Start Blog Seite 157

Dr. René Paasch: Sport und Flüchtlingshilfe

Vorerst haben FIFA-Richtlinien die Verpflichtung von Bakery Jatta, einem 17-jährigen Flüchtling aus Gambia, durch den Hamburger SV verhindert. Aufgrund seines Alters darf das Talent, welches ab Juni vom HSV unter Vertrag genommen werden soll, noch nicht einmal regelmäßig beim Profi-Verein trainieren. Integration geht so definitiv nicht – da dieses Thema die Gesellschaft aber in den kommenden Jahren sehr intensiv beschäftigen wird, habe ich die Frage aufgeworfen, wie Sportvereine an der Basis agieren können, um Flüchtlingen zu helfen? Denn in vielen deutschen Städten und Gemeinden sind junge Menschen wie Bakery Jatta gestrandet. Nicht alle sind potentielle Profis, wohl aber Sportler, die ihren Platz in der Gemeinschaft verdienen.

Zum Thema: Wie können Sportvereine traumatisierte Flüchtlinge unterstützen? 

Durch fremdenfeindliche Übergriffe, Schlafstörungen und Suizidgedanken leben die geflüchteten Menschen in ständiger Angst. Dieses Gefühl erinnert sie an die Erfahrungen in den Krisenregionen, aus denen sie fliehen mussten. Die Menschen werden also in die traumatisierenden Situationen zurückversetzt. Ihre Narben werden dadurch noch tiefer und das Grundgefühl der Sicherheit und des Vertrauens wird erneut erschüttert. Ein hohes Ausmaß unter den Asylbewerber/innen und Flüchtlingen leidet nachgewiesenermaßen unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Steel et al 2009, Joksimovic 2008). In einer Studie von U. Gaebel in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden bei 40% der 78 zufällig ausgewählten Asylantragsteller/innen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) festgestellt (Gäbel 2005). Die deutschsprachigen Fachgesellschaften für Psychotraumatalogie gehen in ihrer aktuellen Leitlinie sogar von 50% Prävalenz der PTBS unter Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfern aus (Flatten et al 2011).

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

In Berlin gründete ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Syrer einen Fußballverein (Deutsche Welle, Kick OFF! Beitrag)

Nützliche Unterstützungsaktivitäten:

Gefühl von Sicherheit schaffen

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten brauchen daher zunächst unbedingt ein Gefühl der Sicherheit. Sie müssen spüren, dass ihnen hier nichts mehr passieren kann. Wichtig ist zudem, dass sie sich hier willkommen und angenommen fühlen. Oft können bereits die Integration in das Vereinsgeschehen und der Sport sehr heilsam sein. Vereinsinterne Integrationsangebote und das Gefühl der sozialen Fürsorge haben bereits positive Auswirkungen auf die Psyche.

Das Selbstverstrauen stärken

Zeigen Sie dem Flüchtling gegenüber Ihre Anerkennung für das, was er geleistet hat, erwähnen Sie Entwicklungsschritte, bewegen Sie ihn für kleine Aufgaben, die er auch als erfüllt sieht. Wichtig: Nehmen Sie dem Flüchtling nicht zu viel ab, helfen Sie ihm, die Aufgaben und Verpflichtungen selbst in die Hand zu nehmen. Sie verstärken sonst seine, im Trauma erlernte Hilflosigkeit.

Erklären und Informieren

Wenn Sie Symptome von Belastungen beim Flüchtling wahrnehmen, ist es wichtig, diese auch anzusprechen. Vielleicht können Sie ihm Hilfe und Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen und einen Ort, wo er therapeutische Hilfe finden kann. Auch ganz normale Alltagssituationen sollten erklärt werden. Man sollte ihm die neue Umgebung zeigen und sie ihn kennen lernen lassen, erklären, was auf ihn zukommt, wo er selbst Einflussmöglichkeiten hat und tätig werden kann und wo er auf fremde Hilfe (Rechtsanwalt, Therapeut) angewiesen ist.

Engagement für bessere Lebensbedingungen

Traumatisierte Flüchtlinge brauchen einen Schutzraum, um sich von ihren Erlebnissen erholen zu können. Das komplizierte Asylverfahren, enge Unterkünfte, die die Privatsphäre erheblich beeinträchtigen sowie verwaltungsmäßige Abläufe, behindern den Genesungsprozess stark. Die Betroffenen werden an frühere Erlebnisse erinnert und fühlen sich erneut schwach und hilflos. Es unterstützt die Flüchtlinge, wenn Sie sich dafür einsetzen, dass Sie sich sportlich engagieren dürfen, wenn sie grundsätzliche Fürsorge erfahren. Unterstützen Sie den Flüchtling bei der Planung von Tagesabläufen. Helfen Sie ihm bei Aufnahme von Kontakten zu Vereinsangehörigen. Wichtig ist, dass Sie dies nicht abnehmen, sondern zusammen tun.

Aktives Zuhören

Hören Sie zu, wenn der betroffene Flüchtling Ihnen etwas über seine Erlebnisse erzählen möchte. Verstärken Sie aber nicht, über seine Vergangenheit zu erzählen. Das freiwillige Sprechen über die Erlebnisse hilft, die Situation, auch die vergangene, besser zu verstehen und zu verarbeiten. In vielen Fällen ist fachliche medizinische und psychotherapeutische Unterstützung zum Abbau der Symptome hilfreich. Nicht immer ist eine entsprechende Versorgung durch Fachpersonal möglich (zu wenig Personal, Einschränkung der Behandlungskosten, fehlendes Wissen, fehlende geeignete Dolmetscher).

Die Vermittlung an Fachleute ist besonders in folgenden Fällen erforderlich:

Anhaltende depressive Verstimmung, ständige Verzweiflung, Weinen, apathisch sein, Lustlosigkeit, Schlaflosigkeit, körperliche Schwäche, Suizidgedanken (wenn sie geäußert werden), anhaltende Nervosität und Unruhe, schwere psychische Störungen; z.B. Wahrnehmungsstörungen, Wahnzustände, innerfamiliärer Gewalt, Vernachlässigung/Misshandlung; Folterüberlebende.  Besonders hellhörig sollte man werden, wenn die Ehefrau bestätigt, dass er „vor dem Krieg“ oder „vor dem Gefängnisaufenthalt“ sich nicht so verhalten hätte. Es ist immer hilfreich, wenn Sie den Flüchtling darauf hinweisen, dass seine aggressiven Ausbrüche Teil der Belastungsstörung sein können. Damit entschuldigen Sie dieses Verhalten nicht, sondern helfen ihm, es durch rationale Erklärung zu verstehen.

Der Umgang mit psychisch belasteten Flüchtlingen fordert viel Kraft, Aufmerksamkeit und Ausdauer. Je nach Fallkonstellation sind Ihre Offenheit, Ihr Organisationstalent, Einfühlungsvermögen, Ihre Durchsetzungskraft, Kreativität und/oder Frustrationstoleranz, Fortbildungen zum PTBS, Weiterbildungen für Vereinsangehörige und der stetige Austausch mit Fachleiten gefordert.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Ein weiteres sportliches Intergationsprojekt aus Berlin (Deutsche Welle, Kick OFF! Beitrag)

Literatur:

Gaebel, U (2005): „Prävalenz der PTSD und Möglichkeiten der Ermittlung in der Asylverfahrenspraxis“, Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie

Steel, Z, Chey, T, Silove, D, Marnana, C, Bryant, R A & van Ommeren, M (2009). Association of Torture and Other Potentially Traumatic Even ts With Mental Health Outcomes Among Populations Exposed to Mass Conflict and Displacement: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA.302(5):537-549.

