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Medien setzen auf die-sportpsychologen

In der begleitenden WM-Berichterstattung des MDR-Fernsehens spielen die-sportpsychologen eine tragende Rolle. In einem aktuellen Beitrag zum Thema „Lagerkoller“ wurde Philippe Müller als Experte befragt. Damit nicht genug: Für die verbleibenden WM-Wochen sind noch mindestens zwei weitere Drehs mit Profilinhabern von die-sportpsychologen.de geplant.

Auch der Berliner Radiosender FluxFM hat nach der Sportpsychologie-Premiere weiter Bedarf an der sportpsychologischen Perspektive. Nach dem Christian Reinhardt und  Prof. Dr. Oliver Stoll kürzlich telefonisch interviewt worden ist, steht am Montag, den 30. Juni, ein Telefonat mit Ruud Vreuls auf dem Sendeplan des „FluxWM-Magazins – Runde Stunde spezial“. 

 

Zum MDR-Bericht: http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/video205372_zc-7931f8bf_zs-2d7967f4.html (Link ist bis 2. Juli 2014 aktiv)

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Katharina Petereit: Sabine Lisicki unter Tränen

Sabine Lisicki kehrt nach Wimbledon zurück. 2013 stand sie als erste Deutsche nach Steffi Graf im Finale eines der traditionsreichsten und bedeutungsvollsten Tennisturniere der Welt.  Sie verlor unter Tränen und voller Enttäuschung gegen die Französin Marion Bartoli mit 1:6 und 4:6. Ihre extrem emotionale Reaktion machte sie für viele Zuschauer menschlich. Aus sportpsychologischer Sicht ließ sich erkennen, dass sie nicht in der Lage war, ihre Emotionen zu kontrollieren.

Zum Thema: Einsatz von Atemtechniken zur Emotionsregulation

Sabine Lisicki zeigte sich 2013 auf ihrem Weg ins Finale sowohl physisch als auch psychisch überlegen. Doch der Showdown sollte anders verlaufen – die Nervosität und fortschreitende Enttäuschung lähmten ihre Fähigkeiten. Im Nachhinein bestätigte sie selbst, dass es ihr nicht mehr gelang, sich zu konzentrieren und sie mental völlig erschöpft gewesen sei. Mithilfe sportpsychologischer Techniken hätte sie sich auf ein solches Worst-Case Szenario vorbereiten können.

Tief durchatmen

Lisicki hat nach dem Finale beschrieben, dass sie irgendwie versucht habe, ihre Atmung zu beruhigen – was offenkundig nicht funktioniert hat.

Es gibt unterschiedliche Atemtechniken, die die Anspannung des Sportlers regulieren können. Hierbei geht es darum, mit einfachen Mitteln die Atmung zu entspannen, den Erregungszustand zu beruhigen und die damit einhergehenden negativen Emotionen zu verändern. Der emotionale Zustand und die Atmung beeinflussen sich gegenseitig. Negative Gefühle wie Angst, Zweifel, Bedrohung und Anspannung bewirken eine flache und schnelle Atmung. Bei positiven Emotionen wie Sicherheit, Entspannung und Zufriedenheit erfolgt die Atmung tief und langsam.

Wir können durch die bewusste Atmung unsere Gedanken steuern, indem wir die Aufmerksamkeit von negativen Ereignissen abwenden und uns voll und ganz auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren. Bei der Atementspannung liegt der Fokus vor allem auf der Bauchatmung und der Ausatmungsphase. Das Ziel ist es, den zuvor gemessenen Puls zu beruhigen.

Vorteile der Atementspannung

Die Atementspannung wirkt sich auf den körperlichen, kognitiven und emotionalen Zustand des Sportlers aus. Eine tiefe und langsame Atmung ermöglicht eine größere Sauerstoffzufuhr, die Umbewertung der Situation und somit eine Regulierung der Emotionen und im Ergebnis eine verbesserte Konzentration. Atemübungen beinhalten keine komplexen Techniken, so dass sie leicht trainier- und durchführbar sind. Sie können demzufolge sowohl im Trainingsalltag, im Wettkampf und in Stresssituationen geübt und eingesetzt werden. Des Weiteren können sie zum Beispiel zur Entspannung in einer Halbzeit- oder Satzpause dienen, um daraufhin entweder weitere sportpsychologische Techniken durchzuführen oder die Instruktionen des Trainers konzentrierter aufnehmen zu können.

Ohne Frage sind Atemübungen nur ein Teil des psychologischen Trainings, sie können und sollten durch weitere Techniken ergänzt werden. Ich bin gespannt, wie Sabine Lisicki sich ab dem 23. Juni 2014 in Wimbledon schlagen wird und ob sie ihre Emotionen regulieren kann – auch wenn sie, ganz bewusst, keine sportpsychologische Betreuung nutzt…

 

Weiterführende Literatur:

Birrer, D., Morgan, G. & Ruchti, E. (2010). Psyche – Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele. Magglingen: BASPO.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Cristiano Ronaldo – Gefangen im Perfektionismus?

Cristiano Ronaldo trägt den Titel Weltfußballer des Jahres. Ganz offiziell ist er also der aktuell beste Kicker aller Kontinente. Bei der in Brasilien stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft kämpft der Portugiese aber dennoch gegen das frühzeitige Ausscheiden – einmal mehr scheint der konstruierte Superstar-Avatar „CR7“ bei einem internationalen Turnier auf menschliches Niveau herabgestuft zu werden. Dies liegt sicher nicht vorrangig an ihm, vielmehr an seinen durchschnittlich begabten (siehe Hugo Almeida) und überdurchschnittlich undisziplinierten (siehe Pepe) Mitspielern.

