr an das alte Leistungsniveau anknüpfen können oder erst nach langer Wiedereinstiegszeit. Und das, obwohl aus  physiologischer/medizinischer Sicht die Strukturen wieder zu hundert Prozent belastungsfähig sind. Als Beispiel kann hier der ehemaligen Schweizer Skirennfahrer Daniel Albrecht genannt werden. Nach seiner schweren Verletzung im Abschlusstraining im Jahr 2009 (Schädel-Hirn-Trauma) gab Albrecht nach 22 Monaten sein Comeback. Er konnte jedoch nicht mehr an die vergangenen Leistungen anknüpfen und gab im Oktober 2013 sein Karriereende nach 138 Weltcuprennen bekannt. Stellt man Trainer, Sportler oder Mediziner die Frage woran es liegt, lautet die Antwort häufig: „Der Kopf spielt noch nicht mit!“. Diese Entwicklung überrascht kaum. Denn die nach wie vor vorherrschende Sichtweise für eine erfolgreich abgeschlossene Rehabilitation ist, dass der Knochen wieder zusammenwächst, das Band wieder hält oder das Gelenk wieder einen bestimmten Winkel erreicht (HERMANN/EBERSPÄCHER, 1994). Jedoch können insbesondere bei längerfristigen Rehabilitationsphasen die psychischen Blockaden der Athleten deren Genesungsfortschritt stören. Dies kann zu erheblichen Differenzen zwischen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen bei dem Wiedereinstieg in den Sport führen. Der mentale Rehabilitation wird immer als ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Rehabilitation angesehen, jedoch wird in der Praxis weiterhin frei nach dem Motto interveniert: „Der Kopf rehabilitiert sich von allein!“. Prinzipiell muss festgehalten werden, dass generell psychische Probleme in der als Folge von Verletzung von Sportlern in der Rehabilitation unterschätzt oder auch ignoriert werden. Jedoch bietet die Sportpsychologie den verletzten Sportlern einige Möglichkeiten erfolgreich aus der Krise Verletzung herauszukommen. Um jedoch entsprechende Interventionen ableiten zu können, ist es wichtig die Verletzung im System Leistungssport und deren Wechselwirkungen zwischen den Systemen zu verstehen.   

Verletzung als bio-psycho-soziales Phänomen

Der Beginn einer Verletzung als solches kann als ein Prozess angesehen werden, welcher seinen Ursprung in der Verunsicherung des Sportlers hat. Diese hat zur Folge, dass die sportliche Handlung fehlerbehaftet ausgeführt oder z.B. die Spielsituation gänzlich gemieden oder nicht voll „durchgezogen“ wird. Dies wiederum führt dazu, dass das Verletzungsrisiko steigt und Einbußen in der Leistungsfähigkeit im Kauf genommen werden müssen. Mentale Aspekte beeinflussen jedoch nicht nur die Entstehung einer Verletzung, sondern spielen ebenfalls im Heilungsprozess eine entscheidende Rolle. Je nach Zeitpunkt gewinnen die unterschiedlichen Bereiche des Phänomens Verletzung eine anders geartet große Bedeutung. In der Frühphase sowie in der Übergangsphase vom Training in den Wettkampf sind Emotionen und gedankliche Prozesse besonders ausschlaggebend. Dagegen spielen in der Hauptphase die Motivation und die körperlichen Heilungsvorgänge des Sportlers über Erfolg oder Misserfolg der Rehabilitation eine wichtige Rolle. Allen voran werden die Gefühlslage und die Befindlichkeit von den beiden Systemen sportliches sowie privates Umfeld beeinflusst und nehmen somit direkten Einfluss auf die mentale Verfassung des Athleten (KLEINERT, 2003). In erster Hinsicht ist die Verletzung geprägt durch die körperliche Beeinträchtigung, sprich die Zerrung im Adduktorenbereich, das Supinationstrauma im Sprunggelenk oder der Knochenbruch. Die Wahrnehmung dieser körperlichen Veränderung und der damit einhergehende Beschwerden und Schmerzen, sind jedoch immer von psychischen Symptomen begleitet wie Ärger, Wut, Niedergeschlagenheit, Trauer oder Resignation. Doch nicht allein die Gefühle und Emotionen, sondern ebenfalls die Gedanken über die Verletzung stellen einen wichtigen Faktor im Genesungsprozess da (KLEINERT, 2003). In der Summe prägen die Gefühle und Gedanken des Sportlers die Art und Weise, wie der Sportler auf seine Umwelt wirkt. Je nach Ausmaß reagiert das soziale System mit Unverständnis oder Einfühlungsvermögen, mit Unterstützung oder Hemmung. Diese Reaktionen beeinflussen die Motivation zur Heilung, zur Rehabilitation und zum Wiedereinstieg in das sportliche Training und den Wettkampf. Nur wenn es gelingt die beschriebenen psychischen, körperlichen und sozialen Abläufe in ihrer Gesamtheit und unter Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen diesen Systemen betrachtet, ist es möglich die Verletzung als Krise zu erkennen, zu verstehen und zu bewältigen.

Merkmale erfolgreich rehabilitierender Sportler

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es Unterschiede in den Verhaltensweisen, Merkmale oder Einstellungen zwischen langsam und schneller rehabilitierenden Sportler gibt, welche den Genesungsprozess positiv beeinflussen und dazu führen, dass die Rekonvalenzzeit vergleichsweise schnell und ohne weitere Komplikationen überstanden wird. In mehreren Retroperspektiven-Studien untersuchten HERMANN und EBERSPÄCHER (1994) was den verletzten Athleten neben der fachmedizinischen Betreuung am meisten geholfen hat. Auffallend  hierbei ist, dass die Mehrzahl an Nennungen auf eigenverantwortliche Inhalte bezogen wurde. So sind „positive Einstellung“, „Willensstärke“, „Mentales Training“ und das „Wissen über Behandlungsinhalten“ vor allem der Eigeninitiative zu zuordnen. Das Arztverhalten, Unterstützung seitens der Familie und des sportlichen Umfelds (Teamkollegen, Trainer, sonstige Betreuer) sowie begleitende sportphysiotherapeutische/krankengymnastische Maßnahmen können hingegen zu externen Maßnahmen gezählt werden. Ebenfalls interessante Ergebnisse konnten IEVLEVA/ORLICK (1991) zeigen. Die Autoren untersuchten 32 knöchel- und knieverletzte Sportler, welche mit eine durchschnittliche Genesungszeit von 10 Wochen einhalten mussten, nach ihren psychologischen Strategien während der Rehabilitation. Allen voran in dem Bereich „positives Selbstgespräch“ und „realistische Zielsetzung“ wichen die Untersuchungsgruppen statistisch bedeutsam voneinander ab. Am stärksten waren diese Faktoren ausgeprägt bei der Gruppe der schneller rehabilitierten Sportler. Zusätzlich unterschied sich die schnelle von der langsamen Gruppe durch die konsequente Vorstellung des Heilungsprozesses („Healing Imagery“).   

Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzung

Mittels psychologischen Aufbautrainings soll der verletzte Sportler in die Lage versetzt werden, parallel zu der körperlichen Genesung, seinen mentalen Bereich zu unterstützen bzw. zu rehabilitieren. Die Trainingsverfahren sind für die Anwendung in der Rehabilitation modifiziert, entsprechend aber hinsichtlich der theoretischen Basis, Wirksamkeit und Anwendungsform den Verfahren des kognitiven Fertigkeitstraining zu zuordnen (BECKMANN/ELBE, 2008). Im Einzelnen kommen die Verfahren der Selbstgesprächsregulation, Mentales Training, Training der Aktivationsregulation und Training der Kompetenzerwartung zum Einsatz.

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Maßnahmen in der Akutphase

In der Akutphase können von den Betroffenen vor allem im Bereich der Selbstkontrolle wichtige Grundlagen für eine erfolgreiche Rehabilitation gelegt werden. So ist darauf zu achten, dass die eigenen Gedanken nicht auf Selbstzweifel („Ich bin immer vom Pech verfolgt.“), Ärger („Das kann auch nur mir passieren.“), Katastrophisierung („Ich werde nie wieder richtig fit!“) oder ähnlich negative Inhalte gerichtet sein. Hilfreich für eine positive Einstellung zur Rehabilitation sind vielmehr neutrale oder realistisch-optimistische Situationseinschätzungen, die sich im Selbstgespräch ausdrücken (siehe Facebook-Post Marco Reus).

Fazit:

Das Phänomen Verletzung und dessen Auswirkungen auf die verschiedenen Systemen der Athleten offenbaren, dass eine ganzheitliche Rehabilitation sich nicht ausschließlich auf die physiologischen Aspekte konzentrieren darf. Leider ist es dies häufig immer noch ein allgemeines Einverständnis, welches jedoch Schritt für Schritt abgebaut wird.

 

Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Eberspächer, H./Hermann, H.D. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. Blv Buchverlag: München.

Henke, T./Gläser, H./Heck, H. (2000). Sportverletzungen in Deutschland. Basisdaten, Epidemiologie, Prävention, Risikosportarten, Ausblick. In: Neue Wege zur Unfallverhütung im Sport. Köln: Sport u. Buch Strauß (Verlag), S. 139-165

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Der Sport muss sich verändern

Mit dem Start der Fußball-Europameisterschaft zeigt sich die Sportwelt für vier Wochen von ihrer überaus glanzvollen Seite. Was die 23 auserwählten Fußball-Profis im deutschen Kader erleben und was den Fans und Zuschauern davon nach Hause geliefert wird, hat aber nichts – Nullkommanichts – mit der Realität von Leistungssportlern abseits des Fußballs zu tun. Denn in den allermeisten olympischen Sportarten hat unser deutsches Leistungssportprinzip Schieflage. Daran müssen wir etwas ändern, am besten sofort.

Zum Thema: Leistungssportkarriere – wer tut sich so etwas an?

Die Grundlage für meinen heutigen Blog-Beitrag ist ein Artikel des Kollegen Hans-Ulrich Wilms mit dem Titel „„Arbeitsplatz“ Leistungssport. Eine vielleicht etwas akzentuierte Sichtweise“. Der Beitrag ist erst kürzlich in der Zeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ erschienen: Zur Online-Version des Textes. Ich bitte Sie mit Nachdruck, diesen Beitrag einmal im Original zu lesen. Keine Angst – es ist weder eine wissenschaftliche Abhandlung noch so geschrieben. Der Beitrag widmet sich in verständlicher und unterhaltsamer Sprache einer explosiven Thematik, die dringend weiterdiskutiert werden muss.

In diesem Artikel beschäftigt sich Hans-Ullrich Wilms mit dem Anforderungsprofil eines Leistungssportlers bzw. einer Leistungssportlerin in ihrer/seiner Karriereentwicklung. Er steigt mit der Frage ein: „Haben Sie sich je Gedanken darüber gemacht, wie wohl die Arbeitsrealität eines Leistungssportlers aussehen mag?” Daraufhin werden die strukturellen Rahmenbedingungen beschrieben, insbesondere die hohe mentale und physische Belastung, welche die Athleten auf eine harte Probe stellt. In dieser Illustration wurde bewusst auf jene Sportarten fokussiert, die nicht die mediale Präsenz besitzen wie etwa Profifußball, Tennis oder Golf. Es geht also um solche Sportarten, bei denen eine finanzielle Absicherung der meisten Sportler nicht in hinreichendem Umfang gewährleistet ist.

Es müssen Veränderungen her

Junge Athletinnen und Athleten gehen im Rahmen ihrer Leistungssportkarrieren große Opfer ein. Neben dem zeitaufwendigen, täglichen Training, steht die schulische Entwicklung im Fokus. Wettkämpfe an den Wochenenden setzen die Sportlerinnen und Sportler zusätzlich unter Druck. Eine weitestgehend „normale“ Persönlichkeitsentwicklung kann somit in den wenigsten Fällen erfolgreich abgeschlossen werden. Junge Athletinnen und Athleten verbringen viel Zeit in weitestgehend hierarchisch organisierten Systemen, erleben eher selten Autonomie und oftmals leben sie über weite Strecken in Sportinternaten oder an Sportschulen, fernab von Familie und Freunden. Hans-Ulrich Wilms stellt mit Recht die Hypothese auf, dass Personen, die solche Entwicklungsverläufe erleben und über Jahre dabei bleiben, eine besonders „akzentuierte Persönlichkeit“ haben müssen, um all diese Konsequenzen auf sich zu nehmen.

Mir stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit und wie gut unser Leistungssportsystem – mal abgesehen vom „Klassenprimus Fußball“  – auf diese Problematik vorbereitet ist?  Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat in den letzten Jahren Standards vorgegeben, wie ihre Nachwuchsleistungszentren strukturell und personell ausgestattet sein müssen. Nicht wenige Sportpsychologinnen und Sportpsychologen haben in den letzten Jahren hier eine Beschäftigung gefunden. Aber wie wird mit dieser Problematik in anderen Sportarten umgegangen, die diese mediale Aufmerksamkeit bestenfalls einmal alle vier Jahre, nämlich zu den Olympischen Spielen erhalten? Sicher – es gibt ein Olympiastützpunktsystem, dass zumindest über einen „Laufbahnberater“ verfügen sollte. Aber hat ein Laufbahnberater nicht andere Aufgaben, als die individuelle Betreuung in der Persönlichkeitsentwicklung der dort betreuten Athletinnen und Athleten sicherzustellen? Und sollte genau dies erwartet werden, wären die Olympiastützpunkte dann nicht gnadenlos überfordert? Inwieweit sollten hier Lehrer und Lehrerinnen an den sportbezogenen Bildungseinrichtungen (Sportschulen) eingebunden werden? In welchem Ausmaß sollten hier Vereine oder Sportspitzenverbände von Sportarten mit einem „Profi-System“, ähnlich dem Fußball  mit in die Verantwortung genommen werden (z.B. in den Sportarten Eishockey oder Handball)? Welche Möglichkeiten hätten universitäre Partner im Aufbau und der Entwicklung eines solchen „Unterstützersystems“? Die Etablierung eines „runden Tisches“,  mit Vertretern aus den o.g. Bereichen erscheint mir dringend angeraten, damit mögliche politische Entscheidungen bald auf den Weg gebracht werden können.

