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Prof. Dr. Oliver Stoll: Was wir kosten?

Um die Honorare, die Sportpsychologinnen und Sportpsychologen erheben, ranken sich mindestens genauso viele Mythen und Spekulationen, wie um die Art und Weise, wie unsere Berufsgruppe arbeitet. Nein, wir legen niemanden „auf die Couch“ und analysieren frei Assoziationen oder Träume und ebenfalls „Nein“ – wir werden in der Regel nicht Millionäre, sondern ordnen uns, was den „Verdienst“ betrifft, im eher unteren Bereich ein – im Vergleich zu Berufsgruppen, die einen akademischen Abschluss benötigen, um professionell aktiv zu werden.

Zum Thema: Die finanziellen Grundlagen der sportpsychologischen Betreuung

Wir müssen zweierlei unterscheiden. Zum einen, ob ein Sportpsychologe komplett selbstständig arbeitet, oder wie z.B. ich – im Hauptberuf an einer Universität tätig bin und quasi im Nebenberuf sportpsychlogische Betreuung anbiete – oder ob aber, ob sich ein Sportpsychologe völlig selbstständig bei Sportspitzenverbänden auf Honorarbasis durch öffentlich-rechtlich geförderte Institutionen arbeitet oder aber ob er sich komplett im „freien (und somit nicht regulierten) Markt“ bewegt.

Kolleginnen und Kollegen, die sich ausschließlich im freien Markt bewegen und ihr Einkommen nur über sportpsychologische Arbeit generieren, kenne ich zumindest hier in Deutschland nur sehr wenige. Die meisten selbstständigen Sportpsychologen bieten neben ihrer sportpsychologischen Beratungstätigkeit auch Coachingdienste im Bereich der Unternehmens- und Personalentwicklung an. Kommen wir aber zur zentralen Frage: Was verdienen wir?

Die Gebührenordnung

Seit dem Jahr 2002 existiert eine Gebührenordnung für sportpsychologische Leistungen, die im Jahr 2012 überarbeitet wurde. Diese ist hier zu finden:

https://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Kontaktportal/Kosten/Gebuehrenordnung/GOSP2012.html

Hier existieren zwei Versionen. Zum einen eine Gebührenordnung, die verbindlich für die Arbeit der im DOSB organisierten Sportspitzenverbände ist und die somit auch die Grundlage für die Finanzierung durch öffentlich-rechtlich geförderte Betreuungsprojekte darstellt. Und zum zweiten eine weitere Gebührenordnung, die als Empfehlung für die Arbeit im „freien Markt“ gilt. Ich breche es einmal auf die relevanten Zahlen herunter: 75 Euro pro Stunde, 450 Euro am Tag (nach dem dritten Betreuungstag in Folge nur noch 150 Euro pro Tag, 250 Euro pro Fortbildungsveranstaltung (also Vorträge etc.). Dies sieht zumindest die verbindliche Ordnung im „öffentlich-rechtlich“ regulierten Raum vor. Etwas mehr und detaillierter aufgeschlüsselt sind die Empfehlungen für den „freien Markt“. Wie schon gesagt – es handelt sich hierbei um Empfehlungen. Im freien Markt kann genommen werden, was bezahlt wird.

Zwischen Hobby, olympischen Träumen und einem Wachstumsmarkt

Natürlich sei die Frage erlaubt, warum man in einer Marktwirtschaft überhaupt eine solche Gebührenordnung braucht? Ich kann mich noch gut an meine „ersten Schritte“ im Bereich der sportpsychologischen Betreuung vor gut 30 Jahren erinnern. Es gab in Deutschland noch gar keinen Markt für unseren Berufszweig. Die wenigen Kollegen, die in der Praxis arbeiteten, konnte man an einer Hand abzählen. Zumeist waren das ohnehin Universitätsangestellte oder Professoren, die damit ein wenig ihrem „Hobby“ nachgingen, nämlich die Überführung von (angewandter) Forschung in die Praxis. Ich habe damals angefangen, in der Praxis „zu experimentieren“, also mich auszuprobieren. Völlig autodidaktisch und lediglich mit eher seltenen Intervisions-Möglichkeiten. Ich habe damals weitestgehend im Ehrenamt agiert. Ob ich damals einen guten Job gemacht habe oder nicht, können nur meine Klienten beantworten. Aber ich habe natürlich auch damals „gearbeitet“ – eine Dienstleistung angeboten und durchgeführt. Aus heutiger Sicht wäre ein solches Vorgehen fatal. Eine universitäre Ausbildung zum Sportpsychologen ist kostenintensiv und natürlich auch qualitätsgesichert. Gleiches gilt für die berufliche Fortbildung. Eine hochwertige Ausbildung erfordert eine angemessene Bezahlung und dies muss sowohl dem Klienten, als auch den Kostenträgern bewusst sein. Als Orientierungsmaß gilt dann eben eine solche Gebührenordnung. Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, da ist man als akkreditierter Teil der Mannschaft zu Olympischen Spielen als Sportpsychologe mitgefahren – und man hat für „Ruhm und Ehre“ gearbeitet. Na klar – Teilnehmer bei den Olympischen Spielen zu sein, ist natürlich etwas ganz Besonderes. Aber auch dort wird gearbeitet – und zwar hart. Auch aus diesem Grund gibt es also diese Gebührenordnung.

Ich für meinen Teil danke jedenfalls den Kollegen Jürgen Beckmann und Michael Kellmann sowie Gaby Neumann für die Entwicklung dieser Ordnung und der ASP sowie dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft, dass sie in ihren Verhandlungen mit dem DOSB diese Gebührenordnung für ihre Kooperation für verbindlich erklärt haben. Was den „freien Markt“ betrifft, so bin ich gespannt, was sich hier noch entwickeln wird.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wer ist ohne Handicap?

Alex Zanardi gewann an den Paralympics in Rio Gold im Handbike-Zeitfahren und wiederholte damit seinen Triumph von London 2012. Der lebensfrohe Italiener gilt als schillerndes Beispiel all jener „role models“, die in Rio an den Start gehen. Seine Geschichte ist bewegend und einzigartig: vor genau 15 Jahren verlor der ehemalige Formel-1-Pilot bei einem tragischen Crash in der Champ-Car-Serie beide Beine. Sieben Mal wurde er wiederbelebt, acht Notoperationen musste er über sich ergehen lassen. Gestern meinte er im Interview: „Der 15.9.2001 war ein Glückstag – ich habe überlebt und das Ereignis führte mich auf einen neuen, glücklichen Weg.“ Zanardis Beispiel legt den Schluss nahe, dass die erfolgreiche Überwindung eines Schicksalschlags Energie freilegt, die auch paralympische Karrieren befeuern. Wie ist diese Ausgangslage aus sportpsychologischer Sicht zu deuten und welche Konsequenzen lassen sich für die Betreuung von Paralympics-Athleten allenfalls ableiten? Kann sich die angewandte Sportpsychologie auch an spezifischen wissenschaftlichen Befunden orientieren?

Zum Thema: Der Behindertenspitzensport und die Sportpsychologie

Um sich diesem Thema zu nähern, lohnt ein Blick in die jüngste Vergangenheit der paralympischer Bewegung und ihrer Entwicklung. Singer (2009) beschreibt in seinem Infobrief zu Händen des Deutschen Bundestags eine markante Entwicklung, die sich insbesondere auch in einer erhöhten medialen Beachtung der Paralympics manifestiert. „Der Hochleistungssport von Athleten mit Behinderungen hat in den letzten Jahren zunehmend grössere Aufmerksamkeit erfahren. Die Professionalisierung schreitet auch im Behindertenspitzensport erkennbar voran und hat in den letzten Jahren zu einer Leistungsexplosion geführt. Gleichzeitig hat sich das Spektrum der Disziplinen bei den paralympischen Spielen und anderen Wettkämpfen ausgeweitet. Darüber hinaus wird auch der paralympische Sport – als Teil des sportlichen Wettbewerbs zwischen den Nationen – immer deutlicher in den Dienst der nationalen Repräsentation gestellt.“ Der Schluss liegt nahe, dass sich der Spitzensport mit Handicap, gemessen an den Anforderungen auf Olympischen Niveau, immer stärker dem Spitzensport der Non-Handicap-Elite annähert. Andererseits führt die zunehmende Professionalisierung auch zu kontroversen Diskussionen, wie der mehrfache Schweizer Paralympics Medaillengewinner Lukas Christen (2016) zu bedenken gibt. „Wo hört der Mensch auf – und wo fängt die Maschine an?“ Er nennt das Beispiel des Weitspringers, der mit einem Carbon-Fuss weiter springt als einer mit zwei gewöhnlichen Beinen. Entstehen dadurch vergleichbare oder unterschiedliche Betreuungsbedürfnisse auch hinsichtlich sportpsychologischer Unterstützung?

Keim & Weidig (2011) verzeichneten in ihrer Bestandsaufnahme sportpsychologischer Beratung und Betreuung paralympischer Sportler und Trainer einen interessanten Befund. „Das starke Interesse von paralympischen Sportlern und Bundestrainern, psychomotorisches Training systematisch und nachhaltig in den Trainings- und Wettkampfprozess zu integrieren, und die ihm beigemessene Bedeutung für die Leistungsentwicklung spiegeln den grossen Bedarf an sportpsychologischen Angeboten wieder“. Diese Aussage dürfte mehrheitlich auch auf die in der Schweiz herrschende Bedürfnislage zutreffen. Einigermassen unergiebig präsentiert sich die Informationsbasis zu konkreten, im Spitzensport mit Handicap verbreiteten Interventionsformen und Trainingsprogrammen. Aus den Werkstattberichten Deutscher Kolleginnen und Kollegen im Skisport (Engbert et al., 2011), Reiten (Staufenbiel & Bussmann, 2015) und Schwimmen (Brand et al., 2015) lassen sich bedeutsame Themenfelder skizzieren und ein paar Leitideen für die angewandte Betreuungsarbeit ableiten.

Leitideen für die angewandte Betreuungsarbeit

Grundsätzlich sind die gleichen Themen wie z. B. Psychoregulations- und Konzentrationstraining genauso wichtig wie in der Betreuung nicht behinderter Sportler;

In der Betreuungsarbeit stehen achtsamkeitsbasierte personenzentrierte Techniken in Verbindung mit Formen des Embodiments vermehrt im Vordergrund;

Die grössere Heterogenität der Disziplinen und Trainingsgruppen im Behindertenleistungssport macht eine eine insgesamt stärkere Individualisierung der sportpsychologischen Betreuungsinhalte notwendig;

Der Bedarf an Einzelgesprächen für individuelle Anliegen erscheint erhöht und ist häufig mit einem höheren zeitlichen Aufwand verbunden;

Der Sportpsychologe muss vermehrt Zeit einplanen, um sich mit den Besonderheiten des Behindertensports und der Trainingsabläufe vertraut zu machen, um nötige Einblicke in den üblichen Trainingsablauf zu bekommen;

Ein effektives Umfeldmanagement soll dazu dienen, um Überforderungs- und Insuffizienzgefühlen vorzubeugen bzw. den Umgang damit zu erleichtern.

Athleten mit Handicap trainieren sehr häufig in sehr heterogenen Gruppen zusammen. Teamdynamische Prozesse beeinflussen dabei massgeblich die Trainingsqualität. Hier können Team bildende Maßnahmen helfen, eine positive Gruppendynamik zu fördern sowie eine leistungsfördernde Teamkultur zu entwickeln.

Darüber hinaus sollte mit den Trainern – wie im übrigen Leistungssport auch – an der Förderung von Kommunikation (z. B. der Optimierung von Feedback und Führungsverhalten) gearbeitet werden.

Was die oben erwähnten Werkstattberichte nicht erwähnen, in der Arbeit mit dem einzelnen Paralympic Athleten aber erfahrbar wird und sich letztlich auch am Beispiel von Handbike-Champion Zanardi manifestiert: Jeder dieser Athleten verkörpert ein persönliches Schicksal – häufig in Verbindung mit einem tragischen Unfallereignis, welches es zuallererst und meist mit psychologischer Unterstützung damals zu überwinden galt. Die dafür notwendigen individuellen Ressourcen, sehr häufig ausgeprägte Willensqualitäten, dürften von erstrangiger Bedeutung sein.