In dieser Situation leidet der durch und durch perfekte Cristiano Ronaldo wie kein anderer. Denn normalerweise hat der maximal austrainierte, technisch anderen Weltfußballern vielleicht noch überlegene und wie besessen an seinen Skills arbeitende 29-Jährige jedes Detail unter Kontrolle. Verletzungen lässt er von einem eigenen Ärzteteam behandeln, zur Regeneration leistet sich der Real Madrid-Profi eine heimische Kältekammer und was auf dem Platz passiert, dass entscheidet im Normalfall er (siehe Zitat seines Ex-Trainers José Mourinho: „Ich habe versucht, bei ihm was zu verbessern, was er nach meiner Meinung verbessern kann. Er nahm das nicht an, weil er denkt, er weiß alles, und ein Trainer könne ihm nicht mehr helfen, sich zu verbessern.“).

Das drohende Scheitern oder womöglich der große Triumph des Cristiano Ronaldos bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist Anlass genug, dass wir uns hier mit dem Thema Perfektionismus befassen. In den nächsten Tagen wird es spannend, welche Seite die Welt von „CR7“ zu sehen bekommt.

Für die-sportpsychologen.de: Prof. Dr. Oliver Stoll

Perfektionismus im Sport – Fluch oder Segen?

Athleten mit perfektionistischen Tendenzen sind keine Seltenheit. Gerade in den technisch-kompositorischen Sportarten ist die Fähigkeit, eine Bewegung so perfekt wie möglich ausführen zu können, ein zentraler Faktor in der Leistungserbringung. Aber auch in anderen Sportarten, insbesondere in Sportarten, in denen es unter anderem auf das Material bzw. die Materialbehandlung ankommt sind perfektionistische Tendenzen durchaus hilfreich und können die sportliche Leistung unterstützen. Andererseits kann Perfektionismus auch störend wirken. Diese eher negative Seite dieser Persönlichkeitsdisposition wird insbesondere dann deutlich, wenn Athleten ihre in der Regel hohen, selbst definierten Ziele nicht erreichen. Oftmals reagieren sie dann mit Wut, Ärger und frustrierenden Selbstgesprächen, die von Selbstzweifel und Besorgnis gekennzeichnet sind.

Perfektionismus ist eine überdauernde Persönlichkeitsdisposition, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Individuen, die eine hohe Perfektionismusausprägung aufweisen, sehr hohe, teilweise auch manchmal unrealistische Ansprüche an sich selbst stellen und mit negativen Emotionen reagieren, wenn sie diese Ansprüche nicht erfüllen können. Historisch betrachtet kommt die Perfektionismusforschung eher aus der Klinischen Psychologie. Der vorliegende Forschungsstand zum Thema zeigt, dass insbesondere Suchterkrankte häufig hohe Perfektionismustendenzen aufweisen. Die Suchterkrankung ist somit häufig eine Konsequenz nicht verarbeiteter Misserfolge aus Leistungssituationen, die auf der Basis unrealistischer Zielsetzungen, also zu hohen Selbstansprüchen, entstanden sind. Der dadurch entstandene subjektiv erlebte Kontrollverlust wird dann mit Handlungen kompensiert, die diesen erlebten Kontrollverlust kompensieren sollen. Das Ergebnis solcher Kompensationshandlungen ist dann mitunter die Ausprägung einer psychosomatischen Störung.

Somit wurde also dieses psychologische Konstrukt, auch im Sport zunächst eher kritisch und negativ bewertet. Eine differenziertere Betrachtung dieses Konzepts, auch im Leistungssport, erfolgt erst seit knapp zehn Jahren. Das erste Problem, dass es zu lösen galt, war die Entwicklung einer Psychodiagnostik (in Form eines Fragebogens), die das Perfektionismuskonstrukt insbesondere im Sport differenzierter erfassen konnte. Somit entstand im Jahr 2004 das Multidimensionale Inventar zur Messung von Perfektionismus im Sport (MIPS). Der MIPS misst also zum einen das Vorliegen perfektionistischer Bestrebungen im Sport im Sinne des Strebens nach einem sich selbst gesteckten, hohen, sportlichen Ziels (Perfektionistische Bestrebungen) und zum anderen die Ausprägung negativer Emotionen bei einer Nichterreichung dieses selbst gesteckten Ziels (Negative Emotionen). Es folgten dann eine Reihe verschiedener Querschnittstudien im Sport, die nachweisen konnten, dass die Dimension der Perfektionistischen Bestrebungen von Athleten eher mit einer generell hohen Leistungsmotivation und die Ausprägung der Dimension der negativer Emotionen bei einer verfehlten Zielerreichung hoch mit Angst und Selbstzweifel korrelierten. Somit konnte zunächst festgestellt werden, dass Perfektionismus im Leistungssport nichts Negatives zu bewerten ist, solange der Athlet in der Lage ist, seine negativen Emotionen zu kontrollieren.

Negative Reaktionen müssen kontrolliert werden 

Jedoch blieb der eigentliche, objektive Nachweis der leistungsmindernden oder der eher leistungsfördernden Rolle des Perfektionismus im Sport noch aus. Darüber hinaus wurden die ersten Querschnittstudien zumeist nur an Sportstudierenden durchgeführt und nicht etwa an Hochleistungssportlern. Das Erfolgskriterium war in den ersten Studien ein sogenanntes eher „weiches“ Kriterium, nämlich die Selbstberichte der Probanden.

