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Prof. Dr. Oliver Stoll: Fairness vs. Tour de France

Vielleicht haben Sie ja die vierte Etappe der Tour de France gesehen – vor allen Dingen den Schlussspurt. An den Bildern werden sie ohnehin kaum vorbeikommen. Denn ca. 150 Meter vor dem Ziel geht es „richtig zur Sache“. Peter Sagan zieht aus dem Pulk rechts außen an und „berührt“ Mark Cavendish, der in die Leitplanke gerät und stürzt. Dahinter stürzen noch weitere Fahrer, auch John Degenkolb. Sieger des Sprints wird Arnaud Démare, der französische Meister im Straßenradfahren. Etwa zwei Stunden nach dem Rennen wird Weltmeister Sagan und Tour-Mitfavorit vom diesjährigen Rennen suspendiert.

Zum Thema: Fair oder unfair – das ist hier die Frage? Und wohin im Radsport mit der Moral?

Peter Sagan „berührt“ Mark Cavendish – es folgt aus meiner Sicht ein „Horror-Sturz“. Kurz nach dem Unfall ist noch wenig über die Schwere der Verletzung von Mark Cavendish bekannt. Aber vieles deutet schon am frühen Abend daraufhin, dass dem Briten die Fortführung des Rennens nicht möglich sein wird. Aber zurück zu Sagan und dessen Attacke: Aus meiner Sicht, sieht das nach „Absicht“ aus. Sagan zieht den Ellbogen hoch und „checkt“ Cavendish in die Leitplanke. Schauen Sie hier:

Nun gut – mal abgesehen davon, ob meine Fernsehsessel-Deutung hinsichtlich der Absicht so zutrifft oder nicht. Als Sportpsychologe mach ich mir dann natürlich Gedanken über eine ganze Reihe von Aspekten. Zum einen tut mir Mark Cavendish leid. Mal abgesehen davon, dass diese Sportler Vollprofis sind und natürlich auch wissen, was da in einem Zielsprint alles passieren kann, trifft einen Radsportler eine solche Aktion beim „Saisonhighlight“ massiv. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. „Harte Kerle“ hin oder her – es sind Menschen – keine Maschinen. Und dann denke ich über die „Doppelmoral“ im Sport nach. Fairness ist einer der zentralen Werte im Sport. Genau dieser „Wert“ macht die Faszination des Leistungssports aus.

Nicht blind im System

Auch wenn im Bereich des Leistungssports Begriffe wie Fairness und Moral mittlerweile sehr kritisch diskutiert werden müssen, sollte man nicht vergessen, dass diese Sportler mit diesen Werten und Normen sozialisiert wurden. Seit Kindesbeinen an trainieren sie hart, stecken Niederlagen weg, und stehen wieder auf, und machen weiter. Vielleicht, um einmal eine Etappe bei der Tour de France zu gewinnen. Moralisches Handeln und ethisch, korrektes Verhalten wird unseren Sportlerinnen und Sportlern immer „eingeimpft“ und dies beeinflusst natürlich deren Denken und Fühlen, auch wenn unsere Athletinnen und Athleten natürlich nicht „blind im System“ herumlaufen.

Die Forschung um Moral und ethisches Handeln im Sport fristet in der Sportpsychologie ein absolutes „Nischen-Dasein“. Meines Wissens hat sich in Deutschland lediglich die aktuelle Umweltministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Claudia Dalbert, in ihrer wissenschaftlichen Karriere mit diesem Thema und insbesondere der Auswirkungen von Gerechtigkeitswahrnehmungen im Sport beschäftigt. Hier sehe ich eindeutig noch Optimierungsbedarf.

Ist der Radsport optimal aufgestellt?

Von dieser Tatsache mal abgesehen, sollte man darüber nachdenken, nicht nur Ärzte und Physiotherapeuten in den Profi-Rad-Teams zu beschäftigen. Ich denke, ein guter Sportpsychologe oder eine gute Sportpsychologin, mit viel Wissen aus der Radsport-Szene und dem notwendigen, sportpsychologischen Rüstzeug könnte das „Support-System“ im Radsport eindeutig und konstruktiv unterstützen.

Ich wünsche Mark Cavendish alles Gute und natürlich schnelle Gesundung. Und Peter Sagan – der sich meinen Informationen nach – schon bei Mark Cavendish entschuldigt hat, einen Augenblick der Selbstreflektion über sich und den Werten und über die Moral im Straßenrad-Rennsport. Die Zeit bekommt er nun, ob er will oder nicht.

 

Literatur

Herrmann, M., Dalbert, C. & Stoll, O. (2008). Fairness im Fußball: Eine gerechtigkeitspsychologische Analyse. Zeitschrift für Sportpsychologie, 15, 12-24.

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Elvina Abdullaeva: Saisonvorbereitung für Gewinner

Anfang Juli startet für die Fußball-Bundesligisten die Saisonvorbereitung – eine der wichtigsten Phasen der ganzen Saison, die leicht unterschätzt werden kann. Insbesondere von denjenigen, die eine gute Saison hinter sich und vielleicht sogar einen Titel geholt haben.

Zum Thema: Wie bereitet man die Gewinner auf die neue Saison vor?

Diejenigen, die aus einer schlechten Saison kommen, haben es im Vergleich in der Regel leichter. denn schlechte Zeiten sind die effizientesten Zeiten. In einer sportlichen Krise hat man nichts zu verlieren. Sportler, Trainer oder gesamte Vereine beginnen nach neuen Wegen zum Erfolg zu suchen, probieren ganz andere Dinge als gewöhnlich aus, werden kreativer und mutiger. Im Gegenteil dazu, wenn die Leistung der Vorsaison zufriedenstellend war oder sogar das Prädikat „besser geht’s nicht“ verdiente, wie es international z.B. auf Real Madrid zutrifft, ist die Gefahr groß, dass Sportler oder die Funktionsträger im Verein die neue Serie zu entspannt angehen. Denn in dem Moment hat man keine Not, um mehr an sich zu arbeiten, man ist voller Selbstvertrauen und denkt, dass es von allein so weiter geht. Dafür kann man jedoch sehr teuer bezahlen.

Also: Wie können denn die Gewinner die erreichte Leistung konservieren? Unter uns: Das kann niemand. Die einzige Möglichkeit ist, in Bewegung zu bleiben. Sonst wird es schwierig.

Die Saisonvorbereitung ernst nehmen

In der Fussballgeschichte gibt es viele Beispiele, dass auf eine sensationelle eine katastrophale Saison folgte. Und oft war dies schon am Saisonanfang klar. Wichtig: Oft spielen die ersten Partien für das Selbstvertrauen des Teams eine entscheidende Rolle. Es ist enorm wichtig, allen und sich selbst zu zeigen, dass die Meister noch alles drauf haben. Alle Mannschaften treten gegen den Meister höchst mobilisiert an, gleichzeitig haben sie aber Angst von dem starken Gegner. Und andererseits speist sich die Angst oder auch die Kampfbereitschaft des Gegners von der Spielqualität des Champions. Und dies wiederum hängt wesentlich von dessen Einstellung ab. Ein paar zufällige Niederlagen sind oft genug, damit jeder einzelner Spieler unsicher und nicht mehr zuversichtlich agiert. Dies überträgt sich rasch innerhalb des Teams. Und auf einmal treten die Spieler nervöser auf und vergessen daran zu denken, dass sie eigentlich an sich starke Spieler sind und was sie kurz davor schon alles erreicht haben. Denken wir nur an Borussia Dortmund im letzten Jahr unter Jürgen Klopp. Damit so etwas mit Ihrer Mannschaft nicht passiert, sollten sie der Saisonvorbereitung viel Aufmerksamkeit schenken und das effizient ausnutzen. Ihr Ziel ist es, dass die Mannschaft wieder fleißig trainiert, und von Anfang an motiviert spielt.

Was ist aus sportpsychologischer Sicht in der Saisonvorbereitung zu machen?

  • Realitätscheck

Es geht darum, die Spieler spüren zu lassen, dass Ihre Überlegenheit zerbrechlich ist. Das lernt man nur in Niederlagen. Sie wollen aber nicht, dass diese auf Kosten von Punkten gehen, wenn die Saison schon läuft. Deswegen suchen Sie sorgfältig die Vorbereitungsgegner aus. Es wirkt sich positiv aus, wenn die Mannschaft gegen einen starken Gegner verloren hat. Nicht gegen einen schwachen! Denn in diesem Fall können die Spieler sich immer sagen: „Wir haben uns einfach nicht genug angestrengt.“ Es geht aber darum, ihr „Können“ einem Realitätscheck zu unterziehen und sich bewusst zu machen, dass es immer Luft nach oben gibt. Derjenige, der auf Kosten von alten Siegen lebt, hat keine Zukunft im Leistungssport.

  • Die Herausforderung, sich wieder neu zu finden

Die sportpsychologische Arbeit rund um das Setzen von Zielen spielt hier eine enorme Bedeutung. Die Menschen mit sogenannter Siegermentalität schaffen über lange Zeit, der Beste zu bleiben, weil sie immer wieder einen neuen Vorsatz finden und sich darauf konzentrieren. Seien Sie sich bewusst, dass die Ziele wichtiges Werkzeug ihrer Arbeit sind. Genauso wie ein Navi, der das Auto zum Wunschpunkt bringt, führen die richtige Ziele Ihre Mannschaft zum Erfolg. Überlegen Sie mit dem Team in der Saisonvorbereitung, was das sein könnte, welche neuen Herausforderungen die Mannschaft für sich setzen kann? Auch individuelle Ziele der Spieler sollten sorgfältig durchgesprochen werden. Je individueller und zielführender ein einzelner Akteur an sich arbeitet, desto besser spielt die ganze Truppe (Schliermann & Hülß, 2008). Mehr dazu können Sie zum Beispiel im Artikel von meinem Kollegen Dr. René Paasch lesen.

