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Andreas Meyer: Richtig bewerten lernen

Athleten sind keine Maschinen, sondern Individuen, welche ihre erbrachte Leistung unterschiedlich bewerten und verschiedene Motive bei der Ausübung ihres Sports verfolgen. Nachdem es in den bisherigen Teile der Serie “Zielsetzung und Motivation im Sport” um die Strategie zur Zieldefinition, verschiedener Arten von Zielen und den Einflussfaktor Zeit ging, steht im vierten Teil nun die Ursachenzuschreibung im Fokus. Diese kann fulminante und fatale Folgen haben.  

Zum Thema: Zielsetzung und Motivation im Sport (Teil 4)

„Bewerten verändert das Bewertete“ (Georg Wilhelm)

Der Attributionsstil des Sportlers in Bezug auf seine positiven und negativen Leistungen kann laut Martin Seligmann in acht Kategorien eingeordnet werden. Dabei werden folgende Ursachen für ein Verhalten bzw. Abschneiden verantwortlich gemacht.

Intern vs. Extern

Stabil vs. Variabel

Generell vs. Spezifisch

Diese Attributionsstile erkläre ich anhand eines Beispiels: „Wie kann es sein, dass ich dieses Spiel verloren habe?“

Führen bestimmte Attributionen zu Depressionen?

Laut Seligmann führt ein Attributionsstil, der schlechte Ergebnisse ständig als intern-stabil-generell sieht zu starken Problemen bis hin zu Depressionen, da der Athlet seine Situation als sein eigenes Versagen beurteilt, welches immer auftritt und er es auch nicht bewältigen kann (auch wenn dies offensichtlich nicht so ist).

Ein Sportler der immer extern-variabel-spezifisch bewertet, wird den Grund des Versagens immer in den anderen sehen. Die Versagenssituation wird als Ausnahme betrachtet, die aber nur hin und wieder mal vorkommt. Wichtig: Generell ist keiner der Attributionsstile als schlecht zu verurteilen. Wichtig ist, dass der Athlet die Situation realistisch bewerten kann.

Attribution verrät viel

In Bezug auf die Zielsetzung ist es sehr interessant zu betrachten, welche Art von Attribution der Sportler standardmäßig anwendet. Dies kann in Bezug auf das Setzen von Zielen wichtige Erkenntnisse liefern. Ein Athlet, der beispielsweise ständig intern-stabil-generell bewertet, läuft Gefahr, bei ständigen Misserfolgen, stark an Selbstvertrauen zu verlieren. Daher kann es hier sinnvoll sein, die Wahrscheinlichkeit zum erfolgreichen Erreichen des Ziels zu erhöhen. Dieser Athlet braucht einfach mehr Erfolge als jemand, der sein Versagen immer den äußeren Umständen zuschreibt.

Der ständig extern attribuierende Sportler wird sehr selten seine eigenen Fehler entdecken und somit seine Leistung nicht dauerhaft verbessern können. Denn er selbst scheint ja keinen Einfluss auf das schlechte Abschneiden zu haben.

Zuschreibung von Erfolgen

Jetzt haben wir uns hauptsächlich mit dem Beurteilen von Versagen beschäftigt, jedoch ist auch das Zuschreiben von Erfolgen ein elementarer Bestandteil. Hier verhält es sich nahezu andersherum. Werden die Erfolge hauptsächlich extern attribuiert, so ist der Hauptverantwortliche für das Abschneiden immer der Zufall. Attribuiert der Athlet seinen Erfolg allerdings auf seine hervorragende Vorbereitung zur Saison (intern-variabel-spezifisch), so wird er an Selbstvertrauen und Motivation gewinnen.

Hierbei wird das Kommittent des Sportlers mit den Zielen wieder interessant. Es kann sehr sinnvoll sein, wenn der Athlet seine Ziele vorher als realistisch und ihm zugehörig festlegt. Dies kann bei der späteren Bewertung des Erfolgs (auch bei Sportlern, die Erfolge gerne dem Zufall zuschreiben) thematisiert werden, da der Sportler dieses Ziel als durch sich erreichbar anerkannt hat. Eine unrealistische externe Attribution des Erfolgs kann somit umgangen werden und der Sportler geht gestärkt aus seiner Erfolgssituation hervor – denn er weiß, er selbst hat etwas Tolles geleistet.

Fazit

Achtet bei der Bewertung eurer Leistung, nicht nur darauf, ob ihr das Ziel erreicht habt. Haltet die Augen offen und schaut, ob euer Attributionsstil tatsächlich eine realistische Bewertung eurer Leistung ist.

Alle Texte der Blog-Serie von Andreas Meyer zum Thema Ziele:

Teil 1:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/18/andreas-meter-wo-fuehren-deine-ziele-hin/

Teil 2:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/25/andreas-meyer-welches-ziel-strebe-ich-an/

Teil 3:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/08/07/andreas-meyer-ziele-vs-zeit/

Zur Profilseite von Andreas Meyer:

Andreas Meyer

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Dr. Christian Reinhardt: Emotionen im Sport

Auf der einen Seite die in die Jahre gekommene Box-Legende Floyd Mayweather. Auf der anderen der Mixed Martial Arts-Supertar Conor McGregor. Diese Konstellation zweier Weltklasse-Athleten aus zwei unterschiedlichen Kampfsportdisziplinen, die am 26. August 2017 in Paradise, Nevada, im Boxring gegeneinander antreten, elektrisiert die Welt. Dass der Kampf nicht nur Box- oder MMA-Fans aus dem Sessel hebt, liegt an einer in dieser Form neuen Dimension von Spektakel. Schon Monate vor dem Fight begannen Scharmützel, ausgetragen in gemeinsamen PR-Aktionen, Auftritten in Fernsehshows oder Verbalattacken, die sich über Social Media-Kanäle weltweit in Windeseile verbreiteten und häufig auf unterhalb der Gürtellinie zielten. Auch aus sportpsychologischer Sicht versetzt dieser Kampf Grenzen. 

Zum Thema: Sportpsychologische Wettkampfvorbereitung im Kampfsport

Wie keinem Zweiten gelingt es Conor McGregor seit Jahren, seine Kontrahenten schon vor dem Kampf zur Weißglut zu treiben. Im Video erklärt Dr. Christian Reinhardt die Strategie dahinter und beantwortet auch die Frage, inwieweit sich Nachwuchsathleten oder ambitionierte Amateursportler daran orientieren können. Zudem zeigt der sportpsychologische Experte für Kampfsportarten auf, wie sich solche Angriffe effektiv kontern lassen.

