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“Bei Pétanque hängt 70 bis 80% vom Kopf ab”

Vom 21. bis 24. September 2017 finden im französischen Ort Saint-Pierre-lès-Elbeuf die Europameisterschaften im Pétanque statt. Das deutsche Senioren-Team um Marco Lonken, Jannik Schaake, Moritz Rosik und Marco Schumacher (Teammitglied Raphael Gharany war verhindert) träumt im Vorfeld von einer Medaille. Andreas Meyer von „Die Sportpsychologen“ traf die Auswahl bei einem Vorbereitungswettkampf in Düsseldorf und überzeugte sich davon, welchen großen Stellenwert die Sportpsychologie in dieser Randsportart hat. 

Für die-sportpsychologen.de berichten:
Marco Schumacher, Marco Lonken, Jannik Schaake und Moritz Rosik (Interview: Andreas Meyer, zur Profilseite von Andreas)

Könnt ihr mir verraten, wie lange ihr im Pétanque tätig seid, wie ihr dazu gekommen seid und in welchem Verein ihr spielt?

Marco L: Ich spiele jetzt seit drei Jahren für Düsseldorf sur place und habe vorher bei meinem Vater im Verein in Solingen gespielt. Insgesamt spiele ich jetzt seit zehn Jahren Pétanque. Zum Boule gekommen bin ich über meinen Vater. Ich habe in Solingen auf dem Platz gestanden und wurde einfach von jemandem angesprochen, ob ich nicht ein Turnier in NRW spielen möchte. Und so hat es angefangen.

Jannik: Zum Boule spielen kam ich eher durch Zufall im Urlaub auf einem Campingplatz. Dort wurde eine Boule AG angeboten und dort habe ich dann mitgemacht. Mein Onkel spielt auch schon seit Ewigkeiten Boule und ich habe dann dort im Verein angefangen. Das war dann in Waldhofen in der Nähe von Mannheim, dort habe ich zwei Jahre gespielt. Anschließend bin ich nach Sandhofen gegangen, dort habe ich dann zwei Jahre in der Bundesliga gespielt und weitere sieben Jahre in der Landesliga Baden-Württemberg. Nun bin ich seit drei Jahren in Freiburg. Mein Heimatverein und dort wo ich auf dem Platz stehe und trainiere ist aber weiterhin in Sandhofen.

Das Team von links nach rechts: Marco Schumacher (32, Düsseldorf, Sozialpädagogik-Student), Marco Lonken (24, Wuppertal, Servicetechniker), Moritz Rosik (23, Düsseldorf, BWL-Student und Gastronomie-Kaufmann), Jannik Schaake (28, Mannheim, Lehramt Mathematik-Student) und Sportpsychologe Andreas Meyer (es fehlt: Raphael Gharany)

 

Marco: Ich spiele mittlerweile seit 15 Jahren Boule. Bin an die Sportart über meinen Vater rangekommen, das war eine ganz witzige Situation. Der war immer wieder Samstagnachmittags mal nicht zu Hause und ich habe meine Mutter gefragt, was er macht. Sie sagte mir dann, dass er Boule spielen ist und dann bin ich irgendwann einfach mal mitgekommen, habe Spaß daran gefunden und bin dabei geblieben. Mein erstes Turnier habe ich allerdings erst drei Jahre später bestritten, denn ich wusste anfangs nicht einmal, dass so etwas angeboten wird. Unter anderem habe ich bereits für Hannover und Bonn gespielt. Seit zwei Jahren spiele ich nun hier in Düsseldorf.

Moritz: Also, ich spiele seit neun Jahren Boule und bin durch meinen Opa dazu gekommen. Neben unserem Fussballplatz in Lintorf war auch ein Bouleplatz und dann habe ich dort manchmal einfach mitgespielt. Dann hatte ich Glück, dass die Nationaltrainerin in Duisburg gewohnt hat und in Lintorf selber trainiert hat. Sie hat mich an die Hand genommen und angefangen mich zu trainieren und nach einem Jahr durfte ich dann in der Jugendnationalmannschaft spielen. Groß geworden bin ich in Lintorf, spiele aber jetzt seit fünf Jahren für Düsseldorf sur place.

Nun wollen wir uns etwas spezifischer mit eurer Sportart auseinandersetzen. Was sind eurer Meinung nach Faktoren, die man benötigt, wenn man erfolgreich Pétanque spielen möchte?

Jannik: Also, ich würde sagen, es ist auf jeden Fall auch Kopfsache. Ich kenne viele Boulespieler, die im Training gut spielen aber im Turnier an ihre Grenzen stoßen. Nur wenige bringen es auch in engen Situationen auf den Platz, was sie im Training abrufen können. Ansonsten ist es wichtig, dass die Technik da ist.

Moritz: Es ist auch Training, ganz viel Training und viele Turniere spielen, um einen Rhythmus reinzubekommen. Desto mehr Spiele man auf hohem Niveau beschreitet, desto leichter fällt es einem dann auch auf großen Turnieren mit Zuschauen usw. seine Leistung abzurufen. Viele haben Probleme, sobald der Druck ein bisschen steigt, deshalb finde ich spielt das mentale eine große Rolle.

Ich habe rausgehört, dass die mentale Komponente für euch, neben der Technik eine sehr wichtige Rolle spielt. Welche mentalen Aspekte findet ihr denn besonders wichtig?

Marco: Ich finde es ganz wichtig, dass man negative Erlebnisse so schnell wie möglich wieder aus dem Kopf bekommt. Dass man sich nicht, nach einer schlechten Aktion für den Rest des Spiels runterziehen lässt, sondern das schnell wieder aus dem Kopf raus bekommt, um für die nächste Aufgabe fit zu sein.

Moritz: Es ist auch wichtig, dass wir in einen Tunnel kommen und die störenden Einflüsse von rechts und links nicht mehr so wahrnehmen. Es ist gar nicht so einfach, auch wenn man es unbedingt möchte. Eigentlich wäre es gut, wenn man eine Strategie hat, damit einem dieser Schritt leichter fällt. Man versucht sich eine Strategie zurechtzulegen, indem man reflektiert, wie war das, als du das letzte mal im Tunnel warst? Wie genau bist du damals dahin gekommen?

Könnt ihr euch an Beispielsituationen erinnern, in denen ihr solche Aspekte, die ihr einer mentalen Komponente zuschreiben würdet, im Spiel angewendet habt?

Marco L: Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wenn man im Team spielt, dass derjenige, der an der Reihe ist, von seinen Mitspielern Unterstützung erhält.

Moritz: Bei mir persönlich ist es so, dass wenn ich merke, dass etwas nicht gut läuft, dass ich versuche, immer die gleichen Abläufe ablaufen zu lassen. Vor der Weltmeisterschaft in Gent habe ich mich auch mal mit Daniel Dias zusammengesetzt, denn ich weiß, ich habe ein Problem, wenn rechts und links von mir sehr viel los ist. Dann kann ich mich nicht gut konzentrieren. Wir haben dann aufgeschrieben, welche Faktoren mich am meisten beeinflussen und irgendwie hat das geholfen. Aber so explizit mental gearbeitet habe ich eigentlich sonst noch nicht.

Jannik: Ich habe mich zweimal mit der Sportpsychologin vom SV Waldhof Mannheim getroffen, die mir ein paar Tricks verraten hat. Es gibt eigentlich kaum eine Sportart, in der du mehr mit dir selbst redest als im Boule und unheimlich viel nachdenkst, das liegt auch daran, dass du in dieser Sportart so viele Pausen zwischen der eigentlichen sportlichen Handlung hast. Gerade in engen Situationen oder wenn es schlecht läuft wird dieser Zeitraum hinsichtlich Selbstgespräche und Gedankengänge extrem spannend.

Habt ihr Tipps, welche Strategien bei euch wirken, damit ihr euch besser fokussieren und konzentrieren könnt?

Jannik: Bei mir läuft es immer so, dass wenn mal irgendwas nicht geht, dass ich mir dann die Zeit nehme und bewusst aus dem Kreis heraustrete und noch mal vorlaufe, dann ruhig zurückkomme und anschließend meine Kugel spiele.

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Wie geht es euch hinsichtlich der Nervosität?

Marco: Ich finde es schwierig, wenn man nervös ist, aus diesem Zustand wieder herauszukommen. Häufig ist es so, dass man in einer Art Teufelskreis festsitzt, dann wieder eine Kugel festhält und dadurch noch nervöser wird.

Wie schafft ihr es denn, solche Negativserien oder Teufelskreise zu durchbrechen? Was sind eure Strategien hierfür?

Marco L: Ich erinnere mich dann immer an die schönen Momente zurück, wo Dinge gut geklappt haben und erinnere mich daran, dass es mir Spaß macht. Dann geh ich in den Kreis und mach das genauso.

Marco: Oftmals ist es so, dass dann auch ein Positionswechsel nicht verkehrt ist. Wenn man beispielsweise als Tireur gerade nur „locht“ und man sich fühlt sich als hätte man einen Knoten im Arm, dann tut es meist gut, einfach mal zu drehen und mal vorzulegen. Häufig reicht das schon, wenn man das mal ein bis zwei Aufnahmen macht und sich dort wieder Erfolgserlebnisse holt. Danach kann man ja dann wieder zurück auf die Tireur Position wechseln.