Zum Text von René Paasch

  • Eigenes Können mitnehmen.

Es geht darum, das Selbstvertrauen sowohl der einzelnen Spieler als auch der Mannschaft aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit und durch die Alltagsroutine werden oft eigene Stärken vergessen. Und das sind die Aufgaben des Trainers, sich selbst und den Spielern immer wieder bewusst zu machen, was die Mannschaft in der letzten Saison zum Titel geführt hat! Was macht das Team aus? Was kann jeder einzelner gut? (Baumann,2008).

In diesem Sinne, eine gute Saisonvorbereitung!

Und darüber hinaus freue ich mich auf Ihr persönliches Feedback: Zum Profil von Elvina Abdullaeva

Quellen

Baumann, S. (2008). Mannschaftspsychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.).Aachen: Meyer & Meyer
Schliermann, R. & Hülß, H. (2008). Mentaltraining im Fußball. Hamburg: Czwalina

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Thorsten Loch: 11 Freunde müsste ihr sein 2.0

Nach der Saison ist bekanntlich vor der Saison. Während sich die Spieler unmittelbar nach der langen Spielzeit in den Urlaub verabschiedet haben, laufen die Motoren im Management- und Trainerbereich auf Hochtouren. Die zurückliegende Saison wird bis auf die kleinsten Details zerlegt, um diese zu analysieren und reflektieren. Wo waren die Stärken und wo lagen die Schwächen? Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen allen voran die Schwächen. Insbesondere geht es hier um die Fragen, ob diese „Lücken“ aus den eigenen Reihen adäquat geschlossen werden können oder ob man sich auf dem Transfermarkt umschauen und ggf. tätig werden muss. Die Sportpsychologie, ohne dass dies von der Mehrheit der Bundesliga-Vereine genutzt wird, liefert dazu spannende und durchaus praktikable Werkzeuge.  

Zu Thema: Welche Entscheidungskriterien können zusätzlich bei der Urteilsfindung für eine Verpflichtung zu Rate gezogen werden, neben den üblichen „Verdächtigen“ (Physoiologie, spieltaktische Daten, Position, usw.)?

Während des jährlichen Saisonrückblick-Schmökerns eines großen Sportmagazins drängte sich mir die Frage auf, wie machen dies bzw. worauf achten die so genannten „Ausbildungsvereine“ wie Mainz 05 oder der SC Freiburg? Ausdrücklich der Letzt genannte Verein um Cheftrainer Christian Streich blieb bei mir hängen. Jahr für Jahr wechseln die spielstärksten Spieler – aktuelles Beispiel: Maximilian Philipp zum BVB – zu finanzstärkeren Vereinen und stellen die Verantwortlichen des Sportclubs immer wieder vor die Herausforderung, einen schlagkräftigen Kader für die kommende Spielzeit zusammenzustellen. Und das alles unter dem Gesichtspunkt, dass der Etat im Vergleich zu anderen Vereinen eher gering einzustufen ist, gelingt es den Breisgauern dennoch hin und wieder, die Großen zu ärgern und attraktiven Fussball zu spielen. Hier spielen sicherlich viele Faktoren ineinander, jedoch drängt sich einer in den Vordergrund, welcher selbst einem nicht ausgewiesenen Experten ins Auge fällt. Die Mannschaft tritt geschlossen als Team auf. Dies ist sicherlich auch dem Führungsstil eines Christian Streichs geschuldet, jedoch soll der Führungsstil von Streich nicht Inhalt dieses Beitrages sein. In diesem soll vielmehr die Tatsache beleuchtet werden, warum es der Mannschaft des SC Freiburg augenscheinlich besser gelingt als Team – in guten wie in schlechten Zeiten –  aufzutreten als andere.

Teamrollen nach Belbin

In den 70er Jahren untersuchte der Engländer Meredith Belbin die Auswirkungen der Teamzusammensetzung aus verschiedenen Persönlichkeitstypen auf die Teamleistung. Basierend auf der Annahme, dass das Persönlichkeitsprofil eines Menschen auf unterschiedlich stark ausgeprägten Eigenschaften beruht, analysierte Belbin Teams aus Kursteilnehmern am Henley Management College. Hierbei identifizierte er acht verschiedene Teamrollen, welche sich aus den Ergebnissen der Verhaltensmuster ergaben. Im Jahr 1981 in einem Modell (siehe Tabelle 1) zusammengefasst, ergänzte Belbin später wiederum dieses um eine weitere Rolle, nämlich die des Spezialisten. Nach der Auffassung Belbins arbeiten Teams dann effektiv, wenn sie aus einer Vielzahl heterogener Persönlichkeits- und Rollentypen bestehen, wobei er in seiner Gliederung drei Hauptorientierungen unterscheidet, welche erneut jeweils drei der neun Teamrollen umfassen:

·         Handlungsorinentierte Rollen: Macher (Shaper), Umsetzer (Implementer), Perfektionist (Competenter, Finisher)

·         Kommunikationsorinentierte Rollen: Koordinator/Interator (Co-ordinator), Teamarbeiter/Mitspieler (Teamworker), Wegbereiter/Weichensteller (Resource Investigator)

·         Wissensorientierte Rollen: Erfinder (Plant), Beobachter (Monitor Evaluator), Spezialist (Specialist)

Durch die Einwirkung verschiedener und sich gegenseitig beeinflussender Faktoren entwickeln sich die Menschen unterschiedlich, wodurch sie gewissen Charakteristika des Persönlichkeitsprofils und somit auch das Rollenverhalten in Teams herausbildet. Jeder Mensch verfügt somit über bestimmte Stärken und Schwächen. Mittels eines Fragenkatalogs zur Selbsteinschätzung und Beurteilung durch Außenstehende lassen sich die Teamrollenprofile bestimmen.

Fazit

Es ist eine wage Vermutung: Aber ich glaube, dass nur bei wenigen Bundesliga-Clubs bewusst die Persönlichkeitsprofile der potentiellen Neuverpflichtungen überprüft werden, bevor die Transfers über die Bühne gehen. Das Modell von Belbin steht in diesem Zusammenhang nur stellvertretend für einige relevante Optionen mehr, welche die Sportpsychologie bietet. Gleichermaßen möchte ich jedoch betonen, dass die Entscheidungsfindung nicht ausschließlich auf psychologische Tests beruhen sollte. Vielmehr soll dies eine Ergänzung  bzw. ein zusätzliches Puzzelstück des Gesamtbildes darstellen, welches sich lohnt mit einzubeziehen. Auch lässt Belbin offen, inwieweit eine optimale Teambesetzung in einer Fussballmannschaft aussieht. Diese scheint jedoch, egal ob bewusst oder unbewusst, den Verantwortlichen des SC Freiburgs häufig gut zu gelingen. Wir dürfen also gespannt sein, ob es Streich und Co. gelingt das Kunststück Europa League aus dem letzten Jahr zu wiederholen. Wir können jedoch davon ausgehen, dass sie diese große Herausforderung gemeinsam als Team in Angriff nehmen.

 

Teamrollen im Überblick

Teamrollen

Rollenbeitrag

Charakteristika

Zulässige Schwäche

Erfinder Bringt neue Ideen ein Unorthodoxes Denken Oft gedankenverloren
Wegbereiter/Weichensteller Entwickelt Kontakte Kommunikativ,

extrovertiert

Oft zu optimistisch
Koordinator/Integrator Fördert

Entscheidungsprozesse

Selbstsicher,

vertrauensvoll

Kann als manipulierend

Empfunden werden

Macher Hat Mut, Hindernisse

Zu überwinden

Dynamisch, arbeitet

Gut unter Druck

Ungeduldig, neigt

Zu Provokation

Beobachter Untersucht Vorschläge

Auf Machbarkeit

Nüchtern, strategisch, kritisch Mangelnde

Fähigkeit zur

Inspiration

Teamarbeiter/Mitspieler Verbessert Kommunikation, baut Reibungsverluste ab Kooperativ, diplomatisch Unentschlossen in kritischen Situationen
Umsetzer Setzt Pläne in die Tat um Diszipliniert, verlässlich, effektiv Unflexibel
Perfektionist Vermeidet Fehler, stellt optimale Ergebnisse sicher Gewissenhaft, pünktlich Überängstlich, delegiert ungern
Spezialist Liefert Fachwissen und Informationen Selbstbezogen, engagiert, Fachwissen zählt Verliert sich oft in Details

 

Thorsten Loch: Der Neue im Team

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Dr. René Paasch: Rüdiger und der Hass

Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger ist mehrmals Opfer rassistischer Beleidigungen geworden. Im Umfeld des Confed Cups spricht er sehr offen darüber. Rüdiger: „Der Schiri sollte den Stadionsprecher darauf ansprechen, dass das passiert. Dann ist eine Verwarnung angemessen. Und wenn es danach immer noch nicht eingehalten wird, finde ich es gut, wenn ein Spiel abgebrochen wird“. Dass wäre das eine – aber wie können Spieler lernen, mit Schmähungen, Beleidigungen bis hin zu Hass umzugehen?

Zum Thema: Wie gehe ich mit rassistischen Beleidigungen um?

