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Carolina Werner: „Ich hätte öfter Kontakt suchen müssen”

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Paul Kohlhoff und Carolina Werner (Foto privat)

Olympische Spiele sind für die Athleten eine hoch exklusive und absolut besondere Erfahrung. Allen voran die Premiere beim größten Sportfest der Welt hat eine spezielle Bedeutung. Nicht anders bei Paul Kohlhoff und Carolina Werner, die in Rio als jüngstes Team in der Bootsklasse Nacra 17 Mixed an den Start gingen. Für die beiden Sportler vom Kieler Yacht Club stand am Ende Platz 13 zu Buche. Welchen Wert diese Platzierung hat, wie sich Olympia anfühlt und wie die Sportpsychologie in besonderen Momenten helfen kann, erfragten die-sportpsychologen bei der 22-jährigen Carolina Werner.

Carolina Werner, was werden Sie ihren Enkeln von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erzählen?

Mal schauen, was ich in meinem Leben noch erleben werde. Aber bisher kann ich kann sagen, dass Olympia in Rio für mich ein einzigartiges Erlebnis war. Ich denke, ich werde meine Enkel ermutigen, auch für ihren Sport zu leben.

Rein sportlich spiegelt der 13. Platz nicht unbedingt das Leistungsvermögen von Paul Kohlhoff und Ihnen wider. Was hat gefehlt, um am Ende noch weiter vorn zu landen?

Am Ende: Erfahrung und Konzentration.

Olympia ist für Athleten schon allein deshalb etwas besonderes, weil jede einzelne Sportart nicht in gewohnter Umgebung sondern auf ganz, ganz großer Bühne stattfindet. Wie hat sich das mental auf Sie persönlich und auch auf das Team, inklusive Trainer und Betreuer, ausgewirkt?

Da wir segeln, sind wir recht weit weg von Zuschauern und Tribünen. Man merkt jedoch, dass viel mehr Leute den Wettkampf verfolgen. Ich habe viele Nachrichten bekommen, was mich zum einen gefreut und zum anderen auch motiviert hat.

Mit Dr. René Paasch haben Sie seit zwei Jahren einen Sportpsychologen an ihrer Seite. Er fehlte allerdings in Rio und bereitete Sie bis zur Abreise dahingehend vor, dass Sie vor Ort die bestmögliche Leistung abrufen können. Gab es Situationen, wo Sie sich René vor Ort gewünscht hätten oder reicht in solchen Momenten auch eine stabile Skype-Verbindung aus?

Die Verbindung mit René war wie gewohnt über Skype. Im Nachhinein denke ich, dass ich öfter den Kontakt hätten suchen müssen, um mit verschiedenen Ereignissen umgehen zu können. Vor Ort waren wir allerdings sehr eingespannt, so dass nur für gelegentliche Skype-Gespräche Zeit blieb.

Welche persönliche Erinnerung haben Sie sich aus Rio mitgenommen und welche Bedeutung wird das olympische Erlebnis für Ihren weiteren sportlichen Werdegang haben?

Dieses olympische Erlebnis motiviert mich extrem, vier Jahre lang weiter zu arbeiten, um so etwas noch einmal erleben zu können. Es war ein unglaubliches Gefühl des Zusammenhalts im Dorf und es war toll, so viele Sportler kennenlernen zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, mit allen die gleiche Sprache zu sprechen. Denn uns alle vereint der Sport.

 

 

Foto: privat

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Sebastian Reinold: Der Reiz der Gefahr

Der Unfalltod der beiden Basejumper Uli Emanuele und Alexander Polli schockt die Extremsportszene. Mitte August sind die beiden Stars, die weltweit für ihre waghalsigen Sprünge in einem so genanten Wingsuit bekannt waren, in zwei unabhängig voneinander geschehenen Unfällen tödlich verunglückt. Trotz dieser tragischen Ereignisse wird das vor Augen geführte Gefahrenpotenzial nicht an Reiz verlieren. 

Zum Thema: Wieso sind Risikosportarten für manche so attraktiv?

Es gibt diejenigen Sportarten, bei denen das Risiko besteht, sich bei ihrer Ausübung zu verletzen. Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Rugby, bei denen ein direkter Kontakt zum Gegner besteht, sind dafür klassische Beispiele. Es gibt aber auch diejenigen Sportarten, bei denen der besondere Reiz darin liegt, dass gerade jederzeit etwas passieren könnte, wenn der Athlet die Aufgabe nicht korrekt meistert, wie zum Beispiel Klettern, Rennsport, Skifahren oder Gleitschirmfliegen. Dazu zählt auch das Basejumping. Natürlich versuchen die Aktiven in diesen Sportarten durch das Tragen von geeigneten Schutzausrüstungen das Risiko einer Verletzung zu vermeiden, doch die Gefahr schwingt immer mit.

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Ein Ansatz zur Erklärung, wieso sich Personen freiwillig solchen Gefahren aussetzen, ist das Phänomen Sensation Seeking. Sensation Seeking wird als das Bedürfnis nach unterschiedlichen, neuartigen und Komplexen Sinneseindrücken definiert. Zum Erleben dieser Sinneseindrücke werden auch körperliche und soziale Risiken in Kauf genommen. Es handelt sich um ein zeitlich-stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das seinen Ursprung in der Biologie des jeweiligen Menschen hat. Personen mit diesem Merkmal haben auf Nervenebene ein geringes Erregungsniveau. Sie versuchen, dies zu erhöhen, indem sie sich reizvollen Situationen aussetzen, um damit einen Wohlfühleffekt hervorzurufen. Bei hoher Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Sensation Seeking setzt sich dieses häufig gegen die Vernunft durch – das Verhalten wird maßgeblich durch die Suche nach entsprechend reizvollen Situationen gesteuert.

Was für den Einzelnen als reizvoll gesehen wird, ist dabei ganz unterschiedlich. Eine Gruppe von Personen sorgt in ihrem Leben zum Beispiel durch Verreisen (experience seeking) für Abwechslung, für andere wiederum stellen soziale Situationen wie etwa exzessive Partybesuche einen Reiz dar (disinhibition seeking) und weitere Personen üben körperlich riskante Aktivitäten aus (thrill and adventure seeking). Eine weitere Komponente ist die Anfälligkeit für Langeweile. Routinehandlungen während der Arbeit oder in sozialen Situationen sind Menschen mit dieser Persönlichkeitseigenschaft ein Graus.

Rationale Erfahrung vs. Risikobedürfnis

Inwiefern Sie, Familienmitglieder oder Freunde von dem Phänomen „betroffen“ sind, lässt sich über die Sensation Seeking Skala (SSS-IV; Zuckermann, 1971) bestimmen. Gern können Sie dazu zu mir Kontakt aufnehmen. Hinweis: Grundlegend lässt sich urteilen, dass das Phänomen in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist und sich nicht singulär zum Beispiel an Altersgruppen festmachen lässt. Das Phänomen findet sich auch in ganz unterschiedlichen Sportarten wieder, wie der Beitrag von Prof. Dr. Oliver Stoll zeigt:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Bei gefährlichem Sensation Seeking Verhalten im Privatleben, wie zum Beispiel als chronischer Raser auf der Autobahn, kann eine Verhaltenstherapie helfen, die der Person beibringt, den Impuls nach dem Kick zu unterdrücken. Im Leistungssport wird es wiederum etwas schwieriger, denn das Risikoverhalten ist häufig systemimmanent. Wer sich also nicht entsprechend verhält, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Deswegen ist eine entsprechende Verhaltenstherapie in solchen Fällen eher etwas für die Zeit nach der sportlichen Karriere.

