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Thorsten Loch: Geht fair vor?

Paris. Es läuft die 35 Spielminute in der Partie PSG vs. Bastia. Der Pariser Spieler Blaise Matuidi kommt im Strafraum von Bastia zu Fall. Der gegnerische Torhüter Jean-Louis Leca eilt zur Hilfe und erkundigt sich nach dessen Gesundheitszustand. Trotz drückender Überlegenheit nutzt PSG-Kollege Marco Veratti die Unachtsamkeit des Torhüters und donnert das Spielgerät zum 2:0 in die Maschen. Was für ein mieses Vorbild, oder?

Zum Thema: Vorbildfunktion aus sozial-kognitiver Sicht oder der kognitive Ansatz „Lernen am Modell“ von Albert Bandura

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Rhein Sieg Kreis. Es laufen die letzten Spielminuten einer Jugendpartie und beiden Mannschaften steht die Anstrengung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Beim Stand von 2:2 kommt es auf der Höhe der Mittellinie zu einem Zweikampf und einem hieraus resultierenden Ausball. Die Entscheidung des Schiedsrichters, Einwurf für die Auswärtsmannschaft zu pfeifen, wird zum Anlass der „Heimeltern“ genommen, diesen wüst zu beschimpfen – ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass es sich hierbei um ein E-Jugend-Spiel handelt.

Zwei völlig unterschiedliche Situationen und dennoch haben sie eines gemeinsam: Alle genannten Protagonisten, ob Profi oder Eltern, haben eine Vorbildfunktion den Kindern gegenüber. Wie sich ein solch negatives Verhalten auswirken kann, soll Inhalt dieses Beitrages sein.

Modelllernen nach Bandura

Dass diese zuvor beschriebenen Situationen keine Seltenheit darstellen, sondern traurige Wahrheit ist, spiegelt sich in dem Aufruf des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) für faires Verhalten von Eltern am Fussballplatz „Fair ist mehr“ (siehe Foto und Download) wieder. In der Vergangenheit lassen sich gar Fälle von „Fanausschreitungen“ finden, bei denen Eltern durch aggressives Verhalten am Spielfeldrand traurige Negativschlagzeilen machten. Dass dieses Verhalten weitreichende Folgen haben kann – und dies nicht nur unmittelbar – lässt sich anhand der Theorie Banduras erklären (siehe Abb. 2).

Für Bandura stand fest, dass menschliches Verhalten nicht allein durch Reiz-Reaktion-Zusammenhänge zu erklären sei, sondern dass zwischen Reiz und Reaktion höhere Prozesse ablaufen. Aus dieser Überlegung kam er zu der Einsicht, dass es sich beim Modelllernen um einen kognitiven Lernprozess handelt. Ein Individuum eignet sich neue Verhaltensweisen durch das Beobachten von Verhalten anderer Individuen und den darauffolgenden Konsequenzen an. Bandura wollte belegen, dass auch aggressives Verhalten (wie bspw. jenes der Eltern zu Beginn) durch Modelllernen entstehen kann. In diesem Zusammenhang ließ er Kinder beobachten, wie erwachsene Modelle eine große Plastikpuppe boxten, schlugen und traten. Diese Kinder zeigten im weiteren Verlauf des Experimentes häufiger derartige Verhaltensweisen als Kinder aus der Kontrollgruppe, die die aggressiven Modelle nicht beobachtet hatten (vgl. Bandura et al. 1963). Zimbardo und Gerrig (1999) gingen sogar noch weiter und fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass Kinder aggressives Verhalten bereits dann nachahmten, wenn sie die Modelle lediglich im Film gesehen hatten, oder wenn die Modelle selbst nur Zeichentrickfiguren gewesen waren.

Sportsmann Klose

Es gibt jedoch auch die andere Seite der Medaille mit einem noch größeren Potential. In der Welt des leistungsorientierten Ergebnissports Fussball finden sich einige wenige Beispiele, jedoch mit einprägsamer Wirkung wieder. An dieser Stelle sei an unseren ehemalige DFB-Torjäger Miroslav Klose gedacht. Neben seinen unzähligen Toren, blieben auch Aktionen im Gedächtnis, die den Fairplay-Gedanken besonders untermauern. Zu seiner aktiven Zeit bei Lazio Rom gab er ein irregulär erzieltes Tor mit der Hand beim Stand von 0:0 zu:

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Fazit

Auch wenn es einmal hoch hergeht und die Emotionen einen überfluten, würde ich es mir wünschen, dass sich Eltern als auch die Spieler ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Wie wir an der Theorie von Albert Bandura eindrucksvoll sehen konnten, ahmen Kinder die Verhaltensweisen von beobachteten Modellen nach. Dieses Potential ist unlängst beim DFB angekommen, denn dieser zeichnet seit 1997 jährlich Spieler, Mannschaften, Schiedsrichter, Trainer und Funktionäre mit der „Fair Play-Medaille“ aus, die auf und abseits des Fußballplatzes entweder durch einzelne Gesten oder durch ihr kontinuierliches Verhalten den Gedanken des Fair Play in besonderer Form leben.

Literatur:

Bandura, A. & Walters, R. H. (1963). Social learning and personality development. Winston: Holt.
Zimbardo, P. G. & Gerrig, R. J. (1999). Psychologie. München: Pearson.

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Dr. René Paasch: Torschusstraining im Fußball

Angeblich fragte Neven Subotic von Borussia Dortmund im Sommer 2015 seinen damals neuen Trainer Thomas Tuchel, ob das wirklich zum Fußball gehöre? Gemeint waren Trainingsmethoden, die auf das Differenzielle Lernen zurückgehen und im Ergebnis vieles über Bord werfen, woran sich hochrangige Profi-Fußballer gewöhnt haben. Tuchels Expertise, der im angeführten Zeit-Online-Artikel zum “Gehirntrainer” ernannt wurde, geht auf die Zusammenarbeit mit einem Mainzer Wissenschaftler zurück, der die Trainingsarbeit verändert hat und verändern wird.

Zum Thema: Differenzielles Lernen für eine verbesserte Schussqualität

Das differenzielle Lernen wurde in Deutschland von Wolfgang Schöllhorn (1999) geprägt. Anfangs stark kritisiert und teilweise noch heute als Hirngespinst abgetan (Künzel, Hosner, 2012) gab es im Laufe der Jahre in zahlreichen Sportarten positive Nachweise über die Wirksamkeit dieses Ansatzes.

„Übe nie das Richtige, um das Richtige zu tun.“

Wolfgang Schöllhorn

Japanische Wissenschaftler konnten in einer interessanten Studie, die Strukturierung der Gehirne von Top-Athleten (u.a. von Neymar) untersuchen, wobei ein Zusammenhang zwischen motorischen Fertigkeiten und dem Lernen durch Differenzen hergestellt wurde (Naito, Hirose 2014). Die Geschwindigkeit der Aneignung von Wissen wird mittels dieser Methode wesentlich schneller erreicht als mit klassischen Ansätzen. Zur Verbesserung der Technik gibt es zwei Lehrmethoden. Auf der einen Seite steht das Modell des motorischen Wiederholens – das „Einschleifen“. Dabei geht es darum, ein bestimmtes technisches Bewegungsideal ohne Fehler zu trainieren. Durch stetige Wiederholungen wird in der Idealvorstellung dieser Lehrmethode die bestmögliche Ausführung eingeschliffen. Auf der anderen Seite steht das Lernen mittels Variationen und Differenzen. Beim differenziellen Lernansatz kommt es zu einer Neubewertung jener Bewegungsfehler (Schwankungen), die beim Einschleifen vermieden werden sollen. Diese werden sogar bewusst in den Trainingsprozess integriert (Schöllhorn 1999).

Die Grundideen des differenziellen Lernansatzes

Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen ständigen Schwankungen und können nicht (exakt) wiederholt werden. Darüber hinaus sind Bewegungen personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch (Schöllhorn 1999, S. 9). Bei traditionellen Lehrmethoden wird hingegen eine schrittweise Annäherung an ein vorgegebenes Ziel durch entsprechend hohe Wiederholungszahlen mit ständigem Soll-Ist-Vergleich angestrebt. Dabei soll die Abweichung vom Ideal nach und nach verringert werden, bis die Zieltechnik erreicht ist.

Diese angestrebte Zieltechnik muss jedoch im Fußball in Bezug auf die ständig wechselnden Anforderungen von Raum-, Gegner- und Zeitdruck, sowie äußerer Umstände (Bsp.: Wetter, Platzverhältnisse) angepasst werden und lässt ferner die individuelle Motorik außer Acht, sodass die Anwendung der reinen Zieltechnik nur selten oder gar nie stattfindet. Insofern kann das Einschleifen den komplexen Anforderungen des Fußballspiels mit all seinen ganzheitlichen und synergetischen Effekten unmöglich gerecht werden.

Praktische Anwendung

Um sich die differenzielle Lehrmethode im Trainingsalltag für eine verbesserte Schussqualität anzueignen, können Schwankungen in spezielle Situationen integriert oder in freien Spielformen gezielt provoziert werden. Aber auch äußere Umstände (Platz- und Ballqualität) können ursächlich für Schwankungen sein. In Passübungen ohne Gegnerdruck können sichtbehindernde Hilfsmittel (Augenklappe) genutzt werden. Die gemäß einer Leittechnik optimale Körperhaltung bei Torschüssen erfolgt so, dass das Standbein etwa 2-3 Fußbreiten seitlich vom Ball entfernt steht, während der Oberkörper leicht über den Ball geneigt wird. Der dem Schussbein gegenüberliegende Arm wird seitlich vom Körper weg gestreckt und beim Schuss nach innen durchgeschwungen; der andere Arm wird leicht nach hinten geschwungen. Da die differenzielle Lehrmethode ein solches Leitbild mit Allgemeingültigkeit ablehnt, können hier Schwankungen integriert werden, um technische Fortschritte zu erlangen. Für mögliche Übungsformen zum Torschuss werden sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen erfasst (Hegen, Schöllhorn 2012).

