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Dr. René Paasch: Trash Talk richtig kontern

Ende Februar diskutierte die Bundesliga, ob es akzeptabel sei, dass die Spieler des Aufsteigers FC Ingolstadt auch mit Mitteln abseits des guten Geschmacks kämpften. Mit Worten wie „ekelhaft“, „Horror“ und „Schweinespiel“ wurden die Spieler des HSV nach dem 1:1 der Schanzer in Hamburg hinsichtlich der Spielweise der Bayern zitiert. Dabei waren es gerade die Nordlichter, die Anfang der Saison für Aufsehen sorgten: Im Pokalspiel des HSV beim Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena soll der Hamburger Sven Schipplock den FCC-Torhüter Raphael Koczor wiederholt damit konfrontiert haben, welche Summen in der Bundesliga so verdient werden können. Keine Frage, die Sitten im Fußballgeschäft sind rauh und es gibt Techniken, deren Wirkungskraft unter der Gürtellinie angesiedelt sind. Nehmen wir zum Beispiel den Trash Talk.

Zum Thema: Die Techniken des Trash Talks und wirksame Gegenmittel

Der so genannte „Trash Talk“ (Chris, 2015), zu Deutsch „verbale Provokation“, ist so alt wie die Bundesliga selbst. Und genauso ein Mittel wie die Abseitsfalle oder der Freistoßtrick. Wer hat eigentlich den Trash Talk erfunden? Vermutlich ist der Erfinder der verbalen Unterhaltung Herbert Finken. Der empfing in den 1960er Jahren als Bundesligaverteidiger von Tasmania Berlin seine Gegenspieler mit dem Gruß: „Mein Name ist Finken und Du wirst gleich hinken.“ Wenig später war Reinhard („Stan“) Libuda, der sagenhafte Dribbelkönig vom FC Schalke 04, durch nichts zu stoppen, nur durch die unterirdische Frage: „Sag mal, Stan, schläft Deine Frau immer noch mit dem Neger?“.

Als Klassiker gilt, wenn der Verteidiger den Stürmer mit Hinweisen auf vergebene Torchancen oder auf die Schlagzeilen der letzten Woche reizt. Ein Standardsatz nach dem Foul: „Beim nächsten Mal knallt es, Weichei!“. Gern genutzt sind auch Hinweise auf die Einkommenssituation, wie im Falle von Raphael Koczor. Aber Trash Talk ist durchaus auch was für die “Kleinen”. In Pokalspielen bekommt manch “Großer” nach einem Fehlpass vom Amateur zu hören: „Und du willst Bundesligaspieler sein?“.

Beispiele für Trash Talk aus der Praxis

Eine einfache Variante des Trash Talks ist die vorgespielte Sorge, etwa so: „Ist Dein Meniskusschaden geheilt, Kollege?“ Der Gegenspieler denkt, er und seine Sorgen würden ernst genommen, dabei besteht die Absicht aber darin, an seine Verletzung zu erinnern. Das nennt sich Flashback (Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (2000). Sinngemäß übersetzt etwa „Wiedererleben“, „Erinnerungsblitz“ oder „Rückerinnerungs-Blitz“ – dahinter verbirgt sich ein psychologisches Phänomen, welches durch einen Schlüsselreiz hervorgerufen wird. Der „gespenstische“/“unwirkliche“ Charakter solcher Erinnerungen ist rein subjektiv – in Wirklichkeit ist er ein Echtheitsmerkmal! Denn er belegt die Herkunft der Erinnerung. Der betroffene Sportler hat dann ein plötzliches, für gewöhnlich kraftvolles Wiedererleben eines vergangenen Erlebnisses oder früherer Gefühlszustände. Diese Erinnerungen können von jeder vorstellbaren Gefühlsart sein und somit die Leistungsfähigkeit verringern.

Sehr verbreitet ist auch die nicht ernst gemeinte Entschuldigung. Nach einem Foul geht der Abwehrspieler zu dem am Boden liegenden Stürmer, gibt ihm einen Klaps und flüstert ihm etwas ins Ohr. Für die Zuschauer wirkt das wie eine faire Geste. Was der vermeintlich Verursacher wirklich sagt, hört ja keiner. Außer dem gefoulten Spieler, der im Zweifel auf die Provokation hereinfällt, zornig aufspringt und wie jemand da steht, der eine Entschuldigung verweigert. 

Sprachliche Angriffe wirksam ins Leere laufen lassen

Es lässt sich allerdings gegen Verbalattacken ein genauso einfaches wie wirkungsvolles System zur Selbstverteidigung entwickeln. Die hier beschriebene Grundannahme stellt aber unser wettbewerbsorientiertes Denken erst einmal auf den Kopf. Denn das Ziel einer guten Abwehr ist nicht auf das Gewinnen eines Kampfes ausgerichtet, sondern auf das Vermeiden einer Niederlage. Es geht also nicht darum, den Druck weiter aufbauen, sondern Druck herausnehmen – den Angreifer quasi ins Leere laufen lassen.

Halten wir fest: Versuchen sie nicht zu gewinnen! Angreifer haben immer die besseren Karten. Sie wählen die Waffen und die Taktik. Beispielsweise wehrt man eine Messerattacke nicht mit einem Messer ab, sondern besser mit etwas, dass Distanz schafft – etwa mit einem Stuhl. Genauso gilt: Verbalattacken wehrt man nicht ab, indem man mit scheinbarer „Schlagfertigkeit“ kontert. Dadurch würde die Auseinandersetzung nur eskalieren. Stattdessen geht es auch bei Verbalattacken darum, Distanz zu schaffen. Verzichten Sie auf das Mitkämpfen. Das spart Kraft und lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche – „das Spiel“.

Schlüssel Selbstwirksamkeit

Der Schlüssel zur Abwehr von Attacken jeglicher Art ist die Selbstwirksamkeit. Diese ist im Sport die zentrale Größe, die dazu beiträgt, dass Trainer und Athleten ihre Leistung konzentriert zum geforderten Zeitpunkt abrufen können. Das Konzept der „Selbstwirksamkeit“ stammt aus der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura (1977, 1982, 1986). Selbstwirksamkeit bedeutet, dass jemand die Überzeugung besitzt, dass seine eigenen Fähigkeiten ausreichen, um eine Handlung zielgerichtet und erfolgreich durchführen zu können, ohne sich dabei aus der Ruhe bringen zulassen. Erst eine über Jahre hinweg aufgebaute Selbstwirksamkeit, lassen den Trainer und Sportler Souveränität ausstrahlen. Die kann sich jedoch auch in bestimmten Situationen (Trash Talk) oder Umständen (Zuschaueraggressionen) zeigen. Dies bezeichnet man als situative Selbstwirksamkeit. Wie kann ich nun die Selbstwirksamkeit trainieren? In den nun folgenden Link erfahren Sie mehr darüber:

http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass man gegenüber verbalen Angriffen nicht hilflos gegenüberstehen muss. Im Alltag lässt sich gezielt an der Team- und Sportler-Sicherheit arbeiten – kurzum: In der Entwicklung und Festigung individueller und kollektiver Kompetenzen gegen verbale Attacken können Sportpsychologen in Verbindung mit dem Trainer, dem Funktionsteam und den Verantwortlichen effektiv unterstützen.

Literatur

Strauß, B: Sportzuschauer. Hogrefe Verlag; Auflage: 1. ISBN-10: 3801722627

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1980). Gauging the Relationship Between Self-Efficacy and Action. Cognitive

Therapie and Research, 4(2), 263-268.

Bandura, A. (1982). Self-efficacy mechanism in human agency. American Psychologist, 37(2), 122-147.

Bandura, A. (1983). Self-efficacy determinants of anticipated fears and calamities. Journal of Personality and Social Psychology, 45, 464-469.

Bandura, A. (1986). Social foundations of thought and action: A social cognitive theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice–Hall.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (2000): Traumatic Stress – Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Streß sowie Traumatherapie. Junfermann Verlag.

Bierhoff, H. & Wagner, U. (Hrsg.).(1998). Aggression und Gewalt. Stuttgart: Kohlhammer.

Brad Gilbert, B., Jamison, St.: Winning Ugly. Wie man bessere Gegner schlägt. Mentale Kriegsführung im Tennis. zu Klampen Verlag, Springe 1997, ISBN 3924245592.

Brewin, J. Gregory, M. Lipton, N. Burgess (2010): Intrusive Images in Psychological Disorders: Characteristics Neural Mechanisms, and Treatment Implications. In: Psychological Review. (2010); 117(1), S. 210–232.

Bründel, H.,  Hurrelmann, K. (1994): Gewalt macht Schule.  Droemer Knaur; Auflage: 1. (1994)

Chris, H.: Win every trash talk (2015): How to manipulate noobs and make them shut up. Bullishflag Publications.

Köhnken. G. & Bliesener, T. (2002). Psychologische Theorien zur Erklärung von Gewalt und Aggression. In H. Ostendorf (Hrsg.), Aggression und Gewalt (S. 71-94). Frankfurt: Lang

Schlicht, W. & Strauss, B. (2003). Sozialpsychologie. Schorndorf: Hofmann.