Spieler können Sie sich gegen Diffamierungen schützen. Ein Schlüssel ist die Art und Weise, wie Sportler Informationen wahrnehmen, interpretieren und bewerten. Dies beeinflusst ihre Gefühle und ihr Handeln. Kognitive Prozesse umfassen Erinnerung, Lernen, Planen, Organisieren, Imagination, Hypothesen, Antizipationen und Grundhaltungen. Sie können bewusst oder unbewusst ablaufen. Wie sie verlaufen, ist von der persönlichen Konstitution und den Erfahrungen geprägt. Viele Sportler lernen fälschlicherweise schon sehr früh, negative Filter, zum Beispiel bei Konflikten oder schlechten Spielen, anzuwenden und dabei das Positive auszublenden. Ein großer Teil dieser gefilterten Wahrnehmungen vollzieht sich auf einer unbewussten Ebene in Form automatischer Gedanken. Sie können zu kognitiven Verzerrungen oder dysfunktionalen Überzeugungen führen. Hier setzt die kognitive Umstrukturierung ein. Sie zielt darauf ab, belastende Denkmuster aufzudecken und umzustrukturieren. Nur wenn sich der einzelne Sportler über seine Gedankenmuster und deren Auswirkungen bewusst ist, kann er gezielt entgegensteuern.

Das Selbstkonzept und die persönliche Welt des Sportlers werden als bedeutender Einflussfaktor auf sein Verstehen, Verhalten und seine Gefühlswelt verstanden. Die kognitive Umstrukturierung konzentriert sich dabei auf gegenwärtige Probleme und bietet problembezogene Lösungsansätze, wie beispielsweise die Rational-Emotive Therapie von Ellis. Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen Bewertungen und Bewertungsmuster, insbesondere die irrationalen Bewertungsmuster. Auf Ellis (1993) geht das ABC-Modell zurück:

A (Activating event/experiences) – auslösendes Ereignis, das ein äußeres Ereignis sein kann, wie die rassistischen Beleidigungen gegenüber Antonio Rüdiger

B (Beliefs) – Bewertung in Form eines irrationalen Denkmusters, „Meine Hautfarbe führt zu dauerhaften Beleidigungen in den Stadien.“

C (Consequences) – Konsequenz in Form negativer Gefühle, wie Trauer, Niedergeschlagenheit, Wut und schlechte Leistungen.

Die Bedeutung der Bewertung

Anschließend nutzen Sie die Erweiterung des ABC-Schemas, indem Sie die Bewertung als Zwischenschritt nutzen. Würde ein auslösendes Ereignis gleich zu Gefühlen und Verhalten führen, wären Einflussnahmen kaum möglich, da es sich um eine reflexartige Abfolge handeln würde. Der Einschub der Bewertung, die erst der Auslöser für die Emotionen und das Handeln ist, ermöglicht eine Einflussnahme auf die Bewertung. Sie kann aktiv verändert werden und so eine kognitive Umstrukturierung herbeiführen. Das ABC-Modell verläuft nicht nur linear, sondern in einer selbstverstärkenden Schleife. Angewandte Filter in der Bewertungsphase werden in folgenden ähnlichen Situationen wieder oder gar in verschärfter Form verwendet. Deshalb hat Ellis seinem Modell die Interventionspunkte D (Dispute) und E (Effect) hinzugefügt.

  • D steht für das Hinterfragen der Bewertung und E für das Erleben neuer positiver Erfahrungen. Wenn sich der Sportler einer ungünstigen Bewertung (B) bewusst wird, kann er sie hinterfragen (D) und neue Erfahrungen (E) machen.

Als konkrete Methode wird der Sokratische Dialog genutzt. In einer offenen Gesprächsführung werden die Annahmen des Sportlers auf ihre Logik und ihren Realitätsbezug hinterfragt – mit dem Ziel, einen Perspektivwechsel und die Selbsterkenntnis des Sportlers zu fördern.

Fazit

Im Fußball gibt es die grundlegende Überzeugung, dass für Diskriminierung, Hass und Beleidigungen kein Platz ist. Die internationalen und nationalen Verbände kommunizieren dies gern kampagnenartig oder auch in konkreten Maßnahmen. Auf Ebene der Individuen, also der Spieler, Trainer und Funktionäre im Verein, muss anders agiert werden. Hier können nicht zuletzt Sportpsychologen helfen, denen Methoden wie unter anderem die Rational-Emotive Therapie nach Ellis vertraut sind, um speziell und zielgerichtet auf den Einzelfall zu reagieren. Wichtig ist, dass das Bewusstsein im Fußball wächst, dass auch diese ganz kleinen Schrauben gibt, an denen gedreht werden kann. Relevant sind solche Methoden ja nicht nur im Fall von rassistischen Beleidigungen, wie sie Antonio Rüdiger erlebt hat. Denken wir nur an seinen Nationalmannschaftskollegen Timo Werner von RB Leipzig, der nach seiner Schwalbe gegen Schalke 04 im vergangenen Jahr selbst im Trikot mit den vier Sternen kürzlich ausgepfiffen wurde.

 

Literatur

Achilles. /Pilz, G.A.:  Zum Umgang mit rechten Tendenzen im Fußball-Fan-Umfeld von Hannover 96. Ergebnisse der Interdisziplinären Arbeitsgruppe zur Bekämpfung rechter Umtriebe im Fußballbereich. In: Dembrowski, G./ Scheidle, J. (Hrsg.): Tatort Stadion . Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002; 195-211

Ellis, A. (1993): Grundlagen der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Pfeiffer, München 1993.

Lamprecht, M., Stamm, H. (2002): Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz. Zürich, 2002

Räthzel, N. ( 2000) : Theorien über Rassismus. Hamburg – Berlin.  

Özaydin, C. & Aumeier, H. (2008). Rechtsextremismus und Ausgrenzungserfahrungen aus der Sicht des Vereins Türkiyemspor Berlin e. V. In M. Glaser & G. Elverich (Hrsg.), Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fußball. Erfahrungen und Perspektiven der Prävention (S. 110-123). Leipzig: Omniphon GmbH Leipzig.

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Dr. Michele Ufer: Spitzenleistung bei Hitze

Im Juni 2014 schaute fast die ganze Welt nach Südamerika, denn in Brasilien fand die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Die Spieler, deren Trainer und Betreuer sowie die Medien hatten aufgrund der mitunter großen Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit bereits im Vorfeld intensiv über den Umgang mit den äußerst schwierigen klimatischen Bedingungen diskutiert. Aber es geht noch knackiger. Zeitgleich und größtenteils unter Ausschluss der öffentlichen Wahrnehmung ging in der Nähe eine kleine Gruppe von Sportlern im Amazonas-Regenwald an den Start eines extremen Wettkampfes. Beim Jungle Ultra, einem sechstägigen Ultramarathon-Rennen über eine Strecke von 250 Kilometer, mussten die Athleten nicht nur schwierigstes Gelände laufend, kletternd und schwimmend bewältigen, sondern dabei auch noch ihre komplette Ausrüstung von rund zehn Kilogramm während des Rennens selbst transportieren. Nach den täglichen Etappen von bis zu 80 Kilometern wurde unter freiem Himmel in Hängematten übernachtet, bevor es am nächsten Tag bei rund 40°C und 100% Luftfeuchtigkeit weiterging. Jeder dieser Läufer absolvierte an einem einzigen langen Wettkampftag fast so viele Kilometer wie eine komplette Fußballmannschaft zusammen. Während die Fußballer bei den Spielen und in den Pausen quasi rund um die Uhr gepflegt und versorgt wurden, sah das bei den Läufern gänzlich anders aus. Externe Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Herausforderung gab es so gut wie keine und über die Hitze hatte sich kaum jemand beklagt.

Zum Thema: Was können “normale Sportler” von Extremsportlern über den Umgang mit großer Hitze lernen?

Wir alle wissen und erleben immer wieder, dass Menschen auf identische situative Anforderungen oftmals völlig unterschiedlich reagieren. Aus diesem Grund unterscheiden wir zwischen Belastung und Beanspruchung. Unter Belastung ist die situative Herausforderung zu verstehen, die objektiv für alle gleich ist (zum Beispiel der Wettkampf bei 40°C). Unter Beanspruchung verstehen wir die individuellen physiologischen, biochemischen und psychologischen Reaktionen eines Menschen auf die konkrete äußere Belastung.

Die Kreislauf-, Atmungs-, Thermoregulation sowie der Muskelstoffwechsel hängen natürlich einerseits vom Trainings- und andererseits vom Gesundheitszustand ab. Sie können sich bei gleicher Belastung und gleichem Trainingszustand dennoch erheblich unterscheiden und zu individuell unterschiedlichen Beanspruchungen führen. Unstrittig ist, dass die Beanspruchung untrennbar mit mentalen und emotionalen Faktoren verbunden ist. Nervosität und Angst führen z. B. immer auch zu einem Anstieg der Herzfrequenz, verringerter Atemtiefe, vermehrten Schweißproduktion, verändertem Muskeltonus.

Aber gilt das auch für die Thermoregulation, das Temperaturempfinden, und können wir diese womöglich sogar gezielt steuern?

Temperaturregulation steuern: von Extremsportlern lernen

Kennst du den Eismann? Ich meine jetzt weder den Italiener um die Ecke, wo du dir im Sommer zur Erfrischung ein leckeres Spaghetti-Eis gönnst, noch diesen Tiefkühlkost-Lieferanten, sondern den Extremsportler Wim Hof. Dieser ist fähig, durch den Einsatz von Konzentrations- bzw. Meditationstechniken seine Körpertemperatur auch unter extremen Bedingungen zu kontrollieren. Er entwickelt eine schier unvorstellbare Ausdauer zum Verweilen in lebensfeindlicher Kälte und schafft Dinge, die normalerweise für den Menschen innerhalb kürzester Zeit den Tod bedeuten würden. Er taucht zum Beispiel im arktischen Winter nackt eine Strecke von 80 m unter einer Eisscholle her oder hält es über eine Stunde lang gefangen in einem großen Eiswürfel aus.