 

Literatur:

Roth, M. & Hammelstein, P. (2003). Sensation Seeking – Konzeption, Diagnostik und Anwendung. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

Zuckerman, M. (1971). Dimensions of Sensation Seeking. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 36, 45-52.

 

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Thorsten Loch: Was alle (!) von Usain Bolt lernen können

Triple-Triple. Zum dritten Mal in Folge gewann Usain Bolt alle drei olympischen Goldmedaillen auf den Sprintstrecken 100 und 200 Meter sowie mit der 4×100 Meter-Staffel. Dass dieser Athleten über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, steht nicht erst seit den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro außer Frage. Spannend aus sportpsychologischer Sicht ist jedoch, mit welcher Selbstverständlichkeit er seine Gold-Missionen angeht. Es hat den Anschein, dass der Superstar der Leichtathletik es nicht nur als seine Pflicht ansieht zu gewinnen, sondern auch, dass die Zuschauer auf ihre Kosten kommen. Seine Show hat aber womöglich auch einen ganz bestimmten Zweck.   

Zum Thema: Aktivierung und Leistung

Für Höchstleistung im Wettkampf ist die richtige Wettkampfspannung eine wichtige Voraussetzung. Daher ist im Sport neben dem Entspannen auch die systematische Anspannung oder Aktivierung bzw. der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung eine wichtige Fertigkeit. Im Vordergrund sollte jedoch nicht ausschließlich die körperliche Aktivierung stehen (Beckmann/Elbe, 2008). Dass die kognitive Bewertung einen enormen Stellenwert im Leistungssport einnimmt und ggf. über Sieg oder Niederlage entscheiden kann, musste der deutsche Sprinter Julian Reus am eigenen Leib erfahren. Mit dem Wissen um den neuen deutschen Rekord über diese Strecke, kam er jedoch nur nach enttäuschenden 10,34 Sekunden ins Ziel und schied damit bereits in der Vorrunde aus.

„Die Zeit war nicht gut. Ich kann nicht sagen, was ich falsch gemacht habe.“ Julian Reus

Umso beeindruckender die Leistung des Sprinters aus der Karibik. Der Umgang mit Störungen (siehe dazu auch Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen) oder Dingen abseits der eigentlichen Handlung (Laufen) scheinen ihn nicht in seiner Konzentration negativ zu beeinflussen, sondern eher zu beflügeln. Doch warum ist dies so? Eine mögliche Antwort darauf liefert Hain (2000).

Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen

Zone des individuell optimalen Funktionierens (IZOF)

Hain entwickelte ein Modell, nachdem jeder Sportler ein für sich optimales Aktivierungsniveau besitzt. Dass sich ein erhöhtes Aktivierungsniveau nicht zwangsläufig negativ auf die Leistungen auswirkt – wie nach dem Modell von Yerkes und Dodson (1908; vertiefend dazu siehe Stoll/Alfermann) – konnte Hain/Raglin (2000) belegen. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass erfolgreiche Athleten vor dem Wettkampf ein Aktivierungsniveau angeben hatten, die näher an der IZOF (Individuelle Zone des optimalen Funktionierens) lagen als weniger erfolgreiche Athleten. Entscheidend ist vielmehr die kognitive Komponente, sprich die gedankliche Bewertung der Situation. An diesem Punkt ist der Übergang zur positiven Selbstgesprächsregulation fließend. Wahrgenommene körperliche Erregung unmittelbar vor dem Wettkampf kann als Nervosität gedeutet werden und erhält somit eine negative, verunsichernde Bewertung.

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Anstelle von Verunsicherung kann die körperliche Erregung jedoch als Anzeichen für Bereitschaft gedeutet werden – Puni (1961) nennt dies in diesem Zusammenhang „kampfbereit“. Die Komponente der körperlichen Erregung wird in diesem Zusammenhang als Notwendigkeit für eine maximale Leistung angesehen. Die Kunst ist es, sein eigenes optimales Niveau zu finden. Trainer und Sportpsychologen können dabei helfen, dieses zu ermitteln und mit entsprechenden sportpsychologischen Trainingsverfahren in die richtigen Bahnen zu lenken. Bolt scheint seine IZOF bestens zu kennen und nutzt bewusst die Aufmerksamkeit der Zuschauer und deren Reaktionen auf sein Verhalten unmittelbar vor dem Start. Zeitgleich hat es den – aus seiner Sicht – positiven Effekt, dass sich möglicherweise seine Kontrahenten aus dem Konzept bringen lassen und ihre Zone verlassen. Wir können gespannt sein, wie es mit dieser außergewöhnlichen Karriere weitergeht – schließlich feierte der Jamaikaner am Abschlusstag der Spiele seinen 30 Geburtstag.

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Jürgen Walter: Per Freiwurf zum Erfolg

Beim olympischen Basketball-Turnier der Männer geht es spannender zu als gedacht. Die USA haben zwar alle Vorrundenspiele gewonnen und starteten siegreich in die KO-Phase, allerdings fielen die Resultate wiederholt relativ knapp aus. Gut möglich also, dass in weiteren engen Duellen auf dem Weg zum Olympiasieg auch die ganz einfachen Punkte – also die von der Freiwurflinie – eine entscheidende Rolle spielen. Nur, wie lässt sich das Verwerten von Freiwürfen trainieren?

Zum Thema: Wie jeder Basketballer an der Freiwurflinie zum Star werden kann

Der Mensch ist keine Maschine, aber er kann seine „mentale Stärke“ ständig verbessern. Dabei bedeutet „mentale Stärke“: Ein Athlet kann das, was er im Training schafft auch abrufen, wenn es darauf ankommt. Natürlich kommt beim Freiwurf in einem Basketballspiel hinzu, dass der Spieler körperlich an der Grenze ist, vielleicht sogar an der Wurfhand gefoult wurde.

Aber: was läuft in diesem Moment im Kopf des Spielers ab? Denkt er positiv oder negativ? Schon ein altes Sprichwort sagt aus: „Gedanken versetzen Berge“! Hat der Spieler die Überzeugung, diesen Freiwurf (und die nächsten) zu verwandeln? Hat er das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit dazu? Athleten machen oft den Fehler, an das zu denken, was nicht passieren soll. Der Mensch kann aber „nicht“ nicht abbilden. Beispiel: Versucht mal nicht an den roten Elefanten zu denken, es wird nicht funktionieren!

Positiv Denken kann man lernen

Statt an das zu denken, was nicht passieren soll, sollte ich den Fokus auf das richten, was als nächstes ansteht: der Freiwurf. Idealerweise lerne ich auszublenden, wie es steht. Ich „beschummele“ mich sozusagen selber (beschrieben im Buch von Brad Gilbert). Also es steht immer 0-0 und ich mach den Freiwurf rein, wie im Training! Bei der Überprüfung meiner Gedanken helfen zusätzlich folgende Überlegungen:

  1. Sind meine Gedanken realistisch oder beschäftige ich mich mit Vermutungen oder Befürchtungen?
  2. Helfen mir meine Gedanken, mein Ziel zu erreichen, also das Spiel positiv zu Ende zu bringen?

