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Rio 2016 und was nun?

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Im deutschen Sport wird diskutiert: Wie soll es nach den olympischen Spielen von Rio de Janeiro weitergehen? Hinter den Kulissen wird längst über die teilweise Neuausrichtung der Sportförderung in Deutschland gestritten. Zum Teil erbittert. Es geht vor allem um Geld. Aber auch um Macht, Einfluss und Bedeutung. Die Disziplin Sportpsychologie spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle – dabei zeigt nicht zuletzt die jüngere Vergangenheit, dass die Leistungsoptimierung mit Hilfe von sportpsychologischen Techniken und Methoden sportartenübergreifend an Bedeutung gewinnt. Allen voran jüngere Athleten haben kaum mehr Berührungsängste, viele Sportler arbeiten bereits mit qualitativ hochwertig ausgebildeten Sportpsychologen zusammen. Das Interesse von Verbänden, Vereinen, Aktiven und Unternehmen an der Dienstleistung Sportpsychologie steigt spürbar.

Im Schwerpunkt: „Rio 2016 und was nun?“ zeigen die drei Profilinhaber Wencke Schwarz, Dr. René Paasch und Prof. Dr. Oliver Stoll sowie der Gast-Autor Peter Schneider auf, was ihre Disziplin kann, wie sie funktioniert und wo das große Potential liegt. Vier Perspektiven, die interessierten Sportlern, Trainern, Funktionären, Unternehmern und Journalisten das Berufsfeld Sportpsychologie greifbarer machen sollen:

Zwischen Potential und Bedarf

Wencke Schwarz: Die Rolle und das Potential der Sportpsychologie im deutschen Spitzensport

Wie die Sportpsychologie im Teamsport angewandt werden kann

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Sportpsychologie hilft auch auf Amateurebene weiter

Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Sportpsychologie im Fußball

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

 

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Wencke Schwarz: Die Rolle und das Potential der Sportpsychologie im deutschen Spitzensport

Sport + Psychologie ist viel mehr als eine sexy klingende Kombination zweier extrem spannender Disziplinen. Es ist eine sinnvolle und nachweislich Mehrwerte schaffende Verknüpfung von zwei wissenschaftlich fundierten und praxisnahen Fachgebieten, die beide den Menschen im Fokus haben. Während in der führenden Sportnation USA Psychologie selbstverständlich im Alltag der Sportwelt integriert ist, befindet sich Deutschland auf dem guten Weg dorthin. Insbesondere in den letzten 15 Jahren hat sich hier viel getan und Sportpsychologie ist beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit dem Leistungssport fest verknüpft. Im Rahmen der Diskussion des „Fazits von Rio“ und der zukünftigen, strategischen Ausrichtung des DOSB und seiner Spitzenverbände wird Sportpsychologie auch ein Bestandteil sein.

Sport + Psychologie = Wieso, weshalb und wo? Ein Überblick, Status-Quo und Potentiale.

Für das „wieso“ muss man zunächst verstehen, was Psychologie ist. Die kürzeste Definition, die ich kenne, lautet: „Psychologie ist die Erfahrungswissenschaft, deren Gegenstand menschliches Erleben und Verhalten ist.“ (vgl. Gabler). Psychologie ist zudem eine der ältesten Wissenschaften, denn Fragen wie „Wer bin ich und warum bin ich so?“. „Warum tut jemand etwas?“ und „Wo sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen? sowie „Wie verhalten sich Menschen in bestimmten Situationen, Organisationen und Rahmenbedingungen?“ sind seit jeher interessant und relevant. Da wir Menschen komplex und facettenreich sind, sind es die fachspezifischen Disziplinen der Psychologie. Aktuell gibt es 54 Divisionen bei der American Psychological Association (APA), die sich mit verschiedenen Themengebieten auseinandersetzen. Diese reichen von Neuropsychologie, über Klinische,- Sozial-, Wirtschafts- bis hin zur Medien- und Sportpsychologie.

In meinem Alltag erlebe ich in der Regel zwei Reaktion auf meine Tätigkeit als Psychologin: starkes Interesse oder eine direkte Skepsis. Letzteres entsteht durch das Vorurteil, für mich „gläsern und manipulierbar“ zu sein oder das nur „kranke Menschen“ etwas mit Psychologie zu tun haben. Das geht natürlich nicht mit dem Bild eines gesunden Sportlers einher. Dieses Klischee ist grundlegend falsch! Oder wird einem Sportler, der regelmäßig, gar täglich zum Arzt oder Physiotherapeuten geht, gleich unterstellt, dass er krank und nicht mehr geeignet sei? Ich bin mir sicher, dem ist nicht so. Viel häufiger kommen Sportlern und Funktionären mittlerweile Gedanken an Vorbereitung, Gesundheitserhalt, Leistungstests- und Optimierungen direkt in den Sinn.

Die Rolle von Psychologie im Sport

Meine Kollegen und ich arbeiten mit gesunden Menschen zusammen, bringen diese weiter, setzen Potential frei und fördern erfolgreiche Entwicklungs- und Veränderungsprozesse auf der individuellen, Team- und Organisationsebene. Zudem begleiten wir schwere Zeiten z.B. durch Verletzungen und wissen was zu tun ist und wen wir ggf. hinzuziehen müssen, wenn Krisen eintreten, jemand psychisch erkrankt – was in jedem Beruf passieren kann. Die Grundlage für die gute Arbeit eines Psychologen im Sport ist Vertrauen, Ressourcen und damit einhergehende Rahmenbedingungen sowie – besonders wichtig – die Integration und Vernetzung mit den aktiven Personen und Strukturen. Faktoren, an denen sich stetig etwas tut, es aber noch viel Potentiale gibt.

Wie eingangs erwähnt, ist Deutschland insgesamt auf einem guten Weg. Nach den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 wurden vielfältige Maßnahmen zur nachhaltigen Integration von Sportpsychologie im Leistungssport angegangen, die ab 2003 griffen und sich seitdem deutlich weiter ausgebaut haben und es weiter werden. Die Bandbreite reicht hier von der Forschung, über strukturelle Prozesse bis hin zur Praxis. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp), der DOSB mit seiner Stelle Zentralen Koordination Sportpsychologie (ZKS) und der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsycholgie (asp) sind dabei die zentralen Akteure. In den letzten Jahren standen „die systematische Erhöhung der Wirksamkeit“ und „die Qualitätssicherung auf dem Feld der Sportpsychologie“ im Arbeitsprogramm des DOSB-Präsidiums. Ziele, die sicher noch nicht erreicht sind, aber erste Früchte tragen. Status-Quo ist beispielsweise die Sportpsychologische Expertendatenbank des BISp, eine größer werdende Forschungslandschaft und immer mehr praktische, sportpsychologische Umsetzungen und leitende Sportpsychologen in den Spitzenverbänden und an den Olympiastützepunkten (OSP) sowie eine Erhöhte Vernetzung der Sportpsychologen, insbesondere durch die asp-Arbeit und die ZKS.

Hermann und der Zeitungskiosk

Sicherlich hat auch die öffentliche Wahrnehmung und damit verbundene Nachfrage nach psychologischer Expertise eine einflussgebende Rolle. So ist Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der DFB-Herrennationalmannschaft seit 2004, sicherlich der erste und bekannteste Sportpsychologe und hat zu einem starken Interesse beigetragen. Hinzu kommt, dass Psychologie im Alltag der Deutschen immer mehr angekommen ist und Interessenten hat – zählen Sie doch einfach mal in einem Bahnhofskiosk die Zeitschriftentitel mit psychologischem Bezug! Auch in der Wirtschaft ist die Arbeits- und Organisationsentwicklung selbstverständlich geworden: Führungskräfte ab der höchsten Ebene nehmen Coaches in Anspruch, es gibt eine Diagnostik in Bewerbungsprozessen sowie eine systematische Personalentwicklung, durch die viele Arbeitnehmer Kontakt mit psychologischen Themen wie Persönlichkeit, Selbst- und Konfliktmanagement, Kommunikation, Motivation und ihren Einbezug durch Mitarbeiterbefragungen haben. Gerade hält hier das betriebliche Gesundheitsmanagement einen verstärkten Einzug – die Wirtschaft kann dabei viel vom Sport lernen. Auch die Tatsache, dass sich jüngst angewandte Sportpsychologie sich als eigenständiger Studiengang im universitären Feld durchgesetzt hat und eine enorme Nachfrage verzeichnet, unterstreicht die positive Entwicklung.

Aber schauen wir konkret auf den deutschen Sport und dessen Dachverband. Würde man diesen, also den DOSB, als Wirtschaftsunternehmen verstehen, wäre er ein Konzern. Die Sportfamilie setzt sich aus

  • 16 Landessportbünden
  • 62 Spitzenverbänden (34 olympische und 28 nichtolympische)
  • 20 Verbänden mit besonderen Aufgaben
  • 2 IOC-Mitgliedern (Thomas Bach, Claudia Bokel)
  • 15 Persönlichen Mitgliedern

zusammen. Insgesamt sind in den 98 Mitgliedsorganisationen mehr als 27 Millionen Mitglieder in über 90.000 Turn- und Sportvereinen organisiert, die die wichtige Basis für die Entdeckung und Förderung des Leistungssports darstellen. (Stand August 2016). Kleiner Tipp: Wer hier tiefer interessiert ist, sollte einen Blick in den „Sportentwicklungsbericht 2015/2016 Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland“ werfen. Der Leistungssport selbst zentriert sich insbesondere an den Bundes- , Bundes-Nachwuchs- und Olympiastützpunkten.

Der Platz der Sportpsychologie in einem komplexen System

Die Arbeit des DOSB und aller damit verbundener Personen findet also in einem enorm komplexen Umfeld statt. Zum einfacheren Verständnis, wo Psychologie im Sport ansetzen und helfen kann, habe ich die wichtigsten Ebenen simplifiziert in der folgenden „Zwiebelgraphik“ dargestellt:

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Eigene Darstellung

Insbesondere die blau markierten Ringe stellen Bereiche der angewandten Sportpsychologie dar. Diese „hilft, psychische Leistungsvoraussetzungen besser zu verstehen und psychische Barrieren im Sport zu überwinden. Sie liefert Handlungswissen zur Leistungsoptimierung und zur Verbesserung des Wohlbefindens.“ (Alfermann, Stoll; 2016).

Der Sportler im Zentrum

Im Zentrum steht dabei der Sportler selbst. Bereits auf der individuellen Ebene gibt es eine Vielzahl von Themen (Selbstmanagement, innere Haltung, Motivation, Glaubenssätze), Anliegen (Umgang mit aktuellen Situationen und das Lösen von Stolpersteinen). Dazu kommt die Vermittlungen von hilfreichen Werkzeugen wie z.B. mentale Techniken, bei denen wir Sportpsychologen ansetzen und weiter bringen können. Dabei bedienen wir uns wissenschaftlich-fundierter Diagnostik und Methoden, die mit praktischer Berufserfahrung und individueller Anpassung der Herangehensweise auf den einzelnen Sportler abgerundet wird. Dabei wird das komplette System, in dem sich der Sportler befindet, mit einbezogen. In der Praxis fließen so, neben dem direkten sportlichen Bereich, auch das private und berufliche Umfeld mit ein (z.B. Balance zwischen Beruf und Karriere, Beziehung und Familie oder auch mal Heimweh). Konkrete Einblicke einzelne Fallbeispiele zeigt mein Kollege Dr. René Paasch in seinem Beitrag auf (Verlinkung).

Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Wie ein Sportpsychologe auf der Teamebene und mit dem Trainer arbeiten kann, zeigt Prof. Dr. Oliver Stoll auf, indem er drei verschiedene Varianten skizziert. Hierbei wird schön verdeutlicht wie sich Rahmenbedingungen wie „Nähe vs. Distanz zum Team“ und „Regelmäßigkeit vs. Anlass“ sich auf die Zusammenarbeit auswirken. (Verlinkung). Grundsätzlich stehen hier Fragen von der Zusammensetzung des Teams und Rollenklarheit, Teamdynamiken, -mentalität und -stimmungen, Kommunikation, Umgang mit Ereignissen und Konflikten sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit und Interaktion für stabilere und höhere Leistungserbringungen im Zentrum der Arbeit.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Futter für Führungskräfte

Der Trainer und sein Stab gehören zum erweiterten Team, nicht zum Kernteam. Deshalb sind obige Themen auch Bestandteil der Zusammenarbeit. Jedoch ist der Trainer Führungskraft und Entscheider, so dass weitere Bereiche hinzukommen. Bereits das Thema „Führung und Führungskultur“ nimmt ein breites Spektrum ein (hier kann ein guter Wissenstransfer mit der Wirtschaft gezogen werden), hinzu kommt die strategische Ebene, die nun Einzug erhält. Neben der alltäglichen Arbeit von z.B. Spiel- und Trainingsanalysen, sind die nachhaltige Weiterentwicklung des Teams und einzelner Sportler, sowie die Verfolgung mittel- und langfristiger Ziele („wohin soll eine Mannschaft geformt werden“, „welche Maßnahmen müssen für welche sportlichen Ziele angestrebt werden“) eine Rolle, zu deren Erfolg man die sportpsychologische Perspektive und Erfahrungen mit einbringt. 

„Pleasure before Pressure“ (Genuss/Freude vor Druck) ist beispielsweise das Ziel, welches Peter Schneider – Sportpsychologe vom FC Carl Zeiss Jena –  in Zusammenarbeit mit dem Trainer und dem Trainerstab, als Grundhaltung für das DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern München entwickelt und umgesetzt hat. In dem ausführlichen Interview mit ihm bekommt man einen tollen und greifbaren Einblick hinter die Kulissen der Arbeit, Herangehensweise und Aufgaben der sportpsychologischen Arbeit in einem Fußballverein.

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Das Team hinter der Mannschaft

Die Arbeit mit dem „Team behind the Team“ (gelber Ring), d.h. Ärzten, Physiotherapeuten, Betreuern, etc. erfolgt durch alltägliche Zusammenarbeit und hängt sehr von den individuellen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen ab. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass das Umfeld hinter den Kulissen einen relevanten Einfluss auf das Team bzw. den einzelnen Sportler hat. Ein mittelfristiges Ziel sollte meines Erachtens ein zentrales Angebot von berufsspezifischer und grundlegender psychologischer Wissensvermittlung für diese Personengruppen sein, denn sie sind „nah dran“ und z.T. erste Ansprechpartner. So gibt es z.B. zwischen Physiotherapeuten und einzelnen Sportler oft ein starkes Vertrauensverhältnis, da sie vor und nach dem Wettkampf zu den ersten Kontaktpersonen gehören und bei den regelmäßigen Behandlungen im Leistungssportalltag viele Gespräche entstehen, bei denen sich persönliche Beziehungen aufbauen.

Damit einmal zurück zu unserer Zwiebel: In den beiden äußeren Ebenen finden wir die Vereine und OSP (roter Ring) sowie den DOSB mit seinen Senpitzenverbänden (schwarzer Ring) wieder. Hier sind die zentralen Führungskräfte und Entscheider angesiedelt und es wird strategisch, bereichsübergreifend und folglich „von oben“ auf die Zusammenhänge und Maßnahmen geschaut. Entscheidungen die hier getroffen werden, haben weit reichende Folgewirkungen bis hin zur Basis, benötigen jedoch auch Zeit. Gerade im Zuge „des Fazits von Rio“ wird das deutlich. In einem Morgenmagazin Interview Ende August sagte Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des DOSB, „(dass) die Strukturen ein Stück weit zu verbessern sind, durch mehr Konzentration (von Spitzensportlern an gemeinsamen Trainingsorten)“.

Starkes Interesse, wenig Wissen

Wie auch immer Ergebnisse von Post-Rio-Debatten ausschauen mögen, die Sportpsychologie wird sicherlich als fester Bestandteil des Spitzensports gestärkt, um als Bestandteil des Angebotes für Leistungssportler wirken zu können. Dass es ein starkes Interesse gerade von jungen Sportlerinnen an Sportpsychologie gibt, aber noch eine nicht ausreichende Information bzw. Alltagsnähe in der bisherigen Breite gibt, zeigt die aktuelle Studie von Jürgen Walter und Valeria Eckhardt auf (Verlinkung). In diesem Zusammenhang kann die die an der Sporthochschule Köln angesiedelte Initiative Mentaltalent, die altersgerecht „eine professionell angeleitete sportpsychologische Grundausbildung besonders aussichtsreicher und leistungsorientierter Kaderathletinnen und -athleten“ anbietet, ein positives Lösungsbeispiel sein.

Jürgen Walter und Valeria Eckardt: Das Informationsproblem der Sportpsychologie

Doch nicht nur Maßnahmen direkt am Sportler sind entscheidend, sondern z.B. die feste Integration von Psychologie im Sport in die Aus- und Weiterbildung von TrainerInnen und Entscheidern, die zentrale Personen und Multipikatoren sind. Darüber hinaus ist die Förderung, die Vernetzung und der Wissensaustausch von den verschiedenen Verbänden untereinander extrem förderlich und setzt Potentiale frei. Das Projekt „DELTA – Deutschland entwickelt Talente“ verfolgt so einen interdisziplinären und verbandsübergreifenden Ansatz seit September 2015. Hier arbeiten die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der DOSB, der Deutschen BoxsportVerband, der Deutschen Schwimm-Verband und die Deutschen Eisschnelllauf Gemeinschaft daran, „die Wirksamkeit von Förderprozessen durch die Weiterentwicklung von Talentauswahl und -entwicklungsmaßnahmen zu erhöhen.“ Durch aktuelle Rahmenbedingungen und den demographischen Wandel sehen und zeigen alle Beteiligten den Willen „die notwendigen Veränderungen anzugehen, um langfristig wieder mehr Talente zu entwickeln und dabei auch über den Tellerrand der eigenen Sportart zu blicken“. Psychologie spielt an solchen Stellen eine doppelte Rolle: Zum einen die angewandte Sportpsychologie als inhaltlicher Bestandteil, zum anderen in Form der langjährigen Forschung und Erfahrungen der Wirtschafts- und Organisationspsychologie, die solche Veränderungs-, Struktur- und Entwicklungsprozesse professionell begleitet (Schwerpunkt bis dato in der Wirtschaft).

Zukunftsfähigkeit als Ziel

Dass es einen starken Bedarf an Organisations- und damit einhergehender Personalentwicklung gibt, zeigt sich u.a. durch das Angebot der Führungsakademie des DOSB. Hier werden sowohl Fortbildungen, als auch Beratungsleistungen für die Verbände zu dieser Thematik angeboten. Dabei „orientieren (wir, die Führungsakademie) uns an den theoretisch fundierten Annahmen und Prinzipien der Organisationsentwicklung. Veränderung und Wandel in Verbänden verstehen wir als wichtiges Element zukunftsfähiger Entwicklung, die nur dann gut gelingen kann, wenn die in den Verbänden tätigen Menschen diese Veränderungen mittragen.“ Die Verbände bieten wiederum Angebote in diesem Bereich für ihre Vereine und Mitglieder an, da auch hier die Nachfrage stetig steigt. So gibt es in vielen Landessportbünden Ansprechpartner und Angebote für Organisationsentwicklung. Der Landessportbund Niedersachsen hat mittlerweile eine ganze Abteilung erfolgreich etabliert, die die Bandbreite von der Strukturentwicklung bis zum Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement abdeckt. Wie hoch der Gesprächs- und Einbringungsbedarf auch von Seiten der Olympia-Teilnehmer ist, hat zuletzt Diskuswerfer Robert Harting in einem ARD-Interview deutlich gemacht: “Im deutschen Sport gibt es vertikale Strukturen und Sportler können sich dagegen nicht wehren. Dieses System ist so nicht mehr zeitgemäß.”

Aus meiner eigenen Arbeit kann ich beispielsweise berichten, dass die Schnittmenge aus Wirtschaft, Psychologie und Sport sehr sinnvoll ist. Als Prozessbegleiterin war ich für den Deutschen Ruderverband e.V. tätig, der im Ergebnis des gemeinsam umgesetzten Projekts die Einstiegsurkunde des INQA-Audits Zukunftsfähige Unternehmenskultur der Bundesregierung bekam (INQA = Initiative Neue Qualität der Arbeit). Dahinter steckt ebenfalls eine praxisnahe, individuelle Organisationsentwicklung und damit einhergehende Maßnahmen für die nächsten Schritte in der internen Weiterentwicklung des Verbandes.

Fazit: Sport + Psychologie = Wieso, weshalb und wo?

Ich versuche ein plakatives Fazit. Wieso? Weil es sinnvoll ist und viele sportpsycholgische Potentiale in Deutschland noch ungenutzt sind. Weshalb: Zum professionellem und leistungsorientierten Spitzensport gehört Sportpsychologie als eine Komponente des Erfolgs dazu. Wo? Überall dort, wo Menschen im Sport agieren. Dabei liegt der Fokus „im Kern der Zwiebel“, auf den SportlerInnen, dem Team und dem Trainer mit Stab. Auf den höchsten Ebenen ist Sportpsychologie ein Strang des roten Strategiefadens, der sinnvoll mit den anderen Bestandteilen vernetzt wird bzw. werden muss. Dazu können die langjährigen Erfahrungen Arbeits- und Organisationspsychologie genutzt werden, um die Organisations-, Struktur- und Entwicklungsprozesse des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen bzw. deren Mitglieder erfolgreich zu begleiten.

Wir haben schon viel geschafft, aber es gibt auch noch zahlreiche Herausforderungen: Meine Kollegen und ich freuen uns darauf unsere Aufgabe als unseren Teil der „Sportfamilie“ beizutragen. Auf geht´s!

Herzlichst,

Wencke Schwarz (zum Profil)

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

 

Literatur und Quellen

Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen Broschiert – 7. November 2016 von Dorothee Alfermann (Autor), Oliver Stoll (Autor)

Breuer, C. & Feiler, S. (2017). Sportvereine in Deutschland – ein Überblick. In C. Breuer (Hrsg.), Sportentwicklungsbericht 2015/2016. Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland (S. xx – xx). Köln: Sportverlag Strauß.