Gabler, H. (1987). Aggressive Handlungen im Sport (2. Aufl.). Schorndorf: Hofmann

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Philippe Müller: 5-Punkte-Plan für Hobbyläufer

Der Winter neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Die Freizeitsportler wachen wieder aus ihrem Winterschlaf auf. Es geht in die Vorbereitung für neue Herausforderungen. Und davon bietet das Jahr 2016 reichlich. Unzählige Läufe, Radrennen, Triathlons und viele weitere Wettkämpfe stehen zur Auswahl. Und so manch eine Hobbyläuferin und manch ein Freizeitwettkämpfer hat sich bereits für eine oder mehrere Events entschieden. Der Trainingsplan steht und das Training kann beginnen. Der richtige Zeitpunkt, um sich auch mental fit zu machen.

Zum Thema: Wie mache ich mich mental fit?

Bei einem Marathon geht es nicht nur darum, die physischen Kräfte optimal einzusetzen, sondern auch mit den mentalen Ressourcen zu haushalten. Denn diese verbrauchen einiges an Energie. Um die Kontrolle darüber zu erlangen, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit gewollt lenken zu können. Die Aufmerksamkeitsregulation stellt nicht nur bei den Eliteläufern ein wichtiges Instrument dar, sondern kann auch manch einem Breitensportler zum Erfolg verhelfen.

Sportler sind es gewohnt, nach einem Plan zu trainieren. Ein solcher dient zum einen zum systematischen Aufbau der Ausdauer, Kraft und weiteren Fertigkeiten und zum anderen zur Kontrolle des Formverlaufs. Auch die Aufmerksamkeitsregulation ist eine Fertigkeit, die einen systematischen Aufbau bedarf. Ein mentaler Trainingsplan ist demnach angebracht. Doch wie erstelle ich diesen?

Fünf Schritte zur mentalen Flexibilität

Wie bereits eingangs erwähnt, handelt es sich bei der Aufmerksamkeitsregulation um eine Fertigkeit. Diese muss erlernt und trainiert werden. Das Training zur Regulation der Aufmerksamkeit sollte deshalb möglichst früh in der Vorbereitung gestartet werden und das physische Training ergänzen.

Schritt 1: Entspannung

Entspannungsverfahren bieten einige Vorteile. Mit ihnen lässt sich zum Beispiel die Anspannung regulieren, was für eine effizientere Regeneration genutzt werden kann. Zudem helfen Entspannungstechniken zur besseren Stressverarbeitung, was auch im Berufsalltag von grossem Nutzen ist. In Bezug auf unser Trainingsprogramm hat die Entspannung den Vorteil, dass kognitive Leistungen (Lernprozesse) im entspannten Zustand schneller und leichter vollbracht werden. Zur Entspannung eignen sich zum Beispiel Atemtechniken oder auch Autogenes Training.

Schritt 2: Wettkampfort

Die Auseinandersetzung mit dem Wettkampfort ist ein zentraler Punkt, denn ein Trainingsplan sollte individuell und auf die bevorstehende Herausforderung abgestimmt sein. Aus der (Auseinandersetzung) mit dem Wettkampfort können die wesentlichen und entscheidenden Informationen gewonnen werden. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob ich einen Marathon in den Bergen, im Flachland, im Sommer oder im Winter laufen werde. Um einen Rennplan entwickeln zu können, ist es ausserdem wichtig, die Begebenheiten der Wettkampfstrecke zu erkunden.

Schritt 3: Wettkampfplan entwickeln

Nun, da alle wichtigen Informationen zusammengetragen wurden, steht die Entwicklung eines Wettkampfplans an. Dieser kann, je nach den Bedürfnissen, unterschiedlich gestaltet werden. Zentrale Bedeutung hat das angestrebte Ziel. Unabhängig davon wie hoch gesteckt dieses ist, sollten die Vorgabe eines sein: realistisch!

Aus dem angestrebten Ziel ergeben sich schlussendlich die Zwischenziele. Beispielsweise: “Will ich nach 10km in der Spitzengruppe mitlaufen oder eine bestimmte Zwischenzeit erreichen?”

Schritt 4: Aufmerksamkeitsregulations-Drehbuch entwerfen

Bei der Aufmerksamkeitsregulation gibt es zum einen die Möglichkeit, auf Körperfunktionen (Atmung, Herzfrequenz und Muskulatur) und zum anderen auf äussere Begebenheiten (Gegnerverhalten, Topographie und Zuschauer) zu achten. Ein Drehbuch soll nun festlegen, zu welchen Zeitpunkten der Fokus auf was gelenkt werden soll.  

Schritt 5: Trainieren

Und zum Schluss heisst es trainieren, trainieren, trainieren. Denn es geht nicht nur darum, das Drehbuch auswendig zu lernen, sondern den Prozess der Aufmerksamkeitslenkung zu verinnerlichen. Ein flexibles hin und her Schalten ist von Vorteil. Es befähigt auf unerwartete Situationen (z.B. Krampf in der Wade, Wetterumschlag – eine spannende Erfahrung liefert der Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Stoll in seinem E-Book „Einmal war ich in Biel“) zu reagieren.

Sie brauchen Unterstützung bei der Vorbereitung zu Ihrem Saisonhöhepunkt?

Wir Sportpsychologen helfen Ihnen gerne beim Aufbau Ihrer mentalen Stärke sowie beim Erstellen Ihres persönlichen Trainingsplans. Zu den die-sportpsychologen.ch-Profilseiten.

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Cristina Baldasarre: Lassen sich Siege herbeireden?

Ganze zwei Niederlagen musste Bayern München in der aktuellen Bundesligasaison hinnehmen. Wirklich überraschend war dabei Anfang März die 1:2-Heimpleite des deutschen Rekordmeisters gegen Mainz 05. Martin Schmidt, der Schweizer Trainer der Rheinhessen, diktierte den verdutzten Journalisten an diesem besonderen Abend in die Blöcke, dass er vor der Partie gegenüber seinen Spielern “immer nur von einem Sieg geredet” habe. Aber mal langsam: Lassen sich Siege wirklich herbeireden? Oder zumindest positiv beeinflussen? Oder ist das nur erfunden?

Zum Thema: Erfolgsvisionen, Fokussierung, Selbstwirksamkeit und erfolgsbezogene Suggestionen

Grundsätzlich gilt, dass ein Trainer mit seiner Persönlichkeit einen wichtigen Eckpfeiler für Erfolge darstellt. Besonders wirkungsvoll sind charismatische Trainer, die ihre Emotionen zeigen (Neges & Neges), mit Einfühlungsvermögen arbeiten, authentisch auftreten und mit gutem Vorbild allen voranschreiten. Ralph Krüger, erfolgreicher ehemaliger Schweizer Nationaltrainer im Eishockey, bringt das in seinem Buch Teamlife auf den Punkt. Er spricht über Mitsprache und Verantwortung, über Visionen, Ziele und Aktionen, Respekt, Fokussierung auf Positives und Abgrenzung von Negativem.

Um Spieler richtig motivieren zu können, braucht es die richtigen Zielsetzungen und vor allem Visionen. So kann ein gewandter Trainer viel Potential freisetzen und die Ressourcen seiner Spieler mobilisieren.

Der Weg über den Rubikon

Ein wichtiges Modell, um Motivation zu entwickeln, ist das Rubikon-Modell von Heckhausen und Gollwitzer, welches einzelne Handlungsschritte auf dem Weg zur Handlungsausführung, also zum wirklichen Tun, beschreibt. Dabei gilt grundsätzlich: Je spezifischer bzw. konkreter ein Handlungsziel ist, desto besser für die Handlungsausführung. Es geht um das Abwägen verschiedener Möglichkeiten und der Entscheidung für eine dieser Optionen, was im Ergebnis in einem Umsetzungsplan mündet. Danach erfolgt die reale Durchführung, sprich die Handlung. Zum Schluss weist ein Rückblick, im Sinne einer Beurteilung der Handlung hinsichtlich des Erfolges, den zukünftigen Weg an.

Der konstruktive und zielgerichtete Umgang mit den Ressourcen der Spieler liegt Martin Schmidt augenscheinlich im Blut, sein stetiger Einsatz für seine Mannschaft und sein Commitment bekräftigen dies. Hier kommt ihm sicherlich auch sein Kampfgeist und diejenigen Persönlichkeitsanteile zugute, die ihn vom Mechaniker zum Bundesligatrainer haben werden lassen: Er ist ein Macher, voller Ideen und mit gutem Gespür für die Spieler.

Nach dem Sieg gegen den FC Bayern München sagte Schmidt: «Wir wussten, dass wir den Ballbesitz nicht haben würden. Wir hatten einen Plan und wussten, dass es nur geht, wenn wir uns alle vollkommen reinknien».

Sportpsychologische Techniken anwenden

Schmidt, der seit 2010 in Mainz arbeitet, zu Beginn die zweite Mannschaft betreute und dann im Februar 2015 die Profis übernahm, gelingt es offenbar, die Visionen gut an den Mann zu bringen, und für Überzeugung und Selbstvertrauen zu sorgen. Dahinter verstecken sich einige sportpsychologische Techniken, die sich ein jeder Trainer aneignen und gezielt in den Trainingsalltag einbauen kann.