Im Pétanque gibt es verschiedene Spielsysteme. Man kann zum Beispiel einzeln im Tête a Tête starten, oder auch gemeinsam im Doublette oder Triplette. Was davon spielt ihr am liebsten und worin unterscheiden sich diese Spielweisen außer an der Personenzahl?

Jannik: Im Triplette kannst du immer mal einen der schlecht spielt ein bisschen „verstecken“. Auf sehr hohem Niveau geht das dann allerdings nicht mehr. Wenn im Doublette einer schlecht spielt, wird es schon sehr schwer, ein Spiel gegen einen guten Gegner dennoch offen zu gestalten. Und im Tête bist dann wirklich von deiner Leistung abhängig, da kann dir von außen erstmal keiner helfen.

Marco: Das Angebot an Tête Turnieren ist hier in Deutschland auch sehr begrenzt, sodass man meistens als Doublette oder Triplette startet.

Wenn ihr im Doublette oder Triplette startet, wie gestaltet ihr da eure Kommunikation? Wer trifft die Entscheidungen? Gibt es einen Kapitän, der das letzte Wort hat?

Marco: Meiner Ansicht nach ist es am besten, wenn so wenig wie möglich geredet wird, denn dann ist eigentlich immer die Situation klar. Wenn man über jede Kugel anfängt zu diskutieren, dann stimmt im Team irgendwas nicht. Es gibt im Spiel eigentlich nur wenige Situationen, in denen es nicht direkt klar ist, wie man weiter vorgeht. Ich als Coach werde im Schnitt pro Spiel vielleicht einmal gefragt, wenn überhaupt.

Und die Rolle des Teamcaptain, die wechselt auch häufig während eines Turniers oder sogar innerhalb eines Spiels einmal. Wenn jetzt beispielsweise Moritz einen schlechten Tag hat und Jannik und Marco spielen sehr gut, dann wird sich Moritz auch automatisch etwas mehr zurückhalten. Das ergibt sich meistens auch so im Spiel, dass der, der gerade am stärksten ist, auch die Führung übernimmt.

Jannik: Richtig! Das ergibt sich und ist nicht unbedingt vorher festgelegt.

Marco L: Es gibt aber auch andere Rollen, zum Beispiel ist es klar, dass derjenige bei knappen Entscheidungen misst, der keine Kugeln mehr hat, damit derjenige mit Kugeln in seinem Tunnel bleiben kann.

Marco, du bist ja Coach der Mannschaft. Ich habe es so rausgehört, dass du eher eine passive Rolle einnimmst und nicht so oft von außen eingreifst. In welchen Situationen kommt es denn vor, dass dich die Spieler um deinen Rat fragen?

Marco: Es sind, wenn dann irgendwelche taktischen Geschichten. Am ehesten passiert so etwas im Triplette, da stehen sich am ehesten mal zwei Meinungen gegenüber und ich werde zu Rate gezogen. Von außen eingreifen tue ich nur, wenn ich merke, dass taktisch etwas völlig falsch läuft. Beispielsweise wenn ich von außen das Gefühl habe, dass die Spieler eingeschüchtert sind und viel zu defensiv spielen. Ansonsten halte ich mich sehr zurück, denn ich war auch selbst mal Spieler und habe es schrecklich gefunden, wenn man sich von außen immer wieder ungefragt einmischt. Das will ich also vermeiden.

Moritz: Aber es gibt auch weitere Rollen des Coaches, die er einnimmt, beispielsweise zwischen den Spielen. Das ist ganz wichtig, da haben wir einen Ansprechpartner, da können wir hingehen, der sieht das Geschehen von außen. Außerdem hat das bei uns auch schon eher freundschaftlichen Charakter, das erleichtert vieles und wir vertrauen auch einander, das ist ein riesen Vorteil bei uns in der Mannschaft. Man kann auch mal Spaß machen miteinander, das hilft.

Marco L: Marco kümmert sich auch um uns, wenn wir Bedürfnisse haben. Er merkt es zum Beispiel auch, wenn er uns mal aufbauen muss.

Wie seht ihr die Sportpsychologie im Pétanque in Deutschland und was denkt ihr, machen die großen Nationen wie Frankreich oder Belgien?

Marco: Ich könnte mir schon vorstellen, dass da Frankreich mehr macht als hier bei uns. Die versuchen alles rauszuholen, was geht.

Jannik: Hier in Deutschland würde ich sagen, ist es eher noch gar nicht integriert.

Moritz: Also ich bin mir sicher, dass die Franzosen auch mentales Training machen. Die haben immer auch Physiotherapeuten und einen Arzt dabei. Die kommen ja immer mit einer ganzen Truppe, auch mit Leuten, die die Spiele filmen und mitschreiben. Also die werden sicherlich auch mentales Training machen, die sind auch immer so abgebrüht. Das nicht nur hin und wieder, sondern sie bewegen sich einfach immer konstant auf hohem Niveau.

Denkt ihr Deutschland hat in dieser Hinsicht Nachholbedarf? Seht ihr in dem Training mentaler Fähigkeiten eine Möglichkeit den Sport voranzutreiben?

Jannik: Ja, das denke ich schon. Ich kenne auch Spieler, die genau das momentan sehr gut gebrauchen könnten. Da gibt es super gute Spieler, die das was sie können, einfach nicht mehr auf den Platz bringen und da einfach im Kopf nicht stark genug sind. Bei mir persönlich war das auch so, dass ich Probleme in dieser Hinsicht hatte und ich war froh, dass ich jemand hatte, der mir da geholfen hat. Es wäre ein großer Vorteil, wenn man dort einen hat, der Hilfe anbietet.

Marco: Das denke ich auch. Denn gerade bei Pétanque auf hohem Niveau hängt 70-80% vom Kopf ab. Von daher wäre es eine gute Möglichkeit, die Spieler auf hohem Niveau stabiler zu machen.

Wo liegen in eurer Mannschaft die Stärken?

Moritz: Wir verstehen uns auch sehr gut privat, das ist schon mal ganz wichtig. Wir haben auch keine großen Differenzen, die sich auf unser Spiel auswirken können. Außerdem schätzen wir uns als Spieler gegenseitig und wissen, was der andere kann. Zudem haben wir einen super Coach dabei, mit dem man auch Spaß haben kann. Und wir wissen auch, dass wenn wir unser Potenzial abrufen, dass wir jeden schlagen können, auch die Großen. Wir müssen uns da nicht verstecken.

Habt ihr für die Europameisterschaft ein gemeinsames Ziel?

Jannik: Natürlich gehen wir mit der Einstellung ran, dass wir jedes Spiel gewinnen wollen. Wenn dann nachher eine Medaille dabei herauskommt, dann sind wir mit Sicherheit sehr zufrieden.

Moritz: Das sehe ich auch so, wieder eine Medaille zu gewinnen wäre schon super.

Marco: Ich denke, da sind wir uns als Team einig!

Ich danke euch, dass ihr euch die Zeit genommen habt und euch auf dieses Interview eingelassen habt. Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Europameisterschaft!

 

Mehr Infos zum Deutschen Verband und zur Europameisterschaft 2017:

http://deutscher-petanque-verband.de/europameisterschaft-2017-maenner-und-espoirs-frauen-und-maenner/

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Dr. René Paasch: Richtiger Konkurrenzkampf

Ein Jahr vor der WM 2018 in Russland hat Bundestrainer Joachim Löw die erwünschte Konkurrenzsituation. Die Confed-Cup-Sieger machen ordentlich Druck auf die Weltmeister. Der Bundestrainer begrüßt den internen Druck. Ich nehme diesen Ball auf und erkläre aus sportpsychologischer Sicht die Notwendigkeit kontinuierlicher Reibung und gegenseitigem Vertrauen.

Zum Thema: Fördert der Konkurrenzkampf und das Vertrauen die kontinuierliche Leistungsfähigkeit im Fußball?

Konkurrenz belebt den Leistungssport. Eine solche Situation kann anspornen, den Ehrgeiz wecken und Innovationen hervorbringen. Zu viel davon kann aber Leistung und Entwicklung gefährden. Vor allem unter Teamkollegen: Wenn Neid, Konkurrenzdenken und Rivalität Überhand nehmen, entstehen daraus schnell Ellbogenkämpfe und Intrigen. Nicht jeder nimmt das sportlich und erträgt es auf Dauer.

Diesen Effekt konnten Forscher der Universität von Saskatchewan in einem Experiment nachweisen. Sie wollten wissen, ob ein direkter Leistungsvergleich die Trainingsintensität und -dauer der Probanden steigern kann? Dazu teilten sie 68 Probanden (darunter neun Männer, Durchschnittsalter 40 Jahre) in zwei Gruppen. Die Aufgabe: So lange wie möglich in einem Ganzkörperstütz auf Ellenbogen und Füßen, parallel zum Boden verharren. Zwei Mal hintereinander, unterbrochen von einer dreiminütigen Pause. Die eine Gruppe bekam in der Pause die Information, dass 80 Prozent der Mitglieder, die sich auf einem vergleichbaren Trainingslevel befinden, beim zweiten Durchgang 20 Prozent länger durchgehalten haben. Der anderen Hälfte der Probanden wurde in der Pause nichts gesagt.

Elvina Abdullaeva: Danke deinem Konkurrenten!

Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit

Die Forscher hatten gehofft, durch die Ansage die Motivation der Probanden und damit auch ihre Leistung im zweiten Durchgang zu steigern. Genau das trat ein: Die „informierte“ Gruppe der Teilnehmer hielt beim zweiten Anlauf um fünf Prozent länger als beim ersten Mal. Ein erstaunliches Ergebnis. Die Durchhaltezeit der Kontrollgruppe war beim zweiten Durchgang um 18 Prozent kürzer. Die Probanden in der ersten Gruppe zeigten zudem ein größeres Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit.

Der Konkurrenzkampf ist somit ein wichtiger Begleiter, der uns in die Wiege gelegt worden ist. Schon Kinder vergleichen und messen sich im Spiel. In der Schule wird es teils durch Wettbewerbe und Noten gefestigt und setzt sich schließlich in der Ausbildung und im Sport fort. Seien Sie dankbar für die Reibung Ihrer Mannschaft: Denn der Vergleich hilft schließlich auch bei der eigenen Standortbestimmung und kontinuierlichen Entwicklung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das gesehene und geführte Vertrauen.  

Vertrauen für mehr Leistungsfähigkeit  

„Wenn ich nicht von Anfang an spiele, dann habe ich schon etwas verloren?“ – Nein! Tatsächlich kann gerade die gemeinsame Freude über einen Erfolg und die Entwicklung von Mannschaftskollegen mehr erreichen als Neid auf Teamkollegen. Denken Sie beispielsweise an den sogenannten Rosenthal-Effekt/Pygmalion-Effekt: Im Jahr 1963 unterzogen sich 18 Grundschüler einem Experiment nach dem amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal: Deren Lehrern wurde gesagt, diese Kinder seien ausgewählt worden, weil sie besonders begabt seien. Als acht Monate später an dieser Schule ein Intelligenztest durchgeführt wurde, schnitten genau diese Schüler besser ab als alle anderen. Das Besondere daran: Die Geschichte war erfunden – die Schüler waren lediglich eine Zufallsauswahl, so begabt wie jeder andere auch. Allerdings hatten ihnen ihre Lehrer besonders gute Leistungen zugetraut – und sie sich selbst somit auch. Die Ergebnisse Rosenthals konnten über viele Jahre und an vielen verschiedenen Schulen repliziert werden (Aronson,  E, Wilson, T.D.  Akert, R.M., 2004). Dabei führten etwa 40 Prozent der Wiederholungen des Experiments zu den erwarteten Ergebnissen.   

Dr. René Paasch: Mit Gruppenbildung zum Erfolg

Nutzen Sie diesen Effekt, indem Sie Ihren Leistungskickern, eine besondere Behandlung (besondere Hilfestellungen, häufigeres Zunicken/Zulächeln, regelmäßige Gespräche und individuelle Trainingspläne) zukommen lassen. Das führt dazu, dass Sie immer mehr an sich und Ihre Fähigkeiten glauben. Dieser Effekt kann auch dann eintreten, wenn es sich „nur“ um einen Durchschnittsschüler handelt. Diese Herangehensweise könnte somit einen Mehrwert für alle Spielklassen im Fußball bedeuten.

Fazit:  

Solange alle Sportler die Konkurrenzsituation sportlich nehmen und sich an Fair-Play-Regeln halten, kann ein Konkurrenzkampf beflügeln und Wachstum hervorbringen. Auch im Amateur – und Leistungssport wird der Rosenthal-Effekt durch das Erwecken einer positiven Erwartungshaltung bestärkt. Hier führt die positive Energie des Überzeugten dazu, dass der Cheftrainer ebenfalls an das Gelingen glaubt und sich mit dieser Motivation um seine Mannschaft und Spieler kümmert. Dadurch wiederum wird das Selbstbewusstsein positiv beeinflusst und die Leistungsfähigkeit gesteigert. Ein gegenseitiger Nutzen für Trainer und Spieler.

Joachim Löw macht Ihnen als Trainer vor, wie sich der Konkurrenzkampf effektiv und gewinnbringend für alle Beteiligten auswirken kann. Wenn Sie Fragen haben, wie Sie dieses Handwerkszeug in Ihre tägliche Arbeit einbauen können, meine Kollegen und ich stehen Ihnen gern zur Verfügung:

Zum Profil von Dr. René Paasch

Zu den Profilen von Die Sportpsychologen

 

Literatur

Aronson,  E, Wilson, T.D.  Akert, R.M.  (2004): Sozialpsychologie. 4. Auflage. Pearson Studium, ISBN 3-8273-7084-1, S. 23

Rosenthal, R. Fode, K. L. (1963): The Effect of Experimenter Bias on the Performance of the Albino Rat“, in: Behavioral Science 8, S. 183-189.

Internet: https://digest.bps.org.uk/2014/08/18/the-simple-piece-of-information-that-could-dramatically-increase-your-muscular-endurance/

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Markus Gretz: Teamwork makes the dream work

Slowenien hat das Finale der Eurobasket 2017 gewonnen. Im dramatischen Endspiel gegen Serbien behielt das Team um NBA-Star Goran Dragic mit 93:85 die Oberhand. In einigen Medienberichten wird der Europameistertitel vorrangig der Performance des Topspielers Dragic zugeschrieben. Allerdings lieferten die Slowenen im gesamten Turnierverlauf eine grandiose Mannschaftsleistung. Zumal der NBA-Star in den Schlussminuten des Finales von Istanbul sogar zuschauen musste.    

Zum Thema: Psychologische Faktoren für das Zusammenspiel im Team

Das Stichwort für beide Finalteilnehmer war „Team“, denn sowohl Slowenien als auch Serbien konnten schon im Halbfinale ihre Gegner besonders durch eine geschlossene Mannschaftsleistung bezwingen. Beide Teams hatten in den Halbfinals deutlich mehr Assists (Vorlagen) als der Gegner. Während bei den Spaniern nur drei Spieler zweistellig punkteten, konnten sich bei den Slowenen fünf Spieler mit mindestens zehn Punkten in die Statistik eintragen. Auch bei Serbien punktete jeder Spieler, der mehr als eine Minute auf dem Spielfeld stand.

Das Zusammenspiel im Team war also in beiden Halbfinalspielen ausschlaggebend für den Erfolg. Als Sportpsychologen fragen wir uns deshalb oft, was sind die psychologischen Faktoren, die dieses Zusammenspiel beeinflussen und wie können wir diese steigern?

Kohäsion und Vertrauen

Zum einen gibt es in der Sportpsychologie die sozialpsychologischen Phänomene der Gruppen-Kohäsion. Damit ist der Zusammenhalt in Gruppen gemeint. Sportpsychologisch ist es besonders sinnvoll, zwischen aufgabenspezifischer und sozialer Kohäsion zu unterscheiden. Forscher konnten herausfinden, dass vor allem die aufgabenspezifische Kohäsion zu einer besseren Leistung führt. Allerdings hängen soziale und aufgabenspezifische Kohäsion auch stark zusammen und können sich gegenseitig beeinflussen. Die aufgabenspezifische Kohäsion wird vor allem davon beeinflusst, ob man ein gemeinsames Ziel hat und alle Gruppenmitglieder dieses gemeinsame Ziel auch im gleichen Maße verfolgen.

Ein zweiter Faktor, der das Zusammenspiel beeinflusst, ist Vertrauen. Oft hört man in Sportsendungen, dass ein Sportler vermutlich besonders gute Leistungen vollbringen konnte, weil er mit Selbstvertrauen aufgetreten ist. In einem Team ist sowohl das Selbstvertrauen der Einzelakteure von Bedeutung als auch das Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitspieler. Die entscheidende Vorlage wird schließlich nur gespielt, wenn man dem Mitspieler auch vertraut, dass er sie verwerten kann. Dennis Schröder, der Anführer und Topscorer der deutschen Mannschaft, die im Viertelfinale am Turnierfavoriten Spanien scheiterte, sagte vor der EM in einem Interview mit dem Basketball-Medium BiG zum Beispiel, dass es für ihn am wichtigsten sei, dass ihm die Mitspieler vertrauten.

Zweifelhaftes Teambuilding

Für Mannschaften ist es demnach besonders wichtig, diese beiden Faktoren zu entwickeln und zu stärken, um im Spiel das Zusammenspiel zu verbessern. In der Vorbereitung auf ein Turnier oder die kommende Saison bietet es sich deshalb an, auch das Teambuilding aktiv voranzutreiben. Etwas abgenutzt sind Teamevents im Klettergarten oder im Raftingboot. Vor allem, wenn sie im Anschluss nicht gut ausgewertet werden, ist der Nutzen von solchen Veranstaltungen oft zweifelhaft.

Entsprechend halten der deutsche Bundestrainer Chris Flemming und Center Johannes Voigtmann laut einem Interview des Centers in der BiG nicht viel von solchen Maßnahmen. Viel wichtiger ist es, mit einer Mannschaft über das gemeinsame Ziel zu sprechen und zu überlegen, welchen Beitrag jeder Einzelne dafür leisten kann und leisten muss. Dadurch kann nämlich die aufgabenspezifische Kohäsion direkter beeinflusst werden. Wenn alle wissen, dass auch die Mitspieler dasselbe Ziel haben, ist es einfacher, Verantwortung aufzuteilen. Anstatt dem Spruch „Teamwork makes the dream work.“ könnte man also auch sagen „A dream makes the Teamwork”.