Eine Untersuchung an der Universität von Minnesota hat ergeben, dass Wim Hof über keine besonderen körperlichen Voraussetzungen verfügt. Seine außergewöhnlichen Leistungen sind auf eine besondere Konzentrationstechnik zurückzuführen: dem sogenannten Tummo. Es handelt sich hierbei um eine buddhistische Meditationspraxis, die die kontrollierte Erhöhung der Körpertemperatur zum Ziel hat, um bewusst Energie von innen nach außen zu lenken und dadurch negative Gedanken, Stressoren etc. durch „Verbrennen“ zu tilgen. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen die temperaturregulativen Effekte des Tummo und erklären dies damit, dass die Praktiker gelernt haben, innere Körpervorgänge besser wahrzunehmen und dann gezielt zu beeinflussen (Benson et al., 1982; Lutz et al., 2007). Geht das auch in die andere Richtung?

Der Wüstenläufer: mentales Abkühlen

Wenn es möglich ist, durch die Lenkung der Aufmerksamkeit die Körpertemperatur zu erhöhen, dann sollte auch die umgekehrte Richtung funktionieren: bei großer Hitze für mehr Frische im Körper zu sorgen. Genau das war eines der Ziele, die ich selbst im Rahmen der mentalen Vorbereitung auf diverse Ultramarathons in der Wüste bei bis zu 54°C verfolgt hatte.

Exkurs: Zitronenexperiment! Du kennst wahrscheinlich das berühmte Zitronenexperiment. Stell dir möglichst intensiv vor, wie du eine frische, geschälte Zitrone in der Hand hältst, wie du sie bereits riechst. Und dann stelle dir vor, wie sich deine Hand mit der Zitrone Richtung Mund bewegt und du beherzt in die Zitrone beißt, sich die Zähne tief ins Fruchtfleisch bohren. Sehr wahrscheinlich führt diese Vorstellung auch bei dir zu unmittelbaren körperlichen Reaktionen. Bei dem einen verzieht sich das Gesicht, beim anderen wird der Speichelfluss angeregt, etc. Diese Wirkung innerer Bilder auf den Körper können wir im Rahmen mentaler Trainingsprogramme gezielt nutzen, um Herausforderungen besser zu bewältigen.

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Weitere Informationen

Some like it HOT – Ausdauertraining inkl. Vortrag in der Sauna from Michele Ufer on Vimeo.

Wenn man stundenlang durch die Wüstensonne laufen muss, kann die Temperaturregulation zu einem entscheidenden Puzzle-Teil bei der Leistungsoptimierung werden. Aus diesem Grund habe ich vor und während meiner Wettkämpfe u.a. mit inneren Bildern und damit verbundenen Gefühlen gearbeitet, die helfen, das Temperaturempfinden zieldienlich zu kontrollieren. Das intensive Hineinversetzen in bestimmte Vorstellungen von Frische oder Kälte schafft dann trotz äußerer Hitze (Belastung) in den anvisierten Körperregionen, z.B. in den Füßen und Beinen, die entsprechende Reaktion bzw. Wahrnehmung (Beanspruchung). Das kann zum Beispiel die Vorstellung von einem Eisbecken sein, durch das ich watsche. Wie das genau funktionieren kann, habe ich in meinem Buch Mentaltraining für Läufer. Weil Laufen auch Kopfsache ist erläutert. Die dort vorgestellten Strategien haben sich über den reinen Laufsport hinaus in anderen Sportarten und selbst im beruflichen Kontext außerhalb des Sports bewährt.

Fußballer brauchen Konzentrationsroutinen

Nun können Fußballer nicht über den Platz rennen und während des Spiels intensiv an irgendwelche erfrischenden Bilder denken. Das würde zu sehr ablenken. Aber es ist möglich, im Vorfeld Konzentrationsroutinen und Visualisierungen zu entwickeln und den Athleten so zu konditionieren, dass die Aktivierung der regulativen Prozesse und Gefühle von Frische von allein, d.h. wie auf Autopilot stattfindet. Das kann man lernen. Es ist eine Frage des Trainings, des mentalen Trainings.

Ziemlich spooky? Nein! Die Immunisierung gegen die Umgebungstemperatur ist kein heißer Geheimtipp, sondern eine Jahrtausende alte Kulturtechnik. Der typische Deutsche jammert ja gern, meistens ist ihm zu heiß oder zu kalt. Und mir scheint, das gilt auch für die Sport-treibende Zunft. Ab jetzt gibt es aber keinen Grund mehr zu Jammern: wie wir gesehen haben, hast du es selbst in der Hand. Mach das Beste draus.

 

Hinweis in eigener Sache: Dr. Michele Ufer veröffentlicht am 17. Juli 2017 sein neues Buch: „Flow-Jäger. Motivation, Erfolg und Zufriedenheit beim Laufen“. Hier geht es zur Vorbestellung. 

„Nur die ersten Kilometer läuft der Körper“

 

Literatur

Benson, H., Lehmann, J. W.,Malhotra, M. S., Goldman, R. F.; Hopkins, J.& Epstein, M. D.:Body temperature changes during the practice of Tummo yoga. Letter to Nature Magazine, 21 January 1982. Nature, 295, 234-236

Ufer. M. (2016). Mentaltraining für Läufer. Weil Laufen auch Kopfsache ist. Aachen: Meyer & Meyer (hier zur Online-Bestellung)

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Cristina Baldasarre: My way…

Die Individualität der Anliegen und der Menschen, die mit ihren Leiden und Wünschen zu mir kommen, bestimmen zu einem grossen Teil die Vorgehensweise meiner Arbeit. Nach genauer Auftragsklärung schöpfe ich aus all meinen „Wissens-Schubladen“ gleichermassen. So wende ich nicht selten eine sportpsychologische Methode in einer Psychotherapiestunde an oder umgekehrt. Methoden- und schulenübergreifend zu Arbeiten, das finde ich sehr befriedigend und für die Klienten ist das eine grosse Bereicherung und Horizonterweiterung. Oft stelle ich auch fest, dass die Schwelle, sich sportpsychologische Unterstützung zu holen viel tiefer liegt als diejenige um zum Psychotherapeuten zu gehen. Wieso also das nicht nutzbringend einsetzen?

Zum Thema: Einsatz von Materialien in der Beratung

Ich bin seit jeher Jägerin und Sammlerin. Und somit ständig auf der Suche nach neuem Material für meine Beratungsstunden. Mein Blick schärft sich immer dann, wenn ich ein Krimskramsgeschäft oder Bastelladen betrete, auf dem Flohmarkt bin oder durch Kinderspielzeugabteilungen streife. Stets auf der Suche nach Hilfsmitteln, welche meine Beratungen und Therapien sinnvoll ergänzen und unterstützen. Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Arbeit und Interventionen durch den Einsatz von Therapiematerial an Kraft gewinnen. Als ich im Jahr 2005 auf einem Kongress in Heidelberg die Arbeiten von Danie Beaulieu kennen lernen durfte, bestärkten mich diese zusätzlich auf meinem eingeschlagenen Weg. Ihr Buch Impact Techniken gehört meiner Meinung nach in jedes Büchergestell. Die teilweise erschreckend erfrischenden, einfachen Hilfsmittel sind schlicht super!

Sportpsychologische Modelle und Techniken, das ist my way.
Psychotherapeutische Modelle und Techniken, auch das ist my way.
Die Integration beider Ansätze, das ist definitiv my way!

Das dahinter liegende Modell leuchtet ein: Je eindrücklicher ein neuer Gedanke vermittelt wird, umso besser ist dessen Verankerung im Gedächtnis – und umso deutlicher die Spur, die derselbe dort hinterlässt. Beaulieu setzt deshalb auf das Prinzip des multisensorischen Lernens, bei dem alle Sinneskanäle mobilisiert werden können: auditiv, visuell, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch (VAKOG). Dadurch wird direkt unser intuitives Wissen angesteuert, welches im Körper steckt: in Bildern und Körperempfindungen. Diese Art von Informationsverarbeitung findet in Bruchteilen von Sekunden statt und arbeitet viel schneller als beispielsweise Gesprächstechniken, die auf unsere Kognitionen abzielen. Umgangssprachlich finden wir dieses Prinzip in Äusserungen wie „…den kann ich nicht riechen…“ oder „….der Schreck blieb mir im Halse stecken …“ etc. wieder.

Werkzeuge ohne Ende

Wir wissen, dass unser Gedächtnis direkt mit unseren Gefühlen gekoppelt ist. Dies kann dahingehend genutzt werden, als dass durch den Einsatz von Bildern, Gegenständen aber auch Gerüchen die dazugehörigen Emotionen ausgelöst werden können. Beispielsweise genügt ein Siegerfoto, um das Glücksgefühl wieder zu spüren und die Bilder vor dem inneren Auge zu sehen. Oder man kann bei einer Person, die sehr negativ denkt und immer nur Probleme sieht, ein Feuerzeug anzünden und bei jeder negativen Bemerkung dieses sogleich auspusten…..immer und immer wieder. Irgendwann wird der Gegenüber dann fragen, was das eigentlich soll und nach einer kurzen Erläuterung dann intuitiv auch verstehen, dass so viele negative Bemerkungen zu keinem Ziel führen.