Ein erster Fortschritt in der weiteren Erforschung dieses Konstruktes konnte eine Studie an den insgesamt 160 besten Eishockeyspielern im U16-Bereich aus Finnland zeigen. Hier konnten die schon oben genannten Zusammenhänge zwischen Perfektionistischen Bestrebungen und positiven motivationalen Konstrukten (wie z.B. einer leistungsförderlichen Zielorientierung) und Negativer Emotionen mit eher negativen motivationalen Konstrukten (wie z.B. einer reinen, eher leistungsmindernden Ergebnisorientierung) erstmals an einer Stichprobe von Hochleistungsathleten repliziert werden. In einer darauf folgenden Studie wurde dann erstmals mit einem objektiven Leistungsparameter operiert. Im Rahmen eines korrelativen Untersuchungsdesigns sollten 122 Probanden insgesamt vier Serien mit jeweils sieben Würfen einer – eher für den Basketball atypischen – Wurfleistung durchführen. Vor der Absolvierung der Aufgabe beantworteten die Versuchspersonen das „Mehrdimensionale Inventar Perfektionismus im Sport“. Ein zentrales Ergebnis war, dass die erfolgreicheren Probenden höhere Ausprägungen in der Subdimension der Perfektionistischen Bestrebungen aufwiesen. Die Dimension der Negativen Reaktionen hatte keine leistungsprognostische Funktion. Somit konnte das zunächst auf eher „weichen“ Kriterien basierende Ergebnis, nämlich dass Perfektionismus im Sport durchaus hilfreich im Leistungserbringungsprozess wirken kann, nun erstmals auch auf der Basis motorischer Leistungsdaten bestätigt werden. Aktuell laufen weltweit Untersuchungen, die eine leistungsbeeinträchtigende oder –fördernde Funktion bei Triathleten aufklären soll. Darüber hinaus werden aktuell sportpsychologische Interventionsprogramme entwickelt, die hoch perfektionistischen Athleten helfen sollen, ihre möglicherweise auftretenden negativen Emotionen nach Nichterfüllung der eigenen sehr hohen Zielstellungen besser zu bewältigen und somit von den eigentlich leistungsfördernden Perfektionistischen Bestrebungen zu profitieren. Eine erst kürzlich erschienene Übersichtsarbeit, die nahezu alle vorliegenden Studien zum Zusammenhang von Perfektionismus im Sport und Leistung diskutiert, unterstreicht die Tatsache, dass Perfektionismus im Sport per se – nicht schlecht sein muss, sondern tatsächlich hilfreich sein kann, wenn die negativen Reaktionen bei Nichterfüllung der eigenen Standards kontrolliert werden können.

 

Literaturhinweise

Stoeber, J., Stoll, O., Peschek, E. & Otto, K. (2008). Perfectionism and Achievement Goals in Athletes: Relations with Approach and Avoidance Orientations in Mastery and Performance Goals. Psychology of Sports and Exercise, 9, 102-212.

Stoll, O., Lau, A. & Stoeber, J. (2008). Perfectionism and Performance in a New Basketball Training Task: Does Striving for Perfection Enhance or Undermine Performance? Psychology of Sports and Exercise, 9, 620-629.

Stoeber, J., Stoll, O., Salmi, O., Tiikaja, J. (2009). Perfectionism and Achievement Goals in Young Finnish Ice-Hockey Players. Aspiring to Make the U16 National Team. Journal of Sports Sciences, 27, 85-94.

Gotwals, J., Stoeber, J., Dunn, J. & Stoll, O. (2012). Are Perfectionistic Strivings in Sport Adaptive? A Systematic Review of Confirmatory Contradictory and Mixed Evidence. Canadian Psychology, 53(4), 263-279.

 

Bildquelle: antwerpenR.com, Roger Price

 

Zum Autor:

Prof. Dr. Oliver Stoll

Prof. Dr. Oliver Stoll (* 5. Februar 1963) studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Sportwissenschaft, Psychologie und Pädagogik sowie am College of Charlestin (S.C., USA). Er promovierte 1993 zum Dr. phil. im Fach Sportwissenschaft an der Universität Gießen und wechselte 1995 an die Universität Leipzig. Hier absolvierte er eine wissenschaftliche Assistentenzeit und habilitierte hier im Jahr 2000. Im Jahr 2002 folgte er einen Ruf auf eine Professur für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Sportpsychologie und Sportpädagogik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Zum Profil von Prof. Dr. Oliver Stoll auf Die-Sportpsychologen

 

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Christian Reinhardt und Prof. Dr. Oliver Stoll im MDR

Die mediale Aufmerksamkeit gegenüber die-sportpsychologen.de wächst. So beleuchteten pünktlich zum Ausscheiden der spanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM Christian Reinhardt und Prof. Dr. Oliver Stoll das Thema Körpersprache. Bildmaterial lieferte das Spektakel in Brasilien ja schon ausreichend.

Der „MDR um 11“-Beitrag: „Erfolg macht selbstbewusst und sexy“ ist bis zum 25. Juni in der MDR-Mediathek zu sehen.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Spaniens WM-Scheitern

Der Weltmeister ist ausgeschieden. Nach der 1:5-Auftaktschlappe gegen die Niederlande war die spanische Fußball-Nationalmannschaft auch beim 0:2 gegen Chile taktisch überfordert, körperlich unterlegen und sichtlich gehemmt.

Zum Thema: Welche Bedeutung kommt dem Selbstwertgefühl beim vorzeitigen Scheitern der spanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM zu?

In den Medien findet aktuell eine Diskussion zum Thema „Selbstwertgefühl“ und Erfolg im Fußball statt. Grundlage boten bereits die ersten WM-Tage: Deutschland gewinnt souverän 4:0 gegen Portugal, Spanien hingegen scheidet nach zwei Niederlagen aus dem WM-Turnier aus. In beiden Fällen ist die unterschiedliche Körpersprache der Spieler zu beobachten gewesen. Die deutschen Spieler agierten dynamisch, fest entschlossen, deutlich zu sehen in Gestik und Mimik. Die spanischen Spieler hingegen liefen eher unsicher und nicht immer überzeugend über das Spielfeld. Soweit so gut. Es wäre jedoch sehr reduktionistisch, diese Beobachtungen auf ein möglicherweise – im Falle der deutschen Spieler hohes – und im Falle der Spanier niedriges Selbstwertgefühl zurück zu führen.

