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Miriam Kohlhaas: Ein Hoch auf die dicken Jungs!

Im American Football gibt es viele Positionen, aber eine ist sicher die bekannteste – der Quarterback. Er führt die gesamte Offense, wirft oder übergibt den Ball, hat das gesamte Geschehen im Blick und bestimmt, welcher Spielzug der nächste ist. Er ist derjenige, der glänzt!

Zum Thema: Was ein Quarterback im eigenen Interesse beherzigen sollte

Der QB ist der Eine,
Der, der alle anführt,
Der, dem alle folgen,
Der alles entscheidet,
Der allen Ruhm erhält.

In den vergangenen Wochen hat besonders ein Quarterback aus der amerikanischen NFL uns so viele dieser mitreißenden Momente geliefert und sogar hier in Deutschland Aufsehen erregt. Aaron Rodgers ist seit 2008 der starting Quarterback der Greenbay Packers. 2010 führte er sein Team an und gewann den Superbowl, er selbst wurde MVP. 2014 war er der bestbezahlte Spieler der gesamten NFL.

Ausnahmetalent und Vorbild Aaron Rodgers

Unumstritten ist Aaron Rodgers ein Wahnsinns-Sportler – ein Ausnahmetalent. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Doch wer sich mit diesem Sport beschäftigt, der weiß, dass besonders das folgende Video zeigt, dass er allein niemals so gut wäre:

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Es sind die dicken Jungs, die ihn beschützen und ihm die nötige Zeit verschaffen. Die Jungs, die eine Position bekleiden, von der niemand träumt, wenn er zum Tryout geht. Denn wer sagt schon im Kindesalter stolz, dass er mal ein O-Line Spieler werden will? Die Jungs, denen nachgesagt wird, dass sie träge wären, faul, nicht athletisch genug für eine andere Position…

Unterschätzte Qualitäten

Aber: Die vor dem Quarterback stehende Offensiv Line verschafft im American Football die erwähnte – und nicht selten spielentscheidende – Zeit. Deren Fähigkeit, ein Spiel zu lesen und zu verstehen, wird oft unterschätzt. Die Jungs, die ihre gesamte Kraft dafür geben, dass niemand zu ihrem Quarterback durchkommt.

Aber wie bekommt man eigentlich andere Menschen dazu, dass sie alles für einen geben? Wie genau kann die Sportpsychologie darauf Einfluss nehmen, dass besonders diese so unheimlich wichtige Verbindung im wahrsten Sinne des Wortes undurchdringlich ist?

Große Gefahr

Ein großer Schwerpunkt der sportpsychologischen Arbeit in dieser speziellen Sportart muss es immer sein, einen Fokus auf genau diese Verbindung zu legen. Der Quarterback sollte seine O-Line gut kennen, sich für jeden einzelnen interessieren, sie loben, sie antreiben, sie motivieren und vorangehen.

Ich habe gesehen, wie sportlich begabte Quarterbacks durch ihre Arroganz bewirkten, dass die Jungs der O-Line „zur Strafe“ mit Absicht Gegenspieler durchließen, so dass es zu einem Quarterback-Sack kam und der Quarterback – und damit der gesamte Spielzug – gestoppt wurde.

Besondere Teambuilding-Einheiten

Kurzum: Aus sportpsychologischer Perspektive braucht die Konstellation zwischen dem Quarterback und der O-Line ein spezielles Augenmerk. Meine Empfehlung: In besonderen Teambuilding-Einheiten, die am besten schon in der Saisonvorbereitung beginnen, lassen sich diese zwei Units im besonderen Maße miteinander verbinden. Die anschließende Reflexion dieser Maßnahmen – als wichtigster Bestandteil dieser Arbeit – beinhaltet unter anderem die folgenden Fragestellungen:
Welche Kommunikationswege sprechen am meisten an, welche funktionieren überhaupt nicht?

Wie sicher hat man sich unter der Führung dieses Spielers gefühlt und warum? (z.B. Marshall B. Rosenberg, 2004)

Wie schafft es der QB kurze und prägnante Kommunikation zu wählen, die funktioniert? (z.B. Friedemann Schulz von Thun, 2003)

Was wünschen sich die Spieler der Offensive Line vom QB auf und außerhalb des Feldes?

Die Aufarbeitung der nun erhaltenen Reflexion ist die gemeinsame Aufgabe des Sportpsychologen und des Quarterbacks in den darauffolgenden Wochen und Monaten.

Superbowl als Schaufenster zur Sportart

Es scheint also, als hätte jener Aaron Rodgers all diese Fragen für sich beantwortet und die Wünsche und Erwartungen seiner Jungs ernst genommen. Danke für diese faszinierenden Spielsituationen, die ihr uns immer wieder bereitet – es ist uns eine Freude zu beobachten, dass ihr diese so erstrebenswerte Verbindung erschaffen habt!

Ein Hoch auf alle Offensive Lines – Ohne euch wäre jeder Quarterback nur halb so glanzvoll! Und nutzen sie beim Superbowl am 5.2.2017 doch einfach mal die Gelegenheit, sich genau diese Jungs mal gezielt anzuschauen.

Weiterführende Literatur:

Fischer-Epe, Maren (2011). Coaching: Miteinander Ziele erreichen. Rowohlt Taschenbuch Verlag Schulz von Thun, Friedemann (2003). Kommunikationspsychologie für Führungskräfte (Miteinanderreden: Praxis). Rowohlt Verlag

Fritzsche, Thomas (2016). Wer hat den Ball? Mitarbeiter einfach führen. Herder Verlag Rosenberg, Marshall B. (2004). Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation. Herder Verlag

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Elvina Abdullaeva: Mentale Einstellung zum Spiel

Ich bin, was ich denke. Soll heißen: Wenn ich ein Sieger sein will, muss ich als Sieger denken. Das sind keine grundlosen Worte. Unsere Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Verhalten stehen in einer Wechselwirkung. Egal, ob Sie von dieser Idee überzeugt sind oder nicht. Das ist einfach Fakt. Und wenn man weiß, wie das funktioniert, kann man das eigene sportliche Verhalten so steuern, wie man will.

Zum Thema: Die mentale Vorbereitung auf den Wettkampf

Das Konzept „Embodiment“, also die Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper, ist in der Wissenschaft sehr bekannt. Die Informationen, die unser Gehirn verarbeitet, sind in ständiger Interaktion mit dem Körperempfinden. Denken wir an etwas, was uns Angst macht, z.B. eine bevorstehende Prüfung oder an Spinnen, dann fühlen wir uns körperlich angespannt, es schlägt auf den Magen oder der Körper beginnt zu kribbeln.

Warum reagieren wir so – die Prüfungssituation oder die Spinnen sind ja gar nicht real vorhanden gewesen, es waren nur Gedanken! Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen Realität und Einbildung, deswegen hat unser Körper auf den Gedanken an die Prüfung oder die Spinnen so reagiert. Merke: Genauso reagiert unser Körper auch auf alle Gedanken und Vorstellungen, egal ob sie bestärkend oder entmutigend sind.

Wechselwirkung Gedanken-Gefühle-Körper-Verhalten im Sport

Was bedeutet dies also für Sie als Sportler? Betrachten wir zwei vereinfachte Beispiele:

a) Wenn ich denke, ich kann nichts, ich schaffe beim Training nichts, wie fühle ich mich dann? Normalerweise spüren wir Zweifel und haben Versagensgefühle schon von Anfang an. Wie werde ich mich dabei höchstwahrscheinlich körperlich empfinden? Schlapp. Wie werde ich mich beim Wettkampf verhalten? Passiv, schüchtern, unsicher.

Jetzt kommen wir zur zweiten Variante:

b) Wenn ich denke, ich schaffe das, ich habe mich gut vorbereitet: Wie fühle ich mich? Ich bin zuversichtlich, ruhig oder habe Vorfreude. Wie werde ich mich höchstwahrscheinlich körperlich empfinden? Mobilisiert, wach. Wie werde ich mich auf dem Platz verhalten? Aktiv, selbstbewusst.

Klingt erst einmal toll, denn es scheint so einfach: Man muss nur positiv denken. Wie realistisch ist es aber, dass ich vor jedem Spiel oder Wettkampf automatisch (ohne etwas dafür zu machen) eine kampfbereite Stimmung und eben solche Gedanken habe? Das ist unrealistisch. Wir sind Menschen und vor jedem Spiel können wir unterschiedliche Laune haben. Es gibt so viele Dinge, die uns fehlleiten können – wer kennt diese Situationen nicht:

– es wartet ein schwacher Gegner – im Ergebnis bin ich in zu entspannter Stimmung;
– es existiert ein Konflikt in der Familie, mit dem Partner, in der Mannschaft, in der Schule – in jedem Fall hat sich miese Stimmung breit gemacht;
– es ist gerade alles Routine, immer das gleiche Training, viermal die Woche, jedes Wocheneden ein Spiel – akute Langweile!

WICHTIG! Egal aber was vor dem Spiel passiert ist. Im Moment des Wettkampfs haben Sie die Wahl: Entweder Sie spielen mit ihrer aktuellen Laune und zeigen bei negativen Vorzeichen höchstwahrscheinlich eine mittelmäßige bis schlechte Leistung. Oder Sie verschaffen sich ganz bewusst und künstlich so eine Laune und Befinden, die Ihnen hilft, Ihr Bestes zu zeigen.

Wie erschaffe ich vor dem Wettkampf eine kampfbereite Stimmung?

Das Ziel ist es, hervorragende Leistung zu zeigen. Es geht also um Verhalten. Denken wir wieder an Wechselwirkung “Gedanken-Gefühle-Körper-Verhalten“. Wenn wir also, körperlich und gefühlsmäßig uns sehr fit fühlen, dann bekommen wir das erwünschte Verhalten. Dass heißt, wir sollen künstlich bestärkende Emotionen, positive Gedanken und selbstbewusste Körpersprache hervorrufen. So können wir den Organismus richtig erwecken und selbstbewusst auftreten.

Zur selbstbewussten Körperhaltung:

Wie primitive das auch klingen mag:

Nehmen Sie eine Power Pose an: Brust raus, Schultern zurück, Kinn nach oben.

Nach kurzer Zeit werden Sie merken, dass Sie sich selbstbewusster fühlen. Es wurde wissenschaftlich bewiesen, dass die Menschen sich nach fünf Minuten in einer Power Pose leidenschaftlicher, enthusiastischer, einnehmender angenehmer und zuversichtlicher benehmen als wenn sie sich fünf Minuten kleingemacht haben (Cuddy et al., 2010). Dies passiert, weil durch diese Power Pose der Pegel des Stresshormons Kortisol im Körper sinkt und mehr Testosteron zu zirkulieren beginnt.