1. Anlauf: Sidesteps, Anfersen, Kniehebelauf, Hopserlauf, Zick-Zack, Schlusssprung (mit Koordinations-/Konditionsformen verbinden).
2. Situation: Ball ruht, Ball rollt oder springt (von vorne entgegen, von der Seite herein), Ball wird gedribbelt; Gegnerdruck (Gegner läuft von der Seite ein, greift frontal an).
3. Standbein: Vor oder hinter dem Ball, Fußspitze zeigt nach innen oder außen, auf Ballen oder Ferse stehen.
4. Oberkörper: Armhaltung (nach oben, unten, vorne, hinten, zur Seite gestreckt; kreisend; Kombination), Kopfhaltung (zur Seite geneigt), Oberkörperlage (bei hohen Schüssen Oberkörper nach vorne beugen & umgekehrt).
5. Schussbein: Ausholbewegung nach hinten außen, gestrecktes Kniegelenk, nach Schuss sofort abstoppen, nur zur Hälfte ausholen.
6. Zusatz: Ein Auge schließen, Blinzeln, Trefferzone am Tor vorgeben.

Abb. 1.: Sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen nach Hegen und Schöllhorn (2012).

Die Vorgaben sollen nicht wiederholt werden. Auch die Qualität des Spielfeldbelages (Halle, Natur- oder Kunstrasen) und/oder die Größe und Qualität der Bälle können verändert werden. Unterschiedliche Qualitäten von Bällen und Spielfeldern wirken sich auf die Differenzierungsfähigkeit und damit direkt auf das allgemeine Ballgefühl aus. Schwankungen können zudem vor allem in Spielformen erzeugt werden. In solchen herrscht stets Gegnerdruck, der dafür sorgt, dass die theoretische Idealtechnik praktisch nicht umgesetzt werden kann. Es werden also spielnahe Schwankungen erzeugt, die zu einer entsprechend spielnahen Technik führen. Die Begrenzung der Spielfeldgröße kann verändert werden und beeinflusst auf diese Weise die Spielintensität. So kann etwa der Ball in kleinen bzw. engen Feldern schneller unter Druck gesetzt werden. Das hat Auswirkungen auf die Beweglichkeit und Koordination für Zweikampfaktionen zur Folge. Zu diesen beeinflussenden Faktoren gesellt sich eine automatische, bewusste und unbewusste Auseinandersetzung mit den taktischen Gegebenheiten des Spiels. Dadurch findet eine Förderung von Technik und Taktik statt. Taktische Erfahrungswerte werden auf diese Weise mittrainiert.

Fazit

Festzuhalten ist, dass jede Situation im Laufe eines Fußballspiels komplexe Anforderungen an Spieler/innen stellt, die im Training zu berücksichtigen sind. Es ist sehr wichtig, immer wieder neue Differenzen zu erzeugen und Schwankungen zu provozieren. Solange dies gelingt, sind Verbesserungen möglich.

Literatur

  1. Beck, Frieder (2008): Sportmotorik und Gehirn – Differenzielles Lernen aus der Perspektive interner Informationsverarbeitungsvorgänge; Sportwissenschaft, 38, 4; S. 423-450
  2. Hegen, P. , Schöllhorn, W. (2012): Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung – Über ‚Umwege’ schneller zur besseren Technik: Differenzielles Lernen im Fußball; Fussballtraining, (2012) 03; S. 30-37
  3. Naito, E. , Hirose, S. (2014): Efficient foot motor control by Neymar’s brain; Frontiers in Human Neuroscience, 8
  4. Schöllhorn, W. (1999): Individualität – ein vernachlässigter Parameter?; Leistungssport, 29, 2; S. 5-12.
  5. Schöllhorn, W., Sechelmann, M., Trockel, M., Westers, R. (2004): Nie das Richtige trainieren, um richtig zu spielen; Leistungssport, 34, 5; S. 13-17
  6. Schöllhorn, W. (2005): Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144; S. 125-135
  7. Wewetzer, K. J. (2008): Motorisches Lernen in der Sportart Golf – Eine empirische Studie mit Anfängern; Kiel; 2008

Internet

http://www.zeit.de/sport/2015-07/thomas-tuchel-borussia-dortmund-trainer-methode

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Feuer unter dem Dach

Der Tod des Schweizer Bergsteigers Ueli Steck wurde zu einem großen Medienthema. Auch wir, Die Sportpsychologen, haben uns mit dem traurigen Ereignis befasst, was im Kreise der deutschsprachigen Sportpsychologie aber nicht nur positiv aufgenommen worden ist. Ethische Fragen standen im Fokus der Kritik und der implizite Vorwurf, dass das Netzwerk Effekthascherei betreiben würde.

Zum Thema: Die Sportpsychologie im digitalen Wandel

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Klar, keine Frage, das Netzwerk Die Sportpsychologen lotet neue Grenzen aus. Aber: Alle Profilinhaber tun dies mit einem hohen Qualitätsanspruch. Die Basis aller Beiträge sind fachliche Kompetenz, persönliche Erfahrung und zu weilen Meinungsstärke. Und dieser Mix wirkt: Seit dem Start von die-sportpsychologen.de im Juni 2014 hat allein diese Plattform über 75.000 Nutzer gezählt. Auffällig ist, dass mehr und mehr Besucher auf die Seite kommen, weil sie im Netz nach Begriffen wie „Sportpsychologie“ oder „Mentaltraining“ suchen. Nahezu alle Profilinhaber berichten, dass ihre Beiträge Resonanzen hervorrufen, die von Aufträgen und festen Job-Angeboten bis zu Interviewanfragen und herzhaften Diskussionen mit anderen Sportpsychologen reichen.

asp-Tagung und 2. Netzwerktreffen in Bern

Sehr, sehr positiv an der aktuellen Diskussion im Berufsfeld Sportpsychologie ist: Diese inhaltlich kontroverse aber fachliche wie sachliche Auseinandersetzung bekommt mit der 49. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland, kurz asp-Tagung, eine Bühne. Denn vom Donnerstag, den 25. bis Samstag, 27. Mai, treffen sich die Sportpsychologiebranchenvertreter in schweizerischen Bern. Dort stehen zahlreiche interessante Veranstaltungen (zum Programm) bevor – u.a. greifen wir am Samstag, den 27. Mai, zwischen 10:50-12:10 Uhr, die aktuelle Diskussion auf: Angewandte Sportpsychologie goes public – die-sportpsychologen.de/ch (mit Dr. Hanspeter Gubelmann, Prof. Dr. Oliver Stoll, Mathias Liebing). Wer sich über die Plattform informieren und vielleicht auch Kritik äußern will, der ist herzliche eingeladen.

In Bern wird im Nachgang der asp-Tagung, genauer am Samstag, den 27. Mai, zwischen 14 und 18 Uhr zudem das 2. Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen stattfinden. Die kostenlose Veranstaltung im Hotel „Am Pavillon“ (Pavillonweg 1a,3012 Bern) richtet sich an interessierte Profilinhaber sowie SportpsychologInnen, sportpsychologische BeraterInnen und MentaltrainerInnen aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien. Viele Profilinhaber wie Dr. Hanspeter Gubelmann, Prof. Dr. Oliver Stoll, Philippe Müller, Cristina Baldasarre, Jürgen Walter sowie Gäste wie Martin Feigenwinter haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. Eine Anmeldung kann über Facebook oder bis zum Freitag, den 26. Mai, per Mail an m.liebing@die-sportpsychologen.de erfolgen. Kurzum: Die Sportpsychologen freuen sich auf spannende Tage in Bern!

Information für potentielle Profilinhaber 

Was heißt es, Profilinhaber bei die-sportpsychologen.de oder die-sportpsychologen.ch zu werden? (Klick auf das Bild)

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Jürgen Walter: Wird die Lanxess Arena zum Fluch?

Die Stimmung zum Auftakt der Eishockey-WM vor gut einer Woche in der Kölner Lanxess Arena war gigantisch. 18.000 Fans trieben die deutsche Nationalmannschaft zu einem viel umjubelten 2:1-Sieg gegen Mitfavoriten USA. Nun, zum Ende der Vorrunde steht das Team von Bundestrainer Marco Sturm nach teils unglücklichen Niederlagen unter Druck: Am letzten Vorrundenspieltag am Dienstagabend muss gegen Lettland ein Sieg her, um das große sportliche Ziel, den Viertelfinaleinzug, zu schaffen. Welche Rolle spielt nun das Heimpublikum in Köln – werden die Erwartungen der Fans zur Last oder stärken die Zuschauer den Spielern den Rücken?  

Zum Thema: Zur Bedeutung des Heimvorteils aus sportpsychologischer Sicht

Die WM im eigenen Land: 2006 im Fußball, 2007 im Handball, 2010 im Eishockey. Zwei Niederlagen, ein Sieg. Eine Bilanz, die den derzeitigen Stand der Forschung zum Thema „Heimvorteil“ passend beschreibt. Seit Jahrzehnten versuchen Studien, das Konzept greifbarer zu machen. Dennoch bleibt der Heimvorteil eines der noch wenig verstandenen sportlichen Phänomene.

