Dr. Michele Ufer: Umgang mit öffentlicher Kritik

Echte Ehrlichkeit ist nicht nur im Sport selten. Im Musik- und Showbusiness sieht es nicht wirklich anders aus. Einen umso beachtenswerteren Einblick lieferten der TV-Star Jan Böhmermann und der Musiker und Entertainer Olli Schulz neulich in ihrem Spotify-Podcast “Fest und flauschig”. Offen sprachen beide in der Folge “Künstlerische Depression” darüber, wie schwer sie sich tun, mit Kritik von Journalisten an ihrer Person und ihrem kreativen Output umzugehen. Oder auch mit dem Feedback über Social Media-Plattformen wie Facebook und Twitter. Eine Situation, mit der sich allen voran Profi-Sportler sehr, sehr regelmäßig konfrontiert sehen. Was können Kultur-Promis von Sportlern und Sportpsychologen lernen und umgekehrt?

Zum Thema: Hinweise und Strategien zum Umgang mit öffentlicher Kritik

Prominente Menschen stehen meist im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Egal ob A-, B- oder C-Promi, viele “kennen” sie und haben sich eine Meinung über die jeweilige Person gebildet. Das ist in Showbiz, Politik und Wirtschaft genauso, wie im Sport. Wer in der Öffentlichkeit steht, macht sich angreifbar. Es gibt immer jemanden, der irgendwas besser weiß, vermeintlich kann oder allzu schnell ein Urteil fällt. Hinzu kommt oft ein erheblicher Leistungs- und Erwartungsdruck, der nicht selten über die Massenmedien mit ihrer Jagd nach neuen Inhalten verschärft wird. Das kann sehr anstrengend für die Betroffenen sein, vor allem, wenn Kritik unter die Gürtellinie geht. Seit dem rasanten Bedeutungszuwachs sozialer Medien, wie Facebook und Co., können selbst weniger prominente Sportler ein wenig von dieser „Bühnenluft“ schnuppern. Was einerseits die Kommunikation untereinander vereinfacht und intensiviert, kann andererseits schnell und ungewollt zu einer Welle der Aufmerksamkeit, Kritik bis hin zum regelrechten Shitstorm im Netz führen. Das kann frustrieren, am Selbstwert nagen und leistungsmäßig blockieren.

Folgende Tipps helfen, den Umgang mit öffentlicher Kritik zu verbessern

Zunächst einmal lässt sich die Situation durch folgendes Bewusstsein entschärfen:

  • Die Öffentlichkeit ist eine wertvolle Feedback-Ressource, denn wir erhalten durch sie Informationen, die wir für unsere Weiterentwicklung nutzen können. Der Umfang an Öffentlichkeit ist darüber hinaus oft ein Indiz für den Marktwert und somit auch ein wichtiges Instrument für die Markenbildung eines Sportlers. Gut also, wenn wir den Umgang mit ihr souverän zu gestalten wissen. Das kann und sollte man lernen, je mehr man in der Öffentlichkeit steht.
  • Wie sehr wir uns auch anstrengen und nur das Beste wollen, es gibt fast immer irgendwo irgendjemanden, der das, was wir tun oder wie wir es tun, nicht gut findet.
  • Negative, wenig konstruktive Kritik basiert oft auf Neid und Missgunst.
  • Wir haben stets die Wahl, ob wir eine Rückmeldung annehmen und uns damit beschäftigen oder eben nicht.

Und wenn es unter die Gürtellinie geht?

  • Entscheidend ist ein gesundes Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten, Ziele und dafür, was uns wichtig im Leben ist, wem und welchen ethisch-moralischen Standards wir uns verpflichtet fühlen. Wenn wir das für uns klar haben, leitet es uns wie ein innerer Kompass und hilft auch bei starkem Gegenwind, auf dem eigenen Weg zu bleiben.
  • In akuten Situationen hilft oft, erstmal tief durchzuatmen, zu entspannen, drüber zu schlafen, statt reflexartig zu reagieren oder „nachzutreten“, denn oft sind wir bei persönlichen Angriffen im „Fight-or-Flight-Modus“, bei dem es zu Affekthandlungen kommen kann. Wir handeln spontan, ohne nachzudenken. Dabei hauen wir manchmal Dinge raus, die womöglich nicht zu unseren Gunsten sind.
  • Besonders wirksam, gleichwohl nicht immer einfach: verletzender Kritik keine weitere Aufmerksamkeit schenken, denn dies würde die Kritik nur weiter nähren und den Sender der Kritik stärken.

Weitere Strategien, um den Umgang mit der (medialen) Öffentlichkeit zu optimieren:

  • Durch mentales Training und posthypnotische Konditionierungen kann die Fähigkeit zur Abschirmung von negativen Einflüssen bzw. potenziell verletzender Kritik oder deren Umwandlung in konstruktive Energie verbessert werden.
  • Ein videogestütztes Rhetorik-/Medien-Training kann sinnvoll sein, um die Schlagfertigkeit in entscheidenden Momenten zu erhöhen
  • Direkt bei oder nach starker körperlicher Belastung ist die Aktivität der Sprachzentren unseres Gehirns reduziert. Da sind wir meist nicht sonderlich eloquent. Deshalb: möglichst kurz zur Ruhe kommen und ein paar Mal tief durchatmen vor einer Interview-Antwort. Oder noch besser: eintrainieren eines „Interview-Modus“, der genauso wie ein optimaler Wettkampf-Leistungszustand gezielt aktiviert werden kann.
  • Auch ein Bewusstsein für die Arbeitsweise der manchmal etwas hektischen Massenmedien relativiert einiges.
  • Etwas Küchenpsychologie (aber deshalb nicht weniger relevant): Dinge nicht allzu persönlich nehmen

Und zum Abschluss eine meiner Lieblings-Weisheiten:

Was Müller über Meier sagt, sagt oft mehr über Müller aus, als über Meier. Bitte mal drüber nachdenken und beim nächsten „medialen Dolchstoß“ daran erinnern. In diesem Sinne, liebe Sportler: lebt EURE Träume und bleibt aufmerksam und offen für wertvolle Informationen aus dem Umfeld. Über den Rest lernt… zu lächeln. Und, liebe Trainer: wichtig ist heutzutage nicht mehr nur „auf‘m Platz“.

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