Und jetzt zu den bestärkenden Emotionen:

Welches Gefühl sollen Sie künstlich erzeugen? Wie sollen Sie sich fühlen und was sollen Sie sich denken, um Ihre beste Leistung zu zeigen? Ein beflügelndes Gefühl: Das kann ein Zusammentreffen von Überzeugtheit, Entschlossenheit, Kraft, Stärke, Freude, gelassene Ruhe und das sichere Wissen sein. Wo finden Sie diese Gefühle? Aus schon gelebter Erfahrung. Vielleicht ihr erster Sieg, den Sie als Kind erlebt hatten oder suchen Sie nach einem anderen sportlichen Erfolg? Das muss aber nicht unbedingt direkt mit dem Sport zu tun haben. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl, wenn sie an Ihre erste Liebe denken oder sich an den Tag erinnern, als Sie zum ersten Mal Vater oder Mutter geworden sind. Versuchen Sie dieses Gefühl mit geschlossenen Augen so intensiv wie möglich wieder in Erinnerung zu bringen, bis im ganzen Körper eine Resonanz entsteht. (Norbekov, 2006).

Finden Sie in Ihrem Leben diesen besonderen Tag und tauchen Sie ganz in die damit verbundenen Gefühle ein!

Spiegel- Übung

Diejenigen, die die Wirkung von Körpersprache und positiven Gefühle und Gedanken unmittelbar austesten wollen, können diese einfache Übung zu Hause oder in der Umkleidekabine ausprobieren. Nehmen Sie sich vor dem Training, Spiel, Wettkampf oder am Anfang des Tages fünf Minuten Zeit, in denen Sie noch kurz allein sein dürfen. Machen Sie Ihre motivierende Lieblingsmusik an. Stellen Sie sich nah an einen Spiegel. Schauen Sie sich dann für fünf Minuten in die Augen.

Rufen Sie anfangs künstlich die Gefühlspalette hervor, die Sie beflügelt. Und dann fangen Sie an, diese fünf Minuten laut und überzeugt aufmunternde Worte, die Dinge, die Sie an sich mögen oder die Sie sich wünschen zu sich sagen. Zum Beispiel: Wie gut Sie etwas können, was Sie schon sportlich alles erreicht haben, wie dankbar Sie sich sind, dass Sie in jedem einzelnen Wettkampf Ihr Bestes geben. Sprechen Sie die Dinge aus und sagen Sie sie nicht nur in Ihren Gedanken. Am Anfang wird sich das sehr komisch anfühlen. Aber schon nach wenigen Minuten werden Sie merken, dass Sie wacher und zuversichtlicher geworden sind.

Wie integriere ich das in meinen Alltag?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Sie diese zwei Bausteine, Körpersprache und das beflügelndes Gefühl für die Wettkampfvorbereitung einsetzen können. Das kann in die Imaginationsübungen eingebaut werden, wo Sie sich in die Rolle des Siegers auf dem Podest schon vorzustellen; von einem Bild träumen, wo Sie ideal auftreten, so wie die Besten (Karageorghis & Terry, 2011); Sie können eine Phantasiereise zu Ihren Stärken vorzunehmen (Engbert et al., 2011), Das kann aber auch eine Selbsthypnose (Fliegel & Kämmerer, 2015) sein. Denken Sie daran, die Übungsvariationen zu wechseln. Suchen Sie neue Emotionen, um Gewöhnungseffekt zu vermeiden. Viel Erfolg!

Ich helfe – oder besser: der Sportpsychologe bzw. die Sportpsychologin Ihres Vertrauens hilft – Ihnen gern: Direkt zu den Profilseiten von die-sportpsychologen, wo alle Experten des Netzwerks aufgeführt sind.

Elvina Abdullaeva: Motivation für die Besten

Quellen:

Carney, D.R., Cuddy, A.J.C., Yap, A.J.( 2010). Power posing: Brief nonverbal displays affect neuroendocrine levels and risk tolerance. Psychological Science, 21, 2010, 1363-1368

Engbert, K., Droste, A., Werts, T., Zier, E., (2011). Mentales Training im Leistungssport. Ein Übungsbuch für den Schüler- und Jugendbereich. Stuttgart: Neuer Sportverlag.

Fliegel, S., Kämmerer, A. (2015).Psychotherapeutische Schätze II: 130 weitere praktische Übungen, Methoden und Herausforderungen .Tübingen: dgvt-Verlag

Karageorghis, C. I., & Terry, P. C. (2011). Inside sport psychology. Champaign, IL: Human Kinetics.

Norbekov, M. (2006). Eselsweisheit: Der Schlüssel zum Durchblick – oder – wie Sie Ihre Brille loswerden. Goldmann

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Dr. René Paasch: Sprachbarriere im Fußball?

Uli Hoeneß möchte, dass die Spieler von Bayern München Deutsch als Umgangssprache nutzen. Hoeneß in der Sport Bild: „Es muss wieder Deutsch in der Kabine gesprochen werden, die Sprache ist ein Bindeglied. Ansonsten gibt es Grüppchen. “Er verband dies mit einer Forderung: „Ein Spieler muss Deutsch lernen, das muss eine Vorschrift werden. Ansonsten muss er eben zahlen.“ Ohne das Erlernen der deutschen Sprache, glaubt der 64-Jährige, „kann sich ein Spieler auf Dauer nicht richtig bei uns integrieren“. Dieser Frage möchte ich nun in diesem Beitrag nachgehen.

Zum Thema: Stehen sprachliche Barrieren im Zusammenhang mit höherer individueller Leistung?

Als Zuschauer ist man sich meist der Tatsache nicht bewusst, dass der Arbeitsplatz eines Fußballers oder Fußballtrainers sehr stark durch Mehrsprachigkeit geprägt ist. Wie funktioniert eigentlich die Kommunikation in Fußballmannschaften, in denen Spieler mit unterschiedlichen Muttersprachen als Team auftreten sollen? Jasmin Steiner ging dieser Frage nach im Rahmen der „Innsbruck Football Research Group.“ Anhand von Interviews mit Spielern und Trainern verschiedenster Clubs konnte sie erste Ergebnisse liefern. Dabei wurde schnell klar, dass in diesem bisher wenig erforschten Bereich ein großer Nachholbedarf besteht. „Es gibt immer noch den weit verbreiteten Glauben, dass es für den fußballerischen Erfolg keine Rolle spielt, ob Spieler aus dem Ausland die Sprache des jeweiligen Vereins verstehen oder nicht (Lavric/Steiner 2011,2012). “

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Ihre Forschungsergebnisse legen aber die Vermutung nahe, dass die sprachliche Integration ausländischer Spieler direkt mit der Qualität der spielerischen Leistung zusammenhängen kann. Die Eingliederung in die neue Mannschaft ist einer der absolut wichtigsten Aspekte für einen Spieler, dessen Ziel ja darin besteht, die eigenen Leistungen kontinuierlich abzurufen und sich als potenzieller Stammspieler durchzusetzen. Die Sprache spielt bei dieser Integration eine entscheidende Rolle. Das frühere Trainerteam Walter Kogler und Florian Klausner von FC Wacker Innsbruck  teilen die Meinung, dass die Sprache und die persönliche Leistung eng in Verbindung stehen und bestätigen, dass je mehr ein ausländischer Spieler die Sprache des jeweiligen Vereins beherrschen, es ihm desto eher gelinge, sein Können unter Beweis zu stellen. Um mögliche Schwierigkeiten vorzubeugen, möchte ich Ihnen dazu einige gedankliche Anregungen anbieten:

1) Onboarding

Onboarding (aus dem engl. Onboarding, wörtlich für „An-Bord-Nehmen“) ist ein Begriff aus dem Personalmanagement. Er bezeichnet innerhalb der Personalbeschaffung den Einarbeitungs- und Integrationsprozess neuer Mitarbeiter durch ein Unternehmen und v. a. alle Maßnahmen, die die Eingliederung fördern (Brenner, 2014). Zum Onboarding-Prozess gehören z.B.  Zielvereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (Sportler und Trainer), aber auch Paten- und Mentoren-Programme sowie externes Coaching, um jeweils die fachliche, soziale und werteorientierte sprachlichen Barrieren der neuen Mannschaftskollegen zu fördern. Je mehr der Verein und die Mannschaft bereit ist, den neuen Mitspieler zu unterstützen, desto schneller wird dieser in der Lage sein, sich einzubringen und wohlzufühlen. Besonders am ersten Trainingstag kommt beim Onboarding-Prozess eine hohe Bedeutung zu, da sich die Einstellungen des neuen Mitspielers bereits innerhalb der ersten Kontaktsituationen bilden. Daher ist es wichtig, bereits früh die richtigen Signale zu senden und als Vorbild voranzugehen.

2) Vorbildfunktion

Profifußballer prägen die Entwicklung von unzähligen Kindern in Deutschland und nehmen durch ihr Verhalten Einfluss auf Werte, Einstellungen und Verhalten der Heranwachsenden. Diese Relevanz und den prägenden Einfluss unterstreicht auch Wallrodt (2011) anhand der Querschnittsstudie, die darlegt, dass 40% aller Befragten ihren Lieblingsspieler als persönliches Vorbild und sogar 55% als gutes Vorbild für die Gesellschaft ansehen. Umso wichtiger ist es, dass im professionellen Fußball deutliche Zeichen gesetzt werden, um die Relevanz der sprachlichen Barrieren herauszustellen. Verbände, Vereine, Funktionäre, Trainer und Spieler müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

3) Kommunikationsmittel  

Wichtig ist, dass im Fußball das häufigste Kommunikationsmittel nun mal die Sprache ist. Egal, ob bei technischen oder taktischen Anweisungen, während einer Trainingseinheit oder während eines Meisterschaftsspieles, bei Teambesprechungen, bei physiotherapeutischen Maßnahmen oder bei organisatorischen Gesprächen, wird die Verbalität definitiv bevorzugt. Nicht zu unterschätzen sind daneben natürlich sämtliche Formen der nonverbalen Kommunikation, da selbst die geringste Geste bei Spielzügen oder Anweisungen seitens der Trainer, aber auch der Spieler, entscheidend sein kann. Des Weiteren spielen audiovisuelle Medien eine Rolle, indem Videos von eigenen Spiel- und Trainingseinsätzen sowie von Spielen der gegnerischen Mannschaften gemeinsam analysiert werden. Selbst zeichnerische Kommunikation hat ihre Bedeutung, da oftmals Spielzüge zusätzlich auf Flipcharts näher gebracht werden. Alle diese Maßnahmen können unabhängig von der Umgangssprache Deutsch zum Einsatz kommen, denn sie dienen dem besseren Verständnis der gesamten Mannschaft.