Kerry Courneya und Albert Carron waren 1992 die ersten Forscher, die einer Mannschaft mit einem ausgeglichen Terminplan an Heim- und Auswärtsspielen eine mehr als fünfzig prozentige Wahrscheinlichkeit eines Heimsieges prognostizierten. Einer der ausschlaggebenden Faktoren war dabei die Vertrautheit mit der Spielstätte. Laut Pollard (2002) lassen sich rund 25 Prozent des Heimvorteils durch den Faktor der Vertrautheit erklären. Diese kann sich in physischen, sensorischen oder psychologischen Faktoren äußern. Im heimischen Stadion kennt eine Mannschaft alle Ecken und Winkel, somit entstehen weniger Ablenkungsmöglichkeiten während des Spiels (physisch). Die Beleuchtung beispielsweise ändert sich in jedem Stadion, ebenso die Zahl der Zuschauer und die daraus resultierende Lautstärke (sensorisch). Die psychologischen Aspekte fokussieren sich vor allem auf die mentale Vorbereitung der Spieler. Im Heimstadion begegnen sie bekannten Gesichtern, sind mit den Gegebenheiten vertraut und werden in ihrer etablierten Vorbereitungsroutine nicht gestört. Beides wirkt sich positiv auf die Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit aus.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Widersprüchliche Forschungsergebnisse zum Heimvorteil

Wissenschaftliche Resultate zum Konstrukt des Heimvorteils sind jedoch widersprüchlich. Laut Baumeister und Steinhilber (1984) können bestimmte Bedingungen dazu beitragen, dass aus einem Heimvorteil ein Heimnachteil wird. Eine Hypothese ist, dass die Chance, ein WM-Spiel vor heimischem Publikum zu gewinnen, paradoxerweise zu einem Leistungsabfall führen würde. Aufatmen nun für alle Eishockey-Fans: Die Ergebnisse der Studien konnten bislang nur im professionellen Basketball und Baseball repliziert werden – für Kufen-Cracks nicht. Ein Leistungsabfall im Eishockey sei seltener der Fall, da der stetige physische Kontakt mit Gegnern und Mitspielern als Angstblocker vor der Niederlage dient. Außerdem sei die Anzahl der eingesetzten Spieler im Vergleich zu Sportarten wie Baseball oder Basketball wesentlich höher. Dadurch komme es zu einer Verteilung der Verantwortlichkeit für die Teamleistung und zu weniger individuellen Leistungszweifeln (Wright, Voyer, Wright & Roney, 1995). Allerdings sinke der Heimvorteil im Eishockey auf 37%, wenn die Heimmannschaft leistungsschwächer als die Auswärtsmannschaft ist (Schwartz & Barsky, 1977).

Ein Aspekt trifft jedoch nahezu sportartenübergreifend zu: Teams, von denen ein Sieg erwartet worden ist, litten häufiger unter dem Heimnachteil und verloren die entscheidende Partie (Wright et al., 1995).

Führt Unterstützung zu Leistungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit?

Das unausgesprochene Ziel der deutschen Mannschaft ist das Viertelfinale und um es in die Worte von Verteidiger Konrad Abeltshauser zu packen: „Manchmal braucht man so einen Schub. Da ist es super, wenn man den Rückhalt von den Fans bei der Heim-WM hat.“ Hoffen wir, dass die Unterstützung der deutschen Fans zu einer gestärkten Leistungsfähigkeit, zu Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit führt. Dann würde der Viertelfinalzug quasi zur self-fulfilling-prophecy werden.

In diesem Sinne wünsche ich unseren Jungs vollen Erfolg auf dem Eis! Auch wenn das abschließende Gruppenspiel gegen Lettland (Diesntag, 20.15 Uhr, bei Sport1), welches zu einem direkten Duell um das Viertelfinale geworden ist, alles andere als eine leichte Aufgabe darstellt. Es wird spannend, ob und wie sich der Heimvorteil auswirkt.

 

Quellen:

Baumeister, F. & Steinhilber, A. (1984). Paradoxical effects of supportive audiences on performance under pressure: the home field disadvantage in sports championships. Journal of Personality and Social Psychology, 47, 85-93.

Courneya, K.S. and Carron, A.V. (1992). The home advantage in sports competitions: a literature review. Journal of Sport and Exercise Psychology, 14, 13-27.

Pollard, R. (2002). Evidence of a reduced home advantage when a team moves to a new stadium. Journal of Sports Sciences, 20, 969 – 973.


Schwartz, B., & Barsky, S. F. (1977). The home advantage. Social Forces, 55, 641–661.

Wright, E., Voyer, D., Wright, R, & Roney, C. (1995). Supporting audiences and performance under pressure: the home-ice disadvantage in hockey championships. Journal of Sports Behavior, 18, 21-28.

 

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Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Lange habe ich überlegt, wie genau ich meine Serie #warum fragen wir nicht einfach die Besten? fortführen möchte? Würde ich einfach die derzeit besten Spieler des Landes interviewen, so würde es mich mal ein paar Wochen nach Braunschweig verschlagen, mal nach Schwäbisch Hall, Frankfurt oder in die anderen Football-Metropolen unseres Landes. Sicher würden viele Antworten auf meine Fragen stets ähnlich sein. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, noch eine Ebene weiter zu blicken – Spieler und Trainer zu interviewen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Geschichten, die andere Spieler auf ihrem Weg weiterbringen können. Ich will Menschen suchen, die beeindrucken. Für Dennis Zimmermann trifft das alles zu, und wie!

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Dennis Zimmermann (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

Dennis Zimmermann war jahrelang einer der erfolgreichsten deutschen Quarterbacks. Lange und ausdauernd schwamm er auf der Welle des Erfolges, wurde überschüttet mit Anerkennung und Auszeichnungen.

Bis zum 24.7.2011 – da war plötzlich ALLES anders…

Bis dahin sah seine Karriere so aus: 1994 -1995 Berliner Adler Flag-Football Team. 1995 als Quarterback aktiv. 1994 und 1995 Berliner Meister, Auszeichnung bester Spieler des Teams, 1997 Deutscher Jugend Meister, 1998-1999 Stipendium des NFL Nachwuchspogramms „International Development“, Starting Quarterback an der Highschool in Baltimore, 1998 und 2000 Jugend-Europameister, MVP QB des Turniers. 2001 Nominierung Team Europa. 2004, 2005, 2006, 2007, 2008 Deutscher Meister mit den Berlin Adlern (2004) und den Braunschweig Lions (2005-2008). 2007 Deutscher Meister und ausgezeichnet zum MVP. Im gleichen Jahr 3. Platz bei der Weltmeisterschaft in Japan. 2010 Europameister, bester Spieler des Turniers und bester QB des gesamten Turniers. 2011 Nominierung zur Football WM als Starting QB.

Dennis, wie bist du zum Football gekommen?

Mit zwölf Jahren habe ich mit Flag Football begonnen. Ein Jahr später bin ich in eine American Football Jugendmannschaft gewechselt und habe dort die Position des Quarterbacks für mich entdeckt. Im gleichen Jahr werde ich bester Spieler der Saison, dann in der Jugend mit 15 Jahren schon Starting QB, was eigentlich erst mit 16 Jahren passiert. Ich werde im gleichen Jahr deutscher Meister, werde Jugend-Europameister,  gehe dann in die USA, werde wieder Europameister, werde bester Spieler des Teams, bester QB des Turniers und bester Spieler des Turniers. Anschließend bin ich freiwillig in die 3. Liga gegangen, um Erfahrung als Starting QB zu erlangen. Dann wechsle ich in die 1. Liga, werde direkt Deutscher Meister, es folgt eine Einladung für die Nationalmannschaft im Senioren-Bereich. Ich werde nominiert für die World Games sowie die Europameisterschaft, verletze mich allerdings und kann diese Turniere leider nicht mitspielen. Ich wechsle nach Braunschweig und werde vier Jahre in Folge mit meinem Team Deutscher Meister, dazu MVP im Germanbowl.

Dann 2009-2010 kamen die schlechten Jahre. Da gab es einen Umschwung und der große Erfolg blieb aus. Ich spiele die schlechteste Saison meines Lebens. Dann kommt wie aus dem Nichts die Europameisterschaft 2010 und ich spiele das Spiel meines Lebens. Wir holen den Titel, ich werde bester Spieler des Finals sowie des gesamten Turniers. Dann komme ich zurück in den Verein – und wieder läuft so gut wie nichts.

Und dann kam der 24.7.2011 und ALLES ändert sich…

Es ist das Spiel gegen Stuttgart. Vieles lief schon in den letzten Spielen falsch oder besser gesagt es funktioniert einfach nichts mehr so wie zuvor, und das seit Monaten schon. Da werfe ich einen Pass. Er ist technisch perfekt. Ich denke mir noch: Ganz egal, was auch immer in den letzten Monaten passiert ist, dieser Pass wird endlich mal wieder ein richtig guter Moment für mich. Da geht der Linebacker vor mir hoch. Wahnsinnig hoch. Und er holt diesen so perfekten Wurf mit nur einer Hand aus der Luft zu einer perfekte Interception. 

Ich konnte es einfach nicht fassen! Wenn selbst der perfekte Pass nicht mal mehr klappt, was kann ich überhaupt noch? Was ist von dem so hochgelobten QB noch übrig? In der Halbzeitpause gehe ich in die Kabine und ich sage zu meinem Headcoach, dass er mich sofort auswechseln sollte, wenn er noch die kleinste Chance haben möchte, dieses Spiel zu gewinnen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich dieses Spielfeld nie wieder betreten können würde. Alle zerbrach in diesem Moment für mich – mein ganzes Leben. Ich schaute in die fassungslosen Gesichter der Jungs um mich herum und fing an zu weinen. Ich weinte aus lauter Verzweiflung in der gleichen Kabine, in der ich die letzten Jahre noch die Deutschen Meisterschaften gefeiert hatte.  

Es war das letzte Mal in meinem Leben, das ich mein Pad anhatte. Bis vor kurzem sogar das letzte Mal, dass ich ein Stadion betrat. 

Dennis Zimmermann als Spieler der New Yorker Lions

Wie war deine mentale Verfassung in den letzten Spielen? 

Ich hatte immer Angst, dass es wieder schief laufen könnte. Über die Niederlagen an sich habe ich nicht wirklich nachgedacht, eher daran, was ich persönlich mal wieder versagen könnte. 

Wie ging es nach dem Spiel gegen Stuttgart weiter?

Ich hätte nicht mehr spielen können. Ich glaube, ich wäre mental nicht in der Lage gewesen. Ich habe solch eine Angst gehabt, zu versagen. An die Zeit kurz nach dem Moment in Stuttgart habe ich kaum Erinnerungen. Ich habe versucht, mir einzureden, dass ich ab jetzt all meine freie Zeit genießen möchte. Wenn ich zurückblicke, habe ich mich schon vorher aus dem Team zurückgezogen. Ich bin nicht mehr mit feiern gegangen, habe kaum noch Zeit mit den Mannschaftskollegen verbracht.