Nehmen wir die Erfolgsvision, bei der zukünftige Erfolge gezielt visualisiert werden. Hier geht es um die Vorstellung der tollen Gefühle, welche nach dem Erreichen des Erfolges empfunden werden. Ganz nach dem Motto „wie wird es sein, wenn……und wie fühlt sich das an, wenn…“ (Baldasarre et al.). Dadurch wird das Erreichen eines schwierigen Zieles als echte Möglichkeit geübt.

Selbstwirksamkeit aufbauen

Andere Techniken fokussieren auf den Aufbau von Selbstvertrauen (Selbstwirksamkeit), das für die Wettkampfstabilität zentral ist. Dabei lernen die Spieler, ihre Fähigkeiten wahrzunehmen, an diese zu glauben und vergangene Erfolge für sich zu nutzen. Dadurch befähigen sie sich, sich die optimale Leistung zum geforderten Zeitpunkt zuzutrauen und in der Regel auch zu erbringen (Eberspächer).

Last but not least unterstützen auch gekonnt platzierte positive, motivierende, stärkende und erfolgsbezogene Suggestionen. In der hypnotischen Imagination kann man sich die Kraft von Überzeugungen zunutze machen, indem man eine kommende Situation, zum Beispiel ein Spielzug, vorwegnimmt und mehrmals imaginiert. Damit wird im Gehirn genau diese Bahnung tief verankert und gelernt. Die praktische Umsetzung und Durchführung wird dadurch stark erleichtert.

Kraft der Suggestion

Aus der Hypnotherapie wissen wir um die grosse Wirkung von Suggestivkraft auf unser Unterbewusstsein. Sie ist die Fähigkeit einer Person, das Denken, Fühlen und Handeln einer anderen Person durch Worte gezielt beeinflussen zu können. Und das wird umgangssprachlich als „Herbeireden“ bezeichnet, was uns zur ursprünglichen Frage dieses Textes zurückbringt. Dazu abschliessend mein Fazit: Nur schönes Herbeireden alleine nützt nichts und Erfolge bleiben ein Zufallsprodukt. Bei gekonnter, zielgerichteter und konstanter Vorarbeit aber ist es eine erfolgversprechende Notwendigkeit.

 

http://www.mainz05.de/mainz05/aktuell/news/news-detail/article/martin-schmidt-verlaengert.html

http://www.nzz.ch/sport/wie-martin-schmidt-worten-taten-folgen-liess-fc-bayern-1.18705551

Baldasarre, C., Birrer, D. & Seiler, R. (2003). Krafttraining für die Psyche: Praxisbeilage zur Fachzeitschrift für Sport mobile, 6 Bd. Magglingen: mobile.

Eberspächer, H. (2001). Mentales Training: Ein Handbuch für Trainer und Sportler.
München: sportinform.

Heckhausen, H. & Gollwitzer, P. M. (1987). Thought Contents and Cognitive Functioning in Motivational versus Volitional States of Mind. In: Motivation and Emotion. 11, Nr. 2, S. 101–120.

Janssen, J. (1999). Credible Coaching. In J. Janssen: Championship Team Building: What Every Coach Needs to Know to Build a Motivated, Committed & Cohesive Team (S. 153-168). Tucson: Winning The Mental Game.

Liggett, D. L. (2010). Sporthypnose: Eine neue Stufe des mentalen Trainings. Heidelberg: Carl Auer Verlag.

Neges, G. & Neges, R. (2007). Führungskraft und Team: Teams zusammenstellen und entwickeln – Teampotenzial-Analyse – Strukturiertes Arbeiten in Teams. Wien: Linde Verlag.

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Wencke Schwarz: Raus aus der Komfortzone!

Thomas Tuchel, Erfolgstrainer von Borussia Dortmund, ist als Vordenker und Stratege bekannt. Seine Vision für die Talentförderung im Fußball beschreibt er so: „Vielleicht tragen diejenigen, die nachher etwas Besonderes werden, das Besondere schon in sich. (Es) geht darum, sie dazu zu bringen, dass sie sich selbst den Weg freikämpfen – und (wir) ihnen nicht den Weg frei räumen.“ (FAZ-Interview). Eine frische und innovative Perspektive für viele Akteure im Sport? Wahrscheinlich. Aus meiner Sicht als Psychologin stellt dies den richtigen und nächsten Schritt in der Talententwicklung dar. Denn neben den körperlichen Voraussetzungen und dem Talent eines jungen Spielers trägt dessen Persönlichkeit, Verhalten sowie das Selbstbewusstsein auf und neben dem Platz entscheidend dazu bei, wer tatsächlich Profi wird.

Zum Thema: Warum das bewusste Verlassen der Komfortzone für die Talententwicklung essentiell ist

Fußball hebt sich von anderen Sportarten in Deutschland durch seine finanziellen Mittel ab. Es stehen mehr Ressourcen für die Professionalisierung des Umfeldes zur Verfügung, was auch im Nachwuchsbereich greift. Gepflegter Rasen statt Bolzplatz und geplante Abläufe statt sich selber drum kümmern müssen, prägen mitunter das Bild des Fußballnachwuchses. Während andere Nachwuchssportler widrigeren Umständen begegnen und damit umgehen lernen, sind einige dieser wichtigen Erfahrungen für die Talente im Fußball nicht zugänglich. Damit wir uns nicht missverstehen: An vielen Stellen wäre eine Professionalisierung wie sie im Fußball möglich ist, für jede Sportart wünschenswert. An anderen Stellen ist jedoch eine andere Art der Professionalisierung notwendig. Nämlich dort, wo soziales Lernen durch bisherige Vorgehensweisen nicht mitgedacht oder schlimmstenfalls gar verhindert wird.

Ohne Reibung, kein Lernen. Ohne Lernen, keine gesunde Persönlichkeitsentwicklung

Äußere, wie innere Widerstände zu überwinden, ist eine der wichtigsten Überzeugungen, die auch Thomas Tuchel leiten. Deshalb fordert er die radikale Abschaffung der Rundumversorgung und die Rückkehr zu den Wurzeln. So fragt er: „Wer kann noch Leistungen erbringen, obwohl es keinen Fahrservice gibt?“. Als Vorbilder dienen ihm der FC Barcelona und Bayern München, wo Spieler aus einer inneren Haltung und Freude spielen und dabei den Fokus auf die Leistung und den Fußball an sich nie verlieren. Dafür ist Selbstvertrauen gepaart mit einer gefestigten Persönlichkeit mit einer gewissen Bescheidenheit notwendig.

Um eine solche „Atmosphere of Greatness“ zu schaffen ist ein langer Entwicklungs- und Veränderungsprozess notwendig, der vor allem einen gesamtheitlichen und nachhaltigen Ansatz verlangt. Dazu gehört definitiv die Einbindung der Psychologie im Sport. Ein Transfer der Erfahrungen und von erfolgreichen Konzepten aus der Personal- und Organisationsentwicklung in der Wirtschaft und im sozialen Bereich bietet meiner Erfahrung nach ein großes Potential. Zudem ist die Einbettung und Vernetzung des Umfeldes notwendig. Erste Ansätze und Konzepte gibt es hier bereits.

Durch Erfahrungen mit Grenzen, findet eine realistischere Selbsteinschätzung und ein Kompetenzgewinn statt

Warum ist Begleitung statt Reglementierung bzw. regelmäßiges stolpern, statt ein reibungsloses vorankommen für die individuelle Potentialentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung sinnvoll? Das erklären und belegen viele wissenschaftliche Arbeiten. Im Kern des Ganzen steht aus meiner Sicht das Verständnis wie Lernen grundsätzlich funktioniert.

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Eigene Abbildung des Lernzonenmodells nach Senninger

Lernen findet statt, wenn wir unsere Komfortzone verlassen und die Lernzone betreten. „Sicherheit, Geborgenheit, Ordnung, Bequemlichkeit, Entspannung, Genuss“ (Michl 2009) charakterisieren die Komfortzone und stellen somit uns vertraute, bekannte Umgebungen bzw. alltägliche Situationen dar, in den wir uns sicher bewegen und bereits viele Erfahrungen gesammelt haben.

Dahingegen liegen in der Lernzone Herausforderungen in Form von neuen Erfahrungen, Unbekanntem, Konflikten und Abenteuer. Damit einhergehend treten Gefühle von Unsicherheit, Risiko und „ich weiß nicht, was richtig ist bzw. was ich tun soll“ auf. Jedoch ist nur durch den Eintritt in die Lernzone und den damit einhergehenden Erfahrungen das Wachsen der Komfortzone möglich.