Fazit:

Die Ideologie von der „universellen Sprache im Fußball“, die auf der ganzen Welt identisch sein soll und die daher Bemühungen um sprachliche Integration unnötig macht, werden Kommunikationsschwierigkeiten aufgrund von Sprachbarrieren einfach untergraben. Denn eine erfolgreiche Zusammenarbeit innerhalb einer Fußballmannschaft jeglicher Spielklasse hängt nicht allein von den rein sportlichen Fähigkeiten der Spieler ab. Auch die Kommunikation in der Mannschaft und insbesondere der sprachliche Aspekt sind mindestens genauso relevant, um tatsächlich große Erfolge verbuchen zu können. Sobald ein Klub vorhat, einen ausländischen Spieler unter Vertrag zu nehmen, ergeben sich daher etliche Situationen, in denen Sprachkenntnisse unabdingbar sind. Ob bei Transferverhandlungen, beim Aufsetzen und bei der Unterzeichnung des Vertrages, beim ersten persönlichen Kontakt mit den Mitarbeitern des Vereins und bei der Integration des Spielers in das neue Mannschaftsgefüge und in die neue Kultur: Ohne Sprachkenntnisse ist es nicht möglich, eine gelungene Kommunikation auf Dauer zu führen.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch den Blogbeitrag von Prof. Dr. Oliver Stoll empfehlen:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Hohe Hürde Muttersprache

 

Literaturhinweise

Brenner, D. (2014): Onboarding: Als Führungskraft neue Mitarbeiter erfolgreich einarbeiten und integrieren. Springer Gabler

Lavric, E./Steiner, J. (2011). Wenn er die Sprache kann, spielt er gleich besser – 11 Thesen zur Mehrsprachigkeit im Fußball.

Wiemann, U. 2010. „Ich habe fertig“. Über die Bedeutung von Sprache im Profifußball. In: Blecking, Diethelm/Dembowski, Gerd (eds.): Der Ball ist bunt. Frankfurt am Main: Brandes & Aspel.

 

Internet:

https://www.welt.de/sport/fussball/article13780967/Das-groesste-Vorbild-der-Bundesliga-ist-Cacau.html

 

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Dr. Jan Rauch: Das Trainings-Wohlbefinden steigern

Je besser sich ein Sportler im Training fühlt, desto stärker wird seine Wettkampfleistung. Das klingt einleuchtend. Dass man das Wohlbefinden aber mit nur einer einzigen geistigen Übung verbessern kann, das hat uns nach unserer kleinen Studie mit einer Fussballmannschaft selbst beeindruckt.

Zum Thema: Die „drei guten Dinge“ des Trainings – eine positive Intervention im Fussball

Aus der sportpsychologischen Literatur ist bekannt, dass sich das Verhalten eines Coaches im Training auf die Wettkampfleistung von Athleten auswirkt (z.B. Jowett & Poczwardowski, 2007). Dies jedoch nicht direkt – der Effekt wird fast vollständig durch das subjektive Wohlbefinden des Athleten im Training moderiert. Steigt also das Wohlbefinden eines Athleten im Training, steigt die Chance auf eine bessere Wettkampfleistung (z.B. Davis & Jowett, 2014).

Wissenschaftliche Studien legen ausserdem nahe, dass durch positive Interventionen das allgemeine Wohlbefinden gesteigert werden kann – eine gut untersuchte Methode stellt in diesem Kontext die Übung «Drei gute Dinge» dar (z.B. Gander, Proyer, Ruch, & Wyss, 2013).

Nützliche Übung für das Fussballtraining

In einer kleinen eigenen Studie haben wir diese für den „Alltag“ ausgewiesen nützliche Übung im Setting eines Fussballtrainings angewendet. Die Idee dahinter: Sollte anhand der Übung analog der Steigerung des „allgemeinen“ Wohlbefindens eine Steigerung des „Trainings-Wohlbefindens“ erreicht werden, könnte dies, wie in den eingangs erwähnten Studien aufgezeigt, eine sportliche Leistungssteigerung nach sich ziehen.

Die Übung „Three Good Things“ besteht einfach gesagt darin, dass eine Person sich während einer bestimmten Zeitspanne (z.B. 3 Wochen) jeden Tag drei Ereignisse des Tages notiert, welche als besonders gut, schön oder bewegend empfunden wurden. Die Reflexion darüber, weshalb diese drei Dinge als besonders schön empfunden wurden, soll helfen, verfügbare Aufmerksamkeit vermehrt auf diese „schönen Dinge“ zu lenken. Tut man dies über einen bestimmten Zeitraum hinweg kann man mögliche Muster erkennen, um solche als schön empfundenen Situationen in Zukunft öfters bewusst aufzusuchen.

Das „Trainings-Wohlbefinden“ lässt sich steigern

Bei den Spielern der ersten Mannschaft des Fussballclubs Seefeld Zürich (1. Liga Classic – dies entspricht der insgesamt vierthöchsten Schweizer Liga) wurde mittels eines auf Fussballtraining adaptierten Fragebogens zum Wohlbefinden (WHO5; WHO 1998) zunächst das Wohlbefinden im Training erhoben. Anschliessend wurde die Übung „Drei gute Dinge“ drei Wochen lang nach jedem Training durchgeführt, wobei sich diese Dinge ausschliesslich auf das Sporttraining zu beziehen hatten. Nach drei Wochen und insgesamt neun Durchführungen wurde das „Trainings-Wohlbefinden“ erneut erhoben und mit der ersten Messung verglichen.

Die über alle Spieler (N=21) gemittelten Werte im Wohlbefinden stiegen nach der Intervention um knapp 10% auf 76 % (bei einem möglichen maximalen Wohlbefinden von 100%). Eine Verschiebung dieser Grösse deutet gemäss Ware (1995) auf eine signifikante Änderung hin. Der Vorher/Nachher-Mittelwertvergleich zeigte bei einseitiger Testung eine knapp signifikante Steigerung (p =.043). Während bei zwei Spielern die Werte ganz leicht zurückgingen, stiegen sie bei den restlichen Spielern an, in Einzelfällen stiegen sie sogar um bis zu 52 %. Ob sich das gesteigerte Trainings-Wohlbefinden auf die Leistung niederschlug, ist schwierig zu beantworten. Während der Interventionsphase gewann die Mannschaft 3 Punkte aus 3 Spielen, verglichen mit 5 Punkten aus 6 Spielen davor. Die Trainereinschätzung bezüglich Stimmung und Leistung der einzelnen Spieler offenbarte keine augenscheinlichen Veränderungen oder Zusammenhänge mit den individuellen Werten des Wohlbefindens. Die Steigerung des Wertes per se zeigt hingegen, dass die Spieler selbst eine merkliche Veränderung in ihrem Wohlbefinden registriert hatten.

Erstaunliche Steigerung

Die gemessene Steigerung des Wohlbefindens im Training ist insofern erstaunlich, da der Interventionszeitraum von nur drei Wochen nicht mehr als neun Trainings mit entsprechend vielen (oder wenigen) Durchführungen umfasste und die Spieler diese selbständig durchführten. Die Reflexion positiver Erlebnisse eines spezifischen Teils des Tages – in diesem Fall des Trainings – scheint also geeignet, in eben diesem Bereich das Wohlbefinden zu steigern. Inwiefern dies zu grösserem Wettkampferfolg führt, kann aufgrund dieser kleinen Untersuchung nicht abschliessend beantwortet werden, die vorliegenden Ergebnisse scheinen jedoch vielversprechend.

Positivpsychologische Interventionen werden in Beratungen mit Sportlern seit jeher eingesetzt. Systematische Untersuchungen über die Wirkung „klassischer“ Übungen aus der Positiven Psychologie, deren Nutzen für Alltag und andere Leistungsbereiche (z.B. Arbeitsplatz) gut dokumentiert ist, sind jedoch spärlich gesät. Um dieses Feld weiter zu untersuchen, laufen momentan weitere Studien mit grösseren Stichproben und Kontrollgruppen bei Mannschaftssportarten (Volleyball; Nationalliga A und B) sowie bei Einzelsportarten (Triathlon), in welchen zusätzlich zum Trainingswohlbefinden der Zusammenhang zur Wettkampfleistung untersucht werden.

 

Hinweis: Weitere interessant Beiträge finden sich im Blog des IAP Instituts für Angewandte Psychologie, einem Angebot der ZAHW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften:

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Literatur

  • Davis, L., & Jowett, S. (2014). Coach-athlete attachment and the quality of the coach-athlete relationship: implications for athlete‘s wellbeing. J Sports Sci., 32(15), 1454-64.
  • Gander, F., Proyer, R., Ruch, W., & Wyss, T. (2013). Strength-Based Positive Interventions: Further Evidence for Their Potential in Enhancing Well-Being and Alleviating Depression. Journal of Happiness Studies, 14, 1241–1259.
  • Jowett, S., Poczwardowski, A. (2007). Understanding the Coach-Athlete Relationship. In Jowett, S., & Lavallee, D. (Hrsg.), Social Psychology in Sport (S. 3-13). United Kingdom: Human Kinetics.
  • Ware, J.E. (1995). The status of health assessment 1994. Annu Rev Public Health, 16, 327-54.
  • WHO Collaborating Center for Mental Health (1998). WHO-5-Wohlbefindens-Index. Psychiatric Research Unit, Frederiksborg General Hospital, DK-3400 Hillerø.

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Jürgen Walter: Gefährliche Zyklen

Vierzehn Trainer hat Borussia Mönchengladbach in den vergangenen fünfzehn Jahren verschlissen. Kurz vor Weihnachten wurde André Schubert von seinen Aufgaben entbunden, dessen Vertrag eigentlich erst im September vorzeitig bis 2019 verlängert worden war. Er fiel einer Negativserie zum Opfer, welche die Borussia in der laufenden Saison bis in die Abstiegszone abrutschen ließ.