Ich fühlte mich erleichtert, dass der Druck endlich von mir abfallen konnte, den ich bis dahin so stark in mir gespürt hatte.

Letztes Jahr habe ich als Trainer die QB‘s der 2. Mannschaft von Braunschweig gecoached. Im letzten Spiel musste ich plötzlich den Offense Coordinator übernehmen. Danach bin ich nicht mehr dort hingegangen. Sobald es wieder um Leistung oder Ansprüche an mich ging, konnte ich das nicht mehr.

Und privat?

Irgendwann nach meiner Footballzeit ging es mir immer schlechter, ich wollte nicht mehr das Haus verlassen, hatte zu nichts mehr Lust. Da wusste ich, dass ich mir einen Therapeuten suchen muss, um alles aufzuarbeiten. In dieser Zeit ging es mir so schlecht, dass ich sogar zeitweise Antidepressiva eingenommen habe.

Letztendlich ist es mir immer schon super unangenehm gewesen, im Mittelpunkt zu stehen. Vor 20.000 Menschen im Stadion, da war das kein Problem. Aber hätte ich im Huddle eine Ansprache halten sollen, wäre mir das mehr als unangenehm gewesen. Ich war nie ein Leader. Gerne wäre ich das gewesen und meiner Position wäre es mehr als zuträglich gewesen, aber ich habe es nie gelernt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, hatte nie ein männliches Vorbild.

Ich habe nie mehr wirklich darüber gesprochen. Würde ich mir jetzt darüber Gedanken machen, wie mein Gefühl wirklich ist, würden ganz bestimmt Emotionen in mir aufkommen, die ich vielleicht nicht aushalten könnte – also nehme ich es so hin, wie es jetzt ist.

Elvina Abullaeva: Depression erkennen lernen

Was hätte dir geholfen?

Meiner Meinung nach hätte es sehr viel geholfen, wenn die Coaches damals besser geschult gewesen wären, was die mentale Schwäche oder Stärke eines Spielers, sowie einer Mannschaft angeht. Als zum Beispiel Kelvin Love damals nach Hause geschickt wurde (auf die Gründe gehen wir hier nicht näher ein), der absolute Leader des Teams, da ist irgendwie alles in sich zusammengebrochen. Da hat man von mir erwartet, dass ich diese Position des Leaders übernehme, dazu war ich aber überhaupt nicht in der Lage.

Ich hatte viel mehr mit mir selbst zu tun, als anderen helfen zu können. Letztendlich bin ich jemand, der lieber von einer anderen Person angeführt wird, als das selbst zu tun. Diese Tatsache ist natürlich für meine Position sehr schwierig. 

Ich habe aber auch leider die folgende Erfahrung gemacht: Je mehr du kämpfst, wenn es mal schlecht läuft, umso schlimmer machst du es damit eigentlich. Wie hätte ich diese Schleife für mich selbst durchbrechen und überhaupt erstmal verstehen sollen?

In einer Spielzeit hatte ich mal einen Mentaltrainer. Dieser hat mit uns an Fokussierung und Spielvorbereitung gearbeitet. Allerdings nicht an dem, was eigentlich schon damals meine Schwächen waren. Deshalb hätte ich mir definitiv Einzelgespräche mit einem Sportpsychologen gewünscht, der evtl. sogar schon meine Entwicklung in diese Richtung im Training und in den Spielen hätte beobachten können.

Ich habe mich selbst nie gut genug gefühlt! Alle Erfolge sehe ich nicht als meine Erfolge an, sondern als Leistung des Teams um mich herum.

Was würdest du rückblickend anders machen?

Ich habe mein Talent nie aktiv gefördert. Ich hätte mehr machen müssen, es zieht sich durch mein Leben, dass ich die gegebenen Chancen nicht immer wahrgenommen habe. Ich war immer erfolgreich, habe immer Titel geholt. Dann kamen plötzlich zwei Jahre, in denen nichts geklappt hat.

Erinnerst du dich an einen weiteren düsteren Moment deiner Karriere?

Ja, im Jahr 2009, in dem Fabian Schorn der 2. QB bei uns war. Ich wurde irgendwann ausgewechselt, als es nicht gut lief. Dann kam Fabian aufs Feld, spielte vier Spielzüge und auch ihm gelang keiner der vier Spielzüge. Ich kam wieder aufs Feld und die eigenen Fans buhten mich aus. Diesen Moment habe ich niemals vergessen! Jedes Mal, wenn ich im TV einen Sportler sehe, der in einer ähnlichen Situation ist, kann ich dieses Gefühl wieder in mir spüren- und es fühlt sich schrecklich an!

Was wäre aus mir geworden, hätte ich mental an mir gearbeitet!?

Wann hat es dir das letzte Mal Spaß gemacht die Sportart auszuüben, die du einst so geliebt hast? Einfach zu spielen, einfach zu werfen?

Spaß am Football kam für mich irgendwann nur noch über den Sieg. Aber letztes Jahr, als ich für die 2. Mannschaft Trainings geleitet habe, als es um nichts ging – kein Spiel, kein Sieg, keine Erwartungen – da hat es mit mega Spaß gemacht einfach ein paar Bälle zu werfen.

Was rätst du jungen Spielern? 

Im Prinzip vier Sachen:

  1. Ich sehe es im Nachhinein als großen Fehler an, meinen gesamten Fokus als Heranwachsender nur auf den Football zu gerichtet zu haben. Da es in Deutschland nicht möglich ist, damit jahrelang seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, stellt euch breiter auf. Findet heraus, was euch Spaß macht und konzentriert euch zusätzlich auch darauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, wenn man am Ende dasteht und sich ein großes Loch auftut, weil man nie eine Vorstellung davon entwickelt hat, was man eigentlich sonst noch ist – außer ein Footballer. 
  2. Seht nicht alles so verbissen. Lasst nicht alles an euch heran. Nehmt euch nicht alles zu Herzen. Wirfst du eine Interception oder triffst eine falsche Entscheidung, dann darf das sein. Macht euch damit nicht kaputt. Fehler muss man abschütteln. 
  3. In meiner Jugendzeit habe ich jede freie Minute damit verbracht, besser zu werden. Ich habe mir Videos angeschaut. Von Wurftechniken oder der Kommunikation zwischen QB und Trainer. Ich kann jedem raten aktiv daran zu arbeiten, technisch perfekt zu werden. Das Spielverständnis kommt mit den Jahren von ganz alleine dazu.
  4. Arbeitet mit einem Sportpsychologen daran, wie man negative Gedanken abschütteln kann. Und sucht euch Hilfe, wenn ihr in euch selbst merkt, dass irgendetwas nicht stimmt.

Was würdest du Coaches raten?

Die Coaches müssen sich immer auf die individuellen Stärken und Schwächen einstellen und daraufhin ein Spielsystem aufbauen. Sie sollten nicht versuchen, den QB passend zu machen für ein Spielsystem, welches Coaches besonders schön finden. Außerdem ist die Ausbildung der QBs in den Jugendmannschaften immer noch stark überholungsbedürftig. 

Miriam Kohlhaas (Die Sportpsychologen) und Dennis Zimmermann beim Interview

Dennis, es ist, als hättest du einen so großen Teil deines Lebens einfach verbannt. Du hast bis zum letzten Jahr kein Spiel mehr im Stadion angeschaut, höchstens mal ein NFL Spiel im TV. Du hast alle Preise, Pokale, Ringe und Erinnerungen auf dem Dachboden verschwinden lassen, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Ich glaube, dass du es so tun musstest, um deinen Weg überhaupt weiter gehen zu können, und zwar mit der Frage im Kopf: Was bin ich eigentlich noch, außer ein Footballer?

Seit unserem ersten Kontakt habe ich mich auf dieses Interview mit dir gefreut. Ich wusste, dass wenn du bereit wärest, mich tief blicken zu lassen, wir eine Geschichte erzählen können, die so vielen anderen Spielern in ihrer Karriere helfen kann. Und ich danke dir, dass du dies zugelassen hast und, obwohl es dir schwer gefallen ist, diese Gefühle von damals noch einmal mit mir zusammen genau angeschaut, sogar nachgefühlt hast. Deine so wahnsinnig persönliche Geschichte zeigt, wie unfassbar wichtig und notwendig die Sportpsychologie im Leistungssport doch ist und was diese hätte retten können, wäre sie rechtzeitig da gewesen, um dich zu unterstützen. 

Und wie unheimlich gerne wäre ich bei dir gewesen an diesem 24.07.2011, wäre mit dir in die Kabine gegangen und hätte dir sagen können, dass du stark genug bist, diesen Misserfolg auf deinen Schultern zu tragen – und du niemals alles aufgeben musst. Aber, da man die Zeit nicht zurückdrehen kann, möchte ich dir heute sagen, was ich dir am meisten wünsche:

Ich wünsche dir, dass du deine Geschichte nicht weiter als Versagen ansiehst, sondern es als etwas, das dich weiter bringt – als ein Geschenk.

Geh‘ raus, erzähl den jungen Spielern, was alles passiert und wie die schwersten Zeiten sich anfühlen können. Gepaart mit all deinem unheimlichen Wissen, was die Technik und das Spielverständnis angeht, wirst du ein wundervoller Coach werden!

#Noregrets

All ihr fantastischen Sportler, ihr starken QB’s da draußen – passt gut auf euch auf. Und ganz egal wie schwer es auch manchmal sein mag, gebt niemals auf!

Miriam Kohlhaas: Der Mensch hinter Pad und Helm

 

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Miriam Kohlhaas: Der Mensch hinter Pad und Helm

Nach meinem Gespräch mit Dennis Zimmermann (zum Insiderbericht) blieben in meinem Kopf einige Fragen offen. So fragte ich mich, ob es wirklich die Erfolglosigkeit war, die am Ende dazu führte, dass er alles aufgegeben hat? Oder konnte es sein, dass er schon länger an depressiven Verstimmungen litt, die ihn quälten und ihn nicht los ließen? Was, wenn die Geschichte, die wir erzählen wollten, vielleicht nicht die Geschichte seines Lebens war!?