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Ihr habt Fragen an Dr. Christian Reinhardt? Dann kontaktiert den Kampfsportexperten von Die-Sportpsychologen gern direkt: Zum Profil von Dr. Christian Reinhardt Darüber hinaus freuen wir uns über Feedback zu unseren Videos, Texten und Aktivitäten.

Zusatzmaterial, Links und Verweise 

Instagram ist nur einer der virtuellen Kampfplätze zwischen Floyd Mayweather und Conor McGregor.

It won’t even take me half a punch to sleep this man.

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In Deutschland wird der Kampf zwischen Floyd Mayweather und Conor McGregor am Sonntag, den 27. August, ab 3 Uhr MESZ exklusiv beim Internet-Streaminganbieter DAZN übertragen:

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Mehr von Dr. Christian Reinhardt:

Christian Reinhardt: The Walkout – Der richtige Weg im Tunnel

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Christian Hoverath: Den Match-Tie-Break meistern

„Ich verliere im Match-Tie-Break immer“ – so, oder so ähnlich lautet zur Zeit eine wachsende Zahl an Nachfragen, die mich erreichen. Die Ursachen sind so vielfältig wie die Lösungsansätze, und so möchte ich im Folgenden exemplarisch auf zwei Gedankengänge eingehen. Einer betrifft unsere Sprache, der andere unsere Konzentration. Gemeinsam haben sie, dass sie in aller Regel effektiv wirken. 

Zum Thema: Einfache Techniken für entscheidende Spielsituationen 

Sprachlich ist das Wort „immer“ eine Wucht. Dieses immer ist dann angebracht, wenn man einen groben Überblick geben will. Der Nachteil ist allerdings, dass das Problem durch dieses kleine Wort größer erscheint als es tatsächlich ist. Im Falle eines Tennisspielers, der den Match-tie-Break „immer verliert“, kann dies problematisch werden.

Was macht also dieses Wort immer? Probleme, die man immer hat, erlebt man schwerwiegender als Probleme, die man hin und wieder hat und in der Vergangenheit schon bezwingen konnte. Mehr noch: Probleme, die man immer hat, sind schlimmer als Probleme zu bestimmten Zeiten bei bestimmten Themen. Das kleine Wort „immer“ macht das Problem somit größer als es tatsächlich ist. Hinzu kommt, dass es auch für die Zukunft eine Lösung quasi ausschließt.

Gegen die Schwere ankommen

Unsere Aufgabe ist es nun, zu relativieren: Um das Problem auf seine tatsächliche Größe herunter zu brechen, empfiehlt es sich dabei, mit Differenzierungen zu reagieren und Ausnahmen zu finden. So könnte man sich die Frage stellen: „Ich habe also in der Vergangenheit schon oft einen Match-Tie-Break verloren. Wann denn und wann nicht?“ Durch diese Frage, wie es in der Vergangenheit war, hält man sich Optionen für die Zukunft offen. Zudem hilft die Frage nach Ausnahmen, um gegen die Schwere anzukommen.

Eine weitere Möglichkeit ist es, über die Ausrichtung der Konzentration nachzudenken, denn der Match-Tie-Break ist nun einmal etwas Besonderes. Das Spiel nähert sich einer Entscheidung. Durch die veränderte Zählweise verändert sich die Wahrnehmung. Häufig verändert sich aufgrund der veränderten Situation auch der Konzentrationsfokus. Es kommen Gedanken auf wie „mach jetzt keinen Fehler“ oder dergleichen. Es entstehen lebendige Bilder von dem, was man nicht will, anstelle sich einen Film von dem zurechtzulegen, was man erreichen möchte. Was will ich denn statt des Fehlers machen?

Kreative und individuelle Lösungen

Zuschauer können in dieser Situation häufig Spieler beobachten, die sich verstärkt über ihre Fehler aufregen. Bliebe man beim Spiel „Punkt für Punkt“, dann ist es weiterhin Tennis. Der Ball muss übers Netz und wer den Ball einmal häufiger fehlerfrei ins Feld des Gegenübers spielt, der bekommt den Punkt. Deswegen lohnt es sich, ins Training der Konzentrationsfähigkeit zu investieren und zu lernen, die Konzentration auf das Ziel zu lenken. Empfehlenswert sind Visualisierungen vom Erwünschten und Konzentrationsroutinen, um zielführend mit dieser Ressource umzugehen.

Christian Hoverath: Die Pausen im Tennis

Übrigens, da ich gerade schrieb, dass sich mit der veränderten Zählweise auch die Wahrnehmung verändert, lässt sich natürlich auch mit dieser Wahrnehmung spielen: Ein Tennisspieler fand, dass alle Punkte wie gelbe Luftballons seien und der Match-Tie-Break dann wie rote. Also bliesen wir ganz viele gelbe auf und 18 rote und diskutierten darüber, wie sie sich unterschieden. Was will ich mit diesem Beispiel sagen? Ganz einfach: Die Antworten und Techniken auf die jeweilige Problemstellung, die euch plagt, können sehr, sehr verschieden sein. Ich freue mich also, mit euch kreativ zu werden und lade zur Kontaktaufnahme ein. Zum Profil von Christian Hoverath.

Literatur

Prior, Manfred & Tangen, Dieter (2016). MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH.

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Lena Tessmer: Negativbeispiel DSV

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Fiasko, Wut, verkorkstes Großereignis und Lethargie sind nur einige Stichpunkte, die in der medialen Berichterstattung über das Abschneiden und Verhalten der deutschen Schwimmer*innen bei der Schwimm-WM in Budapest gefallen sind. Es gab und gibt Streit im Verband und es mangelt an Vertrauen. Es entsteht der Eindruck, dass es seit vielen Jahren sowohl körperlich als auch mental bei den deutschen Schwimmer*innen und im Team nicht mehr „passt“. Die Berichterstattung hört sich vor und nach jedem Schwimm-Großereignis gleich an – eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Zum Thema: Die negativen Emotionen im deutschen Schwimmverband und deren Auswirkungen auf die Leistungen

Eines wurde während der Schwimm-WM im Juli im ungarischen Budapest auf Basis der medialen Berichterstattung deutlich: Im deutschen Schwimmverband herrschen offenbar negative Emotionen und schlechte Stimmung vor. Selbst Franziska Hentke, die einzige Medaillengewinnerin (Silber über 200m Schmetterling) dieser WM, zeigte sich enttäuscht darüber, dass ihr Trainer nicht zum DSV-Trainerstab gehört. Von Bitterkeit und Trotz war die Rede. Philip Heintz wünschte sich mehr Ruhe und Vertrauen und weniger Kritik, um sich auf sein Training konzentrieren zu können. Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, dass die Aufmerksamkeit auf ausschließlich negativen Emotionen nicht zur maximalen Leistungserbringung führt.   