Wer sich traut, zu lernen und an sich zu wachsen, entwickelt zeitgleich mentale Stärke

Je öfter man die Lernzone betritt, desto mehr lernt man das Lernen an sich und den Umgang mit Unsicherheiten und neuen Herausforderungen. Dadurch wächst sowohl das Selbstbewusstsein als auch das individuelle Kompetenzspektrum und Verständnis von sich selbst und seiner Persönlichkeit.
Die Diplom-Psychologin Ayla Kadi arbeitet an der Technischen Universität Berlin und ist Expertin für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen und den Übergang von Schule zu Beruf. In unserem Interview sagte Sie:

„Das Vertrauen und die Akzeptanz der eigenen Person durch ihre Bezugspersonen ist für Jugendliche entscheidend. Es muss ihnen intensiv vermittelt werden.“

Und weiter: „Ab der Pubertät tritt ein notwendiger Ablösungsprozess ein, der den Jugendlichen zum Erwachsenen heranreifen lässt. Dazu gehört das Rebellieren, Grenzen testen und Bestehendes herauszufordern und sich selbst erfahren. Das Beste, was die Erwachsenen im Umfeld tun können, ist deshalb den Jugendlichen ihr Vertrauen auszusprechen und sie bei ihrer Entwicklung zu begleiten. Dazu gehört sowohl selbst ein Vorbild zu sein, als auch der Entwicklung angemessene Grenzen zu setzen und dem Jugendlichen stets ein klares und eindeutiges Feedback zu geben, wie sein Verhalten wirkt und welche Konsequenzen es hat. All das ist wissenschaftlich belegt. Die größte Herausforderung besteht meiner Erfahrung nach darin „locker zu lassen“ und Jugendlichen ihre eigenen Erfahrungen zu ermöglichen, ohne sie zu überfordern. Durch gezielte Lernerfahrungen und -erfolge entsteht Motivation, Mut und Lust am (weiter) Lernen. Zudem vermittele ich in meiner Arbeit vor allem Eltern, Ausbildern, Trainern, etc. Wissen und ein Verständnis, welchen Herausforderungen Jugendliche gegenüberstehen – sowohl körperlich, als auch emotional und mental. Dabei ist es entscheidend, dass die Erwachsenen ihre eigenen Grenzen kennen und achten. Zudem gebe ich ihnen individuelle Tipps und praxisnahe Werkzeuge an die Hand, da alle Beteiligten einen entscheidenden Einfluss auf eine talentfördernde und gesunde Umgebung haben.“

Maßvolle Über- und Unterforderung

Das richtigen Maß zwischen über- und Unterforderung im Umgang mit dem Sportnachwuchs zu finden, ist enorm wichtig und gehört auch zum Verantwortungsbereich des Vereins. Wird ein Jugendlicher mit einer Lernsituation oder Erwartung überfordert, gerät er in die Panikzone, ist verunsichert und blockiert. Das innere System schaltet auf „Notfall, Verletzung, objektive Gefahr, Unfall“ (Michl) um und strebt die Wiederherstellung der Komfortzone an. Lernzonnenmodell-Geber Senniger dazu: „In diesem Bereich können wir nicht lernen, sondern bleiben immer nur frustriert. Alles, was darin liegt, ist unserer Persönlichkeit zu fern und zu fremd und nicht zu bewältigen.“

Im Sport, insbesondere der Talentförderung, findet Lernen im Sinne des körperlichen Lernens, des Spielverständnisses und des Zusammenspiels als Mannschaft bereits statt. Jedoch mangelt es, wie von Tuchel gefordert, an bewusst geschaffenen Widerständen (Lernsituationen), an denen die einzelnen Spieler wachsen können. Diese Ebene muss mitgedacht werden. Um diesen Weg zu gehen, müssen die Verantwortlichen des Fußballnachwuchses zunächst selber Mut zeigen und ihre eigene Komfortzone verlassen, um sich diesem Thema zu stellen. Ich versichere Ihnen: Es lohnt sich!

Der Coach als Kutscher

Eine kleine Randbemerkung zum Schluss: Wussten Sie, dass die Übersetzung von Coach Kutscher, d.h. Wegbegleiter, ist? Sind wir Sportpsychologen in der Rolle als Coach aktiv, tun wir genau das, was Thomas Tuchel gefordert hat: Wir begleiten professionell die individuelle Entwicklung, die Lernfortschritte und die Lösungsfindung unseres Gegenübers. Brauchen Sie eine Wegbegleitung, um aus der Komfortzone herauszukommen, vertrauen Sie also gerne uns.

Herzlichst,
Wencke Schwarz (zum Profil)

Quellen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – Artikel „Tuchels Visionen – Eine Zukunft ohne perfekten Rasen“ von Michael Horeni, 7.10.2015
Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) – Artikel „96-Jugendspieler wollten Spielhalle überfallen vom 8.2.2016
Michl, Werner: Erlebnispädagogik (2009), broschiert, UTB Verlag
Senninger, Tom: Abenteuer leiten, in Abenteuern lernen (2000), Münster.
Stroebe, Wolfgang (Hrsg.): Sozialpsychologie (2014), Springer Verlag

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Thorsten Loch: Der schwere Einstieg in unsere Disziplin

Ist es nicht ein wenig kurios: Bei nahezu jeder Sportübertragung heben die TV-Experten irgendwann auf die so genannte „mentale Stärke“ ab oder führen “den Kopf” oder wahlweise “die Psyche” als Gründe und Erklärungen für bestimmte Ereignisse an. Mag sein, dass In einem Zeitalter, in welchem beispielsweise die Skier nicht mehr schneller laufen und die Athleten (in der Leistungsspitze) nahezu unter identischen Bedingungen trainieren beziehungsweise gecoacht werden, die größten Leistungsreserven nunmehr im Kopf zu suchen sind. Keine Frage: Die Bedeutung der Sportpsychologie wächst, aber dennoch hat unsere Disziplin weiterhin ein Problem.

Zum Thema: Warum ist es für junge Sportpsychologen so schwer, in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen?

Wahrscheinlich erging es vielen Sportpsychologen ähnlich wie mir. Der Sport war schon seit früher Kindheit ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens und ich konnte unvergessliche Siege feiern aber auch schmerzliche Niederlagen einstecken. Immer mit dabei waren die Nerven. Auch ohne zu der damaligen Zeit auch nur irgendetwas von Visualisierungen oder Selbstgesprächen gehört zu haben, haben wir uns schon damals Gedanken gemacht, wie wir uns in dieser Hinsicht verbessern und unsere Nervosität in den Griff bekommen könnten. Ein Anruf eines Spitzentrainers blieb mir, wie vielen anderen auch, verwehrt. Somit wurden mir auch die allerbesten Trainingsbedingungen nicht zu Teil – das Thema Sportpsychologie verlor ich damit aus den Augen. Dies blieb auch bis zum Jahr 2004 so. Mit dem Amtsantritt von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer beim Deutschen Fußball-Bund und durch das gesteigerte mediale Interesse an der Fußballweltmeisterschaft 2006 im eigenen Land begegnete mir dann erstmals der Name Hans-Dieter Hermann. Fortan begeisterte ich mich für seine Arbeit und die Möglichkeiten, welche die angewandte Sportpsychologie bietet. Kurzum: Der „Virus“ Sportpsychologie hatte mich gepackt.

Nach Abschluss meines Bachelorstudiums der Sportökonomie suchte ich nach einer geeigneten Möglichkeit, mein Interesse an der Sportpsychologie wissenschaftlich fundiert erweitern zu können. Als ich erfahren habe, dass Hermann zusammen mit Jan Mayer einen Schwerpunkt Sportpsychologie in dem Masterstudiengang an der Deutschen Hochschule für Präventions- und Gesundheitsmanagement annehmen wird, war die Entscheidung für mich gefallen, diesen berufsbegleitend in Saarbrücken zu beginnen. Um mich im Anschluss noch weiter von selbsternannten Mentalgurus abzugrenzen und mir eine bessere Position auf dem Markt zu sichern, entschied ich mich, das Curriculum „Sportpsychologisches Coaching im Leistungssport“ der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) zu absolvieren.

Bittere Wirklichkeit

Und nun stand ich da, mit dem vielleicht besten Methodenkoffer, der ausbildungstechnisch in Deutschland angeboten wird, und dachte, dass die Sportwelt nur so auf mich wartet. Doch der anfänglichen Euphorie folgte schnell die bittere Wirklichkeit. Der Markt Sportpsychologie ist hart umkämpft und teilweise wird der Einstieg in das Netzwerk unnötig erschwert oder gänzlich blockiert. Woran das liegt, darüber kann ich nur spekulieren. Jedoch bin ich der Meinung, dass an diesem Punkt kein Konkurrenzdenken stattfinden sollte. Stattdessen sollte gemeinsam daran gearbeitet werden, die angewandte Sportpsychologie weiter in der Sportwelt zu etablieren. Denn schließlich hat es auch eine Weile gedauert bis der Physiotherapeut und neuerdings der Athletiktrainer ein fester Bestandteil des Funktionsteams – schauen wir nur einmal auf die jüngere Vergangenheit im Profifußball – wurde.
Es erfordert eine Menge Eigeninitiative und Engagement, sich nicht von kleineren Rückschlägen umwerfen zu lassen. Umso mehr freute ich mich, als ich vom dem Projekt „Die Sportpsychologen“ gehört habe, dass nicht zuletzt neuen Sportpsychologen eine Plattform liefert, sich selbst vorstellen zu können und gleichzeitig das Fach Sportpsychologie weiter zu etablieren. Es macht einfach unglaublichen Spaß, mit Sportlern und Teams zusammen zu arbeiten und zu sehen, wie sie ihren sportlichen Zielen näher kommen und man Teil dieses Entwicklungsprozesses ist. Denn schließlich heißt es nicht umsonst „Weil sportlicher Erfolg auch Kopfsache ist“.