Zum Thema: Grenzen und Potentiale der Sportpsychologie

Im Nachhinein kann Dennis nicht mehr sagen, was zuerst kam. Er sagt, dass er wusste, es stimmte etwas mit ihm nicht. Aber er wusste überhaupt nicht, was mit ihm los war und wo genau er passende Hilfe finden würde. Er weiß nicht mehr, welches Gefühl zuerst in seinem Kopf war und am Ende seinen ganzen Körper so durchdrungen und gelähmt hat, dass er so große Not spürte.

Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Dann habe ich mich gefragt, ob seine engsten Vertrauten vielleicht etwas haben erkennen können, in dieser Zeit vor dem 24.07.2011. Gab es Anzeichen einer Veränderung, sogar Anzeichen für eine Depression?

Nie allein

Und so ergab sich auch nach diesem Interview die wundervolle Möglichkeit, dass ich die Mutter von Dennis kennenlernen und all meine Fragen loswerden konnte. Danke, liebe Sabine, dass du jede noch so kritische Frage zugelassen hast und mich hast spüren lassen, dass Dennis zu keiner Zeit, egal wie dunkel es war, alleine war!

In diesem Gespräch mit der Mutter von Dennis erzählte sie mir zu Beginn davon, wie sie meinen Artikel über Niklas Römer gelesen hatte und dachte, dieser könnte auch über Dennis handeln. Es gäbe so viele Parallelen, was diese „Besessenheit“ und enorme Strebsamkeit angeht.

Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Direkter Weg zum Stipendium

Football kam für Dennis immer an erster Stelle. Auf die Schule hatte er nie wirklich Lust, das Training war das Highlight seines Tages. So gab es sogar einen Besuch bei einem Schulpsychologen damals. Dieser berichtete der Mutter anschließend, dass Dennis sein Abitur mit links machen könne, dass er dies aber mit Sicherheit nicht tun würde, weil er darin erst einen Mehrwert und Sinn für sich erkennen müsste – diesen sehe er aber nicht.

Aber dieser Fokus auf den Sport lohnte sich für ihn auch immer. Er ist immer der Held gewesen. Als er mit 16 Jahren das NFL Stipendium für zwei Jahre in Amerika bekam, hat sie als Mutter sofort zugestimmt, egal wie schwer ihr es auch viel. Bei jedem Spiel war sie entweder im Stadion dabei oder verfolgte es im Internet auf irgendeinem Livestream.

Alle Augen auf den Quarterback

Und deshalb erinnert sie sich so unheimlich gut an den Moment, als auch ihr wirklich klar wurde, dass etwas nicht stimmte. Es war ein Heimspiel in Braunschweig. Sie saß auf der Tribüne, als plötzlich einer der eigenen Fans sich darüber äußerte, dass „dieser Dennis Zimmermann eh überhaupt nichts mehr hinbekomme“ und „er gefälligst gefeuert werden soll“. Und „was er denn für ein unheimlich schlechter Spieler sei, der nichts hinbekomme.“

„In diesem Moment ist mein Herz gebrochen“, erzählt Sabine. „Mein Sohn tat mir so unheimlich leid und zum ersten Mal konnte ich all den Druck auf seinen Schultern spüren.“ In dieser Zeit machten nämlich auch die Trainer und einige der Spieler Dennis ganz allein für die Erfolglosigkeit der Mannschaft verantwortlich. „Das ist eben die Schattenseite dieser Position. Alle Augen auf den Quarterback – und eben auch alle Erwartungen.“

Dennis im Treibsand

„Und ich sah meinen Sohn in dieser Zeit an und hatte das Gefühl, er stecke im Treibsand. Je mehr er versuchte sich aus der Situation zu befreien, umso tiefer versank er darin. Und Dennis zog sich immer weiter zurück, entfernte sich vom Team, eigentlich von allem. Vor und nach den Spielen saß er abseits vom Team, hörte Musik, war in sich gekehrt. Und als Mutter zu sehen, dass dein Kind untergeht, war kaum auszuhalten. Ich habe mich wahnsinnig hilflos gefühlt.“

„Als ich gehört habe, dass es jemanden gibt, dem Dennis seine Geschichte nach all den Jahren erzählen möchte, war ich so dankbar, dass sich da jemand die Mühe macht, mal hinter das Pad und den Helm zu schauen. Und ich wünsche mir, dass es vielleicht nur einen jungen Spieler gibt, dem Dennis mit seiner Geschichte helfen kann, in schwierigen Situationen einen guten Weg für sich zu finden. Und einen Experten an seiner Seite zu haben, der diesen Weg begleitet.“

Und genau dafür soll diese Geschichte erzählt worden sein – um zu helfen!

Sportpsychologie als Teil des Footballs?

Aus sportpsychologischer Sicht bin ich mir sicher, dass Dennis‘ Geschichte ein großes Beispiel dafür ist, dass die Sportpsychologie ein fester Bestandteil des Footballs sein muss.

In meiner Arbeit begleite ich viele Trainings, vor und während der Saison. Dabei beobachte ich die Spieler und Trainer genau: Ihre Körpersprache, ihre Kommunikation, Veränderungen ihres Verhaltens. Diese werte ich in Einzelgesprächen gemeinsam aus und arbeite diese auf. Ich bin mir sicher, dass ich mit dem professionellen Blick einer sportpsychologischen Betreuerin Veränderungen an Dennis früh gesehen hätte und ihn dann gezielt angesprochen hätte.

Elvina Abullaeva: Depression erkennen lernen

Die Grenzen der Sportpsychologie

An dieser Stelle gibt es eine entscheidende Frage für den Experten: Wäre es damals so gewesen, dass Dennis depressive Züge vorweist, so hätten wir die Grenzen der Sportpsychologie dahingehend erreicht, als dass wir nicht klinisch arbeiten. Allerdings hätte ich ihn begleitet auf seinem Weg zu Fachleuten und Experten, damit er die Hilfe bekommt, die er so dringend gebraucht hätte. Aber hätte ich festgestellt, dass er mit der Erfolglosigkeit nicht klarkommt und mit dem damit verbundenen Druck, so wären wir mittendrin gewesen in einem spannenden sportpsychologischen Thema und hätten früh gemeinsam einen Kurswechsel anstreben können.

All ihr fantastischen Sportler, ihr starken QB’s da draußen – passt gut auf euch auf und ganz egal, wie schwer es auch manchmal sein mag, gebt niemals auf!

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Dr. René Paasch: Krisenmanagement zum Saisonende

 

Kurz vor Saisonende kann kein Trainer/in seine Spieler/innen mehr besser machen, er kann sie nur noch besser einstellen und Kräfte wecken, die noch nie da waren oder in der Winterpause in Vergessenheit gerieten. Jetzt aber gilt es, es geht um Bestehen. Ich nehme diesen Ball auf und zeige anhand von etablierten Methoden und Krisenintervention, wie Amateure und Profimannschaften mit dem Abstiegskampf umgehen können.

Zum Thema:  Was tun im Abstiegskampf?

Sportpsychologie ist bei Erfolg genauso wichtig wie beim Abstiegskampf! Selbst wenn man erfolgreich ist, gibt es immer wieder Handlungsoptionen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Der Arbeitsaufwand ist deshalb auch dann im gleichen Maße gegeben. Ich begreife die Sportpsychologie als einen wichtigen Baustein im Sport. Er ist gleichzusetzen mit Bereichen wie Physiotherapie, Athletik-Training, Ernährungsberatung oder der Analyse- und Scoutingpraxis. Trotz allem, kann kein Spieler bzw. Spielerin die Angst in diesen besonderen Drucksituationen ganz ausklammern. Der Abstiegskampf ist eine bedrohliche Situation, da geht es um die wirtschaftliche Existenz des Vereins und die Zukunft der Spieler bzw. Spielerinnen. Die Fähigkeit ist, mit dieser Angst richtig umzugehen. Die Angst darf auf dem Platz dabei sein, doch sie darf nicht die Aufmerksamkeit der Spieler bzw. Spielerinnen binden. Aus der Zeit als Dieter Hecking mit Alemannia Aachen im Europapokal spielte, ist ein Zitat aus der Kabine für sich sprechend.

„Macht endlich Fehler, aber traut euch was. Ich bin euch nicht böse, wenn wir Fehler machen, aber ich will, dass wir mutig spielen.“ Dieter Hecking

Manchmal muss ein Trainer einfach etwas anders machen, um gewisse Muster zu durchbrechen. Um das Gefühl zu geben, es passiert etwas. Man braucht in schwierigen Situationen eine zielführende Führungsstruktur. Es muss geklärt sein, wer Verantwortung übernimmt. Ein wichtiger Faktor sind dabei die Führungsspieler bzw. Führungsspielerinnen. Näheres zum Thema Führungsspieler/innen: 

Dr. René Paasch: Aussterbende Spezies Leitwolf?

Umgang mit Stress

Ein weiterer Faktor ist der Umgang mit dem Stress und was der Trainer bzw. die Trainerin zur Bewältigung im Abstiegskampf dazu beitragen kann. Als Trainer bzw. Trainerin ist es dabei besonders wichtig zu erkennen, welche Stressoren bei den Spielern bzw. Spielerinnen wirken. Die wichtigsten Hilfsmittel dabei sind die positive Bekräftigung, Hilfestellung, Vereinfachung und eine stressfreie und klare Kommunikation (Baumann, 2015; Boisen, 1975) sowie naive Bewältigungsstrategien, die  den Stress mindern können (Alfermann & Stoll, 2007). Trotz allem ist es ganz besonders wichtig als Trainer und Mannschaft, den Abstiegskampf als Chance und nicht als Krise zu sehen und so zu behandeln.