Mcfarlane, AC. & Van der Kolk, BA. (2000): Trauma und seine Herausforderung an die Gesellschaft. In: Van der Kolk, BA., Mcfarlane, AC. & Weisaeth, L. (hrsg.): Traumatic stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Stress sowie Traumatherapie. Paderborn: Junkfermannsche Verlagsbuchhandlung.

Views: 264

Elvina Abdullaeva: Perfektionismus im Nachwuchs fördern?

Persönlichkeitsentwicklung dauert ein Leben lang. Jedoch, wenn man bei einem Menschen gewisse Charakterzüge erziehen möchte, dann ist es besser, im Kindesalter damit anzufangen. In dieser Zeit ist die Persönlichkeit eines Kindes noch gut formbar und das Kind nimmt alles schnell auf. Welche persönlichen Eigenschaften sind es aber, die sich als besonders wichtig hinsichtlich einer ausgeprägten Siegermentalität erweisen? Können Sportpsychologen also erfolgreiche Athleten formen? Und an welcher Stelle ist Vorsicht geboten?

Zum Thema: Charakterbildung im Nachwuchssport

In einer Untersuchung wurde ein Versuch unternommen, festzustellen, welche psychologischen Eigenschaften sowie Fertigkeiten einen guten Fußballtorwart ausmachen? (Abdullaeva, 2015). Unter anderen Komponenten haben die Torwarttrainer, die Experten der Studie, über drei Persönlichkeitseigenschaften gesprochen:

  • Bestrebung nach hohen Leistungszielen
  • Durchsetzungsvermögen
  • kontinuierliche Selbstdisziplin

Interessanterweise haben die Experten dies oft an Beispielen von bestimmten Personen (vom prominenten Torwart Oliver Kahn bis hin zu einem hochtalentierten Nachwuchstorhüter) erklärt, die alle diese Eigenschaften idealtypisch verkörpern. Wir können also vermuten, dass ein Menschentyp existiert, der in seiner Persönlichkeit überdurchschnittliche Motivation, Wille und Selbstdisziplin als Dispositionen miteinander verbindet. Also Siegermentalität aufweist.

Siegermentalität wissenschaftlich betrachtet

Wenn wir uns dieser Siegermentalität bedingt wissenschaftlich nähern, landen wir schnell beim „Perfektionistischen Streben“. Als ein Teil des Perfektionismus beinhaltet „Perfektionistisches Streben“ drei Aspekte (Stoll, O. et al, 2010):

  • Leistungsmotivation
  • Volition
  • Selbstdisziplin

Menschen, die das in sich haben, verfolgen hohe persönlichen Standards und zeigen dabei eine „hohe Organisiertheit“.

Was bedeutet das alles für die Praxis? Heißt es, dass in den Augen eines Trainers ein idealer Sportler ein perfektionistisches Streben bzw. einen gesunden Perfektionismus haben sollte? Ich glaube schon. Auch in anderen Untersuchungen sowie in der DFB-Talentförderungskonzeption lässt sich erkennen, dass ähnliche Persönlichkeitseigenschaften psychologische Förderungsziele und -aufgaben bei dem Nachwuchs darstellen (Holt et al., 2006; Drewitz et al., 2009; Milles et al., 2011).

Die Vorbereitung auf das Leben

Sollten Sportpsychologen bei einer systematischen Nachwuchsbetreuung also den Fokus auf Perfektionistisches Streben richten? Oder soll man die Kinder sich natürlich entwickeln lassen, ihren Anlagen und Fähigkeiten vertrauen und dann einfach schauen, wer den ganzen Ausbildungsweg hartnackig absolviert und dementsprechend zu einem Hochleistungssportler werden kann.

Eine langfristige Aufgabe der Sportpsychologen, die systematisch mit Nachwuchs arbeiten, besteht darin, die Kinder psychisch nicht nur auf die professionelle Sportkarriere, sondern auf das Leben allgemein vorzubereiten (Drewitz& Sammer et al., 2009). Ganz konkret heißt das, die Kinder werden kontinuierlich dazu erzogen, zielstrebig, wiederstandfähig, problemresistent und diszipliniert zu sein. Solche Eigenschaften werden keinem in der heutigen schnellen und anforderungsreichen Gesellschaft schaden.

Die Kehrseite des gesunden Perfektionismus

Allerdings darf man es mit der Förderung von Perfektionismus bzw. der Siegermentalität auf keinen Fall übertreiben. Die Sportpsychologen müssen aufpassen, dass sich bei dem Kind keine perfektionistische Besorgnis (Übertriebene Fehlervermeidung und Angst vor der Bewertung) – die Kehrseite der Medaille vom gesunden Perfektionismus – entwickelt. Am Ende gilt: Weniger ist manchmal mehr.

 

Literaturverzeichnis

Abdullaeva, E. (2015). Psychologisches Anforderungsprofil des Torhüters im Fußball. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, unveröffentlichte Masterarbeit.

Becker, B., Schommer, C. (2013). Das Leben ist kein Spiel. München:F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH.

Deutscher Fußball-Bund (DFB), Drewitz, H.-D., Sammer, M., Sandrock, H., Engel, F. & Schott, U. (2009). Talente fordern und fördern! Konzepte und Strukturen vom Kinder- bis zum Spitzenfußball. Münster: Philippka.

Holt, N. L., & Mitchell, T. (2006). Talent development in English professional soccer. Inter-national Journal of Sport Psychology, 37, 77-98.

Milles, D., Harttgen U., Struck H. (2011). Bewältigungsressourcen und Leistungsentwicklung. Empirische Grundlagen zur komplexen Talent- und Gesundheitsförderung Be-wältigungsressourcen und Leistungsentwicklung, in: Leistungssport, 41 (3), S. 41 – 47 S. 41-47

Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch SportpsychologieBern: Hans Huber Verlag.

Views: 1262

Sebastian Reinold: Guter Zeitpunkt für mentales Training?

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, sportpsychologisches Training einzusetzen? Fest steht in jedem Fall, dass das mentale Training planerisch genauso behandelt werden sollte wie die Zyklen des physischen Trainings. Aber Vorsicht: Sportpsychologisches Training ist nicht immer gleich effizient und kann sogar die Leistungsfähigkeit kurzweilig negativ beeinträchtigen.

Zum Thema: Wann sollte sportpsychologisches Training durchgeführt werden?

Mein Kollege Phillippe Müller hatte in seinem Blog-Beitrag “Den Sommer sinnvoll nutzen” schon darüber geschrieben, dass für Biathleten der Sommer der günstige Zeitpunkt für sportpsychologisches Training sei. Für Biathleten ist es der Mangel an Schnee, der den Sommer zum günstigsten Zeitpunkt macht. In anderen Sportarten bestimmt die sonstige Saisonplanung maßgeblich den Zeitpunkt, um intensives sportpsychologisches Training anzusetzen.

Teambuildingmaßnahmen

Optimalerweise beginnt ein Wettkampfzyklus mit der Nachbesprechung des vorherigen Zyklus. Dem folgt die Ausarbeitung von Zielen für die Zukunft. Dieser Zeitpunkt variiert natürlich zwischen den Sportarten. Vor allem bei Teamsportarten, bei denen die Beteiligten inklusive des Trainer- und Betreuerstabs regelmäßig wechseln, sind Teambuildingmaßnahmen empfehlenswert. Diese finden optimalerweise dann statt, wenn wirklich alle dabei sind. Ansonsten müssen Gedanken darauf verwendet werden, wie die späten Neuen (siehe Blog-Beitrag von Philippe Müller: Die späten Neuen) noch integriert werden.

Teambuildingmaßnahmen finden aber auch in reinen Trainingsgemeinschaften statt. Denn ein positives Trainingsklima kann sich auch hier positiv auf die Leistungsentwicklung auswirken. Dies gilt also für leistungsorientierte Individual- genauso wie für Freizeitsportler.