Stelle ich als Spieler fest, dass mir meine Gedanken eher schaden als nützen (z.B. „Bloß nicht versagen!“), kann der Spieler den „Gedankenstopp“ verwenden, ich erkläre meinen Gedanken quasi, dass sie stören und zur Seite gehen sollen und beschäftigte mich wieder mit meinen Stärken. Der mental starke Spieler freut sich auf die Entscheidung, glaubt an seinen Fähigkeiten und verwandelt den Freiwurf – „wie im Training“.

Fehler abhaken

Stellt sich der Erfolg nicht ein, hakt der mental starke Spieler diesen Misserfolg sofort ab. Dazu sagt der Kölner: „Was fott is, is fott“. Er beschäftigt sich nicht mit Fehlschlägen, sondern denkt an die 3 A´s: Akzeptieren, Analysieren, Abhaken!

 

Literatur

Eberspächer, Hans (2008). Gut sein, wenn´s drauf ankommt – Erfolg durch mentales Training. München, Deutschland: Carl Hanser

Gilbert, Brad; Jamison, Steve (1997). Winning ugly – Wie man bessere Gegner schlägt. Lüneburg, Deutschland: Zu Klampen

Railo, Willi (1986). Besser sein wenn´s zählt – Wege zum Erfolg in Sport und Beruf. Tübingen, Deutschland: Pagina

Walter, Jürgen (2016). 65-min. DVD zur Praxis der Sportpsychologie „Alles geschieht im Kopf“  www.walter-sportpsychologie.de

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Dr. René Paasch: Chancenlos im DFB-Pokal?

Erinnern Sie sich an die erste Pokalrunde des Vorjahres? Damals beförderte der Regionalligist FC Carl Zeiss Jena den Bundesligisten Hamburger SV aus dem Wettbewerb. Die Thüringer haben in der Saison 2016/2017 nun das noch größere Los gezogen: Den FC Bayern München. Viel schöner lässt sich die für den Pokal typische David-gegen-Goliath-Konstellation nicht konstruieren. Zumal der Viertligist die Sache ernst nimmt und tatsächlich nicht vollkommen chancenlos ist. Bedeutung kommt hierbei dem Pokalerfolg aus dem Vorjahr zu.  

Zum Thema: Die Rolle der Selbstwirksamkeit in sportlich herausfordernden Situationen

Halten wir kurz fest: Große Chancen hat der FC Carl Zeiss Jena gegen den FC Bayern München nicht, in die zweite Pokalrunde einzuziehen. Dies liegt auf der Hand. Allerdings gibt es nach dem Trainerwechsel in München sowie dem späten Hinzustoßen zahlreicher EM-Teilnehmer keinen besseren Zeitpunkt, den Bayern ein Bein zu stellen. Wichtigste Aufgabe für den David ist aber ohnehin, den Fokus auf die eigenen Stärken zu richten. Hier spielen die vier und allesamt zu null gewonnen Regionalliga-Spiele des FC Carl Zeiss Jena sowie der Pokaltriumph gegen den Hamburger SV aus dem Vorjahr eine Rolle. Gegen die Norddeutschen war Jena über 120 Minuten die bessere Mannschaft und gewann in der Verlängerung vollkommen verdient. Hier liegt die Basis für ein selbstbewusstes Auftreten auch gegen den FC Bayern München. In der Fokus rückt dabei der Fachbegriff “Selbstwirksamkeit”.

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Selbstwirksamkeit

Die Selbstwirksamkeit ist für die sportliche Leistungsfähigkeit auf Wettkampfniveau gut nachgewiesen worden (Feltz & Chase, 1998; Moritz et al., 2000; Short et al., 2005;). Dies gilt gleichermaßen auch für Mannschaftssportarten „Collective Efficacy“ (Bandura, 1986). Unter gemeinsamer Selbstwirksamkeit wird die mannschaftliche Überzeugung eines Teams verstanden, eine anstehende Aufgabe aufgrund eigener Fähigkeiten und Erfahrungen gemeinsam bewältigen zu können. Sie ist im Sport die zentrale Größe, die dazu beiträgt, dass Trainer und Athleten ihre Leistung zum geforderten Zeitpunkt abrufen können. Das Konzept der „Selbstwirksamkeit“ stammt aus der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura (1977, 1982, 1986). Sie bedeutet, dass jemand die Überzeugung besitzt, dass seine eigenen Fähigkeiten ausreichen, um eine Handlung zielgerichtet und erfolgreich durchführen zu können. Weitere Publikation zum Thema Selbstwirksamkeit (Bandura, 1977) folgten dann in den verschiedensten Bereichen, zum Beispiel:

  • Behandlung von Phobien (Bandura, 1977, 1983)
  • Behandlung von Depressionen (Davis & Yates, 1982)
  • soziale Fertigkeiten (Moe & Zeiss, 1982)
  • Raucherentwöhnung (Garcia et al., 1990)
  • Schmerzkontrolle (Manning & Wright, 1983)
  • Gesundheit (O´Leary, 1985)
  • Schule und Studium (Schunk, 1985, 1989, Zimmerman, 2000; Pajares, 1996, 2002)
  • Sport (Barling & Abel, 1983; Lee, 1982; Eberspächer, 2007, 2008; Eberspächer & Immenroth, 1998; Hermann, 2006; Short et. al., 2005).

Aus den zahlreichen Studien lässt sich festhalten, dass das Konzept der Selbstwirksamkeit der beste Indikator für die kontinuierliche Leistung ist. Erst eine über Jahre hinweg aufgebaute Selbstwirksamkeit lassen den Trainer und Sportler Souveränität ausstrahlen. Aber auch kurzfristiger funktioniert dieses Konstrukt: Hier reden wir von einer situativen Selbstwirksamkeit, die zu bestimmten Anlässen oder Umständen – wie dem anstehenden DFB-Pokalspiel – zum Tragen kommt.

Einfacher aber effektiver Test

Wie gut es um die Selbstwirksamkeit im Team vor einem bestimmten Event bestellt ist, lässt sich sogar ziemlich verlässlich messen. Für meine Dissertation hatte ich einen Fragebogen von Schwarzer und Jerusalem modifiziert, der im Trainer-Athleten-Gespräch angewendet werden kann. Die Umsetzung dauert jeweils nur wenige Minuten. Sie brauchen dazu nur den Fragenkatalog und einen Notizzettel – oder auch den Taschenrechner ihres Mobiltelefons. Sie lesen die Aussprüche vor und notieren jeweils den Wert (siehe unten), der sich mit der Antwortoption verbindet. (Anmerkung aus wissenschaftlicher Sicht: Der Fragebogen ist nur teilvalidiert.)

Fragebogen: Selbstwirksamkeit in Fußballmannschaften modifiziert nach Schwarzer & Jerusalem (1999).

