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Ali Faisal: Negative Gedanken hänge ich an die nächste Wolke oder gebe sie einem Vogel mit

Bei der Tischtennis WM in Düsseldorf war Ali Faisal nur eine sportliche Randnotiz. Der 42-jährige Pakistani, der seit 2007 in Deutschland lebt, schied nach drei Niederlagen als Letzter der 62. Qualifikationsgruppe aus. Im Interview berichtet der zweifache Familienvater, der für Borussia Dortmund in der 2. Bundesliga und Oberliga spielte und zuletzt in der NRW-Liga bei GSV Fröndenberg aktiv war, über seine Zusammenarbeit mit Jürgen Walter von die-sportpsychologen.de.

Walter arbeitet seit einer Vortragsreise im 2012 mit der pakistanischen Tischtennis-Nationalmannschaft, die im vergangenen Jahr den Sprung aus der vierten in die dritte Division schaffte, aber immer wieder mit administrativen und organisatorischen Problemen zu kämpfen hat. Vor Jahren wurde Walter so schon zwischenzeitlich zum Teamkoch und versorgte die Delegation während der Teamweltmeisterschaft 2012 in Dortmund in der heimischen Küche. Mit Ali Faisal arbeitet er seit mehreren Jahren intensiver: In der Regel trainieren beide im zweiwöchigen Rhythmus miteinander. Ende 2017 begibt sich Walter erneut auf eine Vortragsreise nach Pakistan. 

Jürgen: Bei der Akkreditierung des Teams Pakistan bei dieser WM gab es mehrere Schwierigkeiten, was ist passiert?

Ali: Einige Spieler und Spielerinnen haben ihr Visum nicht rechtzeitig bekommen und konnten so nicht anreisen. Das Organisationsteam hatte auch eine Email von uns missverstanden und viel mehr Zimmer gebucht, als von uns benötigt. Es sollten so noch hohe Hotelkosten auf den pakistanischen Verband zukommen.

Jürgen: Wie ging die Geschichte aus?

Ali: Unser Präsident hat in einer wirklich dreistündigen Verhandlung alles klären können, so dass die Organisatoren letztlich unserer Argumentation folgen mussten.

Jürgen: Inwieweit haben Dich diese Schwierigkeiten in Deiner Vorbereitung beeinträchtigt?

Ali: Soweit gar nicht: Ich konzentriere mich auf den Sport und bin stolz für mein Land zu spielen. Da ich aber als einiziger männlicher Spieler neben zwei Spielerinnen für Pakistan antreten musste, fehlte mir ein Trainingspartner. Ich konnte mich nicht einspielen, weil es üblich ist, dass sich die Spieler lange im Voraus verabreden.

Jürgen: Du hast in der Vorrunde in einer Vierergruppe gespielt und alle drei Spiele 0-4 verloren. Warst Du enttäuscht?

Ali: Nein, ich musste da von vorner herein realistisch denken. Ich bin derzeit etwa Nr. 950 in der Welt. In der Gruppe habe ich gegen Spieler aus Portugal, Estland sowie von den Philippinen gespielt, die sind in der Welt etwa an Pos. 50, 150 und 200. Das sind Vollprofis. Ich habe für meine Verhältnisse sehr gut gespielt und hätte auch einige Sätze gewinnen können.

Jürgen: Wie hast Du Dich im Vorfeld motiviert um dennoch bei dem Leistungsunterschied jeweils ein gutes Spiel abzuliefern?

Ali: Ich gehe jedes Spiel so an, als ob es ein wichtiges Trainingsspiel ist. Dabei versuche ich mein bestes Spiel abzurufen. Sobald negative Gedanken auftauchen, d.h. Gedanken, die lediglich eine Vermutung, aber keine Tatsache sind und die mir außerdem auch nicht nützen, z.B.: „Wenn ich so weiterspiele, verliere ich!“ stelle ich mir sofort vor, dass ich diese Gedanken an die nächste Wolke hänge oder dem nächsten Vogel mitgebe.

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Jürgen: Wie gelingt das?

Ali: Ich sage mir nach jedem Ballwechsel, es steht 0:0 und ich mache den nächsten Punkt. Ich beschumnmele mich quasi selber. Gleichzeitig versuche ich mir Spielfreude einzureden. Das Glas ist für mich immer halbvoll und nie halbleer.

Jürgen: Das hört sich aber nicht so einfach an.

Ali: Das stimmt. Bei der Verbesserung der mentalen Stärke muss man dran bleiben. Es ist bei mir selbstverständlicher Teil meines Trainings. Vor unserer Zusammenarbeit habe ich sportpsychologische Aspekte praktisch überhaupt nicht berücksichtigt. Dennoch erwische ich mich auch immer noch dabei, dass ich manchmal negativ denke.

Jürgen: Da ist normal, Du kannst nicht gegen Gedanken kämpfen, Du musst sie akzeptieren. Der Mensch ist keine Maschine. Hättest Du gedacht, dass Ma Long erneut Weltmeister werden würde?

Ali: Ma Long ist der derzeit weltbeste Spieler, obwohl er im Finale gegen Zhendong Fan im 7. Satz nur sehr knapp gewonnen hat. Ich hätte aber gedacht, dass er im Doppel mit Timo Boll sehr weit kommt. Sie sind aber früh ausgeschieden.

Jürgen: Wann ist Dein nächstes Turnier?

Ali: Im Dezember finden die pakistanischen Landesmeisterschaften in Karachi statt. Trotz vieler junger Spieler habe ich dort eine Chance auf den Sieg.

Jürgen: Viel Erfolg und weiterhin viel Spaß für Deine Spiele!

Jürgen Walter: Gegen Oma verlieren?

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Dr. René Paasch: Durchblick im Fußball

Fußballer/innen sind ständig vor Entscheidungen gestellt, die in einer kurzen Zeitspanne getroffen werden müssen und durchaus spielentscheidende Konsequenzen haben können. Das Verständnis der Abläufe von Entscheidungshandlungen im Fußball ist daher sehr wichtig. Ich nehme diesen Ball auf und erkläre anhand von Forschungsergebnissen, wie sich das synthetische und analytische Blickverhalten im Fußball verbessern lässt.

Zum Thema: Das Blickverhalten im Fußball verbessern!

Ergebnisse zum Entscheidungshandeln im Fußball bestehen gegenwärtig in der Analyse visueller Suchstrategien bei der Entscheidungsfindung. Als zentrale Punkte der visuellen Suchstrategie und der selektiven Aufmerksamkeit werden Blick- bzw. Augenbewegungen angesehen, die es dem Fußballer bzw. der Fußballerin ermöglichen, bedeutende Aspekte des visuellen Feldes in den Sichtbereich zu bringen. Aus diesen Untersuchungen sollen Hinweise für sportspielspezifisches Wahrnehmungstraining gewonnen werden (vgl. Williams, Grant, 1999).

Die Blickrichtung wird unterteilt in synthetisch und analytisch. Das „synthetische“ Blickverhalten zeichnet sich dadurch aus, dass mit wenigen Fixationen relevante Bereiche des visuellen Feldes fixiert werden, von denen aus viele Informationen erfasst werden können (vgl. Abemethy, 1991). Hierbei werden auch periphere Informationen in die visuelle Informationsaufnahme eingebaut. Das „analytische“ Blickverhalten zerlegt dagegen das visuelle Feld in Bereiche, die durch Fixationen erfasst werden. Studien haben gezeigt, das leistungsorientierte Spielerinnen bzw. Spieler, die auch in der Zeit und Richtigkeit der Entscheidung besser waren, ein „synthetisches“ Blickverhalten einsetzen. Sie sollen auf Grund ihrer Erfahrungen in der Lage sein, die Informationen des visuellen Feldes zu lokalisieren und somit das weite Sehen besser nutzen. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass ein „analytisches“ Blickverhalten mit vielen Blicksprüngen nicht ökonomisch sein kann.

Leistungskicker entscheiden sich schneller und qualitativ besser

Helsen/Pauwels (1993) untersuchten die visuellen Suchstrategien von 15 Experten und 15 Novizen beim Entscheidungshandeln im Fußball. Den Versuchspersonen wurden 30 offensive Spielszenen (z.B. 4:4, 5:5) und Standardsituationen auf einer 10m x 4m großen Leinwand dargestellt. In diesen Szenen spielten sich die Spieler zunächst den Ball zu, bis in die Richtung der Versuchsperson gespielt wurde. Dann wurde über den Film ein Signal gegeben, das die Versuchsperson aufforderte, ihre Entscheidung möglichst schnell durch Spielen eines Balles mitzuteilen. Als Entscheidungsalternativen stand das Dribbeln, der Torschuss oder das Zuspiel zum Mitspieler zur Verfügung. Neben der gewählten Entscheidungsalternative wurde die Zeit bis zur Auslösung der Bewegung, der Zeitpunkt der Ballberührung und die Zeit bis der Ball die Leinwand erreicht erhoben. Des Weiteren wurden die Blickbewegungen der Versuchspersonen mit einem Eye-Movement-Recorder erfasst. Die inhaltliche Auswertung ergab, dass die Leistungskicker sich schneller und qualitativ besser entschieden.

In einer weiteren Studie von Williams et al. (1999) wurde eine komplexere Spielsituationen (11:11) ausgewählt, die den Versuchspersonen auf einer 3m x 3m großen und 5m entfernten Leinwand vorgestellt wurden. Somit konnte das  gesamte Blickfeld der Versuchspersonen mit der Videoprojektion ausgefüllt werden. Die 26 Spielszenen wurden direkt aus professionellen und semi-professionellen Spielen aufgenommen. Die Kameraposition zur Aufnahme der Spielszenen war 15m hinter und 5m über dem Tor aufgebaut. Die Spielszenen dauerten mindestens 10 Sekunden. Der Spieler, dessen Pass von den Versuchspersonen im Experiment antizipiert werden sollte, wurde zur Verdeutlichung während der Videodarstellung eingerahmt. Die Versuchspersonen bekamen den Hinweis, bei Ballbesitz des eingerahmten Spielers so schnell wie möglich zu entscheiden, wo sie den Ball hinpassen würden. Es wurden hierzu zehn durchnummerierte Referenzfelder auf das Spielfeld eingezeichnet, so dass die Versuchspersonen die antizipierte Passrichtung nummeriert angeben konnten. Neben der Zeit und der Qualität der Entscheidung wurden die Blickbewegungsdaten erhoben. Die Auswertung der Antizipationsleistungen ergab, dass die Leistungskicker nachweislich schneller antizipierten, allerdings keine Unterschiede hinsichtlich der Richtigkeit der Antizipation gefunden werden konnte.