Auswertung wird oft vernachlässigt

Außerdem muss an dem Vertrauen der Spieler untereinander gearbeitet werden. Auch hierfür gibt es zahlreiche ausgelutschte Teambuilding-Übungen, bei denen man sich beispielsweise mit geschlossenen Augen in die Arme des Mitspielers fallen lassen muss. Wie auch beim Klettergarten ist dabei vor allem die Auswertung solcher Übungen ausschlaggebend. Viel direkter kann auf das spielspezifische Vertrauen eingegangen werden, wenn man die Spieler beispielsweise eine Liste über die Stärken der Mitspieler anfertigen lässt oder über die Stärken und Schwächen gemeinsam spricht. Diese und ähnliche Übungen schaffen oft eine deutlich bessere und schnellere Übertragbarkeit auf das Spiel als unspezifische Vertrauensspielchen.

Im EM-Finale war Dragic mit 35 Punkten zwar der beste Werfer bei den Slowenen, allerdings zeigte auch diese Partie, wie viel Wert das funktionierende Zusammenspiel im Team hat. Als der NBA-Star in den Schlussminuten am Ende seine Kräfte war, übernahmen andere Spieler die Verantwortung und brachten den historischen Sieg für Slowenien ins Ziel. Also doch: „Teamwork makes the dream work.“

Markus Gretz: Rituale im Basketball

 

Quellen:

Alfermann, D. & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie. Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (Sportwissenschaft studieren, 4) (2. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.

Baumann, S. (2002). Mannschaftspsychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer.

BiG – Basketball in Germany – das Magazin #67

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Dr. Christian Reinhardt: Müssen Sportler gierig sein?

Einst war „Gier“ eines der Lieblingswörter von Jürgen Klopp. In seiner erfolgreichen Phase als Trainer von Borussia Dortmund strapazierte er den Begriff häufig – und dies nicht nur im Dialog mit den Medien sondern auch in der Kommunikation mit der Mannschaft. In den weniger erfolgreichen Tagen verschwand die Vokabel immer mehr im Hintergrund. Kein Wunder, denn es ist eine unheimlich schwere Aufgabe für Sportler, Gier zu konservieren. 

Zum Thema: Warum dauerhaft erfolgreiche Athleten gierig bleiben müssen und wie sie das anstellen können?

Mehr dazu im Video-Blog von Dr. Christian Reinhardt:

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Im Zusammenhang zum Thema sind folgende Beiträge auch interessant:

Christian Hoverath: Den Match-Tie-Break meistern

Dr. René Paasch: Resilienz im Fußball

 

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Cristina Baldasarre: Motivation im Nachwuchsleistungssport

Für die-sportpsychologen hat Cristina Baldasarre die beiden Schweizer Eiskunstlauftalente Valeria und Talia zu einer Trainingslagerwoche nach Lugano begleitet. Die Sportpsychologin aus Zürich wollte herausfinden, wie sich die Motivation der beiden elf- und zwölfjährigen Mädchen im Laufe der Tage entwickelt. Das Ergebnis hat die Mutter einer der beiden Sportlerinnen und Profilinhaberin von die-sportpsychologen durchaus überrascht. Mehr dazu in unserer Multimedia-Story:

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Feedback und Anmerkungen: 

Wir freuen uns auf Ihre Resonanz. Sollten Sie direkten Kontakt zu Cristina Baldasarre aufnehmen wollen, nutzen Sie bitte ihre Profilseite: http://die-sportpsychologen.ch/profile/cristina.baldasarre/

Für alle weiteren Anfragen stehen Ihnen Projektleiter Philippe Müller und Redaktionsleiter Mathias Liebing zur Verfügung:

Philippe Müller
Projektleiter

mobil: +41 79 910 39 40
mail: p.mueller@die-sportpsychologen.ch

Mathias Liebing
Redaktionsleiter

mobil: +49 170 9615287
mail: m.liebing@die-sportpsychologen.de

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Thorsten Loch: Leistungsabfall unter Druck

„Katastrophal“. Das war der einzig für Alexander Zverev zulässige Begriff für die Beurteilung seiner Leistung in der zweiten Runde der US Open, welcher der Hamburger im Jahr 2017 ursprünglich gewinnen wollte. Mit 6:3, 5:7, 6:7(1), 6:7(4) verlor die neue deutsche Tennishoffnung gegen Borna Coric aus Kroatien. Der 20-jährige Zverev gehört zweifelsohne zu den besten Spielern auf diesem Planeten. Jedoch stelle ich mir die Frage, weshalb er trotz seines Talents, dem Ehrgeiz und den ersten Erfolgen auf größeren Turnieren bis dato noch nie die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht hat? Es scheint so, dass ausgerechnet dann, wenn es besonders wichtig ist und/oder es gerade nicht seinen Vorstellungen läuft, Zverev zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Dieses Problem hat der Hamburger aber nicht exklusiv.

Zum Thema: Welche Ursachen sorgen dafür, dass so genanntes Choking under pressure entstehen kann?

Auszug aus dem Filmbeitrag Im Körper der Topathleten (Arte 2008):

„Nach einer nur vierjährigen Sprinterlaufbahn lief Asafa Powell 2005 seinen ersten 100-Meter-Weltrekord: 9,77 Sekunden. Im darauffolgenden Jahr gelang ihm die gleiche Zeit noch zweimal. Im September 2007 brach er dann mit schier unglaublichen 9,74 Sekunden seinen eigenen Rekord. Damit stellte Powell als erster Athlet überhaupt vier offiziell anerkannte Weltrekorde auf. Als Powells Stärke gilt sein explosionsartiger Start. In der zweiten Hälfte der Kurzdistanz ist seine Sprinttechnik durch eine Kombination von langen und schnellen Schritten gekennzeichnet… Asafa Powells athletischer Körper ist für den Sprint wie geschaffen, doch Goldmedaillen und olympische Ehren blieben dem Athleten bisher versagt. Warum gewinnt er keine großen Wettkämpfe? Spezialisten erklären dies damit, dass Powell möglicherweise an muskulärer „Koativierung“ leidet, einem oft durch Extremstress verursachten Phänomen. Wenn ein Läufer unter großen psychischen Druck steht und sein Gehirn seinen Muskeln befiehlt, sich immer schneller zu bewegen, kann es durch diese Signale zu einer Störung der natürlichen, rhythmischen Muskelaktivierung kommen.“

In der Literatur lassen unterschiedliche Erklärungsansätze für jenen Leistungsabfall finden. Eine unter ihnen, ist die so genannte Selbstaufmerksamkeit, welche postuliert das Choking auf einem Anstieg dieser beruht. Der wahrgenommene Druck führt dazu, dass Angst vor dem Versagen entsteht, die wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit auslöst. Der Beginn des Teufelskreises. Erhöhter Selbstaufmerksamkeit hat zur Folge, dass die Bewegung (z.B. Aufschlag) nicht mehr automatisiert ausgeführt wird, sondern die Athleten plötzlich bewusst darauf achten, wie die Bewegung ablaufen soll(te). Sie denken also über die Bewegung bewusst nach. Paradoxerweise zieht eine erhöhte Aufmerksamkeit nach sich, dass Bewegungen nicht optimal ablaufen können und somit die Performance stören. Wie an dem Beispiel Powell beschrieben wird dieses kognitive Eingreifen in bereits auf automatisiertem Niveau ablaufende Bewegungen als Koaktivierung beschrieben. Bei Zeverev konnte man beobachten, dass er mit jedem Fehler wütender und verkrampfter wurde.

„Wenn es dann nicht perfekt läuft, dann macht er sich Gedanken.“

Bruder Mischa Zverev

Was kann man tun, wenn man unter Druck zu einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit neigt und diese den Leistungsabfall verursacht?

Die erlebte Misserfolgsangst sorgt dafür, dass der Fokus auf mögliche Fehler gerichtet wird, die unbedingt vermieden werden sollen. Sätze wie „Jetzt bloß keinen Doppelfehler machen“ nähren den Boden für Vermeidungshandlungen, die sich in die üblichen Handlungsketten einschleichen und die optimale Ausführungen stören (Stichwort: selbsterfüllende Prophezeiung). Was ist nun zu tun bei Athleten, die aufgrund des wahrgenommenen Drucks glauben, Erfolg haben zu müssen bzw. keinen Misserfolg zulassen dürfen. Der Schlüssel liegt in der kognitiven Kontrolle.

The only one who actually listens to me #lövik #puppylove

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Zum einen kann auch hier das Training von Drucksituationen sinnvoll sein, etwa indem im Training Wettkampfdruck erzeugt wird oder plötzliche kritische Situationen geübt werden (z.B. Anwesenheit wichtiger Beobachter). Zusätzlich sollten Athleten lernen, eine Kurzentspannung im Wettkampf anwenden zu können, beispielsweise Atementspannung oder eine kognitive Entspannungsroutine (z.B. Selbstinstruktion „ganz ruhig“). Beckmann und Elbe (2008) sprechen in diesem Zusammenhang von so genannten Grundlagenfähigkeiten, welcher jeder Sportler beherrschen sollte. Darüber hinaus können Selbstinstruktionen helfen, die die automatisierte Bewegung unterstützen. Es gibt eine Vielzahl von Techniken, wie man so genannte Selbstgespräche konstruktiv regulieren kann (vgl. Leisinger, 2008). Allerdings ist sich nicht jeder Athlet sich seiner Selbstgespräche bewusst. In einem ersten Schritt geht es darum, den Sportler für seine Selbstgespräche zu sensibilisieren. Um z.B. einer Golferin deutlich zu machen, wie häufig sie negative Gedanken in Form von Selbstgesprächen auf dem Golfplatz mit sich herumträgt, haben Owens und Bunker (1989) sie aufgefordert, 100 Papierschnipsel in ihre vordere Hosentasche zu stecken, mit der Anweisung, nach jedem negativen Gedanken einen Papierschnipsel rauszuziehen und in die hintere Hosentasche zu stecken. Nach einer Platzrunde mit 84 Schlägen hatten sich 87 Papierschnipsel in der hinteren Tasche gesammelt. Ist sich der Sportler seiner Selbstgespräche bewusst, kann mit dem eigentlichen Training begonnen werden.

