Elvina Abdullaeva: Wenden in der Sackgasse

Ana Ivanovic`s frühes Ausscheiden bei den US Open kam schon fast überraschend. Denn schließlich meldete sich die frühere Nummer 1 im Damentennis in dieser Saison nach einer langen Durststrecke eindrucksvoll zurück: Drei Turniere (Monterrey, Birmingham und Auckland) konnte sie bereits gewinnen und bei den Australien Open erreichte sie das Viertalfinale. Damit ist Ivanovic wieder in die Top-Ten der Welt zurückgekehrt. Der Grund dafür ist die richtige Verarbeitung ihrer starken sportlichen Krise, die ohne einen einzigen Turniersieg knapp 32 Monaten andauerte.

Zum Thema: Gehören berufliche Krisen dazu?

Berufliche Krise – ist das wirklich so gefährlich? Denn Krisen – seien es Wirtschafts-, Alters-, Familien- oder berufliche Krisen – sind eigentlich ganz normal; ja, sie sind sogar unumgänglich, da sie eine essentielle Phase des Entwicklungsprozesses darstellen. Die Botschaft einer Krise ist es, die betroffene Person darauf aufmerksam zu machen, dass die bisher gut funktionierenden Mechanismen ihren Vorrat erschöpft haben und veraltet sind. Wenn diese Botschaft ruhig wahrgenommen und rational verarbeitet wird, dann ist diese Krise keine Katastrophe. Bei Ana Ivanovic war das leider nicht der Fall. Nach dem Triumph bei den French Open 2008 dachte sie, dass der Erfolg eine selbstverständliche Sache sei und dies auch so bleiben werde. Doch die Gegnerinnen hatten die Spielweise von Ana Ivanovic analysiert, konnten somit ihre Schläge erahnen und besiegten sie schlussendlich. Ivanovic konnte immer weniger Erfolge verbuchen und schlidderte in eine starke, am Ende 32-monatige, Krise ohne einen einzigen Turniersieg. Die serbische Tennisspielerin flog aus den Top 20 heraus, was ihr wie eine Katastrophe vorkam. Dauerhaft versuchte Ana Ivanovic, fast manisch, diese Krise zu überwinden. Sie schuftete, wechselte mehrere Trainer, versuchte ihren Stil umzustellen, grübelte ununterbrochen und ist dadurch in eine Sackgasse geraten, wie die Süddeutsche Zeitung kürzlich in einem Portrait skizzierte. Das Schlimmste: Es gab keine Spur der Besserung.

Ivanovic’s Erfolgsgeheimnis ist loslassen

Wenn man sich dauerhaft starr auf eine Sache fixiert und sich nur damit beschäftigt, kann es zum Gefühl des Ausgebranntseins kommen. Keine neuen Kräfte, keine neuen Ideen – im Ergebnis bleiben die Betroffenen in ihrer Entwicklung stehen. So war es auch bei Ana Ivanovic. Aber: Sowohl das Gehirn als auch den Körper sollte nie ununterbrochen mit nur einer Sache beansprucht werden. Der Mensch muss regelmäßig eine Abwechslung, sogenannte Schleusen, zur Verfügung haben (vgl. Ebersprächer, 2009). Schleusen sind eine Reihe von persönlich angenehmen Situationen, die demjenigen helfen sich nach einigen anstrengenden Erlebnissen, einem schwierigen Tag oder einer schwierigen Woche abzulenken und zu erholen. Eigene Schleusen kann man in den Dingen finden, die einem Spaß machen. Das kann unter anderem eine Ablenkung durch eine Aktivität oder Kommunikation über außersportliche Sachen sein.

Als Ana Ivanovic dies für sich verstanden hat, kam es zum Wendepunkt. Wie die serbische Tennisspielerin selbst erzählt, kam es erst dann zu einer Verbesserung als sie mit ihren Versuchen abgebrochen hat, die sportliche Krise fanatisch überwinden zu wollen. So reduzierte sie den Druck auf sich selbst und hat den Platz für neue Kräfte frei gemacht. Schlüsselmittel hatte Ivanovic in neu entdeckten, angenehmen Aktivitäten (Schleusen) gefunden und hält bis heute daran fest. In ihrer Auszeit nimmt sie zahlreiche Angebote in New York in Anspruch. Sie selbst kommentiert es so: “Es ist die ideale Stadt, um sich abzulenken. Ich kann eine Show sehen oder ins Kino gehen…”. Auch Gespräche mit ihrem aktuellen Trainer über andere Dinge als über Tennis lenke sie von dem unnötigen Grübeln über die nächsten Spiele ab. Kein Leistungssportler bleibt sein ganzes Leben ein Leistungssportler. Niemand kann sein Leben dauerhaft nur mit der Arbeit verrichten, dabei einen beruflichen Erfolg erwarten und am Ende gesund bleiben. „Das ist mein Leben – und wenn man jede einzelne Woche im Jahr ernst nimmt, dann fängt man an, es nicht mehr zu mögen.“ Ana Ivanovic hat nach zweieinhalb Jahren ununterbrochenen ergebnislosen Kampfes verstanden, wie sie für sich Erfolg wahrscheinlicher macht. Oder wie sie selbst sagt:„Es ist wichtig, das Leben auch zu genießen“.

Quellen:

Eberspächer, H. (2009). Ressource Ich: Stress-management in Beruf und Alltag. (3. Aufl.) München: Hanser.
Schmieder, J. 24.August 2014. Ein Fall fürs Kleinhirn. Süddeutsche Zeitung.

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