Sport. Runner

Saisonvorbereitung

Mit Beginn der Saisonvorbereitung kann an individuellen sportpsychologischen Fertigkeiten gearbeitet werden, z.B. bei den ersten Schritten des Mentalen Trainings, bei denen die Bewegung gedanklich neu aufgebrochen wird.

Grundlegend kommt es In der Saisonvorbereitung auf die Vermittlungskompetenz des Sportpsychologen und die Lernbereitschaft des Athleten an. Die Zusammenarbeit kann deshalb auf Wunsch zeitlich sehr intensiv sein.

Saisonbeginn bis Saisonhöhepunkt

Der Saisonbeginn ist der Zeitpunkt, zu dem die neuen individuellen Fertigkeiten ausgetestet werden können. Hier zeigt sich, wie der Athlet diese unter realen Wettkampfbedingungen einsetzen kann. Sportpsychologe und Athlet treffen hier weniger häufig aufeinander, da hier vor allem der Athlet selbstständig an sich arbeiten soll.

Spitzenathleten sind in der Wettkampfphase, vor allem zum Saisonhöhepunkt hin, stark körperlich und psychisch belastet. Sie müssen hier ihre volle Konzentration auf den Sport legen, um Bestleistungen abrufen zu können. Ein sportpsychologisches Training an dieser Stelle zu starten, kann den Athleten aus seiner Konzentration heraushauen, da es selbst sehr anspruchsvoll sein kann. Vergleichbar störend wäre das sportpsychologische Training zu diesem Zeitpunkt mit privaten Ereignissen, wie einer Trennung vom Partner oder Krankheit eines nahen Angehörigen. Deswegen nutzt der sogenannte Feuerwehrmann (siehe Blog-Beitrag von Prof. Dr. Oliver Stoll: Brasiliens Feuerwehr) an dieser Stelle auch nichts.

Betreuer anstatt Lehrer

Wenn das Training planmäßig verläuft, sind die Athleten in der Lage, ihr physisches Potential mit Hilfe ihrer Psyche voll auszuschöpfen. Wichtig werden hier Konzentration und ein funktionales Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung. Bestenfalls besteht jetzt Klarheit über die eigenen Stärken und Ziele. Ein Hinterfragen dieser würde sich sehr negativ auswirken.

Der Sportpsychologe ist an dieser Stelle vor allem Betreuer anstatt Lehrer. Beobachtet werden vor allem die Feinanpassung der Psyche und die Stabilität des Belastungs-Erholungs-Gefüges.

Think long term!

Bei der Vorbereitung besonders talentierter Athleten auf die Olympischen Spiele, also einem Periodisierungszeitraum von mehreren Jahren, sollte frühzeitig, also nicht erst im Jahr der Spiele, an den Basisfertigkeiten wie Visualisierung, Entspannungsfähigkeit oder Zielsetzung gearbeitet werden, damit diese auf komplexere Themen z.B. die Emotionskontrolle besser vorbereitet sind. Den Athleten muss dazu klar gemacht werden, wozu diese Basisfähigkeiten später dienen sollen, so dass diese tollen Methoden nicht schon in einem frühen Stadium als Wischi-Waschi-Zeugs abgestempelt werden und somit nicht mehr mit voller Motivation erlernt werden. Viele Spitzenverbände setzen glücklicherweise schon auf Rahmenkonzepte in der sportpsychologischen Bildung.

 

 

 

Foto: Fotolia.com

Views: 143

Markus Gretz: Taktisches Visualisieren

In der Basketball-Bundesliga läuft die Rückrunde: Alle Mannschaften haben nun schon mindestens einmal gegeneinander gespielt. Die Spieler kennen sich und die Trainer haben nun jede Mannschaft gesehen. In der Tabelle hat sich eine Favoritengruppe herausgebildet. Für manche Teams geht es nun um den Abstieg, andere kämpfen um einen Playoffplatz. Wieder andere wollen sich möglichst hoch in der Tabelle platzieren, um in den Playoffs den Heimvorteil zu erhalten. Die Teams bereiten sich jetzt mehr denn je auf den nächsten Gegner vor. Allerdings schöpfen viele Mannschaften noch nicht alle Möglichkeiten aus.

Zum Thema: Wie mentales taktisches Training einen Vorteil generiert

In einer sehr taktischen Sportart wie es das Basketballspiel ist, können Spielzüge und Angriffssysteme ein Spiel entscheiden. Obwohl auch schon in der Vorrunde Videoscouting genutzt wird, um die gegnerischen Stärken und Taktiken zu analysieren, wissen die Trainer erst nach einem direkten Vergleich, welche taktischen Mittel ihr Gegenüber gegen die eigene Mannschaft bevorzugt einsetzt. In der Rückrunde wird also noch mehr darauf geachtet, die gegnerische Taktik zu durchkreuzen und die eigene Verteidigung auf die Stärken der Gegner einzustellen.

Im Videocoaching und im Spielvorbereitungstraining werden nun von den Trainern gegnerische Angriffe gezeigt und Lösungsmöglichkeiten mit den Spielern erarbeitet. Die Athleten verinnerlichen die Abläufe und ihre Aufgabe im Team. An dieser Stelle kann auch die Sportpsychologie einen sehr effektiven Beitrag leisten:

Taktische Visualisierungen haben enormes Potenzial

Mentales Training oder Visualisierung sind im Sport mittlerweile weit verbreitet. Viele Sportler nutzen Visualisierung, also das strukturierte Vorstellen von Bewegungen, besonders um eine neue Technik zu erlernen oder eine bekannte Technik zu verbessern. Deutlich seltener wird von taktischer Visualisierung berichtet. Doch gerade hier bietet die Methode enormes Potenzial. Studien zeigen, dass Visualisierungen bei kognitiven Aufgaben helfen und dies im Ergebnis zu Leistungssteigerungen führen kann. Arbeitet ein Sportpsychologe also mit Athleten und einem Trainerteam eng zusammen, können gerade diese taktischen Inhalte, die auf höchstem Level über Sieg oder Niederlage entscheiden, über Visualisierung mental trainiert werden.

Aber auch jeder einzelne Sportler hat die Möglichkeit, für sich die Taktiken mental zu trainieren. Nachfolgend habe ich eine vereinfachte Anleitung zum mentalen Taktiktraining erarbeitet:

  1. Die Handlungsschritte in Stichworte fassen.
  2. Die Stichworte lesen und einzelne Handlungsschritte bei geschlossenen Augen vorstellen. Evtl. Korrektur der Stichworte.
  3. Mehrmaliges Lesen des Ablaufplans bis er ohne Lesen wiedergegeben werden kann.
  4. Bei geschlossenen Augen wird der Ablaufplan visualisiert.
  5. Einzelne „Schlüsselszenen“ werden mit möglichst vielen Sinneseindrücken verknüpft.

Je lebhafter und anschaulicher, desto besser

Von diesem Ablaufplan können mehrere Versionen entstehen, wenn man die Reaktion auf alle möglichen Handlungen des Gegners üben will. Umso lebhafter und anschaulicher die Spieler visualisieren, desto einfacher wird es, die taktischen Maßnahmen im Spiel auch abzurufen. Wenn sogar die direkten Gegenspieler bekannt sind, kann man sich diese genau vorstellen und die eigene Handlung an ihre Bewegungsmuster anpassen. Ein Spieler erlangt somit den Vorteil, dass er das Spiel quasi schon vorher gesehen hat und früher als sein Gegner im Wettkampf reagieren kann.

Praxistipp: Gerade bei komplexen Spielszenen sollte die Vorstellung im mentalen Training häufiger variiert werden, um auf möglichst viele unterschiedliche Abläufe vorbereitet zu sein.

Views: 1283

Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?