Auf Ressourcen bauen

Ein betreuender Sportpsychologe ist folglich gut beraten, wenn er sich im Rahmen seiner Interventionen primär dieser Ressourcen annimmt und diese im Kontext des psychologischen Anforderungsprofils der entsprechenden Sportart/Disziplin gewichtet. Ein individuelles, ressourcenorientiertes, auf eine systemische Unterstützung ausgerichtetes und mit Elementen der Embodiment-Praxis angereichertes Interventionsprogramm scheint aus dieser Sicht besonders nutzbringend und geeignet zu sein.

Für den interessierten Zuschauer der Paralympics in Rio überrascht Lukas Christen in seinem Aufsatz „Viele siegen, wir alle gewinnen“ mit einer bemerkenswerten Sichtweise: „Bei den Paralympics geht es nicht nur darum, wer siegt. Es geht darum, wer gewinnt. Paralympians sind eben etwas anders. Man nimmt sie, ob man will oder nicht, anders wahr. Man sieht zwar die Leistung, doch man spürt vor allem das Überwinden des Handicaps. Die Paralympics schauen kann deshalb eine Inspiration sein, sich seinem eigenen Handicap zuzuwenden. Hand aufs Herz: Wer ist schon ohne Behinderung? Die Paralympics schauen lohnt sich also, weil man nur gewinnen kann.“

 

Mehr zum Thema:

http://die-sportpsychologen.ch/2016/09/06/sandra-stoeckli-aus-der-nicht-qualifikation-fuer-die-spiele-in-london-habe-ich-meine-lehren-gezogen/

 

Literatur

Brand, R., Delow, A., & Steven-Vitense, B. (2015). Sportpsychologische Eingangsdiagnostik und Betreuung der Nationalmannschaft Behindertensport Schwimmen. In Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.), BISp-Jahrbuch 2014/2015 (S. 223-228). Köln: Sport und Buch Strauß.

Engbert, K., Werts, T. & Beckmann, J. (2011). Sportpsychologische Betreuung des paralympic Skiteam Alpin des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Zugriff am 14.09.2016, unter http://www. Bisp-sportpsychologie.de

Keim, J. & Weidig, T. (2010). Sportpsychologische Beratung und Betreuung paralympischer Sportler und Trainer. Leistungssport, 40/5, S.19-22.

Staufenbiel, K. & Bussmann, G. (2015). Sportpsychologische Möglichkeiten im Reitsport. Therapeutisches Reiten 1, S.28-30.

 

Quellen

https://www.bundestag.de/blob/190652/150e73c0915e53d3a80023b6905b3c17/hochleistungssport_behinderter_menschen-data.pdf

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/weitere/viele-siegen-wir-alle-gewinnen/story/12868185

https://www.youtube.com/watch?v=y0Tpv5XZgeY

http://www.motorsport-total.com/mehr/news/2016/09/alex-zanardi-holt-gold-in-rio-16091403.html

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Dr. Michele Ufer: Umgang mit öffentlicher Kritik

Echte Ehrlichkeit ist nicht nur im Sport selten. Im Musik- und Showbusiness sieht es nicht wirklich anders aus. Einen umso beachtenswerteren Einblick lieferten der TV-Star Jan Böhmermann und der Musiker und Entertainer Olli Schulz neulich in ihrem Spotify-Podcast “Fest und flauschig”. Offen sprachen beide in der Folge “Künstlerische Depression” darüber, wie schwer sie sich tun, mit Kritik von Journalisten an ihrer Person und ihrem kreativen Output umzugehen. Oder auch mit dem Feedback über Social Media-Plattformen wie Facebook und Twitter. Eine Situation, mit der sich allen voran Profi-Sportler sehr, sehr regelmäßig konfrontiert sehen. Was können Kultur-Promis von Sportlern und Sportpsychologen lernen und umgekehrt?

Zum Thema: Hinweise und Strategien zum Umgang mit öffentlicher Kritik

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Weitere Informationen

Prominente Menschen stehen meist im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Egal ob A-, B- oder C-Promi, viele “kennen” sie und haben sich eine Meinung über die jeweilige Person gebildet. Das ist in Showbiz, Politik und Wirtschaft genauso, wie im Sport. Wer in der Öffentlichkeit steht, macht sich angreifbar. Es gibt immer jemanden, der irgendwas besser weiß, vermeintlich kann oder allzu schnell ein Urteil fällt. Hinzu kommt oft ein erheblicher Leistungs- und Erwartungsdruck, der nicht selten über die Massenmedien mit ihrer Jagd nach neuen Inhalten verschärft wird. Das kann sehr anstrengend für die Betroffenen sein, vor allem, wenn Kritik unter die Gürtellinie geht. Seit dem rasanten Bedeutungszuwachs sozialer Medien, wie Facebook und Co., können selbst weniger prominente Sportler ein wenig von dieser „Bühnenluft“ schnuppern. Was einerseits die Kommunikation untereinander vereinfacht und intensiviert, kann andererseits schnell und ungewollt zu einer Welle der Aufmerksamkeit, Kritik bis hin zum regelrechten Shitstorm im Netz führen. Das kann frustrieren, am Selbstwert nagen und leistungsmäßig blockieren.

Folgende Tipps helfen, den Umgang mit öffentlicher Kritik zu verbessern

Zunächst einmal lässt sich die Situation durch folgendes Bewusstsein entschärfen:

  • Die Öffentlichkeit ist eine wertvolle Feedback-Ressource, denn wir erhalten durch sie Informationen, die wir für unsere Weiterentwicklung nutzen können. Der Umfang an Öffentlichkeit ist darüber hinaus oft ein Indiz für den Marktwert und somit auch ein wichtiges Instrument für die Markenbildung eines Sportlers. Gut also, wenn wir den Umgang mit ihr souverän zu gestalten wissen. Das kann und sollte man lernen, je mehr man in der Öffentlichkeit steht.
  • Wie sehr wir uns auch anstrengen und nur das Beste wollen, es gibt fast immer irgendwo irgendjemanden, der das, was wir tun oder wie wir es tun, nicht gut findet.
  • Negative, wenig konstruktive Kritik basiert oft auf Neid und Missgunst.
  • Wir haben stets die Wahl, ob wir eine Rückmeldung annehmen und uns damit beschäftigen oder eben nicht.

Und wenn es unter die Gürtellinie geht?

  • Entscheidend ist ein gesundes Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten, Ziele und dafür, was uns wichtig im Leben ist, wem und welchen ethisch-moralischen Standards wir uns verpflichtet fühlen. Wenn wir das für uns klar haben, leitet es uns wie ein innerer Kompass und hilft auch bei starkem Gegenwind, auf dem eigenen Weg zu bleiben.
  • In akuten Situationen hilft oft, erstmal tief durchzuatmen, zu entspannen, drüber zu schlafen, statt reflexartig zu reagieren oder „nachzutreten“, denn oft sind wir bei persönlichen Angriffen im „Fight-or-Flight-Modus“, bei dem es zu Affekthandlungen kommen kann. Wir handeln spontan, ohne nachzudenken. Dabei hauen wir manchmal Dinge raus, die womöglich nicht zu unseren Gunsten sind.
  • Besonders wirksam, gleichwohl nicht immer einfach: verletzender Kritik keine weitere Aufmerksamkeit schenken, denn dies würde die Kritik nur weiter nähren und den Sender der Kritik stärken.

Weitere Strategien, um den Umgang mit der (medialen) Öffentlichkeit zu optimieren:

  • Durch mentales Training und posthypnotische Konditionierungen kann die Fähigkeit zur Abschirmung von negativen Einflüssen bzw. potenziell verletzender Kritik oder deren Umwandlung in konstruktive Energie verbessert werden.
  • Ein videogestütztes Rhetorik-/Medien-Training kann sinnvoll sein, um die Schlagfertigkeit in entscheidenden Momenten zu erhöhen
  • Direkt bei oder nach starker körperlicher Belastung ist die Aktivität der Sprachzentren unseres Gehirns reduziert. Da sind wir meist nicht sonderlich eloquent. Deshalb: möglichst kurz zur Ruhe kommen und ein paar Mal tief durchatmen vor einer Interview-Antwort. Oder noch besser: eintrainieren eines „Interview-Modus“, der genauso wie ein optimaler Wettkampf-Leistungszustand gezielt aktiviert werden kann.
  • Auch ein Bewusstsein für die Arbeitsweise der manchmal etwas hektischen Massenmedien relativiert einiges.
  • Etwas Küchenpsychologie (aber deshalb nicht weniger relevant): Dinge nicht allzu persönlich nehmen

Und zum Abschluss eine meiner Lieblings-Weisheiten:

Was Müller über Meier sagt, sagt oft mehr über Müller aus, als über Meier. Bitte mal drüber nachdenken und beim nächsten „medialen Dolchstoß“ daran erinnern. In diesem Sinne, liebe Sportler: lebt EURE Träume und bleibt aufmerksam und offen für wertvolle Informationen aus dem Umfeld. Über den Rest lernt… zu lächeln. Und, liebe Trainer: wichtig ist heutzutage nicht mehr nur „auf‘m Platz“.

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Elvina Abdullaeva: Schnell im neuen Team ankommen

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Keine zwei Wochen ist der Ukrainer Yevhen Konoplyanka nun Schalker. Sein erstes Spiel für die Königsblauen hat er zwar mit 0:2 gegen den FC Bayern München verloren, allerdings bot der vom FC Sevilla geholte Mittelfeldmann eine hervorragende Leistung. Das Publikum in der Veltins Arena verabschiedete ihn bei seiner Auswechslung mit einem herzlichen Applaus. Ist Konoplyanka auf dem Weg, ein echter Schalker zu werden? Gut möglich, allerdings müssen er und seine neuen Mitspieler ein paar einfache Fehler vermeiden, die auch ganz normalen Sportlern das Leben bei einem Vereinswechsel schwer machen.

Zum Thema: Welche drei Dinge sollten Spieler beachten, wenn sie neu zu einer Mannschaft kommen?

Wenn wir in einen neuen Job anfangen, fühlen wir uns alle immer unsicher und etwas unwohl. Der Anfang für einen neuen Mitarbeiter ist wegen der Ungewissheit in der Regel sehr schwierig, weil der Einzelne noch nicht genau weiß, was ihn erwartet und ob er mit den Veränderungen, welchen er sich auf jeden Fall stellen muss, klar kommt. Es ist egal, ob wir über eine Sportmannschaft oder ein wirtschaftliches Unternehmen sprechen. Es braucht Zeit, bis ein Neuling sich im Team einlebt. Aber je schneller und harmonischer dieser Integrationsprozess verläuft, desto bessere Leistung zeigt der Mensch, sprich Sportler. Und  das liegt in einem direkten Interesse sowohl des Sportlers selbst, als auch der ganzen Mannschaft. Daher ist es wichtig ein paar Regeln zu beachten, die Ihnen helfen, sich erfolgreich in das neue Team zu integrieren und ein vollwertiges Mitglied des Teams zu werden.

  1. Seien Sie hoch engagiert und bescheiden.  

Solange Ihr neues Team Sie noch nicht so gut kennengelernt hat und Sie nicht genug Autorität haben, richten Sie Ihre Energie darauf, die Mitspieler besser kennenzulernen und sich als ein zielstrebiger und fleißiger Sportler zu zeigen.

Erstens, interessieren Sie sich für die Lebensweise der Mannschaft, die formalen und non-formalen Regeln. Investieren Sie in die Beziehungen mit den Teammitgliedern, sammeln Sie die Information über Mannschaftskultur, welche sich in den Kleinigkeiten zeigt: “Worüber sprechen Mitspieler während des Essens oder in der Kabine? Wie reagieren sie auf die Anweisungen vom Trainer? Welche Atmosphäre herrscht im Team?”