Zum Thema: Ein Aufruf zur Ursachenforschung

Gerade in jüngerer Vergangenheit gibt es bei der Borussia eine Auffälligkeit: Die Leistung der Mannschaft lässt sich zyklisch einordnen. Als Schubert im September 2015 übernahm, war dies das Ergebnis einer unglaublichen Krise. Die Borussia war mit null Punkten aus fünf Spielen in die Saison gestartet, woraufhin Trainer Lucien Favre seinen Hut nahm. Schubert, eigentlich der Trainer der U23 ersetzte ihn und feierte sechs Siege in Folge, woraufhin er zum Cheftrainer gemacht worden ist. Seine offenbar gute Arbeit führte die Borussia in die Champions League, wo sie teils beeindruckende Leistungen zeigten. Als Gruppendritter dürfen sie nun in der Europa League weiterspielen und sind auch noch im DFB-Pokal im Rennen. In der Bundesliga rutschten sie aber wieder in eine krisenhafte Situation, was den beschriebenen vierzehnten Trainerwechsel zur Folge hatte.

Als Sportpsychologe interessiert mich die Frage, wie sich diese Zyklen erklären lassen? Eine Antwort darauf dürfte sehr schwierig sein, da sportlicher Erfolg und Misserfolg von vielen Faktoren beeinflusst wird. Denken wir nur an Verletzungsserien oder an den Verlust von Schlüsselspielern, was meist das Ergebnis von erfolgreichen Phasen ist, da sich dann finanziell potentere Vereine gern an dem auffällig gewordenen Personal bedienen.

Fehlendes Selbstvertrauen und Lockerheit

Aber zurück zu den Zyklen: Schubert äußerte in einem Interview im Dezember, dass es seiner Mannschaft in den vorangegangenen Wochen nicht gelungen sei, Selbstvertrauen und Lockerheit zurückzugewinnen. “Die Misserfolge haben die Mannschaft immer weiter verunsichert – und ich bin als Trainer dafür verantwortlich.“

Weil der Profi-Fußball nun einmal so funktioniert, wurde Schubert trotz seines gerade verlängerten Vertrages entlassen. Die Spieler können beim neuen Trainer Dieter Hecking wieder bei “null” anfangen, wie es so schön heißt. Aber ich als Sportpsychologe würde mich viel mehr freuen, wenn trotz der Schnelllebigkeit des Geschäfts ein wenig mehr Detailversessenheit hinsichtlich der unsichtbaren Bereiche der Leistungsentwicklung möglich wäre. So weit mir bekannt ist, arbeitet die Borussia nur im Nachwuchsbereich mit Sportpsychologen. Meiner Meinung nach müsste auch in den Profi-Teams die Zeit längst reif sein, den Funktionsstab mit sportpsychologischen Experten zu ergänzen. Und zwar offensiv und nicht versteckt. Und ich halte jede Wette, dass ein Sportpsychologe der schwierigen Frage nach den Zyklen bei der Borussia auf den Grund kommen würde.

Empfehlen möchte ich den thematisch passenden Text meines Kollegen Thorsten Loch. Schließlich lässt sich auch in der größten Krise erfolgreich weiterarbeiten:

Thorsten Loch: Richtiges Handeln in der Krise

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Katharina Petereit: Langeweile im Sport?

Du bindest dich schon seit Jahren an die gleiche Sportart und kannst dir nicht vorstellen, diese irgendwann einmal aufzugeben? Trotzdem machst du momentan keine richtigen Fortschritte mehr oder langweilst dich sogar immer mal wieder im Training? Deine Motivation lässt nach und du erzielst keine Erfolge?

Zum Thema: Vor- und Nachteile einer immer gleichen Sportart 

Anlässlich einer Interviewanfrage zu „Langeweile im Sport“ durch das Magazin Women`s Health, wird diese Thematik im Folgenden aufgegriffen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine Sportart, die man bereits über Jahre hinweg ausübt, zum eigenen Lebensstil gehört und zur Routine geworden ist. Man verbindet mit dieser Sportart vielmehr als die rein körperliche Betätigung. Vorteile sehe ich darin, dass die jeweilige Sportart ein fester Bestandteil des Lebens ist und man diese somit auch nicht so einfach aufgibt. Zudem bedeutet ein und dieselbe Sportart ja nicht, dass man sich keine Herausforderungen mehr sucht. Ganz im Gegenteil – jede Sportart beinhaltet unterschiedliche Disziplinen, Übungen, Abläufe… auch nach Jahren können diese noch Spaß machen und Abwechslung bringen. Zudem ist es sicherlich ein gutes Gefühl und bestärkt das Selbstbewusstsein, eine Sportart bereits so lange auszuüben, also ein großes Durchhaltevermögen zu haben – und sie auf einem guten Niveau zu beherrschen.

Wenn wir uns Leistungssportler anschauen, sind Durchhaltevermögen und das Streben nach stetigen Fortschritten in ein und derselben Sportart Grundvoraussetzungen. Aus meiner Sicht geht es vor allem darum, wie Sporttreibende ihre Ziele definieren und woran sie ihre Fortschritte letztendlich messen. Fortschritte werden ja zumindest bei Freizeitsportlern nicht unbedingt von außen festgelegt. Wichtig ist jedoch, dass sich ein Sportler/eine Sportlerin mit dem Erreichen bzw. auch Nicht-Erreichen eines Ziels auseinandersetzt. Wenn ein Sportler/eine Sportlerin das Erreichen des Ziels auf seinen/ihren Einsatz, seine/ihre Mühe, seinen/ihren Ehrgeiz, seine/ihre Fähigkeiten und auf sein/ihr Durchhaltevermögen zurückführen kann, stärkt es seine/ihre Selbstwirksamkeit und sein/ihr Selbstvertrauen. Eine Auseinandersetzung mit dem Nicht-Erreichen eines Ziels ist für die Ursachenfindung und daraufhin mögliche Korrektur der Zielsetzung wichtig.

Langeweile vermeiden

Allgemein verbinden wir mit Langeweile ja eher ein negatives Gefühl, welches durch Monotonie oder Inaktivität hervorgerufen wird. Deswegen würde ich Langeweile beim Sport zunächst nicht als positiv beurteilen. Allerdings kann eine bereits angesprochene Routine ein positives Gefühl und ein Gefühl von Sicherheit und Verbindlichkeit bewirken. Langeweile kann in diesem Zusammenhang vielleicht so verstanden werden, als dass man immer zur gewohnten Zeit, zum gewohnten Ort, zum gewohnten Sport geht. Aber auch hier hat der Begriff Langeweile für mich eher einen negativen Beigeschmack. Ich denke eher, dass man von Routinen sprechen sollte. Und wenn es darum geht, ob Langeweile ein Zeichen für Erfolg ist, sollte auch diese Frage differenzierter betrachtet werden. Ohne Frage können LeistungssportlerInnen irgendwann mal vom Erfolg gesättigt sein. Jedoch ist es ihr Beruf, welchen sie ohnehin nicht ihr Leben lang ausüben können. Freizeitsportler können ihre sportliche Karriere dahingehend etwas freier gestalten und müssen sich nicht zwingend an objektiv messbaren Erfolgen orientieren. Hier geht es vielmehr darum, dass kleine Schritte zu immer wieder neu festgelegten Zielen führen. Zudem kann ein Ziel ja auch schon die alleinige Teilnahme am Sport und das Durchhaltevermögen sein.

Wenn Sporttreibende soweit sind, dass sie Langeweile beim Sport empfinden und trotzdem noch dabei bleiben, treibt sie eine intrinsische Motivation dazu an. Das weist daraufhin, dass der Sport zwar ein wichtiger Bestandteil im Leben ist, aktuell aber neue Reize, Ziele oder Wünsche vonnöten wären. An diesem Punkt könnte der Sportler/die Sportlerin mal bewusst festhalten, warum er/sie diesen Sport ausübt und welche Ziele er/sie damit verfolgt. Wichtig ist, dass man auch kleine Fortschritte registriert und Freude beim Sporttreiben empfindet. Zielsetzungen und das Suchen neuer Herausforderungen können aus einem Motivationsloch heraushelfen. Aber auch soziale Kontakte, also beispielsweise Sportpartner, können helfen, wieder Spaß am Sport zu empfinden, Abwechslung in den Trainingsalltag zu bringen und gesetzte Ziele zu verfolgen. Eine Möglichkeit wäre auch, Freunde für den Sport zu gewinnen und mit ihnen zusammen zu trainieren. Am besten wird das Training durchweg abwechslungsreich gestaltet. Wenn man sein eigener Herr ist, sprich nicht auf einen Trainer oder eine Trainingsgruppe angewiesen ist, sollte man sich nicht ständig zu monotonen Trainingseinheiten zwingen, sondern auch mal danach gehen, worauf man an dem Tag einfach mal Lust hat – auch, wenn das nicht zum gesetzten Ziel beiträgt, aber ein Erfolg ist es ja auch, einfach Freude und Ausgeglichenheit beim Sport zu empfinden.

 

Weiterführende Literatur:

Beckmann, J. & Elbe, A. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta.

Hänsel, F., Baumgärtner, S. D., Kornmann, J. M. & Ennigkeit. F. (2016). Sportpsychologie. Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag.

Stoll, O. & Alfermann, D. (2016). Sportpsychologie. Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (5. überarbeitete Auflage)Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

 

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Marcus Mücke und Detlef Christoph Kowaltschuk: “Die Rahmenbedingungen innerhalb der Profivereine müssen verbessert werden”

Für die-sportpsychologen.de berichten Marcus Mücke und Detlef Christoph Kowaltschuk:

Marcus Mücke (Foto: Matthias Sandmann bei EY Köln)
Marcus Mücke (Foto: Matthias Sandmann bei EY Köln)

Marcus Mücke, geb. 1968 in Düsseldorf, Studium der Betriebswirtschaft und Studium der angewandten Psychologie. Fernstudium zum Heilpraktiker und Ausbildung als Lizensierter Mentaltrainer. Marcus Mücke hat LIFE BALANCE im Januar 2014 gegründet. Im Oktober 2016 wurde die Partnerschaft mit Detlef Christoph Kowaltschuk geschlossen. Die Schwerpunkte von Herrn Mücke liegen auf dem Gebiet der mentalen Leistungssteigerung und psychologischer Verfahrensweisen im Leistungssport- und Business- Bereich.

 

 

Detlef Christoph Kowaltschuk (Foto: Matthias Sandmann bei EY Köln)
Detlef Christoph Kowaltschuk (Foto: Matthias Sandmann bei EY Köln)

Der 1967 in Hüttental-Weidenau geborene Detlef Christoph Kowaltschuk befasst sich seit 2002 intensiv mit der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen im Leistungsbereich Fussball. Zuvor hat er eigens als verantwortlicher Leiter die Jugendfussballschule Hennef e.V. aufgebaut und bis einschließlich 2009 geleitet. Während dieser Zeit hat er zusätzlich  seine Trainerausbildung absolviert und ist Inhaber der DFB-A-Lizenz (UEFA-A-Licence). Des Weiteren ist er seit 2007 Mitarbeiter im erweiterten Trainerstab der U15/U16 Mittelrheinauswahl. In seiner Funktion als Honorartrainer unterstützt er dabei ebenfalls seit 2012 die Trainerausbildung der DFB-C-Lizenz mit Vorträgen zur Führung, Kommunikation und Management an der Sportschule Hennef. Detlef Christoph Kowaltschuk ist im Oktober 2016 als gleichberechtigter Partner LIFE BALANCE beigetreten.