In meiner Arbeit mit Athleten wende ich Ideen und Material aus allen möglichen Bereichen an, passe sie meiner Arbeitsweise und vor allem den Situationen und Themen meiner Athleten an und habe so über die Jahre hinweg eine vielfältige Menge an Dingen gesammelt. Würde ich eine Hit-Liste dessen erstellen, dann kämen die einfachsten Hilfsmittel zuoberst zu stehen:

diverse Post it’s in allen Farben, Formen & Grössen
kleine Notizhefte
Stickers aller Art
Farb- und Filzstifte
Bilderbücher
Postkarten & Comics
Schnüre & Elastik
kleine Schachteln & Bilderrahmen
Bälle
Figuren
Tiere & Gegenstände
Tassen & Gläser etc.

Mit der Kraft des magischen Denkens

Vor allem bei meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen empfinde ich solche vielfältigen Hilfsmittel als sehr hilfreich und bereichernd. Denn Kinder denken in Bildern, Geschichten und das „magische Denken“ funktioniert noch super. Es macht mir auch einfach mehr Spass, mit solchen spielerischen Interventionen zu arbeiten – und meiner Meinung nach machen sie einen grossen Anteil am positiven Ausgang einer Beratung aus. Einerseits weil der Beziehungsaufbau leichter und spielerisch vonstatten geht. Andererseits aber auch, weil wir ja nun wissen, dass Bilder in unserem Gehirn deutlich besser hängen bleiben als Worte. So nutzt auch die Eriksonsche Hypnotherapie dieses Wissen und arbeitet mit inneren Bildern, Vorstellungen und Gefühlen. Die Aufmerksamkeit wird dadurch gebunden und auf den Körper und sein Innenleben gerichtet. Die gemeinsame (Bilder-)Sprache, die sich zwischen meinem Sportler und mir entwickelt, erweist sich für unseren Beziehungsaufbau als sehr zentral.

Ein Beispiel als Erläuterung: Eine 12-jährige, sehr talentierte Skirennfahrerin berichtet nach einer Bänderverletzung am Fussgelenk über Blockaden während der Rennen. Der Unfall hatte sich nicht auf dem Schnee ereignet – trotzdem hatte er seinen Einfluss auf die Leistung. Sie bringe ihr Tempo einfach nicht mehr und fahre mit angehaltener Bremse, sagte sie. Wow, was für ein perfektes Bild zur Beschreibung ihrer Situation! Wir haben daran gearbeitet, welches Bild ihr anstatt der angezogenen Bremse denn besser entsprechen würde, stimmiger wäre und ihr das Gefühl vermittle, welches sie beim Skifahren haben wollte. Sie konnte sich gut in dieses „Bilder-Gefühls-Spiel“ einlassen und formulierte Begriffe wie auf Schienen, locker, gedankenlos, stark und gleichzeitig wendig, hin und her, Spass, Weitblick etc. Solche Äusserungen laden förmlich zu einer kleinen Trancereise ein. So machten wir uns auf die Suche nach einem gesamthaften Bild, in welchem sich all ihre „guten“ Gefühle vereinen liessen. Es dauerte nicht sehr lange und sie fand sich auf einer Blumenwiese wieder, auf einem Feldweg stehend. Inmitten farbiger Frühlingsblumen und mit viel Fernsicht. Hier fühlte sie sich vollkommen locker. Die Sonne und den Wind spürend spazierte sie völlig frei, glücklich und gedankenlos über diese Wiese. Dieses neu entstandene leistungsfördernde Gefühl hat sie dann an einem für die passenden Ort in ihrem Kopf verstaut, wo sie jederzeit wieder darauf zugreifen konnte. Wer will kann dieses Vorgehen noch mit einem Anker verstärken, wie z.B. das Halten des linken Handgelenks mit der rechten Hand.

Bild als Impulsgeber

Nachdem das Bild entstanden war, forderte ich sie auf, es auf irgendeine Weise zu verbildlichen. Dabei gebe ich stets unterschiedliche Möglichkeiten vor und die Athletin sucht sich eine davon aus: Beispielsweise ein gemaltes Bild, ein inneres Bild als Repräsentation eines Gefühls, eine passende Tierfigur aus meiner Sammlung oder auch ein positiver Satz, der in den passenden Farben geschrieben wird. Ein Bild kann dadurch einen ganzen Prozess in Gang bringen und gehört darum für mich immer mit in die Toolkiste, wenn es um mentale Stärke geht.

Beaulieu, D. (2005). Impact-Techniken für die Psychotherapie. Carl Auer: Heidelberg.

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Ali Faisal: Negative Gedanken hänge ich an die nächste Wolke oder gebe sie einem Vogel mit

Bei der Tischtennis WM in Düsseldorf war Ali Faisal nur eine sportliche Randnotiz. Der 42-jährige Pakistani, der seit 2007 in Deutschland lebt, schied nach drei Niederlagen als Letzter der 62. Qualifikationsgruppe aus. Im Interview berichtet der zweifache Familienvater, der für Borussia Dortmund in der 2. Bundesliga und Oberliga spielte und zuletzt in der NRW-Liga bei GSV Fröndenberg aktiv war, über seine Zusammenarbeit mit Jürgen Walter von die-sportpsychologen.de.

Walter arbeitet seit einer Vortragsreise im 2012 mit der pakistanischen Tischtennis-Nationalmannschaft, die im vergangenen Jahr den Sprung aus der vierten in die dritte Division schaffte, aber immer wieder mit administrativen und organisatorischen Problemen zu kämpfen hat. Vor Jahren wurde Walter so schon zwischenzeitlich zum Teamkoch und versorgte die Delegation während der Teamweltmeisterschaft 2012 in Dortmund in der heimischen Küche. Mit Ali Faisal arbeitet er seit mehreren Jahren intensiver: In der Regel trainieren beide im zweiwöchigen Rhythmus miteinander. Ende 2017 begibt sich Walter erneut auf eine Vortragsreise nach Pakistan. 

Jürgen: Bei der Akkreditierung des Teams Pakistan bei dieser WM gab es mehrere Schwierigkeiten, was ist passiert?

Ali: Einige Spieler und Spielerinnen haben ihr Visum nicht rechtzeitig bekommen und konnten so nicht anreisen. Das Organisationsteam hatte auch eine Email von uns missverstanden und viel mehr Zimmer gebucht, als von uns benötigt. Es sollten so noch hohe Hotelkosten auf den pakistanischen Verband zukommen.

Jürgen: Wie ging die Geschichte aus?

Ali: Unser Präsident hat in einer wirklich dreistündigen Verhandlung alles klären können, so dass die Organisatoren letztlich unserer Argumentation folgen mussten.

Jürgen: Inwieweit haben Dich diese Schwierigkeiten in Deiner Vorbereitung beeinträchtigt?

Ali: Soweit gar nicht: Ich konzentriere mich auf den Sport und bin stolz für mein Land zu spielen. Da ich aber als einiziger männlicher Spieler neben zwei Spielerinnen für Pakistan antreten musste, fehlte mir ein Trainingspartner. Ich konnte mich nicht einspielen, weil es üblich ist, dass sich die Spieler lange im Voraus verabreden.

Jürgen: Du hast in der Vorrunde in einer Vierergruppe gespielt und alle drei Spiele 0-4 verloren. Warst Du enttäuscht?

Ali: Nein, ich musste da von vorner herein realistisch denken. Ich bin derzeit etwa Nr. 950 in der Welt. In der Gruppe habe ich gegen Spieler aus Portugal, Estland sowie von den Philippinen gespielt, die sind in der Welt etwa an Pos. 50, 150 und 200. Das sind Vollprofis. Ich habe für meine Verhältnisse sehr gut gespielt und hätte auch einige Sätze gewinnen können.

Jürgen: Wie hast Du Dich im Vorfeld motiviert um dennoch bei dem Leistungsunterschied jeweils ein gutes Spiel abzuliefern?

Ali: Ich gehe jedes Spiel so an, als ob es ein wichtiges Trainingsspiel ist. Dabei versuche ich mein bestes Spiel abzurufen. Sobald negative Gedanken auftauchen, d.h. Gedanken, die lediglich eine Vermutung, aber keine Tatsache sind und die mir außerdem auch nicht nützen, z.B.: „Wenn ich so weiterspiele, verliere ich!“ stelle ich mir sofort vor, dass ich diese Gedanken an die nächste Wolke hänge oder dem nächsten Vogel mitgebe.

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Weitere Informationen

Jürgen: Wie gelingt das?

Ali: Ich sage mir nach jedem Ballwechsel, es steht 0:0 und ich mache den nächsten Punkt. Ich beschumnmele mich quasi selber. Gleichzeitig versuche ich mir Spielfreude einzureden. Das Glas ist für mich immer halbvoll und nie halbleer.

Jürgen: Das hört sich aber nicht so einfach an.

Ali: Das stimmt. Bei der Verbesserung der mentalen Stärke muss man dran bleiben. Es ist bei mir selbstverständlicher Teil meines Trainings. Vor unserer Zusammenarbeit habe ich sportpsychologische Aspekte praktisch überhaupt nicht berücksichtigt. Dennoch erwische ich mich auch immer noch dabei, dass ich manchmal negativ denke.

Jürgen: Da ist normal, Du kannst nicht gegen Gedanken kämpfen, Du musst sie akzeptieren. Der Mensch ist keine Maschine. Hättest Du gedacht, dass Ma Long erneut Weltmeister werden würde?

Ali: Ma Long ist der derzeit weltbeste Spieler, obwohl er im Finale gegen Zhendong Fan im 7. Satz nur sehr knapp gewonnen hat. Ich hätte aber gedacht, dass er im Doppel mit Timo Boll sehr weit kommt. Sie sind aber früh ausgeschieden.

Jürgen: Wann ist Dein nächstes Turnier?