Es ist die große Geschichte vor dem 50. Super Bowl am Sonntag, den 7. Februar, in Santa Clara, Kalifornien: Wird Thomas Davis von den Carolina Panthers trotz eines kürzlichen Armbruches im Spiel der Spiele (7.2. ab 23:15 Uhr live in SAT.1 und im Livestream auf ran.de) auflaufen?

Bildschirmfoto 2016-02-03 um 13.39.32

Thomas Davis im NFL-Interview nach dem Armbruch (per Klick auf das Foto zum Video), Bildquelle: NFL

Die beiden Sportpsychologen Dr. Hanspeter Gubelmann und Philippe Müller liefern sich auf der Grundlage des aktuellen Falles einen wissenschaftlichen Schlagabtausch. Während der erfahrene Gubelmann in seinem Beitrag “Pro Thomas Davis“ die Position vertritt, dass der Athlet bei einer entsprechenden sportmedizinischen Freigabe spielen soll, plädiert Müller aus ethischen Gründen gegen einen Einsatz des Linebackers der Panthers („Contra Thomas Davis„).

Grenzen und die Möglichkeiten der Sportpsychologie

In der Diskussion geht es um die Möglichkeiten und die Grenzen der Sportpsychologie. Gubelmann und Müller beleuchten hintergründig „die Fähigkeit, sich ungeachtet der Wettkampfbedingungen an seiner oberen Leistungsgrenze zu bewegen“ zu können (Loehr 2001, S.20) und das Potenzial der mentalen Stärke. Demgegenüber stellen sie die Frage, ob eine sportpsychologische Intervention in einem Verletzungsfall wie dem von Thomas Davis überhaupt Sinn macht? Wenn ja: was kann die Angewandte Sportpsychologie zum Gelingen beitragen? Wenn nein: worin gründen die Bedenken, die für den Abbruch eines solchen Unterfangens sprechen?

Wichtig dabei: es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

Unabhängig davon ob aus sportpsychologischer Sicht mehr Argumente dafür oder dagegen sprechen, wird zum Schluss der Coach über den Einsatz von Thomas Davis entscheiden müssen. Und dann werden wieder neue Gesichtspunkte zum Tragen kommen. Es sind nicht nur die individuellen Wünsche von Bedeutung. Er muss die beste Entscheidung für das gesamte Team treffen. Denn Davis spielt nicht nur auf dem Feld eine wichtige Rolle, sondern hat auch als Leitfigur neben dem Platz eine unterstützende Vorbildwirkung. Durch seinen unbändigen Einsatz- und Aufopferungswillen kann er eine Motivation für das ganze Team sein. Von einem Einsatz während des gesamten Spieles über einen Teileinsatz bis hin zur moralischen Unterstützung auf der Reservebank sind die Optionen, zwischen welchen sich der Trainer entscheiden muss.  

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

Wäre Dr. Hanspeter Gubelmann der Sportpsychologe von Thomas Davis, er würde ihm dazu raten, dieses Karriere-Highlight aktiv zu erleben. Welche Voraussetzungen er allerdings stellt und welche Methoden Anwendung finden können, erklärt er in seinem Blog-Beitrag:

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

 

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

Natürlich hat die Sportpsychologie die Mittel, einem Athleten wie Thomas Davis ins Trikot zu verhelfen. Aber ist das nötig und ist dies ethisch vertretbar? Philippe Müller betrachtet den möglichen Einsatz des Linebackers der Carolina Panthers aus einem kritischen Blickwinkel und sieht Gefahren. Zum Blog-Beitrag:

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

 

 

 

Fotoquelle: Fotolia

Views: 298

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

In meinem Studienjahr 1994 an der University of Utah führte mich meine Mentorin Prof. Evelyn Hall in die Praxis der nordamerikanischen Sportpsychologie ein. Einer ihrer Leitsätze, der mich heute noch begleitet, war: „What is at stake“? Was steht auf dem Spiel? – so lautet auch die Gretchenfrage, die Carolina-Spieler Thomas Davis für sich beantworten will. Super Bowl 50, das ist wahrscheinlich das grösste Einzelsportereignis weltweit! Dieses sorgt in den nordamerikanischen Medien für Rekord-Einschaltquoten und gilt gemeinhin als Ort, wo US-Legenden begründet werden. Aus Sicht des 32-jährigen Linebackers ist es DAS bisherige Karriere-Highlight, welches zudem in den „Indian Summer“ seiner sportlichen Karriere fällt – «once in a lifetime», wird er sich vielleicht sagen! Der erlittene Armbruch, die notwenige Operation sowie eine massive Behinderung durch verordnete Schonung und postoperative Schmerzen gefährden seine Finalteilnahme. Falsch! Aus Sicht eines Football-Spielers geht es hier nicht um irgendein Endspiel, sondern um die Realisierung seines sportlichen Traums! Gewinn der Super-Bowl 50! Auf diesen einzigartigen Moment hat er elf NFL-Saisons lang hingearbeitet!

Zum Thema: Warum Thomas Davis beim Super Bowl 50 mit dabei sein sollte

Wäre ich der Sportpsychologe von Davis, ich würde aktuell folgende Aufgabe an den Sportler richten: „Thomas, stell dir mal folgende Situation vor: Jahr 2020 – du bist zurückgetreten aus dem Spitzensport – retired eben – und schaust auf deine Karriere zurück. Was würdest du gerne berichten über jene Zeit, damals zum Karrierehöhepunkt am Super Bowl 50? Wieviel wird es dir dann bedeuten, sagen zu können: ich habe das bestmögliche versucht, um diese Phase erfolgreich zum bewältigen…?“ Genau diese Frage stellte ich damals Eiskunstläuferin Sarah Meier, als sie sich, geplagt von Verletzungen, Schmerzen und Zweifeln, entschied, die Heim-EM 2011 trotz grösster Widrigkeiten motiviert in Angriff zu nehmen. Wenige Wochen später trat sie als Europameisterin von der sportlichen Bühne ab. Entscheidend für diesen Erfolg war ihre innere Haltung. Im Zitat von Davis’ Trainer meine ich genau diesen «spirit», diese grundlegende Überzeugung des Spielers zu erkennen: „It’s reflected in his attitude and his willingness to everything he can to get on the practice field and prepare to play on Sunday Bowl. I know Thomas, and if he says he’s going to do it, I believe he will.“

Ist diese Grundlage gesichert, bieten sich mindestens fünf sportpsychologisch relevante Betätigungsfelder, in denen sich der Sportler – wenn möglich unter Anleitung von Trainer und/oder Sportpsychologe – spezifisch auf seinen Karrierehöhepunkt vorbereiten kann.

Ressource Erfahrung, Alter des Athleten

Wie bekannt wurde, hat Davis in seiner langen Karriere bereits dreimal eine schwerwiegende Kreuzbandverletzung überwunden und ist immer wieder erfolgreich ins Wettkampfgeschehen zurückgekehrt. Abfahrer Beat Feuz ist im Schweizer Skisrennsport ein weiteres Beispiel für jene Gruppe herausragender Sportler, welche derartige Rückschläge mit mentaler Stärke und Erfahrung parieren. Feuz’ ehemaliger Trainer Sepp Brunner meint den auch zu den besonderen Fähigkeiten seines Athleten: „Eben: den Kopf. Ich kenne niemanden, der mit dieser Verletzungsgeschichte so schnell wieder dort wäre, wo Beat jetzt ist. In diesen Punkten ist er der Beste der Welt.“

Mentales Training: Visualisieren und kognitives Funktionstraining

Fallen für den Verletzten Trainingseinheiten aus, können diese wiederum genutzt werden, um gezielt im mentalen Bereich zu arbeiten. Hier sind zwei Trainingsschwerpunkte speziell zu gewichten. Das Vorstellungstraining, die Vergegenwärtigung wichtiger Spielzüge und Handlungsabläufe, die im American Football sehr systematisch ablaufen. Gerade in der wichtigen Defensiv-Rolle des Linebackers sind Antizipation und Reaktionsschnelligkeit Schlüsselelemente. Davis’ wuchtige „Tackles“ und „Sacks“ müssen auch im Kopf sitzen und funktionieren!