Selbstgesprächsregulation

Stellvertretend für eine Möglichkeit der Selbstgesprächsregulation wird die Umwandlung vom negativen zum positiven Selbstgespräch näher erläutert. Weinberg (2007) empfiehlt hierfür folgende Vorgehensweise: Zuerst sollen alle negativen Gedanken, die die sportliche Leistung beeinträchtigen oder die zu unerwünschtem Verhalten führen, aufgelistet werden. Ziel ist es, Situationen und Ursachen negativer Gedanken zu erkennen. Dann soll die negative Aussage durch eine positive ersetzt werden und in einer Tabelle gegenübergestellt werden.

Folgende Richtlinien sollten nach Weinberg (2007) beachtet werden:

  1. Erst im Training und dann im Wettkampf üben, die meisten negativen Gedanken entstehen unter Stress.
  2. Versuche den stressverursachenden negativen Gedanken für einen Moment festzuhalten und anschließend tief einzuatmen.
  3. Tief ausatmen und den positiven Gedanken wiederholen.

Fazit

Vor Leistungsabfall unter Druck ist niemand gefeit. Je nach Sportart und Wettkampf kann dies auch durchaus als normale Begleiterscheinung gelten. Entscheidend ist jedoch, sich während des Wettkampfs wieder zu fangen. Dazu bietet die angewandte Sportpsychologie dem Athleten unterschiedliche Trainingstechniken und Möglichkeiten. Das diese durchaus möglich ist und nicht nur graue Theorie, zeigt uns Roger Federer. Zu Beginn seiner Karriere schimpfte dieser ebenfalls des Öfteren über einfache Fehler und verhalf dem Gegner somit zu leichten Punktgewinnen. Beobachtet man nun diesen zugegebenermaßen Ausnahmeathleten, gewinnt man bei ihm nie den Eindruck – auch wenn es einmal nicht so läuft – dass er nervös wird und Angst vor dem Verlieren hat.

Entscheidend für Zverev ist jedoch die Tendenz, welche hoffen lässt. Der Vergleich seiner Leistungen aus den vorherigen Jahren, gelingt es ihm schon besser, mit Misserfolgserlebnissen umzugehen. Wir dürfen gespannt sein, ob Zeverev es gelingt, seinen Traum zu verwirklichen, denn das Potential dazu hat er allemal, wenn er sich die Entwicklung von Roger Federer zum Vorbild nimmt.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Owens, D./Bunker, L. (1989). Golf: steps to success. Leisure Press, University of Virginia.

Weinberg, R. S. (2007). Foundations of sport and exercise psychology. (4. Ed.) Champaign, IL: Human Kinetics.

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Andreas Meyer: Sinnvolle Diagnostik

Um mehr über den Athleten oder sich selbst heraus zu bekommen und daraufhin die richtigen Ziele setzen zu können, eignen sich nicht zuletzt Fragebögen aus dem Bereich der Sportpsychologie. In meinem abschließenden Beitrag zur Serie “Zielsetzung und Motivation” schaue ich zwei ausgewählte Tests genauer an, die jedem Sportler wertvolle Informationen liefern.

Zum Thema: Zielsetzung und Motivation im Sport (Teil 5)

SOQ (Sport Orientation Questionnaire):

Der SOQ erfasst die Orientierung der Bewertung des Befragten. Unterschieden werden Wettkampforientierung, Gewinnorientierung oder Zielorientierung. Betrachtet man diese Eigenschaften, so erkennt man einige Gemeinsamkeiten zu den verschiedenen Zielarten Ergebnisziele, Leistungsziele und Handlungs-bzw. Prozessziele.

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Ist ein Sportler sehr wettkampforientiert, so geht es hauptsächlich um den Spaß am gegenseitigen messen mit anderen Sportlern. Es steht bei ihm nicht im Vordergrund, ob er gewinnt oder verliert, sondern er liebt die Wettkampfsituation mit allem was dazugehört.

Atmosphäre oder Erfolge als Motivationsgeber

Dieser Athlet wird wenig Probleme mit der Attribution von Ergebnissen zu tun haben, wird sich aber auch keine großen Ziele setzen, da es ihm kaum um die Leistung geht, sondern er vielmehr die Situation und Atmosphäre des Wettkampfes genießt. Er ist in Wettkampfsituationen immer motiviert, wenn nicht, geht er nicht hin.

Der gewinnorientierte Sportler setzt sich gerne Ergebnisziele. Er will andere Sportler im Wettkampf schlagen und sich hierdurch Anerkennung verschaffen und seinen Selbstwert aufbauen. Erzielt er allerdings ein schlechtes Ergebnis und wird zum Beispiel „nur Vierter“, sieht er keinerlei Erfolg in seinem Auftreten. Auch dann nicht, wenn er für sich selbst eine tolle Leistung erbracht hat und die vorderen drei „unschlagbar“ waren.

Der Weg als Ziel

Im Gegensatz dazu können zielorientierte Athleten auch einen verlorenen Wettkampf als durchaus positiv bewerten, da sie ihren persönlichen Erfolg von ihrer erbrachten Leistung abhängig machen. Haben sie verloren und sind trotzdem eine tolle Zeit gelaufen, zählt das für sie mehr als der verpasste Sieg. Konnten sie das Fussballspiel nicht gewinnen, aber haben eine tolle Zweikampfstatistik erzielt, so verkraften sie auch die Niederlage im Spiel und fokussieren sich auf den persönlichen Fortschritt beim Zweikampf. Zielorientierte Sportler setzen sich als Ziele eher Leistungsziele, oder Prozess- und Handlungsziele und profitieren davon, dass sie das Ergebnis stark mit beeinflussen können (im Gegensatz zum gewinnorientierten Sportler).

Wenn man über das Wissen verfügt, welcher Orientierung man hauptsächlich nachgeht, so kann man bewusst die Art der Ziele anpassen. Einem gewinnorientierten Sportler kann es helfen, Leistungsziele zu setzen und hierdurch auch den ein oder anderen Sieg einzufahren. Bleibt der gewinnorientierte Athlet allerdings bei seinen Ergebniszielen halst er sich selbst sehr starken Druck auf, wenn er seine Ziele nicht erreicht.

AMS (Achievement Motives Scale):

Durch den AMS kann man erheben, welche Motive den Sportler hauptsächlich zu seiner Leistungserbringung antreiben. Der Fragebogen differenziert in zwei Gruppen „Hoffnung auf Erfolg“ und „Furcht vor Misserfolg“.

Der Sportler, der einen Misserfolg fürchtet, wird seine Ziele eher sehr gering setzen, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Erreichbarkeit. Er wird aus Selbstschutz eher dazu neigen, Misserfolge extern zu attribuieren, da er seinen Selbstwert verteidigen will. Einen Fokus auf Handlungs- und Prozessziele wird ihm die stärkste Möglichkeit geben, einen Erfolg zu erzielen, sodass er wenig gewinnorientiert ist und Ergebnisziele vermeidet, bei denen es um alles oder nichts geht. Der misserfolgsängstliche Sportler hat Angst durch Versagen Scham zu erleben, Anerkennung oder Liebe zu verlieren, oder seinen Selbstwert zu erniedrigen. Bei schwierigen sportlichen Anforderungen wirkt er wie versteinert, wenig flexibel und gedankenverloren. Für ihn kann es sehr hilfreich sein, durch das bewusste Setzen von Leistungszielen den Fokus auf die eigene zu erbringende Leistung zu legen. Außerdem wird es ihm helfen, sich mit der Attribuierung seiner Erfolge und Misserfolge auseinanderzusetzen und diese zu korrigieren.

Mit positivem Blick auf den Wettkampf

Sportler mit dem Motiv „Hoffnung auf Erfolg“ gehen generell positiver in Wettkampfsituationen. Sie sind zuversichtlich und ungehemmt. Ihre Gedanken sind auf das positive im Wettkampf gerichtet, denn sie wissen „heute geht was“. Die sportliche Leistungserbringung wird als Herausforderung gesehen. Bei dieser Motivation ist die Zielsetzungsfrage meist nicht allzu schwer zu formulieren. Die Ziele können relativ hoch angesiedelt werden, denn der Sportler lässt sich hierdurch nicht aus der Ruhe bringen, sondern er liebt die Herausforderung. Auch Ergebnisziele sind für diesen Sportler kein Problem, wenn die Attribuierung stimmt. Meist wird er wahrscheinlich Erfolge intern und Versagen extern attribuieren.

Wie man sehen kann, gibt es viele Zahnräder und Schrauben an denen man arbeiten kann, um gewinnbringende Ziele für den Athleten aufzustellen. Schlecht gesetzte Ziele können den Athleten stark in seiner Leistungsausübung hemmen, gut durchdachte und strategisch gesetzte Ziele jedoch bergen für den Sportler extremes Potential. Gern stehen meine Kollegen von die-sportpsychologen und ich (direkt zum Profil von Andreas Meyer) bei solchen Fragen zur Verfügung.