Das „Selbstwertgefühl“ wird in der Psychologie durch drei verwandte – jedoch graduell -unterschiedliche Konstrukte beschrieben. Hierzu gehören die Selbstwirksamkeitserwartung, das Selbstkonzept sowie konkrete Fähigkeitseinschätzungen. Alle drei Konstrukte sind überdauernde, also stabile, Wertungsdispositionen und verändern sich (in der Regel) nicht innerhalb kürzester Zeit. Die Psyche eines Fußballers ist sehr komplex und lässt sich eben nicht auf nur einen Teilbereich reduzieren. Ich möchte dies mal an einem Beispiel deutlich machen: Ein Sieg oder eine Niederlage hat natürlich immer eine Einschätzung zur Folge. In der Psychologie sprechen wir hier von „Kausalattribution“, also der Ursachsenzuschreibung. Die kann funktional oder dysfunktional ausfallen und je nachdem, wie dies passiert, hat das natürlich eine Auswirkung auf die Leistungsmotivation. Wenn ich also beispielsweise nach einem Sieg, die Ursache in meinen stabilen Fähigkeiten sehe, dann hat dies natürlich eine Steigerung der Leistungsmotivation zur Folge (funktionale Ursachenzuschreibung). Wenn ich allerdings nach einer Niederlage den Grund in meinen fehlenden Fähigkeiten sehe, dann wiederum senkt das meine Leistungsmotivation (dysfunktionale Ursachenzuschreibung). Die Folge daraus ist eben ein nicht mehr entschiedenes und eher unsicheres Auftreten auf dem Spielfeld, beziehungsweise eine Verminderung meines Einsatzes und eine niedrigere Volition (Wille). Auch dies lässt sich zum Beispiel in der Körpersprache erkennen.

Leistungsmotivation ist im übrigen eher etwas situatives und nichts stabiles. Somit würde sich jedoch auch die Körpersprache der beiden oben genannten Teams erklären lassen, ohne das gleich ein niedriges oder hohes Selbstwertgefühl hierfür verantwortlich gemacht werden kann. Unter dem Strich bleibt, dass man nur darüber spekulieren kann, was psychisch bei den Spielern passiert ist. Wir alle wissen nicht, wie sie denken und fühlen und können somit auch nicht solche Prognosen, wie sie aktuell in der Öffentlichkeit verbreitet werden, treffen. Die Psyche eines Menschen ist eben sehr komplex sowie auch die Handlungen auf dem Spielfeld. Auch wenn wir am liebsten alles im Detail analysieren und wissen würden, so ist dies einfach nicht möglich. Die einzigen, die uns hier weiter helfen können, sind die Spieler selbst beziehungsweise die Menschen in ihrem Umfeld, denen sie sich anvertrauen.

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Jetzt für Sportpsychologie-Studiengang bewerben

Die Bewerbungsfrist für den Master-Studiengang Angewandte Sportpsychologie für das Wintersemester 2014/2015 endet am Dienstag, den 15. Juli 2014. Weitere Informationen zur Bewerbung hält die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf folgender Internetseite bereit: http://immaamt.verwaltung.uni-halle.de/bewerbung/

Der nicht-konsekutive Masterstudiengang „Angewandte Sportpsychologie“ ist der erste universitäre Präsenz-Studiengang dieser Art in Deutschland und verbindet sowohl sportpsychologisches, klinisch-psychologisches und pädagogisch-psychologisches Wissen. Die Federführung des Studiengangs erfolgt durch die Sportwissenschaft. Folgende Schwerpunkte sind Inhalt des Studienganges:

– Verfahren und Methoden der Diagnostik aus sportmedizinisch-trainingswissenschaftlicher, bewegungswissenschaftlicher und psychologischer Perspektive
– Optimierung der sportlichen Leistung
– Sportpsychologische Verfahren zur Motivationsregulation, der Emotionsregulation sowie des Mentalen Trainings
– Teamdiagnose und Teambuilding
– Psychopathologie
– Forschungsmethodologie und Statistik

Ziel des Studiengangs ist es, die Studierenden für eine berufliche Tätigkeit im Leistungssport zu qualifizieren. Sie erwerben Kompetenzen, um die im Leistungssport aktiven Athletinnen und Athleten in ihrer Leistungsentwicklung und -optimierung psychologisch zu begleiten und zu unterstützen. Die Studierenden erwerben Kompetenzen in der Optimierung von Bewegungslernen sowie der Emotions- und Motivationsregulation. Ebenso werden die Studierenden in die Lage versetzt, psycho-pathologische und klinische Symptome zu erkennen und somit auch gesundheitlich präventiv wirksam zu werden. Die Studierende erwerben umfangreiche Kompetenzen in der sportpsychologischen, bewegungswissenschaftlichen und trainingswissenschaftlichen Diagnostik.

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Christian Reinhardt: Versagen unter Druck


Im sportlichen Wettkampf zählt oft nichts mehr als das Ergebnis. Begeisternde Vorrundensiege, eine makellose Vorkampf-Bilanz oder temporäre Siegesserien sind sportartenübergreifend Makulatur, wenn in den entscheidenden Situationen versagt wird. Viele Sportler haben damit Probleme, große Probleme. Christian Reinhardt von die-sportpsychologen.de unternimmt einen Ausflug in eine Randregion der Sportwelt, um an Hand der weltweit boomenden Kampfsportart Mixed Martial Arts (Gemischte Kampfkünste) dieses Phänomen zu erklären.