Profis schauen anders

Die Autoren konnten noch mehr nachweisen: So antizipierten die Leistungskicker gegenüber den Amateurkickern die Passrichtung bereits vor der Ballberührung durch den Passgeber, während die Amateurkicker erst nach der Ballberührung den weiteren Passweg voraus ahnten. Die Auswertung der Blickregistrierung ergab, dass die Amateure häufiger auf den Ball und den Passgeber schauten. Zudem lässt sich eine visuelle Suchstrategie der Leistungskicker daran erkennen, dass sie nicht nur mehr Orte fixierten, sondern auch eine höhere Suchrate mit mehreren Fixationen von kürzerer Dauer aufwiesen.

Das Hintergrundwissen zu den Entscheidungshandlungen eines Spielers bzw. Spielerin kann einen großen Einfluss auf die anstehenden Trainings- und Wettkampfmaßnahmen zur Behebung solcher Fehler besitzen. Insofern habe ich versucht, für die Praxis anwendbare Ableitungen zu treffen:

Praktische Empfehlung 

  • Hierzu könnten ganzheitliche spielorientierte Trainingsformen Anwendung finden, in denen der Spieler bzw. Spielerin in komplexen Spielformen (bspw. im Ballbesitz auf verschiedene Überzahl-Verhältnisse reagieren, und sich dabei mit Blick ins andere Feld zu orientieren, um einen hereinstartenden verteidigenden Spieler frühzeitig zu erkennen) eingebettete Entscheidungshandlungen zu bewältigen hat. Der Spieler bzw. Spielerin wird dadurch immer wieder mit dem Umschalten zwischen den kognitiven Orientierungen konfrontiert und kann dabei lernen, starre Verhaltensweisen zu lösen um somit die Handlungssteuerung zu optimieren.

 

  • Eine weitere Trainingsempfehlung in der das theoretische Wissen zum Einsatz kommen kann, ist z.B. Anlaufen des Stürmers zum Tor. In den 1:1-Situationen zwischen Angreifer und Torwart kommt es immer wieder dazu, dass der Torwart durch sein Verhalten den Angreifer verunsichert. Diese Verunsicherung ist von außen häufig über eine Verlangsamung des Dribblings beobachtbar. Nicht selten ist es dann der Fall, dass der Angreifer den Zeitpunkt zur Handlungsausführung verpasst und der Torwart dadurch rechtzeitig reagieren kann. Zur Vermeidung dieser Situation kann es sinnvoll sein, dass sich der Stürmer bzw. Stürmerin auf die 1:1- Situationen gegen den Torwart durch eine Vorsatzbildung mental Siehe dazu:

Dr. René Paasch: Mentales Training im Jugendfußball

Die Formulierung dieser Vorsätze ist nach den individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Spieler bzw. Spielerinnen auszurichten. So mag der/die Stürmer/Stürmerin den Vorsatz fassen „Wenn mir der Torwart entgegenkommt, täusche ich mit einer Finte nach außen an und gehe innen vorbei“ oder ich konzentriere mich auf einen halbhohen präzisen Torschuss.

Fazit

Das Verständnis der Abläufe von Entscheidungshandlungen im Fußball kann zu einer neuen Sichtweise der Bewertung von Spielhandlungen führen. Somit ist es möglich, im Training und Wettkampf Anpassungen und Alternativen zu entwickeln.

 

  

Literatur

Abemethy, B. (1991): Anticipation in sport. A review: Physical Education Review. 10. 5-16

Helsen W., Pauwels J. (1993): A cognitive approach to visual search in sport. In Brogan, D. Visual Search. Vol. II. 379-388. Taylor & Francis. London

Williams, A., Grant, A. (1999): Training perceptual skill in sport. International Journal of Sport Psychology (30) 194-220

Williams A. et al., (1999): Visual Perception and Action in Sport . Spon. London

 

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: „Pacing is better than racing“ – Ein Blick in die Gedanken und Gefühle eines Pacemakers

Sie sind es, die einen wichtigen Job für die weltbesten Marathonläufer der Welt machen, und sie sind es eben auch, die damit nicht in der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Sie stehen in der ersten Reihe an der Startlinie, aber sie stehen nicht an oberster Stelle der Top-Verdiener im Profi-Laufbereich. Sie sind es, die „Wanderarbeiter“ des Laufsports, aus Kenia, Äthiopien oder einem anderen Land der sogenannten „Dritten Welt“. Sie kommen nach Europa, um zu laufen und um damit Geld zu verdienen, und somit ihre Familien zu Hause versorgen zu können  – die „Pacemaker“ oder liebevoll auch „Hasen“ genannt.

Zum Thema: Über die Bedeutung der Pacemaker für Langstreckenläufer

Der Bedeutung der Pacemaker wurde ich mir schon 2014 bewusst, als ich als sportpsychologischer Berater mit Falk Cierpinski zusammenarbeitete, um ihn in einen Zielzeitbereich um die 2:14 Stunden zu bringen. Wir konnten zwar im Vorfeld einiges im Zusammenhang mit „mentaler Stärke“ vorbereiten (also z.B. einen detaillierten „Renn-Drehbuch“ gekoppelt mit Aufmerksamkeitsregulationstechniken). Aber während des Rennens war Falk auf sich allein gestellt. Zumindest fast, denn bis Kilometer 34 war immer ein anderer Läufer in seiner Nähe – sein Pacemaker, Dickson Kurui. Er gab das abgesprochene Tempo vor, stellte sich in den Wind, wenn er von vorne kam, beobachtete ihn, redete mit ihm, wenn es nötig war. „Dickson als Pacemaker zu haben, war für mich extrem wichtig damals“, sagt Falk Cierpinski im Gespräch. „Mit und hinter ihm zu laufen, war ein Genuss. Er läuft eben sehr flüssig, überhaupt nicht kantig und unruhig.“ Diese Worte zeigen schon, wie speziell diese Beziehung zwischen dem Läufer und seinem Hasen ist.

Nun sitze ich also hier mit den beiden in einem Café in Halle an der Saale und darf mehr erfahren über dieses kaum beleuchtete Themenfeld der Sportwelt. Witzig: Ich hatte Dickson Kurui erst neulich getroffen, als ich in der Dölauer Heide trainierte, und er wie ein geölter Blitz an mir vorbei zog. Als er mich aber erkannte, blieb er mitten im Training stehen und gönnte mir ein gemeinsames „Selfie“. Dabei kam mir die Idee, einmal mehr zu erfahren über diesen Job und den Menschen, der diesen Knochen-Job ausübt. Und vor allen Dingen interessierte mich, ob und wenn ja wie, ein solcher Lauf-Profi mit schwierigen Situationen vor, im und nach einem Rennen umgeht.  

Einer von dort, wo die Champions herkommen                    

Wer ist also dieser Dickson? Er wurde 1989 in der Nähe von Iten in Kenia geboren. Das genaue Datum kennt er nicht. Deswegen steht im Pass immer der 1. Januar.  Iten – „Home of the Champions“ – das steht in großen Lettern über dem Lauf-Stadion in diesem Läufer-Mekka. Und eigentlich wollen alle Kinder dorthin. Schon mit sechs Jahren begann er regelmäßig zu laufen und erkannte schnell sein Talent. Aber erst im Jahr 2008, also im Alter von 19 Jahren wurde er von einem „Manager“ gesichtet und im Jahr 2011 nach Europa mitgenommen. Dort begann er mit dem „Pacen“ und zwar beim Halbmarathon in Berlin. Nebenbei übrigens – läuft Dickson auch „auf eigene Rechnung“, also nicht nur als Pacemaker, sondern versucht auch selbst Läufe zu gewinnen. Dann läuft er allerdings keine Marathonläufe, sondern bestenfalls 10 Km-Straßenläufe, bei denen es auch Geld zu gewinnen gibt. Mit einer Zeit um die 28 Minuten auf dieser Distanz hat er hier in Deutschland meistens auch gute Chancen, ganz vorn mitzuspielen. Aber sein Hauptschwerpunkt, wenn er in Deutschland ist, gilt dem „Tempo-Machen“ für andere. Aktuell arbeitet er vornehmlich im Frauenbereich.

Per Klick zu Falk Cierpinskis Reiseangebot

Erst kürzlich hat er Renata Augusta aus Portugal zum Sieg beim Hamburg-Marathon geführt. Beim Berliner BIG25 zog er die deutsche Katharina Heinig erfolgreich ins Ziel. Und auch das ist „Strategie“. Natürlich könnte er auch mehr im Männerbereich „pacen“. Das ist für einen Hasen sicherlich mehr Prestige. Aber dort müsste er ans persönliche Limit gehen. Er würde dann, in den acht Wochen pro Jahr, in denen er hier in Deutschland ist, viel zu viele Körner „verschießen“, würde dann eventuell zwei oder drei Rennen als Tempomacher bestreiten können und das wäre es dann auch schon. Im Frauenbereich kann er dann häufiger starten. Man sieht also schon an dieser Diskussion: Tempomachen ist nicht nur „schnell laufen“ können, sondern man braucht dazu auch Intelligenz und Strategie. Und natürlich braucht er auch soziale Unterstützung, wenn er hier ist. Die findet er bei Falk Cierpinski, seinem alten „Kunden“. Mittlerweile verbindet die beiden eine echte Freundschaft und Falk ist ebenso wie ich fasziniert von diesem kenianischen Läufer. Neben dem gegenseitigen besuchen können, kann Falk uns Interessierten auch zeigen, wie Läufer dort aufwachsen, leben, überleben und sich weiterentwickeln können. Zweimal im Jahr bietet er solche Reisen für Interessierte an (#KeniamitFalk).