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Kann das Abschneiden der deutschen Schwimmer*innen auch als erfolgreich eingestuft werden?

Ja, kann es! Im internationalen Vergleich hat Deutschland eher einen kleinen Schwimm-Kader. Im Vorfeld hat der DSV-Bundestrainer Lambertz seine realistische Zielsetzung mit drei Medaillen-Hoffnungen benannt. Eine ist es geworden. Die deutschen Schwimmer*innen sind also zu 33,3% erfolgreich gewesen. Im Sport auf internationalem Hochleistungsniveau gibt es unzählige Variablen, die im Vorfeld nicht kalkulierbar sind. Das macht den Sport ja so emotional und spannend. Erwartungen sind nicht übertroffen worden, aber mit etwas Wohlwollen kann gesagt werden, dass die Leistungen solide waren.

Silber!!! Franzi, Danke für das Rennen!! #FranziskaHentke #waterinstinct #FINAWorlds

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Wo sollen die positiven Emotionen herkommen?

Die deutsche Medaillengewinnerin Hentke ist ein Paradebeispiel für Willenskraft, Durchhaltevermögen und Fokus. Sie gibt preis, dass sie sich vor ihrem Finallauf in ein anderes Setting gedacht hat. Sie hat das tobende Stadion „einfach“ ausgeblendet. Sie gehört mit ihren 28 Jahren bereits zu den älteren Athleten. Sie hat bei dieser WM einen starken Kopf bewahrt und möglicherweise hat das den entscheidenden Unterschied gemacht. Im Konkurrenzkampf mit der internationalen Spitze geht es im Schwimmsport letztendlich um Hundertstelsekunden. Am Ende gewinnt (vielleicht) der stärkste Kopf?

Hentke ist zu Recht stolz auf ihre Medaille und Schwimm-Deutschland darf das auch sein. Die zum Teil berechtigte Kritik am DSV der letzten Jahre hat nicht zu Schwimmerfolgen geführt. Die Aufmerksamkeit auf die Erfolgsgeschichten zu richten, die der Schwimmsport immer noch schreibt, könnten vielleicht zu einer Wendung führen. Den Stolz und die Leidenschaft für das nächste Großereignis zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu machen, wäre zumindest ein Versuch wert.  

 

Literaturverzeichnis

Haack, Melanie (2017). Die verheerende WM-Bilanz der deutschen Schwimmer.

Verfügbar unter: https://www.welt.de/sport/article167188466/Die-verheerende-WM-Bilanz-der-deutschen-Schwimmer.html [07.08.17]

Haack, Melanie (2017). Die bitteren Tränen der großartigen Franziska Hentke.

Verfügbar unter: https://www.welt.de/sport/article167131873/Die-bitteren-Traenen-der-grossartigen-Franziska-Hentke.html [07.08.17]  

Hornung, Christian (2017). Warum Bundestrainer Lambertz ins Schwimmen gerät.

Verfügbar unter: http://www.sportschau.de/weitere/schwimmen/analyse-schwimm-wm-henning-lambertz-100.html [07.08.17]

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3. Netzwerktreffen in Berlin – 24.11.2017

Das dritte Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen findet am Freitag, den 24. November 2017, statt. Ab 20 Uhr nutzen die Profilinhaber von Die Sportpsychologen die Räumlichkeiten des Leistungszentrums der E-Sport Organisation Penta Sports in Berlin. Am darauffolgenden Samstag, den 25. November 2017, startet an gleicher Stelle die Premiere der Veranstaltungsreihe „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ (weitere Infos folgen), zu der auch Sportpsychologen und Mentaltrainer eingeladen sind, die nicht im Netzwerk Die Sportpsychologen aktiv sind.

Daten und Fakten zum 3. Netzwerktreffen

Penta Sports Leistungszentrum, Berlin
Fr, 24.11., ab 20 Uhr, Netzwerktreffen Die Sportpsychologen


 

Die Location – #ELZ,  das Leistungszentrums der E-Sport Organisation Penta Sports

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Bildquelle: Penta Sports

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Müssen wir “böser” werden?

Als ich am Sonntagabend die Fernsehübertragung der Leichtathletik-WM in London verfolgte, gab es zum Final-Wettkampf von David Storl im Kugelstoßen mehrfach einen Hinweis der Kommentatoren, die einen Sportpsychologen, der in der Praxis tätig ist, natürlich stutzig werden lässt. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Storl seit Kurzem mit einem „Mental-Coach“ namens Matthias Große zusammenarbeitet, der ihm dabei helfe, dass er sich „auf das Wesentliche fokussieren könne“ und der ihm den Hinweis gegeben hätte, dass er „viel zu lieb sei“ und „böser werden müsse“.

Zum Thema: Was der Fall David Storl die Sportpsychologie lehren sollte

Nun gut, mal ganz davon abgesehen, was ich von solchen Ratschlägen halte (vor allen Dingen, wenn die auch noch in der Öffentlichkeit breitgetreten werden), interessierte mich natürlich, wer dieser Matthias Große eigentlich ist. Ich dachte, er arbeitet für einen Athleten, der in einem großen Sportspitzenverband organisiert ist und von dem ich weiß, dass dort hervorragend qualifizierte Sportpsychologinnen und Sportpsychologen aktiv sind – dann wird er sicherlich auf der DOSB-Expertendatenbank sein. Ich habe nachgeschaut – Fehlanzeige. Redaktionsleiter Mathias Liebing hat dann im Rahmen seiner journalistischen Recherche beim DLV angefragt, ob Herr Große in irgendeiner Art und Weise vom DLV beschäftigt wird. Die Antwort des DLV war „nein“ (hätte mich auch gewundert, denn finanziert werden im DLV nur qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, die auf der DOSB-Expertendatenbank registriert sind). Was wir aber der Presse entnehmen konnten war, dass Herr Große der Lebensgefährte von Claudia Pechstein ist und als „Unternehmer“ arbeitet.