Ali: Im Dezember finden die pakistanischen Landesmeisterschaften in Karachi statt. Trotz vieler junger Spieler habe ich dort eine Chance auf den Sieg.

Jürgen: Viel Erfolg und weiterhin viel Spaß für Deine Spiele!

Jürgen Walter: Gegen Oma verlieren?

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Dr. René Paasch: Durchblick im Fußball

Fußballer/innen sind ständig vor Entscheidungen gestellt, die in einer kurzen Zeitspanne getroffen werden müssen und durchaus spielentscheidende Konsequenzen haben können. Das Verständnis der Abläufe von Entscheidungshandlungen im Fußball ist daher sehr wichtig. Ich nehme diesen Ball auf und erkläre anhand von Forschungsergebnissen, wie sich das synthetische und analytische Blickverhalten im Fußball verbessern lässt.

Zum Thema: Das Blickverhalten im Fußball verbessern!

Ergebnisse zum Entscheidungshandeln im Fußball bestehen gegenwärtig in der Analyse visueller Suchstrategien bei der Entscheidungsfindung. Als zentrale Punkte der visuellen Suchstrategie und der selektiven Aufmerksamkeit werden Blick- bzw. Augenbewegungen angesehen, die es dem Fußballer bzw. der Fußballerin ermöglichen, bedeutende Aspekte des visuellen Feldes in den Sichtbereich zu bringen. Aus diesen Untersuchungen sollen Hinweise für sportspielspezifisches Wahrnehmungstraining gewonnen werden (vgl. Williams, Grant, 1999).

Die Blickrichtung wird unterteilt in synthetisch und analytisch. Das „synthetische“ Blickverhalten zeichnet sich dadurch aus, dass mit wenigen Fixationen relevante Bereiche des visuellen Feldes fixiert werden, von denen aus viele Informationen erfasst werden können (vgl. Abemethy, 1991). Hierbei werden auch periphere Informationen in die visuelle Informationsaufnahme eingebaut. Das „analytische“ Blickverhalten zerlegt dagegen das visuelle Feld in Bereiche, die durch Fixationen erfasst werden. Studien haben gezeigt, das leistungsorientierte Spielerinnen bzw. Spieler, die auch in der Zeit und Richtigkeit der Entscheidung besser waren, ein „synthetisches“ Blickverhalten einsetzen. Sie sollen auf Grund ihrer Erfahrungen in der Lage sein, die Informationen des visuellen Feldes zu lokalisieren und somit das weite Sehen besser nutzen. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass ein „analytisches“ Blickverhalten mit vielen Blicksprüngen nicht ökonomisch sein kann.

Leistungskicker entscheiden sich schneller und qualitativ besser

Helsen/Pauwels (1993) untersuchten die visuellen Suchstrategien von 15 Experten und 15 Novizen beim Entscheidungshandeln im Fußball. Den Versuchspersonen wurden 30 offensive Spielszenen (z.B. 4:4, 5:5) und Standardsituationen auf einer 10m x 4m großen Leinwand dargestellt. In diesen Szenen spielten sich die Spieler zunächst den Ball zu, bis in die Richtung der Versuchsperson gespielt wurde. Dann wurde über den Film ein Signal gegeben, das die Versuchsperson aufforderte, ihre Entscheidung möglichst schnell durch Spielen eines Balles mitzuteilen. Als Entscheidungsalternativen stand das Dribbeln, der Torschuss oder das Zuspiel zum Mitspieler zur Verfügung. Neben der gewählten Entscheidungsalternative wurde die Zeit bis zur Auslösung der Bewegung, der Zeitpunkt der Ballberührung und die Zeit bis der Ball die Leinwand erreicht erhoben. Des Weiteren wurden die Blickbewegungen der Versuchspersonen mit einem Eye-Movement-Recorder erfasst. Die inhaltliche Auswertung ergab, dass die Leistungskicker sich schneller und qualitativ besser entschieden.

In einer weiteren Studie von Williams et al. (1999) wurde eine komplexere Spielsituationen (11:11) ausgewählt, die den Versuchspersonen auf einer 3m x 3m großen und 5m entfernten Leinwand vorgestellt wurden. Somit konnte das  gesamte Blickfeld der Versuchspersonen mit der Videoprojektion ausgefüllt werden. Die 26 Spielszenen wurden direkt aus professionellen und semi-professionellen Spielen aufgenommen. Die Kameraposition zur Aufnahme der Spielszenen war 15m hinter und 5m über dem Tor aufgebaut. Die Spielszenen dauerten mindestens 10 Sekunden. Der Spieler, dessen Pass von den Versuchspersonen im Experiment antizipiert werden sollte, wurde zur Verdeutlichung während der Videodarstellung eingerahmt. Die Versuchspersonen bekamen den Hinweis, bei Ballbesitz des eingerahmten Spielers so schnell wie möglich zu entscheiden, wo sie den Ball hinpassen würden. Es wurden hierzu zehn durchnummerierte Referenzfelder auf das Spielfeld eingezeichnet, so dass die Versuchspersonen die antizipierte Passrichtung nummeriert angeben konnten. Neben der Zeit und der Qualität der Entscheidung wurden die Blickbewegungsdaten erhoben. Die Auswertung der Antizipationsleistungen ergab, dass die Leistungskicker nachweislich schneller antizipierten, allerdings keine Unterschiede hinsichtlich der Richtigkeit der Antizipation gefunden werden konnte.

Profis schauen anders

Die Autoren konnten noch mehr nachweisen: So antizipierten die Leistungskicker gegenüber den Amateurkickern die Passrichtung bereits vor der Ballberührung durch den Passgeber, während die Amateurkicker erst nach der Ballberührung den weiteren Passweg voraus ahnten. Die Auswertung der Blickregistrierung ergab, dass die Amateure häufiger auf den Ball und den Passgeber schauten. Zudem lässt sich eine visuelle Suchstrategie der Leistungskicker daran erkennen, dass sie nicht nur mehr Orte fixierten, sondern auch eine höhere Suchrate mit mehreren Fixationen von kürzerer Dauer aufwiesen.

Das Hintergrundwissen zu den Entscheidungshandlungen eines Spielers bzw. Spielerin kann einen großen Einfluss auf die anstehenden Trainings- und Wettkampfmaßnahmen zur Behebung solcher Fehler besitzen. Insofern habe ich versucht, für die Praxis anwendbare Ableitungen zu treffen:

Praktische Empfehlung 

  • Hierzu könnten ganzheitliche spielorientierte Trainingsformen Anwendung finden, in denen der Spieler bzw. Spielerin in komplexen Spielformen (bspw. im Ballbesitz auf verschiedene Überzahl-Verhältnisse reagieren, und sich dabei mit Blick ins andere Feld zu orientieren, um einen hereinstartenden verteidigenden Spieler frühzeitig zu erkennen) eingebettete Entscheidungshandlungen zu bewältigen hat. Der Spieler bzw. Spielerin wird dadurch immer wieder mit dem Umschalten zwischen den kognitiven Orientierungen konfrontiert und kann dabei lernen, starre Verhaltensweisen zu lösen um somit die Handlungssteuerung zu optimieren.

 

  • Eine weitere Trainingsempfehlung in der das theoretische Wissen zum Einsatz kommen kann, ist z.B. Anlaufen des Stürmers zum Tor. In den 1:1-Situationen zwischen Angreifer und Torwart kommt es immer wieder dazu, dass der Torwart durch sein Verhalten den Angreifer verunsichert. Diese Verunsicherung ist von außen häufig über eine Verlangsamung des Dribblings beobachtbar. Nicht selten ist es dann der Fall, dass der Angreifer den Zeitpunkt zur Handlungsausführung verpasst und der Torwart dadurch rechtzeitig reagieren kann. Zur Vermeidung dieser Situation kann es sinnvoll sein, dass sich der Stürmer bzw. Stürmerin auf die 1:1- Situationen gegen den Torwart durch eine Vorsatzbildung mental Siehe dazu:

Dr. René Paasch: Mentales Training im Jugendfußball

Die Formulierung dieser Vorsätze ist nach den individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Spieler bzw. Spielerinnen auszurichten. So mag der/die Stürmer/Stürmerin den Vorsatz fassen „Wenn mir der Torwart entgegenkommt, täusche ich mit einer Finte nach außen an und gehe innen vorbei“ oder ich konzentriere mich auf einen halbhohen präzisen Torschuss.

Fazit

Das Verständnis der Abläufe von Entscheidungshandlungen im Fußball kann zu einer neuen Sichtweise der Bewertung von Spielhandlungen führen. Somit ist es möglich, im Training und Wettkampf Anpassungen und Alternativen zu entwickeln.

 

  

Literatur

Abemethy, B. (1991): Anticipation in sport. A review: Physical Education Review. 10. 5-16

Helsen W., Pauwels J. (1993): A cognitive approach to visual search in sport. In Brogan, D. Visual Search. Vol. II. 379-388. Taylor & Francis. London

Williams, A., Grant, A. (1999): Training perceptual skill in sport. International Journal of Sport Psychology (30) 194-220

Williams A. et al., (1999): Visual Perception and Action in Sport . Spon. London

 

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: „Pacing is better than racing“ – Ein Blick in die Gedanken und Gefühle eines Pacemakers

Sie sind es, die einen wichtigen Job für die weltbesten Marathonläufer der Welt machen, und sie sind es eben auch, die damit nicht in der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Sie stehen in der ersten Reihe an der Startlinie, aber sie stehen nicht an oberster Stelle der Top-Verdiener im Profi-Laufbereich. Sie sind es, die „Wanderarbeiter“ des Laufsports, aus Kenia, Äthiopien oder einem anderen Land der sogenannten „Dritten Welt“. Sie kommen nach Europa, um zu laufen und um damit Geld zu verdienen, und somit ihre Familien zu Hause versorgen zu können  – die „Pacemaker“ oder liebevoll auch „Hasen“ genannt.