Für die Frau und den Sohn, das Haus, das Grundstück, die Nahrung und das Schulgeld

Natürlich interessiert mich als erstes die Frage nach dem „Warum“? Warum bist Du Pacemaker und läufst nicht auf „eigene Rechnung“. Die Antwort kommt unvermittelt und mit einem süffisanten Lächeln? „Pacing ist besser als Racing. Ich kann damit einfach mehr verdienen. Immerhin muss ich in Kenia meine Frau und meine Tochter ernähren. Haus, Grundstück, Nahrung, Schulgeld. Das alles möchte bezahlt werden“, sagt er und lächelt weiter. „Wenn ich hier auf eigene Rechnung laufe, komme ich nicht annähernd an das ran, was ich mit dem Tempomachen verdienen kann. Bei einem 10km Straßenlauf, wie z.B. den in Paderborn, trete ich manchmal gegen 10 andere Läufer aus Kenia oder Afrika an und muss mich gegebenenfalls mit 50 Euro zufrieden geben.”

Natürlich frage ich nach, was man so als „Hase“ verdient. Darüber deckt er aber lieber den Mantel des Schweigens. „Hast du schon mal versagt?“, frage ich ihn als nächstes. Jetzt lacht er laut. „Nein, niemals – ich habe meinen Job immer bestens erledigt“. Falk schaut lächelnd zu ihm rüber und merkt an: „Erzähl ihm doch mal von Hamburg im April“. Dickson denkt einen Augenblick nach und fängt an zu berichten: „Ja, das war das Rennen für Renata. Ich hatte aufgrund eines anderen Jobs eine Woche zuvor, bei dem ich mich auch noch bei der Schuhwahl vergriffen hatte, Probleme mit dem Knie. Bei KM 7 bekam ich Schmerzen, die immer schlimmer wurden. Und das wurde dann echt zu einem Kampf für mich. Ich musste wirklich hart kämpfen und habe dann einfach versucht gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Immerhin musste ich ja meinen Job erledigen. Das ging nur, indem ich mir für dieses Rennen Zwischenziele gesetzt habe und dann immer wieder überprüft habe, ob es noch geht. So etwas mache ich sonst nie“.

Ein mulmiges Gefühl und Wissensdurst nach mehr

Da werde ich natürlich neugierig. „Dickson, welche Strategien hast du noch so angewandt?“ frage ich neugierig. „Weißt du“, entgegnet er, „ich denke da an meine Familie. Ich stelle mir die Gesichter meiner Frau und meiner Tochter vor. Ich stelle mir vor, wie stolz auf mich sind, das ich das hier zu Ende bringe und damit eben auch das Geld verdiene, dass wir in Kenia zum Leben brauchen – das treibt mich an, weiter zu machen. Man erwartet von mir, dass ich das mache“. „Und Du hast das dann auch durchgezogen“, sage ich, „ich habe das Rennen ja auch im Fernsehen gesehen, aber ganz ehrlich Dickson, man hat dir nichts angemerkt“. bemerke ich. „Das geht ja auch nicht“, bemerkt er. „Ich muss ja meinen Job erledigen“.

Falk Cierpinski: Der Kopf gibt immer als erstes auf

An der Stelle bekomme ich als Sportpsychologe ein ganz mulmiges Gefühl. Und eigentlich möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr tiefer bohren. Ich lege meinen Block zur Seite und wir beginnen ganz einfach und munter über das Laufen, und die Leidenschaft dafür ganz generell zu reden. Ihm macht das sichtlich Spaß und Falk erzählt ein wenig aus seinen Kenia-Erfahrungen. Nach einer Stunde ist dann unser kleines Treffen beendet und ich fahre nach Hause. Mich hat dieses Treffen noch lange beschäftigt. Und mir ist mal wieder bewusst geworden, wie privilegiert wir Europäer eigentlich sind. Ich laufe aus Spaß – aus keinem anderen Grund. Dickson läuft, weil er muss und natürlich auch, weil er es kann. Und weil ansonsten auch keine bessere Chance hat, um seine Familie zu versorgen. Und er verliert bei all diesem Grund sein Lächeln nicht. Er reist für zwei Monate auf einen anderen Kontinent, fernab seiner Familie, lässt sich von seinem Manager mal zu diesem und mal zu einem anderen Rennen als „Hase“ schicken. Bezahlt dann auch noch einen Anteil seines erlaufenen Honorars an seinen Manager und macht auf mich den Eindruck eines zufriedenen Menschen, der einfach in sich ruht, und als könnte es kaum einen besseren Job geben. Mein Fazit aus diesem Gespräch ist: Respekt, und Neugierde. Ich möchte mehr über diese Kultur und ihre Mentalität lernen. Deshalb habe ich auch gleich bei Falk einen der nächsten Reiseplätze gebucht. Ich bin mir sicher, dass dann wieder ein Blog-Beitrag folgt.              

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Jürgen Walter: Zu kleine und zu große Ziele

Wahrscheinlich kennt es jeder Sportler: Vor einem Wettkampf drehen sich die Gedanken darum, welche Ziele man sich setzt, mit welchem Abschneiden man im Nachhinein zufrieden sein würde oder auch, welches Ergebnis andere von einem erwarten.  

Zum Thema: Die Erwartungshaltung im (Profi-)Sport – eine Medaille mit (mindestens) zwei Seiten

Geht man ohne große Zielsetzung in ein Spiel oder ein Turnier, ist man vielleicht lockerer und entspannter, verliert aber vielleicht auch die volle Konzentration oder den Ehrgeiz. Ist die Erwartungshaltung hoch, setzt man sich selbst auch unter Druck und könnte ggf. daran „zerbrechen“.

Einer, dem dies mit Sicherheit einen Strich durch seine aktuelle Turnierplanung gemacht hat, ist Alexander „Sascha“ Zverev – die deutsche Nachwuchshoffnung im Profitennis. Im Mai gewann der 20-jährige völlig überraschend das Masters-Turnier in Rom und erklomm damit als erster Deutscher seit Thommy Haas vor zehn Jahren die Top-10 der ATP- Weltrangliste.

Zverevs Niederlage nach dem Triumph

Entsprechend groß war die Erwartungshaltung vor den kurz darauf gestarteten French Open, dem wichtigsten Sandplatzturnier der Saison. Vielleicht nicht unbedingt Zverevs eigene, aber garantiert die der deutschen Tennisfans und auch der Medien. Mehrfach wurde er als Mit- oder zumindest Geheimfavorit auf den Grand Slam – Sieg genannt. Warum auch nicht? Schließlich war auch in Rom die Crème de la Crème der Tenniswelt am Start – Rafael Nadal, Andy Murray, Novak Djokovic und auch der österreichische Newcomer Dominic Thiem – und Zverev triumphierte.

Doch dass es meist etwas ganz Anderes ist, als Außenseiter in ein Turnier zu gehen und sensationell zu gewinnen, oder dieses Ergebnis danach auch auf ganz großer Bühne zu bestätigen, bekam der junge Hamburger bitter zu spüren. Denn seine Erstrundenpartie gegen den Spanier Fernando Verdasco, selbst ehemaliger Top-10-Spieler und sicherlich ein äußerst unangenehmer Auftaktgegner, ging, nachdem sie gestern wegen Regen und Dunkelheit beim Stand von 1:1 in Sätzen unterbrochen werden musste, relativ deutlich in vier Durchgängen verloren.

Boris Becker mahnt vor Schulterklopfern

Dabei zeigte Zverev, warum er eben noch keiner der ganz Großen seiner Zunft ist. Gerade in den wichtigen Situationen unterliefen ihm ungewohnt viele Fehler. Er haderte viel mit sich selbst, schmiss mehrfach seinen Schläger und schien gegen Ende des vierten Satzes sogar ein wenig zu resignieren.

The only one who actually listens to me #lövik #puppylove

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Zverev selbst gab nach dem Spiel an „absolut scheiße gespielt“ zu haben. Das mag (aus seiner Sicht) stimmen. Doch einen möglichen Grund dafür erkannte die deutsche Tennis-Ikone Boris Becker, die schon im Vorfeld des Turniers den Druck auf den Youngster zu senken versuchte: „Er ist die Nummer zehn der Welt, er hat Rom gewonnen. Aber dann kommen eben alle, klopfen dir auf die Schulter, erzählen dir, dass du der nächste Superstar wirst.“

Tischtennis-WM: Roßkopf hofft auf neue deutsche Weltmeister

Dass so eine Situation mit 20 Jahren wohl kaum oder nur schwer zu meistern ist, ohne zumindest phasenweise darüber nachzudenken, erscheint logisch. Zudem wird das frühe Ausscheiden Zverevs weiterer Karriere wahrscheinlich nicht nachhaltig schaden. Dennoch zeigt es, dass zum sportlichen Erfolg weitaus mehr gehört als das spielerische Potential oder das Selbstvertrauen. Die Fähigkeit sich die (für sich selbst) richtigen Ziele zu setzen und mit der Erwartungshaltung – sei es die eigene, die seines Umfelds oder der Öffentlichkeit – umzugehen, ist auf jeder Leistungsebene ein ganz wichtiger Faktor, um die gesteckten Ziele letztlich auch zu erreichen.

Einen anderen Ansatz als Zverev – bzw. eher dessen Fans und die Medien – wählten in den vergangenen Tagen die beiden besten deutschen Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll vor der Weltmeisterschaft in Düsseldorf: Nachdem Nationaltrainer Jörg Roßkopf in einem Interview im Vorfeld der WM erklärte, dass es „Zeit für neue deutsche Weltmeister“ sei und er von seinen Spielern „das Maximum und nicht nur [seine Setzung zu erfüllen]“ als Zielsetzung forderte, hätte man durchaus erwarten können, dass die deutschen Aushängeschilder, in der Weltrangliste immerhin an den Positionen 5 bzw. 8 geführt und in Düsseldorf auch dem entsprechend gesetzt, in dieselbe Kerbe schlagen und eine Einzelmedaille als Ziel ausgeben. Doch davon war in verschiedenen Interviews wenig bis gar nichts zu hören.