Zweitens, zeigen Sie eine ehrliche Bestrebung nach einem guten Beitrag für das Mannschaftsspiel zu leisten und nützlich zu sein.  Die Menschen spüren sowas sehr gut: “Wozu ist der Neuling gekommen? Nur ausschließlich wegen des persönlichen Gewinns, oder will er auch dem ganzen Team zu helfen.” Also, deswegen setzten Sie sich gut im Training und in den Spielen ein.

  1. Fragen Sie nach einem „Mentor“

Klären Sie mit dem Trainer, ob es am Anfang möglich ist, einen Mitspieler an die Seite zu bekommen, der quasi dafür sorgt, dass Sie gut im Team ankommen. Am besten es soll ein erfahrener Spieler sein, der auch Autorität in der Mannschaft hat. Derjenige, der Sie zu einer privaten Party oder zu einem Geburtstags einlädt, wo Sie und die Anderen sich besser und in entspannte Atmosphäre kennenlernen können. Bitten Sie wiederum den „Mentor“ noch mehr über das Team und über den Trainer zu erzählen, ein Paar nützliche Fakten, die man im Alltag braucht, z.B. “der Coach hasst, wenn wir zum Training später kommen“ oder „auf gar kein Fall während der Spielnachbesprechung zum Handy greifen“. Solche Infos helfen, sich im Team zu orientieren und zu verstehen, was von Ihnen erwartet wird (Virovec, 2013).

  1. Seien Sie geduldig

Falls die erste Begegnung mit der Mannschaft unterkühlt war, ist eines wichtig zu wissen: Eine skeptische Reaktion ist ganz normal, wenn man einer neuen Person oder sich in einer neuen Situation wiederfindet. Das ist reiner Selbsterhaltungstrieb, es wird einfach überprüft, ob dieser Mensch oder die Situation für uns eine Gefahr darstellt oder nicht. Deswegen, wenn Sie in ein neues noch „fremdes“ Team kommen, seien Sie sich bewusst, dass Sie nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. Es ist wichtig, Geduld und Verständnis zu haben. Diese kleine aber sehr wichtige Übung wird Ihnen dabei helfen (Roach, 2015):

Schließen Sie die Augen und versuchen Sie sich in die Position ihrer neuen Teammitglieder hineinzuversetzen. Denken Sie darüber nach, wenn Sie ein alteingesessener Spieler wären und es käme ein Neuling hinzu. Was würden Sie von diesem Newcomer erwarten, damit der Kontakt sich schnell aufbaut und er Ihnen und Ihrem Team geholfen hätte, bessere Leistung zu zeigen?

Die Ideen, die in Ihrem Kopf auftauchen sind genau der Schlüssel, was Sie als Neuling alles dafür tun können, sich bestmöglich in das Team zu integrieren. Es bleibt, diese Gedanken lediglich in die Tat umzusetzen. Also, viel Erfolg bei Ihren neuen beruflichen Start!

 

Quellen

Roach, M. (2015). Der Diamantschneider: Die Weisheit der Diamanten. Buddhistische Prinzipien für Beruflichen Erfolg und privates Glück. Aufl. 4.Hamburg: Edition Blumenau

Virovec, Y. (2013) (Вировес, Ю.) Адаптация на рабочем месте. Правила выживания. Caнкт-Петербург: Питер

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Sandra Stöckli: „Aus der Nicht-Qualifikation für die Spiele in London habe ich meine Lehren gezogen“

Ich treffe Sandra Stöckli wenige Tage vor ihrem Abflug an die Paralympics 2016 in Rio. Die Handbikerin, die seit ihrem Sturz von der Sprossenwand als damals 15-Jährige gelähmt ist, empfängt mich sichtlich gut gelaunt und mit einem für sie typischen Strahlen im Gesicht. „Ich freue mich riesig auf die Spiele und bin froh, wenn es endlich losgeht und die Reise nach Rio beginnt“, schildert die Athletin ihre aktuelle Befindlichkeit. Sodann schiebt sie nach: „Es sollte nun eigentlich alles reisebereit in den Kisten verpackt sein, doch heute morgen musste ich mich wieder etwas ärgern…“ Ein technisches Detail an der Ausrüstung stimmte noch nicht und hätte angepasst werden müssen, was nicht nach ihren Wünschen geschah, entsprechend angespannt wirkt Sandra, wenn sie davon spricht.

Etwas mehr als eine Woche bleibt der Handbikerin nach ihrer Ankunft in Rio Zeit für die Akklimatisation Zeit, bevor es schliesslich, wie sie es ausrückt, ans „Eingemachte geht“. Das Zeitfahren (2 Runden à 10km) findet am Mittwoch, den 14. September statt, das Strassenrennen (3 Runden à 15km) tags darauf. Die Rennen werden in Pontal ausgetragen, etwa 20 Kilometer vom Olympischen Dorf entfernt, wo die Schweizer Delegation logiert.

Auf ihrer speziell für Rio angepassten Homepage gibt sich Sandra Stöckli kämpferisch und zuversichtlich: „Ich bin überzeugt davon, dass ich in Brasilien meine bisher stärksten Wettkämpfe fahren werde. Dass ich eine Medaille im Gepäck habe, wenn ich am 20. September wieder in Zürich lande, kann ich zwar nicht versprechen. Das Ziel sowohl im Zeitfahren wie auch im Strassenrennen ist ein Diplomrang.“ Sie vertraue auf die starken Resultate im Vorfeld der Spiele und ein hervorragendes Team im Rücken was sie zusätzlich ansporne, an den Paralympics über sich hinauszuwachsen, „wenn ich mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust über Rios Strassen «fliege»“.

Unser letztes Treffen vor dem Abflug dient auch einem mentalen „check-up“ und der Vertiefung positiver Vorstellungen und Gedanken. Das folgende Interview beinhaltet einige dieser Aspekte, welche dazu beitragen sollen, im entscheidenden Moment – dann wenn’s in Rio zählt – optimal vorbereitet an den Start zu gehen.

Sandra, wissenschaftliche Befunde, wie z.B. den SOR-Berichten von Swiss Olympic zu entnehmen ist, verweisen auf eine notwendige, langfristige mentale Vorbereitung auf Olympische Spiele hin. Was waren „deine mentalen Meilensteine“ on the road to Rio?

Der grosse, vielleicht bedeutendste „Meilenstein“ war der Entscheid vor drei Jahren, von der Leichtathletik in den Radsport und auf das Handbike zu wechseln. Diese wichtige aber auch ebenso schwierige Entscheidung löste eine grosse Motivation aus. Ich wollte alles selber, von Grund auf neu und richtig lernen. Ich bin sehr wissbegierig und es ist schon noch eindrücklich, dass ich sogar als Mechanikerin meines High-Tech-Sportgerätes technische Einstellungen jetzt selbst vornehmen kann. Andererseits wäre ich ohne meine Erfahrungen aus der Zeit in der Leichtathletik nicht dort, wo ich heute leistungsmässig stehe.

Einen weiteren entscheidenden Punkt sehe ich in den Lehren, die ich aus der Nicht-Qualifikation für die Spiele in London gezogen hatte. Ich war immer eine motivierte Athletin, die Gelassenheit aber fehlte sehr oft. Die neue Herausforderung gab mir anfangs mehr Spielraum und zusammen mit dem „Radvirus“ kamen Freude und inneres Feuer zusammen. Schliesslich waren die kontinuierliche Leistungsentwicklung und die tollen Erfolge, die ich gerade auch dieses Jahr feiern durfte, stets positive Verstärker. Ich liebe meine Aufgabe im Handbike, sie liegt mir sehr! Ich spüre die grosse Kraft, die ich auf die Kurbel übertragen kann und wie ich so das Rennen aktiv mitbestimme.

Wie äusserst sich dieses „Mehr an Gelassenheit“

Zuerst einmal erlebe ich mich „durchs Band“, in allen Bereichen gelassener als früher. Das könnte natürlich auch mit meinem Alter und dem grösseren Erfahrungsschatz zusammenhängen. Heute vertraue ich aber viel mehr den Automatismen in der Wettkampfvorbereitung, die mentale Vorbereitung ist vollständig integriert und mein „Rhythmus“ in der Vorbereitung stimmt. In den vergangenen Jahren habe ich jeden Tag gewusst, wofür ich trainiere – ohne dass ich aber immer bewusst und zuviel daran dachte. Das war früher anders… Spitzensport und die spezifische Wettkampfvorbereitung sind zur Selbstverständlichkeit in meinem Alltag geworden.

Was bedeutet für dich die Teilnahme an den Paralympics 2016 in Rio und welche Gedanken gehen dir aktuell durch den Kopf?

Das, was ich in den nächsten Tagen und Wochen erleben darf, bedeutet mir sehr, sehr viel. Ich gehe daran, mir einen grossen Traum zu erfüllen, einen sportlichen Höhenpunkt zu erleben und strebe ein hohes sportliches Ziel an. Ja, ich bin stolz auf mich und mein Team und sehe meinen Einsatz in Rio als Belohnung für die jahrelange harte Arbeit. Die grosse Vorfreude, die ich jetzt tagtäglich spüre, ist sicher auch Ausdruck der Erfüllung meines Olympiatraums.

Aktuell bin ich aber mit handfesten Dingen beschäftigt, z.B. mit dem Packen des Koffers und des ganzen Materials. Mich beschäftigt vor allem der Gedanke, ja nichts zu vergessen! Und habe ich an alles gedacht, was noch hier in der Schweiz erledigt werden muss? Ich bin froh, in Rio genügend Zeit zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung zur Verfügung zu haben, ab und zu kommen mir auch Bilder von der Eröffnungsfeier in den Sinn. Ganz selten sickert etwas Nervosität durch – aber die Vorfreude ist in jeder Situation stärker!

Worauf wirst du in deiner Wettkampfvorbereitung in Rio besonders achten? Was heisst für dich die olympische These: „expect the unexpected“?

Meine Wettkämpfe sind spät und ich werde vor Ort die Gelegenheit nutzen, das Umfeld, die Wettkampfsituation und den Streckenverlauf eingehend kennenzulernen. Ich werde akribisch alle Abläufe vom Wettkampftag durchgehen, meinen Olympiafilm „durchspielen“ und die Zeit auch für letzte, wettkampfspezifische Trainings nutzen. Ebenso wichtig sind aber auch regelmässige Timeouts und ein aktives „mich-Lösen-vom-Olympia-Geschehen“. Dabei will ich bewusst entspannen, den Kopf lüften und genügend Energie tanken in möglichst Olympia-freien Zonen. Am Wettkampftag will ich mit Kopf und Körper zu 100% leistungsfähig sein!

„Expect the unexpected“ bedeutet, dass ich im Rahmen des „Vorstellbaren/ Planbaren“ nichts dem Zufall überlassen will. Es bedeutet aber auch, dass ich – weil ich so gut vorbereitet bin, mich in Bestform fühle – auch allem, was da kommt, gelassen entgegentreten kann. Ich will und werde flexibel bleiben. Geschieht irgendwas Ausserplanmässiges: „Zuerst Ausatmen, dann Einatmen“… Fakten annehmen, dann halt etwas anpassen, vielleicht umdisponieren und dann Plan „B“ mit positivere Energie und Freude umsetzen.

Rio wird für dich ein Erfolg werden wenn

ich den besten Wettkampf meiner Karriere fahre, wenn ich nach der Zieldurchfahrt Freudentränen in den Augen habe, viel Spass und positive Emotionen erlebt habe und dann dieses Ereignis mit meinem Team auch noch etwas Feiern darf!

Sandra bietet mir noch einen Kaffee an und erkundigt sich nach dem Wohlergehen meiner Kinder. Wir plaudern eine Weile und es ist schon spät, als sie mich mit ihrem Lächeln und einem letzten Satz verabschiedet: „Weißt du, ich kann es kaum erwarten und ich freue mich soooo sehr auf Rio!“

Quellen:

Gubelmann, H.-P. (2001). Eine Bestandesaufnahme «mentaler» Schwierigkeiten von Schweizer Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. In R.

Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen. Proceedings asp-Tagung 2001 Magglingen. Köln: bps, S. 90-92.

http://www.sandrastoeckli.ch/de/paralympics-2016.html

http://www.swissparalympic.ch/ueber-uns/stifter/

https://www.paralympic.org

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Rio 2016 und was nun?