In der Praxis

Obwohl es zu Beginn sehr zäh anlief und die vermeintlich größeren Sportarten meistens „besetzt“ waren, machte ich mich auf die Suche nach nicht allzu sehr in der Öffentlichkeit stehenden Disziplinen. Der Weg war hier häufig sehr ähnlich. Die Verantwortlichen/Trainer kontaktieren, vorstellig werden (Besuche bei Trainings und/oder Spielen/Wettkämpfen) und teils mittels kleineren Workshops die angewandte Sportpsychologie vorstellen. Auf diese Weise kam unter anderem der Kontakt zum Herausgeber von „Die Flinte“ zu Stande, dem auflagenstärksten Magazin rund um den Flintensport. Hier schreibe ich in regelmäßigen Abständen Beiträge und habe somit eine weitere Plattform, um mich und meine Dienstleistung zu präsentieren. Eine besondere Herausforderung liegt darin, überhaupt an die Entscheidungsträger heranzukommen. Hier helfen sicherlich Kontakte aus dem näheren Umfeld. So auch bei dem folgenden Beispiel. Aus meiner sportlichen Laufbahn als Fußballer lernt man eine Menge Menschen auf und neben dem Platz kennen. Und so kam der Kontakt zum FC Hennef 05 zu Stande. Ein ehemaliger Co-Trainer von mir trainierte zu der Zeit eine Jugendmannschaft im Verein. Der Beginn war eine interne Trainerfortbildung, welcher einer Zusammenarbeit für die Leistungsmannschaften im Juniorenbereich folgte. Die Erfahrungen welche ich bis dato sammeln durfte, sind sehr positiv. Erfolge mache ich persönlich nicht an Siegen oder Medaillen fest. Dazu ist der leistungsorientierte Wettkampfsport von zu vielen Determinanten bestimmt und der Einfluss meiner Arbeit nicht mit Prozentangaben zu beziffern. Vielmehr sehe ich es als Erfolg, wenn der Sportler mir berichtet, dass dieser mit dem Training zufrieden ist und mich auch gern weiterempfehlen würde.

Die Auftragslage ist jedoch bei weitem nicht so groß, dass ich den Lebensunterhalt für mich – geschweige denn für meine Familie – stemmen kann. Aus diesem Grund arbeite ich hauptberuflich als Sportlehrer (halbe Stelle) an einer Schule mit Förderschwerpunkt. Die Arbeitszeiten lassen sich sehr gut mit den Trainingszeiten der meisten Athleten vereinbaren, so dass es hier zu keinen größeren Überschneidungen kommt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Auftragslage stetig weiter zunimmt und ich mich weiter als sportpsychologischer Experte etablieren kann. Eine ausschließliche Verschiebung zur Sportpsychologie als Haupteinnahmequelle halte ich zum derzeitigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich bzw. zu risikoreich in meiner Situation. Vielmehr möchte ich mir den „Spaß“ erhalten, mit den Mannschaften und Einzelsportlern zu arbeiten und gemeinsam zu wachsen und nicht immer unter Druck stehen zu müssen, Aufträge zu bekommen, um die Rechnungen bezahlen zu können.

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Dr. Jan Rauch: Von wegen elf Freunde?

„Elf Freunde müsst ihr sein“. Dieses oft zitierte Bonmot schmückte einst die Viktoria – den Vorgänger der deutschen Fussball-Meisterschale (und: nein, es stammt nicht von Sepp Herberger). In krassem Gegensatz zu obigem Zitat steht Cristiano Ronaldos Aussage in einem Interview mit dem deutschen Fachmagazin Kicker: „Mit Manchester United habe ich die Champions League gewonnen, ohne mit Ferdinand, Giggs oder Scholes zu sprechen. Wir haben uns ‚Guten Tag‘ gesagt, mehr nicht“. Entscheidend sei, was auf dem Platz passiere, wichtiger jedenfalls, „als Bale zu mir zum Abendessen einzuladen“. Ja was denn nun! Soll man elf Freunde sein, oder reicht auch ein distanziert-kühles Verhältnis zu den anderen Teammitgliedern, um Erfolg zu haben?

Zum Thema: Kohäsion und Erfolg in Teams

Von Jan Rauch und Aline Werren

Viele erfolgreiche Sportteams, wie z.B. die deutschen Nationalmannschaften im Hockey, Fussball und Handball geben den Teamgeist bzw. die Kohäsion als eine ihrer Stärken an. Kohäsion kann verstanden werden als die Kraft, welche die einzelnen Spieler im positiven Sinne an ein Team bindet. Im Folgenden sollen einfachheitshalber Ausdrücke wie Teamgeist, Teamzusammenhalt und Kohäsion synonym verwendet werden.

Ein „guter Teamgeist“ wird denn allgemein auch als charakteristisch für funktionierende Gruppen angesehen. Die Frage ist nun, ob sich tatsächlich eine Kohäsions-Leistungsbeziehung nachweisen lässt. Ist der Teamzusammenhalt wirklich ein leistungsbestimmender Faktor? Diese Frage ist in der Arbeit mit Teams keineswegs trivial, denn egal ob Gruppenausflug, Teambildungsmassnahme oder gemeinsames Feierabendbier: Am Schluss liegt solchen – auf den ersten Blick – kohäsiven Massnahmen fast immer die Hoffnung zugrunde, langfristig die Teamleistung zu steigern.

Wissenschaftliche Forschung im Überblick

Wissenschaftliche Befunde dazu sind nicht eindeutig, insbesondere im Sport, was teilweise wohl auf unterschiedliche Ansätze der Datenerhebung zurückzuführen ist. Die Autoren Lau und Stoll haben in einer Übersicht von disziplinübergreifenden Meta-Analysen den Stand der Forschung zum Zusammenhang von Erfolg und Kohäsion zusammengestellt [1]. Eine grosse Analyse aus dem Jahr 1991, welche 16 Studien mit Sportmannschaften, Experimentalgruppen und Militäreinheiten in die Analyse einschloss, stellte eine positive Korrelation zwischen Kohäsion und Leistung fest [2].  Das bedeutet vorerst mal nur, dass ein Zusammenhang zwischen „Teamgeist“ und Teamleistung festgestellt wurde. Ob das eine als zwingende Voraussetzung für das andere gilt, kann damit nicht gesagt werden.

Eine weitere Analyse mit 49 Studien (8 davon im Sport) zeigte ebenfalls einen schwachen Zusammenhang zwischen Erfolg und Kohäsion auf, jedoch mit einem spannenden Nebenbefund: Bei realen Gruppen hängen Erfolg und Kohäsion stärker zusammen als in sogenannten „Laborgruppen“. Und, man höre und staune, die mit Abstand höchsten Korrelationen weisen dabei die Sportgruppen auf [3]. Eine umfassende Meta-Analyse, welche 46 Studien ausschliesslich aus dem Sportbereich unter die Lupe nahm, fand ebenfalls Zusammenhänge zwischen Kohäsion und Teamerfolg, wobei diese bei weiblichen Teams höher zu sein scheinen als bei männlichen [4]. Die Wahrnehmung der Teamkohäsion ist dabei relativ stabil: Erfolgreiche Leistungen oder Misserfolge im Saisonverlauf führen nicht zwingend zu Veränderungen in dieser Wahrnehmung [5]. Wenn ich mich also einem Team verbunden fühle, können auch ein paar Niederlagen diese Verbundenheit nicht gleich auflösen. Eine weitere Metaanalyse mit Sportteams kam zum Schluss, dass sich Gruppenkohäsion positiver auf die Effizienz (übersetzt: aus wenigen Torchancen ein Tor erzielen) als auf die Effektivität (überhaupt ein Tor erzielen) auswirkt. Kohäsive Teams haben also vor allem dort Vorteile, wo Effizienz sehr wichtig ist [6]. Das könnte bedeuten, dass tendenziell schwächere Teams von einem guten Teamzusammenhalt verhältnismässig mehr profitieren können, da sie im Vergleich mit stärkeren Mannschaften weniger Torchancen erspielen und deshalb effizienter sein müssen.

Faktor Konfliktmanagement

Ein Faktor, der die Teamkohäsion und somit die Leistung stark beeinflussen kann, ist die Fähigkeit des Teams, mit Konflikten umzugehen [7]. Wenn es einem Team also gelingt, Konflikte anzugehen und zu lösen, müsste über den gestärkten Zusammenhalt erhöhte Effektivität resultieren. Eine zentrale Rolle bei der Arbeit mit Teams sollte also die Kultur des Umgangs mit Konflikten einnehmen. Zudem hängt die Teamkohäsion positiv mit der individuellen Zufriedenheit der Teammitglieder sowie der wahrgenommenen Leistung zusammen. Wer sich also dem Team sehr verbunden fühlt, ist zufriedener und mehr daran interessiert, weiterhin im Team zu arbeiten als jemand mit tiefem Kohäsionslevel. Und geht man davon aus, dass in erfolgreichen Teams die wahrgenommene Leistung höher eingeschätzt wird, kann geschlossen werden, dass vor allem in schwächeren Teams der Zusammenhalt eine wichtigere Rolle spielen dürfte.