Boll tendenziell pessimistischer

Boll, grundsätzlich nicht unbedingt als Lautsprecher bekannt, schien sich beinahe mehr auf das Doppel mit dem chinesischen Weltranglisten-Ersten und amtierenden Einzelweltmeister Ma Long zu fokussieren und gab an vor seinen Spielen „eh immer relativ pessimistisch“ zu sein.

Ovtcharov hat sich vor Großevents in der Vergangenheit stets deutlich offensiver geäußert. Schon häufig ging er als größter Konkurrent der chinesischen Topstars in große Turniere und nahm sich regelmäßig vor deren Phalanx zu durchbrechen, fuhr damit jedoch nicht besonders erfolgreich und scheiterte bislang stets überraschend vorzeitig gegen schwächer eingestufte Gegner. Daraus scheint der Hamelner gelernt zu haben. Denn große Kampfansagen sucht man auch von ihm vor der WM vergeblich.

Ziele können nicht allen gerecht werden

Nun lässt sich sicherlich anmerken, dass die großen Favoriten auf Edelmetall in der Tat allesamt aus China kommen und sowohl Boll als auch Ovtcharov wahrscheinlich einen Chinesen werden bezwingen müssen, um sich Bronze zu sichern. Natürlich sind auch beide erfahren genug, um von Runde zu Runde zu denken und nicht schon im Vorfeld das mögliche Viertelfinal-Duell zu planen. Nichtsdestotrotz werden beide, sollten sie letztlich „ihre Setzung erfüllen“, also in der Runde der letzten Acht ausscheiden, nicht vollends zufrieden sein. Dafür ist der Traum von einer Einzelmedaille, insbesondere vor heimischem Publikum, schlicht zu präsent.

Letztlich wird man es als Sportler, der sich in irgendeiner Form zu seiner Erwartungshaltung äußert, sowieso nicht jedem recht machen können. So wird der eine sagen, Bolls Äußerungen seien ständig zu defensiv und ließen den nötigen Ehrgeiz vermissen. Der nächste bewertet Ovtcharovs Kampfansagen als vermessen oder arrogant.

Ausreichende Spannung im Fokus

So kommt es im Endeffekt nur darauf an, dass sich der Sportler selbst mit seiner eigenen Zielsetzung wohl fühlt und ihm diese im Wettkampf selbst nicht im Weg steht. Dafür ist ein gewisser Realitätssinn sicherlich förderlich. So wird der FC Bayern München wohl kaum den Klassenerhalt als Saisonziel ausgeben, Boll nicht die Runde der besten 64 bei der WM, aber auch die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft nicht die olympische Goldmedaille auf die Agenda 2018 schreiben. Unrealistische Ansprüche sorgen dafür, dass wir mit – objektiv betrachtet – guten Leistungen nicht mehr zufrieden sind, was sowohl sportlich als auch emotional kontraproduktiv ist.

Ob ein Sportler jedoch tendenziell eher eine defensive Erwartungshaltung an den Tag legt, um sich die nötige Lockerheit zu bewahren, oder immer nach dem (bzw. seinem) Maximum strebt, um mit ausreichender Spannung in den Wettkampf zu gehen, muss jeder für sich selbst beurteilen und herausfinden.

Zu hohe Ziele von Roßkopf?

Sollten die deutschen Tischtennis-Herren bei der WM überraschend früh scheitern, können wir alle den Finger heben und monieren, dass zum einen die Aussagen der Spieler auf zu große Ehrfurcht vor den Chinesen und eine unzureichende Vorbereitung schließen ließen, zum anderen aber auch der Druck aufgrund der Zielsetzung von Seiten Jörg Roßkopfs zu groß war.

Hoffen wir also einfach darauf, dass die Beteiligten für sich persönlich die richtige Einstellung gewählt haben, um das Turnier erfolgreich zu bestreiten.

 

 

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Thorsten Loch: Geht fair vor?

Paris. Es läuft die 35 Spielminute in der Partie PSG vs. Bastia. Der Pariser Spieler Blaise Matuidi kommt im Strafraum von Bastia zu Fall. Der gegnerische Torhüter Jean-Louis Leca eilt zur Hilfe und erkundigt sich nach dessen Gesundheitszustand. Trotz drückender Überlegenheit nutzt PSG-Kollege Marco Veratti die Unachtsamkeit des Torhüters und donnert das Spielgerät zum 2:0 in die Maschen. Was für ein mieses Vorbild, oder?

Zum Thema: Vorbildfunktion aus sozial-kognitiver Sicht oder der kognitive Ansatz „Lernen am Modell“ von Albert Bandura

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Rhein Sieg Kreis. Es laufen die letzten Spielminuten einer Jugendpartie und beiden Mannschaften steht die Anstrengung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Beim Stand von 2:2 kommt es auf der Höhe der Mittellinie zu einem Zweikampf und einem hieraus resultierenden Ausball. Die Entscheidung des Schiedsrichters, Einwurf für die Auswärtsmannschaft zu pfeifen, wird zum Anlass der „Heimeltern“ genommen, diesen wüst zu beschimpfen – ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass es sich hierbei um ein E-Jugend-Spiel handelt.

Zwei völlig unterschiedliche Situationen und dennoch haben sie eines gemeinsam: Alle genannten Protagonisten, ob Profi oder Eltern, haben eine Vorbildfunktion den Kindern gegenüber. Wie sich ein solch negatives Verhalten auswirken kann, soll Inhalt dieses Beitrages sein.

Modelllernen nach Bandura

Dass diese zuvor beschriebenen Situationen keine Seltenheit darstellen, sondern traurige Wahrheit ist, spiegelt sich in dem Aufruf des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) für faires Verhalten von Eltern am Fussballplatz „Fair ist mehr“ (siehe Foto und Download) wieder. In der Vergangenheit lassen sich gar Fälle von „Fanausschreitungen“ finden, bei denen Eltern durch aggressives Verhalten am Spielfeldrand traurige Negativschlagzeilen machten. Dass dieses Verhalten weitreichende Folgen haben kann – und dies nicht nur unmittelbar – lässt sich anhand der Theorie Banduras erklären (siehe Abb. 2).

Für Bandura stand fest, dass menschliches Verhalten nicht allein durch Reiz-Reaktion-Zusammenhänge zu erklären sei, sondern dass zwischen Reiz und Reaktion höhere Prozesse ablaufen. Aus dieser Überlegung kam er zu der Einsicht, dass es sich beim Modelllernen um einen kognitiven Lernprozess handelt. Ein Individuum eignet sich neue Verhaltensweisen durch das Beobachten von Verhalten anderer Individuen und den darauffolgenden Konsequenzen an. Bandura wollte belegen, dass auch aggressives Verhalten (wie bspw. jenes der Eltern zu Beginn) durch Modelllernen entstehen kann. In diesem Zusammenhang ließ er Kinder beobachten, wie erwachsene Modelle eine große Plastikpuppe boxten, schlugen und traten. Diese Kinder zeigten im weiteren Verlauf des Experimentes häufiger derartige Verhaltensweisen als Kinder aus der Kontrollgruppe, die die aggressiven Modelle nicht beobachtet hatten (vgl. Bandura et al. 1963). Zimbardo und Gerrig (1999) gingen sogar noch weiter und fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass Kinder aggressives Verhalten bereits dann nachahmten, wenn sie die Modelle lediglich im Film gesehen hatten, oder wenn die Modelle selbst nur Zeichentrickfiguren gewesen waren.

Sportsmann Klose

Es gibt jedoch auch die andere Seite der Medaille mit einem noch größeren Potential. In der Welt des leistungsorientierten Ergebnissports Fussball finden sich einige wenige Beispiele, jedoch mit einprägsamer Wirkung wieder. An dieser Stelle sei an unseren ehemalige DFB-Torjäger Miroslav Klose gedacht. Neben seinen unzähligen Toren, blieben auch Aktionen im Gedächtnis, die den Fairplay-Gedanken besonders untermauern. Zu seiner aktiven Zeit bei Lazio Rom gab er ein irregulär erzieltes Tor mit der Hand beim Stand von 0:0 zu:

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Fazit

Auch wenn es einmal hoch hergeht und die Emotionen einen überfluten, würde ich es mir wünschen, dass sich Eltern als auch die Spieler ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Wie wir an der Theorie von Albert Bandura eindrucksvoll sehen konnten, ahmen Kinder die Verhaltensweisen von beobachteten Modellen nach. Dieses Potential ist unlängst beim DFB angekommen, denn dieser zeichnet seit 1997 jährlich Spieler, Mannschaften, Schiedsrichter, Trainer und Funktionäre mit der „Fair Play-Medaille“ aus, die auf und abseits des Fußballplatzes entweder durch einzelne Gesten oder durch ihr kontinuierliches Verhalten den Gedanken des Fair Play in besonderer Form leben.

Literatur:

Bandura, A. & Walters, R. H. (1963). Social learning and personality development. Winston: Holt.
Zimbardo, P. G. & Gerrig, R. J. (1999). Psychologie. München: Pearson.

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Dr. René Paasch: Torschusstraining im Fußball

Angeblich fragte Neven Subotic von Borussia Dortmund im Sommer 2015 seinen damals neuen Trainer Thomas Tuchel, ob das wirklich zum Fußball gehöre? Gemeint waren Trainingsmethoden, die auf das Differenzielle Lernen zurückgehen und im Ergebnis vieles über Bord werfen, woran sich hochrangige Profi-Fußballer gewöhnt haben. Tuchels Expertise, der im angeführten Zeit-Online-Artikel zum “Gehirntrainer” ernannt wurde, geht auf die Zusammenarbeit mit einem Mainzer Wissenschaftler zurück, der die Trainingsarbeit verändert hat und verändern wird.

Zum Thema: Differenzielles Lernen für eine verbesserte Schussqualität

Das differenzielle Lernen wurde in Deutschland von Wolfgang Schöllhorn (1999) geprägt. Anfangs stark kritisiert und teilweise noch heute als Hirngespinst abgetan (Künzel, Hosner, 2012) gab es im Laufe der Jahre in zahlreichen Sportarten positive Nachweise über die Wirksamkeit dieses Ansatzes.