Optimale psychophysische Regeneration/Ergänzungstraining

In der Vorbereitung auf ein Finale steigt die Anspannung kontinuierlich an, auch der mediale Druck und die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit steigen an und beeinflussen das Verhalten der Athleten. Wichtig – auch für den Kopf – ist die sorgfältige Dosierung der Belastung und Optimierung der technisch-taktischen Arbeit. Dem rekonvalszenten Athleten bietet sich hier die Gelegenheit der Leistungssteigerung über ein entsprechendes Regenerationstraining in Verbindung mit psychophysiologischem Entspannungstraining (Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation u.a.m)

Umgang mit Schmerzen

Ahtleten vom Kaliber Davis’ kennen körperlichen Schmerz und den Umgang damit. Es gehört wohl auch zum Selbstverständnis eines NFL-Defensivspielers, dass „ihr“ Spiel ein körperlich hartes Spiel sein muss. Trotzdem ist der Schmerz auch für diese „Brocken“ ein Warnsignal, dem nicht ausschliesslich mit medikamentösen Mitteln begegnet werden darf. Vermehrt Beachtung im Kontext des Sports sollten auch hypnotherapeutischen Verfahren finden (vgl. Peter, 2009) die mit Einsatz von Suggestion, Imagination und Aufmerksamkeitsablenkung auf Schmerzlinderung abzielen.

Role Model

Allein die Tatsache, dass Davis in all seinen mittlerweile elf NFL-Profi-Jahren für die Carolina Panthers gespielt hat, macht ihn zu einem Schlüsselspieler – seine Verletzung auch zu einem Thema der ganzen Mannschaft und seine positive Genesung zum Synomym mentaler Stärke des gesamten Teams.

„I was devastated for him at the time“, Carolina defensiv tackle Dwan Edwards said. „The guy has been through a lot and is the heart and soul of our team. He`s our emotional leader, our playmaker on the field.“

Denverpost.com

Bleibt abzuwarten, ob Linebacker Thomas Davis im Super Bowl 50 tatsächlich auflaufen und spielen wird. Aus Sicht der angewandten Sportpsychologie und mit Berücksichtigung der oben erwähnten Diskussionpunkte wäre es ihm zu gönnen! Der Spieler äusserst sich im Interview zu seinem erfolgreichen Comeback überzeugt: „Ain’t nothing going to stop me from playing the game!“ Teamkollege Kawann Short ergänzt dazu vielsagend: „Man muss ihm schon alle Trikots wegnehmen, damit er nicht aufläuft. Auch die, die bei ihm zu Hause hängen.“

 

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

 

 

Allgemeiner Hinweis: 

Auszug  aus dem Leitartikel „Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?„: es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

 

Quellen:

Peter, B. (2009). Mehr als blosses Wegsuggerieren. Methoden und Potenziale der Hypnose in der psychotherapeutischen Schmerzbehandlung. Psychoscope 4/30, S.4-9.

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/wintersport/da-ist-er-der-beste-der-welt/story/13754098

http://www.denverpost.com/broncos/ci_29462387/panthers-thomas-davis-play-broken-arm-broncos-know

http://www.spiegel.de/sport/sonst/thomas-davis-von-carolina-panthers-will-beim-super-bowl-mit-armbruch-spielen-a-1073770.html

 

Views: 127

Philippe Müller: Contra Thomas Davis

Ziemlich genau 14 Tage nach seinem Armbruch will Thomas Davis am 7. Februar im Finale der Nordamerikanischen Footballliga für seine Carolina Panthers auflaufen. Dass Davis trotz einer so schwerwiegenden Verletzung überhaupt über einen Einsatz nachdenkt, entlockt so manchem Leser sicher ein ungläubiges Kopfschütteln. Abgesehen von den medizinischen Möglichkeiten und Empfehlungen stellt sich die Frage, in wie weit die Sportpsychologie in einem solchen Fall „behilflich“ sein kann. Um diese Frage zu klären, werde ich den folgenden drei Grundsätzen nachgehen: dem Machbaren, dem Sinnvollen und dem Vertretbaren. Ethische Vorstellungen in der sportpsychologischen Arbeit sind in diesem Fall von grosser Bedeutung, denn es geht schlussendlich nicht nur um Techniken und Interventionen sondern um den Menschen als Ganzes. Auf die Vermittlung dieser Werte und Einstellung wird bereits im Studium viel Wert gelegt. In meiner Ausbildung zum Sportpsychologen waren ethische Fragestellungen ein fester Bestandteil.

Zum Thema: Warum Thomas Davis beim Super Bowl 50 zuschauen sollte

Machbar?

Dieser Punkt ist schnell abgehandelt. Die Sportpsychologie liefert zahlreiche Möglichkeiten für solche Situation (siehe “Pro Thomas Davis”). Ob die zur Verfügung stehende Zeit jedoch dazu reicht, darf angezweifelt werden. Ein systematischer Aufbau, es sei denn Davis hat eine breite Palette an sportpsychologischen Techniken im Repertoire, ist in zwei Wochen kaum möglich. Somit kann berechtigterweise daran gezweifelt werden, dass eine Intervention erfolgreich sein wird.

Ein prominentes Beispiel dafür, was Verletzungen nach sich ziehen können, liefert der Fall Thomas Morgenstern. Nach einem guten Start in die Saison 2013/14 stürzte er 2013 in Titisee-Neustadt und zog sich einen Fingerbruch sowie Prellungen und Ergüsse zu. Es wurde alles getan, damit er an der Vierschanzentournee starten konnte. Er wurde daraufhin in der Gesamtwertung Zweiter. Kurz darauf, im Training zur Skilug-Weltcup am Kulm, stürzte er erneut und zog sich kritische Verletzungen am Kopf und an der Lunge zu. Da die Olympischen Spiele einen Monat später stattfanden, wurde alles daran gesetzt, Morgenstern wieder fit zu bekommen. Doch an den Spielen konnte er weder auf der Normal- noch auf der Grossschanze überzeugen. Daraufhin erfolgte der Saisonabbruch und später der Rücktritt. Als Grund gab er unter anderem die psychische Belastung nach den beiden schweren Stürzen an.

Sinnvoll?

Die zweite Frage bietet bereits etwas mehr Zündstoff, bewegt man sich im Fall Davis doch im (dunkel)grauen Bereich. Über die Sinnhaftigkeit lässt sich bekanntlich immer streiten. Eine Möglichkeit zur Argumentation bietet die Anbindung an die medizinischen Befunde und die daraus resultierenden Massnahmen und Empfehlungen. Nach Auffassung von Dr. Aloiya Earl von der Ohio State University’s Wexner Medical Center ist die Verletzung erheblich und sie ist skeptisch, ob für ihn ein Bestreiten des Super Bowl 50 möglich ist. Obwohl es medizinische Möglichkeiten gibt, Brüche vorübergehend zu fixieren, ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Verletzung erheblich. Sollte es möglich sein, die Knochen zu stabilisieren, sieht Earl die grösste Herausforderung darin, mit dem Schmerz und der Unbeweglichkeit umzugehen. Während seiner langen Karriere hat Davis bereits einige Rückschläge miterlebt. Er hat sich nach allen drei Kreuzband-Verletzungen erfolgreich zurückgekämpft. Unbestritten spricht dies für seine Kämpfernatur. Die Ausgangslage in diesem Fall liegt aber ganz anders und ist auch für Davis neu. Nach den Kreuzbandrissen konnte er jeweils einen physischen Aufbau machen und trat genesen zu den weiteren Spielen an. Dieses Mal will er verletzt auflaufen.