Näheres zum Thema:

Dr. René Paasch: Unter Stress Leistung bringen

Umgang mit der Krise

Alltagssprachlich ist mit dem Wort „Krise“ eine gefährliche Entwicklung bzw. eine Entscheidungs- oder Ausnahmesituation gemeint, im sportlichen, gesellschaftlichen oder individuellen Kontext (Schnell & Wetzel 1999). Der chinesische Begriff für Krise setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen, wobei eins dem Doppelzeichen für „Gefahr“ und das andere dem Doppelzeichen für „Chance“ entstammt. In vielen Kulturen wurde demnach auf die in der Krise potentiell vorhandenen „Veränderungsenergien“ hingewiesen. Insofern kann der Begriff Krise auch positiv besetzt sein, als „eine Herausforderung, deren erfolgreiche Bewältigung mit einem gestärkten Selbstbewusstsein verbunden ist“ (Burgess & Baldwin 1981). Prinzipiell sind an eine Krisenintervention folgende Anforderungen zu stellen (modifiziert auf die Sportpsychologie in Bezug auf den Abstiegskampf nach Berger & Riecher-Rössler, 2004):

  • Schneller Beginn (Hier und Jetzt – jeder Moment zählt!)
  • Zeitliche Begrenzung (Abstiegskampf oder saisonale Planung)
  • Sicherheit für das Team und Umfeld gewährleisten (Schutz vor der Öffentlichkeit)
  • Rasche physische, kognitive und emotionale Entlastung anstreben (Unterstützung Sportpsychologe bzw. Sportpsychologin)
  • Sicheren Raum anbieten für den Ausdruck von Gefühlen (individuell/kollektiv)
  • Aktive und (Methoden-) flexible Trainerhaltung (Aktives Zuhören bis Handeln)
  • Transparentes, nachvollziehbares und eindeutiges Trainervorgehen mit klarer Kommunikation (Zweifache Verwendung des Wertequadrates: für ein Individuum und für ein System – Schulz von Thun)
  • Beratungsfokus auf aktuelle Situation und/oder Auslöser (Unterstützung Sportpsychologe/in und Funktionsteam)
  • Reaktivierung und Einbezug von Ressourcen (Kräfte bündeln und sich gegenseitig motivieren)
  • Planung und Vereinbarung einer zukunftsträchtigen „Nachsorge“ (Umgang mit dem Abstiegskampf? Krisenmanagement fest etablieren und den Blick nach vorne richten)

Ein Kraftakt

Eine Krisenintervention im Abstiegskampf fokussiert somit den Trainer bzw. Trainerin und das Funktionsteam auf den akuten emotionalen und kognitiven Zustand des Sportlers bzw. der Sportlerin sowie die vorhandenen Ressourcen. Sie ist mit einem spezifischen, auf die unmittelbare Stabilisierung der  Mannschaft ausgerichteten Vorgehen versehen. Die Mannschaft soll emotional entlastet und dessen Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit wiederhergestellt werden. Nach dem transaktionalem Modell von Lazarus (1966) erfordert dies von „Jedem“ letztendlich eine Neubewertung des Abstiegskampfes, bspw. „ist eine große Chance für uns; ist eine Herausforderung; …“, und/ oder eine optimistischere Einschätzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen zur Bewältigung, bspw. „wir stehen das durch; wir sind nicht alleine“.

Dabei ist zu betonen, dass eine aktive Haltung des Trainers und Funktionsteams nicht mit einem Aufzwingen von Interventionen gleichzusetzen ist. Des Weiteren erfordert jede Krisenintervention vom Trainer bzw. Trainerin und Funktionsteam ein hohes Maß an „emotionale Gelassenheit und Stärke“, da er/sie unmittelbar mit starken Gefühlen und zum Teil mit schlechten Berichten des Teams und Medien konfrontiert wird, ohne dass er als Reaktion darauf die notwendige Distanz unter- noch überschreiten darf. Genauso wichtig ist es, die Krisen-bezogenen Kognitionen des Sportlers bzw. Sportlerin zu erfassen. Nach dem Grundsatz der Rational Emotiven Therapie nach Ellis (1977), werden emotionale und Verhaltens-Konsequenzen (C) eines Individuums nach dem „ABC-Modell“, nicht direkt durch auslösende äußere oder innere Ereignisse (A), sondern durch die Art der Bewertung (B) dieser Ereignisse hervorgebracht. Die Analyse der Gedanken und Bewertungen Ihrer Spieler und Spielerinnen gibt einerseits einen Hinweis auf innere Auslöser, darüber hinaus kommen dysfunktionale Gedanken und Bewertungen eine krisenaufrechterhaltende Bedeutung zu („Wir schaffen das nie; ich hab das in meiner Karriere noch nicht geschafft“; …). Es sollte daher primär entlastend und stützend interveniert werden. In diesem Fall sollten Sie sich mit einem Sportpsychologen/in kurzschließen, der diesen Prozess begleitet. Weitere interessante Artikel zum Thema Krise und Fokus auf das wesentliche finden Sie hier:

Dr. René Paasch: Teams in der Krise

Prof. Dr. Oliver Stoll: Fokus auf das Wesentliche

Fazit

Das Ziel des Krisenmanagements im Abstiegskampf ist es, auf diese möglichst gut vorbereitet zu sein, um sie zu managen. Ein wichtiger Bestandteil ist es deshalb, eine Strategie zu entwickeln, die auf Veränderungen flexibel reagieren kann. Um diese Strategie zu entwickeln, ist es notwendig, eine Bestandsaufnahme der gesamten Mannschaft zu machen,  Gedankenkontrolle und Ressourcen durchzuführen und diese stetig zu dokumentieren. Krisenmanagement ist keine einmalige Angelegenheit, sondern ein Prozess, der beständig weiterentwickelt wird und sich verändernden Formen anpasst. Somit beginnt Krisenmanagement auch nicht erst, wenn der Abstiegskampf eingetreten ist. Denken Sie immer daran: „Selbst wenn man am Ende absteigen sollte, ist es kein Ende, sondern, wenn man den Abstiegskampf klug genutzt hat, vielleicht ein Anfang.”

Thorsten Loch: Unabsteigbar nach Herberger

 

Literatur

  1. Alfermann, D., & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl). Sportwissenschaft studieren: Vol. 4. Aachen: Meyer & Meyer.
  2. Baumann, S. (2015). Psychologie im Sport: Psychische Belastungen meistern, mental trainieren, Konzentration und Motivation (6. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.
  3. Boisen, M. (1975). Angst im Sport: Der Einfluss von Angst auf das Bewegungsverhalten. Schriftenreihe des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hamburg: Vol. 8. Giessen etc.: Achenbach.
  4. Burgess A.W., Baldwin, B.A. (1981): Crisis intervention theory and practice. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall
  5. Ellis, A. 1962 dt. (1977): Reason and emotion in psychotherapie. New York: Lyle Stuart
  6. Lazarus, R. S. (1966): Psychological stress and the coping process.New York: McGraw-Hill.
  7. Schnell, M. & Wetzel, H. (1999): Krisenintervention und –therapie. In: Asanger R & Wenninger G (Hrsg.) Handwörterbuch Psychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 371-376

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Thorsten Loch: Unabsteigbar nach Herberger

Es ist eine gewagte Behauptung von mir, jedoch bin ich mir ziemliche sicher, dass der legendäre Appell von Sepp Herberger “Elf Freunde müsst ihr sein” gegen Ende einer Saison häufiger gestresst wird als zu Beginn der Spielserie. Ganz gleich in welcher Situation sich die Mannschaft befindet, versuchen die Trainer mit verwandten Phrasen ihre Schützlinge auf die letzten Spiele einzustimmen. Vollkommen zurecht, vorausgesetzt, dass es nicht nur bei diesen wertigen Worten bleibt, sondern sportpsychologisch eine Grundlage geschaffen worden ist. Wie? Einen Ansatz finden wir auf der Insel.

Zum Thema: Zur sozialen Ansteckung im Fussball

Eine Forschergruppe aus Großbritannien konnte herausfinden Boss/Kleinert (2011), dass wenn wir einen unseren Teampartner bei seinem emotional ausgelassenen (Tor-)Jubel beobachten, unsere eigenen Leistungsvoraussetzungen und schließlich unsere eigene Leistung steigen. Sie begründen: Wenn wir eine positiv-konnotierte emotionale Reaktion eines unserer Teampartner beobachten, erhöht das unser eigenes Selbstbewusstsein und löst zugleich Antizipationen aus, das Spiel als Team zu gewinnen. Gegensätzlich geschieht bei der Wahrnehmung einer negativen Verhaltensweise, bspw. einfache Fehler wie vermeidbare Fehlpässe oder ausgelassene Großchancen, nicht zwingend eine Verringerung des eigenen Selbstvertrauens. Vielmehr verändern sich die Beziehungsqualitäten innerhalb des Teams, weil die schlechtere Leistung des Mitspielers eine hohe Frustration über den Mitspieler und dessen Leistung auslöst. Dass negative Beziehungsqualitäten mit schlechterer Teamperformance einhergehen, ist sehr plausibel und gilt als allgemein bestätigt. Studien zeigen auf, dass je geringer der Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft ist, desto geringer ist auch deren Leistung – als auch das Gegenteil.

Dass sich unser Selbstbewusstsein erhöht, wenn wir eine gute Partnerleistung wahrnehmen, und dass wir unsere Beziehungsqualitäten abwerten, wenn wir eine schwache Partnerleistung vernehmen, ist begründet durch selbstwertschützende Bewertungsmuster. Unser Bestreben ist es, uns Dinge stets so auszulegen, dass es günstig für uns, unser Selbstbewusstsein und unser Selbstwert ist. Eine gute Leistung des Mitspielers nehmen wir uns als Vorbild, dass uns aufbaut und eine schlechte weisen wir von uns und schieben allein dem Mitspieler den „schwarzen Peter“ in die Schuhe.