„Übe nie das Richtige, um das Richtige zu tun.“

Wolfgang Schöllhorn

Japanische Wissenschaftler konnten in einer interessanten Studie, die Strukturierung der Gehirne von Top-Athleten (u.a. von Neymar) untersuchen, wobei ein Zusammenhang zwischen motorischen Fertigkeiten und dem Lernen durch Differenzen hergestellt wurde (Naito, Hirose 2014). Die Geschwindigkeit der Aneignung von Wissen wird mittels dieser Methode wesentlich schneller erreicht als mit klassischen Ansätzen. Zur Verbesserung der Technik gibt es zwei Lehrmethoden. Auf der einen Seite steht das Modell des motorischen Wiederholens – das „Einschleifen“. Dabei geht es darum, ein bestimmtes technisches Bewegungsideal ohne Fehler zu trainieren. Durch stetige Wiederholungen wird in der Idealvorstellung dieser Lehrmethode die bestmögliche Ausführung eingeschliffen. Auf der anderen Seite steht das Lernen mittels Variationen und Differenzen. Beim differenziellen Lernansatz kommt es zu einer Neubewertung jener Bewegungsfehler (Schwankungen), die beim Einschleifen vermieden werden sollen. Diese werden sogar bewusst in den Trainingsprozess integriert (Schöllhorn 1999).

Die Grundideen des differenziellen Lernansatzes

Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen ständigen Schwankungen und können nicht (exakt) wiederholt werden. Darüber hinaus sind Bewegungen personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch (Schöllhorn 1999, S. 9). Bei traditionellen Lehrmethoden wird hingegen eine schrittweise Annäherung an ein vorgegebenes Ziel durch entsprechend hohe Wiederholungszahlen mit ständigem Soll-Ist-Vergleich angestrebt. Dabei soll die Abweichung vom Ideal nach und nach verringert werden, bis die Zieltechnik erreicht ist.

Diese angestrebte Zieltechnik muss jedoch im Fußball in Bezug auf die ständig wechselnden Anforderungen von Raum-, Gegner- und Zeitdruck, sowie äußerer Umstände (Bsp.: Wetter, Platzverhältnisse) angepasst werden und lässt ferner die individuelle Motorik außer Acht, sodass die Anwendung der reinen Zieltechnik nur selten oder gar nie stattfindet. Insofern kann das Einschleifen den komplexen Anforderungen des Fußballspiels mit all seinen ganzheitlichen und synergetischen Effekten unmöglich gerecht werden.

Praktische Anwendung

Um sich die differenzielle Lehrmethode im Trainingsalltag für eine verbesserte Schussqualität anzueignen, können Schwankungen in spezielle Situationen integriert oder in freien Spielformen gezielt provoziert werden. Aber auch äußere Umstände (Platz- und Ballqualität) können ursächlich für Schwankungen sein. In Passübungen ohne Gegnerdruck können sichtbehindernde Hilfsmittel (Augenklappe) genutzt werden. Die gemäß einer Leittechnik optimale Körperhaltung bei Torschüssen erfolgt so, dass das Standbein etwa 2-3 Fußbreiten seitlich vom Ball entfernt steht, während der Oberkörper leicht über den Ball geneigt wird. Der dem Schussbein gegenüberliegende Arm wird seitlich vom Körper weg gestreckt und beim Schuss nach innen durchgeschwungen; der andere Arm wird leicht nach hinten geschwungen. Da die differenzielle Lehrmethode ein solches Leitbild mit Allgemeingültigkeit ablehnt, können hier Schwankungen integriert werden, um technische Fortschritte zu erlangen. Für mögliche Übungsformen zum Torschuss werden sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen erfasst (Hegen, Schöllhorn 2012).

1. Anlauf: Sidesteps, Anfersen, Kniehebelauf, Hopserlauf, Zick-Zack, Schlusssprung (mit Koordinations-/Konditionsformen verbinden).
2. Situation: Ball ruht, Ball rollt oder springt (von vorne entgegen, von der Seite herein), Ball wird gedribbelt; Gegnerdruck (Gegner läuft von der Seite ein, greift frontal an).
3. Standbein: Vor oder hinter dem Ball, Fußspitze zeigt nach innen oder außen, auf Ballen oder Ferse stehen.
4. Oberkörper: Armhaltung (nach oben, unten, vorne, hinten, zur Seite gestreckt; kreisend; Kombination), Kopfhaltung (zur Seite geneigt), Oberkörperlage (bei hohen Schüssen Oberkörper nach vorne beugen & umgekehrt).
5. Schussbein: Ausholbewegung nach hinten außen, gestrecktes Kniegelenk, nach Schuss sofort abstoppen, nur zur Hälfte ausholen.
6. Zusatz: Ein Auge schließen, Blinzeln, Trefferzone am Tor vorgeben.

Abb. 1.: Sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen nach Hegen und Schöllhorn (2012).

Die Vorgaben sollen nicht wiederholt werden. Auch die Qualität des Spielfeldbelages (Halle, Natur- oder Kunstrasen) und/oder die Größe und Qualität der Bälle können verändert werden. Unterschiedliche Qualitäten von Bällen und Spielfeldern wirken sich auf die Differenzierungsfähigkeit und damit direkt auf das allgemeine Ballgefühl aus. Schwankungen können zudem vor allem in Spielformen erzeugt werden. In solchen herrscht stets Gegnerdruck, der dafür sorgt, dass die theoretische Idealtechnik praktisch nicht umgesetzt werden kann. Es werden also spielnahe Schwankungen erzeugt, die zu einer entsprechend spielnahen Technik führen. Die Begrenzung der Spielfeldgröße kann verändert werden und beeinflusst auf diese Weise die Spielintensität. So kann etwa der Ball in kleinen bzw. engen Feldern schneller unter Druck gesetzt werden. Das hat Auswirkungen auf die Beweglichkeit und Koordination für Zweikampfaktionen zur Folge. Zu diesen beeinflussenden Faktoren gesellt sich eine automatische, bewusste und unbewusste Auseinandersetzung mit den taktischen Gegebenheiten des Spiels. Dadurch findet eine Förderung von Technik und Taktik statt. Taktische Erfahrungswerte werden auf diese Weise mittrainiert.

Fazit

Festzuhalten ist, dass jede Situation im Laufe eines Fußballspiels komplexe Anforderungen an Spieler/innen stellt, die im Training zu berücksichtigen sind. Es ist sehr wichtig, immer wieder neue Differenzen zu erzeugen und Schwankungen zu provozieren. Solange dies gelingt, sind Verbesserungen möglich.

Literatur

  1. Beck, Frieder (2008): Sportmotorik und Gehirn – Differenzielles Lernen aus der Perspektive interner Informationsverarbeitungsvorgänge; Sportwissenschaft, 38, 4; S. 423-450
  2. Hegen, P. , Schöllhorn, W. (2012): Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung – Über ‚Umwege’ schneller zur besseren Technik: Differenzielles Lernen im Fußball; Fussballtraining, (2012) 03; S. 30-37
  3. Naito, E. , Hirose, S. (2014): Efficient foot motor control by Neymar’s brain; Frontiers in Human Neuroscience, 8
  4. Schöllhorn, W. (1999): Individualität – ein vernachlässigter Parameter?; Leistungssport, 29, 2; S. 5-12.
  5. Schöllhorn, W., Sechelmann, M., Trockel, M., Westers, R. (2004): Nie das Richtige trainieren, um richtig zu spielen; Leistungssport, 34, 5; S. 13-17
  6. Schöllhorn, W. (2005): Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144; S. 125-135
  7. Wewetzer, K. J. (2008): Motorisches Lernen in der Sportart Golf – Eine empirische Studie mit Anfängern; Kiel; 2008

Internet

http://www.zeit.de/sport/2015-07/thomas-tuchel-borussia-dortmund-trainer-methode

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Feuer unter dem Dach

Der Tod des Schweizer Bergsteigers Ueli Steck wurde zu einem großen Medienthema. Auch wir, Die Sportpsychologen, haben uns mit dem traurigen Ereignis befasst, was im Kreise der deutschsprachigen Sportpsychologie aber nicht nur positiv aufgenommen worden ist. Ethische Fragen standen im Fokus der Kritik und der implizite Vorwurf, dass das Netzwerk Effekthascherei betreiben würde.

Zum Thema: Die Sportpsychologie im digitalen Wandel

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Weitere Informationen

Klar, keine Frage, das Netzwerk Die Sportpsychologen lotet neue Grenzen aus. Aber: Alle Profilinhaber tun dies mit einem hohen Qualitätsanspruch. Die Basis aller Beiträge sind fachliche Kompetenz, persönliche Erfahrung und zu weilen Meinungsstärke. Und dieser Mix wirkt: Seit dem Start von die-sportpsychologen.de im Juni 2014 hat allein diese Plattform über 75.000 Nutzer gezählt. Auffällig ist, dass mehr und mehr Besucher auf die Seite kommen, weil sie im Netz nach Begriffen wie „Sportpsychologie“ oder „Mentaltraining“ suchen. Nahezu alle Profilinhaber berichten, dass ihre Beiträge Resonanzen hervorrufen, die von Aufträgen und festen Job-Angeboten bis zu Interviewanfragen und herzhaften Diskussionen mit anderen Sportpsychologen reichen.

asp-Tagung und 2. Netzwerktreffen in Bern

Sehr, sehr positiv an der aktuellen Diskussion im Berufsfeld Sportpsychologie ist: Diese inhaltlich kontroverse aber fachliche wie sachliche Auseinandersetzung bekommt mit der 49. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland, kurz asp-Tagung, eine Bühne. Denn vom Donnerstag, den 25. bis Samstag, 27. Mai, treffen sich die Sportpsychologiebranchenvertreter in schweizerischen Bern. Dort stehen zahlreiche interessante Veranstaltungen (zum Programm) bevor – u.a. greifen wir am Samstag, den 27. Mai, zwischen 10:50-12:10 Uhr, die aktuelle Diskussion auf: Angewandte Sportpsychologie goes public – die-sportpsychologen.de/ch (mit Dr. Hanspeter Gubelmann, Prof. Dr. Oliver Stoll, Mathias Liebing). Wer sich über die Plattform informieren und vielleicht auch Kritik äußern will, der ist herzliche eingeladen.