DOSB I Zukunft Gewinnen! Arbeitsprogramm des Präsidiums des DOSB für 2011 bis 2014

Angewandte Sportpsychologie im deutschen Spitzensport: Standortbestimmung – Entwicklungen –  Strukturen – Schwerpunkte – BiSP Report 2010/2011 von Gabi Neumann (Autorin)

DELTA – Taltente im Nachwuchsleistungssport entwickeln – Potenzial fundiert beurteilen. Institut für angewandte Trainingswissenschaften, Newsletter Nr. 1, Mai 2016, S. 2-3  

Bundesinstitut für Sportwissenschaft (undatiert). Nachfrage für sportpsychologische Betreuung, online verfügbar unter: http://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Infoportal/Sportpsychologische_Betreuung_im_Spitzensport/Nachfrage2.html.

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/psychologie.html

http://www.apa.org/about/division/?tab=1

www.bisp-sportpsychologie.de

http://www.fuehrungs-akademie.de/beratung.html

http://www.lsb-niedersachsen.de/lsb_organisationsentwicklung.html

http://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Sportpsychologie_im_BISp/laufende%20Projekte/laufende_projekte.html

https://www.dosb.de/de/leistungssport/olympiastuetzpunkte/sportpsychologie/

http://www.dshs-koeln.de/psi/mentaltalent/

http://www.rudern.de/nachricht/news/2016/05/23/deutscher-ruderverband-mit-einstiegsurkunde-des-inqa-audits-ausgezeichnet/

http://www.asp-sportpsychologie.org/

http://www.psychologie-studieren.de/studiengaenge/

http://www.inqa-audit.de

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Was machen Sportpsychologen eigentlich, wenn Sie in – und mit – Teams arbeiten. Einiges dürfte im Beitrag von René Pasch sowie im Insiderbericht von Peter Schneider schon deutlich geworden sein. Wichtig zu wissen:  Es existieren verschiedene Philosophien, wie sportpsychologische Arbeit in (Sport-)gruppen umgesetzt werden kann. Skizzieren möchte ich in diesem Blog-Beitrag drei verschiedene Varianten. Alle drei Varianten habe ich in der Vergangenheit in der Arbeit mit Eishockey- und Handballmannschaften schon erleben und durchführen können.

Zum Thema: Individuell-sportpsychologische Arbeit in Mannschaften

Variante 1: „Der Team-Sportpsychologe“

Das ist eigentlich mein „Favorit“. Der Team-Sportpsychologe ist vollständig in den Unterstützer-Stab integriert. So wie der Mannschaftsarzt sich um Verletzungen und Krankheiten kümmert und der Sportphysiotherapeut sich mit der Umsetzung physikalischer- und manueller Therapie sowie Massagen und Rehabilitationsmaßnahmen (z.B. nach Verletzungen) kümmert, hat der Team-Sportpsychologe sein Feld. Er ist verantwortlich für die Aus- und Weiterentwicklung spezifischer mentaler Werkzeuge, wie z.B. die Fähigkeit sich zu entspannen oder zielgerichtet zu aktivieren, die Fähigkeit, spezifische Situationen zu visualisieren und daraus Lösungen zu entwickeln oder aber auch in der Entwicklung funktionaler Selbstgespräche. Zusätzlich ist er verantwortlich in der Beobachtung gegebenenfalls Beeinflussung gruppendynamischer Prozesse sowie für die gesamte sportpsychologische Diagnostik vor-, während und nach der Saison. Eine solche Funktion setzt natürlich voraus, dass der Sportpsychologe vollumfänglich ein Team integriert ist, und es klare Rollenabsprachen gibt. Neben der Trainings- und Wettkampfbeobachtung und in der Erfüllung der o.g. Aufgaben ist so etwas nur im Rahmen einer „Vollbeschäftigung“ zu erreichen. Eine solche sehr intensive und vollumfängliche Einbindung hat neben den auf der Hand liegenden Vorteile (Nachhaltigkeit in der Entwicklung von psychologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, gute Leistungsdiagnostik- und –prognostik, detaillierte Innensicht des „Systems“ Mannschaft) aber eben auch den Nachteil, dass der Sportpsychologe somit „Teil des Systems“ ist und damit eine – gerade für systemisch zu lösenden Aufgaben – eventuell notwendige „objektive“ Außensicht verliert.

Ein schönes Beispiel liefert Peter Schneider in seinem Insiderbericht:

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Variante 2: „Der Feuerwehr-Sportpsychologe“

Auch wenn diese Variante nicht unbedingt zu meinem Lieblingsansatz gehört, so kann sie dennoch auch – zumindest kurzfristig – funktionieren und sie hat den Charme, dass man so in die Lage versetzt wird, die o.g. manchmal notwendige Außensicht zu bewahren. Eine solche Variante kommt dann zum Einsatz, wenn es mehrheitlich weniger um „Team-Entwicklung“ im engeren Sinne geht, sondern um das Lösen von individuellen Problemen oder Entwicklungsaufgaben einzelner Spieler. So kann z.B. ein Spieler Autogenes Training erlernen, weil er sich gerade insgesamt zu hoch belastet fühlt, und somit bei der Durchführung dieses Verfahrens, wenigstens einmal am Tag  im „Hier und Jetzt“ sein kann und nicht grübeln muss, was als nächstes zu erledigen ist. Oder ein anderes Beispiel: Eine einzelne Spielerin ist sich über ihre eigenen persönlichen Ziele nicht sicher, bzw. weiß auch nicht wie diese mit möglicherweise vorliegenden Team-Zielen zu vereinbaren sind. Ein anderer Athlet möchte sich gerne individuell im Bereich der Ärgerbewältigung nach Foulspielen weiter entwickeln. Oder aber eine Mannschaft hat sich aufgrund anhaltender Misserfolge bei durchaus guten, generellen Voraussetzungen „total zerstritten“ und der Trainer sieht keine Möglichkeit mehr, das „System“ neu „einzunorden“. Voraussetzung für diese Variante ist jedoch immer das Bewusstsein, dass eine Nachhaltigkeit eher schwierig zu erreichen ist und der Erfolg einer solchen, individuellen Maßnahme auf den Team-Erfolg nicht planbar und messbar ist.

Wie fließend der Übergang von einer Variante zur anderen sein kann, bewies kürzlich der offenbar sehr erfolgreiche “Feuerwehreinsatz” von meinem sehr geschätzten Kollegen Prof. Andreas Marlovits, der zum Ende der vergangenen Saison mithalf, den SV Werder Bremen in der Bundesliga zu halten und nun fester engagiert ist. Ich empfehle einen Text zum Thema von Dr. René Paasch:

Dr. René Paasch: Werders Psycho-Rettung

Variante 3: Der Coach-Coach

„Coach-the-Coach“ heißt diese Interventions-Variante eigentlich. Hintergrund dieses Ansatzes sind eher „skeptische“ Trainer, die mit dem Begriff „Psychologe“ eher Unsicherheit verbinden. Trainerinnen und Trainer sehen sich ja sehr oft selbst als die besten Psychologen, was in der Tat auch nachvollziehbar ist, denn sie verbringen ja die meiste Zeit mit den Athleten, sind ihnen fast jeden Tag „nahe“ und haben somit natürlich auch ein Gesamtbild einer Mannschaft. Dieses „Gefüge“ wollen Trainer manchmal eben nicht mit dem Einsatz eines Sportpsychologen „verunsichern“, da er oder sie unter Umständen mit für den Trainer „neuen“ oder „unbekannten“ Verfahren Kompetenzverlust in der Mannschaft befürchtet. Beim „Coach-the-Coach“-Ansatz kommt der Trainer mit seinen Anliegen bezogen auf die Mannschaftsentwicklung zum Sportpsychologen und in diesem „1:1 geschützten Raum“ werden diese Anliegen diskutiert und gemeinsam Lösungen entwickelt (z.B. für das Erlernen und Festigen neuer taktischer Spielzüge können spezifische Visualisierungsstrategien bzw. taktisches Mentales Training entwickelt werden). Umgesetzt werden diese Lösungen aber dann durch den Trainer im täglichen Training oder gegebenenfalls auch im Spiel. Auch bei dieser Variante bleibt die manchmal notwendige, objektive Außensicht des Sportpsychologen auf das Team gewahrt, was ein eindeutiger Vorteil ist.

Mein Schweizer Kollege Dr. Hanspeter Gubelmann hat für die-sportpsychologen.ch kürzlich einen Text verfasst:

http://die-sportpsychologen.ch/2016/06/26/dr-hanspeter-gubelmann-trainer-unter-hochdruck/

Fazit

Wie zu sehen ist, haben alle drei Varianten sportpsychologischen Arbeitens ihre Vor- und Nachteile, die es jeweils abzuschätzen gilt. Dies ist oftmals neben dem rein organisatorischen Aufwand durchaus auch eine Frage des finanziellen Aufwandes, den Teams bereit sind, zu investieren. Variante 1 ist und bleibt für mich der Favorit, denn den einzigen Nachteil, nämlich den der möglicherweise verlorengehenden „Außensicht“ auf das System Mannschaft kann man mit, auch von der Mannschaft akzeptierten, kollegialer Intervision entgegensteuern.

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

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Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Seit vielen Jahren ist die angewandte Sportpsychologie ein wichtiger Bestandteil vieler Sportarten wie bspw. in der Fußballtrainer-Ausbildung in Deutschland. Aber erst seit dem Projekt „DFB-Talentförderung“ im Jahre 2002 findet die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Andere Sportarten nutzen diese nachhaltige Möglichkeit schon deutlich länger, in manchen Disziplinen ist eine sportpsychologische Betreuung immer noch Neuland. Dabei kann die Sportpsychologie über Sportartengrenzen hinweg und auf ganz unterschiedlichen Leistungsstufen effektiv ein gesetzt werden.

Zum Thema: Sportpsychologische Praxis – Mit welchen Fragestellungen kommen unsere Interessenten auf uns zu?

Ich möchte Ihnen einerseits etwas über die die Grundlagen einer psychologischen Betreuung im Leistungs-, Breiten-, Nachwuchssport näher bringen. Andererseits aber auch die Besonderheiten meiner betreuten Athleten und deren disziplinspezifischer Maßnahmen. Dazu möchte ich zur Diskussion stellen, ob sich die Fragestellungen eines Fußballprofis grundlegend von denen eines Kreisligaspielers unterscheiden?