Grundlegende Literatur zum Thema:

Alfermann, D. (2010). Karriereentwicklung, Karriereübergänge und Karrierebeendigung im Leistungssport. In O. Stoll, I. Pfeffer & D. Alfermann. Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

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Dr. René Paasch: Mit Gruppenbildung zum Erfolg

Der Weg zum erhofften Finale der Fußball-Europameisterschaft in Paris beginnt für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Schweiz. Bei der ersten Trainingseinheit im schönen Urlaubsort Ascona fuhren fünf Kleinbusse vor, aus denen die deutschen Nationalspieler stiegen. Schauen wir mal genauer hin: Gab es einen Bayern-Bus? Nein. Fuhren die erfahrenen und alt gedienten Weltmeister in einem separaten Wagen vor? Mitnichten. Das Team präsentierte wunderbar durcheinander. Bundestrainer Joachim Löw spricht unabhängig von den Kleinbusformationen aber von einer „besonderen Vorbereitung“ auf die Europameisterschaft in Frankreich.  Denn gerade in der ersten Phase der Hinführung zum Turnier müsse er eine Mannschaft aus „sehr unterschiedlichen Gruppen“ zusammenführen. Eine Situation, die jeder Trainer kennt, unabhängig ob er ein Team auf ein großes internationales Turnier oder auf eine Freizeitsportsaison vorbereitet. Denn am Ende geht es hier wie da um Gruppenbildung und Teamkohäsion. Schauen wir doch einmal, was ein “normaler” Coach wissen sollte und was ein jeder vom Bundestrainer und seinem Funktionsstab lernen kann.

Für die-sportpsychologen.de berichtet Dr. René Paasch

Bundestrainer Joachim Löw spricht von einer besonderen Vorbereitung auf die Europameisterschaft, weil er fünf Gruppen möglichst schnell zusammenführen müsse. In der ersten Gruppe finden sich die Spieler, die Mitte Mai in ihren Ligen das letzte Spiel der Saison bestritten und vorbehaltlos einsatzbereit sind. Zu ihr gehören etwa Jonas Hector vom 1. FC Köln, André Schürrle vom VfL Wolfsburg und der Schalker Leroy Sané. In einer zweiten Gruppe finden sich die Profis des FC Bayern und von Borussia Dortmund. Das sind sieben der insgesamt 23 für das Turnier nominierten Spieler. Die dritte Gruppe ist klein. Sie besteht aus Lukas Podolski, der zuletzt mit seinem Verein Galatasaray noch das Finale um den türkischen Pokal bestreiten durfte, und Toni Kroos, der am letzten Maiwochenende mit Real Madrid das Endspiel der Champions League gegen den Stadtrivalen Atlético gewann. In der vierten Gruppe sind Spieler vertreten, die zuletzt zwar wieder im Einsatz waren, die aber zuvor lange pausieren mussten und daher noch körperliche Defizite aufweisen (Jérôme Boateng, Julian Draxler und Benedikt Höwedes). Der Kapitän der Nationalmannschaft Bastian Schweinsteiger findet sich in der fünften Gruppe wieder. Sie besteht aus den Spielern, die aktuell verletzt sind, oder eben noch nicht wieder so weit sind, dass sie am Mannschaftstraining teilnehmen können.

Im Folgenden wird aus psychologischer Sicht begründet, warum es im Interesse langfristiger Leistungsfähigkeit des Sportlers unerlässlich ist, die Eigengesetzlichkeiten des Sportlers zu berücksichtigen. Wie der Fußballalltag lehrt, ist sportliches Wahrnehmen, Denken, Erinnern, Lernen u.v.m. durch eine konstante „Eigenzeit“ bestimmt (Mehrfachbelastungen: Fußball-Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal, Nationalmannschaft). Fußballprofis brauchen wesentlich längere Erholungs- und Anpassungszeiten. So erklärt sich, dass individuelle Ausgangssituationen der Spieler wie bspw. Verletzungen, fehlende Fitness, Vereinsbelastungen nicht pauschal verändert werden können, sondern individuell bearbeitet werden müssen (Kleingruppenbildung des DFB-Teams in der Vorbereitung). Auch wenn viele Bücher voll sind mit romantischen Stories über erfolgreiche Mannschaften/Gruppen im Sport: Wer die sportliche Praxis kennt, weiß, dass in vielen Mannschaften und Gruppen mehr schlecht als recht zusammengespielt wird. Mitverantwortlich hierfür sind der unbedingte Erfolg und die Ignoranz vieler Entscheidungsträger im Hinblick auf psychologische Gesetzmäßigkeiten des Gruppengeschehens im Sport. Deshalb werden im Folgenden Beitrag bedeutsame psychologische Gesetzmäßigkeiten von Mannschaften und Gruppen aufgezeigt.

Merkmale von Mannschaften und Gruppen

Zusammenarbeit in Gruppen/Mannschaften findet statt, wenn zwei oder mehr Sportler ein gemeinsames Ziel anstreben. Die geschichtlich älteste kooperative Gruppe ist die Dyade (2 Personen) sowie die Familie (2-12 Personen). Nach wie vor sind wir als Kleingruppen evolutionsbedingt mit einer Kleingruppen-Ethik ausgestattet. Denn Vertrauensbeziehungen sind mit physischer, psychischer und sozialer Nähe verbunden – trotz des globalen Denken und Handelns (Schoeck, 1987).

Eine funktionierende Gruppe ist mehr als eine Ansammlung von Individuen: Sie ist ein relativ geschlossener und dynamischer Organismus mit Eigengesetzlichkeiten. Sie kennzeichnet sich durch folgende Grundmerkmale: Zwei oder mehr Personen, Aufgaben- und Arbeitsteilung, gemeinsame Ziele, intensive Wechselbeziehungen, Positionen und Rollen, gemeinsame Normen und Werte, ein Wir-Gefühl. Somit erfüllen Gruppen und Mannschaften unterschiedliche Funktionen wie bspw. das Zugehörigkeitsgefühl, die Vermittlung von Normen und Werten, bessere Problemlösung/Zielerreichung, Persönlichkeitsentwicklung, Konformität etc. Deshalb ist das Thema Kleingruppenbildung für jeden Trainer aller Spielklassen ein zentrales Mittel, um leistungsfördernde Maßnahmen zu entwickeln. Diesbezüglich sprach sich Joachim Löw, Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft in einem Interview wie folgt aus: “Ein respektvolles, vertrauensvolles Miteinander in unserem Team ist mir sehr wichtig, Verlässlichkeit und Vertrauen sind in diesem Zusammenhang wesentliche Faktoren. Offene Kommunikation auf Augenhöhe, Kritikfähigkeit, Transparenz und Toleranz, das haben wir vorgelebt, aber es dauert eine Weile, bis so etwas von allen, den Spielern und auch den Betreuern, verinnerlicht wird. Bis alle einander vertrauen“ (vgl. Zeit vom 31.05.2012). Genau in dieser Kernaussage von Joachim Löw liegen die umfangreichen Prozesse der kontinuierlichen und zeitlichen Gruppenentwicklung. Die Nationalelf und allen voran ihr Trainer liefert diesbezüglich vielen Verein einen thematischen Denkanstoss.