 

Alle Texte der Blog-Serie von Andreas Meyer zum Thema Ziele:

Teil 1:

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Teil 2:

Andreas Meyer: Welches Ziel strebe ich an?

Teil 3:

Andreas Meyer: Ziele vs. Zeit

Teil 4:

Andreas Meyer: Richtig bewerten lernen

Zur Profilseite von Andreas Meyer:

Andreas Meyer

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Lena Tessmer: Der Körper als Problem

Es kursieren seit einiger Zeit Hashtags wie bodypositivity, strongnotskinny, bodyappreciation, selbstliebe, aber auch bodyshaming und iwanttobeskinny durch die sozialen Medien. Die Bodypositivity-Bewegung, die sich momentan über alle Altersklassen und Bildungsschichten hinweg medial ausbreitet zeigt wie umfassend das Thema ist und wie viel Kommunikations- und Informationsbedarf es hier zu geben scheint. Im Leistungssport – und besonders beim Nachwuchs – ist der Umgang mit dem eigenen Körper schon lange ein Thema. Wie so häufig wird dieses Thema eher mit Frauen und jungen Mädchen in Verbindung gebracht. Auch wenn über den Nachwuchsleistungssport geredet wird, sind es oftmals die Sportlerinnen, die mit körperlichen Problemen (wie z. B. Gewichtsprobleme, körperliches Unwohlsein bis hin zu Essstörungen) kämpfen. Aber auch für die Jungs spielt der Körper im Leistungssport eine große Rolle, weil er für alle Nachwuchsathleten gleichermaßen das wichtigste Gut zur Leistungserbringung ist.

Welche Rolle spielt das körperliche Wohlbefinden für einen jugendlichen Nachwuchssportler?

Die Frage mag rhetorisch klingen, ist sie im Grunde auch. Ist doch logisch, dass das körperliche Wohlbefinden im Leistungssport eine große Rolle spielt. Ganz einfach, oder? Nein, so einfach ist es dann doch nicht. Es fängt mit der Frage an, was genau körperliches Wohlbefinden eigentlich ist und wodurch es sich auszeichnet.

In der sportpsychologischen Forschung wird die Beziehung zum eigenen Körper häufig unter dem physischen Selbstkonzept zusammengefasst. Dieses physische Selbstkonzept wirkt auf das Selbstwertgefühl. Besonders im Jugendalter unterliegt die Einstellung zum eigenen Körper einem Veränderungsprozess, weil hormonelle Prozesse zu einer emotionalen Achterbahnfahrt führen und sichtbare körperliche Veränderungen eintreten. Dies hat zum einen unmittelbare Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Athleten und zum anderen bedarf es einer Auseinandersetzung und Akzeptanz mit dem neuen Erscheinungsbild. Das körperliche Wohlbefinden spielt also – mal mehr, mal weniger bewusst – eine große Rolle im sportlichen Leben der Nachwuchsathleten.   

Die Verkörperung – ein philosophischer Diskurs

Der Mensch ist Körper und der Mensch hat Körper. Körper haben und Körper sein hängen unmittelbar miteinander zusammen und können dennoch getrennt voneinander betrachtet und erlebt werden. Es ist möglich, sich als denkender Mensch von seinem Körper getrennt zu erleben. Oftmals handelt es sich hierbei nicht um einen aktiven Prozess, sondern beispielsweise eine Vermeidungsstrategie, wenn z.B. Stresssymptome (wie Kopfschmerzen oder Tinitus) nicht wahrgenommen werden. In vielen alltäglichen Situationen hat der Mensch einen Körper, ohne sich diesem ständig bewusst zu sein.

Ein Sportler ist sich seines Körpers und dessen Möglichkeiten und Grenzen in höherem zeitlichen Umfang bewusst, weil es in der sportlichen Betätigung zu einer aktiven Auseinandersetzung mit ihm kommt. Dieses Bewusst-Sein bezieht sich auf diverse körperliche Aspekte, wie z.B. die sportartenspezifische Leistungsfähigkeit, Verletzungen und das Erscheinungsbild. Die Beziehung zum eigenen Körper ist für einen Leistungssportler in all ihren Facetten allgegenwärtig.  

Können sportpsychologische Methoden zum Gleichgewicht von Körper und Psyche beitragen?

Es ist mittlerweile unumstritten, dass eine unmittelbare Beziehung von Körper und Geist besteht. Immer mehr Menschen – und Sportler – setzen sich mit mentaler Leistungssteigerung auseinander. Aber kann die mentale Ebene auch das körperliche Wohlbefinden beeinflussen? Was kann ein Sportler tun, wenn er mit seinem Körper, einzigen Körperteilen oder seinem körperlichen Erscheinungsbild unzufrieden ist?

Schon anhand der Fragen wird deutlich, wie facetten- und umfangreich dieses Thema ist. Im Rahmen eines sportpsychologischen Settings können Emotionen, die im Umgang mit dem eigenen Körper auftauchen, thematisiert werden. Schon allein dieses „Raum geben“ kann Erleichterung verschaffen. Darüber hinaus ist es besonders für Nachwuchsathleten wichtig, einen geschützten Rahmen zu haben, in dem ihre Emotionen, Ängste und Sorgen aufgehoben sind. Und gerade in der Phase der Pubertät ist das Körper-Thema ein sehr empfindliches. Sportpsychologische Methoden, wie z.B. die Möglichkeiten der Emotionsregulationen können dabei verhelfen Körper und Psyche wieder in Einklang zu bringen.  

 

Literatur:

Alfermann, D., Stiller, Jeannine & Würth, Sabine (2003). Das physische Selbstkonzept bei sportlich aktiven Jugendlichen in Abhängigkeit von sportlicher Leistungsentwicklung und Geschlecht. Zeitschrift für Sportpsychologie, 35 (3), S. 135-143.   

Shavelson, R.J., Hubner J.J. & Stanton, G.C. (1976). Self-Concept: Validation of Construct Interpretations. Review of Educational Research, 46 (3), S. 407-441.

Stiller, Jeannine & Alfermann, Dorothee (2005). Selbstkonzept im Sport. Zeitschrift für Sportpsychologie, 12 (4), S. 119-126.

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Thorsten Loch: Sexy wie ein Zahnarzt – warum Sportpsychologen in der Rehabilitation dennoch so wichtig sind

Aufgrund von einer Vielzahl von Blessuren und Verletzungen beendete Stefan Reinartz, der ehemalige Profi u.a. von Bayer Leverkusen, seine Karriere bereits mit 27 Jahren. In einem sehr interessanten Zeitungsinterview mit der Süddeutschen Zeitung schildert er seine Eindrücke von dem Geschäft Bundesliga und gibt zugleich einen Ausblick, was anders laufen müsste, auch im Hinblick auf den Umgang mit der Sportpsychologie.

Zum Thema: Wie Befürchtungen und Ängste den verletzten Sportler in der Rehabilitationsphase beflügeln aber auch behindern können.

„Wenn du verletzt bist, bist du nicht existent.“ Stefan Reinartz

Verletzungen bergen immer ein großes Maß an Risiko. Den genauen Heilungsverlauf zu prognostizieren vermag kein Arzt, geschweige ein Trainer, vorherzusagen. Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Der vermeintlich „normale“ Prozess über Arzt, Spieler und Trainer wird beschleunigt. Anstelle der Expertenmeinung eines Mediziners abzuwarten und Rücksprache mit dem Spieler zu halten, versuchen Trainer diese bereits frühzeitig auf ihre Seite zu ziehen, so Reinartz im bemerkenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung. Trainer setzen somit die Spieler unter Druck, was dazu führen kann, dass diese die Warnsignale ihres Körpers bewusst zu verdrängen versuchen (Stichwort: Schmerzmittelmissbrauch).

Reinartzs Erfahrungen sind beinahe deckungsgleich mit meiner Sichtweise bezüglich der fehlenden Wertschätzung in der Verletzungsrehabilitation, die ich in einem Text aus dem Jahr 2016 darstellte:

Thorsten Loch: Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation

Sicherlich stehen Trainer unter enormen Erfolgsdruck. Dementsprechend sind ihre Ziele eher kurzfristig angelegt (nächste Spiel ist das wichtigste). Doch haben – oder vielleicht besser: sollten – diese nicht auch Verantwortung dem Spieler gegenüber, insbesondere aus gesundheitlicher Sicht? Was sie aber damit bei dem Spieler bewirken und welchen langfristigen negative Effekte davontragen, wird oft nicht bedacht.

Was wir werden? Befürchtungen und Ängste bei Sportlern

Die Ungewissheit über den Heilungsverlauf ist ein großer, wenn nicht sogar entscheidender Faktor für die Entstehung von Ängsten. Insbesondere in der frühen Phase des Heilungs- und Rehabilitationsprozesses sind Ängste und Befürchtungen die häufigsten emotionalen Beeinträchtigungen (vgl. Hermann/Eberspächer, 1994). Diese manifestieren sich bei den Sportlern in der Form von Befürchtungen, nicht wieder richtig gesund zu werden, den Anschluss zu verlieren oder gar die aktive Karriere beenden zu müssen (vgl. Kleinert, 2003).