Für die-sportpsychologen.de berichtet Christian Reinhardt:

Druck verändert die psychischen Leistungsvoraussetzungen 

Das Mixed Martial Arts Großereignis im Juni, die Ultimate Fighting Championship 174 im kanadischen Vancouver, stand im Zeichen der psychischen Beanspruchung der Athleten. Andrei Arlovski gab zu, dass bei seinem ersten UFC Auftritt seit 2008 seine Arme und Beine auf dem Weg zum Oktagon und auch während der ersten Runde heftig gezittert haben. Sein Gegner Brendan Schaub schien nicht weniger nervös. Das Publikum quittierte den entsprechend gehemmten Kampf mit Buh-Rufen.

Schlimmer erging es Tyron Woodley, der in seinem Kampf gegen Rory Macdonald wie paralysiert wirkte. Wie zur Bestätigung wurde der einstige Ausnahme-Ringer dann sogar von seinem Gegner zu Boden ‚gerungen‘. UFC Präsident Dana White urteilte, dass Woodley in diesem wichtigen Kampf unter Druck versagt und vielleicht nicht das Zeug für die UFC habe.

„HE GOT BEAT MENTALLY. HE GOT BEAT PHYSICALLY. TYRON’S GOT A WAYS TO GO. HE SEEMS LIKE HE CHOKES IN THE BIG FIGHTS.“

DANA WHITE, UFC PRÄSIDENT

Tatsächlich zeigt sich ein Muster, wenn man Woodleys Karriere (15 Siege, 3 Niederlagen) genauer betrachtet. Seine einzigen Niederlagen erlitt er jeweils in entscheidenden Kämpfen und auf ähnliche Art und Weise: Er verlor den Strikeforce-Titelkampf gegen Nate Marquardt, nachdem er trotz eines guten Starts immer passiver wurde. In der UFC unterlag er bei einem richtungsweisenden Kampf Jake Shields, wobei er teilweise „fast apathisch wirkte“ (Lawson, 2014). Der zurückliegende Kampf gegen Rory MacDonald sollte Woodley nach eigener Aussage in die Position des Titelanwärters bringen. Der Ausgang ist bekannt.

Was ist nun mit Tyron Woodley passiert? Das Versagen unter Druck (engl. Choking under pressure; Baumeister & Showers, 1986) ist keine seltene Erscheinung und bedeutet, dass ein Athlet seine Leistung plötzlich nicht mehr abrufen kann, da sich unter wahrgenommenem Druck die psychischen Leistungsvoraussetzungen ändern, beispielsweise das Angstniveau steigt. Insbesondere die subjektiv empfundene Wichtigkeit des Wettbewerbs spielt dabei eine Rolle. Grundsätzlich gibt es zwei Erklärungsmodelle für dieses Phänomen:

Das erste Modell geht von einem Anstieg der Selbstaufmerksamkeit aus. Der empfundene Druck führt zu einer gesteigerten Angst zu Versagen, was wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zur Folge hat. Dies bewirkt, dass automatisierte Bewegungen nicht mehr reibungslos ausgeführt werden, sondern die Kämpfer plötzlich bewusst darauf achten, wie ihre Bewegung (eigentlich) ablaufen sollen. Dies kann zu einer „Paralyse durch Analyse“ (Beilock, 2011) führen.

Das zweite Modell basiert auf der Ablenkung der Kämpfer aufgrund des empfundenen Drucks. Die Aufmerksamkeit wird dabei auf irrelevante Hinweisreize und auf leistungsabträgliche Gedanken, wie beispielsweise die Angst zu versagen, Gedanken an zurückliegende Misserfolge in vergleichbaren Situationen, Selbstzweifel oder aber auch vorzeitige Sieggedanken und Gedanken an den nachfolgenden Wettkampf gelenkt. Diese Ablenkung führt dazu, dass ein Sportler sich nicht mehr optimal auf die Bewegung konzentrieren kann. Die Auswirkungen sind in einer Sportart, die extreme koordinative und konzentrative Anforderungen mit sich bringt, wie die MMA, entsprechend gravierend.

Was kann man gegen das Versagen unter Druck tun?

Grundsätzlich ist es für den betroffenen Sportler wichtig zu wissen, dass die auslösenden Gedanken beeinflusst und die Stressreaktion damit abgemildert oder ganz vermieden werden kann. Abhängig davon, welches der beiden Erklärungsmodelle überwiegt, gibt es unterschiedliche Methoden, diesem Erleben zu begegnen.

Ist der Leistungsabfall auf eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zurückzuführen und die normalerweise automatisierten Bewegung funktionieren plötzlich nicht mehr, weil sich der Athlet zu bewusst auf ihre Ausführung konzentriert, liegt der Schlüssel in der (Wieder-) Erlangung der kognitiven Kontrolle. Hier ist zum einen das Training von Drucksituationen* wichtig, beispielsweise durch die Simulation von kritischen Situationen, die Verknüpfung mit Konsequenzen, das Einbinden von stressauslösenden Reizen etc. Zum anderen sollten die Kämpfer lernen, eine Kurzentspannung, eine Atementspannung oder eine Entspannungsroutine in den Rundenpausen anwenden zu können (sehr gut bei Halbschwergewichtschampion Jon Jones zu beobachten). Diese Kurzentspannungen sollten dann auch in Drucksituationen im Training oder bspw. als Zuschauer (möglichst nah am Ring) geübt werden. Darüber hinaus sind positiveund handlungsrelevante Selbstinstruktionen hilfreich. Durch diese Maßnahmen bauen wir uns auf und es bleibt kein Raum mehr für leistungsabträgliche Gedanken. Die Situation bleibt somit in der Kontrolle des Athleten.
Wenn Sie mit dem Auto Hindernisse umfahren müssen schauen Sie im Optimalfall dahin, wo Sie hinfahren wollen und nicht auf das Hindernis. Ähnlich ist es im Ring. Die Aufmerksamkeit sollte auf das gerichtet werden, was mir hilft die Aufgabe zu bewältigen und nicht das (mentale) Hindernis.