  1. Da wir dieselben sportlichen Absichten verfolgen, können wir Fußballer auch mit „schwierigen“ Gegnern (im Beispiel: FC Bayern München) klarkommen.
  2. Ich glaube an das starke Potential in unserer Mannschaft, mit dem wir auch unter widrigen Umständen und starken Gegner gewinnen können.
  3. Ich bin davon überzeugt, dass wir als Mannschaft gemeinsam für fußballerische Qualität sorgen können, auch wenn die Ressourcen im Laufe eines Spiels geringer werden sollten.
  4. Ich bin sicher, dass wir als Mannschaft weitere Fortschritte erzielen können, denn wir ziehen gemeinsam an einem Strang und lassen uns nicht von den äußeren Gegebenheiten aus dem Konzept bringen.
  5. Unser Team kann sich kreative Lösungen ausdenken, um die Qualität auf und neben dem Platz effektiv zu verändern, auch wenn die äußeren Bedingungen dafür nicht günstig sind.
  6. Wir werden ganz gewiss sportlich wertvolle Arbeit leisten können, weil wir eine kompetente Mannschaft sind und an schwierigen Aufgaben wachsen können.
  7. Auch aus Fehlern und Rückschlägen können als Mannschaft viel lernen, solange wir auf unsere gemeinsame Handlungskompetenz vertrauen.
  8. Trotz der Erfolgszwänge können wir die Entwicklung unserer Mannschaft weiterhin verbessern, weil wir ein gut eingespieltes und leistungsfähiges Team sind.
  9. Ich habe Vertrauen, dass wir im Wettbewerb (im Beispiel: DFB-Pokal) es gemeinsam schaffen können, sportliche und taktische Vorgaben in die Tat umzusetzen, auch wenn Schwierigkeiten auftreten.
  10. Es gelingt uns, auch „schwierige“ Gegner  (im Beispiel: FC Bayern München) von unserem sportlichen Können zu überzeugen, weil wir als einheitliche Mannschaft auftreten.

(1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher, (4) stimmt genau.

Bitte jeweils nur eine Antwortmöglichkeit nutzen und anschließend addieren Sie Ihre Werte zu diesen 10 Items:

a)      untere 25 %     10-26

Überzeugung ist sehr niedrig, es besteht dringender Handlungsbedarf, um langfristig Veränderungen bei dem befragten Spieler zu erzielen

b)      mittlere 50%    24-33

Da geht mehr. Schließlich sollen Ihre Spieler selbst unter widrigen Bedigungen Bestleistungen bringen können, egal gegen welchen Gegner, in welchem Stadion oder bei welchem Wetter.

c)      obere 25%    34-40

Hier geht es um die Details. Schauen Sie genau, was Spieler mit solchen überzeugenden Werten ausmacht und wie die Mannschaft davon profitieren kann.

Zum Fragebogen: Es handelt sich um eine eindimensionale Skala von 10 Items. Die Items, die alle gleichsinnig gepolt sind, werden vierstufig beantwortet : (1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher, (4) stimmt genau (Beispielitem: „Da wir dieselben sportlichen Absichten verfolgen, können wir Fußballer auch mit „schwierigen“ Gegner wie dem FC Bayer München klarkommen“). Jedes Item bringt eine internal-stabile Attribution der Erfolgserwartung „Selbstwirksamkeit“ zum Ausdruck. Der Testwert ergibt sich durch das Aufsummieren aller zehn Antworten, so dass ein Score zwischen 10 und 40 resultieren muss.

Bitte geben Sie mir Rückmeldung über Ihre Erfahrungen oder eventuelle Fragen zu dem Fragebogen an. Vielen Dank: E-Mail: info@renepaasch.de

Praktische Tipps für den Trainingsalltag

Folgende Tipps können Sie als Trainer oder Spieler einfach anwenden, um das Thema Selbstwirksamkeit in den Trainingsalltag zu integrieren:

  •         Erinnern Sie sich an frühere Situationen, in denen Sie sich selbstwirksam gefühlt haben
  •         Beenden Sie Ihr Trainingstag mit einer positiven Selbstwirksamkeitsanalyse!
  •         Machen Sie sich klar, dass solche Situationen wirklich positiv waren!
  •         Reden Sie mit Ihren Teammitgliedern und Trainerstab über Selbstwirksamkeitserfahrungen (geteilte Freude ist doppelte Freude!)
  •         Versuchen Sie gemeinsame positive Ereignisse möglichst mit allen Sinnen nach zu erleben!
  •         Würdigen Sie gemeinsam, dass diese Situationen wichtig und bedeutsam waren!
  •         Wählen Sie täglich ein bis zwei mittelschwere Ziele, so dass Sie sich abends über deren Erreichen freuen können!

Zusammenfassung

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die individuelle und kollektive Selbstwirksamkeit trainierbar ist. Für unser Beispiel heißt das, dass der FC Carl Zeiss Jena – setzen wir einmal ein gesteigerten Selbstvertrauen voraus, wofür sicher auch unser Sportpsychologen-Kollegen Peter Schneider (seit Saisonbeginn Sportpsychologe beim FCC) – dem FC Bayern München ein Bein stellen könnte. Die gemeinsame Überzeugung gründet dabei auf dem Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft und eines langfristig angelegten Teamzusammenführung. Im Alltag lässt sich gezielt an der Team- und Sportler-Kompetenzüberzeugung arbeiten – das Prognosetraining stellt dabei eine der Möglichkeiten dar. In der Entwicklung und Festigung individueller und kollektiver Kompetenzen können Sportpsychologen in Verbindung mit dem Trainer, dem Funktionsteam und den Verantwortlichen effektiv unterstützen.

Ich lade Sie ein, noch tiefer in das spannende Thema Selbstwirksamkeit einzutauchen und verweise auf meinen Leitartikel:

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

 

Literatur

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1980). Gauging the Relationship Between Self-Efficacy and Action. Cognitive

Therapie and Research, 4(2), 263-268.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Bargh, John A.; Chen, Mark; Burrows, Lara (1996): Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and steriotype acitvation on action. In: Journal of Personality and Social Psychology, 71, S. 230-244.

Feltz D. L. & Chase M. A. (1998). The measurement of self-efficacy and confidence in Sport. In: J. L. Duda (Ed.): Advances in Sport and Exercise Psychology Measurement. (65-80) Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

Hermann, H.-D., Mayer, J. (2014): Make them go! War wir vom Coaching für Spitzensportler lernen können. Murmann Verlag; Auflage: 2

Moritz D. E., Feltz D. L., Fahrbach K. R., Mack D. E. (2000). The relation of self-efficacy measures to sport performance: A meta-analytic review. Research Quarterly for Exercise and Sport 71, 280-294.

Short, S. E., Tenute, A. & Feltz, D. L. (2005). Imagery use in sport: Mediational effects for efficacy. Journal of Sport Sciences, 23(9), 951-960.

Internet:

http://userpage.fu-berlin.de/~gesund/skalen/Kollektive_Selbstwirksamkeit/kollektive_selbstwirksamkeit.htm

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Philippe Müller: Ärger sofort bewältigen

Vier Jahre Vorbereitung und dann das: ein einziger Fehler und man fällt vom Turngerät. Dieses Szenario gibt es bei den Olympischen Spielen im Kunstturnen immer wieder zu sehen. Verblüffend sind oft die Reaktionen, die darauf folgen. Während in anderen Sportarten dem Ärger freien Lauf gelassen wird – z.B im Tennis beim Zerschmettern des Schlägers – verziehen die Turnerinnen und Turner meist kaum eine Miene. Welche Bewältigungsstrategien sind in diesem Fall angebracht, um zurück aufs Gerät zu steigen und den Wettkampf zu beenden?

Zum Thema: Wie kann Ärger bewältigt werden?