Doch Angst hat in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich einen negativen Einfluss auf uns. Die Assoziation Angst gleich etwas Unschönes oder Störendes ist keine Gleichung, die aufgeht. Ängste besitzen durchaus notwendige und positive Funktionen. So führt Angst zu einem vorsichtigen und schonungsvollen Umgang mit den verletzten Körperstrukturen. Die Besorgnis lenkt unser Verhalten dahingehend, dass den medizinischen Anweisungen Rechnung getragen wird und dieser eher befolgt werden. Kurzum: Angst sorgt dafür, dass der Athlet sich vermehrt um seinen Körper kümmert. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn ein gesundes Maß dieser Empfindung nicht überschritten wird. Zu viel Druck und damit verbundene Angstgefühle lösen unbedacht Reaktionen aus, welche unter Umständen den Heilungsprozess behindern können.

Stimmungstagebuch als effektives Tool

Zu viel Erregung führt zu Verspannungen und Verkrampfungen und beeinträchtigt so maßgeblich der Heilungsverlauf. Mit einem frühzeitigen Wiedereinstieg in den Trainingsalltag verbindet sich also zwangsläufig eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Folgeverletzung. Um zu erkennen, ob Angst und Erregtheit einen negativen oder positiven Effekt auf den Rehabilitationsprozess haben, muss der verletzte Sportler in sich hineinhorchen.

Kleinert (2003) empfiehlt in diesem Zusammenhang, für die so genannte Introspektion, ein Stimmungstagebuch (siehe Tabelle 1). Damit wird dem Sportler ein Werkzeug in die Hand gelegt, um zu überprüfen, in welche Richtung ihn seine Emotionen führen.

Tabelle 1: Stimmungstagebuch

  • Wie oft habe ich heute an Dinge gedacht, die mir Sorgen machen, und wie oft an Dinge, die mir Freude machen?
  • An wie viele Schwierigkeiten und Probleme habe ich heute gedacht und an wie viele Lösungsmöglichkeiten und Chancen?
  • Worüber war ich heute enttäuscht, und was hat mich zufrieden  froh gemacht?
  • In welchen Situationen habe ich mich heute schlecht gefühlt, in welchen ging es mir gut?
  • Wann war heute besonders ruhig und wann besonders nervös und aufgeregt?
  • Alles in allem: Was hat heute überwogen:
  1. Die Sorgen, Schwierigkeiten, Enttäuschungen, schlechten Gefühle und Aufregungen oder
  2. Die Freude, Erfolge, Zufriedenheit, positiven Gefühle und ruhigen Augenblicke?

Sonderrolle Trainer

Weisen die Antworten über mehrere Tage tendenziell eine negative Richtung auf, so kann ein Gespräch mit einem vertrauen Menschen aus dem näheren Umfeld, dem man gleichzeitig auch eine entsprechende Kompetenz zuschreibt, helfen. Diese Person kann aus dem privaten, sportlichen oder medizinischen Umfeld kommen. Hier kommt dem Trainer eine besondere Rolle zu. Dieser kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass die Ängste und Befürchtungen sich positiv auf den Heilungsverlauf auswirken können. Übungsleiter können dem verletzten Sportler signalisieren, dass sie auf ihn zählen, jedoch ihm die nötige Zeit geben werden, wieder vollkommen fit auf das Spielfeld zurückzukehren. Dass dies teils im Profigeschäft anders läuft, damit hat Reinartz seine Erfahrungen gemacht:

Als Spieler bist du im Grunde nur eine Funktion. Trainer haben ja in ihren Büros eine Taktik-Pinnwand. Da sind Zettel mit den Namen aller Spieler aus dem Kader drauf. Wenn sich einer verletzt, verschwindet der Name einfach, das hab ich schon oft gesehen. Ob der Trainer den Zettel in eine Schublade legt? Du bist dann jedenfalls kein Mensch seiner Gemeinschaft mehr. Wenn du verletzt bist, bist du für den Trainer nicht mehr existent.“

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Sexy wie ein Zahnarzt

Eine weitere Möglichkeit wäre, sich mit einem in der Praxis tätigen Sportpsychologen zusammen zu setzen. Dass in diesem Bereich noch viel getan werden muss, sieht Reinartz ebenso. Die Notwendigkeit eines sportpsychologischen Trainings wird gesehen, jedoch hapert es häufig an Umsetzung.

“Was total vernachlässigt wird, ist, dass es vor allem mentale Gründe geben kann, warum sich ein Spieler verletzt. Es sagen zwar alle, Sportpsychologie ist total im Kommen und Mentaltraining ist total wichtig im Fußball, aber es hat sich auf dem Feld in den vergangenen fünf Jahren sehr wenig getan. Die Vereine wissen, wir müssen da was machen, und der Trainer findet das eigentlich auch gut, aber auch nur eigentlich. Er sagt dann Sätze zur Mannschaft wie: Wir haben einen Sportpsychologen, wenn ihr ein Problem habt, wisst ihr, wo er ist. Nach dieser Anmoderation ist ein Sportpsychologe dann bei den Spielern in etwa so cool angesehen wie ein Zahnarzt.”

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Fazit:

Das Phänomen Verletzung und die Auswirkungen auf die verschiedenen Systeme (Verletzung als bio-psycho-soziales Phänomen gesehen) der Athleten offenbaren, dass eine ganzheitliche Rehabilitation sich nicht ausschließlich auf die physiologischen Aspekte konzentrieren darf. In diesem Zusammenhang kommt dem Trainer eine entscheidende Rolle zu. Dieser kann dem verletzten Athleten die Ängste und Befürchtungen nehmen – bzw. in eine heilungsförderliche Richtung lenken –, in dem er diesen die entsprechende Zeit und Wertschätzung entgegenbringt. Zusätzlich sollte eine proaktive Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen forciert werden und nicht beiläufig erwähnt werden, damit es nicht so endet wie Reinartz treffend in der Süddeutschen mit dem Zahnarzt-Bild beschreibt.

Literatur:

Eberspächer, H./Hermann, H.D. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. Blv Buchverlag: München.

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

Interview in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/sport/stefan-reinartz-im-interview-wenn-du-verletzt-bist-bist-du-nicht-existent-1.3622410

 

Philippe Müller: Verletzungen bewältigen

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

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Sonny Weishaupt: Gott schenke mir Geduld … und zwar sofort! (#Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 4)

Sportpsychologisch gesehen sind Quarterbacks im American Football sicher diejenigen Spieler, die am meisten und intensivsten mit einem Mentaltrainer zusammenarbeiten. Er ist der Führer der Offense, eine Respektsperson und jemand, an dem sich die gesamte Mannschaften aufrichten kann. Und er muss liefern – nicht nur spielerisch: Seine Kommunikation sollte klar und wertschätzend sein. Er sollte seine Mitspieler genauestens kennen und mit ihnen verbunden sein. Er muss vorangehen, andere leiten können und sie motivieren.
Und natürlich ist es die Position, auf die alle Augen gerichtet sind. Fluch und Segen zugleich. So kann man in der einen Sekunde die Begeisterung aller Fans bis in die Tiefen seines Körpers fühlen und im nächsten Moment alle Verantwortung für ein verlorenes Spiel auf seinen Schultern tragen.

Wie genau geht man aber mit diesem Druck am besten um?

Fragen wir doch einfach einen unserer Nationalmannschafts-Quarterbacks und Topspiele von Frankfurt Universe!

Für die-sportpsychologen.de berichtet:
Sonny Weishaupt (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

Wie bist du zum Football gekommen?

Football wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater spielte früher selbst und war seit ich laufen kann als Funktionär und Stadionsprecher aktiv. Dadurch war ich schon als Kleinkind regelmäßig bei Spielen und bekam das Geschehen hautnah mit. Dazu kam, dass es in Babenhausen, der Stadt in der ich aufgewachsen bin, eine US-Kaserne gab, in der bis 2005 noch viele US-Soldaten mit ihren Familien stationiert waren. Dadurch lebten auch ein paar amerikanische Kinder in der Nachbarschaft und somit war es für mich als Kind genauso normal einen Football zu werfen und zu fangen, wie für andere Kinder, einen Fußball zu kicken.

Mit acht Jahren spielte ich mein erstes Spiel Flag-Football, wobei ich nebenbei auch noch recht erfolgreich Fußball spielte. Seit ich 13 Jahre alt bin, gehört meine gesamte Aufmerksamkeit aber dem Football und somit gab es ab diesem Zeitpunkt nur noch diese eine Sportart für mich. Mit 14 Jahren wurde mir eine Sondererlaubnis erteilt, um auch schon an A-Jugend-Spielen teilnehmen zu dürfen, also echtes Tackle-Football, wobei diese Altersklasse bis 19 Jahre ging.

Was hat dich bei dieser Sportart gehalten?

In erster Linie das Teamgefühl, das Zusammenspiel aller Gewichtsklassen und auch die interkulturelle und soziale Auseinandersetzung mit Jungs sämtlicher Ethnien, sozialer Stände, etc. Das alles, gepaart mit der Vermittlung von Werten wie Respekt vor Autorität und Mitspielern, Disziplin, Ehrgeiz und die Achtung von Hierarchien und einer klaren Team-Struktur. Dazu kommt natürlich die Aufmerksamkeit und Beachtung, die einem widerfährt, wenn man „gut“ in etwas ist – und das war ich damals schon. Die Erkenntnis, trotzdem nur so gut zu sein wie das Team, lässt einen demütig werden und man lernt, dass man nur gemeinsam wirklich erfolgreich sein kann. Diese bedingte Abhängigkeit und das damit verbunden Lernen von Vertrauen schweißt zusammen und lässt Freundschaften entstehen, die weit über das Footballfeld hinausreichen.