Zum Thema: Über die Bedeutung der Pacemaker für Langstreckenläufer

Der Bedeutung der Pacemaker wurde ich mir schon 2014 bewusst, als ich als sportpsychologischer Berater mit Falk Cierpinski zusammenarbeitete, um ihn in einen Zielzeitbereich um die 2:14 Stunden zu bringen. Wir konnten zwar im Vorfeld einiges im Zusammenhang mit „mentaler Stärke“ vorbereiten (also z.B. einen detaillierten „Renn-Drehbuch“ gekoppelt mit Aufmerksamkeitsregulationstechniken). Aber während des Rennens war Falk auf sich allein gestellt. Zumindest fast, denn bis Kilometer 34 war immer ein anderer Läufer in seiner Nähe – sein Pacemaker, Dickson Kurui. Er gab das abgesprochene Tempo vor, stellte sich in den Wind, wenn er von vorne kam, beobachtete ihn, redete mit ihm, wenn es nötig war. „Dickson als Pacemaker zu haben, war für mich extrem wichtig damals“, sagt Falk Cierpinski im Gespräch. „Mit und hinter ihm zu laufen, war ein Genuss. Er läuft eben sehr flüssig, überhaupt nicht kantig und unruhig.“ Diese Worte zeigen schon, wie speziell diese Beziehung zwischen dem Läufer und seinem Hasen ist.

Nun sitze ich also hier mit den beiden in einem Café in Halle an der Saale und darf mehr erfahren über dieses kaum beleuchtete Themenfeld der Sportwelt. Witzig: Ich hatte Dickson Kurui erst neulich getroffen, als ich in der Dölauer Heide trainierte, und er wie ein geölter Blitz an mir vorbei zog. Als er mich aber erkannte, blieb er mitten im Training stehen und gönnte mir ein gemeinsames „Selfie“. Dabei kam mir die Idee, einmal mehr zu erfahren über diesen Job und den Menschen, der diesen Knochen-Job ausübt. Und vor allen Dingen interessierte mich, ob und wenn ja wie, ein solcher Lauf-Profi mit schwierigen Situationen vor, im und nach einem Rennen umgeht.  

Einer von dort, wo die Champions herkommen                    

Wer ist also dieser Dickson? Er wurde 1989 in der Nähe von Iten in Kenia geboren. Das genaue Datum kennt er nicht. Deswegen steht im Pass immer der 1. Januar.  Iten – „Home of the Champions“ – das steht in großen Lettern über dem Lauf-Stadion in diesem Läufer-Mekka. Und eigentlich wollen alle Kinder dorthin. Schon mit sechs Jahren begann er regelmäßig zu laufen und erkannte schnell sein Talent. Aber erst im Jahr 2008, also im Alter von 19 Jahren wurde er von einem „Manager“ gesichtet und im Jahr 2011 nach Europa mitgenommen. Dort begann er mit dem „Pacen“ und zwar beim Halbmarathon in Berlin. Nebenbei übrigens – läuft Dickson auch „auf eigene Rechnung“, also nicht nur als Pacemaker, sondern versucht auch selbst Läufe zu gewinnen. Dann läuft er allerdings keine Marathonläufe, sondern bestenfalls 10 Km-Straßenläufe, bei denen es auch Geld zu gewinnen gibt. Mit einer Zeit um die 28 Minuten auf dieser Distanz hat er hier in Deutschland meistens auch gute Chancen, ganz vorn mitzuspielen. Aber sein Hauptschwerpunkt, wenn er in Deutschland ist, gilt dem „Tempo-Machen“ für andere. Aktuell arbeitet er vornehmlich im Frauenbereich.

Per Klick zu Falk Cierpinskis Reiseangebot

Erst kürzlich hat er Renata Augusta aus Portugal zum Sieg beim Hamburg-Marathon geführt. Beim Berliner BIG25 zog er die deutsche Katharina Heinig erfolgreich ins Ziel. Und auch das ist „Strategie“. Natürlich könnte er auch mehr im Männerbereich „pacen“. Das ist für einen Hasen sicherlich mehr Prestige. Aber dort müsste er ans persönliche Limit gehen. Er würde dann, in den acht Wochen pro Jahr, in denen er hier in Deutschland ist, viel zu viele Körner „verschießen“, würde dann eventuell zwei oder drei Rennen als Tempomacher bestreiten können und das wäre es dann auch schon. Im Frauenbereich kann er dann häufiger starten. Man sieht also schon an dieser Diskussion: Tempomachen ist nicht nur „schnell laufen“ können, sondern man braucht dazu auch Intelligenz und Strategie. Und natürlich braucht er auch soziale Unterstützung, wenn er hier ist. Die findet er bei Falk Cierpinski, seinem alten „Kunden“. Mittlerweile verbindet die beiden eine echte Freundschaft und Falk ist ebenso wie ich fasziniert von diesem kenianischen Läufer. Neben dem gegenseitigen besuchen können, kann Falk uns Interessierten auch zeigen, wie Läufer dort aufwachsen, leben, überleben und sich weiterentwickeln können. Zweimal im Jahr bietet er solche Reisen für Interessierte an (#KeniamitFalk).

Für die Frau und den Sohn, das Haus, das Grundstück, die Nahrung und das Schulgeld

Natürlich interessiert mich als erstes die Frage nach dem „Warum“? Warum bist Du Pacemaker und läufst nicht auf „eigene Rechnung“. Die Antwort kommt unvermittelt und mit einem süffisanten Lächeln? „Pacing ist besser als Racing. Ich kann damit einfach mehr verdienen. Immerhin muss ich in Kenia meine Frau und meine Tochter ernähren. Haus, Grundstück, Nahrung, Schulgeld. Das alles möchte bezahlt werden“, sagt er und lächelt weiter. „Wenn ich hier auf eigene Rechnung laufe, komme ich nicht annähernd an das ran, was ich mit dem Tempomachen verdienen kann. Bei einem 10km Straßenlauf, wie z.B. den in Paderborn, trete ich manchmal gegen 10 andere Läufer aus Kenia oder Afrika an und muss mich gegebenenfalls mit 50 Euro zufrieden geben.”

Natürlich frage ich nach, was man so als „Hase“ verdient. Darüber deckt er aber lieber den Mantel des Schweigens. „Hast du schon mal versagt?“, frage ich ihn als nächstes. Jetzt lacht er laut. „Nein, niemals – ich habe meinen Job immer bestens erledigt“. Falk schaut lächelnd zu ihm rüber und merkt an: „Erzähl ihm doch mal von Hamburg im April“. Dickson denkt einen Augenblick nach und fängt an zu berichten: „Ja, das war das Rennen für Renata. Ich hatte aufgrund eines anderen Jobs eine Woche zuvor, bei dem ich mich auch noch bei der Schuhwahl vergriffen hatte, Probleme mit dem Knie. Bei KM 7 bekam ich Schmerzen, die immer schlimmer wurden. Und das wurde dann echt zu einem Kampf für mich. Ich musste wirklich hart kämpfen und habe dann einfach versucht gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Immerhin musste ich ja meinen Job erledigen. Das ging nur, indem ich mir für dieses Rennen Zwischenziele gesetzt habe und dann immer wieder überprüft habe, ob es noch geht. So etwas mache ich sonst nie“.

Ein mulmiges Gefühl und Wissensdurst nach mehr

Da werde ich natürlich neugierig. „Dickson, welche Strategien hast du noch so angewandt?“ frage ich neugierig. „Weißt du“, entgegnet er, „ich denke da an meine Familie. Ich stelle mir die Gesichter meiner Frau und meiner Tochter vor. Ich stelle mir vor, wie stolz auf mich sind, das ich das hier zu Ende bringe und damit eben auch das Geld verdiene, dass wir in Kenia zum Leben brauchen – das treibt mich an, weiter zu machen. Man erwartet von mir, dass ich das mache“. „Und Du hast das dann auch durchgezogen“, sage ich, „ich habe das Rennen ja auch im Fernsehen gesehen, aber ganz ehrlich Dickson, man hat dir nichts angemerkt“. bemerke ich. „Das geht ja auch nicht“, bemerkt er. „Ich muss ja meinen Job erledigen“.

Falk Cierpinski: Der Kopf gibt immer als erstes auf

An der Stelle bekomme ich als Sportpsychologe ein ganz mulmiges Gefühl. Und eigentlich möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr tiefer bohren. Ich lege meinen Block zur Seite und wir beginnen ganz einfach und munter über das Laufen, und die Leidenschaft dafür ganz generell zu reden. Ihm macht das sichtlich Spaß und Falk erzählt ein wenig aus seinen Kenia-Erfahrungen. Nach einer Stunde ist dann unser kleines Treffen beendet und ich fahre nach Hause. Mich hat dieses Treffen noch lange beschäftigt. Und mir ist mal wieder bewusst geworden, wie privilegiert wir Europäer eigentlich sind. Ich laufe aus Spaß – aus keinem anderen Grund. Dickson läuft, weil er muss und natürlich auch, weil er es kann. Und weil ansonsten auch keine bessere Chance hat, um seine Familie zu versorgen. Und er verliert bei all diesem Grund sein Lächeln nicht. Er reist für zwei Monate auf einen anderen Kontinent, fernab seiner Familie, lässt sich von seinem Manager mal zu diesem und mal zu einem anderen Rennen als „Hase“ schicken. Bezahlt dann auch noch einen Anteil seines erlaufenen Honorars an seinen Manager und macht auf mich den Eindruck eines zufriedenen Menschen, der einfach in sich ruht, und als könnte es kaum einen besseren Job geben. Mein Fazit aus diesem Gespräch ist: Respekt, und Neugierde. Ich möchte mehr über diese Kultur und ihre Mentalität lernen. Deshalb habe ich auch gleich bei Falk einen der nächsten Reiseplätze gebucht. Ich bin mir sicher, dass dann wieder ein Blog-Beitrag folgt.              