Gruppenkohäsion/Teamkohäsion

Ist die Gruppenbildung abgeschlossen, welche weiteren Schritte sind für die Teamkohäsion zu absolvieren? Kohäsion wird aus dem lateinischen Verb „cohaerere“ abgeleitet, was so viel wie miteinander verbunden sein bedeutet. Begriffe wie Zusammenhalt, Teamgeist oder Gruppenmoral werden oft synonym verwendet. In der Sportpsychologie wird in der Regel das theoretische Modell der Gruppenkohäsion von Albert Carron und Kollegen (Brawley und Widmeyer, 1998) verwendet. Laut Modell lässt sich Gruppenkohäsion in vier verschiedene Faktoren aufteilen. Zum einen kann man zwischen aufgabenbezogener und sozialer Kohäsion unterscheiden. Zum anderen wird die Gruppe als Ganzes betrachtet sowie der Einzelne im Kontext der Gruppe. Daraus lässt sich hypothetisch schlussfolgern: Teams, die ihre Aufgabenkohäsion höher einschätzen als andere Teams, sind tendenziell auch erfolgreicher. Erfolge und Misserfolge im Saisonverlauf führen nicht zwangsläufig zu veränderten Kohäsionswahrnehmungen im Team. Es gelingt eher, einen höheren, positiven Einfluss vom vorherigen sportlichen Erfolg auf die Kohäsion nachzuweisen als umgekehrt (Lau, Stoll, 2002, 2003, 2004, 2007).

Welche Maßnahmen könnten Sie als Trainer unterstützen, um aus Kleingruppen ein Team zu entwickeln? In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau (2005b) aufzeigen, welches sich ideal für Teams einsetzen lässt, die in einem Saisonspielbetrieb aktiv sind.

Teamentwicklungstraining

Dieses integrative Training vereint die praktische Wechselwirkung zwischen sportlichem Training, Wettspiel und sozialer Entwicklung der Mannschaft. Des Weiteren nutzt das TET personen- und gruppenzentrierte Maßnahmen, die auch Veränderungen organisatorischer Strukturen einschließen. Das TET basiert auf folgenden vier Grundannahmen:

1) Das Team ist entwicklungs- und lernfähig;

2) Das Team kommuniziert mit seiner Umwelt;

3) Die Leistungsoptimierung der Mannschaft besitzt eine zentrale Funktion

und

4) Veränderungen innerhalb der Mannschaft haben höhere Akzeptanz unter den Spielern, wenn ihre Bedürfnisse und Wünsche einbezogen werden.

Als Zielsetzungen für das TET gelten daher:

– Aufstellen von Teamzielen

– Entwickeln eines Rollenverständnisses eines jeden Teammitgliedes

– Förderung der Kommunikation

– Initiierung eines Konfliktmanagements für Sach- und Beziehungsproblemen

– Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz innerhalb der Gruppe

– Förderung des Bewusstseins des Aufeinander-Angewiesen-Seins innerhalb des Teams.

Im Sinne der interdisziplinären und systemtheoretischen Orientierung bei der Erklärung kollektiver Leistungen im Sport baut das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau auf folgenden Prinzipien auf:

– Orientiert sich an einer Trainingsplanung, die dem Prinzip der Zyklisierung und Periodisierung folgt.

– Orientiert sich an der Optimierung kollektiver Leistungsvoraussetzungen.

– Die Mannschaft ist ein soziales System, das sich von seiner Umwelt abgrenzt, aber mit ihr kommuniziert und interagiert.

– Korrespondiert mit Maßnahmen der Trainings- und Wettspielsteuerung.

– Primär für das gesamte Team konzipiert, gruppen- und personenbezogene ergänzen das verfügbare Methodeninventar.

– Vereint geplante und situationsabhängige Interventionsmaßnahmen.

– Unterstützt positive Teamentwicklungstrends und (zer-)stört gezielt Fehlentwicklungen.

– Basiert auf einer systematischen Teamdiagnose und bedarf einer kompetenten Interventionsleitung.

Es wird deutlich, dass sich das TET nicht an einer festen Phasenabfolge der Teamentwicklung orientiert, sondern sich mit begleitenden Maßnahmen in die Struktur und Funktionen des sportlichen Trainings- und Wettkampfgeschehens einbindet – wie die EM in Frankreich. Neben wiederkehrenden und standardisierten Phasen im Saisonverlauf einer Fußballmannschaft sind es vor allem gruppenspezifische, nicht vorhersehbare Situationen, die zum Anlass für gezielte Interventionsmaßnahmen genommen werden. Der Erfolg des TET hängt somit stark vom Führungsverhalten des Trainers ab sowie im Falle von Bundestrainer Löw der Gruppenbildung vor der EM. Also konkret der Umsetzung, ob es gelingt, über individuelle und kollektive Maßnahmen diesen Prozess zu fördern.

Zusammenfassung

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Kleingruppenbildung vor großen Turnieren oder im Mannschaftssportalltag und der Übergang zur ganzheitlichen Teamentwicklung bedarfsgerecht stattfinden und einer sensiblen Führung bedürfen. Die Individualität der Spieler und die fürsorgliche und geplante Teamentwicklung sind wichtige Größen, um den Einzelnen und die Mannschaft auf große Ereignisse vorzubereiten. Ein jeder Trainer kann sich diesbezüglich von Joachim Löw beeindrucken lassen. Denn offenkundig gelang es ihm bei den zurückliegenden Turnieren über Kleingruppen zu einer hervoragenden Mannschaftsstruktur zu finden.

Dr. René Paasch: Führung und Teamentwicklung im Fußball

Literatur:

Schoeck, H. (1987): Der Neid und die Gesellschaft, Frankfurt/M./Berlin.

Schütz, K. (1989): Gruppenforschung und Gruppenarbeit, Mainz.

Lau, A. & Stoll, O. (2002). Validität und Reliabilität des Fragebogens zur Mannschaftskohäsion von Sportspielmannschaften (MAKO-02). In S. Schulz (Hrsg.), Bericht über den 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Berlin (S. 374). Lengerich: Papst Science Publishers.