Als Fazit formulieren Lau und Stoll in ihrer Übersicht, dass es offenbar eher gelingt, einen positiven Einfluss von vorherigem sportlichen Erfolg auf die Kohäsion nachzuweisen als umgekehrt. Erfolg führt also zu mehr Zusammenhalt, und mehr Zusammenhalt müsste, zumindest in weniger erfolgreichen Teams, zu mehr Effizienz führen (was sich wiederum in sportlichen Erfolg niederschlagen müsste). Der Zusammenhang zwischen Teamerfolg und -kohäsion scheint also erwiesen, weniger klar ist jedoch die Kausalrichtung. Wenn Cristiano Ronaldo also dem Teamzusammenhalt keinen hohen Stellenwert beimisst, mag das auch damit zusammenhängen, dass diese in seinen höchst erfolgreichen Teams bisher eine eher untergeordnete Rolle spielten.

Herausforderung für die Sportpsychologen

Die Kunst langfristig erfolgreicher Teamarbeit besteht darin, Erfolg und Kohäsion in einem Prozess des gegenseitigen Aufschaukelns zu steigern und aufrechtzuerhalten. Bei erfolgreichen Teams sollte die positive Wirkung auf Zusammenhalt als Basis für weiteren Erfolg genutzt werden. Wer schon einmal mit Teams gearbeitet hat weiss, dass dies leider kein Selbstläufer ist. Bei weniger erfolgreichen Teams muss ein kohäsives Klima, welches als Basis für Erfolg dienen könnte, erst geschaffen werden. Was sind Voraussetzungen, unter denen Teams tendenziell erfolgreich arbeiten? Wo lauern Gefahren? Sozialpsychologische Phänomene wie soziales Faulenzen oder Trittbrettfahren treten auch in erfolgreichen Teams schneller auf als einem lieb ist. Die Fähigkeit zur Teamanalyse, Grundlagenkenntnisse teampsychologischer Phänomene und gruppendynamischer Prozesse und sind deshalb Voraussetzung für die erfolgreiche Teamarbeit jedes Sportpsychologen.

Und es gilt: Wer in einem guten Gruppenklima arbeiten möchte, sollte sich ein erfolgreiches Team suchen! Der umgekehrte Weg, nämlich durch Verbesserung der Kohäsion ein erfolgreiches Team zu formen, scheint ein ungleich schwierigeres Unterfangen zu sein.

Hinweis: Weitere interessant Beiträge finden sich im Blog des IAP Instituts für Angewandte Psychologie, einem Angebot der ZAHW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Quellen:

[1] Lau, A., & Stoll, O. (2007). Gruppenkohäsion im Sport. Psychologie in Österreich, 27(2), 155-163.

[2] Evans, C. R., & Dion, K. L. (1991). Group cohesion and performance a meta-analysis. Small group research, 22(2), 175-186.

[3] Mullen, B., & Copper, C. (1994). The relation between group cohesiveness and performance: An integration. Psychological bulletin, 115(2), 210.

[4] Carron, A.V., Colman, M.M., Wheeler, J., & Stevens, D. (2002). Cohesion and performance in sport: A meta-analysis. Journal of Sport & Exercise Psychology, 24, 168–188.

[5]Wilhelm, A. (2001). Im Team zum Erfolg. Ein sozial-motivationales Verhaltens modell zur Mannschaftsleistung. Lengerich: Pabst Science Publishers.

[6] Beal, D. J., Cohen, R. R., Burke, M. J., & McLendon, C. L. (2003). Cohesion and performance in groups: a meta-analytic clarification of construct relations. Journal of applied psychology, 88(6), 989.

[7] Tekleab, A. G., Quigley, N. R., & Tesluk, P. E. (2009). A longitudinal study of team conflict, conflict management, cohesion, and team effectiveness. Group & Organization Management, 34(2), 170-205.

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Elvina Abdullaeva: Ersatztorhüter sind Piloten

„Alles läuft wie immer. Das Aufwärmen, der Gang in die Kabine, der Weg zur Bank. Gedanklich bin ich dabei ganz entspannt, so wie ein Zuschauer. Denn ich weiß ja, heute spiele ich nicht und bleibe auf der Bank. So wie es schon so viele Spiele war“. Ich glaube, vielen Ersatztorhütern sind solche Gedanken bekannt. Ist das schlecht? Nein, überhaupt nicht. Niemand soll sich umsonst zusätzlich anstrengen, wenn das sowieso in dem Moment nicht gebraucht wird. Was jedoch von Ersatzkeepern verlangt wird, dass sie sich schnell mobilisieren können, wenn es doch spontan zu einem Spieleinsatz kommt. Darauf haben nicht zuletzt die Trainer absolutes Recht – sie müssen auf die schnelle und volle Bereitschaft von ihren Ersatzspielern bauen können. Aber wie schaffen es gerade die Torhüter, immer genau für „diesen Moment“ bereit sein?

Zum Thema: Mentale Vorbereitung für Ersatztorhüter

1 Rückkehrer und 2 Debütanten!Tim Thoelke hat sich nach dem Dreier gegen Braunschweig Anthony Jung, Péter Gulácsi…

Posted by RB Leipzig on Sonntag, 7. Februar 2016

Am besten fragen wir Piloten, die auch für selten vorkommende Flugmanöver (z. B. in Not- und Stresssituationen) immer bereit sein müssen. Im Rahmen ihrer Pilotenausbildung wird die Vorgehensweise in solchen Notsituationen unter anderem durch das Mentale Training geübt. Der Sinn dieses mentalen Trainings besteht darin, ein eigenes Drehbuch für den Notfall vorzubereiten. Die Piloten schreiben also alle Bewegungen auf, die nötig sind, um das Flugzeug in dieser konkreten Situation zu steuern. Dieses Drehbuch wird dann im Anschluss mental mehrmals vorgestellt und alle Abläufe werden so oft durchgegangen, bis sie ganz schnell und automatisch aufrufbar sind (Mayer & Hermann, 2011).

Was lernen wir daraus? Auch Ersatztorhüter können sich für ihre „Notsituation“ in ähnlicher Weise vorbereiten. Aber der Reihe nach: Der zweite Tormann sollte sich zunächst an die Situation erinnern oder sich diese vorstellen, als er unerwartet den Stammtorwart ersetzen musste. Hier sollen dem Torwart persönliche Schwierigkeiten bewusst werden. Und dann schreibt der Ersatztorhüter für sich einen Plan bzw. ein Drehbuch, wie er sich verhalten soll, um die entstehenden Schwierigkeiten zu lösen. Hilfreiche Fragestellungen dazu lauten:

  • Was kann ich machen, um in so einer Situation nicht in Panik zu geraten?
  • Was hilft mir, um schnell die volle Konzentration aufzubauen?
  • Wie kann ich mich selbst aufmuntern?
  • Welche Punkte soll ich abchecken, damit ich ruhig und selbstbewusst ins Spiel komme?

Im Ergebnis bekommt der Torwart einen konkreten Handlungsablauf, also eine Checkliste, welche gedanklich geübt und gefestigt wird.

Spontanität in der Wirklichkeit üben

Der Trainerstab kann ein paar Mal den Ersatztorwart ins kalte Wasser werfen, in dem er ohne Absprache – zum Beispiel bei Freundschaftspartien – mitten im Spiel eingesetzt wird. In solchen Situation kann der zweite Torhüter sich und sein vorbereitetes Drehbuch prüfen. Denn wenn er seine Routine praktisch umsetzt, bekommt er mehr Sicherheit und im Regelfall die innerliche Bestätigung, dass er das kann. Wenn er also spontan den ersten Torwart ersetzen muss, kann er sehr selbstbewusst in das Spiel gehen. Kleiner Hinweis: Solche „spontanen“ Rotationen sollten davor aber mit dem ersten Torwart und dem Rest der Mannschaft abgesprochen werden. Damit die Spieler von einem solchen Wechsel nicht irritiert werden. Nur für den zweiten Torwart sollte es aber eine Überraschung bleiben.

Die Rolle der Feldspieler

Die Ersatztorhüter spüren sehr gut, ob die Mitspieler ihm vertrauen oder nicht. Unabhängig davon, ob er gut oder schlecht ist, soll auch von Seiten der Feldspieler signalisiert werden, dass sie sich auf ihn verlassen und glauben, dass er genau so gut wie der erste Torwart den Ball halten kann. Dies gibt dem zweiten Tormann zusätzliche Kraft. Daher ist es auch wichtig, allgemeine Verhaltensregeln oder einen Verhaltenskodex für solche Situation in der Mannschaft zu haben. Wie können sie den neuen Torwart unterstützen, wenn er spontan eingesetzt wird? Eine besondere Begrüßung, eine Geste als Signal – etwas Kurzes reicht absolut. Der Torwart soll nur daraus ablesen, dass die Mannschaft ihm vertraut.