Für den Fall, dass die Aufmerksamkeitsablenkung hauptsächlich für den Leistungsabfall verantwortlich ist,  kommt der Anwendung von Routinen eine Schlüsselrolle zu. Sie vermitteln dem Kämpfer ein Gefühl von Sicherheit und führen dazu, dass derDruck weniger stark empfunden wird und die Aufmerksamkeit (routinemäßig) auf die aufgabenrelevanten Reize gelenkt wird. Diese Routinen können sowohl vor dem Kampf als auch in den Pausen durchgeführt werden und sollten unbedingt mit den Trainern bzw. dem Team erarbeitet werden, das tatsächlich am beziehungsweise im Ring sein wird. 

Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich mit den ablenkenden Gedanken und reizen zu befassen. Welche Gedanken haben mich abgelenkt? Gab es vielleicht auch Gedanken, die mir geholfen haben? So lässt sich letztlich das Zulassen von vornehmlich hilfreichen und handlungsleitende Gedanken trainieren. Der Athlet muss sich bewusst sein, dass er die Möglichkeiten hat, die Situation zu kontrollieren und erfolgreich zu meistern.

Fazit

Ein Leistungsabfall unter Druck kann – in unterschiedlich starker Ausprägung –  jedem Sportler wiederfahren. In einigen Sportarten, insbesondere in den gemischten Kampfkünsten, ist dies eine bekannte Erscheinung. Entscheidend ist, sich darauf vorzubereiten um die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens zu verringern und sich vor allem während des Kampfes wieder fangen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist Woodleys Gegner, Rory Macdonald. Dieser wurde nach eigenen Angaben bei seiner ersten Niederlage (gegen Carlos Condit bei UFC 115) während des Kampfes durch das Publikum so abgelenkt, dass er nicht mehr aufmerksam genug war und kurz vor dem Ende den Kampf noch verlor. Nachdem er intensiv an diesem Problem arbeitete, berichtete er nach dem Kampf gegen Woodley, dass er so fokussiert war, dass er das Publikum kaum wahrnahm (siehe Video).

Dana White liegt also richtig, wenn er sagt, dass Tyron Woodley unter Druck versagt hat. Er liegt allerdings falsch, wenn er daraus ableitet, dass ein Sportler deshalb nicht das Zeug zum Spitzenathleten hat.

*Das Training von Drucksituationen im Kampfsport ist aus sportpsychologischer Perspektive eine so wichtige und komplexe Komponente der Trainingsarbeit, das diese hier zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher beschrieben wird.

Literaturverzeichnis

Baumeister, R. &. (1986). A review of paradoxical performance effects: choking under pressure in sports and mental tests. Journal of Social Psychology, S. 361-383.

Beilock, S. (2011). Choke: What the Secrets of the Brain Reveal About Getting It Right When You Have To. New York: Free Press.Absatz

Lawson, N. (16. 06 2014). Bleacherreport. Von http://bleacherreport.com/articles/2098539-dana-white-tyron-woodley-seems-like-he-chokes-in-big-fights abgerufen

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Philippe Müller: Roy Keanes Skepsis

Die englische Boulevardzeitung «Mirror» stellte pünktlich zur WM-Auftaktniederlage des englischen Teams einen Bericht über Äußerungen der Manchester United-Legende Roy Keane online. Darin kritisiert er den englischen Nationaltrainer Roy Hodgson für seine Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen Steve Peters.

Zum Thema: Ist die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen sinnlos?

Roy Keane gewann mit Manchester United sieben englische Meisterschaften und ist seit 2013 Teamchef der irischen Fussballnationalmannschaft. Von mangelnder Fussballkenntnis also kann nicht die Rede sein. Keane äußerte sich kritisch gegenüber der Zusammenarbeit der englischen Nationalmannschaft und dem Sportpsychologen Steve Peters. Dieser wurde engagiert, um den Engländern mit ihrem «Elfmetertrauma» zu helfen.

Keane ist der Auffassung, der «Manager» müsse der Sportpsychologe sein. Roy Hodgson verfüge über genügend Erfahrung. Der Sportpsychologe sei die falsche Person um im Falle eines Elfmeterschiessens zu helfen.

Doch ist Roy Keanes Kritik berechtigt? Seine Kritik beinhaltet einige interessante Gesichtspunkte. Er hat recht, dass im Falle eines Elfmeterschießens die Spieler sich nicht vom Trainer abwenden und den Sportpsychologen aufsuchen würden. Auf dem Platz ist Roy Hodgson die Bezugsperson. Mit seiner Nominierung der Schützen setzt er klare Zeichen. Er spricht ihnen sein Vertrauen aus und kann dem Spieler letzte positive Bekräftigungen auf den Weg zum Punkt mitgeben.

Es lässt Keane jedoch entgegnen, dass seine Sichtweite sehr eingeschränkt ist. Er geht davon aus, dass der Sportpsychologe im Ernstfall interveniert, dass heißt um als Feuerwehrmann den akuten Brand zu löschen. Doch das Ziel müsste sein, dass Feuer gar nicht erst entstehen zu lassen beziehungsweise den Spielern das Wissen zu vermitteln, wie sie damit umzugehen haben. Die richtige Vorbereitung auf eine solche Situation ist demnach wichtig. Die Arbeit des Sportpsychologen beginnt also im Training, wo der Umgang mit der Elfmetersituation erlernt und geübt wird. Und nicht erst auf dem Platz, wenn die Situation eintrifft.