Bleiben wir doch gleich bei dieser Frage: Zugegeben, es ist ein anderes Umfeld jedoch bei allen Unterschieden, sind die psychischen Mechanismen für alle Ligen in gleicher Weise wichtig und veränderbar. Die bittere Niederlage der DFB-Elf gegen Frankreich bei der Europameisterschaft und der damit verspielte Einzug ins Finale, sind vermutlich noch den meisten deutschen Fans im Gedächtnis oder auch die olympischen Spiele 2016, mit allen Höhen und Tiefen. Aber dass sich am Wochenende in der Bezirksliga 9 Westfalen Spielort Gelsenkirchen oder LVN Meisterschaften in der Leichtathletik vergleichbare Dramen abspielten, wer weiß das schon? Grundlegend versuche ich immer, egal auf welchem sportlichen Niveau, dass sportpsychologische Training in eine Struktur zu pressen und dabei die Individualität zu berücksichtigen. Im Modell der systematischen Intervention, werden drei grundlegende Ebenen nach Beckmann und Elbe (2011) unterschieden:

  • Grundlagentraining: Atemübungen, progressive Muskelentspannung, autogenes Training Teambildende Maßnahmen
  • Fertigkeitstraining: Zielsetzung, Selbstgesprächsregulation, Entwicklung des Bewegungsgefühls, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Aufmerksamkeits- und Vorstellungsregulation
  • Krisenintervention: Rehabilitation nach Verletzungen, Misserfolgsverarbeitung, Psychotherapie, Karriereende und Konflikte in der Mannschaft

Siehe dazu auch:

Dr. René Paasch: Mentaltrainer oder Sportpsychologe?

 

http://die-sportpsychologen.ch/2016/07/18/dr-hanspeter-gubelmann-wer-soll-es-sein-mentaltrainer-oder-sportpsychologe/

Amateursport öffnet sich der Sportpsychologie

In den vergangenen Jahren sind erfreulicherweise vielfältige sportpsychologische Betreuungs- und Beratungsmaßnahmen verstärkt auch für den Amateursport zu erkennen. Diese Ausweitung ist aus meiner Sicht sehr wichtig, denn der Amateursport bereichert stetig den Leistungssport mit hervorragenden Talenten.

Versuchen wir es mit einem Beispiel: Paul (15) ist Boxer. Seit einiger Zeit hat er, wie er selbst sagt, einen „Tick“. Dieser besteht darin, dass er Probleme bei Schlägen auf die Stirn (Präfontaler Cortex) bekommt, seine Deckung vernachlässigt  und somit die Konzentration verliert. Dies kann sehr gefährlich werden, da die Gefahr einer Kopfverletzung erheblich zunimmt aber auch die Anzahl der verlorenen Kämpfe. Der Trainer beschreibt dieses Verhalten als „destruktive Gedanken“. Was ist nun aus sportpsychologischer Situation zu tun?

Sportpsychologische Praxis mit Paul, dem „Boxer“:

Mit Paul wird zunächst eine Eingangsdiagnostik durchgeführt. Diese besteht aus Gesprächen, Beobachtungen und sportartspezifischen Fragebögen (Stärken-Schwächen-Profil):

  •         HOSP (Handlungs- und vs. Lageorientierung im Sport von Beckmann und Wenhold, 2008)
  •         VKS (Volitional Komponente im Sport von Wenhold, Elbe und Beckmann, 2009)
  •         AMS-Sport (Achievement Motive Scale von Elbe, Wenhold und Müller, 2005)
  •         EBF (Erholungs-Belastungsfragebogen von Kellmann und Kallus, 2000)
  •         Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (SWE)

Die Ergebnisse des HOSP zeigen, dass Paul lageorientiert ist, d.h. er beschäftigt sich eher mit Zuschauern und der Presse oder mit seinen kreisenden und grübelnden Gedanken. Dass er nur sehr schwer Entscheidungen treffen kann und sich ablenken lässt. Die Auswertung der VKS zeigt, dass Erwartungen anderer für ihn sehr wichtig sind. Des Weiteren ist die Skala „Hoffnung auf Erfolg“ des AMS-Sport bei ihm nur sehr schwach ausgeprägt. Der EBF weist eine ausgewogene Erholung-Belastung auf. Jedoch ergab die Auswertung der allgemeinen Selbstwirksamkeit nähere Zusammenhänge zum dispositionalen Optimismus und Ängstlichkeit. Im Erstgespräch stellte sich heraus, dass er schlechte innere Gespräche führt und dass er Angst vor Schlägen auf die Stirn hat.

Strategien für Paul, dem Boxer?

Paul bekommt Methoden an die Hand, um die kreisenden Gedanken zu unterbrechen. Die Schulung auf sich selbst und das Erlernen funktionaler Selbstgespräche. Es wird am Aufbau der Erfolgszuversicht gearbeitet sowie an seinem Selbstvertrauen „Kompetenzerwartung“. Zusätzlich werden Entspannungsverfahren zur Angst- und Stressreduktion eingesetzt.

Wichtige Grundsätze in meiner Arbeit:

  • Der Sportler wird als Experte für seine Situation angesehen. Er trägt die Lösung in sich, jedoch kann er im Moment nicht darauf zurückgreifen
  • Das Vorgehen ist so individuell wie der Athlet und Trainer selber und ist stets offen in der Ergebnis- und Prozessarbeit
  • Erleben und Verhalten des Athleten und Trainer werden herausgearbeitet, eine Zielbestimmung angestrebt und die Kommunikationsprozesse verbessert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem „Wie“ (Fachberatung) & „Was“ (systemische Herangehensweise) der sportpsychologischen Beratung.

Ein Betreuungsmodell für den Nachwuchsbreiten- und Leistungssport Fußball

Sanchez ist 11 Jahre alt, geht in die 5. Klasse, hat 6 Geschwister und betreibt Fußball als Breitensport und soll demnächst in den Leistungssport wechseln. In seiner Altersklasse gilt er als ein großes Talent. Doch er spielt neben Fußball noch Tischtennis und geht sehr gern zum Leichtathletik. Hat zum Vereinstraining noch Athletiktraining und fast jedes Wochenende Punktspiele. Wie sieht in einem solchen Fall eine nachhaltige Betreuung aus und wie könnten seine Teamkameraden davon profitieren?

In der Sportpsychologie werden bereits verstärkt altersgerechte sportpsychologische Konzepte entwickelt, die neben den Maßnahmen für den Nachwuchs für Trainer und Eltern beinhalten (Kuchenbecker, 2000). Die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen oder wie im Fall von Sanchez (11) stehen im Mittelpunkt. Diese sollten systematisch, entwicklungs- und altersgerecht gestaltet sein. Somit ist ein systemisches Betreuungsmodell vorzubereiten:

Schule: Lehrer/Pädagoge oder weitere Bezugspersonen im Kontext

Sport: Trainer, Funktionsteam und Sportpsychologe, vielleicht ehemalige Trainer miteinbeziehen

Dabei sollte auch auf die Betreuung der Eltern und die Integration der Familie einbezogen werden, so dass die Betreuung der Kinder und Jugendlichen ganzheitlich und entwicklungsgerecht stattfinden kann.   

Die sportpsychologische Praxis

Die Säule „Kinder und Jugendliche“ beinhaltet sowohl das Grundlagen- und Fertigkeitstraining, Krisenintervention und die dauerhafte Dokumentation. Des Weiteren wäre eine kontinuierliche Laufbahnberatung zu empfehlen, um weitere Ressourcen für eine stabile Entwicklung zu öffnen. Der Baustein „Unterstützungshilfen für die Eltern“ beinhaltet Fertigkeitstraining sowie der Umgang mit Konflikten. Zusätzlich sollten regelmäßig Fachvorträge für die Eltern angeboten werden. Der gesamte sportpsychologische Entwicklungsprozess sollte durch ein regelmäßiges Monitoring der Erholung und Belastung (bspw. EBF, Kellmann und Kallus, 2000) der Heranwachsenden begleitet werden. Schlussendlich sollte die sportpsychologische Unterstützung im Breiten- und Nachwuchsleistungssport dazu dienen, die Athleten in allen Entwicklungsphasen altersgerecht zu unterstützen und zu fördern.

Sie sehen also, psychische Faktoren sind überall wichtig. Was für Profis gilt, gilt auch für Amateure. Mannschaften funktionieren immer auf ähnliche Weise. Trainer führen ihre Mannschaften oft mit den gleichen Methoden und machen somit altbekannte Fehler. Die Trainer und Spieler, welche ich bisher erleben durfte, besaßen alle individuelle Schwächen und Stärken. Es geht also nicht darum, Dinge von heute an zu verändern. Vielmehr brauchen wir alle Zeit. Demzufolge umfassen angelegte sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen einen Präventions-, einen Trainings- und einen Interventionsaspekt, der in jeder Sportart ob als Profi oder Amateur und in jedem Alter von Nutzen sein können.

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

 

 

Literatur

Beckmann, J. und Elbe, A.-M. (2011): Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta Verlag

Kuchenbecker, S. Y. (2000): Raising winners: a parent´s guide to helping kids succeed on and off the playing field.

Linz, L (2014): Erfolgreiches Teamcoaching: Ein Team I Ziele definieren I Konflikte lösen. Aachen: Meyer & Meyer Verlag

 

 

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Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Peter Schneider
Peter Schneider

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Peter Schneider

Peter Schneider ist ein deutscher Sportpsychologe mit amerikanischen Wurzeln. Er studierte in den USA, Finnland und Deutschland. Im Rahmen seiner Selbstständigkeit arbeitete für Handball- und Fußballvereine in Mitteldeutschland sowie an der Universität Leipzig. Mittlerweile ist er als Sportpsychologe für den Fußball-Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena tätig.

 

Peter Schneider, dein Verein hatte im DFB-Pokal das große Los, gegen den FC Bayern München zu spielen. Für die Spieler war es sicher ein besonderes Erlebnis. Was machte das Spiel für dich als Sportpsychologe anders?

Obwohl ich aus den USA komme, habe ich selbst über 20 Jahre Fußball gespielt. Der FC Bayern war mir seit meiner Kindheit sogar in Detroit bekannt und auch wenn es mir heutzutage ein bisschen wehtut (ich bin leidenschaftlicher Club-Fan – aber das ist eine andere Geschichte!), war mein erstes Mannschaftstrikot vom FCB.  Damals war natürlich der Traum, entweder für oder gegen die Bayern auf dem Platz zu stehen!  Immerhin: Als ich anfing, Sportpsychologie zu studieren, träumte ich weiter, vielleicht eines Tages neben dem Platz oder in einer anderen Funktion den Bayern gegenüber zu stehen. Dass es so schnell in meiner Karriere in Erfüllung gegangen ist, hatte ich einfach nie gedacht.  

Die Vorbereitung auf das Spiel an sich war einerseits völlig normal und andererseits komplett neben der Realität. Stell dir vor, du bereitest die Trainer und Spieler gegen die A-Jugend von Rot-Weiß Erfurt, Hannover 96 oder den FC St. Pauli vor. Du verwendest dann oft Videos aus nicht optimalen Winkeln, musst wegen Namen und Trikotnummern nachschauen und der größte Druck am Spieltag kommt meistens von den Eltern, die ab und zu etwas von der Seitenlinie reinrufen.

So: Jetzt drei Monate vorspulen – du sitzt im Trainerbüro und schaust Supercup, BVB gegen FCB, um einige “Schwächen” in der Verteidigung von den Bayern zu finden. Du brauchst keine Trikotnummer nachschauen. Dass ein französischer Außenbahnspieler namens “Franck Ribéry” extrem gefährlich in 1:1-Situationen ist, ist dir ziemlich bekannt.  Oh, und als Letztes kommen 19.000 Zuschauer und Sky Sports, um das Ganze zu beobachten.