Lau, A., Stoll, O. & Hoffmann, A. (2003). Diagnostik und Stabilität der Mannschaftskohäsion in den Sportspielen. Leipziger sportwissenschaftliche Beiträge, 44 (2), 1-24.

Lau, A., Stoll, O. & Schneider, L. (2004). Development of a Questionnaire to Measure Cohesion in Team Sports. Conference Proceedings – Association for the Advancement of Applied Sport Psychology in Minneapolis/Minnesota (p. 66).

Lau, A. (2005a): Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Lau, A. (2005b): Das Teamentwicklungstraining – ein systemisches Konzept für die Mannschaftssportspiele. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 46(1), 64-82

Lau, A. & Stoll, O. (2007). Gruppenkohäsion im Sport. Psychologie in Österreich, 27 (2), 155-163.

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Dr. René Paasch: Das Ritual Bierdusche

Berichte über ein Feier-Verbot durch den Deutschen Fußball-Bund im Rahmen des Pokalfinales haben für anregende Diskussionen in Deutschland gesorgt. Nach dem Endspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund am Samstag, den 21. Mai, in Berlin soll es keine öffentlichen Bierduschen geben. Hintergrund sei das Aktionsbündnis „Alkoholfrei Sport genießen“ und das damit verbundene Engagement des DFB gegen Alkoholmissbrauch. Dabei hat das Ritual durchaus eine gewisse Bedeutung.

Zum Thema: Was steckt hinter dem Ritual der Bierdusche?

Im April hatte der Verband sich mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Deutschen Turner-Bund (DTB), dem Deutschen Handballbund (DHB), dem DJK-Sportverband und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zusammengeschlossen. Nun teilte der DFB mit, dass das Ritual „Bierdusche“ dem Zusammenschluss „Alkoholfrei Sport genießen“ widerspreche. Die Suchtprävention ist ein wichtiges Anliegen, daher solle nun grundsätzlich ein wirkungsvolles Zeichen gesetzt werden. Demnach werde es beim Pokalfinale bis zum offiziellen Siegerfoto keine Bierduschen geben. Anschließend dürfen die Spieler auch den beliebten Bierduschen nachgehen. Mit dem Aktionsbündnis „Alkoholfrei Sport genießen” habe das Verbot nichts zu tun, es unterstreiche aber die Position des Verbandes zum Thema Alkohol und Sport. Bereits in den vergangenen Jahren gab es (auch in UEFA- und FIFA-Wettbewerben) die Ansage, dass bis zum Foto keine Bierduschen erwünscht seien. Trotz aller verständlichen Diskussionen, müssen greifbare Präventionsmaßnahmen zum Schutz der Jugend auf den Weg gebracht werden. Hierzu gibt es Ansätze:

Jugendfußballtrainer, die in dem Bereich der Alkoholprävention geschult werden, denken intensiver über ihr eigenes Trinkverhalten nach, kommunizieren offen mit ihren Spielern über die physischen und psychischen Folgen des Alkoholkonsums und wenden präventive Methoden selbstbewusst an (Jerusalem, 2010). Das grundlegende Konzept von TrainerPlus ist die Persönlichkeitsstärkung der Jugendlichen und die Schaffung einer günstigen Vereinsumwelt. Denn ob Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren anfangen, regelmäßig Alkohol zu konsumieren, ist neben der Unterstützung aus dem Elternhaus vor allem vom Trainingsstil in Sportvereinen, den damit verbundenen Einstellungen zum Alkoholkonsum im Umfeld der Jugendlichen und den Erwartungen zu Folgen des Alkoholkonsums der jungen Sportler selbst abhängig. Daher sind wichtige Ziele der Prävention die Vermittlung von Erfolgserlebnissen, sozialer Einbindung und Selbstbestimmung.

Brauchen wir Rituale, wie die Bierdusche?

Aber kommen wir zurück zu dem Phänomen Bierdusche, welches nicht nur zu Saisonschluss in den größten Fußballstadien des Landes von großer Beliebtheit zu sein scheint. Denn letztlich zählen die Jagdszenen mit den übergroßen Gläsern zu einer ganzen Gruppe von Ritualen, die im Fußball relativ verankert sind. Sei es, welcher Schuh zuerst angezogen wird, dass sie ihre Trikots nicht waschen oder die Siegesdusche nach dem Finale. Nach Michael Krüger lassen sich in allen Bereichen des Sports die wesentlichen Merkmale ritueller Handlungen in damaligen Stammeskulturen erkennen. Hierzu sind folgende Parallelen zwischen dem modernen Sport und den ursprünglichen Riten wie die Bierdusche feststellbar: Beide bringen mythische Themen zum Ausdruck, verstärken auf symbolische Weise die Gruppennormen und die Verbindung zu den Zuschauern, fordern von den Beteiligten eine stillschweigende und traditionelle Ausführung und sie finden beide in einem „magischen Kreis“ bspw. in einem Fußballstadion statt (Krüger, 1991).  

Sportrituale treten in der heutigen Zeit überall dort auf, wohin der institutionalisierte Sport bisher vorgedrungen ist – sie laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Der Wert liegt nicht darin, dass eine Siegesdusche Pflicht ist, ihre Bedeutung ist eher eine magische und etablierte. Sie setzen den Glauben voraus, dass sie zusätzliche Kräfte übernatürlicher und magischer Art freisetzen oder weitere störende Einflüsse verhindern können (Womack, 1992). Fußballprofis sind besonders häufig Situationen mit großem Druck und hoher Unsicherheit ausgesetzt. Die Leistung in einem Wettkampf kann darüber entscheiden, ob sie z.B. eine Vertragsverlängerung erhalten oder von den Medien positiv bzw. negativ beurteilt werden. Zudem haben Fußballer nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten, ihre Leistung zu erbringen bzw. zu demonstrieren. Rituale wie bspw. die Siegesdusche können hierbei helfen, Gefühle der Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit in stressigen und zum Teil unkontrollierbaren Situationen zu schaffen oder diese nach dem Wettkampf fließen zu lassen (Womack, 1992). Sie helfen, die emotionale Stabilität aufrechtzuerhalten oder zu lösen, damit die Sportler besser mit der Anspannung und dem Stress umgehen können.

 

Radio-Beitrag

Für das Nachrichtenradio MDR aktuell stellt Dr. René Paasch den Zusammenhang her, dass das Ritual Bierdusche die Fußball-Profis unweigerlich auf Augenhöhe mit ihren Fans bringt. Ein exklusiver Moment…

 

Literatur

Anderson, P. (2007). The impact of Alcohol Advertising: ELSA project report on the evidence to strengthen regulation to protect young people. Utrecht:  National Foundation for Alcohol Prevention.

BZgA. (2012).  Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2011. Köln.

Jerusalem,  M. (1997). Gesundheitsförderung und Gesundheitserziehung in der Schule. In R.

Schwarzer (Hrsg.), Gesundheitspsychologie (S. 575 – 593). Göttingen: Hogrefe.