Welche Strategie der Ärgerbewältigung ist nun besser – die aufbrausende nach aussen oder die stille nach innen gerichtete? Die Form der Ärgerbewältigung, bei der den Emotionen freien Lauf gelassen wird, wird auch als Anger out bezeichnet. Diese Form des Ausdrucks kann kurzfristig helfen, den Ärger zu bewältigen, wird in gewissen Situationen aber auch von den Schiedsrichter sanktioniert und mit einer Strafe belegt. Deshalb ist diese Form in vielen Sportarten eher schädlich als förderlich. Wird der Ärger nicht nach aussen getragen, dann wird auch vom Anger in gesprochen. Obwohl bei dem in-sich-hineinfressen nach aussen nichts sichtbar wird, heisst dies keinesfalls, dass der Ärger erfolgreich bewältigt wurde. Es kann im Innern weiter brodeln. Die Gedanken drehen sich um die ärgerauslösende Situation. Die Folgen sind weitere Fehler.

Weder die eine noch die andere Bewältigungsstrategie ist längerfristig zielführend. Der richtige Umgang mit Ärger – Anger control – ist deshalb erstrebenswert und kann erlernt werden.

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Weitere Informationen

Ein Ärgerbewältigungstraining zielt darauf ab, ärgerauslösende Situationen zu identifizieren, die Ärgerreaktionen zu kontrollieren und somit die Stresstoleranz zu erhöhen. Drei grundlegende Phasen werden bei einem Training durchlaufen.

Informationsphase

Im ersten Schritt geht es um die Aufklärung der Mechanismen. Die Informationsphase dient dazu, das Entstehen und Erleben von ärgerauslösenden Situationen bewusst zu machen und Methoden zur Bewältigung zu erklären. Die ärgerlichen Situationen können dabei sehr vielseitig sein. Sei es etwas Offensichtliches, wie zum Beispiel ein Fehler, welcher zu einem Sturz führt. Aber auch subtilere Umstände können, je nach Stresstoleranz der Athletin oder des Athleten, zu Ärger führen. Sei es ein dummer Kommentar des Gegners, das lange Warten, weil sich die Punkterichter nicht einig sind oder eine strittige Entscheidung zur eigenen Ungunst.

Übungsphase

Wurden die stressauslösenden Situationen identifiziert, geht es im zweiten Schritt, der Übungsphase, um das Erlernen alternativer Ärgerbewältigungsstrategien. Ein adäquates Mittel ist dabei, mit Selbstanweisungen zu arbeiten. Dazu können sich ärgerauslösende Situationen vorgestellt oder per Video vorgespielt werden. Anstelle mit aggressiven Handlungen zu reagieren, sollen dabei alternative Selbstinstruktionen erarbeitet und angewandt werden. Eine mögliche Reaktion ist zum Beispiel: „Tief durchatmen, konzentrieren und dann ziehe ich meine Übung perfekt durch!“

Anwendungsphase

Im letzten Schritt, der Anwendungsphase, sollten die neu erlernten Strategien in der Praxis umgesetzt werden. Dabei eigenen sich Vorbereitungswettkämpfe oder auch Trainingssituationen, bei denen die ärgerauslösende Situation hervorgerufen werden kann. Um das gewünschte Verhalten schlussendlich auch im Wettkampf unter Stress zu zeigen, muss die neue Verhaltensweise hartnäckig und über eine längere Zeit trainiert werden. Es gelten dabei die gleichen Prinzipien wie im technischen Training. Denn ein neuer Sprung kann auch nicht an einem Tag gelernt werden.

Nebst den eigenen Strategien zur Ärgerbewältigung kann die Trainerin/der Trainer helfend in solchen Situationen eingreifen. Gerade bei grossen und wichtigen Anlässen, wie den Olympischen Spielen, kochen die Emotionen gerne einmal über. In solchen Fällen ist es umso wichtiger, dass die Trainerin/der Trainer der Athletin/dem Athleten gut zuredet, sie/ihn positiv unterstützt und motivierend auf die nächste Aufgabe vorbereitet.

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Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen

Wenn der erste Startschuss für den 100m Sprint im Olympiastadion João Havelange ertönt, steigt auch Deutschlands schnellster Mann Julian Reus (Samstag, 13. August, um 14:30 Uhr) in die Spiele ein. Der Spitzensprinter zeigte sich kurz vor Olympia in blendender Form und stellte bei der Generalprobe einen neuen deutschen Rekord auf. In 10,01 Sekunden ließ der 28 Jahre alte Sprinter seine Kontrahenten hinter sich und kommt der Schallmauer 10,0 Sekunden immer näher. Trotz dieses Rekords wird er angesichts der schier übermächtigen Rivalen um Bolt & Co. mit dem Ausgang um das Edelmetall nichts zu tun haben. Dies hinter ihn jedoch nicht daran, auch sportpsychologisch zu arbeiten, um seinem perfekten Rennen immer näher zu kommen, wie er kürzlich im Interview im aktuellen Sportstudio verrät.

Zum Thema: Umgang mit Störungen

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Julian Reus im ZDF Sporstudio (Per Klick zum TV-Beitrag, Quelle: ZDF)

Wenn der Sportler eine Handlung, optimal auf seinem höchsten Niveau durchführen soll, dann benötigt dieser 100% seiner Aufmerksamkeit für diese Ausführung. Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges können das Abrufen der „peak performance“ stören. Gedanken an einen möglichen Fehlstart – welcher gleichbedeutend mit der Disqualifikation wäre – oder aber das Wissen, dass viele der künftigen Finalteilnehmer bereits in der Vergangenheit aufgrund von Doping-Vergehen gesperrt waren, sind mögliche Gedankenszenarien. Vielen Sportlern fällt es im Training leichter, sich völlig auf das Handeln zu fokussieren. Wenn es aber drauf ankommt, werden vielen Sportler durch die geänderte Situation (z.B. Erwartungen, Medien, Konsequenzen, Zuschauer) von der Konzentration abgelenkt und beschäftigen sich mit dieser Situation (Mayer/Hermann, 2011). Fachpsychologisch spricht man in diesem Zusammenhang auch von der Lageorientierung (In welcher Situation befinde ich mich?), zu deren Gunsten die Handlungsorientierung (Was ist hier zu tun?) aufgegeben wird (Kuhl, 2001).

„Nicht erniedrigen lassen“ Julian Reus

Kein Platz für Überraschungen

Jedoch in der entscheidenden Phase des Wettkampfes darf die Bewegungsausführung nicht durch störende Gedanken wie beispielsweise negatives Konsequenzdenken beeinflusst werden. Wenn es darauf ankommt, sollte der Kopf die Handlung unterstützen und nicht stören (Eberspächer, 2001). Mittels sportpsychologischen Trainingsverfahren soll der Sportler in die Lage versetzt werden, sich in der jeweiligen Situation entsprechend regulieren zu können. Denn wie Reus selbst berichtet, gibt es Möglichkeiten, sich bereits im Vorfeld auf vermeintlich Überraschendes vorzubereiten. Eine Möglichkeit wäre die Entwicklung eines Aufmerksamkeitsreglations-Drehbuchs (siehe Kollege Dr. Rene Paasch: Taktikanpassungen vorbereiten). In Verbindung mit einer Aktivationsregulation mittels Atemtechnik und einer selbstwertdienlichen Selbstinstruktion (Selbstgespräche siehe Prof. Dr. Stoll: Macht der Selbstgespräche) stehen ihm hilfreiche „tools“ zur Verfügung.