Für mich, mein Trainerteam und die Spieler hatten wir nur ein Ziel: “Pleasure before Pressure” (Genuss / Freude vor Druck). Wir wollten natürlich alles für eine Sensation im Ernst-Abbe-Sportfeld tun, wollten unsere Art von Fußball zu spielen bewahren und am Ende des Abends stolz auf unsere Jungs und unsere Stadt sein. Auch mit Blick auf die krasse Aufmerksamkeit und den Zirkus-Halligalli, die mit dem Spiel verbunden waren, denke ich, dass wir genau dieses Ziel getroffen haben. Ich habe jede Sekunde des Tages genossen, habe versucht, so viel wie möglich im Kopf abzuspeichern und von diesem Event zu lernen – vielleicht für das nächste Spiel gegen den FCB!

Im inneren Zirkel: Peter Schneider
Im inneren Zirkel: Peter Schneider

 

Mittlerweile, spätestens seit dem 4:0-Heimsieg gegen Union Fürstenwalde seid ihr längst wieder im Regionalliga-Alltag angekommen. Wie sieht ein ganz normaler Tag von dir als Sportpsychologe beim FC Carl Zeiss Jena aus?

Manchmal habe ich im Fußball das Gefühl, es gibt keine “normalen Tage”. Jedoch, es gibt ein paar Routinen, die ich jeden Tag bei der Arbeit absolviere. Ein großer Schwerpunkt unseres Trainerteams ist die Belastungssteuerung. Um die Beanspruchung sowie Erholung unserer Jungs zu erfassen, verwenden wir einen Online-Fragebogen: den Kurzskala-Erholung-Beanspruchung (KEB, Hitzschke et al., 2016). Der KEB wird zweimal in der Woche zum gleichen Zeitpunkt ausgefüllt und ermöglicht uns einen Blick in den momentanen Erholungs- bzw. Beanspruchungszustand der Mannschaft. Die Trainer erhalten nur einen Überblick der kompletten Mannschaft während ich als Sportpsychologe und unser Physiotherapeut individuelle Profile von jedem Spieler bekommen. Falls “Probleme” beim KEB auftauchen sollten, suche ich bzw. der Physiotherapeut ein privates Gespräch mit dem Spieler. Dieser Prozess ist umso wichtiger in der Betreuung von verletzten Spielern und denjenigen, die gerade mit der Rehabilitation fertig geworden sind.  

Am Anfang der Woche finden unsere wöchentlichen Meetings statt. In diesen Terminen werden die aktuellen Zwischenstände verschiedener Mannschaften (z.B 1. Mannschaft, U21) ausgetauscht und die Trainingspläne schnell konkretisiert. Danach wird das Spiel mit Video und allen zusätzlichen Daten analysiert und diskutiert. Ich habe während der Analyse drei Aufgaben: meine Einschätzung der Leistung zu teilen, den kompletten Termin zu protokollieren und möglichst viele Fragen zu stellen (Warum war das gut? Wie können wir es verbessern? Haben wir uns in der Wirklichkeit vorgenommen, was wir uns vornehmen wollten?).  Eines ist ganz wichtig: Absolut alles aufschreiben und das Protokoll mit einer To-Do Liste an die Teilnehmer des Termins schicken. Zusammengefasst ist es eine Aufgabe von mir, mehr Ideen und Vorschläge vom SAGEN zum MACHEN zu überführen.

Außerdem bin ich, so oft wie möglich bei den Trainingseinheiten sowie bei der Vor- und Nachbesprechung der Einheit dabei. Ich habe jederzeit mein Notizbuch und einen Stift dabei und will vor allem kontinuierlich für Spieler, Trainer und Staff ansprechbar sein.  So gut wie ich kann, versuche ich jeden Tag, die übliche Abläufe mit einem objektiven Auge zu betrachten und bei Bedarf zu verbessern.  

Die Sportpsychologie wächst in ihrer Bedeutung – im Fußball wie in anderen Sportarten. In welcher Form siehst du Veränderungen bei den jungen Spielern, was die Akzeptanz der sportpsychologischen Arbeit gegenüber betrifft?

Allgemein finde ich, dass vor allem bei jungen Spielern die Sportpsychologie bzw. Sportpsychologen keine Fremdwörter im Fußball mehr sind.  Seitdem Nachwuchsleistungszentren mit Sportpsychologen bei der Zertifizierung punkten können, sind sie überall im Einsatz. Allein durch den regelmäßigen Kontakt mit einem gut ausgebildeten und qualifizierten Sportpsychologen gewinnt die Sportpsychologie an Akzeptanz im Fußball. Je mehr von diesen jungen Spielern sich entwickeln und den Sprung in den Männerbereich schaffen, desto größer ist die Akzeptanz bei den Männermannschaften.  

Der Weg, um Akzeptanz zu gewinnen bzw. noch zu erhöhen, liegt meiner Meinung nach an drei Faktoren:

1) kontinuierliche Betreuung/Ausbildung der Spieler/Trainer im Nachwuchsbereich nach einem klaren Konzept mit wissenschaftlichen-bewiesenen Methoden,

2) dem sportpsychologischen Fokus auf das gesamten Umfeld im Verein und

3) ein Verständnis, dass Sportpsychologen in die Welt des Fußballs wollen – und nicht unbedingt umgekehrt.  

In Jena streben wir allen drei Punkten nach. Mein Vorgänger, Matthias Kleine-Möllhoff (jetzt bei Eintracht Braunschweig) habe ich zu verdanken, dass er die Basis der Sportpsychologie durch seinen positiven Eindruck schon zwei Jahre vor meinem Ankommen gelegt hat. Ich musste damals solche Fragen wie, “was ist die Sportpsychologie?” oder “was machst du denn eigentlich?” nicht mehr beantworten. Darüber hinaus bekam ich ständig Unterstützung von unserem Sportlichen Leiter, der mir geholfen hat, meine Ideen zu konzeptualisieren und über die vergangenen drei Jahren in der Praxis zu überführen. Im Männerbereich bekomme ich mittlerweile die gleiche Unterstützung vom Sportlichen Direktor.  

Jedoch ist alles für lau, wenn du als Sportpsychologe den Respekt der Trainer nicht gewinnen kannst. Es ist klar: Vertrauen ist das allerheiligste in unserem Geschäft. Für mich gewinnst du es durch eine Aktion: Marschieren. Komm früh, bleib spät – zeig was du kannst, aber nur wenn nötig. Hilf dem Trainer mit deinem Wissen weiterzukommen und Erfolg zu erleben, ohne Anerkennung zu gebrauchen. Gewinnst du den Respekt, das Vertrauen und die Akzeptanz des Trainers – gewinnst du die der Mannschaft.  

Was konkret kann die Sportpsychologie eigentlich leisten, um Spieler und Trainer zu unterstützen?

Sportpsychologen haben einen anderen Blickwinkel und eine andere Denkweise zum Fußball als Spieler und Trainer. Wir beschäftigen uns weniger damit, welche Technik oder welche Taktik erarbeitet wird, sondern mehr mit dem WIE wir Technik beibringen oder WIE wir die Taktik kommunizieren. Außerdem haben Sportpsychologen ein anderen Draht zu den Trainern und Spielern – wir können Fragen stellen, die vielleicht für anderen im Verein tabu wären. Ich scherze in meinem Verein, dass ich das “Schwarze Loch der Information” bin – alles kommt rein aber nichts geht raus! Dieses Konzept ist für einige Trainer und Spieler sehr angenehm – die können jederzeit unter vier Augen alles loswerden und nach Rat fragen, können über Ziele, Familie, Freunde oder Unzufriedenheit quatschen – und werden dafür nie beurteilt. In einem Leben, dass oft stark von der Öffentlichkeit geprägt ist, ist so ein Gefühl von einigen im Verein willkommen.

Ein anderer Punkt ist die Kommunikation. Die Kommunikation zwischen Spielern, Trainern und Staff sollte so klar sein wie möglich. Sportpsychologen kämpfen immer für Klarheit im Verein und zwischen allen, die im Verein arbeiten. Dass heißt nicht, dass jeder Konflikt vermieden werden sollte – oder das der Sportpsychologe die Probleme löst!  Sondern eher, dass klare Rollen, Aufgaben und Aussagen herrschen, anstatt Grauzonen, Unklarheiten und Missverständnisse. Die Frage stelle ich oft, “Was ist die Botschaft? Was kommunizierst du mit dieser Aussage oder Aktion?”

Schneiders Platz während des Spiels ist auf der Bank
Schneiders Platz während des Spiels ist auf der Bank

 

Beim FCC bist du als Co-Trainer angestellt. Bei einigen Bundesligisten arbeiten die Sportpsychologen oft im Verborgenen. Wie lange dauert es, bis auch auf allerhöchstem Level offen darüber gesprochen wird, dass Sportpsychologen dazu gehören wie Sportmediziner oder Physiotherapeuten?

Erstens, obwohl ich zum Trainerteam gehöre, sehe ich mich nicht als Co-Trainer beim FCC. Es gibt nur einen Co-Trainer und das ist der Martin Ullmann. Martin, Mark Zimmermann (Cheftrainer), Bernd Lindrath (Torwarttrainer) und ich sitzen zwar zusammen im Büro, aber die Rollenaufgaben jeder einzelnen Person ist uns und den Spielern klar.  Dass ich mit auf der Bank während des Spiels sitze, gehört einfach zu unserem Stil als Trainerteam – so hatten wir uns vorher weiterentwickelt und genauso wollen wir uns in der Zusammenarbeit und weiterentwickeln.  

Zweitens, das ist eine gute Frage – und auch legitim. Allerdings kann ich selbst nicht beantworten, wann alle Erstligisten zugeben, dass sie mit Sportpsychologen arbeiten – und nebenbei: das machen ja immer noch nicht alle!. Ich glaube, es hängt immer viel mit dem Trainer des Vereins zusammen ab. Hatte er sowie der Sportlicher Leiter schon gute Erfahrungen mit einem Sportpsychologen, dann holt er sich höchstwahrscheinlich einen zur Seite. Allgemein denke ich, dass allein durch die sportpsychologische Weiterbildung der Trainer von UEFA und DFB, wo viel Wert auf die Sportpsychologie gelegt wird, werden wir innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre mehr von der sportpsychologischen Arbeit in der Öffentlichkeit erfahren.  

Wie ist es eigentlich zu dem Engagement für den FC Carl Zeiss Jena gekommen?

Ich wohnte vorher in Leipzig und hatte an der SpoWi Fakultät der Universität Leipzig schon 2,5 Jahre gearbeitet. In der Zeit gewann ich Erfahrung in der Praxis bei NHV Concordia Delitzsch Männerhandball, TSG Taucha Frauenhandball sowie durch die Betreuung durch einige Einzelsportler. Dann. durch einen Kontakt bei RB Leipzig bekam ich ein Interview dort hinsichtlich eine´s Job als Sportpsychologe für das NLZ.  Den Job bekam ein anderer – aber ich lernte viel aus dem Gespräch und suchte dann andere Gespräche bei verschiedenen NLZs in der Region aus.  