Kurz zum Schluss: Ein Drehbuch als schnelle Vorbereitung auf eine unerwartete Situation macht zu 100 Prozent Sinn. Dies gilt auch für jeden anderen Ersatzspieler, also nicht nur für Torhüter. Denn nur wer gut vorbereitet ist, kann auch improvisieren.

Quelle:

Mayer, J. & Hermann, H.-D. (2011). Mentales Training (2. Auflage). Heidelberg: Springer.

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Simon Brechbühler: “Mental zusammengebrochen”

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Simon Brechbühler

Der 29-Jährige ist seit 2010 Trainer der deutschen Floorball Damen-Nationalmannschaft. In dieser Zeit führte der Schweizer das Team bis auf Platz sechs der Welt. Als Vereinstrainer war er lange Jahre im Nachwuchsbereich aktiv und coachte das Damen-Team der Burgdorf Wizards in der Nationalliga A. Aktuell gehört zum Trainerstab des Herren Nationalliga A-Teams Waldkirch St. Gallen.

Info: Fairplaid-Kampagne des deutschen U19 Floorball Damen-Nationalteams

Die Dynamik war unglaublich. “Wie eine Lawine erwischte uns der Moment”, erinnert sich Simon Brechbühler an den 8. Dezember 2011. Vier Minuten vor dem Ende des Platzierungsmatches gegen Russland führte sein deutsches Team sicher mit 6:4, dann passierte ein sportlich folgenschwerer Unfall: Die damals 17-jährige Pauline Baumgarten flog nach einem Zweikampf im hohen Bogen über die Bande, landete auf drei verwaisten Stühlen der Wechselzone und schleuderte von dort gegen die Tribünenwand. Sie erlitt eine Platzwunde, blutete stark und war zwischenzeitlich bewusstlos.

Mit Wiederbeginn der Partie wurde Pauline Baumgarten gerade regungslos auf einer Trage an der deutschen Bank vorbei zum Krankenwagen transportiert – in diesem Moment fiel der Anschlusstreffer. Wenige Sekunden später glichen die Russinnen per Fernschuss von der Mittelinie zum 6:6 aus und erzwangen damit die Verlängerung, in der die Osteuropäerinnen passiv auf die zu erwartenden deutschen Fehler warteten. Und diese kamen. In der achten Minute der Overtime setzte Russland den Schlussakkord einer denkwürdigen Partie.

Simon Brechbühler, in den deutschen Medien äußertest du damals, dass die Mannschaft mit der Verletzung mental zusammengebrochen sei. Wie hast du die Situation erlebt?

Das war eine sehr besondere Situation. Die Mannschaft war von einer Sekunde auf die andere nicht mehr vorhanden. Ich habe zwar mit den Spielerinnen gesprochen, sie allerdings mit keinem Wort erreicht. Wir standen sogar vor dem Problem, eine physisch spielfähige Mannschaft auf das Feld zu bekommen, da zahlreiche Spielerinnen kurz zuvor mit Weinkrämpfen regelrecht zusammengebrochen waren.

Wie hast du versucht, zu reagieren?

Die Bilder des Unfalls haben uns alle erschüttert, keine Frage. Allerdings informierten die Betreuer sehr schnell, dass es nicht so schlimm sei wie es aussah. Allerdings gelang es nicht, diese Nachrichten weiterzugeben. Es kamen einfach viele Dinge zusammen: Pauli war mit 17 Jahren damals das Küken der Mannschaft, insofern hatte sie im Team eine besondere Rolle und wurde sozuagen von allen anderen beschützt. Dazu war die Szenerie gespenstisch: Das Anfahren des Rettungswagens ließ zum Beispiel die gesamte Glasfront der Arena flackend blau erstrahlen. Und ebenso ungünstig war, dass unsere Verletzte dann von den Rettungskräften direkt an allen Spielerinnen vorbeigetragen wurde, anstatt sie im Rücken der Wechselbank vorbeizutragen.   

Was hast dich diese Erfahrung gelehrt?

Dass es immer wieder Situationen geben wird, die nicht vorauszusehen sind.

Pauline Baumgarten bei der Damen WM 2015 (Quelle: Flickr IFF)
Pauline Baumgarten bei der Damen WM 2015 (Quelle: Flickr IFF)

Kurios: Damals saß der deutsche Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Stoll auf der Tribüne. Der Leipziger war langjähriger Präsident von Floorball Deutschland und verfolgte nach einer Tagung des Weltverbandes die Schlussminuten der Partie live in der Halle. Stoll entschied sich in der konkreten Situation, nicht zu intervenieren: “Wenn ich dort vor die Mannschaft getreten wäre, ohne im Team als Sportpsychologe vorgestellt und akzeptiert zu sein, hätte ich den Trainer innerhalb von wenigen Sekunden entmachtet”.

Simon Brechbühler, hättest du dir in der konkreten Situation einen Sportpsychologen an deiner Seite gewünscht?

Nicht unbedingt in der konkreten Situation. Ich würde mir vielmehr sportpsychologische Inhalte in der täglichen Trainingsarbeit und in der Ausbildung wünschen. Hier haben wir sowohl in der Schweiz und auch in Deutschland noch echten Nachholebedarf. Allein aus finanziellen Gründen sind wir noch weit davon entfernt, mit Sportpsychologen im Trainerteam zu arbeiten.

Was können Sportpsychologen, was ein Trainer nicht kann?

Sportpsychologen haben einen anderen Zugang zu Spielern, als dies Trainer haben. Als Trainer bist du Entscheidungsträger. Dies verunmöglicht in gewissen Situationen ein bedingungslos ehrlicher Austausch zwischen Spieler und Trainer, die Spieler müssten gegebenenfalls mit einer Konsequenz rechnen. Weiter hast du als Trainer eine Verantwortung gegenüber dem Team. Egal wie wertvoll ein einzelner Spieler ist. Du entscheidest immer für eine Mannschaft und nicht für einen Spieler. Der Sportpsychologe kann ohne Entscheidungsgewalt und ohne Teaminteressen sich vollumfänglich um die Unterstützung eines einzelnen Spielers kümmern und dadurch im mentalen Bereich viel mehr in die Tiefe arbeiten, als dies ein Trainer erreicht. Dazu kommt, dass das fachliche Wissen von Trainern oft beschränkt ist.

Siehst du Besonderheiten zwischen Damen- und Herren Teams im Umgang mit dem Thema Sportpsychologie? 

Ich denke, dass beide Geschlechter sehr empfänglich sein können für Sportpsychologie. Bei Jungs im adoleszenten Alter muss vermutlich zuerst etwas Nähe geschaffen werden, während bei den Mädels die Schamgrenze in diesem Alter überwunden werden muss. Bei erwachsenen Leistungssportlern wird jedoch kaum ein stereotyper Unterschied ausgemacht werden können.

Gemeinsam mit Pauline Baumgarten feierte Brechbühler im Dezember 2015 den grössten Erfolg des deutschen Damen-Unihockeys: Bei der WM in Finnland wurde das Team Sechster. Aktuell bereitet Brechbühler als Verantwortlicher von Floorball Deutschland für den Damenbereich die U19 Damen-WM in Kanada vor. Brechbühler: “Unsere finanzielle Situation schaut so aus, dass wir eine Crowdfunding-Kampagne starten mussten, um sicherzustellen, dass alle Nationalspielerinnen mitfliegen können. Denn einen Großteil der Kosten tragen die Aktiven selbst. Dieser Gesamtumstand macht es also schwer über Sportpsychologen im Funktionsteam nachzudenken: Aber vielleicht können wir in der Schweiz oder in Deutschland zukünftig Studenten oder Berufseinsteiger begeistern, Vereins- oder Auswahlteams begeistern. Unserer Sportart würde der fachliche Input zweifelsfrei nutzen.”

Hinweis: Autor Mathias Liebing, Redaktionsleiter von die-sportpsychologen.ch, ist seit 2008 bei Floorball Deutschland verantwortlich für den Marketing- und Öffentlichkeitsarbeitsbereich.

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Markus Gretz: Sebastian Vettels Weltmeisterziel

Schon 2009 wusste Sebastian Vettel genau, was er will. „Ich habe das Ziel, Formel 1 Weltmeister zu werden“, sagte der Rennfahrer, dessen Traum sich bereits ein Jahr später erfüllte. Vier Saisons in Folge war er dann der dominierende Mann im internationalen Rennzirkus. Am 20. März startet die Formel 1 in Australien in die neue Saison – und Vettel kündigte schon im Vorjahr an, dass er 2016 wieder einen Titel feiern will.

Zum Thema: Weshalb Ziele für Sportler wichtig sind

Psychologische Studien zeigen, dass Personen, die Ziele haben, deutlich erfolgreicher sind als Personen ohne Ziele. Vor allem im Sport, wo es schließlich um den Erfolg geht, ist es deshalb wichtig, sich selbst Ziele zu setzen.

„Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg“ Laozi (chinesischer Denker)

Die Kraft von Zielen kann damit erklärt werden, dass sie dem Handeln einerseits eine Richtung geben und andererseits zum Handeln anregen. Das ist so zu verstehen: Wer das Ziel hat, dass grüne Sprint-Trikot der Tour de France zu gewinnen, wird wohl mehr Sprinttraining absolvieren als ein Radfahrer, der auf das rot-weiße Bergtrikot spekuliert. Beide Sportler müssen aber definitiv sehr viel Zeit und Training für ihr Ziel investieren. Das Ziel gibt also Richtung und Antrieb.

Gute Ziele, falsche Ziele

Doch nicht jedes Ziel ist ein gutes Ziel. Viele Sportler setzen sich oft falsche Ziele. So kann nicht jeder gleich wie Sebastian Vettel auf einen Weltmeistertitel spekulieren. Dieses Ziel wurde erst veröffentlicht als er 2009 auf dem 2. Platz der Rangliste stand. Ist ein Ziel zu hoch gesetzt, kann es oft auch blockieren. Es treibt den Sportler vielleicht überhaupt nicht mehr an, weil es zu unrealistisch ist und er selbst nicht daran glaubt. Manch andere Ziele sind jedoch kaum Antrieb, weil sie zu leicht zu erreichen sind und die Umsetzung auch ohne Anstrengung gelingen kann.

In der Sportpsychologie wurden deshalb Prinzipien zur optimalen Zielsetzung gesucht, von denen ich hier einmal die wichtigsten zusammengetragen habe:

Ziele sollten…

… realistisch, 

… attraktiv und positiv,

… messbar und überprüfbar,

… herausfordernd,

… und zeitlich festgelegt sein.

Über Teilerfolge zum Ziel

Außerdem wird empfohlen, Teilziele zu formulieren, um auf dem Weg zu einem größeren, langfristigen Ziel, Teilerfolge erleben zu können. Um Höchstleistungen zu erreichen ist es außerdem für manche Sportler sinnvoll, ihre Ziele zu veröffentlichen, um im Training und in der Wettkampfsituation seinem Ziel noch mehr verpflichtet zu sein und so „über sich hinauswachsen“ zu können. Dies ist jedoch mit Vorsicht zu genießen und hängt vom einzelnen Sportler ab, ob er diesen Druck braucht und ihm auch standhalten kann. Sobald der Athlet nämlich an das öffentliche Versagen denkt, kann das auch schnell lähmend wirken. Man sollte also überdenken, ob man den Motivationsschub eines öffentlichen Ziels braucht. Zumindest sollten die Ziele für den Athleten persönlich schriftlich festgehalten werden. Das reicht oft schon als Antrieb.

Da es 2009 schon so gut funktioniert hat, könnte Sebastian Vettel auch für die kommende Formel 1 Saison das Weltmeisterziel öffentlich machen. Scheinbar kann er dem öffentlichen Druck ja standhalten und dass er ganz nach vorne kommen kann, ist auch längst keine Frage mehr. Ob es am Ende reicht, hängt aber selbstverständlich nicht nur vom Ziel ab und kann hier nicht beantwortet werden.

Praxis-Tipp:

Ein Schild mit dem persönlichen/mannschaftlichen Ziel an der Tür zum Trainingsgelände kann die tägliche Trainingsmotivation schon deutlich steigern.

 

Quelle:

http://www.spox.com/de/sport/formel1/0909/News/sebastian-vettel-glaubt-an-den-wm-titel-jenson-button-ist-der-favorit.html

http://www.t-online.de/sport/id_74943922/sebastian-vettel-peilt-formel-1-titel-2016-mit-ferrari-an.html

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Thorsten Loch: Jungtrainer – ein Erfolgsmodell?

Seit dem 11. Februar 2016 ist er der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte: Julian Nagelsmann. Der 28-Jährige, der eigentlich erst im Sommer die Geschäfte vom zwischenzeitlich verpflichteten Feuerwehrmann aber nun aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen Huub Stevens übernehmen sollte, startet also mitten im Abstiegskampf der TSG Hoffenheim in seine Bundesligakarriere. Kann das gelingen? Durchaus, ein Hauptkriterium wird dabei seine Kommunikationsfähigkeit sein.

Zum Thema: Was junge Trainer können müssen.

Die Aufregung war sehr groß, als die Verantwortlichen der TSG Hoffenheim ihre Personalpläne, nach denen Nagelsmann im Sommer 2016 bin Stevens das Traineramt übernehmen sollte, offen legten. Einige Kritiker sprachen von einer PR-Aktion, denn wie soll ein gerade einmal 28-Jähriger im Haifischbecken Bundesliga überstehen? Ich stelle mich dagegen und frage, warum eigentlich nicht? Warum muss ein älterer Trainer zwangsläufig auch ein besserer sein? Dass Nagelsmann, der aktuell im Besitz der A-Lizenz ist und die Fußballlehrerausbildung absolviert, über das nötige „know-how“  (Fachkompetenz) verfügt, hat er in der Vergangenheit bewiesen. Unter anderem gewann er mit der U19 der Kraichgauer die Deutsche Meisterschaft und assistierte bereits dem heutigen Dortmunder Trainer Thomas Tuchel. Es wird spannend zu beobachten sein, wie es ihm gelingt, seine Idee des Fußballspiels den Spielern zu vermitteln, egal ob und jung oder alt. An diesem Beispiel wird deutlich, dass allen voran der Kommunikation einer enormen Bedeutung zukommt.

Kommunikation als Wegbereiter

Die Kommunikation ist ein komplexes und facettenreiches Themengebiet, dem man sich in diesem Zusammenhang mit relevanten Wissensbausteinen nähern kann. Dazu gehört das Verständnis von Kommunikation, den Protagonisten in der Kommunikation, den Sende- und Informationskanälen sowie der Verbalität und Tonalität. Es existieren zahlreiche theoretische Konzepte und Modelle zur Kommunikation, allerdings dürfte eine Konzentration auf die Axiome von Watzlawick (u.a. „man kann nicht nicht kommunizieren“) und das Modell von Schulz von Thun genügen. Mit dieser Grundlage wird eine wesentliche Voraussetzung geschaffen, eine hohe Qualität in der Kommunikation zu erreichen und diese sicherzustellen. Eine der zentralen Erkenntnisse ergibt sich insbesondere hinsichtlich der Rolle und Interpretation und Vorannahmen. Sie minimieren die Wahlfreiheit im Antwortverhalten des Empfängers, was sich entsprechend auf die Kommunikationsqualität auswirkt. Für den kommunizierenden Trainer ist es nun wichtig, zum einen diese Mechanismen der Kommunikation und deren Möglichkeiten, aber auch deren Fallen zu kennen.

Schlüsselqualifikationen

Als Schlüsselqualifikationen werden Fähigkeiten beschrieben, welche sich in fünf Kompetenzbereiche einordnen lassen: Soziale Kompetenz; Selbstkonzept; Methodenkompetenz; Handlungskompetenz; Medienkompetenz. Auf drei Kompetenzbereiche will ich näher eingehen:

Soziale Kompetenz

Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die dazu befähigen, in den Beziehungen zu Menschen situationsadäquat zu handeln (u.a. Empathie, emotionale Intelligenz oder Führungskompetenz).

Methodenkompetenz

Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die es ermöglichen, Aufgaben und Probleme zu bewältigen, indem sie die Auswahl, Planung und Umsetzung sinnvoller Lösungsstrategien ermöglichen (u.a. abstraktes und vernetztes Denken, Analysefähigkeit).

Selbstkonzept

Fähigkeiten und Einstellungen, in denen sich die individuelle Haltung zur Welt und insbesondere zur Arbeit ausdrückt. Persönlichkeitseigenschaften, die nicht nur im Arbeitsprozess Bedeutung haben (u.a. Anpassungsfähigkeit, Ausdauer, Belastbarkeit).

Schaut man sich die sportliche Vergangenheit von Nagelsmann an, welche ihn bis in die zweite Mannschaft von 1860 München brachte und geprägt von Verletzungen war, so ist es nicht verwunderlich, dass ihm ehemalige Weggefährten diesen Sprung durchaus zutrauen.  Nagelsmann hat trotz seines noch jungen Alters bereits viele Kompetenzbereiche sich aneignen und ausprägen können, welche ihm sicherlich helfen werden, als Cheftrainer zu bestehen.

Fazit:

Trainer sollten Methoden verfügbar haben, so dass Kommunikation störungsfrei ablaufen kann. Um dies zu ermöglichen, muss der Trainer nicht diverse Gesprächstechniken beherrschen. Vielmehr muss er zuhören und sich auf die Wirklichkeitskonstruktion des Sportlers einlassen. Von elementarer Bedeutung ist es, eine Zuhöratmosphäre (Eberspächer, 1998) zu schaffen, also eine Atmosphäre, in der der Sportler von sich aus zu erzählen beginnt. Dennoch muss er auch klar deutlich machen, wo es lang geht, denn schließlich führt er das Team.

 

 

Hinweis: Der Beitrag erschien erstmalig bereits im November 2015 auf die-sportpsychologen.de.

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