Die Antworten auf die Frage wie man sich auf ein Elfmeterschießen vorbereiten kann, finden sich in Mild Gatzmagas Leitartikell: Die Angst beim Elfmeterschießen besiegen lernen.

 

Mirror: World Cup 2014: Roy Keane blasts Roy Hodgson for using sports psychologist on England team

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Dem Schmerz davonlaufen

Seit 1959 trifft sich ein erlesener Kreis von Ausdauersportlern im schweizerischen Biel zum traditionellen 100km-Rennen. Am Freitag, den 13. Juni, gehörte auch Prof. Dr. Oliver Stoll zu diesem Starterfeld, welches um 22 Uhr Ortszeit einen Wettkampf der besonderen Art aufnahm. Exklusiv für die-sportpsychologen.de berichtet er von dieser Lebenserfahrung, mit der er sich einen lange gehegten Traum verwirklichte. 

Zum Thema: Sportpsychologisches Handwerk im 13,5-Stunden Dauertest

Die 100km von Biel sind also auch für mich „Geschichte“. Mein Plan ging voll und ganz auf. Insgesamt bin ich 13 Stunden und 34 Minuten gelaufen, um diese Distanz zurück zu legen, abgeschlossen mit einem sehr emotionalen und atemberaubenden Finish. Dies ist für mich umso schöner, da ich nahezu – speziell diesen Lauf – 30 Jahre lang vor mir her geschoben habe. Im Jahr 1984 hatte ich das erste Mal davon gehört und habe dann gleich das Buch von Werner Sonntag „Irgendwann musst Du mal nach Biel“ gelesen. Von diesem Zeitpunkt an stand für mich fest, dass ich dort einmal hin muss.

Wie schon im zurückliegenden Blog-Beitrag (100 km Laufen ist (r)eine „Kopfsache“) angedeutet: Für die 100km kann man nur sehr eingeschränkt trainieren. Am ehesten kann man noch im psychologischen Bereich – spezifisch – trainieren. Wie sah nun mein sportpsychologisches Training aus? Die 100 km sind zunächst einmal nur eine Zahl. Aber diese Zahl darf man am Start nicht vor Augen haben – das ist viel zu abstrakt. Erste einmal bis Kirchberg. Das ist überschaubare 57 Kilometer mit der Möglichkeit zu duschen und eine Massage zu bekommen. Bevor es los geht, ist es wichtig, die Stellen abzukleben oder mit Vaseline einzucremen, die sich leicht wund reiben können. Diese sehr einfache und kleine Handlung hilft, einiges an Schmerzerfahrungen, die schon früh auftreten können, vorzubeugen. Dann habe ich mich also auch schon im Vorfeld sehr intensiv mit der Strecke beschäftigt und mir – sehr perfektionistisch – ein „Drehbuch“ gebastelt. Ich kannte die Strecke, also die Orte, die durchlaufen würden, die Anstiege, die Wald-, Feld-, und Trailpassagen, bevor ich diese gesehen hatte. Dieses Wissen half mir, meine Aufmerksamkeitsregulation zu optimieren. Gerade zu Beginn der Strecke heißt es „hellwach“ zu sein, und möglichst viel von der positiven Ausgangsstimmung mit in die Nacht hinein zu nehmen. In anderen Passagen war es wichtig, in sich hinein zu hören, um möglichst viele Informationen über seinen physischen Zustand zu erfahren. Zwischen Kilometer 60 und 70 wird ein anspruchsvolleres Trailstück absolviert, bei der die Aufmerksamkeit ganz auf die Wegbeschaffenheit gerichtet sein muss. Man darf dort nicht „wegdämmern“, so wie es einem Läufer vor mir passiert ist, der dann stürzte und sich einige Blessuren zuzog.

Mit Lieblingsmusik aus der Nacht

Man kann sich aber auch nicht 13 Stunden lang voll konzentrieren. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, Teilstücke zu finden, auf denen man einfach mal die Gedanken schweifen lassen kann, oder eben auch Musik hört, die subjektiv positive Emotionen induzieren kann. Dies habe ich z.B. zwischen KM 48 und 56 getan und konnte dann, während ich meiner Lieblingsmusik lauschte, beobachten, wie die Nacht dem Tag weicht.

Die „Krise“ kommt und sie kam auch. Kilometerpunkt 70 und mein Körper fühlte sich wie ein einziger Krampf an. Dies konnte ich mit vorher einstudierten „Selbstgesprächen“ zumindest etwas kontrollieren. Dennoch waren die Schmerzempfindungen sehr intensiv, so dass ich kaum wusste, wie ich damit umgehen sollte. Hier haben kurze Gehpausen Abhilfe geschaffen sowie etwas ausgedehntere Aufenthalte an den Verpflegungsständen. Ab Kilometer 76 – und dies überraschte  mich selbst – waren die Schmerzen dann fast nahezu verschwunden. Es fühlte sich an, als wären mir Flügel gewachsen – Euphorie pur. Ab KM 92 verschwand dann langsam wirklich die Kraft. Das Laufen gleicht dann eher einem „Dahinschleppen“. Von außen betrachtet könnte man meinen, dass der Läufer dann leidet – dem ist jedoch nicht so, denn das Wissen und die Überzeugung, dass man garantiert das Ziel erreichen wird, überdeckt alles, was vorher möglicherweise an Zweifel oder Unsicherheit vorhanden war. Der Rest – also der letzte Kilometer – ist ein reiner Genuss. Hier saugt man den Applaus und die näher kommenden Lautsprechergeräusche des Zielbereichs einfach nur auf und genießt. Der Zieleinlauf ist dann phänomenal – genial. Für viele Läufer, wie auch für mich, ist dieser Lauf ein Lebenstraum. Was diesen Lauf ausmacht, sind die vielen sehr intensiven Emotionen, die man unterwegs erlebt und man genießt auch die stille Kameradschaft mit den anderen Läuferinnen und Läufern, die dann – so wie auch ich – im Ziel wissen, dass man etwas ganz besonderes geleistet hat.