Praxistipp: Was Trainer konkret tun können

Was können Trainer zusätzlich neben Gesprächen usw. unternehmen, um das Selbstvertrauen ihrer Mannschaft zu fördern? Der Trainer des wieder abstiegsbedrohten Hamburger SV, Markus Gisdol, könnte sich folgender Idee bedienen: Er könnte seine Spieler dazu anleiten, gelungene Aktionen wie bspw. den Torerfolg ausgiebig zu feiern und mit Extrapunkten zu belohnen. Denn ausgiebiges Demonstrieren von Stolz verbessert die Leistungsvoraussetzung des eigenen Teams. Nichtgelungende Aktionen sollten nicht zu übermäßigem Ärger über den betroffenen Teampartner führen, da das ebenso die eigene Performance negativ beeinflusst. Vielmehr sollte in einem solchen Fall an der eigenen Frustrationstoleranz gearbeitet werden und seine Teampartner positiv bestärken. Diese so genannten naiven Bewältigungsstrategien (z.B. Emotionsregulation) können im Vorfeld in Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen erarbeitet werden, welche es dem Spieler in einer solchen Situation ermöglichen mannschaftsdienlich agieren zu können.

Fazit: Der Druck auf die im „Abstiegskampf“ beteiligten Personen steigt am Ende einer Saison bis ins schier unermessliche. Die Systeme reagieren recht unterschiedlich auf eine solche Situation und lassen in diesem Zusammenhang nichts unversucht, um das Ruder doch noch „herumzureißen“. Wie der Beitrag hoffentlich gezeigt hat, muss nicht zwingend etwas Außergewöhnliches unternommen werden. Primäres Ziel sollte es sein, das Selbstvertrauen der Spieler zu erhöhen. Ob und wie dies den Trainern Gelingen wird oder nicht, ist eine spannende Frage, dessen Antwort nur die Zukunft kennt. Wir dürfen uns also auf zwei letzte reizvolle Spieltage freuen. Oder um es mit einem Zitat von Sepp Herberger zu sagen: 

„Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.“

 

Dr. René Paasch: Krisenmanagement zum Saisonende

Literatur:

Boss, M. & Kleinert, J. 2011 Beitrag in Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), Köln, Deutschland Juni 02, 2011 – Juni 04, 2011. in Ohlert, J. & Kleinert, J. (Hrsg.): Sport vereinT.Psychologie und Bewegung in Gesellschaft: 43. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 2. – 4. Juni 2011 in Köln Feldhaus (S. 29). (Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 210)

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Dr. René Paasch: Unter Stress Leistung bringen

Drei Spieltage vor Ende der Bundesliga-Saison haben fast alle Teams Stress. Leipzig, Dortmund und Hoffenheim streiten sich um zwei freie direkte Champions League-Startplätze. Zwischen Berlin und Frankfurt träumen sie von der Europa League. Und der ganze Rest kämpft gegen den Abstieg. Auch in anderen Ligen – bis hinunter in die Niederungen des Fußballs – kennen Mannschaften die besonderen kritischen Situationen am Saisonende. Hier geht es um Existenzen, da um Träume oder Alpträume. In dem nun folgenden Beitrag möchte ich Ihnen bewährte Methoden anbieten, die Ihren Spielern bzw. Spielerinnen im Umgang mit Stress behilflich sein können.

Zum Thema: Was kann der Trainer bzw. die Trainerin zur Bewältigung von Stress beitragen?

In der Theorie sind verschiedenste Definitionen von Stress zu finden. Sie werden mit Begriffen wie Beklemmung, Erregung, Überforderung und Kontrollverlust beschrieben (Baumann, 2015). Seit den 80er Jahren definieren Lazarus und Launier (1981) den Stressbegriff als Transaktion zwischen Umwelt und Person. Dabei stellt die subjektive Bewertung durch das Individuum den entscheidenden Faktor dar. Psychologischer Stress beruht demnach auf der Einschätzung eines betroffenen Individuums, ob der jeweilige „Spieler- bzw. Spielerin-Umwelt-Beziehung“ als herausfordernd, bedrohend oder schädigend einzustufen sind. Die kognitive Bewertung wird in zwei Fassetten unterteilt: Erstens die primäre Einschätzung (Was steht auf dem Spiel). Sie bedient sich überwiegend der Informationen aus der Umwelt (individuelle Forderungen). Und zweitens die sekundäre Ressourcenwahrnehmung, bei der die Strategien der Bewältigung überprüft werden. Sie stützt sich auf die Merkmale eines Spielers bzw. Spielerin (Selbstwirksamkeit). Schließlich erfolgt eine Neubewertung (primär & sekundär). Aus der Einschätzung ergeben sich dann verschiedene Bewältigungsstrategien, die auch als Coping bezeichnet werden. Die kognitive Bewertung wird somit zum zentralen Faktor von Stress.

Im Allgemeinen wird eine grobe Unterscheidung zwischen problemorientierten und emotionsorientierten Funktionen des Copings vorgenommen (Schwarzer, 1993). Bei problemorientiertem Coping zielt das Verhalten auf die Lösung des Problems, bei emotionsorientiertem Coping zielt das Verhalten auf die Linderung der Symptome. Von dieser Idee inspiriert, folgten nun systematische Studien (Stoll, 1995; Ziemainz, 1997). In den genannten Studien konnten leistungsförderliche und –mindernde Copingstrategien aufgedeckt werden. Als Trainer bzw. Trainerin ist es dabei wichtig zu erkennen, aus welchem Grund ein Spieler bzw. Spielerin Stress hat. Die wichtigsten Hilfsmittel sind die positive Bekräftigung, Hilfestellung, Vereinfachung und eine stressfreie und klare Kommunikation (Bandura, 2006; Baumann, 2015; Boisen, 1975) sowie naive Bewältigungsstrategien, die  den Stress mindern können (Alfermann & Stoll, 2007).

Der Umgang mit Stress – Naive Bewältigungsstrategien

Es ist davon auszugehen, dass negativer Stress im Wettkampf zu einer Leistungsminderung führt. Sie blockiert unsere Gedanken (Konzentration, verengte Wahrnehmung). Hier ein praktisches Beispiel „Elfmeter“ aus dem Fußball. Jeder kennt diese Situation: Es sind nur noch wenige Sekunden der Nachspielzeit (Pokal, Punktspiel o.ä.) und wir wissen, dass wir treffen müssen, um zu gewinnen. Foul im Strafraum, Elfmeter! Was passiert in unseren Gedanken? Werde ich den Strafstoß treffen? Ich habe in der letzten Woche nicht getroffen und bin mir heute nicht sicher, ob ich das kann. Was passiert eigentlich, wenn ich den Elfmeter verschieße? Was denken die Zuschauer, Spieler und Trainer von mir? Das innere Gespräch wird immer destruktiver und das ansonsten ausreichend große Tor wird immer kleiner. Der Spieler bzw. die Spielerin stellt die Leistung infrage. Aufgrund des unruhigen Zustandes, kommt es zu einem Verkrampfen der Muskulatur. Die Folge ist, der Elfmeter wird verschossen. Was können Sie tun, um den negativen Stress möglichst wirksam zu bewältigen. Hier können wir uns auf Ergebnisse nur sehr weniger Studien beziehen, die in der angewandten Sportpsychologie durchgeführt wurden. Aus diesem Grund, möchte ich Ihnen die naiven Bewältigungsstrategien Alfermann & Stoll (2007) anbieten. Die im Laufe der Zeit durch verschiedenste Erfahrungen gemacht wurden. Sie lassen sich in personenorientierte (Resillienz, Atementspannung, PMR oder Autogenes Training u.v.m.) und umweltorientierten (Aufsuchen einer beruhigen Atmosphäre unter Zuhilfenahme eines IPods) Bewältigungsstrategien unterteilen. Eine in der Praxis erprobte Überblicksdarstellung der kognitiven, naiven Bewältigungstechniken im Basketball nach Lau, Stoll, Wahnelt (2002) können auf den Fußball –nach individueller Anpassung- übertragen werden. Da dies jetzt zu weit führen würde, möchte ich Ihnen die positiven Selbstinstruktionen und kognitives Training, die sich in der Praxis bewährt haben, anbieten:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Dr. René Paasch: Selbstgespräche machen Beine

Training zur Neu- und Umbewertung

Darüber hinaus möchte ich das Training zur Neu- und Umbewertung empfehlen. Das Ziel dieses Trainings liegt darin, durch Lernerfahrungen stressauslösende Situationen bewusst wahrzunehmen und diese angemessen einzusetzen. Sie können wie folgt vorgehen:

  1. Informationsphase (Stress und Ärger bewusst machen) Hilfsmittel: Video, Tagebücher.
  2. Übungsphase (Ärger- und Stressbewältigungsstrategien erlernen): Selbstinstruktionen – siehe o.g. Links und Visualisierungsübungen.
  3. Anwendungsphase (Fertigkeiten im Training trainieren). Mit diesen Phasen können Sie Ihren Ärger- und Stress erkennen, neubewerten und trainieren.

Ein Stressbewältigungstraining ist für alle Fußballer bzw. Fußballerinnen sinnvoll, die oft und schnell Stress erleben. Es kann daher nicht nur für Fußballer/innen sondern auch für Trainer und Eltern nützlich sein. Zusammengefasst bieten die naiven Bewältigungsstrategien einen innovativen Ansatz, um dem negativen Einfluss von Stress sportliche Leistung entgegenzuwirken. Durch den Einsatz gezielter Bewältigungsstrategien können gestresste Fußballer/innen in die Lage versetzt werden, auch in Wettkampfsituationen ihre Aufmerksamkeit auf das relevante Ziel zu richten.