Den Kontakt zum FCC bekam ich durch den schon genannten Matthias Kleine-Möllhof, der genau zu der Zeit nach Braunschweig gegangen ist. Ich bin nach Jena gefahren, habe mich mit dem sportlichen Leiter sowie dem Leiter des NLZ getroffen und fing schon im nächsten Monat an. Zu dem Zeitpunkt begann meine Zusammenarbeit mit verschiedenen Nachwuchstrainern, unter anderem dem damaligen U19 Trainer Mark Zimmermann. Nach 2,5 Jahren zusammen im Nachwuchs wurde Mark zur 1. Mannschaft hochgezogen und er fragte mich, ob ich Interesse hätte, mit bei den Männern zu arbeiten.  

Kannst du von dem Engagement in der Regionalliga eigentlich leben oder betreust du noch andere Athleten oder Freizeitsportler?

Ich betreue zur Zeit keine andere Athleten weil mir einfach die Zeit fehlt. Ich bin nicht nur mit einer Mannschaft unterwegs – sondern ich betreue auch die U21 und vier Praktikantinnen und Praktikanten von der Universität Halle, die überragende Arbeit in unserer Nachwuchsabteilung leisten. Ich bin sehr froh, dass der Verein davon überzeugt ist, nicht nur in junge Fußballer zu investieren sondern auch in junge Studenten, die ihre Fertigkeiten bei uns entwickeln dürfen. Der Verein profitiert von deren Engagement, die Studentinnen/en aus der Erfahrung und ich aus der Betreuung.

In der Regionalliga gehört ihr zur Spitzengruppe. Die Erwartungshaltung der Fans und in der Stadt ist riesig – aber letztlich würdet ihr noch nicht einmal als Staffelsieger direkt aufsteigen, da ihr erst noch Playoff-Spiele gewinnen müsstest. Wie wirkt sich eine solche Situation sportpsychologisch auf die Betreuung der Mannschaft aus? Und was könnt ihr diesbezüglich vom FC Bayern München lernen?

Spitzengruppe ist schon ein Kompliment! Wobei wir brauchen und wollen kein Label – auch wenn die erste fünf Spiele für uns gut gelaufen sind. Du hast auch Recht, die Erwartungshaltung der Fans ist natürlich groß bei einem Traditionsverein wie dem FCC – aber genauso macht es mehr Spaß!  Eine große Erwartungshaltung bedeutet gleichzeitig, dass man in Jena um etwas Größeres spielt.  Das Kribbeln im Bauch ist nur ein Zeichen, dass der Körper angespannt und fertig für die Schlacht ist – und dieses Gefühl wollen wir in jedem Spiel anerkennen und genießen.  

Wenn es dazu kommen sollte, dass wir am Ende der Saison in der Relegation spielen dürften, dann muss die Mannschaft aus der kompletten Saison Erfahrungen mitnehmen, um sich am Ende durchzusetzten. Mit anderen Worten: Die Betreuung für die Relegationsspiele findet nicht am Ende der Saison statt, sondern ist ein Prozess, der am Tag 1 anfangen hat. Die Ziele, Werte, Mentalität, die uns bis dorthin gebracht haben, müssen genauso in den Playoff-Spielen angewendet werden. Allerdings müssen wir erst dorthin kommen – und das ist weit, weit weg!

Wenn wir eine Sache vom Spiel gegen FCB mitnehmen könnten, wäre es für mich wie die Bayern mit Demut und Bescheidenheit auftreten. Solche Worte verbindet man vielleicht selten mit Profi-Fußballern aber schau das Spiel gegen uns noch einmal an.  Sogar beim Stand von 3:0 sind die Bayern nach jedem Ballverlust nach hinten marschiert und haben streng verteidigt – keiner ist so gut, dass er immer vorn stehen bleiben darf. Darüber hinaus spielen sie unkomplizierten Fußball. Dass ein Qualitätsunterschied auf dem Platz war, ist nicht zu diskutieren. Jedoch spielt jeder beim FCB mit zwei Kontakten, Mann zu Mann bis sie vor dem gegnerischen Strafraum stehen. Selbstverständlich könnten sie öfter mit einem Kontakt spielen – die Fähigkeit haben sie. Aber nur weil sie es auf Grundlage ihrer individuellen Fähigkeiten könnten, heißt es nicht, dass sie es müssen – effektiver und einfacher Fußball steht oben in der Prioritätsliste der Bayern! Die zwei Bespiele sind für mich ein Zeichen von einer Mentalität, die wir brauchen, um kontinuierlichen und langfristigen Erfolg zu haben.  

Fotos: FC Carl Zeiss Jena, Peter Poser

 

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Rio 2016 und was nun?

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Carolina Werner: „Ich hätte öfter Kontakt suchen müssen”

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Paul Kohlhoff und Carolina Werner (Foto privat)

Olympische Spiele sind für die Athleten eine hoch exklusive und absolut besondere Erfahrung. Allen voran die Premiere beim größten Sportfest der Welt hat eine spezielle Bedeutung. Nicht anders bei Paul Kohlhoff und Carolina Werner, die in Rio als jüngstes Team in der Bootsklasse Nacra 17 Mixed an den Start gingen. Für die beiden Sportler vom Kieler Yacht Club stand am Ende Platz 13 zu Buche. Welchen Wert diese Platzierung hat, wie sich Olympia anfühlt und wie die Sportpsychologie in besonderen Momenten helfen kann, erfragten die-sportpsychologen bei der 22-jährigen Carolina Werner.

Carolina Werner, was werden Sie ihren Enkeln von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erzählen?

Mal schauen, was ich in meinem Leben noch erleben werde. Aber bisher kann ich kann sagen, dass Olympia in Rio für mich ein einzigartiges Erlebnis war. Ich denke, ich werde meine Enkel ermutigen, auch für ihren Sport zu leben.

Rein sportlich spiegelt der 13. Platz nicht unbedingt das Leistungsvermögen von Paul Kohlhoff und Ihnen wider. Was hat gefehlt, um am Ende noch weiter vorn zu landen?

Am Ende: Erfahrung und Konzentration.

Olympia ist für Athleten schon allein deshalb etwas besonderes, weil jede einzelne Sportart nicht in gewohnter Umgebung sondern auf ganz, ganz großer Bühne stattfindet. Wie hat sich das mental auf Sie persönlich und auch auf das Team, inklusive Trainer und Betreuer, ausgewirkt?

Da wir segeln, sind wir recht weit weg von Zuschauern und Tribünen. Man merkt jedoch, dass viel mehr Leute den Wettkampf verfolgen. Ich habe viele Nachrichten bekommen, was mich zum einen gefreut und zum anderen auch motiviert hat.

Mit Dr. René Paasch haben Sie seit zwei Jahren einen Sportpsychologen an ihrer Seite. Er fehlte allerdings in Rio und bereitete Sie bis zur Abreise dahingehend vor, dass Sie vor Ort die bestmögliche Leistung abrufen können. Gab es Situationen, wo Sie sich René vor Ort gewünscht hätten oder reicht in solchen Momenten auch eine stabile Skype-Verbindung aus?

Die Verbindung mit René war wie gewohnt über Skype. Im Nachhinein denke ich, dass ich öfter den Kontakt hätten suchen müssen, um mit verschiedenen Ereignissen umgehen zu können. Vor Ort waren wir allerdings sehr eingespannt, so dass nur für gelegentliche Skype-Gespräche Zeit blieb.

Welche persönliche Erinnerung haben Sie sich aus Rio mitgenommen und welche Bedeutung wird das olympische Erlebnis für Ihren weiteren sportlichen Werdegang haben?

Dieses olympische Erlebnis motiviert mich extrem, vier Jahre lang weiter zu arbeiten, um so etwas noch einmal erleben zu können. Es war ein unglaubliches Gefühl des Zusammenhalts im Dorf und es war toll, so viele Sportler kennenlernen zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, mit allen die gleiche Sprache zu sprechen. Denn uns alle vereint der Sport.

 

 

Foto: privat

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Sebastian Reinold: Der Reiz der Gefahr

Der Unfalltod der beiden Basejumper Uli Emanuele und Alexander Polli schockt die Extremsportszene. Mitte August sind die beiden Stars, die weltweit für ihre waghalsigen Sprünge in einem so genanten Wingsuit bekannt waren, in zwei unabhängig voneinander geschehenen Unfällen tödlich verunglückt. Trotz dieser tragischen Ereignisse wird das vor Augen geführte Gefahrenpotenzial nicht an Reiz verlieren. 

Zum Thema: Wieso sind Risikosportarten für manche so attraktiv?

Es gibt diejenigen Sportarten, bei denen das Risiko besteht, sich bei ihrer Ausübung zu verletzen. Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Rugby, bei denen ein direkter Kontakt zum Gegner besteht, sind dafür klassische Beispiele. Es gibt aber auch diejenigen Sportarten, bei denen der besondere Reiz darin liegt, dass gerade jederzeit etwas passieren könnte, wenn der Athlet die Aufgabe nicht korrekt meistert, wie zum Beispiel Klettern, Rennsport, Skifahren oder Gleitschirmfliegen. Dazu zählt auch das Basejumping. Natürlich versuchen die Aktiven in diesen Sportarten durch das Tragen von geeigneten Schutzausrüstungen das Risiko einer Verletzung zu vermeiden, doch die Gefahr schwingt immer mit.

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Weitere Informationen

Ein Ansatz zur Erklärung, wieso sich Personen freiwillig solchen Gefahren aussetzen, ist das Phänomen Sensation Seeking. Sensation Seeking wird als das Bedürfnis nach unterschiedlichen, neuartigen und Komplexen Sinneseindrücken definiert. Zum Erleben dieser Sinneseindrücke werden auch körperliche und soziale Risiken in Kauf genommen. Es handelt sich um ein zeitlich-stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das seinen Ursprung in der Biologie des jeweiligen Menschen hat. Personen mit diesem Merkmal haben auf Nervenebene ein geringes Erregungsniveau. Sie versuchen, dies zu erhöhen, indem sie sich reizvollen Situationen aussetzen, um damit einen Wohlfühleffekt hervorzurufen. Bei hoher Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Sensation Seeking setzt sich dieses häufig gegen die Vernunft durch – das Verhalten wird maßgeblich durch die Suche nach entsprechend reizvollen Situationen gesteuert.

Was für den Einzelnen als reizvoll gesehen wird, ist dabei ganz unterschiedlich. Eine Gruppe von Personen sorgt in ihrem Leben zum Beispiel durch Verreisen (experience seeking) für Abwechslung, für andere wiederum stellen soziale Situationen wie etwa exzessive Partybesuche einen Reiz dar (disinhibition seeking) und weitere Personen üben körperlich riskante Aktivitäten aus (thrill and adventure seeking). Eine weitere Komponente ist die Anfälligkeit für Langeweile. Routinehandlungen während der Arbeit oder in sozialen Situationen sind Menschen mit dieser Persönlichkeitseigenschaft ein Graus.

