Elvina Abdullaeva: Die Stärke der Schwachen

Am Freitag, den 15. August, startet der DFB-Pokal. Den Auftakt macht die Partie zwischen dem Verbandsligisten SV Alemannia Waldalgesheim und dem Bundesligisten und Champions League-Qualifikanten Bayer Leverkusen. Wer der Favorit in diesem Spiel ist, steht nicht zur Debatte. Aber ist die Außenseiterposition denn wirklich so aussichtslos?

Zum Thema: Worin liegt eigentlich der Vorteil der Außenseiter?

Eine favorisierte Mannschaft übertrifft ein offensichtlich unterlegenes Team in vielerlei Hinsicht. Der Favorit hat einen Kader mit höherem Spielniveau, mehr Erfahrung, bessere Vorbereitungsbedingungen, ein größeres finanzielles Vermögen und in der Regel die größere Anzahl an Anhängern im Rücken. Alles spricht also für den Sieg eines Favoriten. Fast. Psychologisch gesehen, hat nämlich der Außenseiter viele Vorteile, die am Ende zum Sieg führen können.

Freiheit und Motivation

Der Favorit muss gewinnen. Das Team weiß das selbst. Dazu kommt die hohe Erwartungshaltung der Medien und Fans. Diese Verantwortung für das Ergebnis erzeugt einen gewissen Druck auf die Mannschaft. Diese Lage verschlimmert sich oft, wenn der Gegner unterschätzt wird. Verlaufen also die ersten zehn Minuten der Partie “auf Augenhöhe”, kann bei den Spielern des favorisierten Teams der ungünstige Gedanke, “was wenn wir versagen“, auftauchen. Solch ein leistungsbeeinträchtigender Gedanke lenkt den Sportler ab und führt dazu, dass derjenige sich nicht mehr auf spielrelevante Aspekte fokussiert.

Die unterlegene Mannschaft steht nicht unter dem Druck, unbedingt gewinnen zu müssen. Denn falls der Außenseiter verliert, wird diese Niederlage auf keinen Fall als Misserfolg gesehen. Vielmehr dürfen sich die Spieler ausprobieren und Fehler machen. Das wirkt schon befreiend. Diese Freiheit lässt sich dazu nutzen, dass der schwächere Gegner mit einer größeren kämpferischen Einstellung ins Spiel geht und durch mutiges, riskantes Agieren das Spiel gewinnen kann.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der für das Außenseiterteam spricht, ist die Motivation. Favoriten sind in der Regel nur mäßig motiviert. Dies lässt sich dadurch erklären, dass bei einer Spitzenmannschaft Siege gegen schwächere Gegner als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Deshalb bringt ein Sieg über die unterlegene Mannschaft für den Favoriten ein nur unzureichendes Erfolgserlebnis (vgl. Baumann, 2008). Der Sieg gegen eine höherklassige Mannschaft wird von dem schwächeren Gegner hingegen als eine Herausforderung gesehen. Dies trägt enorm zur Motivationssteigerung bei. Das heißt, dass die Spieler mehr Interesse an dem Wettkampf haben und mit einer positiven Grundstimmung ins Spiel kommen. Dies wiederum kann zu größerer Ausdauer beitragen (vgl. Stoll et. al. 2010). So kann die unterlegene Mannschaft beispielsweise die ständigen Angriffe der Favoritenmannschaft besser abwehren oder bis zur letzten Minute der Nachspielzeit kämpfen.

Glaube an sich selbst

Eine wesentliche Voraussetzung für ein hochmotivierendes und befreites Spiel des Außenseiters ist die kollektive Selbstwirksamkeit und der Glaube, dass das eigene Team die realistische Möglichkeit hat, den Favorit zu besiegen. Die Aufgabe des Trainers ist, den Spieler deutlich zu vermitteln, warum seine Spieler in der Lage sind, das Spiel zu gewinnen. Der Fokus der Vorbereitung soll auf eigenen Stärken und Spielstrategien liegen, mit deren Hilfe die Schwächen des Gegners ausgenutzt werden können.

Die Grundlage für die immer wieder auftretenden Favoritenstürze im DFB-Pokal sind also zusammengefasst das begründete Selbstvertrauen, die Freiheit von den Erwartungen und die hohe Motivation des Außenseiters.

Quellen

Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Hans Huber Verlag.
Baumann, S. (2008). Mannschaftspychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.).Aachen: Meyer& Meyer

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