Das bringt mich dann doch zum Nachdenken. Wie kann es denn sein, dass ein Athlet mit einem „Unternehmer“ im Bereich „Mental-Coaching“ zusammenarbeitet, über dessen Qualifikation in Sachen Mentaltraining oder Sportpsychologie so gut wie nichts bekannt ist? Ich behaupte ja nicht, dass alle in der DOSB-Datenbank registrierten und somit in ihrer Ausbildung als qualitätsgesichert geltenden Kolleginnen und Kollegen die „Coaching und Sportpsychologische Trainingweisheit mit Löffeln gefressen haben“. Auch diese wissen, dass zu einer Zusammenarbeit sehr viel mehr gehört als Fachwissen und ein großer „mentaler Werkzeugkoffer“. Es ist sehr oft die Beziehungsqualität, das Vertrauen und das motivationale Klima, die eine Zusammenarbeit erfolgreich werden lassen – und das kann man eben nicht studieren.

Brauchen wir mehr Öffentlichkeit?

Aber: Ohne Fachwissen in Sachen Diagnostik, Intervention und Evaluation von solchen Maßnahmen geht es eben auch nicht. Man kann unsere Athleten natürlich nicht dazu zwingen, nur mit Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, die ihre Kompetenz qualitätsgesichert nachgewiesen haben, zumal wenn sie diese Berater privat bezahlen. Aber man kann sich als Sportpsychologe natürlich die Frage stellen, ob wir ein Problem in der öffentlichen Darstellung unseres Faches und unserer Arbeit haben.

Und natürlich muss uns die Aussage von David Storl zu denken geben, wenn er sagt, dass er mal bei einer Sportpsychologin war, die jedoch viel zu „theoretisch“ war. Die Auseinandersetzung mit der Qualitätssicherung unseres Berufsfeldes muss nach wie vor aktuell bleiben! Unser Berufsfeld sollte in der Öffentlichkeit noch sehr viel transparenter dargestellt werden und uns muss es noch viel besser gelingen, die Athleten von unseren Fähigkeiten zu überzeugen – nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Praxis, und gerade auch im Bereich des Spitzensports einen Super-Job machen. Viel zu selten sehen wir etwas von deren Arbeit in der Öffentlichkeit, aus welchen Gründen auch immer. Es ist jedenfalls an der Zeit, dies zu ändern und den Markt nicht einer Beliebigkeit zu überlassen.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Vorsicht vor den Gurus!

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Andreas Meyer: Ziele vs. Zeit

Ist es euch auch schon einmal passiert, dass ihr euch ein Ziel gesetzt habt und im Nachhinein sagen konntet, dass es absehbar war, dass ihr dieses Ziel kurzfristig nicht erreichen konntet? Zu kurz gesteckte Ziele können ein echter Motivationskiller sein! Deshalb ist es wichtig, geduldig, bewusst und strategisch die Ziele richtig einzusetzen.

Zum Thema: Zielsetzung und Motivation im Sport (Teil 3)

„Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.“ (Friedrich Hölderlin)

Es gibt kurzfristige und langfristige Ziele. Es darf auch eine Art Traumziel geben, welches in schwierigen Situationen immer wieder Motivation hervorrufen kann, auch bei langen sportlichen Durststrecken.

Ein kurzfristiges Ziel kann es sein, im bevorstehenden Wettkampf am Wochenende die Taktikanweisungen des Trainers einzuhalten und umzusetzen (Prozess- und Handlungsziel) oder aber auch den vorher analysierten Spieler zu besiegen (Ergebnisziel), wenn dies realistisch erscheint. Wenn es Grund zur Annahme gibt, dass in Hinblick auf die Trainingsergebnisse und Umweltbedingungen (z.B. guter Rückenwind beim 100m Lauf, schnelle Bahn, gute Gegner) eine optimale Situation herrscht, kann auch eine Verbesserung der 100m Zeit angestrebt werden (Leistungsziel). Es ist jedoch schwierig, ein solches Ziel kurzfristig festzulegen.

Leistungsziele sind besser langfristig zu verfolgen

Bei Leistungszielen macht ein längerer Zeitraum mehr Sinn, da das Erreichen einer Bestzeit beispielsweise von sehr vielen Faktoren abhängig, und somit von zahlreichen Störgrößen beeinflusst werden kann.

Andreas Meyer: Welches Ziel strebe ich an?

Zusammengefasst sollten man bei kurzfristigen Zielen unterscheiden, ob dies den Athleten unter Druck setzt oder motiviert. Ein Handlungsziel ist in diesem Falle eine hervorragende Intervention, um die Gedanken des Sportlers auf die sportliche Handlungsausübung zu bündeln und somit Störgedanken auszublenden. Gerade versagensängstliche Athleten reagieren gut auf diese Art der Zielsetzung, da sie starke Kontrolle über das Erreichen des Ziels haben und somit ein Versagen hinsichtlich der Zielerreichung weniger wahrscheinlich ist.

Größere Toleranz für schlechtere Ergebnisse

Für das Erreichen langfristig gesetzter Ziele hat der Athlet womöglich mehrere Chancen, wodurch weniger gute Ergebnisse auf dem Weg zum Ziel besser toleriert werden können. Außerdem lassen sich langfristig gesetzte Ziele gut in kurzfristige und mittelfristige Teilziele unterteilen. Es entsteht ein Prozess mit Erfolgen und Misserfolgen, an dessen Ende ein terminiertes Ziel steht. Hierbei lernt der Athlet wie es ist, Erfolge einzufahren, aber auch möglicherweise mit Misserfolgen umzugehen und diese zu bewältigen.

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Es macht also durchaus Sinn, die verschiedenen Arten von Zielen (Ergebnis-, Leistungs- und Handlungsziele), je nach Bedarf kurzfristig oder langfristig einzusetzen. Es ist jedoch in jedem Falle zu beachten, dass die Ziele strukturiert aufgebaut sind. Hierbei hilft die SMART-Regel, die ich euch im ersten Beitrag vorgestellt habe.

Alle Texte der Blog-Serie von Andreas Meyer zum Thema Ziele:

Teil 1:

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Teil 2:

Andreas Meyer: Welches Ziel strebe ich an?