Rationale Erfahrung vs. Risikobedürfnis

Inwiefern Sie, Familienmitglieder oder Freunde von dem Phänomen „betroffen“ sind, lässt sich über die Sensation Seeking Skala (SSS-IV; Zuckermann, 1971) bestimmen. Gern können Sie dazu zu mir Kontakt aufnehmen. Hinweis: Grundlegend lässt sich urteilen, dass das Phänomen in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist und sich nicht singulär zum Beispiel an Altersgruppen festmachen lässt. Das Phänomen findet sich auch in ganz unterschiedlichen Sportarten wieder, wie der Beitrag von Prof. Dr. Oliver Stoll zeigt:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Bei gefährlichem Sensation Seeking Verhalten im Privatleben, wie zum Beispiel als chronischer Raser auf der Autobahn, kann eine Verhaltenstherapie helfen, die der Person beibringt, den Impuls nach dem Kick zu unterdrücken. Im Leistungssport wird es wiederum etwas schwieriger, denn das Risikoverhalten ist häufig systemimmanent. Wer sich also nicht entsprechend verhält, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Deswegen ist eine entsprechende Verhaltenstherapie in solchen Fällen eher etwas für die Zeit nach der sportlichen Karriere.

 

Literatur:

Roth, M. & Hammelstein, P. (2003). Sensation Seeking – Konzeption, Diagnostik und Anwendung. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

Zuckerman, M. (1971). Dimensions of Sensation Seeking. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 36, 45-52.

 

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Thorsten Loch: Was alle (!) von Usain Bolt lernen können

Triple-Triple. Zum dritten Mal in Folge gewann Usain Bolt alle drei olympischen Goldmedaillen auf den Sprintstrecken 100 und 200 Meter sowie mit der 4×100 Meter-Staffel. Dass dieser Athleten über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, steht nicht erst seit den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro außer Frage. Spannend aus sportpsychologischer Sicht ist jedoch, mit welcher Selbstverständlichkeit er seine Gold-Missionen angeht. Es hat den Anschein, dass der Superstar der Leichtathletik es nicht nur als seine Pflicht ansieht zu gewinnen, sondern auch, dass die Zuschauer auf ihre Kosten kommen. Seine Show hat aber womöglich auch einen ganz bestimmten Zweck.   

Zum Thema: Aktivierung und Leistung

Für Höchstleistung im Wettkampf ist die richtige Wettkampfspannung eine wichtige Voraussetzung. Daher ist im Sport neben dem Entspannen auch die systematische Anspannung oder Aktivierung bzw. der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung eine wichtige Fertigkeit. Im Vordergrund sollte jedoch nicht ausschließlich die körperliche Aktivierung stehen (Beckmann/Elbe, 2008). Dass die kognitive Bewertung einen enormen Stellenwert im Leistungssport einnimmt und ggf. über Sieg oder Niederlage entscheiden kann, musste der deutsche Sprinter Julian Reus am eigenen Leib erfahren. Mit dem Wissen um den neuen deutschen Rekord über diese Strecke, kam er jedoch nur nach enttäuschenden 10,34 Sekunden ins Ziel und schied damit bereits in der Vorrunde aus.

„Die Zeit war nicht gut. Ich kann nicht sagen, was ich falsch gemacht habe.“ Julian Reus

Umso beeindruckender die Leistung des Sprinters aus der Karibik. Der Umgang mit Störungen (siehe dazu auch Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen) oder Dingen abseits der eigentlichen Handlung (Laufen) scheinen ihn nicht in seiner Konzentration negativ zu beeinflussen, sondern eher zu beflügeln. Doch warum ist dies so? Eine mögliche Antwort darauf liefert Hain (2000).

Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen

Zone des individuell optimalen Funktionierens (IZOF)

Hain entwickelte ein Modell, nachdem jeder Sportler ein für sich optimales Aktivierungsniveau besitzt. Dass sich ein erhöhtes Aktivierungsniveau nicht zwangsläufig negativ auf die Leistungen auswirkt – wie nach dem Modell von Yerkes und Dodson (1908; vertiefend dazu siehe Stoll/Alfermann) – konnte Hain/Raglin (2000) belegen. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass erfolgreiche Athleten vor dem Wettkampf ein Aktivierungsniveau angeben hatten, die näher an der IZOF (Individuelle Zone des optimalen Funktionierens) lagen als weniger erfolgreiche Athleten. Entscheidend ist vielmehr die kognitive Komponente, sprich die gedankliche Bewertung der Situation. An diesem Punkt ist der Übergang zur positiven Selbstgesprächsregulation fließend. Wahrgenommene körperliche Erregung unmittelbar vor dem Wettkampf kann als Nervosität gedeutet werden und erhält somit eine negative, verunsichernde Bewertung.

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Anstelle von Verunsicherung kann die körperliche Erregung jedoch als Anzeichen für Bereitschaft gedeutet werden – Puni (1961) nennt dies in diesem Zusammenhang „kampfbereit“. Die Komponente der körperlichen Erregung wird in diesem Zusammenhang als Notwendigkeit für eine maximale Leistung angesehen. Die Kunst ist es, sein eigenes optimales Niveau zu finden. Trainer und Sportpsychologen können dabei helfen, dieses zu ermitteln und mit entsprechenden sportpsychologischen Trainingsverfahren in die richtigen Bahnen zu lenken. Bolt scheint seine IZOF bestens zu kennen und nutzt bewusst die Aufmerksamkeit der Zuschauer und deren Reaktionen auf sein Verhalten unmittelbar vor dem Start. Zeitgleich hat es den – aus seiner Sicht – positiven Effekt, dass sich möglicherweise seine Kontrahenten aus dem Konzept bringen lassen und ihre Zone verlassen. Wir können gespannt sein, wie es mit dieser außergewöhnlichen Karriere weitergeht – schließlich feierte der Jamaikaner am Abschlusstag der Spiele seinen 30 Geburtstag.

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Jürgen Walter: Per Freiwurf zum Erfolg

Beim olympischen Basketball-Turnier der Männer geht es spannender zu als gedacht. Die USA haben zwar alle Vorrundenspiele gewonnen und starteten siegreich in die KO-Phase, allerdings fielen die Resultate wiederholt relativ knapp aus. Gut möglich also, dass in weiteren engen Duellen auf dem Weg zum Olympiasieg auch die ganz einfachen Punkte – also die von der Freiwurflinie – eine entscheidende Rolle spielen. Nur, wie lässt sich das Verwerten von Freiwürfen trainieren?

Zum Thema: Wie jeder Basketballer an der Freiwurflinie zum Star werden kann

Der Mensch ist keine Maschine, aber er kann seine „mentale Stärke“ ständig verbessern. Dabei bedeutet „mentale Stärke“: Ein Athlet kann das, was er im Training schafft auch abrufen, wenn es darauf ankommt. Natürlich kommt beim Freiwurf in einem Basketballspiel hinzu, dass der Spieler körperlich an der Grenze ist, vielleicht sogar an der Wurfhand gefoult wurde.

Aber: was läuft in diesem Moment im Kopf des Spielers ab? Denkt er positiv oder negativ? Schon ein altes Sprichwort sagt aus: „Gedanken versetzen Berge“! Hat der Spieler die Überzeugung, diesen Freiwurf (und die nächsten) zu verwandeln? Hat er das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit dazu? Athleten machen oft den Fehler, an das zu denken, was nicht passieren soll. Der Mensch kann aber „nicht“ nicht abbilden. Beispiel: Versucht mal nicht an den roten Elefanten zu denken, es wird nicht funktionieren!

Positiv Denken kann man lernen

Statt an das zu denken, was nicht passieren soll, sollte ich den Fokus auf das richten, was als nächstes ansteht: der Freiwurf. Idealerweise lerne ich auszublenden, wie es steht. Ich „beschummele“ mich sozusagen selber (beschrieben im Buch von Brad Gilbert). Also es steht immer 0-0 und ich mach den Freiwurf rein, wie im Training! Bei der Überprüfung meiner Gedanken helfen zusätzlich folgende Überlegungen:

  1. Sind meine Gedanken realistisch oder beschäftige ich mich mit Vermutungen oder Befürchtungen?
  2. Helfen mir meine Gedanken, mein Ziel zu erreichen, also das Spiel positiv zu Ende zu bringen?

Stelle ich als Spieler fest, dass mir meine Gedanken eher schaden als nützen (z.B. „Bloß nicht versagen!“), kann der Spieler den „Gedankenstopp“ verwenden, ich erkläre meinen Gedanken quasi, dass sie stören und zur Seite gehen sollen und beschäftigte mich wieder mit meinen Stärken. Der mental starke Spieler freut sich auf die Entscheidung, glaubt an seinen Fähigkeiten und verwandelt den Freiwurf – „wie im Training“.

Fehler abhaken

Stellt sich der Erfolg nicht ein, hakt der mental starke Spieler diesen Misserfolg sofort ab. Dazu sagt der Kölner: „Was fott is, is fott“. Er beschäftigt sich nicht mit Fehlschlägen, sondern denkt an die 3 A´s: Akzeptieren, Analysieren, Abhaken!

 

Literatur

Eberspächer, Hans (2008). Gut sein, wenn´s drauf ankommt – Erfolg durch mentales Training. München, Deutschland: Carl Hanser

Gilbert, Brad; Jamison, Steve (1997). Winning ugly – Wie man bessere Gegner schlägt. Lüneburg, Deutschland: Zu Klampen

Railo, Willi (1986). Besser sein wenn´s zählt – Wege zum Erfolg in Sport und Beruf. Tübingen, Deutschland: Pagina

Walter, Jürgen (2016). 65-min. DVD zur Praxis der Sportpsychologie „Alles geschieht im Kopf“  www.walter-sportpsychologie.de

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Dr. René Paasch: Chancenlos im DFB-Pokal?

Erinnern Sie sich an die erste Pokalrunde des Vorjahres? Damals beförderte der Regionalligist FC Carl Zeiss Jena den Bundesligisten Hamburger SV aus dem Wettbewerb. Die Thüringer haben in der Saison 2016/2017 nun das noch größere Los gezogen: Den FC Bayern München. Viel schöner lässt sich die für den Pokal typische David-gegen-Goliath-Konstellation nicht konstruieren. Zumal der Viertligist die Sache ernst nimmt und tatsächlich nicht vollkommen chancenlos ist. Bedeutung kommt hierbei dem Pokalerfolg aus dem Vorjahr zu.  