In Bern wird im Nachgang der asp-Tagung, genauer am Samstag, den 27. Mai, zwischen 14 und 18 Uhr zudem das 2. Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen stattfinden. Die kostenlose Veranstaltung im Hotel „Am Pavillon“ (Pavillonweg 1a,3012 Bern) richtet sich an interessierte Profilinhaber sowie SportpsychologInnen, sportpsychologische BeraterInnen und MentaltrainerInnen aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien. Viele Profilinhaber wie Dr. Hanspeter Gubelmann, Prof. Dr. Oliver Stoll, Philippe Müller, Cristina Baldasarre, Jürgen Walter sowie Gäste wie Martin Feigenwinter haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. Eine Anmeldung kann über Facebook oder bis zum Freitag, den 26. Mai, per Mail an m.liebing@die-sportpsychologen.de erfolgen. Kurzum: Die Sportpsychologen freuen sich auf spannende Tage in Bern!

Information für potentielle Profilinhaber 

Was heißt es, Profilinhaber bei die-sportpsychologen.de oder die-sportpsychologen.ch zu werden? (Klick auf das Bild)

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Jürgen Walter: Wird die Lanxess Arena zum Fluch?

Die Stimmung zum Auftakt der Eishockey-WM vor gut einer Woche in der Kölner Lanxess Arena war gigantisch. 18.000 Fans trieben die deutsche Nationalmannschaft zu einem viel umjubelten 2:1-Sieg gegen Mitfavoriten USA. Nun, zum Ende der Vorrunde steht das Team von Bundestrainer Marco Sturm nach teils unglücklichen Niederlagen unter Druck: Am letzten Vorrundenspieltag am Dienstagabend muss gegen Lettland ein Sieg her, um das große sportliche Ziel, den Viertelfinaleinzug, zu schaffen. Welche Rolle spielt nun das Heimpublikum in Köln – werden die Erwartungen der Fans zur Last oder stärken die Zuschauer den Spielern den Rücken?  

Zum Thema: Zur Bedeutung des Heimvorteils aus sportpsychologischer Sicht

Die WM im eigenen Land: 2006 im Fußball, 2007 im Handball, 2010 im Eishockey. Zwei Niederlagen, ein Sieg. Eine Bilanz, die den derzeitigen Stand der Forschung zum Thema „Heimvorteil“ passend beschreibt. Seit Jahrzehnten versuchen Studien, das Konzept greifbarer zu machen. Dennoch bleibt der Heimvorteil eines der noch wenig verstandenen sportlichen Phänomene.

Kerry Courneya und Albert Carron waren 1992 die ersten Forscher, die einer Mannschaft mit einem ausgeglichen Terminplan an Heim- und Auswärtsspielen eine mehr als fünfzig prozentige Wahrscheinlichkeit eines Heimsieges prognostizierten. Einer der ausschlaggebenden Faktoren war dabei die Vertrautheit mit der Spielstätte. Laut Pollard (2002) lassen sich rund 25 Prozent des Heimvorteils durch den Faktor der Vertrautheit erklären. Diese kann sich in physischen, sensorischen oder psychologischen Faktoren äußern. Im heimischen Stadion kennt eine Mannschaft alle Ecken und Winkel, somit entstehen weniger Ablenkungsmöglichkeiten während des Spiels (physisch). Die Beleuchtung beispielsweise ändert sich in jedem Stadion, ebenso die Zahl der Zuschauer und die daraus resultierende Lautstärke (sensorisch). Die psychologischen Aspekte fokussieren sich vor allem auf die mentale Vorbereitung der Spieler. Im Heimstadion begegnen sie bekannten Gesichtern, sind mit den Gegebenheiten vertraut und werden in ihrer etablierten Vorbereitungsroutine nicht gestört. Beides wirkt sich positiv auf die Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit aus.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Widersprüchliche Forschungsergebnisse zum Heimvorteil

Wissenschaftliche Resultate zum Konstrukt des Heimvorteils sind jedoch widersprüchlich. Laut Baumeister und Steinhilber (1984) können bestimmte Bedingungen dazu beitragen, dass aus einem Heimvorteil ein Heimnachteil wird. Eine Hypothese ist, dass die Chance, ein WM-Spiel vor heimischem Publikum zu gewinnen, paradoxerweise zu einem Leistungsabfall führen würde. Aufatmen nun für alle Eishockey-Fans: Die Ergebnisse der Studien konnten bislang nur im professionellen Basketball und Baseball repliziert werden – für Kufen-Cracks nicht. Ein Leistungsabfall im Eishockey sei seltener der Fall, da der stetige physische Kontakt mit Gegnern und Mitspielern als Angstblocker vor der Niederlage dient. Außerdem sei die Anzahl der eingesetzten Spieler im Vergleich zu Sportarten wie Baseball oder Basketball wesentlich höher. Dadurch komme es zu einer Verteilung der Verantwortlichkeit für die Teamleistung und zu weniger individuellen Leistungszweifeln (Wright, Voyer, Wright & Roney, 1995). Allerdings sinke der Heimvorteil im Eishockey auf 37%, wenn die Heimmannschaft leistungsschwächer als die Auswärtsmannschaft ist (Schwartz & Barsky, 1977).

Ein Aspekt trifft jedoch nahezu sportartenübergreifend zu: Teams, von denen ein Sieg erwartet worden ist, litten häufiger unter dem Heimnachteil und verloren die entscheidende Partie (Wright et al., 1995).

Führt Unterstützung zu Leistungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit?

Das unausgesprochene Ziel der deutschen Mannschaft ist das Viertelfinale und um es in die Worte von Verteidiger Konrad Abeltshauser zu packen: „Manchmal braucht man so einen Schub. Da ist es super, wenn man den Rückhalt von den Fans bei der Heim-WM hat.“ Hoffen wir, dass die Unterstützung der deutschen Fans zu einer gestärkten Leistungsfähigkeit, zu Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit führt. Dann würde der Viertelfinalzug quasi zur self-fulfilling-prophecy werden.

In diesem Sinne wünsche ich unseren Jungs vollen Erfolg auf dem Eis! Auch wenn das abschließende Gruppenspiel gegen Lettland (Diesntag, 20.15 Uhr, bei Sport1), welches zu einem direkten Duell um das Viertelfinale geworden ist, alles andere als eine leichte Aufgabe darstellt. Es wird spannend, ob und wie sich der Heimvorteil auswirkt.

 

Quellen:

Baumeister, F. & Steinhilber, A. (1984). Paradoxical effects of supportive audiences on performance under pressure: the home field disadvantage in sports championships. Journal of Personality and Social Psychology, 47, 85-93.

Courneya, K.S. and Carron, A.V. (1992). The home advantage in sports competitions: a literature review. Journal of Sport and Exercise Psychology, 14, 13-27.

Pollard, R. (2002). Evidence of a reduced home advantage when a team moves to a new stadium. Journal of Sports Sciences, 20, 969 – 973.


Schwartz, B., & Barsky, S. F. (1977). The home advantage. Social Forces, 55, 641–661.

Wright, E., Voyer, D., Wright, R, & Roney, C. (1995). Supporting audiences and performance under pressure: the home-ice disadvantage in hockey championships. Journal of Sports Behavior, 18, 21-28.

 

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Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Lange habe ich überlegt, wie genau ich meine Serie #warum fragen wir nicht einfach die Besten? fortführen möchte? Würde ich einfach die derzeit besten Spieler des Landes interviewen, so würde es mich mal ein paar Wochen nach Braunschweig verschlagen, mal nach Schwäbisch Hall, Frankfurt oder in die anderen Football-Metropolen unseres Landes. Sicher würden viele Antworten auf meine Fragen stets ähnlich sein. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, noch eine Ebene weiter zu blicken – Spieler und Trainer zu interviewen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Geschichten, die andere Spieler auf ihrem Weg weiterbringen können. Ich will Menschen suchen, die beeindrucken. Für Dennis Zimmermann trifft das alles zu, und wie!

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Dennis Zimmermann (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

Dennis Zimmermann war jahrelang einer der erfolgreichsten deutschen Quarterbacks. Lange und ausdauernd schwamm er auf der Welle des Erfolges, wurde überschüttet mit Anerkennung und Auszeichnungen.

Bis zum 24.7.2011 – da war plötzlich ALLES anders…

Bis dahin sah seine Karriere so aus: 1994 -1995 Berliner Adler Flag-Football Team. 1995 als Quarterback aktiv. 1994 und 1995 Berliner Meister, Auszeichnung bester Spieler des Teams, 1997 Deutscher Jugend Meister, 1998-1999 Stipendium des NFL Nachwuchspogramms „International Development“, Starting Quarterback an der Highschool in Baltimore, 1998 und 2000 Jugend-Europameister, MVP QB des Turniers. 2001 Nominierung Team Europa. 2004, 2005, 2006, 2007, 2008 Deutscher Meister mit den Berlin Adlern (2004) und den Braunschweig Lions (2005-2008). 2007 Deutscher Meister und ausgezeichnet zum MVP. Im gleichen Jahr 3. Platz bei der Weltmeisterschaft in Japan. 2010 Europameister, bester Spieler des Turniers und bester QB des gesamten Turniers. 2011 Nominierung zur Football WM als Starting QB.

Dennis, wie bist du zum Football gekommen?