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Im deutschen Sport wird diskutiert: Wie soll es nach den olympischen Spielen von Rio de Janeiro weitergehen? Hinter den Kulissen wird längst über die teilweise Neuausrichtung der Sportförderung in Deutschland gestritten. Zum Teil erbittert. Es geht vor allem um Geld. Aber auch um Macht, Einfluss und Bedeutung. Die Disziplin Sportpsychologie spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle – dabei zeigt nicht zuletzt die jüngere Vergangenheit, dass die Leistungsoptimierung mit Hilfe von sportpsychologischen Techniken und Methoden sportartenübergreifend an Bedeutung gewinnt. Allen voran jüngere Athleten haben kaum mehr Berührungsängste, viele Sportler arbeiten bereits mit qualitativ hochwertig ausgebildeten Sportpsychologen zusammen. Das Interesse von Verbänden, Vereinen, Aktiven und Unternehmen an der Dienstleistung Sportpsychologie steigt spürbar.

Im Schwerpunkt: „Rio 2016 und was nun?“ zeigen die drei Profilinhaber Wencke Schwarz, Dr. René Paasch und Prof. Dr. Oliver Stoll sowie der Gast-Autor Peter Schneider auf, was ihre Disziplin kann, wie sie funktioniert und wo das große Potential liegt. Vier Perspektiven, die interessierten Sportlern, Trainern, Funktionären, Unternehmern und Journalisten das Berufsfeld Sportpsychologie greifbarer machen sollen:

Zwischen Potential und Bedarf

Wencke Schwarz: Die Rolle und das Potential der Sportpsychologie im deutschen Spitzensport

Wie die Sportpsychologie im Teamsport angewandt werden kann

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Sportpsychologie hilft auch auf Amateurebene weiter

Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Sportpsychologie im Fußball

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

 

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Wencke Schwarz: Die Rolle und das Potential der Sportpsychologie im deutschen Spitzensport

Sport + Psychologie ist viel mehr als eine sexy klingende Kombination zweier extrem spannender Disziplinen. Es ist eine sinnvolle und nachweislich Mehrwerte schaffende Verknüpfung von zwei wissenschaftlich fundierten und praxisnahen Fachgebieten, die beide den Menschen im Fokus haben. Während in der führenden Sportnation USA Psychologie selbstverständlich im Alltag der Sportwelt integriert ist, befindet sich Deutschland auf dem guten Weg dorthin. Insbesondere in den letzten 15 Jahren hat sich hier viel getan und Sportpsychologie ist beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit dem Leistungssport fest verknüpft. Im Rahmen der Diskussion des „Fazits von Rio“ und der zukünftigen, strategischen Ausrichtung des DOSB und seiner Spitzenverbände wird Sportpsychologie auch ein Bestandteil sein.

Sport + Psychologie = Wieso, weshalb und wo? Ein Überblick, Status-Quo und Potentiale.

Für das „wieso“ muss man zunächst verstehen, was Psychologie ist. Die kürzeste Definition, die ich kenne, lautet: „Psychologie ist die Erfahrungswissenschaft, deren Gegenstand menschliches Erleben und Verhalten ist.“ (vgl. Gabler). Psychologie ist zudem eine der ältesten Wissenschaften, denn Fragen wie „Wer bin ich und warum bin ich so?“. „Warum tut jemand etwas?“ und „Wo sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen? sowie „Wie verhalten sich Menschen in bestimmten Situationen, Organisationen und Rahmenbedingungen?“ sind seit jeher interessant und relevant. Da wir Menschen komplex und facettenreich sind, sind es die fachspezifischen Disziplinen der Psychologie. Aktuell gibt es 54 Divisionen bei der American Psychological Association (APA), die sich mit verschiedenen Themengebieten auseinandersetzen. Diese reichen von Neuropsychologie, über Klinische,- Sozial-, Wirtschafts- bis hin zur Medien- und Sportpsychologie.

In meinem Alltag erlebe ich in der Regel zwei Reaktion auf meine Tätigkeit als Psychologin: starkes Interesse oder eine direkte Skepsis. Letzteres entsteht durch das Vorurteil, für mich „gläsern und manipulierbar“ zu sein oder das nur „kranke Menschen“ etwas mit Psychologie zu tun haben. Das geht natürlich nicht mit dem Bild eines gesunden Sportlers einher. Dieses Klischee ist grundlegend falsch! Oder wird einem Sportler, der regelmäßig, gar täglich zum Arzt oder Physiotherapeuten geht, gleich unterstellt, dass er krank und nicht mehr geeignet sei? Ich bin mir sicher, dem ist nicht so. Viel häufiger kommen Sportlern und Funktionären mittlerweile Gedanken an Vorbereitung, Gesundheitserhalt, Leistungstests- und Optimierungen direkt in den Sinn.

Die Rolle von Psychologie im Sport

Meine Kollegen und ich arbeiten mit gesunden Menschen zusammen, bringen diese weiter, setzen Potential frei und fördern erfolgreiche Entwicklungs- und Veränderungsprozesse auf der individuellen, Team- und Organisationsebene. Zudem begleiten wir schwere Zeiten z.B. durch Verletzungen und wissen was zu tun ist und wen wir ggf. hinzuziehen müssen, wenn Krisen eintreten, jemand psychisch erkrankt – was in jedem Beruf passieren kann. Die Grundlage für die gute Arbeit eines Psychologen im Sport ist Vertrauen, Ressourcen und damit einhergehende Rahmenbedingungen sowie – besonders wichtig – die Integration und Vernetzung mit den aktiven Personen und Strukturen. Faktoren, an denen sich stetig etwas tut, es aber noch viel Potentiale gibt.

Wie eingangs erwähnt, ist Deutschland insgesamt auf einem guten Weg. Nach den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 wurden vielfältige Maßnahmen zur nachhaltigen Integration von Sportpsychologie im Leistungssport angegangen, die ab 2003 griffen und sich seitdem deutlich weiter ausgebaut haben und es weiter werden. Die Bandbreite reicht hier von der Forschung, über strukturelle Prozesse bis hin zur Praxis. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp), der DOSB mit seiner Stelle Zentralen Koordination Sportpsychologie (ZKS) und der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsycholgie (asp) sind dabei die zentralen Akteure. In den letzten Jahren standen „die systematische Erhöhung der Wirksamkeit“ und „die Qualitätssicherung auf dem Feld der Sportpsychologie“ im Arbeitsprogramm des DOSB-Präsidiums. Ziele, die sicher noch nicht erreicht sind, aber erste Früchte tragen. Status-Quo ist beispielsweise die Sportpsychologische Expertendatenbank des BISp, eine größer werdende Forschungslandschaft und immer mehr praktische, sportpsychologische Umsetzungen und leitende Sportpsychologen in den Spitzenverbänden und an den Olympiastützepunkten (OSP) sowie eine Erhöhte Vernetzung der Sportpsychologen, insbesondere durch die asp-Arbeit und die ZKS.

Hermann und der Zeitungskiosk

Sicherlich hat auch die öffentliche Wahrnehmung und damit verbundene Nachfrage nach psychologischer Expertise eine einflussgebende Rolle. So ist Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der DFB-Herrennationalmannschaft seit 2004, sicherlich der erste und bekannteste Sportpsychologe und hat zu einem starken Interesse beigetragen. Hinzu kommt, dass Psychologie im Alltag der Deutschen immer mehr angekommen ist und Interessenten hat – zählen Sie doch einfach mal in einem Bahnhofskiosk die Zeitschriftentitel mit psychologischem Bezug! Auch in der Wirtschaft ist die Arbeits- und Organisationsentwicklung selbstverständlich geworden: Führungskräfte ab der höchsten Ebene nehmen Coaches in Anspruch, es gibt eine Diagnostik in Bewerbungsprozessen sowie eine systematische Personalentwicklung, durch die viele Arbeitnehmer Kontakt mit psychologischen Themen wie Persönlichkeit, Selbst- und Konfliktmanagement, Kommunikation, Motivation und ihren Einbezug durch Mitarbeiterbefragungen haben. Gerade hält hier das betriebliche Gesundheitsmanagement einen verstärkten Einzug – die Wirtschaft kann dabei viel vom Sport lernen. Auch die Tatsache, dass sich jüngst angewandte Sportpsychologie sich als eigenständiger Studiengang im universitären Feld durchgesetzt hat und eine enorme Nachfrage verzeichnet, unterstreicht die positive Entwicklung.

Aber schauen wir konkret auf den deutschen Sport und dessen Dachverband. Würde man diesen, also den DOSB, als Wirtschaftsunternehmen verstehen, wäre er ein Konzern. Die Sportfamilie setzt sich aus

  • 16 Landessportbünden
  • 62 Spitzenverbänden (34 olympische und 28 nichtolympische)
  • 20 Verbänden mit besonderen Aufgaben
  • 2 IOC-Mitgliedern (Thomas Bach, Claudia Bokel)
  • 15 Persönlichen Mitgliedern

zusammen. Insgesamt sind in den 98 Mitgliedsorganisationen mehr als 27 Millionen Mitglieder in über 90.000 Turn- und Sportvereinen organisiert, die die wichtige Basis für die Entdeckung und Förderung des Leistungssports darstellen. (Stand August 2016). Kleiner Tipp: Wer hier tiefer interessiert ist, sollte einen Blick in den „Sportentwicklungsbericht 2015/2016 Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland“ werfen. Der Leistungssport selbst zentriert sich insbesondere an den Bundes- , Bundes-Nachwuchs- und Olympiastützpunkten.

Der Platz der Sportpsychologie in einem komplexen System

Die Arbeit des DOSB und aller damit verbundener Personen findet also in einem enorm komplexen Umfeld statt. Zum einfacheren Verständnis, wo Psychologie im Sport ansetzen und helfen kann, habe ich die wichtigsten Ebenen simplifiziert in der folgenden „Zwiebelgraphik“ dargestellt:

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Eigene Darstellung

Insbesondere die blau markierten Ringe stellen Bereiche der angewandten Sportpsychologie dar. Diese „hilft, psychische Leistungsvoraussetzungen besser zu verstehen und psychische Barrieren im Sport zu überwinden. Sie liefert Handlungswissen zur Leistungsoptimierung und zur Verbesserung des Wohlbefindens.“ (Alfermann, Stoll; 2016).

Der Sportler im Zentrum

Im Zentrum steht dabei der Sportler selbst. Bereits auf der individuellen Ebene gibt es eine Vielzahl von Themen (Selbstmanagement, innere Haltung, Motivation, Glaubenssätze), Anliegen (Umgang mit aktuellen Situationen und das Lösen von Stolpersteinen). Dazu kommt die Vermittlungen von hilfreichen Werkzeugen wie z.B. mentale Techniken, bei denen wir Sportpsychologen ansetzen und weiter bringen können. Dabei bedienen wir uns wissenschaftlich-fundierter Diagnostik und Methoden, die mit praktischer Berufserfahrung und individueller Anpassung der Herangehensweise auf den einzelnen Sportler abgerundet wird. Dabei wird das komplette System, in dem sich der Sportler befindet, mit einbezogen. In der Praxis fließen so, neben dem direkten sportlichen Bereich, auch das private und berufliche Umfeld mit ein (z.B. Balance zwischen Beruf und Karriere, Beziehung und Familie oder auch mal Heimweh). Konkrete Einblicke einzelne Fallbeispiele zeigt mein Kollege Dr. René Paasch in seinem Beitrag auf (Verlinkung).

Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Wie ein Sportpsychologe auf der Teamebene und mit dem Trainer arbeiten kann, zeigt Prof. Dr. Oliver Stoll auf, indem er drei verschiedene Varianten skizziert. Hierbei wird schön verdeutlicht wie sich Rahmenbedingungen wie „Nähe vs. Distanz zum Team“ und „Regelmäßigkeit vs. Anlass“ sich auf die Zusammenarbeit auswirken. (Verlinkung). Grundsätzlich stehen hier Fragen von der Zusammensetzung des Teams und Rollenklarheit, Teamdynamiken, -mentalität und -stimmungen, Kommunikation, Umgang mit Ereignissen und Konflikten sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit und Interaktion für stabilere und höhere Leistungserbringungen im Zentrum der Arbeit.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Futter für Führungskräfte

Der Trainer und sein Stab gehören zum erweiterten Team, nicht zum Kernteam. Deshalb sind obige Themen auch Bestandteil der Zusammenarbeit. Jedoch ist der Trainer Führungskraft und Entscheider, so dass weitere Bereiche hinzukommen. Bereits das Thema „Führung und Führungskultur“ nimmt ein breites Spektrum ein (hier kann ein guter Wissenstransfer mit der Wirtschaft gezogen werden), hinzu kommt die strategische Ebene, die nun Einzug erhält. Neben der alltäglichen Arbeit von z.B. Spiel- und Trainingsanalysen, sind die nachhaltige Weiterentwicklung des Teams und einzelner Sportler, sowie die Verfolgung mittel- und langfristiger Ziele („wohin soll eine Mannschaft geformt werden“, „welche Maßnahmen müssen für welche sportlichen Ziele angestrebt werden“) eine Rolle, zu deren Erfolg man die sportpsychologische Perspektive und Erfahrungen mit einbringt. 

„Pleasure before Pressure“ (Genuss/Freude vor Druck) ist beispielsweise das Ziel, welches Peter Schneider – Sportpsychologe vom FC Carl Zeiss Jena –  in Zusammenarbeit mit dem Trainer und dem Trainerstab, als Grundhaltung für das DFB-Pokalspiel gegen den FC Bayern München entwickelt und umgesetzt hat. In dem ausführlichen Interview mit ihm bekommt man einen tollen und greifbaren Einblick hinter die Kulissen der Arbeit, Herangehensweise und Aufgaben der sportpsychologischen Arbeit in einem Fußballverein.

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Das Team hinter der Mannschaft

Die Arbeit mit dem „Team behind the Team“ (gelber Ring), d.h. Ärzten, Physiotherapeuten, Betreuern, etc. erfolgt durch alltägliche Zusammenarbeit und hängt sehr von den individuellen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen ab. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass das Umfeld hinter den Kulissen einen relevanten Einfluss auf das Team bzw. den einzelnen Sportler hat. Ein mittelfristiges Ziel sollte meines Erachtens ein zentrales Angebot von berufsspezifischer und grundlegender psychologischer Wissensvermittlung für diese Personengruppen sein, denn sie sind „nah dran“ und z.T. erste Ansprechpartner. So gibt es z.B. zwischen Physiotherapeuten und einzelnen Sportler oft ein starkes Vertrauensverhältnis, da sie vor und nach dem Wettkampf zu den ersten Kontaktpersonen gehören und bei den regelmäßigen Behandlungen im Leistungssportalltag viele Gespräche entstehen, bei denen sich persönliche Beziehungen aufbauen.

Damit einmal zurück zu unserer Zwiebel: In den beiden äußeren Ebenen finden wir die Vereine und OSP (roter Ring) sowie den DOSB mit seinen Senpitzenverbänden (schwarzer Ring) wieder. Hier sind die zentralen Führungskräfte und Entscheider angesiedelt und es wird strategisch, bereichsübergreifend und folglich „von oben“ auf die Zusammenhänge und Maßnahmen geschaut. Entscheidungen die hier getroffen werden, haben weit reichende Folgewirkungen bis hin zur Basis, benötigen jedoch auch Zeit. Gerade im Zuge „des Fazits von Rio“ wird das deutlich. In einem Morgenmagazin Interview Ende August sagte Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des DOSB, „(dass) die Strukturen ein Stück weit zu verbessern sind, durch mehr Konzentration (von Spitzensportlern an gemeinsamen Trainingsorten)“.

Starkes Interesse, wenig Wissen

Wie auch immer Ergebnisse von Post-Rio-Debatten ausschauen mögen, die Sportpsychologie wird sicherlich als fester Bestandteil des Spitzensports gestärkt, um als Bestandteil des Angebotes für Leistungssportler wirken zu können. Dass es ein starkes Interesse gerade von jungen Sportlerinnen an Sportpsychologie gibt, aber noch eine nicht ausreichende Information bzw. Alltagsnähe in der bisherigen Breite gibt, zeigt die aktuelle Studie von Jürgen Walter und Valeria Eckhardt auf (Verlinkung). In diesem Zusammenhang kann die die an der Sporthochschule Köln angesiedelte Initiative Mentaltalent, die altersgerecht „eine professionell angeleitete sportpsychologische Grundausbildung besonders aussichtsreicher und leistungsorientierter Kaderathletinnen und -athleten“ anbietet, ein positives Lösungsbeispiel sein.

Jürgen Walter und Valeria Eckardt: Das Informationsproblem der Sportpsychologie

Doch nicht nur Maßnahmen direkt am Sportler sind entscheidend, sondern z.B. die feste Integration von Psychologie im Sport in die Aus- und Weiterbildung von TrainerInnen und Entscheidern, die zentrale Personen und Multipikatoren sind. Darüber hinaus ist die Förderung, die Vernetzung und der Wissensaustausch von den verschiedenen Verbänden untereinander extrem förderlich und setzt Potentiale frei. Das Projekt „DELTA – Deutschland entwickelt Talente“ verfolgt so einen interdisziplinären und verbandsübergreifenden Ansatz seit September 2015. Hier arbeiten die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der DOSB, der Deutschen BoxsportVerband, der Deutschen Schwimm-Verband und die Deutschen Eisschnelllauf Gemeinschaft daran, „die Wirksamkeit von Förderprozessen durch die Weiterentwicklung von Talentauswahl und -entwicklungsmaßnahmen zu erhöhen.“ Durch aktuelle Rahmenbedingungen und den demographischen Wandel sehen und zeigen alle Beteiligten den Willen „die notwendigen Veränderungen anzugehen, um langfristig wieder mehr Talente zu entwickeln und dabei auch über den Tellerrand der eigenen Sportart zu blicken“. Psychologie spielt an solchen Stellen eine doppelte Rolle: Zum einen die angewandte Sportpsychologie als inhaltlicher Bestandteil, zum anderen in Form der langjährigen Forschung und Erfahrungen der Wirtschafts- und Organisationspsychologie, die solche Veränderungs-, Struktur- und Entwicklungsprozesse professionell begleitet (Schwerpunkt bis dato in der Wirtschaft).

Zukunftsfähigkeit als Ziel

Dass es einen starken Bedarf an Organisations- und damit einhergehender Personalentwicklung gibt, zeigt sich u.a. durch das Angebot der Führungsakademie des DOSB. Hier werden sowohl Fortbildungen, als auch Beratungsleistungen für die Verbände zu dieser Thematik angeboten. Dabei „orientieren (wir, die Führungsakademie) uns an den theoretisch fundierten Annahmen und Prinzipien der Organisationsentwicklung. Veränderung und Wandel in Verbänden verstehen wir als wichtiges Element zukunftsfähiger Entwicklung, die nur dann gut gelingen kann, wenn die in den Verbänden tätigen Menschen diese Veränderungen mittragen.“ Die Verbände bieten wiederum Angebote in diesem Bereich für ihre Vereine und Mitglieder an, da auch hier die Nachfrage stetig steigt. So gibt es in vielen Landessportbünden Ansprechpartner und Angebote für Organisationsentwicklung. Der Landessportbund Niedersachsen hat mittlerweile eine ganze Abteilung erfolgreich etabliert, die die Bandbreite von der Strukturentwicklung bis zum Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement abdeckt. Wie hoch der Gesprächs- und Einbringungsbedarf auch von Seiten der Olympia-Teilnehmer ist, hat zuletzt Diskuswerfer Robert Harting in einem ARD-Interview deutlich gemacht: “Im deutschen Sport gibt es vertikale Strukturen und Sportler können sich dagegen nicht wehren. Dieses System ist so nicht mehr zeitgemäß.”

Aus meiner eigenen Arbeit kann ich beispielsweise berichten, dass die Schnittmenge aus Wirtschaft, Psychologie und Sport sehr sinnvoll ist. Als Prozessbegleiterin war ich für den Deutschen Ruderverband e.V. tätig, der im Ergebnis des gemeinsam umgesetzten Projekts die Einstiegsurkunde des INQA-Audits Zukunftsfähige Unternehmenskultur der Bundesregierung bekam (INQA = Initiative Neue Qualität der Arbeit). Dahinter steckt ebenfalls eine praxisnahe, individuelle Organisationsentwicklung und damit einhergehende Maßnahmen für die nächsten Schritte in der internen Weiterentwicklung des Verbandes.

Fazit: Sport + Psychologie = Wieso, weshalb und wo?

Ich versuche ein plakatives Fazit. Wieso? Weil es sinnvoll ist und viele sportpsycholgische Potentiale in Deutschland noch ungenutzt sind. Weshalb: Zum professionellem und leistungsorientierten Spitzensport gehört Sportpsychologie als eine Komponente des Erfolgs dazu. Wo? Überall dort, wo Menschen im Sport agieren. Dabei liegt der Fokus „im Kern der Zwiebel“, auf den SportlerInnen, dem Team und dem Trainer mit Stab. Auf den höchsten Ebenen ist Sportpsychologie ein Strang des roten Strategiefadens, der sinnvoll mit den anderen Bestandteilen vernetzt wird bzw. werden muss. Dazu können die langjährigen Erfahrungen Arbeits- und Organisationspsychologie genutzt werden, um die Organisations-, Struktur- und Entwicklungsprozesse des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen bzw. deren Mitglieder erfolgreich zu begleiten.

Wir haben schon viel geschafft, aber es gibt auch noch zahlreiche Herausforderungen: Meine Kollegen und ich freuen uns darauf unsere Aufgabe als unseren Teil der „Sportfamilie“ beizutragen. Auf geht´s!

Herzlichst,

Wencke Schwarz (zum Profil)

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

 

Literatur und Quellen

Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen Broschiert – 7. November 2016 von Dorothee Alfermann (Autor), Oliver Stoll (Autor)

Breuer, C. & Feiler, S. (2017). Sportvereine in Deutschland – ein Überblick. In C. Breuer (Hrsg.), Sportentwicklungsbericht 2015/2016. Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland (S. xx – xx). Köln: Sportverlag Strauß.

DOSB I Zukunft Gewinnen! Arbeitsprogramm des Präsidiums des DOSB für 2011 bis 2014

Angewandte Sportpsychologie im deutschen Spitzensport: Standortbestimmung – Entwicklungen –  Strukturen – Schwerpunkte – BiSP Report 2010/2011 von Gabi Neumann (Autorin)

DELTA – Taltente im Nachwuchsleistungssport entwickeln – Potenzial fundiert beurteilen. Institut für angewandte Trainingswissenschaften, Newsletter Nr. 1, Mai 2016, S. 2-3  

Bundesinstitut für Sportwissenschaft (undatiert). Nachfrage für sportpsychologische Betreuung, online verfügbar unter: http://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Infoportal/Sportpsychologische_Betreuung_im_Spitzensport/Nachfrage2.html.

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/psychologie.html

http://www.apa.org/about/division/?tab=1

www.bisp-sportpsychologie.de

http://www.fuehrungs-akademie.de/beratung.html

http://www.lsb-niedersachsen.de/lsb_organisationsentwicklung.html

http://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Sportpsychologie_im_BISp/laufende%20Projekte/laufende_projekte.html

https://www.dosb.de/de/leistungssport/olympiastuetzpunkte/sportpsychologie/

http://www.dshs-koeln.de/psi/mentaltalent/

http://www.rudern.de/nachricht/news/2016/05/23/deutscher-ruderverband-mit-einstiegsurkunde-des-inqa-audits-ausgezeichnet/

http://www.asp-sportpsychologie.org/

http://www.psychologie-studieren.de/studiengaenge/

http://www.inqa-audit.de

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

Was machen Sportpsychologen eigentlich, wenn Sie in – und mit – Teams arbeiten. Einiges dürfte im Beitrag von René Pasch sowie im Insiderbericht von Peter Schneider schon deutlich geworden sein. Wichtig zu wissen:  Es existieren verschiedene Philosophien, wie sportpsychologische Arbeit in (Sport-)gruppen umgesetzt werden kann. Skizzieren möchte ich in diesem Blog-Beitrag drei verschiedene Varianten. Alle drei Varianten habe ich in der Vergangenheit in der Arbeit mit Eishockey- und Handballmannschaften schon erleben und durchführen können.