Sind also die physischen Voraussetzungen für ein Bestreiten eines Wettkampfes nicht gegeben, sollte man auch die Sinnhaftigkeit aus psychologischer Sicht überdenken. In welche Richtung sollte also eine sportpsychologische Betreuung gehen? Sollten, z.B durch gezielte Aufmerksamkeitslenkung, die Schmerzen und somit auch die Warnsignale abgeschwächt werden?

Vertretbar?

Ein zentraler Punkt (sport-)psychologischer Arbeit ist der würdevolle Umgang mit Athletinnen und Athleten. Wie auch bei den Medizinern gibt es in der Psychologie ethische Richtlinien. Der Fachverband für Psychologie (FSP) sieht solche Richtlinien für ihre Mitglieder vor.

Gemäss Punkt 3 der Berufsordnung sind sich die Mitglieder (in diesem Fall der/die Sportpsychologe/in) „ihrer professionellen Verantwortung gegenüber ihren Klientinnen und Klienten […] bewusst. Sie vermeiden es, Schaden zuzufügen, und sind für ihr Handeln verantwortlich.“.

Auch wenn Davis unumstritten alles unternehmen wird und sich allen Gefahren bewusst ist, kann schlussendlich ein möglicher Schaden nicht ausgeschlossen und die Verantwortung für die Interventionen nicht abgelegt werden. Dadurch wäre eine Reduktion der natürlichen Hemmschwelle schwer zu vertreten.

Eine weitere Frage in der Diskussion der Vertretbarkeit ist, wie weit die Sportpsychologie gehen darf. Während es einen Katalog für verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung gibt, sind psychologische Interventionen nicht geregelt. Dennoch sollte man moralische Grenzen ziehen. Gerade Techniken zur Reduktion oder Aufhebung von Grenzen oder Schutzfunktionen (z.B. Angst- oder Schmerzgrenzen) können als „Psychodoping“ bezeichnet werden. Ein gesteigertes Risikoverhalten und eine bewusste Inkaufnahme von erheblichen Schäden, auch an anderen Personen, sind deren Folgen.

Bleibt abzuwarten, ob Linebacker Thomas Davis im Super Bowl 50 tatsächlich auflaufen und spielen wird. Aus Sicht der Ethik sowie der Gesundheit und mit Berücksichtigung der oben erwähnten Diskussionpunkte wäre es ihm abzuraten! Hoffen wir, dass ihn die Ärzte gut beraten und schlussendlich die Vernunft über den Ehrgeiz siegt.

 

Dr. Hanspeter Gubelmann: Pro Thomas Davis

 

Allgemeiner Hinweis: 

Auszug  aus dem Leitartikel „Pro und Contra: Super Bowl trotz Armbruch – Darf die Sportpsychologie Athleten wie Thomas Davis helfen?„: Es nicht die Aufgabe der Angewandten Sportpsychologie darüber zu richten, welche Entscheidung der Athlet zu fällen hat. Stattdessen will sie als Dienstleister dem mündigen Athleten und seinem Trainer ein breites Argumentarium für eine selbständige und selbstverantwortliche Lösungsfindung anbieten. Die pointierten Stellungnahmen der beiden Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann (“Pro Thomas Davis“) und Philippe Müller (“Contra Thomas Davis“) zielen deshalb nicht darauf ab zu klären, welche der beiden Positionen richtig oder falsch ist. Vielmehr soll aus dem Kontrast der Argumentationen die Idee einer nach den spezifischen Umständen gewichteten «passenden Lösung» sichtbar werden!

 

Literatur:

http://www.spiegel.de/sport/wintersport/thomas-morgenstern-ehemaliger-skispringer-spricht-ueber-angst-a-1069551.html

http://www.sbnation.com/nfl/2016/1/25/10826270/thomas-davis-broken-arm-play-super-bowl-50-panthers-broncos

http://www.psychologie.ch/politik-recht/berufsethik/berufsordnung-der-fsp/

Morgenstern, T. (2015). Über meinen Schatten. Eine Reise zu mir selbst. Ecowin Verlag.

Views: 145

Prof. Dr. Oliver Stoll: Motiviert Crowdfunding?

Crowdfunding liegt im Trend. Mittlerweile gibt es sogar eigene Plattformen für Sportprojekte wie das Stuttgarter Start-Up Fairplaid. Vereine, Teams und Einzelsportler suchen im Netz nach Unterstützern, die dabei helfen, ganz individuelle Träume wahr werden zu lassen. Diese Analyse zeigt, dass der Crowdfunding-Mechanismus auch eine sportpsychologische Wirkung entfalten kann.

Zum Thema: Die Macht der sozialen Unterstützung

Dass soziale Unterstützung stresspuffernd wirkt, ist kein Geheimnis (siehe hierzu auch die Arbeiten von Prof. Ralf Schwarzer in den 1990er Jahren). Diese Arbeiten betreffen jedoch lediglich die direkt wahrgenommene oder erfahrene soziale Unterstützung durch Eltern, Geschwister, aber auch Trainer oder Mannschaftskameraden. Damals gab es zwar schon das Internet, auch wenn es da noch in den Kinderschuhen steckte, aber es gab noch kein Konzept, um über die digitale Welt effektiv Geld für diverse – ja, meist sinnvolle – Zwecke zu sammeln. Crowdfunding heißt hier das „Zauberwort“. Die Idee, ebenso einfach wie genial. Ein Mensch, eine Gruppe, eine Mannschaft oder ein Unternehmen hat eine „gute Idee“. Um diese Idee umzusetzen, braucht es finanzielle Unterstützung. Lange und aufwendige Anträge, z.B. an Banken zu schreiben, um einen Kredit zu bekommen, ist zeitaufwendig und organisatorisch sehr fordernd. Also bemüht man z.B. die sozialen Medien, um auf dieses Projekt aufmerksam zu machen. So geschehen, wie z.B. aktuell die U19-Damen-Nationalmannschaft der jungen Randsportart Floorball, die für eine WM-Teilnahme im Mai 2016 nach Kanada reisen muss. Der Verband – Floorball Deutschland – ist zwar Mitglied im DOSB und könnte rein theoretisch auf Antragsbasis hier fördern, allerdings erfolgte der Beitritt erst Ende 2014. Dummerweise erfolgen die Haushaltsplanungen des DOSB immer im olympischen Vier-Jahres-Rhythmus, d.h. Floorball Deutschland geht auch dieses Jahr (noch) leer aus.

Was also tun? Simon Brechbühler, der Trainer und „Macher“ der Damen-Auswahlbereichs in den vergangenen Jahren, hatte die Idee, ein Crowdfunding-Projekt ins Leben zu rufen, dass gerade läuft. Für einen Betrag „X“ bekommt man so etwas wie ein „symbolisches Geschenk“ des Teams – Armbänder, Autogrammkarten, Persönliche Videobotschaften für den „kleinen Geldbeutel“ oder aber man kauft seinen Namenszug auf das Trikot der Mannschaft, oder kauft sich das Team für ein Freundschaftsspiel oder man kauft sich direkt ins Team ein und ist während der WM Assistent und steht direkt bei den Mädels und dem Trainer an der Bande. Sei es wie es sei – informieren Sie sich einfach, vielleicht überzeugt sie das Vorhaben der jungen Damen. (Direkt zur Crowfundingkampagne)

Bildschirmfoto 2016-02-01 um 11.03.02

Sportpsychologische Konsequenzen

Was aber sind die psychologischen Konsequenzen eines solchen Projekts? Auch wenn es hierzu, meines Wissens, noch keine systematische Forschung gibt, so erscheint für mich einiges plausibel:

Wenn direkte, wahrgenommene oder erfahrene, soziale Unterstützung stresspuffernd wirkt, dann sollte dies mit einem solchen Projekt auch ein Ergebnis sein. Die Mädels wissen, dass sich, um sie herum, ein soziales Netzwerk entwickelt, dass sich um die finanzielle Absicherung des Projekts kümmert. Damit haben sie den Kopf frei für Training und unmittelbare Wettkampfvorbereitung. Dies erzeugt eine Bewertung der zunehmenden „subjektiven Kontrollierbarkeit“ in diesem Vorhaben.