Jerusalem, M. (2006). Theoretische Konzeptionen der Gesundheitsförderung im Kindes –

und Jugendalter. In A. Lohaus, M. Jerusalem & J. Klein – Heßling (Eds.). Gesundheitsförderung im Kindes – und Jugendalter (S. 31 – 57). Göttingen: Hogrefe.

Jerusalem, M. (2007). Gesundheitspsychologische Prävention . In B. Röhrle (Ed.), Prävention und Gesundheitsförderung, Bd. III Kinder und Jugendliche (S. 127 – 149). Tübingen: dgvt – Verlag.

Krüger, A. (1991): Ritual und Rekord im Sport. In: A. Luh, E. Beckers (Hrsg.): Umbruch und Kontinuität im Sport – Reflexionen im Umfeld der Sportgeschichte. Festschrift für Horst Ueberhorst. Brockmeyer, Bochum, S. 92.

Womack, M. (1992): Why Athletes Need Ritual. A Study Of Magic Among Professional Athletes). In: Shirl J. Hoffman (Hrsg.): Sport and Religion. Human Kinetics Books, Champaign (Illinois), S. 192 & S. 196.

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Michele Ufer: Macht den Coaching-Quickie!

Viele Sportler und deren Trainer denken häufig erst dann an den Sportpsychologen, wenn Schwierigkeiten im Trainings- und Wettkampfalltag auftreten, die kaum aus eigener Kraft gelöst werden können. Demgegenüber weisen sportpsychologische Experten meist darauf hin, dass es Ihnen vor allem um längerfristige Entwicklungsprozesse und das Ausbilden zieldienlicher psychologischer Kompetenzen und Routinen geht, was einfach seine Zeit braucht. Nur, oft haben vor allem selbst zahlende Kunden nicht so viel Zeit bzw. Geduld. Im Wirtschaftskontext erfreuen sich deshalb bei der Personalentwicklung sogenannte Kurzimpulse von 20 bis 60 Minuten zunehmender Beliebtheit. In kurzer Zeit wird ein eingegrenztes Thema praxisorientiert vermittelt. Und das funktioniert auch im Sport ganz gut. Ich nenne solche Formate gern „Coaching-Quickies“ oder in Anlehnung an Prior (2009) „MiniMax-Interventionen“. Ein konkretes Praxis-Beispiel und den wissenschaftlichen Hintergrund dazu möchte ich Ihnen heute vorstellen.

Zum Thema: Sprache – Denken – Wirklichkeit

Wie erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass wir genau das bekommen, was wir eigentlich nicht wollen? Wie schaffen wir es, uns selbst und anderen allein durch die Wahl der Sprache ein Beinchen zu stellen bzw. unsere Zielerreichung ordentlich zu sabotieren und was lernen wir daraus für die Praxis?

Sprache ist allgegenwärtig. Sprache ist so einfach und gleichzeitig so schwierig. Sprache kann Menschen motivieren und manipulieren. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass ein zentrales Problem in Unternehmen, in Teams und in Partnerschaften die Kommunikation ist. Und Sprache ist nun einmal eine Form der Kommunikation. Eine mächtige obendrein. Sprache wirkt sich auch im Sport positiv oder negativ auf die Leistungsentfaltung und Zielerreichung aus. Hatzigeorgiadis und Kollegen (2011) konnten in einer Zusammenfassung zahlreicher Untersuchungen einen durchweg positiven Zusammenhang zwischen den Selbstgesprächen bzw. Gedanken von Sportlern und der Leistungsentwicklung feststellen. Gleichzeitig hat der Trainerstil einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Selbstgespräche und Gedanken von Athleten (Zourbanos et al. 2011). Da macht es doch Sinn, einige Fallstricke und sinnvolle Strategien zu kennen, ganz gleich, ob Sie nun als Trainer mit ihren Schützlingen oder als Athlet etwas leistungsförderlicher mit Ihren Teamkollegen oder mit sich selbst kommunizieren wollen.

Anleitung zur Selbstsabotage

Ganz egal in welcher Sportart wir unterwegs sind, ob wir Trainern zuhören, den gut gemeinten Ratschlägen von Eltern, Sportkameraden oder unserer eigenen inneren Stimme, wenn sie uns darauf hinweist, was wir tun oder lassen sollen. Oft hören (oder denken) wir Tipps, Hinweise, Instruktionen nach folgendem Muster:

  • Lass den Ball nicht so weit vom Fuß prallen
  • Geh weniger ins Hohlkreuz
  • Setz dich nicht so unter Druck
  • Lass die Arme nicht so hängen
  • Ich will weniger Stress haben
  • Nicht so verkrampft laufen

Wenn wir davon ausgehen, dass es sich nicht um sogenannte „mentale Fouls“ handelt, sind diese Formulierungen sicherlich gut gemeint. Und dennoch führen sie oft zu genau dem Verhalten, das sie eigentlich vermeiden wollen. Warum? Du bewegst dich dahin, wohin du die Aufmerksamkeit richtest!

Unser Gehirn arbeitet assoziativ. Wir denken in Bildern. Damit wir uns etwas nicht vorstellen können, stellen wir uns erst einmal genau das vor, was wir uns eigentlich nicht vorstellen sollen. Klaro?! Da merken Sie womöglich schon beim Lesen, was im Gehirn in Millisekunden abgeht und für Probleme sorgen kann. Beispiel: Wenn Sie sich selbst oder jemand anderem sagen „Setz dich nicht so unter Druck“, „Lass die Arme nicht so hängen“ oder „Lauf nicht so verkrampft“ passiert hirnphysiologisch folgendes: um zu wissen, worum es eigentlich geht, worüber gesprochen wird, ruft das Gehirn in kürzester Zeit zunächst die gespeicherten Vorstellungen, Erfahrungen, Emotionen, Körpergefühle etc. zum Thema „unter Druck setzen“, „Arme hängen lassen“ oder „verkrampft laufen“ ab. Diese gilt es dann aber wieder zu verneinen, wobei die Aufmerksamkeit bereits in eine entsprechende, leider falsche Richtung gebahnt wurde. All das wieder zu verneinen kostet dem Gehirn viel Rechenleistung, Ressourcen, die grade auch in Belastungssituationen schwerlich oder gar nicht zur Verfügung stehen. Dafür gibt es wunderschöne Beispiele. Ich denke gerade an einen WM-Boxwettkampf, bei dem sich zwei Boxer völlig verausgaben und wie in Trance in ihre Ecken begeben. Der eine Boxer erhält von seinem Coach die Instruktion „Auf keinen Fall die Deckung fallen lassen“, der andere Boxer erhält die Anweisung „Finde die Lücke für deinen Hammer“. Kurz darauf passiert, was passieren musste: der eine lässt die Deckung fallen, der andere… Wummss!