Zum Thema: Individuell-sportpsychologische Arbeit in Mannschaften

Variante 1: „Der Team-Sportpsychologe“

Das ist eigentlich mein „Favorit“. Der Team-Sportpsychologe ist vollständig in den Unterstützer-Stab integriert. So wie der Mannschaftsarzt sich um Verletzungen und Krankheiten kümmert und der Sportphysiotherapeut sich mit der Umsetzung physikalischer- und manueller Therapie sowie Massagen und Rehabilitationsmaßnahmen (z.B. nach Verletzungen) kümmert, hat der Team-Sportpsychologe sein Feld. Er ist verantwortlich für die Aus- und Weiterentwicklung spezifischer mentaler Werkzeuge, wie z.B. die Fähigkeit sich zu entspannen oder zielgerichtet zu aktivieren, die Fähigkeit, spezifische Situationen zu visualisieren und daraus Lösungen zu entwickeln oder aber auch in der Entwicklung funktionaler Selbstgespräche. Zusätzlich ist er verantwortlich in der Beobachtung gegebenenfalls Beeinflussung gruppendynamischer Prozesse sowie für die gesamte sportpsychologische Diagnostik vor-, während und nach der Saison. Eine solche Funktion setzt natürlich voraus, dass der Sportpsychologe vollumfänglich ein Team integriert ist, und es klare Rollenabsprachen gibt. Neben der Trainings- und Wettkampfbeobachtung und in der Erfüllung der o.g. Aufgaben ist so etwas nur im Rahmen einer „Vollbeschäftigung“ zu erreichen. Eine solche sehr intensive und vollumfängliche Einbindung hat neben den auf der Hand liegenden Vorteile (Nachhaltigkeit in der Entwicklung von psychologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, gute Leistungsdiagnostik- und –prognostik, detaillierte Innensicht des „Systems“ Mannschaft) aber eben auch den Nachteil, dass der Sportpsychologe somit „Teil des Systems“ ist und damit eine – gerade für systemisch zu lösenden Aufgaben – eventuell notwendige „objektive“ Außensicht verliert.

Ein schönes Beispiel liefert Peter Schneider in seinem Insiderbericht:

Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Variante 2: „Der Feuerwehr-Sportpsychologe“

Auch wenn diese Variante nicht unbedingt zu meinem Lieblingsansatz gehört, so kann sie dennoch auch – zumindest kurzfristig – funktionieren und sie hat den Charme, dass man so in die Lage versetzt wird, die o.g. manchmal notwendige Außensicht zu bewahren. Eine solche Variante kommt dann zum Einsatz, wenn es mehrheitlich weniger um „Team-Entwicklung“ im engeren Sinne geht, sondern um das Lösen von individuellen Problemen oder Entwicklungsaufgaben einzelner Spieler. So kann z.B. ein Spieler Autogenes Training erlernen, weil er sich gerade insgesamt zu hoch belastet fühlt, und somit bei der Durchführung dieses Verfahrens, wenigstens einmal am Tag  im „Hier und Jetzt“ sein kann und nicht grübeln muss, was als nächstes zu erledigen ist. Oder ein anderes Beispiel: Eine einzelne Spielerin ist sich über ihre eigenen persönlichen Ziele nicht sicher, bzw. weiß auch nicht wie diese mit möglicherweise vorliegenden Team-Zielen zu vereinbaren sind. Ein anderer Athlet möchte sich gerne individuell im Bereich der Ärgerbewältigung nach Foulspielen weiter entwickeln. Oder aber eine Mannschaft hat sich aufgrund anhaltender Misserfolge bei durchaus guten, generellen Voraussetzungen „total zerstritten“ und der Trainer sieht keine Möglichkeit mehr, das „System“ neu „einzunorden“. Voraussetzung für diese Variante ist jedoch immer das Bewusstsein, dass eine Nachhaltigkeit eher schwierig zu erreichen ist und der Erfolg einer solchen, individuellen Maßnahme auf den Team-Erfolg nicht planbar und messbar ist.

Wie fließend der Übergang von einer Variante zur anderen sein kann, bewies kürzlich der offenbar sehr erfolgreiche “Feuerwehreinsatz” von meinem sehr geschätzten Kollegen Prof. Andreas Marlovits, der zum Ende der vergangenen Saison mithalf, den SV Werder Bremen in der Bundesliga zu halten und nun fester engagiert ist. Ich empfehle einen Text zum Thema von Dr. René Paasch:

Dr. René Paasch: Werders Psycho-Rettung

Variante 3: Der Coach-Coach

„Coach-the-Coach“ heißt diese Interventions-Variante eigentlich. Hintergrund dieses Ansatzes sind eher „skeptische“ Trainer, die mit dem Begriff „Psychologe“ eher Unsicherheit verbinden. Trainerinnen und Trainer sehen sich ja sehr oft selbst als die besten Psychologen, was in der Tat auch nachvollziehbar ist, denn sie verbringen ja die meiste Zeit mit den Athleten, sind ihnen fast jeden Tag „nahe“ und haben somit natürlich auch ein Gesamtbild einer Mannschaft. Dieses „Gefüge“ wollen Trainer manchmal eben nicht mit dem Einsatz eines Sportpsychologen „verunsichern“, da er oder sie unter Umständen mit für den Trainer „neuen“ oder „unbekannten“ Verfahren Kompetenzverlust in der Mannschaft befürchtet. Beim „Coach-the-Coach“-Ansatz kommt der Trainer mit seinen Anliegen bezogen auf die Mannschaftsentwicklung zum Sportpsychologen und in diesem „1:1 geschützten Raum“ werden diese Anliegen diskutiert und gemeinsam Lösungen entwickelt (z.B. für das Erlernen und Festigen neuer taktischer Spielzüge können spezifische Visualisierungsstrategien bzw. taktisches Mentales Training entwickelt werden). Umgesetzt werden diese Lösungen aber dann durch den Trainer im täglichen Training oder gegebenenfalls auch im Spiel. Auch bei dieser Variante bleibt die manchmal notwendige, objektive Außensicht des Sportpsychologen auf das Team gewahrt, was ein eindeutiger Vorteil ist.

Mein Schweizer Kollege Dr. Hanspeter Gubelmann hat für die-sportpsychologen.ch kürzlich einen Text verfasst:

http://die-sportpsychologen.ch/2016/06/26/dr-hanspeter-gubelmann-trainer-unter-hochdruck/

Fazit

Wie zu sehen ist, haben alle drei Varianten sportpsychologischen Arbeitens ihre Vor- und Nachteile, die es jeweils abzuschätzen gilt. Dies ist oftmals neben dem rein organisatorischen Aufwand durchaus auch eine Frage des finanziellen Aufwandes, den Teams bereit sind, zu investieren. Variante 1 ist und bleibt für mich der Favorit, denn den einzigen Nachteil, nämlich den der möglicherweise verlorengehenden „Außensicht“ auf das System Mannschaft kann man mit, auch von der Mannschaft akzeptierten, kollegialer Intervision entgegensteuern.

 

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Rio 2016 und was nun?

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Dr. René Paasch: Sportpsychologie für Amateure?

Seit vielen Jahren ist die angewandte Sportpsychologie ein wichtiger Bestandteil vieler Sportarten wie bspw. in der Fußballtrainer-Ausbildung in Deutschland. Aber erst seit dem Projekt „DFB-Talentförderung“ im Jahre 2002 findet die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Andere Sportarten nutzen diese nachhaltige Möglichkeit schon deutlich länger, in manchen Disziplinen ist eine sportpsychologische Betreuung immer noch Neuland. Dabei kann die Sportpsychologie über Sportartengrenzen hinweg und auf ganz unterschiedlichen Leistungsstufen effektiv ein gesetzt werden.

Zum Thema: Sportpsychologische Praxis – Mit welchen Fragestellungen kommen unsere Interessenten auf uns zu?

Ich möchte Ihnen einerseits etwas über die die Grundlagen einer psychologischen Betreuung im Leistungs-, Breiten-, Nachwuchssport näher bringen. Andererseits aber auch die Besonderheiten meiner betreuten Athleten und deren disziplinspezifischer Maßnahmen. Dazu möchte ich zur Diskussion stellen, ob sich die Fragestellungen eines Fußballprofis grundlegend von denen eines Kreisligaspielers unterscheiden?

Bleiben wir doch gleich bei dieser Frage: Zugegeben, es ist ein anderes Umfeld jedoch bei allen Unterschieden, sind die psychischen Mechanismen für alle Ligen in gleicher Weise wichtig und veränderbar. Die bittere Niederlage der DFB-Elf gegen Frankreich bei der Europameisterschaft und der damit verspielte Einzug ins Finale, sind vermutlich noch den meisten deutschen Fans im Gedächtnis oder auch die olympischen Spiele 2016, mit allen Höhen und Tiefen. Aber dass sich am Wochenende in der Bezirksliga 9 Westfalen Spielort Gelsenkirchen oder LVN Meisterschaften in der Leichtathletik vergleichbare Dramen abspielten, wer weiß das schon? Grundlegend versuche ich immer, egal auf welchem sportlichen Niveau, dass sportpsychologische Training in eine Struktur zu pressen und dabei die Individualität zu berücksichtigen. Im Modell der systematischen Intervention, werden drei grundlegende Ebenen nach Beckmann und Elbe (2011) unterschieden:

  • Grundlagentraining: Atemübungen, progressive Muskelentspannung, autogenes Training Teambildende Maßnahmen
  • Fertigkeitstraining: Zielsetzung, Selbstgesprächsregulation, Entwicklung des Bewegungsgefühls, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Aufmerksamkeits- und Vorstellungsregulation
  • Krisenintervention: Rehabilitation nach Verletzungen, Misserfolgsverarbeitung, Psychotherapie, Karriereende und Konflikte in der Mannschaft

Siehe dazu auch:

Dr. René Paasch: Mentaltrainer oder Sportpsychologe?

 

http://die-sportpsychologen.ch/2016/07/18/dr-hanspeter-gubelmann-wer-soll-es-sein-mentaltrainer-oder-sportpsychologe/

Amateursport öffnet sich der Sportpsychologie

In den vergangenen Jahren sind erfreulicherweise vielfältige sportpsychologische Betreuungs- und Beratungsmaßnahmen verstärkt auch für den Amateursport zu erkennen. Diese Ausweitung ist aus meiner Sicht sehr wichtig, denn der Amateursport bereichert stetig den Leistungssport mit hervorragenden Talenten.

Versuchen wir es mit einem Beispiel: Paul (15) ist Boxer. Seit einiger Zeit hat er, wie er selbst sagt, einen „Tick“. Dieser besteht darin, dass er Probleme bei Schlägen auf die Stirn (Präfontaler Cortex) bekommt, seine Deckung vernachlässigt  und somit die Konzentration verliert. Dies kann sehr gefährlich werden, da die Gefahr einer Kopfverletzung erheblich zunimmt aber auch die Anzahl der verlorenen Kämpfe. Der Trainer beschreibt dieses Verhalten als „destruktive Gedanken“. Was ist nun aus sportpsychologischer Situation zu tun?