Zum Thema: Die Rolle der Selbstwirksamkeit in sportlich herausfordernden Situationen

Halten wir kurz fest: Große Chancen hat der FC Carl Zeiss Jena gegen den FC Bayern München nicht, in die zweite Pokalrunde einzuziehen. Dies liegt auf der Hand. Allerdings gibt es nach dem Trainerwechsel in München sowie dem späten Hinzustoßen zahlreicher EM-Teilnehmer keinen besseren Zeitpunkt, den Bayern ein Bein zu stellen. Wichtigste Aufgabe für den David ist aber ohnehin, den Fokus auf die eigenen Stärken zu richten. Hier spielen die vier und allesamt zu null gewonnen Regionalliga-Spiele des FC Carl Zeiss Jena sowie der Pokaltriumph gegen den Hamburger SV aus dem Vorjahr eine Rolle. Gegen die Norddeutschen war Jena über 120 Minuten die bessere Mannschaft und gewann in der Verlängerung vollkommen verdient. Hier liegt die Basis für ein selbstbewusstes Auftreten auch gegen den FC Bayern München. In der Fokus rückt dabei der Fachbegriff “Selbstwirksamkeit”.

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Weitere Informationen

Selbstwirksamkeit

Die Selbstwirksamkeit ist für die sportliche Leistungsfähigkeit auf Wettkampfniveau gut nachgewiesen worden (Feltz & Chase, 1998; Moritz et al., 2000; Short et al., 2005;). Dies gilt gleichermaßen auch für Mannschaftssportarten „Collective Efficacy“ (Bandura, 1986). Unter gemeinsamer Selbstwirksamkeit wird die mannschaftliche Überzeugung eines Teams verstanden, eine anstehende Aufgabe aufgrund eigener Fähigkeiten und Erfahrungen gemeinsam bewältigen zu können. Sie ist im Sport die zentrale Größe, die dazu beiträgt, dass Trainer und Athleten ihre Leistung zum geforderten Zeitpunkt abrufen können. Das Konzept der „Selbstwirksamkeit“ stammt aus der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura (1977, 1982, 1986). Sie bedeutet, dass jemand die Überzeugung besitzt, dass seine eigenen Fähigkeiten ausreichen, um eine Handlung zielgerichtet und erfolgreich durchführen zu können. Weitere Publikation zum Thema Selbstwirksamkeit (Bandura, 1977) folgten dann in den verschiedensten Bereichen, zum Beispiel:

  • Behandlung von Phobien (Bandura, 1977, 1983)
  • Behandlung von Depressionen (Davis & Yates, 1982)
  • soziale Fertigkeiten (Moe & Zeiss, 1982)
  • Raucherentwöhnung (Garcia et al., 1990)
  • Schmerzkontrolle (Manning & Wright, 1983)
  • Gesundheit (O´Leary, 1985)
  • Schule und Studium (Schunk, 1985, 1989, Zimmerman, 2000; Pajares, 1996, 2002)
  • Sport (Barling & Abel, 1983; Lee, 1982; Eberspächer, 2007, 2008; Eberspächer & Immenroth, 1998; Hermann, 2006; Short et. al., 2005).

Aus den zahlreichen Studien lässt sich festhalten, dass das Konzept der Selbstwirksamkeit der beste Indikator für die kontinuierliche Leistung ist. Erst eine über Jahre hinweg aufgebaute Selbstwirksamkeit lassen den Trainer und Sportler Souveränität ausstrahlen. Aber auch kurzfristiger funktioniert dieses Konstrukt: Hier reden wir von einer situativen Selbstwirksamkeit, die zu bestimmten Anlässen oder Umständen – wie dem anstehenden DFB-Pokalspiel – zum Tragen kommt.

Einfacher aber effektiver Test

Wie gut es um die Selbstwirksamkeit im Team vor einem bestimmten Event bestellt ist, lässt sich sogar ziemlich verlässlich messen. Für meine Dissertation hatte ich einen Fragebogen von Schwarzer und Jerusalem modifiziert, der im Trainer-Athleten-Gespräch angewendet werden kann. Die Umsetzung dauert jeweils nur wenige Minuten. Sie brauchen dazu nur den Fragenkatalog und einen Notizzettel – oder auch den Taschenrechner ihres Mobiltelefons. Sie lesen die Aussprüche vor und notieren jeweils den Wert (siehe unten), der sich mit der Antwortoption verbindet. (Anmerkung aus wissenschaftlicher Sicht: Der Fragebogen ist nur teilvalidiert.)

Fragebogen: Selbstwirksamkeit in Fußballmannschaften modifiziert nach Schwarzer & Jerusalem (1999).

  1. Da wir dieselben sportlichen Absichten verfolgen, können wir Fußballer auch mit „schwierigen“ Gegnern (im Beispiel: FC Bayern München) klarkommen.
  2. Ich glaube an das starke Potential in unserer Mannschaft, mit dem wir auch unter widrigen Umständen und starken Gegner gewinnen können.
  3. Ich bin davon überzeugt, dass wir als Mannschaft gemeinsam für fußballerische Qualität sorgen können, auch wenn die Ressourcen im Laufe eines Spiels geringer werden sollten.
  4. Ich bin sicher, dass wir als Mannschaft weitere Fortschritte erzielen können, denn wir ziehen gemeinsam an einem Strang und lassen uns nicht von den äußeren Gegebenheiten aus dem Konzept bringen.
  5. Unser Team kann sich kreative Lösungen ausdenken, um die Qualität auf und neben dem Platz effektiv zu verändern, auch wenn die äußeren Bedingungen dafür nicht günstig sind.
  6. Wir werden ganz gewiss sportlich wertvolle Arbeit leisten können, weil wir eine kompetente Mannschaft sind und an schwierigen Aufgaben wachsen können.
  7. Auch aus Fehlern und Rückschlägen können als Mannschaft viel lernen, solange wir auf unsere gemeinsame Handlungskompetenz vertrauen.
  8. Trotz der Erfolgszwänge können wir die Entwicklung unserer Mannschaft weiterhin verbessern, weil wir ein gut eingespieltes und leistungsfähiges Team sind.
  9. Ich habe Vertrauen, dass wir im Wettbewerb (im Beispiel: DFB-Pokal) es gemeinsam schaffen können, sportliche und taktische Vorgaben in die Tat umzusetzen, auch wenn Schwierigkeiten auftreten.
  10. Es gelingt uns, auch „schwierige“ Gegner  (im Beispiel: FC Bayern München) von unserem sportlichen Können zu überzeugen, weil wir als einheitliche Mannschaft auftreten.

(1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher, (4) stimmt genau.

Bitte jeweils nur eine Antwortmöglichkeit nutzen und anschließend addieren Sie Ihre Werte zu diesen 10 Items:

a)      untere 25 %     10-26

Überzeugung ist sehr niedrig, es besteht dringender Handlungsbedarf, um langfristig Veränderungen bei dem befragten Spieler zu erzielen

b)      mittlere 50%    24-33

Da geht mehr. Schließlich sollen Ihre Spieler selbst unter widrigen Bedigungen Bestleistungen bringen können, egal gegen welchen Gegner, in welchem Stadion oder bei welchem Wetter.

c)      obere 25%    34-40

Hier geht es um die Details. Schauen Sie genau, was Spieler mit solchen überzeugenden Werten ausmacht und wie die Mannschaft davon profitieren kann.

Zum Fragebogen: Es handelt sich um eine eindimensionale Skala von 10 Items. Die Items, die alle gleichsinnig gepolt sind, werden vierstufig beantwortet : (1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher, (4) stimmt genau (Beispielitem: „Da wir dieselben sportlichen Absichten verfolgen, können wir Fußballer auch mit „schwierigen“ Gegner wie dem FC Bayer München klarkommen“). Jedes Item bringt eine internal-stabile Attribution der Erfolgserwartung „Selbstwirksamkeit“ zum Ausdruck. Der Testwert ergibt sich durch das Aufsummieren aller zehn Antworten, so dass ein Score zwischen 10 und 40 resultieren muss.

Bitte geben Sie mir Rückmeldung über Ihre Erfahrungen oder eventuelle Fragen zu dem Fragebogen an. Vielen Dank: E-Mail: info@renepaasch.de

Praktische Tipps für den Trainingsalltag

Folgende Tipps können Sie als Trainer oder Spieler einfach anwenden, um das Thema Selbstwirksamkeit in den Trainingsalltag zu integrieren:

  •         Erinnern Sie sich an frühere Situationen, in denen Sie sich selbstwirksam gefühlt haben
  •         Beenden Sie Ihr Trainingstag mit einer positiven Selbstwirksamkeitsanalyse!
  •         Machen Sie sich klar, dass solche Situationen wirklich positiv waren!
  •         Reden Sie mit Ihren Teammitgliedern und Trainerstab über Selbstwirksamkeitserfahrungen (geteilte Freude ist doppelte Freude!)
  •         Versuchen Sie gemeinsame positive Ereignisse möglichst mit allen Sinnen nach zu erleben!
  •         Würdigen Sie gemeinsam, dass diese Situationen wichtig und bedeutsam waren!
  •         Wählen Sie täglich ein bis zwei mittelschwere Ziele, so dass Sie sich abends über deren Erreichen freuen können!

Zusammenfassung

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die individuelle und kollektive Selbstwirksamkeit trainierbar ist. Für unser Beispiel heißt das, dass der FC Carl Zeiss Jena – setzen wir einmal ein gesteigerten Selbstvertrauen voraus, wofür sicher auch unser Sportpsychologen-Kollegen Peter Schneider (seit Saisonbeginn Sportpsychologe beim FCC) – dem FC Bayern München ein Bein stellen könnte. Die gemeinsame Überzeugung gründet dabei auf dem Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft und eines langfristig angelegten Teamzusammenführung. Im Alltag lässt sich gezielt an der Team- und Sportler-Kompetenzüberzeugung arbeiten – das Prognosetraining stellt dabei eine der Möglichkeiten dar. In der Entwicklung und Festigung individueller und kollektiver Kompetenzen können Sportpsychologen in Verbindung mit dem Trainer, dem Funktionsteam und den Verantwortlichen effektiv unterstützen.

Ich lade Sie ein, noch tiefer in das spannende Thema Selbstwirksamkeit einzutauchen und verweise auf meinen Leitartikel:

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

 

Literatur

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1980). Gauging the Relationship Between Self-Efficacy and Action. Cognitive

Therapie and Research, 4(2), 263-268.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Bargh, John A.; Chen, Mark; Burrows, Lara (1996): Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and steriotype acitvation on action. In: Journal of Personality and Social Psychology, 71, S. 230-244.

Feltz D. L. & Chase M. A. (1998). The measurement of self-efficacy and confidence in Sport. In: J. L. Duda (Ed.): Advances in Sport and Exercise Psychology Measurement. (65-80) Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

Hermann, H.-D., Mayer, J. (2014): Make them go! War wir vom Coaching für Spitzensportler lernen können. Murmann Verlag; Auflage: 2

Moritz D. E., Feltz D. L., Fahrbach K. R., Mack D. E. (2000). The relation of self-efficacy measures to sport performance: A meta-analytic review. Research Quarterly for Exercise and Sport 71, 280-294.

Short, S. E., Tenute, A. & Feltz, D. L. (2005). Imagery use in sport: Mediational effects for efficacy. Journal of Sport Sciences, 23(9), 951-960.

Internet:

http://userpage.fu-berlin.de/~gesund/skalen/Kollektive_Selbstwirksamkeit/kollektive_selbstwirksamkeit.htm

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