 

Marcus Mücke und Detlef Christoph Kowaltschuk, allen voran im Profi-Fußball werden die Rufe von Athleten lauter, die sich gegen die Vielfachbelastung zu wehren. Lässt sich aus ihrer Sicht eine ausgewogene Work-Life-Balance auch im Profi-Sport umsetzen und wie lauten die Rahmenbedingungen dafür?

Marcus Mücke:  Ein ganz klares JA! Eine WORK-LIFE-BALANCE ist gerade im Profisport- und Hochleistungsbereich elementar wichtig. Wenn man bedenkt, dass sich der Ball beim Tennisspiel ca. 0,3 – 1,1 Sekunden auf der Saite des Schlägers befindet und in mehrfacher Abfolge dieser Zeitspanne, möglicherweise über Sieg oder Niederlage entschieden wird, dann wird es Sie noch mehr verwundern, dass eine im Kopf noch kürzere Denk-Zeitspanne bei einem Fußballer darüber entscheidet, was er beim Kontakt mit dem Ball alles machen kann. Trifft er den Ball richtig und landet dieser nach etlichen Sekunden bei seinem Mitspieler, im Tor oder auch ungewollt beim Gegenspieler? Die Tatsache, dass sich ein Leistungssportler mental auf einen Wettkampf Tage- Wochen- Monate- oder sogar Jahrelang vorbereitet, um diese außerhalb unserer Wahrnehmungsgrenze liegende Zeitspanne durch Training beeinflussen zu können, ist mit Vernunft nicht zu erklären. Es muss so etwas wie Leidenschaft oder ein andersartiges Motiv aus dem Fundus unserer komplexen Persönlichkeit im Spiel sein, um dieses Phänomen verstehen zu können.

Hier setzt für mich die Faszination der sportpsychologischen Betreuung im Leistungssport an, da sowohl gute als auch schlechte Leistungen unter anderem fast immer auch im Kopf mitentschieden werden. Und diese eben angesprochene Leidenschaft ist eine der Grundvoraussetzungen, um die Prozesse und Mechanismen im Trainings- und Wettkampfalltag des Leistungssportlers verstehen und beeinflussen zu können. Aber eines sollte dabei nicht in Vergessenheit geraten…..ein gesunder und elementar wichtiger Gegenpol, ein sogenannter Ausgleich zum Wettkampfalltag muss gegeben sein. Dieser Ausgleich, oder auch von mir „Gegenpol“ genannt sollte zwingend nichts mit Fußball, ja sogar nichts mit dem Wettkampfsport wie z. B. alternativ Tennis zu tun haben. Der Fokus sollte sich komplett vom Sport los lösen und keinerlei Beziehungen ermöglichen. Ganz wichtig hierbei ist, dass der sogenannte „Gegenpol“ ein gesundes Gleichgewicht zum Hauptthema Fußball bildet.

Ich bin der Meinung, dass die reine Implementierung eines Mentaltrainers heutzutage nicht mehr ausreicht, die Vereine müssen sich mehr der Verantwortung und Gesunderhaltung jedes einzelnen Spielers bewusst sein. Ich empfehle daher jedem Verein auch die Unterstützung durch einen Sport-/Psychologen. Der Druck von „Außen“ seitens der Medien, Fans, Spielerberater, etc. wird immer größer. Es ist wichtig, dass sich jeder einzelne Leistungssportler auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren kann. Ich denke man muss zwingend mit dem „WORK-LIFE-BALANCE Gedanken schon bei den ganz jungen Talenten in den Amateurvereinen anfangen. Hier sind insbesondere die Eltern, Trainer und Spielerberater aufgefordert mit Sachverstand und sportpsychologischer Unterstützung zu agieren. Die Rahmenbedingungen müssen auch innerhalb der Profivereine verbessert werden. Ein ganz wichtiges Thema bilden hier die Nachwuchs-Leistungs-Zentren, hier beginnen die Rahmenbedingungen für die jungen Talente, die den Sprung in den Profikader schaffen wollen.

Detlef Christoph Kowaltschuk: Belastung ist immer ein subjektives Empfinden. Es ist die Art und Weise wie ein einzelner Profisportler mit der jeweiligen Situation umgeht. Oft sind es äußere Einflüsse, die die „Belastung“ noch schwerer und unüberwindbarer wirken lassen für den Betroffenen. Eine ausgewogene Balance zwischen unterschiedlichen Umwelteinflüssen lässt sich in vielerlei Hinsicht herstellen. Dazu bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung eines einzelnen Betroffenen, welche über den „Leistungssport“ (also seinen Beruf) hinausgeht.

Neben dem Beruf sind auch die Faktoren Privatleben wie z.B. Partnerschaft, Familie und Gesundheit große Einflussfaktoren auf jeden Einzelnen. Mit einer ganzheitlichen Betrachtung lassen sich mögliche „Störfelder“ identifizieren und somit gezielter lösen um das allgemeine Wohlbefinden des Einzelnen wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Weiterhin muss eine ausgewogene Verteilung von Beruf und Privatleben sichergestellt werden. Unterm Strich ist weniger oftmals mehr und ein zu intensives Training/Berufsleben ohne einen adäquaten Ausgleich führt zu einer empfunden „Überbelastung“. Der Betroffene fühlt sich überfordert und kann somit nicht mehr sein wirklich vorhandenes Leistungspotential abrufen.

Welchen Stellenwert hat die Sportpsychologie mittlerweile im Profi-Sport, nicht zuletzt in Bezug auf das Belastungsmanagement?

Marcus Mücke:  Die Wahl des optimalen Belastungsmanagement (Betreuungssettings) ist nicht nur deshalb entscheidend, weil es ein Hauptfaktor für den Betreuungserfolg darstellt. Vielmehr sollte sich die persönliche Arbeitsphilosophie des Sport- /Psychologen in dem Beratungs-, Betreuungs-, und Belastungsmanagement widerspiegeln. Es müssen sich nicht nur die Athleten in ihrem leistungsanreizenden Umfeld wohl- und herausgefordert fühlen, es muss auch der Sportpsychologie vice versa ein für seine Persönlichkeit authentisches und seinem Beratungsstil angepasstes Umfeld einfordern, um in langfristiger Hinsicht den gewünschten Beratungserfolg erzielen zu können. Je größer die Anzahl der an der Betreuung teilnehmenden Systeme, desto größer ist der potenzielle Einfluss- und Wirkungsbereich und desto komplexer und anforderungsintensiver ist wiederum der Beratungs- und Betreuungsauftrag.

Der Sport- /Psychologe ist integrativer Bestandteil des Teams und coacht ggf. je nach befindlichem Anspruch auf der einen Seite das Trainerteam und betreut auf der anderen Seite die Athleten. Mit anderen Experten (Sportwissenschaftler, Sportmediziner, Sportpsychologen = Expertenteam) steht er in ständigem Austausch. Neben der aktiven Betreuungsarbeit im Trainingsmodus und bei Wettkämpfen sollen die Trainer und Athleten nicht nur in ihrer Lebenswelt beobachtet, sondern auch in ihrer täglichen Arbeit beraten werden.

Praxistaugliche Programme können dadurch („Training on the job“) direkt entwickelt werden. Die teilnehmende Beobachtung verlangt einen Balanceakt zwischen Wahrung der professionellen Distanz einerseits und der vollständigen Integration in den Trainings- und Wettkampfbetrieb andererseits. Jeder der mit intensivem Leistungsdruck und der Öffentlichkeit (Medien) zu tun hat, sollte die Möglichkeit einer Sportpsychologischen Beratung/Betreuung in Betracht ziehen. Sie ist heute wichtiger als je zuvor.

Detlef Christoph Kowaltschuk: Insbesondere im Leistungssport spielt die Psychologie eine noch größere Rolle, da durch die Öffentlichkeit und eine mögliche Medienpräsenz die Wahrnehmung der Sportler viel größer ist. Dadurch erhöht sich ein möglicher „Druck“ exponentiell.

Inwiefern können Vereine und Verbände von ihrem Konzept profitieren und auf welche Art helfen Die-Sportpsychologen als Kooperationspartner?

Marcus Mücke: Neben der psychologischen Betreuung und deren Beratung sowie dem Coaching in den unterschiedlichsten Bereichen, bieten wir auch eine entsprechende Konzepterstellung in den Bereichen des Leistungssports an. Von der finanziellen Konzeptentwicklung für Sportvereine und Vorstände bis hin zum Aufbau von Sportleistungszentren (NLZ) und deren sorgfältigen Betreuung im Kinder- und Jugendbereich. Wir unterstützen Menschen dabei, die als subjektiv belastend empfundenen Situationen im privaten und beruflichen Alltag zu bewältigen, zu erleichtern, zu verändern und Lösungsstrategien mit Ihnen zu entwickeln.

©LIFE BALANCE® begleitet diese Personengruppen in verschiedenen Entscheidungs- und Problemsituationen. Der psychologischen Beratung kommt daher eine besondere Bedeutung für die (psychische) Gesundheit zu. Des Weiteren möchten wir, dass Sie für die Zukunft, professionell und sicher aufgestellt sind. Aufgrund unserer erstklassigen Kooperationen und den damit verbundenen Netzwerken sind wir in der Lage alles aus einer Hand anzubieten. Dieser Vorteil verschafft uns einen hervorragenden Einblick in das Unternehmen „Verein“, sowohl aus betriebswirtschaftlicher, als auch aus medizinisch bzw. psychologischer/therapeutischer Sicht und ermöglicht es uns national und auch international tätig zu sein. Das Netzwerk Die-Sportpsychologen spielt für uns dabei eine ganz besondere Rolle. Das Netzwerk ist sehr gut organisiert und ist im Besitz von fachlich hochqualifizierten Sportpsychologen auf den verschiedensten Ebenen. Diese Tatsache gibt uns bei der Zusammenarbeit und dem Einsatz jener, ein ausgesprochen gutes Gefühl.

