Vielleicht haben Sie ja die vierte Etappe der Tour de France gesehen – vor allen Dingen den Schlussspurt. An den Bildern werden sie ohnehin kaum vorbeikommen. Denn ca. 150 Meter vor dem Ziel geht es „richtig zur Sache“. Peter Sagan zieht aus dem Pulk rechts außen an und „berührt“ Mark Cavendish, der in die Leitplanke gerät und stürzt. Dahinter stürzen noch weitere Fahrer, auch John Degenkolb. Sieger des Sprints wird Arnaud Démare, der französische Meister im Straßenradfahren. Etwa zwei Stunden nach dem Rennen wird Weltmeister Sagan und Tour-Mitfavorit vom diesjährigen Rennen suspendiert.
Zum Thema: Fair oder unfair – das ist hier die Frage? Und wohin im Radsport mit der Moral?
Peter Sagan „berührt“ Mark Cavendish – es folgt aus meiner Sicht ein „Horror-Sturz“. Kurz nach dem Unfall ist noch wenig über die Schwere der Verletzung von Mark Cavendish bekannt. Aber vieles deutet schon am frühen Abend daraufhin, dass dem Briten die Fortführung des Rennens nicht möglich sein wird. Aber zurück zu Sagan und dessen Attacke: Aus meiner Sicht, sieht das nach „Absicht“ aus. Sagan zieht den Ellbogen hoch und „checkt“ Cavendish in die Leitplanke. Schauen Sie hier:
Demare siegt, #Sagan bringt #Cavendish zu Fall. Was für ein dramatisches Etappen-Finish. #TDF17 #ARDTour pic.twitter.com/fzV76Le9wt
— Sportschau (@sportschau) 4. Juli 2017
Nun gut – mal abgesehen davon, ob meine Fernsehsessel-Deutung hinsichtlich der Absicht so zutrifft oder nicht. Als Sportpsychologe mach ich mir dann natürlich Gedanken über eine ganze Reihe von Aspekten. Zum einen tut mir Mark Cavendish leid. Mal abgesehen davon, dass diese Sportler Vollprofis sind und natürlich auch wissen, was da in einem Zielsprint alles passieren kann, trifft einen Radsportler eine solche Aktion beim „Saisonhighlight“ massiv. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. „Harte Kerle“ hin oder her – es sind Menschen – keine Maschinen. Und dann denke ich über die „Doppelmoral“ im Sport nach. Fairness ist einer der zentralen Werte im Sport. Genau dieser „Wert“ macht die Faszination des Leistungssports aus.
Nicht blind im System
Auch wenn im Bereich des Leistungssports Begriffe wie Fairness und Moral mittlerweile sehr kritisch diskutiert werden müssen, sollte man nicht vergessen, dass diese Sportler mit diesen Werten und Normen sozialisiert wurden. Seit Kindesbeinen an trainieren sie hart, stecken Niederlagen weg, und stehen wieder auf, und machen weiter. Vielleicht, um einmal eine Etappe bei der Tour de France zu gewinnen. Moralisches Handeln und ethisch, korrektes Verhalten wird unseren Sportlerinnen und Sportlern immer „eingeimpft“ und dies beeinflusst natürlich deren Denken und Fühlen, auch wenn unsere Athletinnen und Athleten natürlich nicht „blind im System“ herumlaufen.
Die Forschung um Moral und ethisches Handeln im Sport fristet in der Sportpsychologie ein absolutes „Nischen-Dasein“. Meines Wissens hat sich in Deutschland lediglich die aktuelle Umweltministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Claudia Dalbert, in ihrer wissenschaftlichen Karriere mit diesem Thema und insbesondere der Auswirkungen von Gerechtigkeitswahrnehmungen im Sport beschäftigt. Hier sehe ich eindeutig noch Optimierungsbedarf.
Ist der Radsport optimal aufgestellt?
Von dieser Tatsache mal abgesehen, sollte man darüber nachdenken, nicht nur Ärzte und Physiotherapeuten in den Profi-Rad-Teams zu beschäftigen. Ich denke, ein guter Sportpsychologe oder eine gute Sportpsychologin, mit viel Wissen aus der Radsport-Szene und dem notwendigen, sportpsychologischen Rüstzeug könnte das „Support-System“ im Radsport eindeutig und konstruktiv unterstützen.
Ich wünsche Mark Cavendish alles Gute und natürlich schnelle Gesundung. Und Peter Sagan – der sich meinen Informationen nach – schon bei Mark Cavendish entschuldigt hat, einen Augenblick der Selbstreflektion über sich und den Werten und über die Moral im Straßenrad-Rennsport. Die Zeit bekommt er nun, ob er will oder nicht.
Literatur
Herrmann, M., Dalbert, C. & Stoll, O. (2008). Fairness im Fußball: Eine gerechtigkeitspsychologische Analyse. Zeitschrift für Sportpsychologie, 15, 12-24.
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