Ein weiterer spannender und für mich persönlich mit entscheidender Punkt ist, dass sich Reus ein realistisches Ziel gesetzt und das Wissen verinnerlicht hat, weshalb er sich überhaupt tagtäglich quält – ganz ungeachtet der Gewissheit, dass die Chance äußerst gering sind. Julian Reus gibt darauf selbst die Antwort (Interview ab 8:56 min). Die Leidenschaft diesem Sport gegenüber und die persönliche Herausforderung wie schnell er laufen kann.

Belohnung abseits der Medaillenform

Lassen wir uns gemeinsam überraschen, ob er die für ihn passende Strategie gefunden hat, um sich nicht von der Rampensau Bolt und dessen „show“ aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich jedenfalls wünsch Julian Reus viel Erfolg und würde mich freuen, wenn es ihm gelingt, sein „perfektes Rennen“ in Rio abzuliefern. Denn dies wäre sicherlich seine Belohnung/Auszeichnung, auch wenn diese nicht die Form einer Medaille besitzt.

Dr. René Paasch: Taktikanpassungen vorbereiten

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Literatur:

Eberspächer, H. (2001). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler.

München: Copress.

Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme.

Göttingen: Hogrefe.

Mayer, J./Hermann, H.D. (2010). Mentales Training. Grundlagen und Anwendung in Sport, Rehabilitation, Arbeit und Wirtschaft. Heidelberg: Springer Verlag.

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Philippe Müller: Social Media – Die Dosis macht das Gift

Alle Blicke sind nach Rio an die Olympischen Sommerspiele gerichtet. Ein Grossteil der Athleten und Trainer haben bereits das Olympische Dorf bezogen. Das für viele mittlerweile wohl wichtigste Utensil darf natürlich nicht fehlen: das Mobiltelefon. Es ist aus der heutigen Zeit kaum noch wegzudenken. Auch für Athletinnen und Athleten hat es einen hohen Stellenwert. Doch welche Möglichkeiten und Gefahren bringt die ständige Erreichbarkeit mit sich?

Zum Thema: Wann Pokémon Go, Facebook und Co. für Sportler gefährlich werden können

Die Sozialen Medien spielen auch für den Sport eine zentrale Rolle. Kaum eine Athletin oder ein Athlet hat kein Profil auf Facebook, Twitter und Co.. Diese Plattformen sind ein wichtiges Instrument für die Vermarktung geworden. Es ermöglicht nicht nur den Fans, ihren Idolen auf Schritt und Tritt zu folgen, sondern auch um mit Sponsoren in Kontakt zu treten und sich zu vermarkten. Im Gegenzug sind die Sozialen Dienste für die Sponsoren eine wichtige Werbeplattform. Vor allem für kleinere Sportarten, welche hart um finanzielle Unterstützer kämpfen müssen und auf diese existenziell abhängig sind, haben sich dadurch neue Türen geöffnet.

Aber: Den vielen Möglichkeiten und Vorteilen, welche die Sozialen Medien für die Sportlerin und den Sportler bieten, stehen ebensoviele Gefahren gegenüber. Das Unterhalten und Pflegen einer Fanseite, das ständige Posten und Tweeten, sowie das Verfolgen und Liken von Freundinnen und Freunden beansprucht eine Menge Zeit. Nicht selten kommt es dadurch zu Kollisionen im Zeitplan. Andere Tätigkeiten werden herausgeschoben oder ganz gestrichen. Das andauernde online sein, führt dazu, dass man den ankommenden Informationen ausgesetzt ist. Das Abschirmen gegen überflüssige, negative oder kritisierende Schlagzeilen ist schwierig.

Zeitvernichtungsmaschine Mobiltelefon

Die Sozialen Medien sind nicht die einzigen Zeitfresser. Auch andere Tätigkeiten mit dem Handy rauben Zeit.

Rings make me crazy #athlete #riodejaneiro #olympics #beard ????

Ein von Matthieu Péché (@matpeche) gepostetes Video am

Zur Freude einiger Athletinnen und Athleten gab es Nachnominierungen. Die Pokémons haben noch rechtzeitig den Weg in den südamerikanischen Staat gefunden. Besonders freuen wird sich der französische Kanu-Slalom-Fahrer Matthieu Peche. Er hatte bereits letzte Woche traurig getwittert: „Keine Pokémons im Olympischen Dorf“. Auch die neuseeländische Fussballspielerin Green, welche sich in einem Interview über das Fehlen der Pokémons in Brasilien beklagt hatte,  kann sich nun auf die Suche nach den Bällen machen. Welches Ausmass das Spielen von Pokémon annehmen kann, zeigt sich im Fall Nicholas Kyrgios. Der australische Tennisspieler, welcher nicht an den Olympischen Spielen teilnimmt, gesteht offen, dass er lieber Pokémon Go spiele als zu trainieren.

Das Spiel ist nicht nur sehr zeitintensiv und kann den Tagesplan durcheinander bringen, es kann auch andere Nebeneffekte mit sich führen. Jede und jeder wird wohl beteuern, dass das Training Vorrang hat und Pokémon in der Freizeit gespielt wird. Doch dadurch kommt nicht zuletzt die Erholung zu kurz. Das Spiel erfordert, dass man aktiv ist und manchmal auch weite Wege gehen muss. Ebenfalls die andauernde Anspannung – man will schliesslich nichts verpassen – ist für die Regeneration nicht besonders förderlich. Und zuletzt hat die ständige Beschäftigung mit dem Spiel auch einen Einfluss auf die Quantität und Qualität des Schlafs.   

Der richtige Umgang mit der Zeit – Zeitmanagement

Ganz so schwarz gemalt wie es hier vielleicht erscheint, ist es nicht. Wie oben erwähnt gibt es doch einige Vorteile. Wie bei allem macht die Dosis das Gift. Ein richtiger Umgang ist deshalb notwendig. Und diesen erreicht man mit der richtigen Planung.

Eine Planung macht aus zwei Gründen Sinn: Zum einen muss man sich mit der Thematik auseinandersetzen und zum anderen kann man die Vorteile nutzen und hat genügend Zeit für die anderen Aufgaben. Feste Zeiten für das Spielen von Pokémon Go sind dabei nicht das Einzige. Auch Posts und Tweets sollten geplant und wie „normale“ Pressearbeit aufgefasst und erledigt werden. Dies bedeutet, tagsüber ein Zeitfenster dafür zu reservieren und es nicht in den Abend oder die Nacht zu verschieben. Man würde schliesslich auch nicht nachts um elf Uhr ein Interview geben. Durch die Planung und der damit verbundenen Trennung von den Tätigkeiten, zum Beispiel der Regeneration, kann jeweils der Fokus auf das Wesentliche gelegt werden.

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Michele Ufer: Trailrunning – Warum tun sie es, WIE sie es tun?

Kürzlich wurde intensiv über Trailrunning-Events und die Entwicklung des Trailrunnings allgemein diskutiert, weil bei einem Ultratrail-Lauf an der Zugspitze lediglich 50% der Teilnehmer das Ziel erreichten und einige Streckenabschnitte für wenig geübte Läufer als relativ schwierig zu laufen oder gefährlich wahrgenommen wurden. Auch die zunehmende Größe der Teilnehmerfelder wurde kritisiert. Während die einen etwas hektisch die Veranstalter in die Pflicht nahmen und Reglementierungen im Sinne von Qualifikationspunkten oder ähnlichem forderten, appellierten die anderen an die Selbstverantwortung der Läufer oder machten die Sportartikelindustrie mitverantwortlich, da diese naturgemäß vor allem eines will: ihre Produkte durch bildgewaltige, verführerische Kampagnen verkaufen.