Detlef Christoph Kowaltschuk: Durch den ganzheitlichen Ansatz können sehr schnell mögliche Ursachen und Störquellen identifiziert werden. Damit können wir gezielt auf individuelle Bedürfnisse Einzelner eingehen und zeitnah Lösungsvorschläge erarbeiten, die zu Verbesserungen von Abläufen innerhalb des Vereins aber auch zu Leistungsverbesserungen einzelner Sportler führen können. Ähnlich wie in Industrieunternehmen gilt aus unserer Sicht auch für Profisportvereine aber genauso für  „normale“ Vereine, dass eine gesunde Struktur und offene Kommunikation mit einem klaren Ziel-Bild eine sinnvolle Unterstützung sein können. Stabilität in Abläufen und/oder Kernaussagen helfen dabei, eine langfristige und nachhaltige Zielsetzung innerhalb der Strukturen erfolgreich implementieren und umsetzen zu können.

 

Mehr Informationen zu LIFE BALANCE: 

logo-longlifebalance

www.your-lifebalance.de

Info

Das Interview führte Redakteur Mathias Liebing von dem Netzwerk Die-Sportpsychologen mit Marcus Mücke und Detlef Kowaltschuk von LIFE BALANCE. Die-Sportpsychologen und LIFE BALANCE sind Kooperationspartner. LIFE BALANCE greift dabei in der Zusammenarbeit mit Vereinen, Verbänden und Individualsportler auf die Unterstützung von Profilinhabern von Die-Sportpsychologen zurück.

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Thorsten Loch: Richtiges Handeln in der Krise

Bei seiner ersten Station als Cheftrainer steht Torsten Frings vor einer Mammutaufgabe. Gerade einmal acht Punkte hat der SV Darmstadt 98 in den bisherigen 16 Bundesliga-Spielen gesammelt und gilt als sicherer Abstiegskandidat. Neu-Trainer Frings setzt nun auf Mittel, die vielen Teams in Krisenphasen helfen können.

Zum Thema: Die Krise als Chance verstehen

Nicht immer läuft es im Sport so, geschweige denn im alltäglichen Leben, wie wir es uns vorstellen. Die Auswahl und Verschiedenartigkeit von Krisen sind so unterschiedlich, wie der Farbenreichtum der Malkästen meiner Kinder. Von finanziellen Engpässen des Vereins, Verletzungsmiseren oder aber wie im vorliegenden Beispiel die Negativserie. Welcher Natur auch immer die Krise ist, wichtig ist, dass ich sie nicht als ein Hindernis verstehe, sondern dass diese auch Chancen bietet. Lange rede kurzer Sinn: Eine Krise macht die Notwendigkeit bewusst, etwas zu ändern, weil so es wie bisher ist, nicht mehr weitergeht. Da der Trainerwechsel zwar eine der populärsten Methoden im Leistungssport ist, jedoch Nachhaltigkeit vermissen lässt, soll dieser Beitrag zum Anlass nehmen, weitere Möglichkeiten vorzustellen. Vorne weg: Das Schlechteste was man tun kann, ist, vor der Krise die Augen zu verschließen und auf Besserung zu hoffen. Ebenso wenig hilft blinder Aktionismus. Es stellt sich somit die Fragen, an welchen Stellen die Krise ihren Ursprung hat bzw. wo diese wirken?

Früher oder später verlieren alle einmal. Das größte Problem ist jedoch, dass jede Niederlage einen Angriff auf unser Selbstwertgefühl bedeutet. Die Tatsache, dass wir die Leistungen im Sport an den Ergebnissen bemessen, verführt uns dahingehend zu glauben, den Resultaten mehr Beachtung zu geben und irgendwann überzubewerten. Wenn der Erfolg da ist, liegen sich alle Beteiligten in den Armen und es ist wunderbar und fühlt sich gut an. Diese Prämisse führt unabwendbar dazu, dass bei Misserfolg sich Selbstzweifel einstellen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit mit einem schlechten Gefühl in das nächste Spiel zu gehen, womit die Gefahr, erneut zu verlieren, größer wird. Im ungünstigsten Fall entsteht somit eine negative Spirale. Problematisch an einer Negativserie ist vor allem, dass mit jedem Spiel der Druck auf die kommenden Aufgaben wächst, diese müsse jetzt unbedingt den gewünschten Erfolg bringen. Dadurch werden die Beteiligten immer verkrampfter, was ihre Erfolgsaussichten deutlich beeinträchtigen.

Maßnahmenplan

Aus den zuvor geschilderten Gründen ist wichtig, dass die Spieler die Fähigkeit entwickeln, mit einer Niederlage angemessen umzugehen. Für viele ist dies ein Problem. Sie haben nie gelernt, eine Niederlage adäquat zu verarbeiten. Der Ärger ist so immens, dass diese es nicht schaffen, bis zum nächsten Match wieder eine positive Einstellung zu gewinnen. Ein anderes Muster ist, dass alles unternommen wird, um beim nächsten Mal alles besser zu machen, nach dem Motto „Viel hilft viel!“. Dass dies ein übertriebenes Vorhaben ist und deshalb zwangsläufig zum Scheitern führt, ist nachzuvollziehen. Andere nehmen Niederlagen auf die leichte Schulter und lernen nicht aus ihren Fehlern. Sie sehen, es gilt das richtige Maß zu finden. Lothar Linz (2004) empfiehlt u.a. folgende Reaktionen auf Misserfolge:

  • Das richtige Maß an Ärger finden
  • Handlungsfähigkeit wiederherstellen (über einfaches und handlungsbezogenes Coaching)
  • Praktische Konsequenzen aus der Niederlage ziehen
  • Als Vorbild wirken
  • Positives Coaching (z.B. Zuversicht, Angriffslust, …)
  • Positive Bilder schaffen (an frühere Erfolge erinnern, andere Vorbilder aus dem Sport wachrufen, die gemeinsame Vision beschreiben,…)

Glauben an die eigenen Fähigkeiten

Das primäre Ziel für Trainer Frings beim SV Darmstadt 98 sollte zunächst darauf abzielen, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten seiner Schützlinge wiederherzustellen. Den Glauben an die eigenen Fähigkeiten (Stichwort: Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Trainingsmöglichkeiten, siehe den Beitrag vom Kollegen Dr. Paasch) bedeutet, dass die Spieler wieder die Überzeugung erlangen, für die schwere Aufgabe auch die nötigen Mittel/Ressourcen zur Verfügung zu haben, das Ziel Klassenerhalt zu schaffen. Dies hat zur Folge, dass die Spieler wieder handlungsfähig werden. Somit wird aus der momentanen Bedrohung (Abstiegsplatz) plötzlich eine Herausforderung (mind. Platz 16), die es zu erreichen gilt. Dessen ist sich der Trainer bereits bewusst, wie er in seinem ersten Interview berichtet:

„Ich habe selbst erlebt, wie eklig es als Auswärtsmannschaft hier in Darmstadt sein kann. Hier ackert jeder für den anderen. Einsatz, Wille, Leidenschaft – zu diesen Tugenden müssen wir wieder zurück finden. Jeder soll sein Herz in die Mannschaft schmeißen.“ Torsten Frings

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

„Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“

Um diese Stärken sich wieder bewusst zu werden, eignen sich Maßnahmen, wie in dem Schwerpunkt HSV und die Abstiegsangst (Link zum Schwerpunkt). Unterstützt werden sollten diese Interventionen durch positive Bilder. Diese sollen Emotionen bei den Spielern wecken, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Dass dies bereits in Darmstadt funktioniert hat, zeigt die Vergangenheit. Der Spruch von dem vergangenen Jahr leider verstorbenen Fan Jonny Heimes („Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“) bringt es auf den Punkt. Verewigt auf einem Armband war dies ein Zeichen für eine Gemeinschaft, in welcher jeder für jeden alles gibt, egal was passiert. Der Spielertyp Frings verkörpert diese Eigenschaft in seiner Karriere par excellence. Niemals aufgeben und kämpfen bis zum Schluss prägten seinen Spielstil und brachten so manchen Gegner zur Verzweiflung. Letztlich stellt sich die Frage, weshalb es dennoch nicht immer der Trainer gelingt ihre abstiegsbedrohten Teams aus den stürmischen Gewässern in seichtere See zu manövrieren?

Wie ist der HSV noch zu retten?

Eine mögliche Antwort liefert die aus unterschiedlichen Disziplinen/Fachrichtungen bekannte Resilienz-Theorie (Nitsch, 1981). Resilienz oder psychische Widerstandskraft ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch den Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Resiliente Personen haben gelernt, dass sie es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (vgl. Krohne Kontrollüberzeugung). Glück oder Zufall sind dieser Personengruppe instabile Faktoren, lieber nehmen diese es selbst in die Hand. Sie ergreifen Möglichkeiten, wenn sie sich bieten und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten (siehe Zitate Frings). Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind personale Faktoren, Umwelteinflüsse und Prozessfaktoren. Zu den Umweltfaktoren gehören u.a. die Unterstützung die Gemeinschaft.

„Fast niemand glaubt mehr dran. Aber die 30 Leute hier – die Mannschaft und ich, die Geschäftsstelle – wir sind zu 100 Prozent überzeugt.“ Torsten Frings

Emotionen und Handlungen kontrollieren

Zu den personalen Faktoren gehören kognitive wie auch emotionale, also z.B. seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren, seine Selbstwirksamkeitserwartung, die Toleranz für Ungewissheit, die Fähigkeit, Beziehungen aktiv gestalten zu können oder die mehr oder weniger aktive Einstellung zu Problemen (Problemlösungsorientierung; vergleiche dazu die Empfehlungen von Linz). Zu den Prozessfaktoren gehören u. a. die wahrgenommenen Perspektiven, die Akzeptanz des Unveränderbaren und die Konzentration aller Energien auf das als nächstes zu Bewältigende und die dabei entwickelten Strategien.

Fazit: Es bleibt abzuwarten, ob es dem Trainer Frings gelingt, den Abstieg in die zweite Liga zu vermeiden. Ich persönlich bin jedoch fest davon überzeugt, dass es dem Charakter Frings gelingen wird, seine Mannschaft wieder zu alter Stärke zu führen. Ob dies letztendlich sportlich reicht, steht auf einem anderen Blatt Papier, jedoch werden sie sich nichts vorwerfen lassen müssen, nicht alles getan zu haben so wie es „Jonny“ bis zum Schluss getan hat.

 

Thorsten Loch: Trainer unter Druck

Thorsten Loch: Mit neuem Trainer zum Erfolg zurück?