Teil 3:

Andreas Meyer: Ziele vs. Zeit

Teil 4:

Andreas Meyer: Richtig bewerten lernen

Zur Profilseite von Andreas Meyer:

Andreas Meyer

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Dr. Christian Reinhardt: Wenn Rituale verunsichern

Cristiano Ronaldo betritt den Rasen immer zuerst mit dem rechten Fuß. Bastian Schweinsteiger feuchtet sogar Schuhe und Socken an. Und der frühere argentinische Nationaltorhüter Sergio Goycochea urinierte vor gegnerischen Elfmetern tatsächlich auf den Rasen. Keine Frage: Rituale sind im Sport sehr verbreitet und können den Athleten eine gewisse Sicherheit geben. Aber: Es verbinden sich mit den Marotten auch unnützliche Gefahren.

Zum Thema: Können Sportler lernen, ihre Rituale zu kontrollieren?

Im Video erklärt Dr. Christian Reinhardt, wie wichtig es ist, sich im richtigen Moment von den Ritualen zu lösen. Damit können Sportler vermeiden, sich von ihren Gewohnheiten abhängig zu machen – schließlich wird es irgendwann eine Situation geben, in der sich das Ritual einfach nicht durchführen lässt.

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Weitere Informationen

Quellen:

Schippers, M. C., & Van Lange, P. A. (2006). The Psychological Benefits of Superstitious Rituals in Top Sport: A Study Among Top Sportspersons1. Journal of Applied Social Psychology, 36(10), 2532-2553.

Weigelt, M., & Steggemann, Y. (2014). Training von Routinen im Sport. Kognitives Training im Sport, 8, 91.

Schack, T. (2006). Mentales Training. In: M. Tietjens, B. Strauss (Hrsg.). Handbuch Sportpsychologie, 254-261. Schorndorf: Hofmann.

 

Mehr zum Thema:

Markus Gretz: Rituale im Basketball

Thorsten Loch: Das lange Warten auf den Anpfiff

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Anmeldung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ am 25.11.2017 in Berlin

Am Samstag, den 25. November, findet im Leistungszentrum von Penta Sports in Berlin das Event „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ statt. Die Veranstaltung richtet sich an Sportpsychologen und Mentaltrainer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie an Spieler, Trainer und Funktionäre aus dem E-Sports. Eingeladen sind ebenso Vertreter aus der Wirtschaft und Journalisten.

Online-Anmeldungen sind bis zum Donnerstag, den 23. November, möglich. Sollte das Event schon ausgebucht sein, wird an dieser Stelle informiert.

Preise

50 EUR Studenten (bitte Nachweis anfügen)
75 EUR Sportler
100 EUR Sportpsychologen*, Mentaltrainer, Trainer, Funktionäre, Unternehmer und Journalisten

*Profilinhaber von Die Sportpsychologen erhalten einen Rabatt

Anmeldung

    Mehr Informationen zum Event:

    Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp – 25.11.2017 in Berlin

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    Patrick Finke: Sportpsychologie? Damit habe ich noch nie gearbeitet! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 3)

    Es ist mir in den vergangenen Wochen sichtlich schwer gefallen, mich ganz bewusst an die Ausarbeitung der vielen tollen Gespräche mit wundervollen Spielern zu setzen, die ich seit dem Frühjahr getroffen habe. Warum? Weil ich das letzte so bewegende Interview mit Dennis Zimmermann mit all den damit verbundenen Eindrücken erst einmal für mich einordnen musste. Und irgendwie wollte ich mit einer bewussten Stille all die Worte ehren, die wir gemeinsam auf Papier gebracht hatten.

    Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

    Und so kam es, dass ich mich erst nach einem erneuten Treffen mit Dennis wieder an meinen Schreibtisch setzte, um die neue Geschichten aufzuschreiben.

    Geschichten, wie die, des einzig noch aktiv spielenden deutschen Akteurs der NFL Europe, die 2007 eingestellt wurde. Dem Quarterbackjäger des besten Teams Europas – der New Yorker Lions Braunschweig.

    Für die-sportpsychologen.de berichtet:

    Patrick Finke (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

    Wie bist du zum Football gekommen?

    In der Oberschule hat mein bester Kumpel jeden aus der Klasse gefragt, ob sie mal zum Training mitkommen wollen – alle, bis auf mich. Daraufhin habe ich dann selbst gefragt. Es hörte sich ziemlich cool an und ich fragte ihn, ob ich denn nicht auch mal hingehen könnte. Daraufhin antwortete er, dass das vielleicht nicht so eine gute Idee sei und Football nicht so gut zu mir passen würde.

    Zu dieser Zeit hatte ich eine schwere Knieverletzung, ich hatte einen Tumor im Knie und war ziemlich lädiert. Aber es wurmte mich, dass er so von mir dachte und so blieb ich hartnäckig, besorgte mir die Adresse, fasste all meinen Mut zusammen und fuhr selbst zum Training der Berlin Thunderbirds, zum Flag Football. Von dort an habe ich mich kontinuierlich weiter entwickelt.

    Was macht deine Position charakterlich aus?

    Meine Position würde ich mit einem Löwen vergleichen. Wir sind immer auf der Jagd – der Jagd nach dem Ball. Defense Liner sind im Kopf „kranke Typen“, die jedem Stück Fleisch hinterherjagen, das einen Ball in der Hand hat. Ich will den Gegenüber auf jeden Fall umhauen und das Battle gewinnen. Seit 1999 habe ich diese Position komplett zu Meiner gemacht. Ab und zu hatte ich seitdem noch mal die Seiten gewechselt. Die rechte Seite ist ja nicht gleich der linken Seite. Auf der rechten Seite hat man den besten Offense Tackle, weil es die ungeschützte Seite des QB‘s ist.

    Warum Defense?

    Ich habe gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht, jemanden zu jagen und zu hitten. Ich habe hier ein klareres Ziel, als den Ball in die Endzone zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit eines Hits ist auch viel höher.

    Meine persönliche Lieblingsposition ist allerdings die des Runningback, weil ich aus einer Zeit komme, in der es auf dieser Position große Vorbilder gab, die mich sehr geprägt haben.

    Miriam Kohlhaas: Ein Hoch auf die dicken Jungs!

    Welchen Preis hast du gezahlt?

    Ich habe durch Football meine Schule, meine Ausbildung und auch viele Freunde und meine Familie vernachlässigt. Ich habe mich auf meine Karriere gestürzt und es war ein sehr hoher Preis, den ich damals dafür bezahlt habe.