Gleich bekommen Sie ein Bild vor Augen

Noch ein Beispiel: Die Aufforderung „Denken Sie jetzt nicht an die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit pinkem Sombrero, gelbem Badeanzug und Cowboystiefel“ lässt diese augenblicklich vor unserem inneren Auge erscheinen. Wie Sie sehen, führt der Versuch, an etwas nicht zu denken, genau zu diesem Gedanken. Was im Rahmen eines systematischen Mentalen Trainings gezielt genutzt wird, nämlich die medizinisch bewiesene Tatsache, dass bereits das gedankliche Durchspielen von Bewegungen zu den entsprechenden muskulären Reaktionen führt, kann uns in diesem Fall zum Verhängnis werden. Die blitzschnelle innere Repräsentation bzw. Vorstellung des unerwünschten Verhaltens, z.B. „verkrampft laufen“, führt zu automatischen Muskelkontraktionen, die dem unerwünschten Verhalten entsprechen. Eine Sprache, die auf Fehler fokussiert, führt zu den Ergebnissen, die man eigentlich vermeiden will. Golfer zum Beispiel, die intensiv instruiert wurden, einen bestimmten Fehler zu vermeiden, machen eben diesen Fehler unter Druck besonders oft. Fußballer, die die Instruktion erhalten, beim Elfmeterschießen, irgendwohin zu schießen, nur nicht in die untere rechte Ecke, blicken viel öfter in genau diese Ecke, als an irgendeinen anderen Punkt des Tores, was die Konzentration und somit optimale Ausführung erheblich erschwert (Janelle 1999, Weinberg & Gould 2015).

Michele_Ufer_Mentaltraining_fuer_Laeufer_BuchcoverDie Lösung klingt theoretisch so banal wie einfach, ist sie aber praktisch nicht. Fokussieren Sie sich konsequent auf das, was Sie zukünftig erreichen wollen, nicht auf das, was Sie nicht mehr wollen. Anders ausgedrückt: wann immer Sie sich dabei ertappen, sogenannte „Weg von“-Ziele, Ratschläge und Instruktionen zu formulieren, stoppen Sie Ihre Kommunikation mit sich selbst oder anderen und formulieren Sie diese um in „Hin zu“-Ziele. Wie das funktioniert? Ganz einfach. Nutzen Sie das Zauberwort „stattdessen“. Fragen Sie sich, was Sie stattdessen konkret tun, erleben, erreichen wollen. Beispiel: „Ich will weniger Stress im Job haben“ oder „Ich möchte vor dem Start nicht mehr so nervös sein“ sind typische „Weg von“-Ziele, die auf Problemverhalten fokussieren. Diese gilt es mithilfe der Frage „Was will ich stattdessen?“ umzuwandeln in „Hin zu“-Ziele: „Ich will bei wichtigen Meetings ruhig und gelassen auftreten“ oder „Ich möchte mich vor dem Start selbstbewusst und voller positiver Energie fühlen“.

Ab in die Praxis: reicht ein 20-minütiger Coaching-Quickie für eine Verbesserung?

Ganz klar: es kommt darauf an. Erstens natürlich auf die konkrete Situation, bereits vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen sowie die Qualität des Impulses. Zweitens auf die Bereitschaft, mit der Umsetzung zu experimentieren. Und drittens darauf, auch längerfristig am Ball zu bleiben, denn bis zur souveränen Routine unter verschiedenen Stressbedingungen ist einiges an Übung nötig.

Ein Beispiel

Das Setting: ein Sportmediziner-Kongress in den Alpen mit nachmittäglichem Skifahren als Begleitprogramm. Im Anschluss an einen Vortrag über mentales Coaching zur Gesundheitsförderung wollte ich den Teilnehmern im Rahmen eines ca. 20-minütigen Inputs konkret anwendbares Praxiswissen vermitteln, dass sie direkt in der nachmittäglichen Sportpraxis einsetzen und in der Wirkung überprüfen können. Die Ergebnisse waren verblüffend und sorgten für lebhafte Gespräche nicht nur in der Après-Ski-Bar. Zahlreiche Teilnehmer konnten nach dem Coaching-Quickie bei der sich anschließenden Ski-Session positive Veränderung wahrnehmen: sie fuhren nach eigenen Angaben direkt eine Spur besser, sicherer, erlebten weniger Angst oder Unsicherheit, waren fokussierter, dadurch selbstbewusster, was sich wiederum auf die sportliche Leistung auswirkte. Ich meine auch gehört zu haben, dass die Skianfänger signifikant weniger in Schneekanonen und andere Anwesende auf der Piste gedonnert sind. Übrigens berichteten auch die Gäste eines Coaching-Quickies am Vortag eines Städte-Laufs, dass sie ihr Rennen direkt mehr genießen, entspannter ihr Ziel erreichen und in einem Fall sogar eine TOP-Platzierung erzielen konnten.

Der Wille zur Nachhaltigkeit als Folge

Zusammenfassend: in den angeführten Beispielen konnte bereits eine rund 20-minütige Beschäftigung mit Sportpsychologie und mentalem Training für deutliche Verbesserungen sorgen. Für die nachhaltige Implementierung ziel- und lösungsorientierter Denk-/Gesprächsroutinen im Alltag ist in der Regel sicherlich weitere Übungs-/Anwendungszeit nötig. Dies ist allerdings eine gut investierte Zeit.

 

 

 

Referenzen

Hatzigeorgiadis, A., Zourbanos, N., Galanis, E., Theodorakis, Y. (2011): Self-talk and sports performance: A meta-analysis. Perspectives on Psychological Science, 6, 348 – 356

Janelle, C. M., (1999): Ironic Mental Processes in Sport. Implications for Sport Psychologists. The Sport Psychologist. 13, 201-220

Prior, M. (2009): Minimax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. 8. Aufl., Heidelberg: Carl-Auer-Verlag

Ufer, M. (2016): Mentaltraining für Läufer. Weil Laufen auch Kopfsache ist. Aachen: Meyer & Meyer Verlag

Zourbanos, N., Hatzigeorgiadis, A., Goudas, M., Papaioannu, A., Chroni, S., Theodorakis, Y. (2011): The social side of self-talk: Relationships between perceptions of support received from the coach and athlete’s self-talk. Psychology of Sport and Exercise, 12, 1-8

Weinberg, R.S, Gould, D. (2015): Foundations of sport and exercise psychology. 6. Aufl., Champaign: Human Kinetics

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Marc Pschebizin: „Bei einem Langdistanztriathlon bist du permanent am Einstellen deiner Psyche“

 

IMG_2345Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Marc Pschebizin

Als aktiver Leistungssportler siegte Marc Pschebizin bei einem der härtesten eintägigen Ausdauerevents, dem Inferno Triathlon im Berner Oberland, unglaubliche zehn Mal, was ihm den Übernamen „Mister Inferno“ einbrachte. Zudem feierte der 42-jährige Deutsche in seiner Profikarriere zahlreiche Erfolge im Duathlon und bei Multisport-Events. Als Coach und Management-Trainer betreut der studierte Sportwissenschaftler seit vielen Jahren Freizeit- und Spitzenathleten, Unternehmen und Führungskräfte.