Thorsten Loch: Abstiegskampf – Wie Angst Leistung beeinträchtigt

Literatur:

Krohne, H. W. (1997). Streß und Stressbewältigung. In: Gesundheitspsychologie: ein Lehrbuch. Hrsg. Schwarzer, R.. 2. Überarbeitete Auflage. Hogrefe Verlag: Göttingen.

Linz, L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching: Ein Team bilden, Ziele definieren, Konflikte lösen. Meyer&Meyer Verlag: Aachen.

Nitsch, J. (1981). Streß: Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen. Huber Verlag: Bern.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Wenn heiße Gedanken fehlen

Ende vergangenen Jahres passierte mir etwas, was mir nicht sehr oft zustößt und dennoch kein Drama ist, weil es in Läuferkreisen immer mal wieder vorkommt. Ich habe verloren – der innere Schweinehund hat gewonnen. Was ist also passiert? Für den nicht sportlich-aktiven „Otto-Normalverbraucher“ nichts, was die Welt ins Wanken bringt aber für einen ambitionierten Hobby-Läufer eine krasse Niederlage: 30km Lauftraining waren geplant, nach 10km habe ich aufgegeben. Ich, der „Sportpsychologe“ hat aufgegeben. Was für eine Blamage!

Zum Thema: Trainingsabbrüche und ihre vermeidbaren Gründe

In diesem Beitrag möchte ich zweierlei deutlich machen:  1.) Was die Gründe für ein „Aufgeben im Training“ sein könnten und 2.) Dass Sportpsychologen auch nur Menschen sind, und zwar viel Fachwissen haben und auch einiges an Techniken kennen, aber dennoch dies nicht immer für sich selbst gleich umsetzen können.

Um dies alles noch nachvollziehen zu können, kurz zu meinem sportlichen Hintergrund. Vor ca. vier Jahren (also im Sommer 2012) habe ich nach 28-jähriger Sportabstinenz wieder mit einem regelmäßigen Training und anspruchsvollen, sportlichen Zielen begonnen. Vor meiner “kleinen Pause” war ich ambitionierter Marathon- und Ultramarathonläufer sowie Triathlet. Ich konnte damals den Marathon unter drei Stunden laufen, die 80km in gut sieben Stunden und ich konnte einen Ironman-Triathlon in 11:30 Stunden finishen. Dann kam die lange Zeit der Sportabstinenz. Die Gründe dafür wären einen weiteren Beitrag hier Wert (wer sich dafür schon früher interessiert, der kann das hier auch nachlesen: www.einmalwarichinbiel.de).

Das Comeback

Der Weg zurück zum Sport gelang mir eher beiläufig: Ich absolvierte eine Marathonvorbereitung von zehn Wochen, dann gelang mir ein Finish in 4:30 Stunden in Frankfurt. Es folgten unzählige, weitere Marathonläufe, der Rennsteig Supermarathon, diverse andere, kleinere Ultraläufe, die 100 Kilometer von Biel, eine Dolomitenüberquerung im Laufschritt (ohne Startnummer, aber dafür mit meiner Frau ) und im Jahr 2015 die 4-Trails (160 Kilometer in vier Etappen und gut 8.000 Höhenmeter). Ich war also wieder ambitioniert unterwegs. Im Jahr 2016 passierte allerdings nicht viel, gemessen an den in den drei Jahren vorher absolvierten Zielen. Ich war viel mit meiner Frau auf den Läufen dieser Welt unterwegs. Hier und da mal einen Marathon, aber dann doch eher kürzer. Und die Sellaronda (ca. 70 Kilometer und reichlich Höhenmeter) mit Frauke zusammen (ohne Startnummer) und in zwei Etappen. Dieses Hintergrundwissen ist lediglich aus dem Grund interessant, als dass man mich nicht als einen eher „ziel-losen“, wenig strukturierten oder grundsätzlich pessimistisch ausgerichteten Menschen einordnet, denn ich weiß sehr wohl, was ich (sportlich) schon geleistet habe und was ich kann. Aber solche Momente, wie an diesem Sonntag im Dezember zeigen mir auch meine Grenzen auf oder zumindest ein kurzfristiges „Scheitern“, was es zu analysieren gilt.

Kommen wir nun zum Thema: Wie kommt es zu einem „Trainings-DNF“ – und warum passiert das auch noch ausgerechnet einem Sportpsychologen?

Fehlende Ziele: Wir befinden uns ja gerade in der sogenannten „Übergangsphase“, wenn man diese Periode mal trainingswissenschaftlich betrachtet. Es geht hier im Wesentlichen um „aktive Erholung“, weniger um das Setzen von systematischen Trainingsreizen. Es geht aber auch um das Planen der kommenden Saison und das Finden eines „Saison-Höhepunktes“. Keine Zauberei! Dafür muss man nicht studiert haben. Jeder Ausdauerathlet  weiß und kennt das. Ziele sind mächtige „Motivations-Motoren“. Das Absolvieren ganz bestimmter Läufe oder sportlicher Projekte, die man für sich selbst als ausgesprochen herausfordernd, aber auch machbar hält, halten Aufmerksamkeit fokussiert und „energetisieren“, nicht für das Aufnehmen des Trainings oder während des Trainings, sondern durchaus auch im Alltag, denn man hat ja immer etwas, auf das man sich – in absehbarer Zeit – freuen kann, was man sich täglich „visionär“ vor Augen halten kann. Je früher man ein solches Ziel hat, desto einfacher läuft`s im Training .  Status zurzeit bei mir: Ich habe keines!

Ungünstige, aktuelle Rahmenbedingungen: Draußen ist es kalt und nass, und es wird schnell dunkel. Darüber hinaus war ich alleine unterwegs. Wenn das „große Ziel“ fehlt, wird alles schwerer im Training. Bei gutem Wetter oder in netter Begleitung, kann man die Laufmotivation trotzdem hochhalten. Aber wie war das an jenem Sonntag: Kalt, nass, dunkel, alleine!

Nicht funktionierende Mental-Techniken: Aber Mensch! Du bist doch Sportpsychologe! Du brauchst doch nur die richtigen Selbstgespräche und die richtigen Vorstellungsbilder. Das ist doch einfach! Pustekuchen. Natürlich kenne ich die richtigen Selbstinstruktionen und Vorstellungsbilder für eine solche Situation. Das mit den Selbstinstruktionen ist da so eine Sache. Diese funktionieren nämlich nur, wenn man in der Lage ist, mit diesen Selbstgesprächen eine Veränderung der Selbstwahrnehmung und der subjektiven Einschätzung der eigenen Situation umzusetzen. Und das funktioniert natürlich nur, wenn man weiß, wofür man das tut. So ist es auch mit den Vorstellungsbildern, die man in der Regel immer wieder auf das neue Ziel hin aktualisieren muss. Ansonsten bleibt diese „Technik“ wirkungslos. Es sind dann eben „kalte Kognitionen“ und keine emotional „heiße Gedanken“, die man dann auch gut strukturiert und individualisiert auf das Ziel hin ausrichten kann. Status derzeit bei mir: Kein Ziel – keine heißen Gedanken!

Nicht optimale körperliche Verfassung: Selbst, wenn man dann doch noch in der Lage ist, sich aufzuraffen, die Laufschuhe anzuziehen und zum See zu fahren und sogar losläuft, kann es passieren, dass man aus einem Impuls heraus aufhört. Manchmal weiß der Körper etwas sehr viel früher als der Geist das wahrnehmen möchte. Wenn ein Infekt im Anflug ist, und man trotzdem sehr fokussiert ist, kann man das schnell „übersehen“. Florian Reus (Link zum Insiderbericht), z.B. unser Spartathlon-Sieger aus dem Jahr 2015 und 24-Stunden Weltmeister hat genau das bei seinem letzten 24-Stunden-Rennen erfahren müssen. Er lief das Rennen, kam auch im Ziel an (d.h. er war 24 Stunden lang unterwegs, allerdings in einer für ihn nicht guten Laufleistung) und am nächsten Tag war er krank. Status bei mir: Muss ich abwarten – sieht aber nicht danach aus.

Sportpsychologe – Sportler – Professor für Sportpsychologie – Mensch. Ja, ich bin sicherlich so etwas Ähnliches wie ein „Experte“ für Fragen der Psyche im Sport – ich bin aber auch nur ein Mensch. Ich weiß ziemlich viel zu dem Thema und kenne auch viele Techniken, die man braucht, um seine Leistung zu optimieren. Ich habe auch schon relativ viel Erfahrung in der Arbeit mit Athletinnen und Athleten. Aber genau das auch der Punkt. Ich bin sehr viel besser in der Arbeit mit anderen Sportlern, als in der Arbeit mit mir selbst. Warum? Weil ich eben Teil des nicht-funktionierenden Systems bin. Mir gelingt es in solchen Situationen wie am Sonntag nicht, „mich von mir selbst zu lösen“ und die Situation dann sozusagen, eher “neutral“ von außen zu betrachten. Ich habe – unter Abwägung aller Vor- und Nachteile eines Trainingsabbruches – einfach einem Impuls nachgegeben. Hat man keine „Vision“, ist es viel leichter einfach einem Impuls nachzugeben. Das ist meines Erachtens auch der Grund, warum so viele Ratgeberbücher häufig „ins Leere“ laufen. Es wird Wissen vermittelt und es werden auch Techniken erläutert, aber die Umsetzung als Autodidakt erfordert schon eine ganze Menge an Abstraktionsfähigkeit, Selbstdisziplin und Fähigkeit der Selbstreflexion. Probleme bei Athleten sind immer individuelle Probleme. Es sind keine Probleme „von der Stange“ und es gibt auch somit keiner Lösung „von der Stange“. Das – also das Lösen von Blockaden –  ist immer leichter, wenn man einen „Gegenüber“ hat, mit dem man sich zu diesen Themen austauschen kann. Und genau das ist meines Erachtens die Kunst eines jeden Sportpsychologen, nämlich die Fähigkeit, sehr individuelle Probleme der Athleten zu verstehen, sie nachvollziehen zu können und dann die richtigen Impulse zu setzen, die der Athlet braucht, um sich selbst zu optimieren. Fachwissen und Techniken sind auch relevant, aber die hier vorher angedeutete Grundhaltung ist sehr viel wichtiger. Eine „Außensicht“ ist für mich dabei absolut notwendig, um hier wirklich wirksam zu werden. Ist man Teil des (dysfunktionalen) Systems, funktioniert das in aller Regel eher selten. Meine Situation: Am Sonntag war ich selbst das dysfunktionale System.