    Auch jetzt investiere ich noch sehr viel Zeit. Fünfmal in der Woche gehe ich ins Fitnessstudio, dazu gehe ich laufen und und habe dreimal in der Woche Teamtraining.

    Aus beruflichen und privaten Gründen habe ich 2012 drei Jahre Pause gemacht und habe in dieser Zeit Flag Football gespielt. Ende 2015 habe ich mich entschlossen, ein Comeback in der GFL zu starten. Vor den ersten Spielen musste ich mich mental auf den Kontakt vorbereiten. Ich habe gehofft, dass das Können von damals immer noch da ist. Natürlich war das nicht ganz einfach, aber ich wollte auf dem gleichen Level starten, auf dem ich 2012 aufgehört hatte.

    Warum hast du diese Bürde nach deiner dreijährigen Pause noch einmal auf dich genommen? Was war deine Motivation?

    Es ist ein super Sport, der mir so viel Spaß macht. Man hat eine tolle Zeit über Jahre mit den Jungs. Ich habe ja nicht aufgehört, weil ich mich verletzt habe. Ich stand beruflich an einem Scheideweg und musste mich dringend weiterbilden. Im letzten halben Jahr der Klausurphase bin ich zum Tryout gegangen und habe mich kontinuierlich darauf vorbereitet.

    Irgendwie kommt man nicht los. Auch dieses Jahr hatte ich eigentlich gesagt, ich gehe in „Altersteilzeit“. Am Ende der Saison merkt man seinen Körper immer mehr und die notwendige Regenerationszeit wird immer länger.

    Aber der Gedanke, mit den Jungs da draußen Spaß zu haben, motiviert einen immer wieder. Dieses Jahr allerdings soll wirklich mein letztes Jahr sein. Ich sehe viele junge Talente und kann getrost sagen: 21 Jahre – das reicht.

    Geht es ganz ohne Football weiter? Oder vielleicht als Coach?

    Ich bin jemand, der erst einmal abschalten muss. Ich habe mich bereits im Flag Football als Coach probiert. Ich bemerkte dabei allerdings sehr schnell meine Ungeduld. Wenn die Spieler das nicht direkt so aufnehmen, wie ich es sage, dann möchte ich es am liebsten selbst machen. Bevor ich es zehnmal erkläre, will ich lieber selbst ran.

    Der Trainerbereich ist für mich deshalb so schwierig, weil man so viel Toleranz und Ausdauer braucht. Eigentlich genau wie unser Headcoach, der emotional so sehr dabei ist. Dann wird er wütend, weil er es uns Spielern schon so oft erklärt hat, dass ich mich selbst in diesem Moment frage, was stimmt denn mit uns Spielern nicht? Sind wir unkonzentriert oder haben wir uns in den Jahren unser Kurzzeitgedächtnis schon so sehr geschrottet!?

    Da sehe ich einfach die meisten Probleme: Wenn man mal streng wird, weil man selbst so hohe Ansprüche hat. Denn eigentlich wünsche ich mir, dass keiner enttäuscht oder eingeschnappt ist.

    Aber ganz ohne Football wird es für mich sehr schwer. Seit 2006 gab es nur ein Jahr, in dem ich nicht auf der „roten Wiese“ gewesen bin. In diesem Jahr bin ich nicht mit der Mentalität des damaligen Trainers zurechtgekommen und habe noch einmal bei den Berlin Rebels unterschrieben. Und obwohl es ein tolles Jahr war, so hat mir der Zusammenhalt mit den Jungs hier gefehlt. Ich bin hier eine Ikone – manchmal kommen Jungs auf mich zu und erzählen mir, welch große Ehre es sei, mit mir zu spielen und dass sie damals wegen mir mit dem Football angefangen haben. Aber es wird Zeit diese große Bürde abzugeben – ich möchte nicht nur 50 Jahre alt werden, sondern gesund auch älter. Es wird also Zeit.

    Hat sich deine Vorbereitung in den Jahren verändert?

    Es hat sich über die Jahre drastisch verändert. Früher liefen auf Premiere Football Geschichten von Legenden hoch und runter und jeden Abend vor einem Spiel hat man einfach nur Football geschaut. An dem Morgen des Spiels habe ich Kopfhörer aufgesetzt und mich total konzentriert. Mit den Jahren ist das wesentlich entspannter geworden. Ich schaue mir noch immer die „Big Hit Videos“ der NFL vor einem Spiel an, aber es ist weniger geworden. Das einzige, was mich noch immer sehr motiviert, ist die Zeit in unserem Stadion. Die Fans, wie sie beim Einlauf kreischen und jubeln, wenn man eine gute Aktion gemacht hat – das ist noch immer ein super Gefühl.

    Früher habe ich zudem einen Liter Wasser am Abend zuvor, sowie einen Liter Wasser am Morgen des Spieltages getrunken. Milchprodukte am Spieltag vermieden, dann konnten die Vitamine besser wirken. Zudem hat der Coach damals gesagt, drei Tage vor dem Spiel keinen Sex und so war das dann für uns gesetzt. Auf Alkohol verzichte ich zudem allgemein so gut es geht. Je älter man wird, umso länger braucht der Körper um sich zu regenerieren.

    Die Ansprache von Al Pacino im Film „Any given Sunday“ höre ich mir immer noch vor dem Spiel an und schaue zudem noch die besten Passrush Videos aller Zeiten. Diese handvoll Dinge haben mich immer begleitet. Menschen wie Lawrence Taylor sind große Ikonen für mich. Sie sind an einigen Stellen gestrauchelt, blieben aber sowohl im Sport als auch nach dem Sport Menschen, die viel geleistet haben.

    Durch meine Familie hat sich der Tag auch enorm geändert. Ich versuche so fokussiert wie möglich zu sein aber mit Kindern ist das natürlich schwierig.

    War deine Vorbereitung stets dem Gegner und dem Spiel angepasst?

    In normalen Spielen in der Saison war mir der Gegner egal, meine Motivation war es, immer meine eigene Bestleistung zu zeigen.

    In Endspielen ist immer eine höhere Motivation gefragt. Es könnte immer das letzte Spiel sein. Da stachelt man sich selbst an, da ist man von sich aus noch höher motiviert. Die Coaches motivieren einen bei Highlight-Games auch mehr.

    Hast du selbst je mit sportpsychologischen Elementen gearbeitet?