Für die-sportpsychologen.de berichtet: Michele Ufer

Im Rahmen dieser Diskussion machte Oliver Stoll in einem Beitrag darauf aufmerksam, dass bei Ultratrail-Läufern eine Persönlichkeitsdisposition namens „Sensation Seeking“ (Zuckermann, 2006) relativ hoch ausgeprägt ist, was zu gefährlichem Verhalten verleiten könnte. Wohlgemerkt: könnte. Sensation Seeker sind Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Hirnphysiologie ein höheres Reizniveau benötigen, um sich gut zu fühlen: sie suchen intensive Stimulation, Abwechslung, Abenteuer. Die einen leben das beim (Extrem-)Sport aus. Andere suchen sexuelle Abenteuer, lassen keine Party aus, zocken an der Börse usw. Sie brauchen einfach mehr Aktivierung als andere Menschen, was aber nicht zwingend mit risikoreichen Situationen einhergehen muss. In einer noch nicht veröffentlichten Studie, konnte jedoch genau das nachgewiesen werden: Ultra(trail)-Läufer zeigen tatsächlich eine größere Risikobereitschaft, als (Halb)-Marathon-Läufer (Ufer, 2016).

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Kürzlich fand ein weiteres Rennen in den Alpen, diesmal im Kleinwalsertal, statt. Die Finisher-Quote betrug bei den Damen erneut rund 50%, bei den Herren erreichten zwei Drittel der gemeldeten Läufer die Ziellinie. Nun könnte man erneut Ursachenforschung wegen der geringen Finisher-Zahl betreiben oder sich einfach entspannt zurücklehnen und wie folgt argumentieren. Sehr gut, eine rund 50-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit ist doch perfekt, da es -zumindest bei erfolgszuversichtlichen Menschen- für die größte Leistungsmotivation und entsprechende Spannung sorgt (McClellend, 1953). Manche Rennen speisen ihre Anziehungskraft ja sogar insbesondere daraus, dass sie kaum möglich, besonders „hart, schwierig, extrem“ scheinen.

Ich möchte diese Thematik allerdings noch in eine weitere Richtung lenken.

Warum tun sie es, WIE sie es tun…? Anders ausgedrückt: warum betreiben viele Ultratrail-Läufer ihren Sport eigentlich, wie sie ihn betreiben?

Diese Frage scheint recht einfach zu beantworten. Wahrscheinlich kommen jetzt einigen Lesern reflexartig die klassischen Hinweise bzw. Motive in den Sinn, wie sie ja auch in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt wurden. Die meisten Sportler bestätigen, dass es ihnen beim Laufen in individuell durchaus unterschiedlicher Ausprägung vor allem um folgende Aspekte geht: Geselligkeit, Entspannung, psychische und allgemeine Gesundheit, Gewichtsregulation, Kopf frei kriegen, Probleme lösen, Natur erleben, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern und etwas beweisen. Einige sind natürlich auch wettkampforientiert unterwegs und lieben es, sich mit anderen zu messen. Aber das scheint nicht unbedingt die Mehrheit zu sein. Soweit so gut.

Der Blick über den Tellerrand

Wagen wir einen Blick über den Tellerrand. Bevor ich im Jahr 2011 meinen eigenen Ausflug in die Laufszene begonnen habe, war ich viele Jahre in anderen sogenannten Natursportarten aktiv, war unter anderem recht lange im Klettersport unterwegs, war Windsurfen und Tauchen. Die möglichen Motive für das Sporttreiben scheinen bei diesen Natursportlern durchaus ähnlich zu sein: es geht vielen um… Geselligkeit, Entspannung, Gesundheit, Kopf frei kriegen, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern, sich beweisen und Natur erleben. Und natürlich wollen sich einige auch mit anderen messen, freuen sich auf gelegentliche Wettkämpfe.

Und wo liegen bei so vielen Gemeinsamkeiten die Unterschiede? Nach meiner Wahrnehmung gibt es einen sehr großen Unterschied, der mich zurück zu meiner einleitenden Frage führt.

Einfaches miteinander

Die Natursportler, denen Geselligkeit, Naturerleben, Entspannung, Verbessern und das Ausloten persönlicher Grenzen genauso wichtig ist, wie den Läufern, fahren meist einfach zusammen an den Spot und haben gemeinsam Spaß. Und zwar ohne mehr oder weniger regelmäßig bei einer offiziellen Veranstaltung an den Start zu gehen. Hier und da gibt es natürlich Wettkämpfe und die werden auch gern besucht. Aber meist trifft man sich einfach und treibt gemeinsam Sport. Ohne große Kulisse, ohne offiziellen Rahmen, ohne Startnummer und -geld, ohne Rankings, ohne Urkunde. Man trifft sich, genießt die Zeit, das Miteinander, die Natur, treibt Sport, lotet seine Grenzen aus. Fertig.

„Nur die ersten Kilometer läuft der Körper“

Warum scheint das bei vielen Läufern anders zu sein, obwohl doch viele Motive sehr ähnlich gelagert sind? Warum gehen viele (Ultra)Trail-Läufer im Gegensatz zu den anderen Natursportlern mitunter mehrmals pro Monat bei offiziellen Events an den Start? Warum scheinen viele eigentlich nicht wettkampforientierte Läufer die Struktur oder Bühne des organisierten Events bzw. Wettkampfs zu brauchen und/oder den Trubel, die Cut-Off- oder Finisher-Zeit und Urkunde, über die die Facebook-Community natürlich dann regelmäßig und ausführlich unterrichtet wird?

Hat der Masseur die Antwort?

Dieser Unterschied ist mir in letzter Zeit sehr bewusst geworden. Ein befreundeter Masseur, der viele Hobby- bis Hochleistungsläufer betreut, meint auf meine Frage nach dem Warum spontan:

Viele sind im Hamsterrad des „Da will ich aber auch dabei sein“-Wettkampf-/Veranstaltungskalender gefangen. Nur um der häufig gefürchteten Frage aus dem Weg zu gehen: „Ich habe Dich in XYZ gar nicht gesehen – wo bist Du denn an dem Tag gelaufen?“ Reflexartig kommt dann eine Antwort aus dem Katalog verletzt/Kind/Oma/Opa/Tante/Meerschweinchen krank oder „Neee, wichtiger Business-Termin“ und so weiter. Die Antwort: „Du, ich hatte einfach keinen Bock!“ oder gar „Das ist mir zu viel, zu anstrengend, zu weit, zu teuer!“ wird da, weil nicht Szene-konform, gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Man könnte meinen: vom Sport-Treibenden zum Getriebenen. Und das gilt nicht nur für Ultra(trail)-Läufer, sondern auch auf den kürzeren Distanzen

Multimediale Selbstinszenierung?