Mit zwölf Jahren habe ich mit Flag Football begonnen. Ein Jahr später bin ich in eine American Football Jugendmannschaft gewechselt und habe dort die Position des Quarterbacks für mich entdeckt. Im gleichen Jahr werde ich bester Spieler der Saison, dann in der Jugend mit 15 Jahren schon Starting QB, was eigentlich erst mit 16 Jahren passiert. Ich werde im gleichen Jahr deutscher Meister, werde Jugend-Europameister,  gehe dann in die USA, werde wieder Europameister, werde bester Spieler des Teams, bester QB des Turniers und bester Spieler des Turniers. Anschließend bin ich freiwillig in die 3. Liga gegangen, um Erfahrung als Starting QB zu erlangen. Dann wechsle ich in die 1. Liga, werde direkt Deutscher Meister, es folgt eine Einladung für die Nationalmannschaft im Senioren-Bereich. Ich werde nominiert für die World Games sowie die Europameisterschaft, verletze mich allerdings und kann diese Turniere leider nicht mitspielen. Ich wechsle nach Braunschweig und werde vier Jahre in Folge mit meinem Team Deutscher Meister, dazu MVP im Germanbowl.

Dann 2009-2010 kamen die schlechten Jahre. Da gab es einen Umschwung und der große Erfolg blieb aus. Ich spiele die schlechteste Saison meines Lebens. Dann kommt wie aus dem Nichts die Europameisterschaft 2010 und ich spiele das Spiel meines Lebens. Wir holen den Titel, ich werde bester Spieler des Finals sowie des gesamten Turniers. Dann komme ich zurück in den Verein – und wieder läuft so gut wie nichts.

Und dann kam der 24.7.2011 und ALLES ändert sich…

Es ist das Spiel gegen Stuttgart. Vieles lief schon in den letzten Spielen falsch oder besser gesagt es funktioniert einfach nichts mehr so wie zuvor, und das seit Monaten schon. Da werfe ich einen Pass. Er ist technisch perfekt. Ich denke mir noch: Ganz egal, was auch immer in den letzten Monaten passiert ist, dieser Pass wird endlich mal wieder ein richtig guter Moment für mich. Da geht der Linebacker vor mir hoch. Wahnsinnig hoch. Und er holt diesen so perfekten Wurf mit nur einer Hand aus der Luft zu einer perfekte Interception. 

Ich konnte es einfach nicht fassen! Wenn selbst der perfekte Pass nicht mal mehr klappt, was kann ich überhaupt noch? Was ist von dem so hochgelobten QB noch übrig? In der Halbzeitpause gehe ich in die Kabine und ich sage zu meinem Headcoach, dass er mich sofort auswechseln sollte, wenn er noch die kleinste Chance haben möchte, dieses Spiel zu gewinnen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich dieses Spielfeld nie wieder betreten können würde. Alle zerbrach in diesem Moment für mich – mein ganzes Leben. Ich schaute in die fassungslosen Gesichter der Jungs um mich herum und fing an zu weinen. Ich weinte aus lauter Verzweiflung in der gleichen Kabine, in der ich die letzten Jahre noch die Deutschen Meisterschaften gefeiert hatte.  

Es war das letzte Mal in meinem Leben, das ich mein Pad anhatte. Bis vor kurzem sogar das letzte Mal, dass ich ein Stadion betrat. 

Dennis Zimmermann als Spieler der New Yorker Lions

Wie war deine mentale Verfassung in den letzten Spielen? 

Ich hatte immer Angst, dass es wieder schief laufen könnte. Über die Niederlagen an sich habe ich nicht wirklich nachgedacht, eher daran, was ich persönlich mal wieder versagen könnte. 

Wie ging es nach dem Spiel gegen Stuttgart weiter?

Ich hätte nicht mehr spielen können. Ich glaube, ich wäre mental nicht in der Lage gewesen. Ich habe solch eine Angst gehabt, zu versagen. An die Zeit kurz nach dem Moment in Stuttgart habe ich kaum Erinnerungen. Ich habe versucht, mir einzureden, dass ich ab jetzt all meine freie Zeit genießen möchte. Wenn ich zurückblicke, habe ich mich schon vorher aus dem Team zurückgezogen. Ich bin nicht mehr mit feiern gegangen, habe kaum noch Zeit mit den Mannschaftskollegen verbracht.

Ich fühlte mich erleichtert, dass der Druck endlich von mir abfallen konnte, den ich bis dahin so stark in mir gespürt hatte.

Letztes Jahr habe ich als Trainer die QB‘s der 2. Mannschaft von Braunschweig gecoached. Im letzten Spiel musste ich plötzlich den Offense Coordinator übernehmen. Danach bin ich nicht mehr dort hingegangen. Sobald es wieder um Leistung oder Ansprüche an mich ging, konnte ich das nicht mehr.

Und privat?

Irgendwann nach meiner Footballzeit ging es mir immer schlechter, ich wollte nicht mehr das Haus verlassen, hatte zu nichts mehr Lust. Da wusste ich, dass ich mir einen Therapeuten suchen muss, um alles aufzuarbeiten. In dieser Zeit ging es mir so schlecht, dass ich sogar zeitweise Antidepressiva eingenommen habe.

Letztendlich ist es mir immer schon super unangenehm gewesen, im Mittelpunkt zu stehen. Vor 20.000 Menschen im Stadion, da war das kein Problem. Aber hätte ich im Huddle eine Ansprache halten sollen, wäre mir das mehr als unangenehm gewesen. Ich war nie ein Leader. Gerne wäre ich das gewesen und meiner Position wäre es mehr als zuträglich gewesen, aber ich habe es nie gelernt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen, hatte nie ein männliches Vorbild.

Ich habe nie mehr wirklich darüber gesprochen. Würde ich mir jetzt darüber Gedanken machen, wie mein Gefühl wirklich ist, würden ganz bestimmt Emotionen in mir aufkommen, die ich vielleicht nicht aushalten könnte – also nehme ich es so hin, wie es jetzt ist.

Elvina Abullaeva: Depression erkennen lernen

Was hätte dir geholfen?

Meiner Meinung nach hätte es sehr viel geholfen, wenn die Coaches damals besser geschult gewesen wären, was die mentale Schwäche oder Stärke eines Spielers, sowie einer Mannschaft angeht. Als zum Beispiel Kelvin Love damals nach Hause geschickt wurde (auf die Gründe gehen wir hier nicht näher ein), der absolute Leader des Teams, da ist irgendwie alles in sich zusammengebrochen. Da hat man von mir erwartet, dass ich diese Position des Leaders übernehme, dazu war ich aber überhaupt nicht in der Lage.

Ich hatte viel mehr mit mir selbst zu tun, als anderen helfen zu können. Letztendlich bin ich jemand, der lieber von einer anderen Person angeführt wird, als das selbst zu tun. Diese Tatsache ist natürlich für meine Position sehr schwierig. 

Ich habe aber auch leider die folgende Erfahrung gemacht: Je mehr du kämpfst, wenn es mal schlecht läuft, umso schlimmer machst du es damit eigentlich. Wie hätte ich diese Schleife für mich selbst durchbrechen und überhaupt erstmal verstehen sollen?

In einer Spielzeit hatte ich mal einen Mentaltrainer. Dieser hat mit uns an Fokussierung und Spielvorbereitung gearbeitet. Allerdings nicht an dem, was eigentlich schon damals meine Schwächen waren. Deshalb hätte ich mir definitiv Einzelgespräche mit einem Sportpsychologen gewünscht, der evtl. sogar schon meine Entwicklung in diese Richtung im Training und in den Spielen hätte beobachten können.

Ich habe mich selbst nie gut genug gefühlt! Alle Erfolge sehe ich nicht als meine Erfolge an, sondern als Leistung des Teams um mich herum.

Was würdest du rückblickend anders machen?

Ich habe mein Talent nie aktiv gefördert. Ich hätte mehr machen müssen, es zieht sich durch mein Leben, dass ich die gegebenen Chancen nicht immer wahrgenommen habe. Ich war immer erfolgreich, habe immer Titel geholt. Dann kamen plötzlich zwei Jahre, in denen nichts geklappt hat.

Erinnerst du dich an einen weiteren düsteren Moment deiner Karriere?

Ja, im Jahr 2009, in dem Fabian Schorn der 2. QB bei uns war. Ich wurde irgendwann ausgewechselt, als es nicht gut lief. Dann kam Fabian aufs Feld, spielte vier Spielzüge und auch ihm gelang keiner der vier Spielzüge. Ich kam wieder aufs Feld und die eigenen Fans buhten mich aus. Diesen Moment habe ich niemals vergessen! Jedes Mal, wenn ich im TV einen Sportler sehe, der in einer ähnlichen Situation ist, kann ich dieses Gefühl wieder in mir spüren- und es fühlt sich schrecklich an!

Was wäre aus mir geworden, hätte ich mental an mir gearbeitet!?

Wann hat es dir das letzte Mal Spaß gemacht die Sportart auszuüben, die du einst so geliebt hast? Einfach zu spielen, einfach zu werfen?

Spaß am Football kam für mich irgendwann nur noch über den Sieg. Aber letztes Jahr, als ich für die 2. Mannschaft Trainings geleitet habe, als es um nichts ging – kein Spiel, kein Sieg, keine Erwartungen – da hat es mit mega Spaß gemacht einfach ein paar Bälle zu werfen.

Was rätst du jungen Spielern? 

Im Prinzip vier Sachen:

  1. Ich sehe es im Nachhinein als großen Fehler an, meinen gesamten Fokus als Heranwachsender nur auf den Football zu gerichtet zu haben. Da es in Deutschland nicht möglich ist, damit jahrelang seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, stellt euch breiter auf. Findet heraus, was euch Spaß macht und konzentriert euch zusätzlich auch darauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, wenn man am Ende dasteht und sich ein großes Loch auftut, weil man nie eine Vorstellung davon entwickelt hat, was man eigentlich sonst noch ist – außer ein Footballer. 
  2. Seht nicht alles so verbissen. Lasst nicht alles an euch heran. Nehmt euch nicht alles zu Herzen. Wirfst du eine Interception oder triffst eine falsche Entscheidung, dann darf das sein. Macht euch damit nicht kaputt. Fehler muss man abschütteln. 
  3. In meiner Jugendzeit habe ich jede freie Minute damit verbracht, besser zu werden. Ich habe mir Videos angeschaut. Von Wurftechniken oder der Kommunikation zwischen QB und Trainer. Ich kann jedem raten aktiv daran zu arbeiten, technisch perfekt zu werden. Das Spielverständnis kommt mit den Jahren von ganz alleine dazu.
  4. Arbeitet mit einem Sportpsychologen daran, wie man negative Gedanken abschütteln kann. Und sucht euch Hilfe, wenn ihr in euch selbst merkt, dass irgendetwas nicht stimmt.