    Noch nie! Ich hatte immer das Gefühl, meine bestmögliche Motivation gefunden zu haben.

    Früher war mein Ziel, in die NFL zu kommen. 2015 bei meinem Comeback habe ich mir dieses Ziel noch einmal neu gesteckt. Ich denke, wenn man im besten Team in der höchsten Liga spielt, dann muss das Ziel immer noch höher sein, damit man noch mehr und noch härter an sich arbeitet als sowieso schon.

    Allerdings war ich einer der ersten Spieler, der sich sehr akribisch auf den Gegner vorbereitet. Ich studiere ihn. Seine Bewegungen, seine Technik, seine Spielzüge. Und auch meine Leistung schaue ich mir direkt am gleichen Abend nach unseren Spielen schon auf den Videos an und analysiere.

    Genau wie z.B. Niklas Römer als Spieler der Offensive gehe ich meine Spielzüge vorab im Kopf immer und immer wieder durch. (Anmerkung der Redaktion: Dies ist sehr wohl eine sportpsychologische Technik, nämlich die der Visualisierung)

    Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

    Was sind deine Ziele?

    Unaufhaltsame Spieler, die man erst einmal aufhalten muss.

    Und ich möchte der beste Spieler der Liga sein. Jeder, der mich sieht, soll sich denken – das wird ein anstrengender Tag heute.

    Das Kapitel NFL Europe?

    Durch die unterschiedlichen Mentalitäten in dieser Liga ist es mir nicht gelungen, meine Fähigkeiten zu verbessern – so kam es mir damals vor und ich war extrem frustriert und habe mich gefühlt, wie auf einem Abstellgleis. Die amerikanischen Spieler waren nicht wirklich besser, aber sie mussten spielen, damit sie genug Videomaterial hatten, damit es die Vereine in Amerika sehen konnten.

    Da habe ich meine eigene Leistungssteigerung nicht sehen können und war wie gefangen in diesem System. Ich war so gefrustet, da habe ich oft auch noch ein, zwei Tage nach einem Spiel länger abends ein Bier getrunken anstatt Videoanalysen zu machen. Diese Zeit war zwar auch cool, unter dem Strich habe ich mental viel für mich mitgenommen.

    Dann kam ich zurück in die GFL – mit der aufgebauten Leistung war man wie ein Superstar, das hat mich wieder aufgebaut. Da habe ich als junger Kerl sehr erfahrene Stammspieler auf der Position verdrängt. Ich hab auch versucht, mich immer mehr in die Herzen der Fans zu arbeiten.

    2005 habe ich dann meine Frau kennengelernt und bin hier sesshaft geworden.

    Was waren düstere Momente deiner Karriere?

    Teilweise war die Zeit in der NFL Europe auch schwierig. Zumindest war es schwierig, die Motivation hoch zu halten, weil man sich nicht wahrgenommen gefühlt hat. Da habe ich viel Zeit gebraucht, um das Positive zu sehen.

    Aber auch als es 2009-2011 bei den Lions den großen Umbruch gab. Da standen wir kurz vor dem Abstieg und eigentlich wussten wir alle nicht genau, woran es wirklich lag. Im Nachhinein, so glaube ich, standen wir alle unter einem immensen Druck. Da wurde es schwierig Motivation aufzubringen, um zum Training zu kommen, um dort nur angeschrien zu werden. Die Coaches haben ihren Druck auf uns Spieler weitergegeben.

    Das Einzige, was mich immer an schweren Tagen motiviert hat, war meine eigene Statistik, die ich hoch halten wollte. Deshalb habe ich ganz wenige Spiele verpasst in meiner Karriere. Sogar am Tag nach meiner Hochzeit stand ich schon wieder auf dem Platz mit meinen Jungs.

    Warum bist du kein Spieler der Nationalmannschaft?

    Das habe ich immer boykottiert. 2001 habe ich zum ersten Mal in der Jugend-Natio gespielt. Damals sind wir nach Glasgow gereist.

    Die meisten Coaches kamen allerdings aus NRW und so wurden die Spieler aus der Gegend bevorzugt. Da habe ich mich sehr geärgert. Seit 2001 habe ich dann jedes Jahr die Einladung zur Herren-Nationalmannschaft erhalten.

    Irgendwann habe ich gesagt, dass wenn ich für mein Vaterland spiele, dann aber nicht, wenn ich finanziell noch drauf zahlen muss. Wenn ich zum Tryout quer durch Deutschland reise, mir dafür extra Urlaub nehme usw., und dann nicht genommen werde, weil irgendwem meine Nase nicht passt, dann ist es mir das Ganze nicht wert. Da fehlt(e) mir die Wertschätzung! Man geht ja auch nicht zur Arbeit und bringt sein eigenes Geld mit.

    Für mich ist es deshalb auch so, dass nicht unbedingt die besten Spieler aus Deutschland in der Nationalmannschaft spielen. Ich weiß, dass andere Top-Spieler das genauso sehen.

    Dieses Thema wurde schon des Öfteren mit dem Verband besprochen, aber da ist wenig Veränderungswille zu sehen. Zwischenzeitlich kam dann sogar soweit, dass nicht mehr mit dem eigenen Teamhelm spielen erlaubt war – die Kosten stiegen also sogar noch weiter.

    Für mich steht eines fest: Wenn wir mit den Braunschweig Lions antreten würden, würden tatsächlich die besten Spieler Deutschlands und sogar Europas spielen. Unsere deutschen Mitspieler bringen so viel Erfahrung mit, das ist schon etwas Besonderes.

    Kannst du deine hohen Ansprüche an dich selbst in deiner Freizeit ablegen?

    Man ist da reingeboren. Man will bei jedem Spiel gewinnen. Keiner möchte Zweiter werden – der Zweite ist der erste Verlierer. Mit mir ist es sicher schwierig in der Freizeit eine Competition zu führen. Da habe ich oft ziemlich rechthaberisches Verhalten und es muss einfach gut laufen.

    Ich war schon immer so. Wenn ich als 5-Jähriger auf einen Baum klettern wollte und der Ast war zu hoch, dann habe ich so lange nach einer Möglichkeit gesucht dort hochzukommen, bis ich sie gefunden hatte. Daher ein Motto in meinem Kopf – mache das Unmögliche einfach möglich. Wenn mir jemand sagt, es geht nicht, dann ist das meine größte Motivation.

    Was würdest du einem jungen Spieler raten?