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Weitere Informationen

Tipps bei Trainingsmotivationsproblemen

Und was lernen wir daraus? Wenn man Trainingsmotivationsprobleme hat, sucht Euch ein für Euch individuell bedeutsames Ziel. Sammelt Bilder und Videos dazu und schaut sie Euch so oft wie möglich an. Schreibt Euch ein Drehbuch dafür und baut dort auch die richtigen Selbstgespräche ein. Redet mit anderen darüber – tauscht Euch aus und freut Euch an dieser „Vision“. Habt ihr das nicht, dann sucht Euch jemanden, mit dem ihr trainieren könnt. Versucht außerdem das Training in Zeiten zu legen, zu denen ihr auch Spaß am Laufen habt, ohne einen Leistungsaspekt verbinden könnt und hört gut in Euch hinein für den Fall, dass da evtl. „etwas im Anflug ist“. Und wenn ihr als Sportler auch gleichzeitig Sportpsychologe seid, dann sucht Euch einen Intervisionspartner, der die manchmal nötige “Außensicht“ hat – das kann man dann auch ruhig über die sozialen Medien machen – wie ich das auch gemacht habe – siehe Facebook-Post oben. Ich habe aus den Feedback-Beiträgen die oftmals notwendige „Außensicht“ bekommen und in meine abschließende Bewertung der Situation einbezogen. Und was soll ich sagen: „Es geht mir wieder gut“.

Ich wünsche Euch allen ein erfolgreiches und motivierendes Jahr 2017!

 

Florian Reus über die Angst vor dem Glücksgefühl

Prof. Dr. Oliver Stoll: 100 km Laufen ist (r)eine „Kopfsache“

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Dr. Hanspeter Gubelmann: 2017 – Machen Sie etwas «passend Unpassendes»!

Jahreswechselzeit – Zeit für die „guten Vorsätze“ also! Dies trifft für Spitzensportler vielleicht in geringerem Masse zu, da sie ihre Saisonziele und Wettkampfplanungen für 2017 schon längstens ausgearbeitet haben, die ersten Trainingsmassnahmen bereits in Angriff genommen wurden. Manch’ Hobbysportler dürfte hingegen vor der mitunter spannenden Frage stehen: Soll es im nächsten Jahr wie gewohnt weitergehen oder ist es Zeit für eine Veränderung? Alle, auch wir Sportpsychologen, könnten uns fragen: Wäre 2017 nicht ideal, um mal etwas «passend Unpassendes» in Angriff zu nehmen?

Wie motiviertes Handeln aus wissenschaftlicher Sicht einsetzt, habe ich an gleicher Stelle vor einem Jahr zu erläutern versucht. Motivationsforscher Gollwitzer (1999) legt uns nahe, einen „simple plan“ zu entwickeln, der unseren getroffenen Verhaltensvorsatz in enger Verbindung mit vorausgeplanten Handlungsstrategien definiert.

http://die-sportpsychologen.ch/2015/12/22/dr-hanspeter-gubelmann-scheitern-sie-2016-erfolgreicher/

Mit der Idee, etwas «passend Unpassendes» als Vorsatz für 2017 zu propagieren, schlage ich nun eine andere, vergleichsweise unkonventionelle Vorgehensweise vor. Diese möchte ich anschliessend am Beispiel eines Eigenversuchs darstellen und praxisnah erläutern.

Der Einstieg: Cycling Greater Yellowstone

Am Anfang einer Veränderung steht im Sport häufig eine Zäsur. In meinem Fall bestand diese in einer schwerwiegenden Knieverletzung, die ich mir vor zwei Jahren zugezogen hatte. Wie jeder sportlich ambitionierte Mensch erlebte ich diese Situation als einschneidend und emotional belastend. Mein Vorteil als Sportpsychologe bestand aber darin, dass ich wusste, welchen Nutzen mir die mentale Rehabilitation einer Sportverletzung bereiten könnte (vgl. Marcolli 2002). Entsprechend wollte ich mir ein neues sportliches Ziel setzen und dieses mit einem massgeschneiderten Plan (in Anlehnung an Gollwitzer) in Angriff nehmen. Passend zu meinem bisherigen sportlichen Tun war, Leistungsziele zu priorisieren. Deshalb zielte mein allererster Plan darauf ab, ein ziemlich anspruchsvolles Mountainbike-Eintagesrennen, das Pierre’s Hole 100miles Bike Race, in den Rocky Mountains zu bestreiten, notabene an der Seite eines amerikanischen Mountainbike-Champions. Unpassend für mich damals war, wie ich diesen Plan zugunsten eines ganzen anderen Events umstiess.

Meine Devise lautete neu: Cycling Greater Yellowstone! Diese geführte, mehrtägige Tour um und durch den Yellowstone Nationalpark führt den Pedaleur über rund 800km, wobei es 10’000 Höhenmeter zu überwinden galt. Bei diesem Anlass ist das Ankommen das Ziel, eine Zeitmessung entfällt! Entsprechend „baute“ ich meinen Trainingsplan – auch methodisch – völlig um, entwickelte mit ETH-Sport-Studierenden ein Trainingsseminar „Flow“ und genoss im August 2015 einen einzigartigen Sportanlass der Superlative.

Die Rückblende auf Cycle Greater Yellowstone lehrte mich zumindest drei Dinge: Es lohnt durchaus, selbst in etwas fortgeschrittenem Alter Gewohnheiten zu verändern! Dabei führt das Erleben eines Gegensatzes zu einem Kontrast, der die Prägnanz des Eindrucks ganz erheblich steigert. Und schliesslich für das Selbstverständnis eines Sportpsychologen bedeutsam: Es war für mich lehrreich, eigene mentale Strategien und Trainingstechniken einmal mehr im Selbstversuch zu üben und anzuwenden!

image165Unpassend und doch passend: Der Bierathlon!

2016 machte ich mich auf, dieses tolle Erlebnis aus dem Vorjahr abermals ins Visier zu nehmen, ehe mich ein erneuter gesundheitlicher Rückschlag ereilte. Dieses Mal durchkreuzte eine Lungenoperation meine (Trainings-)Pläne, gefolgt von einer motivational „durchzogenen“ Reha-Zeit. Es fiel mir in den Wochen nach dem erfolgreich verlaufenen Eingriff schwer, wieder richtig Tritt zu fassen. Ich trainierte zwar ordentlich aber wenig motiviert – bis eine Arbeitskollegin mich mit dem Virus einer „Schnappsidee“ infizierte: „Komm, Hanspeter, lass uns den Bierathlon in Zürich laufen!“ Passend zu meiner Art sagte ich spontan zu, noch in völliger Unkenntnis der besonderen Rahmenbedingungen dieser Veranstaltung. Diese legen alkoholhaltiges Bier als Sportgetränk in vorgeschriebener Menge fest. Ein Umstand, der in Sportkreisen eher als „unpassend“ gelten und für Kopfschütteln sorgen dürfte. Der Zürcher Bierathlon führt 2er-Teams über eine Laufstrecke von 7km Länge, wobei ein Kasten Bier mitgetragen werden und das Bier am Ende des Laufes getrunken sein muss.

Über Sinn oder Unsinn einer Teilnahme an einer solchen Veranstaltung lässt sich offenkundig streiten. Unstrittig hingegen erschien mir die Passung zu den drei oben beschriebenen, motivierenden Aspekten. Ein solcher Lauf bedeutete für mich „Neuland“. Eine Teilnahme am Bierathlon stand zudem in einem deutlichen Kontrast zu sämtlichen bisherigen Sporterlebnissen. Und auch die Anwendung mentaler Strategien und Fähigkeiten versprach interessante Erfahrungen!

Eigentlich nur eine Schnapsidee

Für die körperliche Vorbereitung blieben uns drei Monate Zeit, die ich mit moderatem und vielseitigem Fitness- und Lauftraining nutzte. Unser vorrangiges Ziel war, den Lauf zu beenden, ohne uns dabei an einer bestimmten Sollzeit zu orientieren. In Anlehnung an die bekannte „Drehbuch-Technik“ (vgl. Alfermann & Stoll, 2016) planten wir unseren Einsatz in Etappen, mit entsprechenden Massnahmen (z.B. „Körpercheck“ nach dem ersten Kilometer) und vorgesehenen Trinkpausen. Unser Plan sah vor, zu Beginn relativ viel zu trinken, den Konsum anschliessend auf einem moderaten Pegel zu halten und das restliche Bier kurz vor Erreichen der Ziellinie auszutrinken. Wichtig schien uns auch das Festhalten des unmittelbaren Erlebens, indem wir uns eine Form der „Experience-Sampling-Method“ zu Nutze machen wollten. Zu Beginn jeder der insgesamt sechs Runden sprachen wir unsere Eindrücke und Erlebnisse auf ein mitgeführtes Smartphone. Diese audiovisuellen Rückmeldungen setzten wir im Anschluss an den Lauf für ein sehr interessantes Debriefing ein. Diese authentische Rückschau auf einen letztlich gemeinsam erfolgreich absolvierten Bierathlon verstärkte unsere positiven Erfahrungen nochmals deutlich!

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Weitere Informationen

Fazit: Motiviertes Handeln im Sport kann ursächlich aus ganz unterschiedlichen Situationen entstehen. Eine Zäsur, die einen Neuanfang oder Neuausrichtung zur Folge hat, bietet dazu einen interessanten Ausgangspunkt. Wer den Jahreswechsel – auch im Sinne der Vorsatzbildung – als einen solchen Ausgangspunkt wählt, könnte sich aktuell der spannenden Frage zuwenden: Was wäre für mich im Jahre 2017 das «passend Unpassende»?

 

Quellen:

Alfermann, D. & Stoll, O. (2016) Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (4.Aufl.), Aachen u.a.: Meyer & Meyer.

Gollwitzer, P. M. (1999) Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54 , 493-503.

Marcolli, C. (2001). Die psychologische Rehabilitation von Verletzungen. GFS-Schriften, 24, ETH Zürich.

Larsen, R. & Csikzentmihalyi, M. (1983). The Experience Sampling Method. In: H. T. Reis (Ed.), New Directions for Methodology of Social and Behavioral Sciences (vol. 15, 41–56). San Francisco: Jossey-Bass.

 

http://die-sportpsychologen.ch/2015/12/22/dr-hanspeter-gubelmann-scheitern-sie-2016-erfolgreicher/

http://www.bierathlon.ch/cms/index.php

http://www.grandtarghee.com/event/2016-pierres-hole-50-100-mtb-race/

https://www.cyclegreateryellowstone.com

 

Bildlegende:

Cycle Greater Yellowstone ist ein Sporterlebnisse der Extraklasse!

Videoclip Bierathlon

https://www.youtube.com/watch?v=ROE39ANFgpE

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