Sportpsychologische Praxis mit Paul, dem „Boxer“:

Mit Paul wird zunächst eine Eingangsdiagnostik durchgeführt. Diese besteht aus Gesprächen, Beobachtungen und sportartspezifischen Fragebögen (Stärken-Schwächen-Profil):

  •         HOSP (Handlungs- und vs. Lageorientierung im Sport von Beckmann und Wenhold, 2008)
  •         VKS (Volitional Komponente im Sport von Wenhold, Elbe und Beckmann, 2009)
  •         AMS-Sport (Achievement Motive Scale von Elbe, Wenhold und Müller, 2005)
  •         EBF (Erholungs-Belastungsfragebogen von Kellmann und Kallus, 2000)
  •         Allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung (SWE)

Die Ergebnisse des HOSP zeigen, dass Paul lageorientiert ist, d.h. er beschäftigt sich eher mit Zuschauern und der Presse oder mit seinen kreisenden und grübelnden Gedanken. Dass er nur sehr schwer Entscheidungen treffen kann und sich ablenken lässt. Die Auswertung der VKS zeigt, dass Erwartungen anderer für ihn sehr wichtig sind. Des Weiteren ist die Skala „Hoffnung auf Erfolg“ des AMS-Sport bei ihm nur sehr schwach ausgeprägt. Der EBF weist eine ausgewogene Erholung-Belastung auf. Jedoch ergab die Auswertung der allgemeinen Selbstwirksamkeit nähere Zusammenhänge zum dispositionalen Optimismus und Ängstlichkeit. Im Erstgespräch stellte sich heraus, dass er schlechte innere Gespräche führt und dass er Angst vor Schlägen auf die Stirn hat.

Strategien für Paul, dem Boxer?

Paul bekommt Methoden an die Hand, um die kreisenden Gedanken zu unterbrechen. Die Schulung auf sich selbst und das Erlernen funktionaler Selbstgespräche. Es wird am Aufbau der Erfolgszuversicht gearbeitet sowie an seinem Selbstvertrauen „Kompetenzerwartung“. Zusätzlich werden Entspannungsverfahren zur Angst- und Stressreduktion eingesetzt.

Wichtige Grundsätze in meiner Arbeit:

  • Der Sportler wird als Experte für seine Situation angesehen. Er trägt die Lösung in sich, jedoch kann er im Moment nicht darauf zurückgreifen
  • Das Vorgehen ist so individuell wie der Athlet und Trainer selber und ist stets offen in der Ergebnis- und Prozessarbeit
  • Erleben und Verhalten des Athleten und Trainer werden herausgearbeitet, eine Zielbestimmung angestrebt und die Kommunikationsprozesse verbessert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem „Wie“ (Fachberatung) & „Was“ (systemische Herangehensweise) der sportpsychologischen Beratung.

Ein Betreuungsmodell für den Nachwuchsbreiten- und Leistungssport Fußball

Sanchez ist 11 Jahre alt, geht in die 5. Klasse, hat 6 Geschwister und betreibt Fußball als Breitensport und soll demnächst in den Leistungssport wechseln. In seiner Altersklasse gilt er als ein großes Talent. Doch er spielt neben Fußball noch Tischtennis und geht sehr gern zum Leichtathletik. Hat zum Vereinstraining noch Athletiktraining und fast jedes Wochenende Punktspiele. Wie sieht in einem solchen Fall eine nachhaltige Betreuung aus und wie könnten seine Teamkameraden davon profitieren?

In der Sportpsychologie werden bereits verstärkt altersgerechte sportpsychologische Konzepte entwickelt, die neben den Maßnahmen für den Nachwuchs für Trainer und Eltern beinhalten (Kuchenbecker, 2000). Die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen oder wie im Fall von Sanchez (11) stehen im Mittelpunkt. Diese sollten systematisch, entwicklungs- und altersgerecht gestaltet sein. Somit ist ein systemisches Betreuungsmodell vorzubereiten:

Schule: Lehrer/Pädagoge oder weitere Bezugspersonen im Kontext

Sport: Trainer, Funktionsteam und Sportpsychologe, vielleicht ehemalige Trainer miteinbeziehen

Dabei sollte auch auf die Betreuung der Eltern und die Integration der Familie einbezogen werden, so dass die Betreuung der Kinder und Jugendlichen ganzheitlich und entwicklungsgerecht stattfinden kann.   

Die sportpsychologische Praxis

Die Säule „Kinder und Jugendliche“ beinhaltet sowohl das Grundlagen- und Fertigkeitstraining, Krisenintervention und die dauerhafte Dokumentation. Des Weiteren wäre eine kontinuierliche Laufbahnberatung zu empfehlen, um weitere Ressourcen für eine stabile Entwicklung zu öffnen. Der Baustein „Unterstützungshilfen für die Eltern“ beinhaltet Fertigkeitstraining sowie der Umgang mit Konflikten. Zusätzlich sollten regelmäßig Fachvorträge für die Eltern angeboten werden. Der gesamte sportpsychologische Entwicklungsprozess sollte durch ein regelmäßiges Monitoring der Erholung und Belastung (bspw. EBF, Kellmann und Kallus, 2000) der Heranwachsenden begleitet werden. Schlussendlich sollte die sportpsychologische Unterstützung im Breiten- und Nachwuchsleistungssport dazu dienen, die Athleten in allen Entwicklungsphasen altersgerecht zu unterstützen und zu fördern.

Sie sehen also, psychische Faktoren sind überall wichtig. Was für Profis gilt, gilt auch für Amateure. Mannschaften funktionieren immer auf ähnliche Weise. Trainer führen ihre Mannschaften oft mit den gleichen Methoden und machen somit altbekannte Fehler. Die Trainer und Spieler, welche ich bisher erleben durfte, besaßen alle individuelle Schwächen und Stärken. Es geht also nicht darum, Dinge von heute an zu verändern. Vielmehr brauchen wir alle Zeit. Demzufolge umfassen angelegte sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen einen Präventions-, einen Trainings- und einen Interventionsaspekt, der in jeder Sportart ob als Profi oder Amateur und in jedem Alter von Nutzen sein können.

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

 

 

Literatur

Beckmann, J. und Elbe, A.-M. (2011): Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta Verlag

Kuchenbecker, S. Y. (2000): Raising winners: a parent´s guide to helping kids succeed on and off the playing field.

Linz, L (2014): Erfolgreiches Teamcoaching: Ein Team I Ziele definieren I Konflikte lösen. Aachen: Meyer & Meyer Verlag

 

 

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Peter Schneider: “Ich bin für alle ein schwarzes Loch”

Peter Schneider
Peter Schneider

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Peter Schneider

Peter Schneider ist ein deutscher Sportpsychologe mit amerikanischen Wurzeln. Er studierte in den USA, Finnland und Deutschland. Im Rahmen seiner Selbstständigkeit arbeitete für Handball- und Fußballvereine in Mitteldeutschland sowie an der Universität Leipzig. Mittlerweile ist er als Sportpsychologe für den Fußball-Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena tätig.

 

Peter Schneider, dein Verein hatte im DFB-Pokal das große Los, gegen den FC Bayern München zu spielen. Für die Spieler war es sicher ein besonderes Erlebnis. Was machte das Spiel für dich als Sportpsychologe anders?

Obwohl ich aus den USA komme, habe ich selbst über 20 Jahre Fußball gespielt. Der FC Bayern war mir seit meiner Kindheit sogar in Detroit bekannt und auch wenn es mir heutzutage ein bisschen wehtut (ich bin leidenschaftlicher Club-Fan – aber das ist eine andere Geschichte!), war mein erstes Mannschaftstrikot vom FCB.  Damals war natürlich der Traum, entweder für oder gegen die Bayern auf dem Platz zu stehen!  Immerhin: Als ich anfing, Sportpsychologie zu studieren, träumte ich weiter, vielleicht eines Tages neben dem Platz oder in einer anderen Funktion den Bayern gegenüber zu stehen. Dass es so schnell in meiner Karriere in Erfüllung gegangen ist, hatte ich einfach nie gedacht.  

Die Vorbereitung auf das Spiel an sich war einerseits völlig normal und andererseits komplett neben der Realität. Stell dir vor, du bereitest die Trainer und Spieler gegen die A-Jugend von Rot-Weiß Erfurt, Hannover 96 oder den FC St. Pauli vor. Du verwendest dann oft Videos aus nicht optimalen Winkeln, musst wegen Namen und Trikotnummern nachschauen und der größte Druck am Spieltag kommt meistens von den Eltern, die ab und zu etwas von der Seitenlinie reinrufen.

So: Jetzt drei Monate vorspulen – du sitzt im Trainerbüro und schaust Supercup, BVB gegen FCB, um einige “Schwächen” in der Verteidigung von den Bayern zu finden. Du brauchst keine Trikotnummer nachschauen. Dass ein französischer Außenbahnspieler namens “Franck Ribéry” extrem gefährlich in 1:1-Situationen ist, ist dir ziemlich bekannt.  Oh, und als Letztes kommen 19.000 Zuschauer und Sky Sports, um das Ganze zu beobachten.

Für mich, mein Trainerteam und die Spieler hatten wir nur ein Ziel: “Pleasure before Pressure” (Genuss / Freude vor Druck). Wir wollten natürlich alles für eine Sensation im Ernst-Abbe-Sportfeld tun, wollten unsere Art von Fußball zu spielen bewahren und am Ende des Abends stolz auf unsere Jungs und unsere Stadt sein. Auch mit Blick auf die krasse Aufmerksamkeit und den Zirkus-Halligalli, die mit dem Spiel verbunden waren, denke ich, dass wir genau dieses Ziel getroffen haben. Ich habe jede Sekunde des Tages genossen, habe versucht, so viel wie möglich im Kopf abzuspeichern und von diesem Event zu lernen – vielleicht für das nächste Spiel gegen den FCB!

Im inneren Zirkel: Peter Schneider
Im inneren Zirkel: Peter Schneider

 

Mittlerweile, spätestens seit dem 4:0-Heimsieg gegen Union Fürstenwalde seid ihr längst wieder im Regionalliga-Alltag angekommen. Wie sieht ein ganz normaler Tag von dir als Sportpsychologe beim FC Carl Zeiss Jena aus?

Manchmal habe ich im Fußball das Gefühl, es gibt keine “normalen Tage”. Jedoch, es gibt ein paar Routinen, die ich jeden Tag bei der Arbeit absolviere. Ein großer Schwerpunkt unseres Trainerteams ist die Belastungssteuerung. Um die Beanspruchung sowie Erholung unserer Jungs zu erfassen, verwenden wir einen Online-Fragebogen: den Kurzskala-Erholung-Beanspruchung (KEB, Hitzschke et al., 2016). Der KEB wird zweimal in der Woche zum gleichen Zeitpunkt ausgefüllt und ermöglicht uns einen Blick in den momentanen Erholungs- bzw. Beanspruchungszustand der Mannschaft. Die Trainer erhalten nur einen Überblick der kompletten Mannschaft während ich als Sportpsychologe und unser Physiotherapeut individuelle Profile von jedem Spieler bekommen. Falls “Probleme” beim KEB auftauchen sollten, suche ich bzw. der Physiotherapeut ein privates Gespräch mit dem Spieler. Dieser Prozess ist umso wichtiger in der Betreuung von verletzten Spielern und denjenigen, die gerade mit der Rehabilitation fertig geworden sind.  

Am Anfang der Woche finden unsere wöchentlichen Meetings statt. In diesen Terminen werden die aktuellen Zwischenstände verschiedener Mannschaften (z.B 1. Mannschaft, U21) ausgetauscht und die Trainingspläne schnell konkretisiert. Danach wird das Spiel mit Video und allen zusätzlichen Daten analysiert und diskutiert. Ich habe während der Analyse drei Aufgaben: meine Einschätzung der Leistung zu teilen, den kompletten Termin zu protokollieren und möglichst viele Fragen zu stellen (Warum war das gut? Wie können wir es verbessern? Haben wir uns in der Wirklichkeit vorgenommen, was wir uns vornehmen wollten?).  Eines ist ganz wichtig: Absolut alles aufschreiben und das Protokoll mit einer To-Do Liste an die Teilnehmer des Termins schicken. Zusammengefasst ist es eine Aufgabe von mir, mehr Ideen und Vorschläge vom SAGEN zum MACHEN zu überführen.

Außerdem bin ich, so oft wie möglich bei den Trainingseinheiten sowie bei der Vor- und Nachbesprechung der Einheit dabei. Ich habe jederzeit mein Notizbuch und einen Stift dabei und will vor allem kontinuierlich für Spieler, Trainer und Staff ansprechbar sein.  So gut wie ich kann, versuche ich jeden Tag, die übliche Abläufe mit einem objektiven Auge zu betrachten und bei Bedarf zu verbessern.  