    Üben, üben, üben und wiederholen. Viel Einsatz mitbringen, viel Freizeit opfern dafür, dass man immer mehr Erfahrungen macht. Mit 21 Jahren Spielerfahrung rundet das sicher mein Spiel ab aber die 18 Jahre auf meiner Position machen wirklich alles aus.

    Nimm dir Zeit und lass dir Zeit! Übe Feinheiten wie deinen Stand etc. in jedem einzelnen Training.

    Bring den unbedingten Willen mit, dich weiterentwickeln zu wollen.

    Ich gucke mir nach jedem Spiel meine Starts an. Wie komme ich am schnellsten nach vorne und versuche diese kontinuierlich zu verbessern.

    Meine schnellste Zeit sind 2,5 Sekunden bis zum Quarterback. Das ist NFL Niveau.

    Arbeite den Blockschlitten kaputt.

    Wer will, kann es erreichen!! Er muss allerdings viel investieren!

    Da ich aber auch Vater eines 17-jährigen Sohnes bin, würde ich jungen Menschen raten, sich auch weiter auf die Schule zu konzentrieren. Die Schule sollte sogar der Hauptfokus sein. Irgendwann ist man Mitte 30 und weiß nicht mehr, wie man dann seine Familie ernähren soll. Wenn die Grundsteine gelegt sind, steht jedem die Tür offen, besonders dann wenn er mit dem Sport aufhört.

    Was waren die wichtigsten Sätze, die du in den letzten Jahren gehört hast?

    Jeder Coach, mit dem ich gearbeitet habe, hat mir gesagt:

    Du bist ein großes Talent – nutze es!

    Gib dein Bestes da draußen. Wenn du verlierst, dann verlierst du halt. Aber verliere aufrecht! Selbst wenn wir verlieren, müssen wir nicht mit geducktem Kopf den Platz verlassen. Wir sind zusammen nur so stark, wie das schwächste Glied der Kette.

    Das wiederum hat mich immer sehr motiviert, weil ich eben nie das schwächste Glied sein wollte, sondern eines der Stärksten.

    Denkst du, dass die Sportpsychologie ein fester Bestandteil der Footballwelt sein sollte?

    Die Psychologie ist in unserem Sport sehr, sehr wichtig. Viele junge Spieler kriegen auf einmal diesen Hype und denken, sie sind ganz oben angekommen. Dann merken sie plötzlich: Sie spielen aber gar nicht. Dann beginnen Fragen im Kopf – liegt das an mir? Was kann ich tun? Was mache ich falsch? Und es beginnt eine Schleife. Ich versuche, auf die Spieler zuzugehen und ihnen Tipps zu geben. Ich versuche, sie wieder einzufangen und mache mir Gedanken darüber.

    Da sehe ich es als sehr sinnvoll an, wenn man einen Sportpsychologen fest im Team hat! Ich sehe einfach zu oft diese Spieler, die aufgrund fehlender Spielzeit dann sogar mit dem Sport aufhören oder das Team verlassen, obwohl sie sehr talentiert sind. Weil sie sich selbst die Zeit nicht geben wollen, weil sie zu ungeduldig sind und sich selbst nicht genug vertrauen. Diese Spieler müssen immer wieder neu motiviert werden, brauchen Zuspruch und Tipps ihre Leistungen kontinuierlich zu halten oder weiter auszubauen.

    Die Presse macht Druck, die Fans haben Erwartungen, die Coaches und man selbst ja auch noch.

    Für unser Team würde ich mir wünschen, dass man ein, zwei Gespräche vor der Saison, ein, zwei Gespräche nach der Saison und während der Saison einen festen Ansprechpartner hat, den man dann schon kennt und zu dem man Vertrauen hat.

     

    Miriam Kohlhaas zu Patrick Finke:

    Patrick, mit dir hatte ich mein entspanntestes Interview überhaupt. Ich erinnere mich gerne daran, wie wir auf irgendeiner Bank in der Sonne in Braunschweig saßen und du mir Rede und Antwort gestanden hast. Und du hast mir gezeigt, dass mir ein Vollprofi gegenüber sitzt. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch als Interviewpartner.

    So warst du der einzige Spieler, der lieber völlig unvorbereitet und ohne vorherige Fragen meinerseits sprechen wollte – und trotzdem oder vielleicht sogar gerade deshalb war es toll.

    Am meisten hat mich beeindruckt, dass du Grenzen und Hindernisse nie akzeptiert hast und sie sogar stets zu deinem größten Motivator gemacht hast.

    Kein Baum war zu hoch, kein Eis zu dick, keine medizinische Diagnose zu schlimm. Als dir Menschen sagten, Football sei nichts für dich, bist du erst Recht zum Training gegangen. Wenn die Leute um dich herum sagten, dass man ab 30 Jahren keine körperlichen Höchstleistungen mehr haben kann, dann hast du einen drauf gesetzt und machtest es zu deinem Ziel in die NFL zu kommen. Der schlimmste Schicksalsschlag in deinem Leben, als dein Bruder mit deinem besten Freund im Auto tödlich verunglückt ist, war dein größter Antrieb. Damals hast du in diesem Sport am meisten Halt gefunden. Da hast du dir gesagt – jetzt will ich noch besser werden.

    Sicherlich war diese sehr besondere Eigenschaft der Grund, warum du überhaupt den Weg zu dieser Sportart gefunden hast und auch der entscheidende Grund dafür, dass du über so viele Jahre so erfolgreich geblieben bist.

    Für dich gibt es einfach nie ein Limit, das dich begrenzt!

    Und diese Eigenschaft ist so bemerkenswert fantastisch, dass ich sie mir für jeden Menschen wünschen würde.

    Was ist, wenn es nur die Grenzen in unserem eigenen Kopf sind, die uns halten, wo wir gerade sind? Wo wärt ihr jetzt gerade, wenn es keine Limits gäbe? Wenn keine Angst, keine Moral und keine falschen Glaubenssätze in unserem Leben uns zurückhalten würden?

    Frei nach dem Motto:

    Ob du glaubst, du kannst es, oder ob du glaubst, du kannst es nicht. Du wirst vermutlich Recht haben.

     

    All ihr fantastischen Defense Liner, all ihr wundervollen Spieler da draußen: Macht euch frei von den Grenzen, die ihr euch in euren Gedanken erschaffen habt und handelt, als gäbe es NO LIMITS AT ALL!

    #nolimits

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