Thorsten Loch: Der schwere Einstieg in unsere Disziplin

Ist es nicht ein wenig kurios: Bei nahezu jeder Sportübertragung heben die TV-Experten irgendwann auf die so genannte „mentale Stärke“ ab oder führen “den Kopf” oder wahlweise “die Psyche” als Gründe und Erklärungen für bestimmte Ereignisse an. Mag sein, dass In einem Zeitalter, in welchem beispielsweise die Skier nicht mehr schneller laufen und die Athleten (in der Leistungsspitze) nahezu unter identischen Bedingungen trainieren beziehungsweise gecoacht werden, die größten Leistungsreserven nunmehr im Kopf zu suchen sind. Keine Frage: Die Bedeutung der Sportpsychologie wächst, aber dennoch hat unsere Disziplin weiterhin ein Problem.

Zum Thema: Warum ist es für junge Sportpsychologen so schwer, in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen?

Wahrscheinlich erging es vielen Sportpsychologen ähnlich wie mir. Der Sport war schon seit früher Kindheit ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens und ich konnte unvergessliche Siege feiern aber auch schmerzliche Niederlagen einstecken. Immer mit dabei waren die Nerven. Auch ohne zu der damaligen Zeit auch nur irgendetwas von Visualisierungen oder Selbstgesprächen gehört zu haben, haben wir uns schon damals Gedanken gemacht, wie wir uns in dieser Hinsicht verbessern und unsere Nervosität in den Griff bekommen könnten. Ein Anruf eines Spitzentrainers blieb mir, wie vielen anderen auch, verwehrt. Somit wurden mir auch die allerbesten Trainingsbedingungen nicht zu Teil – das Thema Sportpsychologie verlor ich damit aus den Augen. Dies blieb auch bis zum Jahr 2004 so. Mit dem Amtsantritt von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer beim Deutschen Fußball-Bund und durch das gesteigerte mediale Interesse an der Fußballweltmeisterschaft 2006 im eigenen Land begegnete mir dann erstmals der Name Hans-Dieter Hermann. Fortan begeisterte ich mich für seine Arbeit und die Möglichkeiten, welche die angewandte Sportpsychologie bietet. Kurzum: Der „Virus“ Sportpsychologie hatte mich gepackt.

Nach Abschluss meines Bachelorstudiums der Sportökonomie suchte ich nach einer geeigneten Möglichkeit, mein Interesse an der Sportpsychologie wissenschaftlich fundiert erweitern zu können. Als ich erfahren habe, dass Hermann zusammen mit Jan Mayer einen Schwerpunkt Sportpsychologie in dem Masterstudiengang an der Deutschen Hochschule für Präventions- und Gesundheitsmanagement annehmen wird, war die Entscheidung für mich gefallen, diesen berufsbegleitend in Saarbrücken zu beginnen. Um mich im Anschluss noch weiter von selbsternannten Mentalgurus abzugrenzen und mir eine bessere Position auf dem Markt zu sichern, entschied ich mich, das Curriculum „Sportpsychologisches Coaching im Leistungssport“ der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) zu absolvieren.

Bittere Wirklichkeit

Und nun stand ich da, mit dem vielleicht besten Methodenkoffer, der ausbildungstechnisch in Deutschland angeboten wird, und dachte, dass die Sportwelt nur so auf mich wartet. Doch der anfänglichen Euphorie folgte schnell die bittere Wirklichkeit. Der Markt Sportpsychologie ist hart umkämpft und teilweise wird der Einstieg in das Netzwerk unnötig erschwert oder gänzlich blockiert. Woran das liegt, darüber kann ich nur spekulieren. Jedoch bin ich der Meinung, dass an diesem Punkt kein Konkurrenzdenken stattfinden sollte. Stattdessen sollte gemeinsam daran gearbeitet werden, die angewandte Sportpsychologie weiter in der Sportwelt zu etablieren. Denn schließlich hat es auch eine Weile gedauert bis der Physiotherapeut und neuerdings der Athletiktrainer ein fester Bestandteil des Funktionsteams – schauen wir nur einmal auf die jüngere Vergangenheit im Profifußball – wurde.
Es erfordert eine Menge Eigeninitiative und Engagement, sich nicht von kleineren Rückschlägen umwerfen zu lassen. Umso mehr freute ich mich, als ich vom dem Projekt „Die Sportpsychologen“ gehört habe, dass nicht zuletzt neuen Sportpsychologen eine Plattform liefert, sich selbst vorstellen zu können und gleichzeitig das Fach Sportpsychologie weiter zu etablieren. Es macht einfach unglaublichen Spaß, mit Sportlern und Teams zusammen zu arbeiten und zu sehen, wie sie ihren sportlichen Zielen näher kommen und man Teil dieses Entwicklungsprozesses ist. Denn schließlich heißt es nicht umsonst „Weil sportlicher Erfolg auch Kopfsache ist“.