Die Mädels nehmen wahr, dass sich Menschen für sie und ihr Projekt interessieren. Dies wiederum hat zur Folge, dass ihr Selbstvertrauen und ihre sportspezifische Selbstwirksamkeit steigt. Es ist kein Geheimnis, dass genau dieser Effekt leistungssteigernd wirken kann.

Das Team präsentiert sich und ihr Ziel in der Öffentlichkeit. Damit gehen die Mädels eine „nach außen gerichtete Verpflichtung ein“. In der Geschäftswelt sind Verträge die Grundlage für jeden „Austausch“ von Werten. Nichts Anderes ist diese Verpflichtung des Crowdfunding Projekts. Diese Spielerinnen wird vor Ort alles geben, um ihr persönliches und ihr Team-Ziel zu erreichen, um es dann auch gerne wieder in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es ist ja bereits in die Öffentlichkeit hineingetragen worden – und keiner blamiert sich gern.

Der Mannschaftszusammenhalt wird steigen. Dieses Projekt schweißt die Truppe zusammen, denn jeder weiß um das gemeinsame Ziel, dass es zu erreichen gilt.

Die Floorball-Juniorinnen brauchen bis Ende Februar noch Unterstützung, um ihren Wunsch, nach Kanada fliegen zu dürfen, umzusetzen. Ganz nebenbei liefern die Amateurspielerinnen, die den Großteil der Kosten aus eigener Tasche zahlen, ein schönes Beispiel, dass Crowfunding-Initiativen auch auf sportpsychologischer Ebene wertvoll sein können.

 

 

Hinweis: Prof. Dr. Oliver Stoll war zwischen 2009 und 2014 Präsident von Floorball Deutschland und führte den jungen Verband in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Views: 61

Benjamin Göller: Gründe des Handballwunders

Am Sonntagnachmittag (ab 17.15 Uhr, live in der ARD) steht die deutsche Nationalmannschaft im Finale der Handball-Europameisterschaft. Dass das jüngste Team des Turniers den Sprung ins Endspiel gegen Spanien geschafft hat, wird – unabhängig vom Ausgang der Partie – als eine der ganz großen Sensationen des Sportjahres in Erinnerung bleiben. Aber wie war das möglich? Trotz der vielen Verletzungen, der Ausfälle einiger Stammkräfte noch während des Turniers und des eigentlich erst in den Anfängen begriffenen Umbaus der Herren-Nationalteams? Die Antwort liefern junge unbekümmerte “Bad Boys”, wie sie sich selbst bezeichnen, und ein äußerst besonnener Trainer…

Zum Thema: Außenseiter im Vorteil – wie junge Teams über sich hinaus wachsen können

Junge Spieler brauchen Vertrauen, um ihr Potenzial auszuschöpfen und ihr Leistungsoptimum zu erreichen. Dieses Vertrauen bringt Trainer Dagur Sigurdsson seinen nominierten Spielern entgegen, indem er jeden spielen lässt. Das ist ein Erfolgsrezept, weil jeder junge Spieler auch spielen will – niemand will einfach nur dabei gewesen sein. Außerdem möchten junge Spieler ihre Rolle und ihre Aufgabe im Team kennen, dadurch sind sie sich ihrer Bedeutung im Team bewusst und bereit, sich für einander einzusetzen. Durch die vielen Ausfälle weiß jeder Spieler, dass er wertvoll für die Mannschaft und das Team ist, so dass das Selbstwertgefühl der Spieler wächst. Durch die wenigen „Stars” im Team setzt sich jeder Spieler voll für den anderen ein, an soziales Faulenzen ist nicht zu denken. Und noch etwas ist vorteilhaft für den Kopf der Spieler: Keiner schaut zum anderen auf, wie es vielleicht bei Starspielern sonst mal der Fall sein würde… Junge Spieler unterschätzen sich oft und mindern ihre eigenen Fähigkeiten, wenn Spieler mit großem Namen neben ihnen auf dem Spielfeld stehen. Oft wird unterbewusst Verantwortung abgegeben. In der jetzigen Konstellation der Nationalmannschaft ist es jedoch kaum möglich.

Die Spieler sehen eine Chance, eine Herausforderung in den Spielen, so dass sie Lust auf mehr bekommen. Angst und Zweifel brauchen sie nicht mehr zu haben, da sie bereits mit dem Einzug ins Viertelfinale erreicht haben, was keiner von ihnen erwartet hatte. Der Druck von außen ist gering. Die Spieler werden bereits jetzt gefeiert und ermutigt, weiter alles zu geben. Dadurch kann die Willenskraft weiter gesteigert werden und die Spieler reißen sich gegenseitig mit, weil sie noch mehr zusammen erreichen wollen.

Erfolge machen sie noch stärker

Die Erfolge machen sie noch stärker, da sie zusammen wachsen und das gemeinsame Ziel, den Titel zu holen, forcieren können. Jeder der Spieler weiß sich im Team einzubringen und genau das ist die Stärke: das Team.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Wie werden sich die Spieler nun psychisch auf das abermalige Duell gegen die Spanier vorbereiten? Die Begegnung gegen die favorisierten Iberer ging in der Gruppenphase knapp verloren. Der Vorteil ist aber, dass die Spanier bereits als Favorit in das Turnier starteten. Das deutsche Team kann befreit aufspielen und das spannende dabei – sie kennen den Gegner bereits und können das erste Duell genau analysieren. Trainer und Spieler können sich demnach vorbereiten und den individuell womöglich überlegenen Gegner mit taktischen Mitteln überraschen. Taktische Umstellung hat Trainer Sigurdsson bereits im Spiel gegen Schweden genutzt und die Mannschaft hat es bestens umgesetzt. Durch die Vorbereitung auf die Finalpartie können die Spieler erneut Sicherheit gewinnen und sich ihr so genanntes Drehbuch schreiben.

Ein Drehbuch ist hilfreich

Für den Kopf ist ein Drehbuch sehr hilfreich. Zudem würde ich als Sportpsychologe das Team an die erzielten Erfolge und die Entwicklung der Mannschaft im Turnierverlauf erinnern, dadurch steigert sich erneut das Selbstvertrauen der Spieler. Besonders Bilder, Videos und die richtige Musik helfen Sportlern, ihre Emotionen und ihre Leistungsbereitschaft zu verstärken. Ein weiterer wichtiger Punkt im Umgang mit dem Druck des Finalspiels ist die Betrachtung der Situation als Herausforderung (siehe auch: Christian Reinhardt: Versagen unter Druck; Benjamin Göller: Ales oder nichts; Elvina Abullaeva: Die Vorbereitung auf ein Finale). Sportler gewinnen Lockerheit durch ihre eigene Freude und Bereitschaft etwas für ihre Leidenschaft zu tun.

Es steht fest, dass sich solch eine Partie auch im Kopf entscheidet. Hier ist es wichtig, sich auf die eigenen Fähigkeiten verlassen zu können und sich auf diese zu konzentrieren. Eine besondere Qualität bringt zweifelsfrei der isländische Coach des deutschen Teams mit: Wie Sigurdsson im Turnierverlauf Auszeiten in Bezug auf das Timing und auch inhaltlich genutzt hat, war sensationell. Der Weltklassetrainer beschränkt seine Ansprachen dabei auf sieben Informationen, die er in aller Ruhe und Besonnenheit –  egal wie es auf der Anzeigentafel und um das tapfere Team steht – platziert.