 

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Elvina Abdullaeva: Vom Kind zum Tennisprofi

Tennis ist eine hoch attraktive Sportart, mit einer sehr verlockenden Perspektive für eine spätere Profikarriere. Nicht selten tun entsprechend motivierte Eltern alles, um eine Leistungssportlaufbahn im Tenniszirkus anzubahnen – es werden Trainer bezahlt, fleißig nationale und internationale Nachwuchsturniere besucht und in Einzelfällen die talentierten Kinder in Tennisakademien geschickt. Nicht weniger Mädchen und Jungen steigen aber wegen des zu großen Trainingspensums oder den haushohen Erwartungen frühzeitig aus. 

Zum Thema: Wie soll ein optimaler Einstieg in die Sportkarriere aussehen?

Es gibt verschiedene Meinungen, wie man aus einem Kind einen Profitennisspieler macht. Wichtig ist es, die Besonderheiten dieser Sportart zu berücksichtigen. Denn grundsätzlich unterliegen die geforderten Bewegungen einer hohen Komplexität. Demgegenüber hat die Technik wohl den größten Einfluss auf die Leistung – so gehört Tennis zu den Sportarten mit späterer sportartspezifischer Spezialisierung (vgl. McCraw, 2002). Bemerkenswert: Viele Top-Tennisspieler- und spielerinnen, wie beispielsweise Roger Federer oder Justine Henin, hatten im Alter zwischen zwölf bis vierzehn Jahren noch kein hoch intensives professionelles Training (vgl. Unierzyski, 2005).

Es ist zweckdienlich, in den ersten Jahren des Tennistrainings des Kindes in den Aufbau einer breit angelegten Basis zu investieren. Denn eine zu frühe Spezialisierung führt zu negativen Konsequenzen und behindert so die Sportkarriere eines Kindes (vgl. Baker, 2003). Einerseits blockiert die Konzentration auf nur eine bestimmte sportartspezifische Technik die Erwerbung von komplexen Bewegungsfertigkeiten. Dies verursacht zudem nicht selten häufig wiederkehrende Verletzungen in der Zukunft.

Aber auch auf psychologische Ebene ist ein früher sportspezifischer Einstieg ungünstig und vermindert in einer langfristigen Perspektive bei den Kindern die Freude am Sport, was bekanntlich einer der wesentlichen Faktoren für das Sporttreiben ist. Daher ist es für die Trainer wichtig, diese Erkenntnisse in ihrer Arbeit zu berücksichtigen und durch ein langfristiges Konzept der Entwicklung eines Tennisspielers an die eifrigen Eltern zu vermitteln. Was bedeutet das genau?

Vielseitigkeit und Spaß

Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren sollen vielseitige sportliche Erfahrungen sammeln. Für junge Tennisspieler wäre empfehlenswert andere Ballsportarten auszuüben, z. B. Fußball, Handball, Floorball – aber auch Schwimmen oder Eislaufen. Durch so eine breite Sportaktivität werden bei den Kindern nicht nur tennisspezifische, sondern vielseitige motorische und koordinative Fertigkeiten, taktische, technische sowie allgemeine konditionelle Fähigkeiten entwickelt, die auch wiederum vor chronischen Tennisverletzungen künftig (z. B. Tennisarm) schützen.

Die ITF (International Tennis Federation) gibt dafür ihre eigenen Empfehlungen. So sollten beispielsweise die ganzwöchigen sportlichen Aktivitäten im Verhältnis 50% Tennis und 50% zu Gunsten anderer Sportarten aufgeteilt werden. Dabei sollten die Kinder im Alter zwischen sechs und acht Jahren nicht mehr als drei bis vier Trainingsstunden mit jeweils 45 Minuten Länge absolvieren. Im Alter zwischen neun bis elf Jahren bleibt die Trainingsanzahl gleich, aber die Intensität kann bis zu einer Stunde pro Training steigen. Damit der Übergang zur nächsten Karriereentwicklungsphase effizient verläuft, wird in diesem Alter empfohlen, 70% des Sportausübens mit Tennis und 30% mit anderen Aktivitäten auszufüllen.

Was den psychologischen Aspekt betrifft, soll der Sport in diesem Alter spielerisch gesehen werden, keinen Zwang in sich tragen und den Kindern Spaß machen. Wichtig ist hier der Prozess und nicht das Ergebnis (vgl. Stoll et. al. 2010). Das Spielniveau und die Qualität der Trainingsgruppe beziehungsweise der Gegner soll an das Spielvermögen des Kindes angepasst werden, so dass es eigene Stärken kennenlernt und mit erfolgszuversichtlichen Einstellungen zu den Sportstunden kommt.

Die Trainer und Eltern sollen natürlich auch solche Themen, wie genügende Erholung, gesunde Ernährung und Akzeptanz der weiteren Freizeitaktivitäten bei ihren Schützlingen und Kindern nicht vergessen. Mit Rücksicht auf alle diese Faktoren lässt sich eine sichere Basis für die spätere tennisspezifische Spezialisierung bilden und die optimale Karriereentwicklung ermöglichen.

Quellen:

Baker, J. (2003). Early specialization in youth sport: A requirement for adult expertise? High Ability Studies, 14, 85-94
McCraw, P. (2002). Player development philosophy. ITF Coaching and Sport Science Review, 28, 12-13.
Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Hans Huber Verlag.
Unierzyski, P. (2005). Periodisation for under-14s. ITF Coaching and Sport Science Review, 36, 4-6.

Internet:

Afework H. Developing top junior tennis players. http://en.coaching.itftennis.com/media/108061/108061.pdf

 

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