In der Praxis

Obwohl es zu Beginn sehr zäh anlief und die vermeintlich größeren Sportarten meistens „besetzt“ waren, machte ich mich auf die Suche nach nicht allzu sehr in der Öffentlichkeit stehenden Disziplinen. Der Weg war hier häufig sehr ähnlich. Die Verantwortlichen/Trainer kontaktieren, vorstellig werden (Besuche bei Trainings und/oder Spielen/Wettkämpfen) und teils mittels kleineren Workshops die angewandte Sportpsychologie vorstellen. Auf diese Weise kam unter anderem der Kontakt zum Herausgeber von „Die Flinte“ zu Stande, dem auflagenstärksten Magazin rund um den Flintensport. Hier schreibe ich in regelmäßigen Abständen Beiträge und habe somit eine weitere Plattform, um mich und meine Dienstleistung zu präsentieren. Eine besondere Herausforderung liegt darin, überhaupt an die Entscheidungsträger heranzukommen. Hier helfen sicherlich Kontakte aus dem näheren Umfeld. So auch bei dem folgenden Beispiel. Aus meiner sportlichen Laufbahn als Fußballer lernt man eine Menge Menschen auf und neben dem Platz kennen. Und so kam der Kontakt zum FC Hennef 05 zu Stande. Ein ehemaliger Co-Trainer von mir trainierte zu der Zeit eine Jugendmannschaft im Verein. Der Beginn war eine interne Trainerfortbildung, welcher einer Zusammenarbeit für die Leistungsmannschaften im Juniorenbereich folgte. Die Erfahrungen welche ich bis dato sammeln durfte, sind sehr positiv. Erfolge mache ich persönlich nicht an Siegen oder Medaillen fest. Dazu ist der leistungsorientierte Wettkampfsport von zu vielen Determinanten bestimmt und der Einfluss meiner Arbeit nicht mit Prozentangaben zu beziffern. Vielmehr sehe ich es als Erfolg, wenn der Sportler mir berichtet, dass dieser mit dem Training zufrieden ist und mich auch gern weiterempfehlen würde.

Die Auftragslage ist jedoch bei weitem nicht so groß, dass ich den Lebensunterhalt für mich – geschweige denn für meine Familie – stemmen kann. Aus diesem Grund arbeite ich hauptberuflich als Sportlehrer (halbe Stelle) an einer Schule mit Förderschwerpunkt. Die Arbeitszeiten lassen sich sehr gut mit den Trainingszeiten der meisten Athleten vereinbaren, so dass es hier zu keinen größeren Überschneidungen kommt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Auftragslage stetig weiter zunimmt und ich mich weiter als sportpsychologischer Experte etablieren kann. Eine ausschließliche Verschiebung zur Sportpsychologie als Haupteinnahmequelle halte ich zum derzeitigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich bzw. zu risikoreich in meiner Situation. Vielmehr möchte ich mir den „Spaß“ erhalten, mit den Mannschaften und Einzelsportlern zu arbeiten und gemeinsam zu wachsen und nicht immer unter Druck stehen zu müssen, Aufträge zu bekommen, um die Rechnungen bezahlen zu können.

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 121