Die Sportpsychologie wächst in ihrer Bedeutung – im Fußball wie in anderen Sportarten. In welcher Form siehst du Veränderungen bei den jungen Spielern, was die Akzeptanz der sportpsychologischen Arbeit gegenüber betrifft?

Allgemein finde ich, dass vor allem bei jungen Spielern die Sportpsychologie bzw. Sportpsychologen keine Fremdwörter im Fußball mehr sind.  Seitdem Nachwuchsleistungszentren mit Sportpsychologen bei der Zertifizierung punkten können, sind sie überall im Einsatz. Allein durch den regelmäßigen Kontakt mit einem gut ausgebildeten und qualifizierten Sportpsychologen gewinnt die Sportpsychologie an Akzeptanz im Fußball. Je mehr von diesen jungen Spielern sich entwickeln und den Sprung in den Männerbereich schaffen, desto größer ist die Akzeptanz bei den Männermannschaften.  

Der Weg, um Akzeptanz zu gewinnen bzw. noch zu erhöhen, liegt meiner Meinung nach an drei Faktoren:

1) kontinuierliche Betreuung/Ausbildung der Spieler/Trainer im Nachwuchsbereich nach einem klaren Konzept mit wissenschaftlichen-bewiesenen Methoden,

2) dem sportpsychologischen Fokus auf das gesamten Umfeld im Verein und

3) ein Verständnis, dass Sportpsychologen in die Welt des Fußballs wollen – und nicht unbedingt umgekehrt.  

In Jena streben wir allen drei Punkten nach. Mein Vorgänger, Matthias Kleine-Möllhoff (jetzt bei Eintracht Braunschweig) habe ich zu verdanken, dass er die Basis der Sportpsychologie durch seinen positiven Eindruck schon zwei Jahre vor meinem Ankommen gelegt hat. Ich musste damals solche Fragen wie, “was ist die Sportpsychologie?” oder “was machst du denn eigentlich?” nicht mehr beantworten. Darüber hinaus bekam ich ständig Unterstützung von unserem Sportlichen Leiter, der mir geholfen hat, meine Ideen zu konzeptualisieren und über die vergangenen drei Jahren in der Praxis zu überführen. Im Männerbereich bekomme ich mittlerweile die gleiche Unterstützung vom Sportlichen Direktor.  

Jedoch ist alles für lau, wenn du als Sportpsychologe den Respekt der Trainer nicht gewinnen kannst. Es ist klar: Vertrauen ist das allerheiligste in unserem Geschäft. Für mich gewinnst du es durch eine Aktion: Marschieren. Komm früh, bleib spät – zeig was du kannst, aber nur wenn nötig. Hilf dem Trainer mit deinem Wissen weiterzukommen und Erfolg zu erleben, ohne Anerkennung zu gebrauchen. Gewinnst du den Respekt, das Vertrauen und die Akzeptanz des Trainers – gewinnst du die der Mannschaft.  

Was konkret kann die Sportpsychologie eigentlich leisten, um Spieler und Trainer zu unterstützen?

Sportpsychologen haben einen anderen Blickwinkel und eine andere Denkweise zum Fußball als Spieler und Trainer. Wir beschäftigen uns weniger damit, welche Technik oder welche Taktik erarbeitet wird, sondern mehr mit dem WIE wir Technik beibringen oder WIE wir die Taktik kommunizieren. Außerdem haben Sportpsychologen ein anderen Draht zu den Trainern und Spielern – wir können Fragen stellen, die vielleicht für anderen im Verein tabu wären. Ich scherze in meinem Verein, dass ich das “Schwarze Loch der Information” bin – alles kommt rein aber nichts geht raus! Dieses Konzept ist für einige Trainer und Spieler sehr angenehm – die können jederzeit unter vier Augen alles loswerden und nach Rat fragen, können über Ziele, Familie, Freunde oder Unzufriedenheit quatschen – und werden dafür nie beurteilt. In einem Leben, dass oft stark von der Öffentlichkeit geprägt ist, ist so ein Gefühl von einigen im Verein willkommen.

Ein anderer Punkt ist die Kommunikation. Die Kommunikation zwischen Spielern, Trainern und Staff sollte so klar sein wie möglich. Sportpsychologen kämpfen immer für Klarheit im Verein und zwischen allen, die im Verein arbeiten. Dass heißt nicht, dass jeder Konflikt vermieden werden sollte – oder das der Sportpsychologe die Probleme löst!  Sondern eher, dass klare Rollen, Aufgaben und Aussagen herrschen, anstatt Grauzonen, Unklarheiten und Missverständnisse. Die Frage stelle ich oft, “Was ist die Botschaft? Was kommunizierst du mit dieser Aussage oder Aktion?”

Schneiders Platz während des Spiels ist auf der Bank
Schneiders Platz während des Spiels ist auf der Bank

 

Beim FCC bist du als Co-Trainer angestellt. Bei einigen Bundesligisten arbeiten die Sportpsychologen oft im Verborgenen. Wie lange dauert es, bis auch auf allerhöchstem Level offen darüber gesprochen wird, dass Sportpsychologen dazu gehören wie Sportmediziner oder Physiotherapeuten?

Erstens, obwohl ich zum Trainerteam gehöre, sehe ich mich nicht als Co-Trainer beim FCC. Es gibt nur einen Co-Trainer und das ist der Martin Ullmann. Martin, Mark Zimmermann (Cheftrainer), Bernd Lindrath (Torwarttrainer) und ich sitzen zwar zusammen im Büro, aber die Rollenaufgaben jeder einzelnen Person ist uns und den Spielern klar.  Dass ich mit auf der Bank während des Spiels sitze, gehört einfach zu unserem Stil als Trainerteam – so hatten wir uns vorher weiterentwickelt und genauso wollen wir uns in der Zusammenarbeit und weiterentwickeln.  

Zweitens, das ist eine gute Frage – und auch legitim. Allerdings kann ich selbst nicht beantworten, wann alle Erstligisten zugeben, dass sie mit Sportpsychologen arbeiten – und nebenbei: das machen ja immer noch nicht alle!. Ich glaube, es hängt immer viel mit dem Trainer des Vereins zusammen ab. Hatte er sowie der Sportlicher Leiter schon gute Erfahrungen mit einem Sportpsychologen, dann holt er sich höchstwahrscheinlich einen zur Seite. Allgemein denke ich, dass allein durch die sportpsychologische Weiterbildung der Trainer von UEFA und DFB, wo viel Wert auf die Sportpsychologie gelegt wird, werden wir innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre mehr von der sportpsychologischen Arbeit in der Öffentlichkeit erfahren.  

Wie ist es eigentlich zu dem Engagement für den FC Carl Zeiss Jena gekommen?

Ich wohnte vorher in Leipzig und hatte an der SpoWi Fakultät der Universität Leipzig schon 2,5 Jahre gearbeitet. In der Zeit gewann ich Erfahrung in der Praxis bei NHV Concordia Delitzsch Männerhandball, TSG Taucha Frauenhandball sowie durch die Betreuung durch einige Einzelsportler. Dann. durch einen Kontakt bei RB Leipzig bekam ich ein Interview dort hinsichtlich eine´s Job als Sportpsychologe für das NLZ.  Den Job bekam ein anderer – aber ich lernte viel aus dem Gespräch und suchte dann andere Gespräche bei verschiedenen NLZs in der Region aus.  

Den Kontakt zum FCC bekam ich durch den schon genannten Matthias Kleine-Möllhof, der genau zu der Zeit nach Braunschweig gegangen ist. Ich bin nach Jena gefahren, habe mich mit dem sportlichen Leiter sowie dem Leiter des NLZ getroffen und fing schon im nächsten Monat an. Zu dem Zeitpunkt begann meine Zusammenarbeit mit verschiedenen Nachwuchstrainern, unter anderem dem damaligen U19 Trainer Mark Zimmermann. Nach 2,5 Jahren zusammen im Nachwuchs wurde Mark zur 1. Mannschaft hochgezogen und er fragte mich, ob ich Interesse hätte, mit bei den Männern zu arbeiten.  

Kannst du von dem Engagement in der Regionalliga eigentlich leben oder betreust du noch andere Athleten oder Freizeitsportler?

Ich betreue zur Zeit keine andere Athleten weil mir einfach die Zeit fehlt. Ich bin nicht nur mit einer Mannschaft unterwegs – sondern ich betreue auch die U21 und vier Praktikantinnen und Praktikanten von der Universität Halle, die überragende Arbeit in unserer Nachwuchsabteilung leisten. Ich bin sehr froh, dass der Verein davon überzeugt ist, nicht nur in junge Fußballer zu investieren sondern auch in junge Studenten, die ihre Fertigkeiten bei uns entwickeln dürfen. Der Verein profitiert von deren Engagement, die Studentinnen/en aus der Erfahrung und ich aus der Betreuung.

In der Regionalliga gehört ihr zur Spitzengruppe. Die Erwartungshaltung der Fans und in der Stadt ist riesig – aber letztlich würdet ihr noch nicht einmal als Staffelsieger direkt aufsteigen, da ihr erst noch Playoff-Spiele gewinnen müsstest. Wie wirkt sich eine solche Situation sportpsychologisch auf die Betreuung der Mannschaft aus? Und was könnt ihr diesbezüglich vom FC Bayern München lernen?

Spitzengruppe ist schon ein Kompliment! Wobei wir brauchen und wollen kein Label – auch wenn die erste fünf Spiele für uns gut gelaufen sind. Du hast auch Recht, die Erwartungshaltung der Fans ist natürlich groß bei einem Traditionsverein wie dem FCC – aber genauso macht es mehr Spaß!  Eine große Erwartungshaltung bedeutet gleichzeitig, dass man in Jena um etwas Größeres spielt.  Das Kribbeln im Bauch ist nur ein Zeichen, dass der Körper angespannt und fertig für die Schlacht ist – und dieses Gefühl wollen wir in jedem Spiel anerkennen und genießen.  

Wenn es dazu kommen sollte, dass wir am Ende der Saison in der Relegation spielen dürften, dann muss die Mannschaft aus der kompletten Saison Erfahrungen mitnehmen, um sich am Ende durchzusetzten. Mit anderen Worten: Die Betreuung für die Relegationsspiele findet nicht am Ende der Saison statt, sondern ist ein Prozess, der am Tag 1 anfangen hat. Die Ziele, Werte, Mentalität, die uns bis dorthin gebracht haben, müssen genauso in den Playoff-Spielen angewendet werden. Allerdings müssen wir erst dorthin kommen – und das ist weit, weit weg!

Wenn wir eine Sache vom Spiel gegen FCB mitnehmen könnten, wäre es für mich wie die Bayern mit Demut und Bescheidenheit auftreten. Solche Worte verbindet man vielleicht selten mit Profi-Fußballern aber schau das Spiel gegen uns noch einmal an.  Sogar beim Stand von 3:0 sind die Bayern nach jedem Ballverlust nach hinten marschiert und haben streng verteidigt – keiner ist so gut, dass er immer vorn stehen bleiben darf. Darüber hinaus spielen sie unkomplizierten Fußball. Dass ein Qualitätsunterschied auf dem Platz war, ist nicht zu diskutieren. Jedoch spielt jeder beim FCB mit zwei Kontakten, Mann zu Mann bis sie vor dem gegnerischen Strafraum stehen. Selbstverständlich könnten sie öfter mit einem Kontakt spielen – die Fähigkeit haben sie. Aber nur weil sie es auf Grundlage ihrer individuellen Fähigkeiten könnten, heißt es nicht, dass sie es müssen – effektiver und einfacher Fußball steht oben in der Prioritätsliste der Bayern! Die zwei Bespiele sind für mich ein Zeichen von einer Mentalität, die wir brauchen, um kontinuierlichen und langfristigen Erfolg zu haben.  

Fotos: FC Carl Zeiss Jena, Peter Poser

 

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Rio 2016 und was nun?“ – alle weiteren Texte finden Sie hier:

Rio 2016 und was nun?

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