Mehr Infos unter: www.proficoaching.net

 

Marc Pschebizin, du hast den Inferno Triathlon über 155 Kilometer und 5500 Höhenmeter von Thun aufs Schilthorn zehn Mal gewonnen. Welche Rolle spielt die Psyche bei einem Wettkampf wie dem Inferno Triathlon?

Die spielt aufgrund der Länge des Rennens auf jeden Fall eine grosse Rolle. Bei einem Langdistanztriahtlon bist du permanent am Einstellen deiner Psyche. Du führst ständig ein Gespräch mit dir selbst und am Ende, wo es wirklich schwer wird und die Muskulatur und der Organismus erschöpft sind, läuft das Rennen hauptsächlich über den Kopf. Wenn du da abschaltest und denkst „ich schaffe das sowieso nicht “, dann hast du eigentlich schon verloren.

Ich habe dies bei meinem Sieg am Inferno 2012 gemerkt, als sich eine Art Krimi zwischen mir und Sämi Hürzeler [2. Platz] abspielte. Zu Beginn der abschliessenden Laufstrecke hatte ich mit mehreren Minuten Vorsprung in Führung gelegen, er kam mir jedoch auf der ersten Hälfte des Laufes sehr schnell näher und hatte zwischenzeitlich nur noch eine Minute Rückstand. Da dachte ich, „ wenn er in so kurzer Zeit so nah an deine Füsse kommt, kann er dich eigentlich nur noch einholen“. Sämi war im Jahr zuvor, als er gewonnen hatte, an ähnlicher Stelle an mir vorbeigezogen. Damals war das Rennen für mich quasi gelaufen. Ich bin in eine Art Lethargie reingerutscht, in der mir alles egal war. In solchen Momenten spielst du auch mit dem Gedanken, am Streckenrand einfach ins Hotel abzubiegen. Dies habe ich jedoch unterlassen, weil ich wusste, wie schwer das Aufgeben im Nachgang zu bewältigen ist. Deshalb war die Angst im Jahr 2012 schnell wieder da, und ich musste den Gedanken „du schaffst es sowieso nicht“ quasi umkonditionieren. Ich habe für mich dann entschieden, weiterzukämpfen und zu versuchen, den Abstand möglichst konstant zu halten. Es war interessant zu sehen, wie man die Karte selbst in einem total erschöpften Zustand nochmals umdrehen kann. Entweder Du verlierst den Glauben an dich, was sich zu 100% in deiner Leistungsfähigkeit bemerkbar macht oder du versuchst zu kämpfen. Dies lässt sich als kontinuierliches Verhandeln mit Dir selbst beschreiben; ein Prozess, welcher auch einen grossen Teil deiner Aufmerksamkeit beansprucht.

Was meinst du genau, wenn du sagst, die Aufgabe eines Rennens sei im Nachgang extrem schwer zu bewältigen?

Gegen Ende eines Rennens kommen meistens Situationen, wo du nicht mehr weiter willst, in denen dich die Kraft verlässt und du dich ein Stück weit aufgeben willst. Aus dem Rennen auszusteigen, sollte jedoch immer die letzte Option sein, welche im Grunde nur bei Verletzungen zulässig ist. Ansonsten wirst du am Ende immer einen sehr negativen Beigeschmack mitnehmen. Ausserdem wird dir das Aufgeben immer leichter fallen, wenn du dies zwei, drei Mal gemacht hast. Du hast sozusagen immer einen Seitenausgang, der dir Erleichterung verschafft.  Selbst wenn du dein Ziel, zum Beispiel eine angestrebte Zeit oder Rangierung, nicht mehr erreichst, lohnt es sich immer ein Rennen zu beenden.

Ich habe diese kritischen Momente oftmals meistern können, indem ich mir vor Augen geführt habe, dass ich ähnliche Situationen in der Vergangenheit bereits erfolgreich bewältigt habe und indem ich mir neue Ziele steckte, zum Beispiel zu finishen oder eine andere Zeit anzupeilen. Das ist etwas, was ich auch meinen Athleten mitgebe. Versuch dir verschiedene Szenarien klar zu machen, welche während eines Rennens passieren können und gehe diese bereits vorher durch. Du bist dann nicht so überrascht, wenn es im Rennen nicht nach Plan verläuft. Die Athleten müssen sich darauf einstellen, dass es schwer wird, dass sie auch eine mentale Grenze durchbrechen müssen. Nicht nur das physische Training muss gut sein für den Saisonhöhepunkt, sondern du musst auch im Kopf bereit sein. Du musst es wollen und du musst es auch unter Widerstand zu Ende bringen wollen.

Du betreust seit 16 Jahren als Coach Athleten in den unterschiedlichsten Leistungsklassen. Welche Probleme oder Defizite im mentalen Bereich sind Dir dabei am häufigsten begegnet?

Jeder Athlet ist individuell und bringt sportlich wie auch menschlich unterschiedliche Voraussetzungen mit. Häufig sehe ich jedoch, dass die Athleten, sobald es Richtung Hauptwettkampf geht, sehr unsicher werden. Die Zuversicht, die sie einmal hatten, ist wie verflogen. Aus den sozialen Medien erfahren sie, was andere trainiert haben oder sie schauen sich Trainingsliteratur an und plötzlich kommen die Zweifel „Habe ich genug trainiert?“, „Habe ich das Richtige trainiert?“. So kurz vor dem Wettkampf geht es jedoch darum, sich nur noch auf sich selbst zu fokussieren und seinen Fähigkeiten zu vertrauen, was vielen, selbst Spitzenathleten, oftmals nicht gelingt.

Im Gegenzug gibt es aber auch Athleten, die über Leichen gehen. Sie schauen nicht mehr nach rechts oder links und bringen am Tag X ihre Leistung. Mental starken Leuten gelingt es zudem extrem gut, sich in schwierigen Phasen während des Wettkampfes umzukonditionieren. Dazu braucht es einerseits viel Erfahrung, andererseits aber auch eine gewisse Kaltschnäuzigkeit.

Welche mentalen Fähigkeiten zeichnen einen erfolgreichen Triathleten noch aus? Unterscheiden sich diese je nach Wettkampfdistanz?

Erfolgreiche Sportler geben nicht auf. Sie verfolgen ihr Ziel trotz Rückschlägen immer weiter. Zudem gelingt es ihnen, Niederlagen als Chancen zu sehen und daraus zu lernen. Je länger die Strecke, desto wichtiger ist meines Erachtens die mentale Konstitution.  Bei kürzeren Rennen bist du oft an der maximalen Leistungsgrenze. Zwar brauchst du da ebenfalls mentale Stärke, aber je länger das Rennen dauert, desto mehr Zeit hast du, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen und diese Dämonen, die dich befallen, nehmen einfach deutlich zu.

 

Interview: Monika Tschudi

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