Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Insider beobachten im Trailrunning eine Tendenz. Undzwar eine äußert gefährliche: Denn mit der steigenden Nachfrage an die Produkte dieser boomenden Individualsport-Industrie, ändern sich die Angebote. Herausfordernd erscheint im Einzelfall nicht gefährlich genug zu sein, so dass sich im Ergebnis der Charakter vieler Wettkämpfe weiterentwickelt. Die Aktiven scheinen aber bewusst mit dem gestiegenen Risiko spielen zu wollen…

Zum Thema: Muss sich Trailrunning ändern? Überlegungen eines Trailrunners, der auch Sportpsychologe ist

Auslöser für diesen Blog-Beitrag war mein letztes Rennen, dem Zugspitz-Ultratrail, bei dem ich nicht „Ultra“ unterwegs war, sondern auf den sehr übersichtlichem Basetrail mit 25 km und ca. 1600 Höhenmetern und nicht zuletzt der folgende Blogbeitrag von Carsten Reichel der Blog-Plattform „Rockntrail“.

DNF – oder warum sich das Trailrunning ändert

Hintergrund des hier zitierten Blog-Beitrags ist eine kritische Auseinandersetzung von Carsten Reichel mit der aktuellen Entwicklung im Trailrunning. Die Strecken werden immer länger und technisch schwieriger und somit extremer. Immer mehr Anbieter für organisierte Trail-Läufe  gehen an den Markt und die Sportgeräte-Ausstatter der Trailrunner glänzen mit atemberaubenden Werbekampagnen, vor allen Dingen mit tollen Landschaftsaufnahmen, die suggerieren, wie toll und einfach Trailrunning ist. Hinzu kommt – zumindest auf dem deutschen Markt – dass sich jeder, der sich berufen fühlt, sich für jedes Rennen anmelden kann, unabhängig davon, ob er oder sie in der Lage ist, eine solche Herausforderung zu bestehen. Die Veranstalter überlassen dies ausschließlich dem Athleten und sichern sich selbst ganz einfach mit einem Haftungsausschluss ab, den jeder Athlet unterschreiben muss, bevor er oder sie an den Start geht. Böse, wer denkt, dass hier lediglich Kommerzialisierungsinteresse stecken könnte.

Trailrunning und der Abstand zur Straße

Trailrunning unterscheidet sich in der Tat massiv vom (aus meiner Sicht technisch wenig anspruchsvollen) Laufen auf der Straße. Wer sich einmal ein Bild vom sogenannten Downhill-Running machen möchte, der schaut sich folgendes, ca. 90 Sekunden langes Video an. Dabei sind diese Downhill-Trails nicht einmal besonders spektakulär:

Und dies führt uns zu meinem letzten, schon oben genannten Rennen, dem Basetrail von Garmisch-Partenkirchen nach Grainau, mit insbesondere einem wirklich herausfordernden Downhill-Trail, den nicht nur wir Basetrailer, sondern z.B. die Ultratrailer laufen mussten, und die hatten bis dahin schon gut 93 Kilometer in den Beinen. Die meisten Läufer dieses Wettkampf-Formates erreichten diese Stelle in der Dunkelheit, jenseits der 22:30 Uhr, im Nebel, bei Kälte und bei strömenden Regen. Es erstaunt also auch nicht, dass es bei den Ultratrailern dieses Jahr eine 45% DNF-Quote (did not finish) gab. Ich kam so gegen 15:30 Uhr an diesem Teilabschnitt vorbei, an diesem Tag, auch schon ziemlich platt und es kam, wie es kommen musste, ich stürzte in einem Moment, an dem ich nicht ausreichend konzentriert war und fiel so unglücklich, dass ich mir den rechten Zeigefinger auskugelte. Gott sei Dank gelang es mir in Zusammenarbeit mit einem weiteren Läufer, den Finger schnell wieder ins Gelenk schnappen zu lassen. Im weiteren Downhill kam ich dann wenig später an einem Läufer vorbei, der dort schon medizinisch versorgt wurde. Das sah nicht gut aus, was ich da in der Kürze so sehen konnte und ca. 20 Minuten später kreiste über uns der Hubschrauber, der verletzte Läufer aus dem Berg brachte.

Bedürfnis nach intensiven Erfahrungen

Ich kam nach gut 5 Stunden ins Ziel. Aber schon dort und bis zum heutigen Tag beschäftigt mich dieser Lauf. Ich bin kein super-erfahrener Trailrunner, aber auch kein Anfänger mehr. Ich weiß auch, dass ich nicht super-talentiert bin, aber ich bin diesbezüglich auch kein Grobmotoriker (Zur Einordung – ich kann 100 km am Stück in 13 Stunden laufen, aber nicht im Gebirge und die 4-Trails letztes Jahr habe ich im hinteren Mittelfeld gefinished). Ich bilde mir ja immer ein, dass ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Dennoch, wenn ich meine sportliche Karriere Revue passieren lasse, dann sind da noch die Erinnerungen an überdehnte und gerissene Außenbänder an beiden Knöcheln, aufgeschlitzte Haut am Knie, an den Händen, die geklammert oder genäht werden musste, ein Bruch des Schlüsselbeins bis hin zum kürzlich ausgekugelten Finger. Die Frage stellt sich also, warum tut sich das ein Sportler immer wieder an? Ein Gedanke, der nahe liegen könnte wäre, dass es an bestimmten Persönlichkeitsausprägungen liegen könnte. Es liegen nicht wirklich viele Studien zum Zusammenhang von Sport und Persönlichkeit vor, und die wenigen, die ich kenne bieten für das o.g. Phänomen auch keine Erklärung – es sei denn man zieht ein psychologisches Konstrukt hinzu, dass ebenso, wie Persönlichkeit – etwas „Überdauerndes“ ist, das uns ausmacht. Dieses Konstrukt heißt in der Psychologie „Sensation-Seeking“. Das psychologische Konstrukt Sensation Seeking kann als Verhaltenstendenz verstanden werden. Laut Zuckerman (1978, 1994, 2006) ist diese gekennzeichnet durch das Bedürfnis, vielfältige, komplexe und neue Erfahrungen zu machen, die zudem durch eine gewisse Intensität gekennzeichnet sind. Es ist davon auszugehen, dass z.B. ein Trailrunner eine Bereitschaft aufweist zu Gunsten dieser Erfahrungen Risiken einzugehen, welche physischer, sozialer, finanzieller bis hin zu sehr grenzwertigen Handlungsbereitschaften sein können. Personen mit der hoch ausgeprägten Persönlichkeitseigenschaft des Sensation-Seeking zeichnen sich folglich durch das Aufsuchen risikoreicher Situationen aus, bei denen sie im Vergleich zu anderen wenig ängstlich, dafür aber positiv emotional agieren und reagieren. Es liegen nur wenige empirische Studien zu dieser Fragestellung im Trailrunning vor. Eine kleine, erste Pilotstudie finden Sie hier:

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

Bis vor kurzem gehörte das ausdauernde Laufen in der wissenschaftlichen Literatur eher zu den risikoarmen Sportarten (low-risk-sports, siehe hier z.B. Hagenah, 2001). Trailrunning sollte meines Erachtens anders eingeordnet werden, auch wenn sich dies nicht mit Wingsuite-Fliegen oder Bungee-Jumping vergleichen lässt. Tatsache aber ist, dass wir bei den Trail-Läuferinnen und -läufern eine hohe Sensation-Seeking Ausprägung finden können (siehe hierzu auch unsere o.g. Studie), der zugegebenermaßen eine relativ kleine Stichprobe zugrunde liegt. Definitiv brauchen wir hier noch weitere Studien mit größeren Stichproben. Was für mich aber bleibt ist die Tatsache, dass wir es hier unter Umständen mit einer ganz spezifischen Persönlichkeitsausprägung oder eben Verhaltenstendenz zu tun haben, die diese Sportlerinnen und Sportler immer wieder dazu treibt, diese „Risiken“ einzugehen. Und wir wissen eben auch, dass sich Persönlichkeit weder durch operantes Konditionieren (also Lob oder Strafe), noch über „Lernen durch Einsicht“ schnell und/oder nachhaltig beeinflussen lässt. Diese Tatsache zu Ende gedacht – lässt eine sogenannte „freie Entscheidung“ darüber, ob man jeden, der möchte, um jeden Preis zu einem solchen Wettkampf antreten lässt oder eben nicht, mich zu der Empfehlung hinreißen, dies zumindest kritisch weiter zu diskutieren.

Ob hier vorzuweisende Qualifikationswettkämpfe oder eventuell wie in Frankreich (dies jedoch aus anderen Gründen) Expertengutachten die Lösung sind, sei dahingestellt. Technisch anspruchsvolles Trailrunning und Ultratrailrunning für jeden, um jeden Preis ist und bleibt ein „Tanz auf dem Vulkan“ mit sicherlich großen Risiken für einzelne Sportkameraden, zumindest aus meiner Sicht. Lassen Sie uns diskutieren, per Facebook oder über die direkten Kontaktdaten auf meiner Profilseite!

 

http://www.die-sportpsychologen.de/2014/07/23/sebastian-reinold-der-reiz-der-gefahr/

Literatur

Hagenah, J. (2001). Zum Zusammenhang zwischen Sensation Seeking, Sportmotiven und sportlichen Freizeitaktivitäten. In R. Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen; proceedings (S. 182–184). Köln: bps-Verlag.

Zuckerman, M., Eysenck, S. & Eysenck, H.J. (1978). Sensation seeking in England and America: Cross-cultural, age, and sex comparisons. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 46, 139–149.

Zuckerman, M. (1994). Behavior expressions and biosocial bases of sensation seeking. New York: Cambridge University Press.

Zuckerman, M. (2006). Sensation Seeking and Risky Behavior. Amer Psychological Assn.

5 Kommentare

  1. Hi, da stimme ich Dir voll und ganz zu! Auch wenn jeder sagt selber entscheiden zu können was gut für ihn ist, steht er unter beeinflussung!
    Nicht um den Leuten die Verantwortung zu nehmen, sondern um sie vor sich selber zu schützen, haben wir die Austrian Trail Running Association gegründet. Alle Veranstaltungen in Österreich unter einheitliche Regeln zusammen gebracht, bilden Trail Running Guides aus (zz. 50 Guides), erarbeiteten Qualifikationsmaßnahmen und stehen in Kooperation mit der Wirtschaft! Bei meiner Veranstaltungen dem Hochkönigman hatte ich auch Qualifikationspunkt, diese wurden kontrolliert und einige meldeten sich dann auch ab! Von 540 Trailläufern hatte ich 5% DNF! Lieber qualitative hohe dafür weniger Teilnehmer als auf mehr Teilnehmer mit wenig Erfahrung zu setzen. Der Berg verzeiht nicht. Thomas Bosnjak

    • Das ist sehr beachtlich. Soweit ist man in Deutschland lange noch nicht. Die Ausbildung von Guides wäre auch hier ein erster, sicherlich guter Schritt. Aber wir haben ja hier auch noch keine Verbandsstrukturen – leider.

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