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Jürgen Walter: Zu kleine und zu große Ziele

Wahrscheinlich kennt es jeder Sportler: Vor einem Wettkampf drehen sich die Gedanken darum, welche Ziele man sich setzt, mit welchem Abschneiden man im Nachhinein zufrieden sein würde oder auch, welches Ergebnis andere von einem erwarten.  

Zum Thema: Die Erwartungshaltung im (Profi-)Sport – eine Medaille mit (mindestens) zwei Seiten

Geht man ohne große Zielsetzung in ein Spiel oder ein Turnier, ist man vielleicht lockerer und entspannter, verliert aber vielleicht auch die volle Konzentration oder den Ehrgeiz. Ist die Erwartungshaltung hoch, setzt man sich selbst auch unter Druck und könnte ggf. daran „zerbrechen“.

Einer, dem dies mit Sicherheit einen Strich durch seine aktuelle Turnierplanung gemacht hat, ist Alexander „Sascha“ Zverev – die deutsche Nachwuchshoffnung im Profitennis. Im Mai gewann der 20-jährige völlig überraschend das Masters-Turnier in Rom und erklomm damit als erster Deutscher seit Thommy Haas vor zehn Jahren die Top-10 der ATP- Weltrangliste.

Zverevs Niederlage nach dem Triumph

Entsprechend groß war die Erwartungshaltung vor den kurz darauf gestarteten French Open, dem wichtigsten Sandplatzturnier der Saison. Vielleicht nicht unbedingt Zverevs eigene, aber garantiert die der deutschen Tennisfans und auch der Medien. Mehrfach wurde er als Mit- oder zumindest Geheimfavorit auf den Grand Slam – Sieg genannt. Warum auch nicht? Schließlich war auch in Rom die Crème de la Crème der Tenniswelt am Start – Rafael Nadal, Andy Murray, Novak Djokovic und auch der österreichische Newcomer Dominic Thiem – und Zverev triumphierte.

Doch dass es meist etwas ganz Anderes ist, als Außenseiter in ein Turnier zu gehen und sensationell zu gewinnen, oder dieses Ergebnis danach auch auf ganz großer Bühne zu bestätigen, bekam der junge Hamburger bitter zu spüren. Denn seine Erstrundenpartie gegen den Spanier Fernando Verdasco, selbst ehemaliger Top-10-Spieler und sicherlich ein äußerst unangenehmer Auftaktgegner, ging, nachdem sie gestern wegen Regen und Dunkelheit beim Stand von 1:1 in Sätzen unterbrochen werden musste, relativ deutlich in vier Durchgängen verloren.

Boris Becker mahnt vor Schulterklopfern

Dabei zeigte Zverev, warum er eben noch keiner der ganz Großen seiner Zunft ist. Gerade in den wichtigen Situationen unterliefen ihm ungewohnt viele Fehler. Er haderte viel mit sich selbst, schmiss mehrfach seinen Schläger und schien gegen Ende des vierten Satzes sogar ein wenig zu resignieren.

The only one who actually listens to me #lövik #puppylove

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Zverev selbst gab nach dem Spiel an „absolut scheiße gespielt“ zu haben. Das mag (aus seiner Sicht) stimmen. Doch einen möglichen Grund dafür erkannte die deutsche Tennis-Ikone Boris Becker, die schon im Vorfeld des Turniers den Druck auf den Youngster zu senken versuchte: „Er ist die Nummer zehn der Welt, er hat Rom gewonnen. Aber dann kommen eben alle, klopfen dir auf die Schulter, erzählen dir, dass du der nächste Superstar wirst.“

Tischtennis-WM: Roßkopf hofft auf neue deutsche Weltmeister

Dass so eine Situation mit 20 Jahren wohl kaum oder nur schwer zu meistern ist, ohne zumindest phasenweise darüber nachzudenken, erscheint logisch. Zudem wird das frühe Ausscheiden Zverevs weiterer Karriere wahrscheinlich nicht nachhaltig schaden. Dennoch zeigt es, dass zum sportlichen Erfolg weitaus mehr gehört als das spielerische Potential oder das Selbstvertrauen. Die Fähigkeit sich die (für sich selbst) richtigen Ziele zu setzen und mit der Erwartungshaltung – sei es die eigene, die seines Umfelds oder der Öffentlichkeit – umzugehen, ist auf jeder Leistungsebene ein ganz wichtiger Faktor, um die gesteckten Ziele letztlich auch zu erreichen.

Einen anderen Ansatz als Zverev – bzw. eher dessen Fans und die Medien – wählten in den vergangenen Tagen die beiden besten deutschen Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll vor der Weltmeisterschaft in Düsseldorf: Nachdem Nationaltrainer Jörg Roßkopf in einem Interview im Vorfeld der WM erklärte, dass es „Zeit für neue deutsche Weltmeister“ sei und er von seinen Spielern „das Maximum und nicht nur [seine Setzung zu erfüllen]“ als Zielsetzung forderte, hätte man durchaus erwarten können, dass die deutschen Aushängeschilder, in der Weltrangliste immerhin an den Positionen 5 bzw. 8 geführt und in Düsseldorf auch dem entsprechend gesetzt, in dieselbe Kerbe schlagen und eine Einzelmedaille als Ziel ausgeben. Doch davon war in verschiedenen Interviews wenig bis gar nichts zu hören.

Boll tendenziell pessimistischer

Boll, grundsätzlich nicht unbedingt als Lautsprecher bekannt, schien sich beinahe mehr auf das Doppel mit dem chinesischen Weltranglisten-Ersten und amtierenden Einzelweltmeister Ma Long zu fokussieren und gab an vor seinen Spielen „eh immer relativ pessimistisch“ zu sein.

Ovtcharov hat sich vor Großevents in der Vergangenheit stets deutlich offensiver geäußert. Schon häufig ging er als größter Konkurrent der chinesischen Topstars in große Turniere und nahm sich regelmäßig vor deren Phalanx zu durchbrechen, fuhr damit jedoch nicht besonders erfolgreich und scheiterte bislang stets überraschend vorzeitig gegen schwächer eingestufte Gegner. Daraus scheint der Hamelner gelernt zu haben. Denn große Kampfansagen sucht man auch von ihm vor der WM vergeblich.

Ziele können nicht allen gerecht werden

Nun lässt sich sicherlich anmerken, dass die großen Favoriten auf Edelmetall in der Tat allesamt aus China kommen und sowohl Boll als auch Ovtcharov wahrscheinlich einen Chinesen werden bezwingen müssen, um sich Bronze zu sichern. Natürlich sind auch beide erfahren genug, um von Runde zu Runde zu denken und nicht schon im Vorfeld das mögliche Viertelfinal-Duell zu planen. Nichtsdestotrotz werden beide, sollten sie letztlich „ihre Setzung erfüllen“, also in der Runde der letzten Acht ausscheiden, nicht vollends zufrieden sein. Dafür ist der Traum von einer Einzelmedaille, insbesondere vor heimischem Publikum, schlicht zu präsent.

Letztlich wird man es als Sportler, der sich in irgendeiner Form zu seiner Erwartungshaltung äußert, sowieso nicht jedem recht machen können. So wird der eine sagen, Bolls Äußerungen seien ständig zu defensiv und ließen den nötigen Ehrgeiz vermissen. Der nächste bewertet Ovtcharovs Kampfansagen als vermessen oder arrogant.

Ausreichende Spannung im Fokus

So kommt es im Endeffekt nur darauf an, dass sich der Sportler selbst mit seiner eigenen Zielsetzung wohl fühlt und ihm diese im Wettkampf selbst nicht im Weg steht. Dafür ist ein gewisser Realitätssinn sicherlich förderlich. So wird der FC Bayern München wohl kaum den Klassenerhalt als Saisonziel ausgeben, Boll nicht die Runde der besten 64 bei der WM, aber auch die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft nicht die olympische Goldmedaille auf die Agenda 2018 schreiben. Unrealistische Ansprüche sorgen dafür, dass wir mit – objektiv betrachtet – guten Leistungen nicht mehr zufrieden sind, was sowohl sportlich als auch emotional kontraproduktiv ist.

Ob ein Sportler jedoch tendenziell eher eine defensive Erwartungshaltung an den Tag legt, um sich die nötige Lockerheit zu bewahren, oder immer nach dem (bzw. seinem) Maximum strebt, um mit ausreichender Spannung in den Wettkampf zu gehen, muss jeder für sich selbst beurteilen und herausfinden.

Zu hohe Ziele von Roßkopf?

Sollten die deutschen Tischtennis-Herren bei der WM überraschend früh scheitern, können wir alle den Finger heben und monieren, dass zum einen die Aussagen der Spieler auf zu große Ehrfurcht vor den Chinesen und eine unzureichende Vorbereitung schließen ließen, zum anderen aber auch der Druck aufgrund der Zielsetzung von Seiten Jörg Roßkopfs zu groß war.

Hoffen wir also einfach darauf, dass die Beteiligten für sich persönlich die richtige Einstellung gewählt haben, um das Turnier erfolgreich zu bestreiten.

 

 

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