Ein Blick in die deutsche Handballgeschichte

Die Geschichte des Außenseiters erinnert an die Weltmeisterschaft 1978, bei der „Außenseiter“ „Jimmy“ Waltke, in der 39. Spielminute im Finalspiel eingewechselt wird und zugleich einen Treffer zur Zwei-Tore-Führung der Deutschen Mannschaft gegen die UdSSR erzielt. Jimmy Waltke, damals erst 24 Jahre alt, hat bis zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Spiel in dem Turnier für die Nationalmannschaft bestritten.

Doch der damalige Trainer Vlado Stenzel hat Jimmy vor dem Spiel bestens auf die Situation vorbereitet und zwei entscheidende Dinge getan: Zum einen hat er Jimmy Vertrauen geschenkt, indem er ihm bereits zwei Tage zuvor einen Stammplatz für die kommende Spielzeit zusicherte und ihn dann aber bereits im Endspiel einsetzte. Und noch wichtiger: Stenzel hat den Druck aus der Situation für Jimmy Waltke genommen, da dieser das Spiel nicht als seine „Lebenschance“ gesehen hat. Im aktuellen deutschen Kader finden sich auf den ersten Blick viele dieser Waltkes…

 

Quellen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/der-zweite-gegner-wenn-der-kopf-beim-sport-im-wege-steht.966.de.html?dram:article_id=325418

http://www.spiegel.de/sport/sonst/handball-em-2016-dagur-sigurdsson-schweigend-von-sieg-zu-sieg-a-1074580.html

 

Views: 434

Cristina Baldasarre: Ohne Krise kein Erfolg?

Die ZSC Lions kennen seit Jahren keine richtigen Krisen, so munkeln es jedenfalls die Medien. In der NZZ Ausgabe vom Montag, den 25. Januar 2016 (zum Artikel), wirft der Autor Ulrich Pickel die Frage auf, ob sich Krisen simulieren lassen? Gegenfrage: Braucht es überhaupt Krisen, um erfolgreich sein zu können?

Zum Thema: Warum auch im Erfolg Krisen zu finden sind und wie sich erfolgreiche Teams formen lassen.

Die Auseinandersetzung mit der Erfolgsformel von überlegenen Teams wie zum Beispiel die ZCS Lions ist nicht nur für Journalisten schwierig. Denn letztlich sind die bestimmenden Faktoren jeweils multikausal, wie man psychologisch so schön sagt. Das heisst nichts anderes als dass viele verschiedene Faktoren zusammenwirken. Woraus wir an dieser Stelle schlussfolgern, dass wohl auch viele dieser Faktoren gut beeinflussbar sind – andere wie z.B. Trainingsstätten oder Verletzungen eher weniger. Es gilt als Trainerstaff folglich diejenigen beeinflussbaren und Erfolg bringenden Faktoren der Mannschaft zu erkennen und diese gezielt zu fördern. Insofern spricht alles dafür, dass dies mindestens ein mittelfristiges Unterfangen darstellt, eine Erfolgsformel zu entwickeln und weiterfortzuführen.

Als Coach investiere ich in die Spieler

Marc Crawford, seines Zeichen erfolgreicher kanadischer Spieler und Trainer, steht bei den ZSC Lions seit 2012 an der Bande. In unserer schnelllebigen Trainer-Austausch Realität eine doch sehr beachtliche Leistung und ganz klar ein Teil des Erfolges. Zu Beginn seiner Trainertätigkeit bei den Lions sagte Crawford in einem Interview: „…Charakterstärke hat viel zu tun mit Konstanz, guten Gewohnheiten, Professionalismus. Als ich mir die Zürcher Playoff-Spiele auf Video anschaute, erkannte ich etwa sofort, wie charakterstark, wie smart unser Captain Mathias Seger ist. Er spürt das Spiel, die Situationen. Das sind Spieler, die mir Freude machen. Nicht jeder ist wie er. Aber bei jedem findet man etwas Gutes…..Man darf nicht nur die Fehler ansprechen, sondern muss auch das Positive herausstreichen. Man muss in die Spieler investieren.“

Krisen oder Selbstvertrauen?

Die aufgeworfene Frage, ob Krisen für einen Erfolg zwingend sind, lässt sich auf dem Hintergrund der Multikausalität nicht so einfach beantworten. Gewissheit gibt uns die sportpsychologische Literatur hingegen zu grundlegenden Faktoren, die Motivation, Selbstvertrauen und schliesslich Erfolg hervorbringen.

Besonders die Fähigkeiten eines Sportlers, an sich selbst und die eigenen Stärken zu glauben sowie in schwierigen Situationen konstruktiv und positiv zu bleiben, tragen massgeblich zum Erfolg bei. So spricht der deutsche Feldhockey-Erfolgstrainer Joachim Mahn über seine Hamburger Mannschaft ganz einfach: „Die Jungs glauben an sich, ich glaube an sie – und dann geht die Post ab.“

Denn: Selbstvertrauen kann über die Zeit heranwachsen, …

  • wenn einerseits ein Trainer wie Crawford den ZSC Lions dieses Gefühl in allen Facetten vermitteln kann
  • wenn die Mannschaft über solche Identifikationsfiguren wie den Captain der Lions, Mathias Seger, verfügen
  • wenn die Waage zwischen eigener Autonomie und Führung ausbalanciert ist
  • wenn die Selbstverantwortung und damit auch die innere Motivation gefördert werden
  • wenn ich gelernt habe, auch schwierige Situationen meistern zu können
  • wenn ich meine gesteckten Ziele realistisch einschätzen kann
  • wenn ich mich und andere motivieren kann
  • wenn ich gelernt habe mich selber zu regulieren und zu kontrollieren
  • wenn….die Liste ist schier unendlich!

Wer rastet der rostet

Die Kunst besteht darin, alle Situationen so zu nehmen wie sie sind und immer daraus zu lernen, hungrig zu sein, besser werden zu wollen, Neues auszuprobieren und Mut zu beweisen. Dabei spielt es keine zentrale Rolle, ob gerade eine Erfolgswelle oder ein Leistungstief herrscht. Denn die Definition von Was ist eine Krise ist doch sehr individuell und abhängig von den eigenen Erwartungen und vom eigenen Perfektionismus. Somit lassen sich auch bei gewonnen Spielen und erfolgreichen Phasen durchaus Krisen finden. Oder sollten wir sie eher Herausforderungen, nächste Ziele oder lessons learned nennen? Wer sich auf der Welle des Erfolges ausruht, der wird bald überholt werden. Wer aber mit einem wachen Blick für stetige Verbesserungen und Leistungssteigerungen unterwegs ist, wird an kleinen Fehlern wachsen und nicht einrosten. Womit auch die anfangs gestellte Frage voller Selbstvertrauen verneint werden kann. Denn: Aus Erfolgen lernen macht es möglich, auch ohne Krisen an die Spitze zu kommen und dort zu bleiben.

 

Literatur

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/hockey/Es-wird-kein-Kulturschock-mehr-sein/story/10597446

http://www.nzz.ch/sport/eishockey/ein-koenigreich-fuer-eine-krise-1.18682939

Negri, Christoph: Selbstwert – von allen Seiten betrachtet, in: Punktum, SBAP Schweizerischer Berufsverband für angewandte Psychologie, Heft 3/2006, S. 14-16.

 

 

Avatar_BaldasarreMehr zur Autorin?

Mit einem Klick geht es zum Profil von Cristina Baldasarre auf die-sportpsychologen.ch

„Solution talk creates solutions – problem talk creates problems.“ (Steve de Shazer)

Views: 563