Könnte es vielleicht sein, dass wichtige psychologische Motive für das Laufen, wie z.B. „Anerkennung durch andere erhalten“ und „Verbesserung des Selbstwertgefühls“ für eine ganze Reihe von Läufern sehr viel gewichtigere Beweggründe für das Sporttreiben sind, als oftmals zugegeben wird? Könnten diese Motive erklären, warum ausgesprochen viele Läufer so sehr und regelmäßig das organisierte Event mit Startnummer, Zeitmessung, Ranking, Applaus und entsprechender PR suchen?

Und wenn dem tatsächlich so sein sollte, würde das nicht auch erklären, warum heutzutage der fast schon inflationäre Gebrauch von Superlativen zur Beschreibung von Events wie „das härteste, extremste, schwierigste Rennen“ etc. so gut sticht: weil es der multimedialen Selbstinszenierung sehr zuträglich ist und ein wichtiges Bedürfnis mancher Sportler nach Anerkennung und Selbstwertsteigerung bedient?

Bewusste und unbewusste Motive

Die Antwort wird jeder für sich selbst finden müssen. Wer dabei ehrlich zu sich selbst ist, könnte die eigenen Fähigkeiten, Potenziale und tatsächlichen Bedürfnisse zukünftig womöglich noch besser einschätzen, nutzen und seinem Lebensglück weiter auf die Sprünge helfen. Ich für meinen Teil werde mich übrigens demnächst in einem Projekt intensiver mit dem Zusammenspiel bewusster und unbewusster Motive beim Sportreiben beschäftigen, natürlich auch beim Ultramarathon. Und dabei vielleicht auch eine fundierte Antwort auf die eine oder andere meiner hier gestellten Fragen finden.

TV-Beitrag über Michele Ufer & seine psychologische Extremsport-Forschung from Michele Ufer on Vimeo.

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

 

Referenzen:

McClelland, D. C., Atkinson, J. W., Clark, R. A., & Lowell, E. L. (1976). The achievement motive. New York: Appleton-Century-Crofts

Ufer (2016): Persönlichkeitsstruktur und Risikobereitschaft von Ultramarathonläufern. Unveröffentlichter Forschungsbericht

Zuckerman, M., Eysenck, S. & Eysenck, H.J. (1978). Sensation seeking in England and America: Cross-cultural, age, and sex comparisons. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 46, 139–149

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Cristina Baldasarre: Die Spiele sind anders

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro werden uns 10.500 AthletInnen aus 204 Nationen für mehr als zwei Wochen in den Bann ziehen. Besonders im Blickpunkt stehen dabei unsere 106 Schweizer AthletInnen, die in 17 Sportarten um Medaillen kämpfen. Für viele erfüllt sich in Brasilien ein persönlicher und sportlicher Traum. Um diesen tatsächlich zu verwirklichen, arbeiten SportlerInnen schon Jahre vorher darauf hin. Nicht wenige  lassen sich dieser Tage mit den Worten zitieren: „Olympische Spiele sind anders“. Doch was steckt aus sportpsychologischer Sicht hinter dieser Aussage?

Zum Thema: Was macht Olympische Spiele für AthletInnen so besonders?

Die meisten AthletInnen treffen früh in Rio ein, um sich dort an alles Unbekannte zu gewöhnen: an die Grösse des Events, an die anderen Sportarten und an die VertreterInnen der anderen Länder. Viele ausserordentliche Eindrücke prasseln täglich auf die AtheltInnen ein und alle tun gut daran, ein sinnvolles Pausen- sowie Freizeitmanagement umzusetzen. Denn eine der grossen Herausforderungen neben den eigentlichen Wettkämpfen ist es, sich genügend Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, um am Ende eine erfolgversprechende Erholungsbilanz aufzuweisen.

Eine der grossen Besonderheiten ist, dass das Leben im olympischen Dorf auch an wettkampffreien Tagen dazu führt, dass die SportlerInnen ständig mit grossen Emotionen und Trubel konfrontiert sind. Dies beginnt mit der Eröffnungsfeier und wird fortgesetzt mit der Live-Berichterstattung über die Siege und Niederlagen der KonkurrentInnen, der anderen Schweizer AthletInnen oder der KollegInnen anderer Länder. Die permanente Wettkampffokussierung und die grosse Nähe zu den anderen, ein ungewohnt umfangreiches mediales Interesse, die Zuschauermenge und das Wissen um die Wichtigkeit des persönlichen Erfolges: all dies kann einen enormen Druck erzeugen und hat schon bei manchem Sportler ein Blackout verursacht, auch chocking under pressure genannt und dadurch ein Karrierehighlight zu einer bitteren Geschichte gewandelt.

Rechtzeitig den mentalen Koffer packen

Hier kommt die Sportpsychologie ins Spiel, die helfen kann, solche Worst-Case-Szenarien einzudämmen. Dabei ist es aber für die AthletInnen wichtig, sich schon lange im Vorfeld mit den mentalen Aspekten grundsätzlich, und denen eines solch gewaltigen Sportanlasses im Speziellen, auseinander zu setzen. Optimalerweise reisen die AthletInnen also schon mit ihrem mentalen Koffer an und die darin “verstauten” Strategien sind bereits soweit internalisiert, dass sie auch unter diesen besonderen Umständen funktionieren und optimale Wirkung erzielen. Diese sind im Idealfall an verschiedenen Wettkämpfen in den Jahren und Monaten vor den eigentlichen Spielen mehrfach erprobt und optimiert worden.

Denn in Rio wird es ernst: Aus der Sicht eines SpitzensportlerInnen bringen solche Grossanlässe weitreichende Konsequenzen mit sich, nicht zuletzt auch für künftige Sponsoring- oder Vertragsmöglichkeiten. Sportliche Grossanlässe können somit durchaus als critical incidents – als kritische Ereignisse in einer Sportkarriere – gesehen werden. Die jahrelange Hinführung auf diesen Moment, und zwar in möglichst allen erfolgsbeteiligten Bereichen, ist oft für viele SportlerInnen der Auslöser, um sportpsychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Durch die Wichtigkeit des bevorstehenden Anlasses steigen die AthletInnen hoch motiviert in einen solchen Beratungsprozess ein und bringen eine grosse Veränderungsbereitschaft mit. Wir Sportpsychologinnen und Sportpsychologen arbeiten hingegen nicht nach dem Motto: Je wichtiger ein Wettkampf, desto besser die Interventionen. Die Grösse des Anlasses hat keinerlei Einfluss auf die Qualität der anzuwendenden mentalen Techniken. Vielmehr schaffen Grossanlässe durch ihre Wichtigkeit neue Situationen und Themen, denen sich die SportlerInnen mittels mentaler Auseinandersetzung stellen und wofür situativ angepasste Strategien, Tools und Techniken erarbeitet worden sind.

Ein Blick in die Praxis mit Sophie Giger und Sascia Kraus

Wie eine sportpsychologische Intervention in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele ausschaut, kann ich an einem Beispiel darlegen. Hierzu empfehle ich den Insiderbericht zu meiner aktuellen Zusammenarbeit mit dem Synchronschwimm-Duett Sophie Giger und Sascia Kraus.

http://die-sportpsychologen.ch/2016/08/03/sophie-giger-und-sascia-kraus-der-weg-nach-rio/

 

Disclaimer

Die-Sportpsychologen nutzt Begrifflichkeiten in Bezug auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ausschließlich im Sinne der Kommunikation, also im Rahmen von Stellungnahmen, Kritiken oder beschreibenden Verweisen zu Geschehnissen.

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