 

Literatur

  1. Alfermann, D., & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl). Sportwissenschaft studieren: Vol. 4. Aachen: Meyer & Meyer.
  2. Bandura, A. (2006). Psychological modeling: Conflicting theories. New Brunswick, N.J.: Aldine Transaction.
  3. Baumann, S. (2015). Psychologie im Sport: Psychische Belastungen meistern, mental trainieren, Konzentration und Motivation (6. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.
  4. Boisen, M. (1975). Angst im Sport: Der Einfluss von Angst auf das Bewegungsverhalten. Schriftenreihe des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hamburg: Vol. 8. Giessen etc.: Achenbach.
  5. Lau. A.; Stoll, O.; Wahnelt, S. (2002): Mentales Training im Basketball. Butzbach: Afra
  6. Stoll, O. (1995): Stressbewältigung im Langenstreckenlauf. Bonn. Holos.
  7. Lazarus, R. S. & Launier, R. (1981). Streßbezogene Transaktionen zwischen Person und Umwelt. In J. R. Nitsch (Hrsg.), Streß. Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen (S. 213–259). Bern: Huber.
  8. Schwarzer, R. (1993). Streß, Angst und Handlungsregulation (3. erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  9. Ziemanz, H. (1999): Handlungskontrolle und Stressintervention im Triathlon. Aachen: Meyer & Meyer

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Höher, schneller, tot

«Bergsteiger Ueli Steck tödlich verunglückt!» Diese Schlagzeile dominiert momentan die Medien. Die Schweiz trauert um ihren berühmtesten und erfolgreichsten Extremsportler. Der Absturz am Mount Everest macht betroffen, scheint aber auf tragische Weise jene finale Erkenntnis zu bewahrheiten, die der Alpinist selbst kürzlich in einem Interview pointiert formulierte: „Scheitern heisst Sterben“. Auch die Sportpsychologie ist gefragt, wenn es um die Sinnhaftigkeit sportlichen Strebens in der extremsten Form geht. Wo soll und muss sie sich einmischen? Kann sie helfen zu verstehen, was Extremsportler antreibt?

Zum Thema: Inwiefern kann die Sportpsychologie auch Extremsportlern helfen?

Extremsportler bezeichnen sich selbst als Grenzgänger. Sie erkennen in ihrem aussergewöhnlichen Streben nach Spitzenleistung einen besonderen Sinn, Sicherheiten aufzugeben und sich bewusst und aktiv in bedrohliche Lebenssituationen zu begeben. Der bekannte deutsche Sportpsychologe Henning Allmer (1995) hat schon früh eine noch heute gebräuchliche Systematisierung des Extremsports vorgeschlagen. „Zusammengefasst sind für Extrem- und Risikosportaktivitäten außerordentliche Strapazen, ungewohnte Körperlagen und – zustände, ungewisser Handlungsausgang, unvorhersehbare Situationsbedingungen und lebensgefährliche Aktionen charakteristisch.“ (S.64). Kritiker des Extremsports sprechen vom „kalkulierten Wahnsinn“ und beziehen sich dabei auf das nicht durch den Sportler selbst beeinflussbare Restrisiko. „Wir sprechen vom Restrisiko“, betont auch Extremsportlerin Evelyne Binsack. „Und wenn auf diesem Niveau etwas schiefgeht, kann das eben auch fatale Folgen haben.“ Triebfeder ihres Tuns sei ihre grosse Leidenschaft. Sie spricht von einer „amputierten Seele“ wenn sie daran gehindert würde, diese auszuleben.

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Weitere Informationen

Pädagoge Siegbert Warwitz erkennt im Extremsport ein werterfüllendes Handeln, wenn es von Sinnstreben getragen wird. Im Wagnis sieht er einen Weg der aktiven Selbstvervollkommnung, als Möglichkeit, die naturgegebenen Potenziale optimal auszureifen und einer als bedeutsam angesehenen Lebensaufgabe dienstbar zu machen. Diese pädagogische Betrachtung bedingt zudem eine strikte Trennung zwischen Nervenkitzel und Wagnis, Sensationsgier und Sinnsuche, Thrill und Skill, – Einstellungen eben, die den Wagemutigen vom Reizfanatiker trennen.

Die Motivation zu Extremleistungen

Zur Beschreibung der Motivation zu Extremleistungen aus sportpsychologischer Sicht boten sich schon früh zwei Erklärungsansätze an: Zum einen liegt ein Anreiz vermehrt in der Herausforderung, die eigenen Leistungsgrenzen auszutesten. Zum anderen suchen viele Sportler das emotionale Erlebnis. Die Sportpsychologie spricht vom Sensation Seeker. Dabei geht es nicht nur um den Nervenkitzel, sondern insbesondere um das erfolgreiche Überwinden von eigenen Zweifeln und Ängsten. Evelyne Binsack sagt: „Ich bin auch nur ein Mensch, habe Ängste, innere Kämpfe – mit dieser Zerrissenheit muss ich als Extremsportlerin leben.“ Bekannt ist aber auch, dass intensivste Sinnesreize und aussergewöhnliche Emotionszustände den Sportler in einen rauschähnlichen Zustand versetzen können. Die Extremsport wirkt dann wie eine Droge, die dazu führt, dass der Sportler körperliche Beschwerden nicht mehr spürt oder sie bagetellisiert.

Das Interesse am Extremsport ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Sportangebote werden nachgefragt, die Risiko- und Spannungserleben versprechen. Zusätzlich befeuert wird die Lust an der Grenzerfahrung durch eine stetig steigende Professionalisierung der Extremsportarten. Finanzstarke Sponsoren (z.B. Red Bull) und das vermehrte Interesse der Massenmedien sorgen dafür, dass die „Marke X-treme“ im öffentlichen Bewusstsein verankert wird. Entstanden ist eine neue Sportbühne, die mit dem Stratosphärensprung von Felix Baumgartner von 2012 medienwirksam inszeniert wurde: über 10 Millionen Zuschauer verfolgten den Österreicher live am Bildschirm bei seinem Sprung aus 39 Kilometern Höhe. Noch mehr Nähe zu Extremsportaktivitäten dürfte in den letzten zehn Jahren über die sozialen Medien und ihre Netzwerke entstanden sein. Welche Wirkung diese auf die Beachtung von Extremsportarten bei Jugendlichen haben, ist bisher noch nicht schlüssig erforscht.

Boomender Extremsport

Extremsport boomt, die Lust an der Grenzerfahrung ist ungesättigt, die Nachfrage im Internet steigt weiter. Der tragische Unfall von Ueli Steck zeigt aber auch: die „Verleiht-Fügel“-Idee erlitt jüngst vermehrt katastrophale Bruchlandungen. Deutliches Indiz dafür ist die Zunahme der Todesfälle im Base-Jumping, wie aus der bfu-Statistik der Sportunfälle 2000-2015 zu entnehmen ist. „Wenngleich jeder Extremsportler wisse, dass so etwas geschehen könne, bleibe es unfassbar,“ beschreibt Evelyne Binsack die Tragödie. Der renommierte Höhenmediziner Oswald Oelz bringt es auf den Punkt: „Irgendwann passiert es auch den Allerbesten. Irgendwann schlägt die Statistik zu.“ Diese traurige Wirklichkeit trifft insbesondere für die Schweiz zu. 2009 verunglückte mit Ueli Gegenschatz (38) einer der damals weltbesten Basejumper tödlich, als er im Rahmen eines von Red Bull gesponserten Events vom Hochhaus in Zürich sprang. 2016 wurde Freeride Weltmeisterin Estelle Balet (21) bei Dreharbeiten für einen Film von einer Lawine erfasst und verstarb noch am Unfallort.

Sebastian Reinold: Der Reiz der Gefahr

Auch nach dem Unfall von Ueli Steck dürfte sich der Trend fortsetzen: Extrem- und Risikosportarten werden in Zukunft weiterhin einzelne junge Menschen faszinieren und anziehen. Aus Sicht der angewandten Sportpsychologie lassen sich aus diesen Überlegungen mindestens drei relevante Aspekte benennen:

Aus Sicht einer pädagogisch orientierten Sportpsychologie stellt sich die Frage: Würde ich als Sportpsychologe einen Extremsportler unterstützen wollen? Was sind meine moralisch-ethischen Begründungen, die für oder auch gegen ein Engagement in diesem Bereich sprechen?

Thema Wagnis im Sportunterricht. Siegbert Warwitz’ Analysen ergeben prinzipiell vergleichbare Grundmotive und Charakterstrukturen bei Mutproben des nach seiner Identität suchenden Kindes. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass im Rahmen der Berner Studie zur Persönlichkeitsentwicklung durch Schulsport (BISS) dem Unterrichts-Modul „Wagnis“ grosse Bedeutung zugeschrieben wird.

Betrachtet man die erwähnten Athleten-Beispiele aus Sicht des Karriereverlaufsmodells von Wylleman & Lavallee (2004), stellt sich eine grundsätzliche Frage: Könnten Extremsportler im Herbst ihrer Karriere von einer sportpsychologischen Unterstützung im Übergang in eine nachsportliche Karriere profitieren?

Literatur und Quellen:

Allmer, H. (1995). „No risk – no fun“ – Zur psychologischen Erklärung von Extrem- und Risikosport. Brennpunkte der Sportwissenschaft, 9 (1/2), 60–90.

Wylleman, P. & Lavallee, D. (2004). A developmental perspective on transitions faced by athletes. In M. Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A lifespan perspective (pp. 507-527). Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

Orley, Florian (2014). Die Lust am Risiko. Warum Extremsportler ihr Leben für den Sport risikieren. Hamburg: disserta Verlag.

Warwitz, S.A. (2016) Wege des Wagens in sportlichen Risikobereichen. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Aufl., Baltmannsweiler 2016, S. 53–96.

http://www.20min.ch/sport/weitere/story/-Es-ist–als-ob-man-einem-die-Seele-amputiert–20419948

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/Steck-in-seinem-letzten-Interview-Scheitern-heisst-sterben/story/16998516

http://www.bfu.ch/sites/assets/Shop/bfu_2.999.01_bfu-Erhebung%202016%20–%20Tödliche%20Sportunfälle%20in%20der%20Schweiz,%202000–2015.pdf

http://extremsport-welt.de/wp-content/uploads/2013/12/Felix-Baumgartner_Kansir_flickr_CC-BY20.jpg

http://www.blick.ch/news/schweiz/nach-basejumper-tod-hagelt-es-kritik-geht-red-bull-ueber-leichen-id36291.html

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/tragischer-unfall-bei-dreharbeiten-freeride-weltmeisterin-balet-stirbt-in-lawine/13469410.html

https://www.srf.ch/news/panorama/irgendwann-passiert-es-auch-den-allerbesten

http://www.zssw.unibe.ch/biss/

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