Was würdest du Coaches raten?

Die Coaches müssen sich immer auf die individuellen Stärken und Schwächen einstellen und daraufhin ein Spielsystem aufbauen. Sie sollten nicht versuchen, den QB passend zu machen für ein Spielsystem, welches Coaches besonders schön finden. Außerdem ist die Ausbildung der QBs in den Jugendmannschaften immer noch stark überholungsbedürftig. 

Miriam Kohlhaas (Die Sportpsychologen) und Dennis Zimmermann beim Interview

Dennis, es ist, als hättest du einen so großen Teil deines Lebens einfach verbannt. Du hast bis zum letzten Jahr kein Spiel mehr im Stadion angeschaut, höchstens mal ein NFL Spiel im TV. Du hast alle Preise, Pokale, Ringe und Erinnerungen auf dem Dachboden verschwinden lassen, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Ich glaube, dass du es so tun musstest, um deinen Weg überhaupt weiter gehen zu können, und zwar mit der Frage im Kopf: Was bin ich eigentlich noch, außer ein Footballer?

Seit unserem ersten Kontakt habe ich mich auf dieses Interview mit dir gefreut. Ich wusste, dass wenn du bereit wärest, mich tief blicken zu lassen, wir eine Geschichte erzählen können, die so vielen anderen Spielern in ihrer Karriere helfen kann. Und ich danke dir, dass du dies zugelassen hast und, obwohl es dir schwer gefallen ist, diese Gefühle von damals noch einmal mit mir zusammen genau angeschaut, sogar nachgefühlt hast. Deine so wahnsinnig persönliche Geschichte zeigt, wie unfassbar wichtig und notwendig die Sportpsychologie im Leistungssport doch ist und was diese hätte retten können, wäre sie rechtzeitig da gewesen, um dich zu unterstützen. 

Und wie unheimlich gerne wäre ich bei dir gewesen an diesem 24.07.2011, wäre mit dir in die Kabine gegangen und hätte dir sagen können, dass du stark genug bist, diesen Misserfolg auf deinen Schultern zu tragen – und du niemals alles aufgeben musst. Aber, da man die Zeit nicht zurückdrehen kann, möchte ich dir heute sagen, was ich dir am meisten wünsche:

Ich wünsche dir, dass du deine Geschichte nicht weiter als Versagen ansiehst, sondern es als etwas, das dich weiter bringt – als ein Geschenk.

Geh‘ raus, erzähl den jungen Spielern, was alles passiert und wie die schwersten Zeiten sich anfühlen können. Gepaart mit all deinem unheimlichen Wissen, was die Technik und das Spielverständnis angeht, wirst du ein wundervoller Coach werden!

#Noregrets

All ihr fantastischen Sportler, ihr starken QB’s da draußen – passt gut auf euch auf. Und ganz egal wie schwer es auch manchmal sein mag, gebt niemals auf!

Miriam Kohlhaas: Der Mensch hinter Pad und Helm

 

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Miriam Kohlhaas: Der Mensch hinter Pad und Helm

Nach meinem Gespräch mit Dennis Zimmermann (zum Insiderbericht) blieben in meinem Kopf einige Fragen offen. So fragte ich mich, ob es wirklich die Erfolglosigkeit war, die am Ende dazu führte, dass er alles aufgegeben hat? Oder konnte es sein, dass er schon länger an depressiven Verstimmungen litt, die ihn quälten und ihn nicht los ließen? Was, wenn die Geschichte, die wir erzählen wollten, vielleicht nicht die Geschichte seines Lebens war!?

Zum Thema: Grenzen und Potentiale der Sportpsychologie

Im Nachhinein kann Dennis nicht mehr sagen, was zuerst kam. Er sagt, dass er wusste, es stimmte etwas mit ihm nicht. Aber er wusste überhaupt nicht, was mit ihm los war und wo genau er passende Hilfe finden würde. Er weiß nicht mehr, welches Gefühl zuerst in seinem Kopf war und am Ende seinen ganzen Körper so durchdrungen und gelähmt hat, dass er so große Not spürte.

Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Dann habe ich mich gefragt, ob seine engsten Vertrauten vielleicht etwas haben erkennen können, in dieser Zeit vor dem 24.07.2011. Gab es Anzeichen einer Veränderung, sogar Anzeichen für eine Depression?

Nie allein

Und so ergab sich auch nach diesem Interview die wundervolle Möglichkeit, dass ich die Mutter von Dennis kennenlernen und all meine Fragen loswerden konnte. Danke, liebe Sabine, dass du jede noch so kritische Frage zugelassen hast und mich hast spüren lassen, dass Dennis zu keiner Zeit, egal wie dunkel es war, alleine war!

In diesem Gespräch mit der Mutter von Dennis erzählte sie mir zu Beginn davon, wie sie meinen Artikel über Niklas Römer gelesen hatte und dachte, dieser könnte auch über Dennis handeln. Es gäbe so viele Parallelen, was diese „Besessenheit“ und enorme Strebsamkeit angeht.

Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Direkter Weg zum Stipendium

Football kam für Dennis immer an erster Stelle. Auf die Schule hatte er nie wirklich Lust, das Training war das Highlight seines Tages. So gab es sogar einen Besuch bei einem Schulpsychologen damals. Dieser berichtete der Mutter anschließend, dass Dennis sein Abitur mit links machen könne, dass er dies aber mit Sicherheit nicht tun würde, weil er darin erst einen Mehrwert und Sinn für sich erkennen müsste – diesen sehe er aber nicht.

Aber dieser Fokus auf den Sport lohnte sich für ihn auch immer. Er ist immer der Held gewesen. Als er mit 16 Jahren das NFL Stipendium für zwei Jahre in Amerika bekam, hat sie als Mutter sofort zugestimmt, egal wie schwer ihr es auch viel. Bei jedem Spiel war sie entweder im Stadion dabei oder verfolgte es im Internet auf irgendeinem Livestream.

Alle Augen auf den Quarterback

Und deshalb erinnert sie sich so unheimlich gut an den Moment, als auch ihr wirklich klar wurde, dass etwas nicht stimmte. Es war ein Heimspiel in Braunschweig. Sie saß auf der Tribüne, als plötzlich einer der eigenen Fans sich darüber äußerte, dass „dieser Dennis Zimmermann eh überhaupt nichts mehr hinbekomme“ und „er gefälligst gefeuert werden soll“. Und „was er denn für ein unheimlich schlechter Spieler sei, der nichts hinbekomme.“

„In diesem Moment ist mein Herz gebrochen“, erzählt Sabine. „Mein Sohn tat mir so unheimlich leid und zum ersten Mal konnte ich all den Druck auf seinen Schultern spüren.“ In dieser Zeit machten nämlich auch die Trainer und einige der Spieler Dennis ganz allein für die Erfolglosigkeit der Mannschaft verantwortlich. „Das ist eben die Schattenseite dieser Position. Alle Augen auf den Quarterback – und eben auch alle Erwartungen.“

Dennis im Treibsand

„Und ich sah meinen Sohn in dieser Zeit an und hatte das Gefühl, er stecke im Treibsand. Je mehr er versuchte sich aus der Situation zu befreien, umso tiefer versank er darin. Und Dennis zog sich immer weiter zurück, entfernte sich vom Team, eigentlich von allem. Vor und nach den Spielen saß er abseits vom Team, hörte Musik, war in sich gekehrt. Und als Mutter zu sehen, dass dein Kind untergeht, war kaum auszuhalten. Ich habe mich wahnsinnig hilflos gefühlt.“

„Als ich gehört habe, dass es jemanden gibt, dem Dennis seine Geschichte nach all den Jahren erzählen möchte, war ich so dankbar, dass sich da jemand die Mühe macht, mal hinter das Pad und den Helm zu schauen. Und ich wünsche mir, dass es vielleicht nur einen jungen Spieler gibt, dem Dennis mit seiner Geschichte helfen kann, in schwierigen Situationen einen guten Weg für sich zu finden. Und einen Experten an seiner Seite zu haben, der diesen Weg begleitet.“

Und genau dafür soll diese Geschichte erzählt worden sein – um zu helfen!

Sportpsychologie als Teil des Footballs?

Aus sportpsychologischer Sicht bin ich mir sicher, dass Dennis‘ Geschichte ein großes Beispiel dafür ist, dass die Sportpsychologie ein fester Bestandteil des Footballs sein muss.

In meiner Arbeit begleite ich viele Trainings, vor und während der Saison. Dabei beobachte ich die Spieler und Trainer genau: Ihre Körpersprache, ihre Kommunikation, Veränderungen ihres Verhaltens. Diese werte ich in Einzelgesprächen gemeinsam aus und arbeite diese auf. Ich bin mir sicher, dass ich mit dem professionellen Blick einer sportpsychologischen Betreuerin Veränderungen an Dennis früh gesehen hätte und ihn dann gezielt angesprochen hätte.

Elvina Abullaeva: Depression erkennen lernen

Die Grenzen der Sportpsychologie

An dieser Stelle gibt es eine entscheidende Frage für den Experten: Wäre es damals so gewesen, dass Dennis depressive Züge vorweist, so hätten wir die Grenzen der Sportpsychologie dahingehend erreicht, als dass wir nicht klinisch arbeiten. Allerdings hätte ich ihn begleitet auf seinem Weg zu Fachleuten und Experten, damit er die Hilfe bekommt, die er so dringend gebraucht hätte. Aber hätte ich festgestellt, dass er mit der Erfolglosigkeit nicht klarkommt und mit dem damit verbundenen Druck, so wären wir mittendrin gewesen in einem spannenden sportpsychologischen Thema und hätten früh gemeinsam einen Kurswechsel anstreben können.

All ihr fantastischen Sportler, ihr starken QB’s da draußen – passt gut auf euch auf und ganz egal, wie schwer es auch manchmal sein mag, gebt niemals auf!

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