Was macht deiner Meinung nach die spezielle Mentalität eines Spielers deiner Position aus?

Der Quarterback ist der Spielmacher, er steht im Fokus der gegnerischen Defense. Als Quarterback steht man im Mittelpunkt, ob man das will oder nicht. Deshalb muss man für sich einen Weg finden, mit dieser Aufmerksamkeit umzugehen.

Jeder Football-Laie erkennt immer den Spielmacher und weiß, sich eine Meinung über ihn zu bilden. In einer optimalen Konstellation fungiert man als verlängerter Arm des Coaches und nimmt die Rolle des „Field Generals“ ein. Man ist quasi der Anführer auf dem Feld. Eine gesunde Sieger-Mentalität bringt wohl jeder Spieler mit, der in der 1. Liga erfolgreich aktiv ist, sonst wäre er dort nicht. Der Unterschied zwischen Quarterbacks und anderen erfolgreichen Spielern liegt wohl einfach an der Herangehensweise. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen und ich kann nur für mich sprechen, dennoch kann man wohl sagen, dass Quarterbacks mehr Zeit in die Vorbereitung stecken müssen, um das Spiel besser zu verstehen als andere.

Patrick Finke: Sportpsychologie? Damit habe ich noch nie gearbeitet! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 3)

Selbstverständlich muss man sich auch körperlich mehr als fit und gesund halten, wozu regelmäßige Stunden im Fitness-Studio von Nöten sind. Doch den größten Unterschied macht die theoretische Vorbereitung aus.

Des Weiteren repräsentiert man in gewisser Weise das Team, wobei mir mal von meinem Mentor Micah Brown gesagt wurde, man dürfe „never too high and never too low“ sein. Damit sind die Körpersprache und die gesamte Ausdrucksweise gemeint. Selbst nach einem vermeintlichen Top-Spiel dürfe man genauso wenig „die Fassung verlieren“ wie nach einem kompletten Desaster-Spiel, in dem nichts zu funktionieren schien.

Was muss ein Spieler deiner Position charakterlich mitbringen?

Er muss die bereits angesprochenen Dinge verkörpern und sich in den Dienst der Mannschaft stellen. Sei es als Starting QB oder Backup. Es bedarf ohnehin mehr als einen guten Quarterback um eine erfolgreiche Saison zu spielen. Man muss von sich selbst überzeugt sein, wobei man nie aufhören darf, sich selbst und seine Spielfähigkeit ständig zu trainieren und zu verbessern. Man darf niemals damit aufhören, offen für neue „Coaching Points“ zu sein. Man kann sich das ähnlich wie einen Baukasten vorstellen, der einem von seinem ersten Trainer übergeben wird. Dieser Baukasten ist anfangs noch leer und muss über die gesamte Karriere hinweg gefüllt werden. Von einem Trainer bekommt man vielleicht alle notwendigen „Tools“, manchmal von vielen verschiedenen Trainern jeweils etwas, aber man kann nie genügend Utensilien in seinem imaginären Baukasten haben. Wobei diese natürlich auch gepflegt werden wollen und müssen. Auch das beste Messer muss irgendwann neu geschliffen werden, um scharf zu bleiben. Zu diesen sogenannten Tools zähle ich jedoch nicht nur die reinen Mechanics wie Footwork, Throwing Motion oder Read Progressions, sondern auch die charakterlichen Eigenschaften, die es wie Tugenden zu erlernen gilt.

Zu all dem zählt auch, den vielen kritischen Stimmen um einen herum nicht immer zuzuhören und sich auf sich selbst zu verlassen und zu konzentrieren. Diese Kritiker sogar als Ansporn zu sehen, aber sich davon niemals klein machen zu lassen. Ganz im Gegenteil, eher zu versuchen daran zu wachsen. Natürlich sollte man nach wie vor kritikfähig bleiben und sich wahrhafte Kritik auch zu Herzen nehmen. Dafür ist aber essentiell wichtig, darauf zu achten, wo diese Kritik herkommt und wie sie an dich herangetragen wird.

Was hast du selbst getan, um nicht nur deinen Körper sondern auch deinen Kopf immer wieder weiter zu trainieren?

Das körperliche Training ist ja bereits bekannt. Stunden über Stunden Training mit Gewichten, etliche Laufeinheiten, koordinative Übungen, sowie Muskelaufbau und Schnelligkeitstraining. Massig viel Schweiß, Aufopferung und Überwindung. Aber der Körper ist unser Kapital als Sportler und die Muskeln sind die Airbags der Knochen. Um leistungsorientiert zu spielen, gehört das einfach dazu.

Um meinen Kopf zu trainieren und optimal vorzubereiten nutze ich jede freie Minute, die mir für Football zur Verfügung steht um Spielzüge einzustudieren, Video-Tutorials zu schauen, Spieler zu analysieren und Football wortwörtlich zu studieren. Hinzu kommt die Hilfe meines engen Freundes und Mentors Micah Brown, der sich meine Trainings- und Spielvideos anschaut und mich anhand dieser coacht. Dazu natürlich jede Theorie-Einheit mitnehmen die angeboten wird. Einfach so gut es geht und so wie es die Zeit zulässt den absoluten Fokus auf Football setzen und darauf, wie ich selbst mehr erfahren und lernen kann, um somit besser zu werden.

Die optimale Verbindung beider Vorbereitungsweisen sind Camp-Teilnahmen. In Camps lernt man ständig neue Leute kennen, mit unterschiedlichen Backgrounds und anderen Spiel-Philosophien. Auch das kann dich nur besser machen, wobei wir wieder bei den Tools und dem Baukasten wären.

Welches ist dein Glaubenssatz?

Da würden mir ein Paar einfallen, doch um zwei zu nennen, die mir direkt einfallen:

„Never quit!“ – Kurz und simpel, aber damit ist alles gesagt. Die klischeehaften Phrasen sind oft wahr und all die Zitate, die wir aus Rocky-Filmen und Ähnlichem kennen stimmen wohl. Es geht darum, einmal mehr aufzustehen als die anderen und sich nicht unten halten zu lassen. Ausdauer und Geduld sind maßgeblich für Erfolg.

„I can do all things through Christ who strengthens me“ – Als gläubiger Christ ein inspirierendes und treffendes Zitat. Zu wissen, nie alleine zu sein und mit Gott an der Seiten nach vorne zu schreiten, das gibt mir ein unglaubliches Gefühl der Sicherheit und Zuversicht.

Wie motivierst du dich am besten? Arbeitest du hier mit Videos oder Bildern?

Unmittelbar vor einem Spiel eigentlich gerne mit kurzen Videos. Das variiert aber oft, mal klassische College/NFL Highlights, mal die Highlights von bestimmten Spielern wie z.B. Tom Brady, manchmal auch allgemeine Sport-Compilations mit motivierenden Zitaten. Als Jugendspieler schaute ich am Abend vor einem Spiel oft einen Football-Film oder andere mich inspirierende Filme an. Heutzutage gehe ich jedoch lieber in mich und halte mir vor Augen, für wen ich spiele und was mir diese Menschen bedeuten. Es ist ein bemerkenswerter Ansporn für mich geworden, den Support meiner Familie und Freunde nicht für selbstverständlich anzuerkennen und wirklich alles zu geben, um sie stolz zu machen.

Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Inwieweit hat dein Sport-Studium dir Unterstützung leisten können für die Ausübung deines Sportes?

Ehrlich gesagt ist es oft eher eine Belastung, zusätzlich sportlich strapaziert zu werden, da viele praktische Kurse und Prüfungen mitten in der Saison stattfinden und man somit zusätzlich ausgelastet ist. Auf der anderen Seite ist es schon von Vorteil, ein besseres Körperbewusstsein zu erfahren, durch das Erlernen neuer Bewegungsmuster und koordinativer Fähigkeiten. Die Philosophie ist hierbei ein super mentaler Ausgleich, um den Kopf frei zu bekommen und meinen Fokus auf andere mich reizende Dinge legen zu können. Ich denke das Kanalisieren von Konzentration unglaublich wichtig ist. Man kann nicht gut in etwas sein, wenn man sich permanent ausschließlich nur mit diesem einen Thema befasst. Da geht die Konzentration irgendwann verloren und darunter leidet letztendlich die Produktivität. Setzt man jedoch seinen Fokus gezielt auf unterschiedliche Dinge, so kann man meiner Meinung nach in jeder dieser Kategorien erfolgreich sein. Diese Ko-Existenz hilft mir zwischen meinem Leistungssportler- und meinen Studenten-Dasein nicht den benötigten Fokus und somit den Spaß zu verlieren.

Was würdest du jungen Spielern raten?

Sie sollten offen an die Sache herantreten, nicht versteift und nicht aufgrund externer Beweggründe. Sie sollten Camps besuchen und wie ein Schwamm so viel aufsaugen wie nur möglich, wobei sie überall etwas lernen können. Sie sollen sämtliche Fortbildungsmaßnahmen besuchen, bei offenen Trainings der Landesauswahlen teilnehmen und sich nicht vom Weg abbringen lassen, nur weil irgendwer meint, es besser zu wissen und einen nicht gut genug findet. Außerdem sollten sie versuchen, ihren Baukasten mit so vielen Tools wie möglich zu füllen und niemals den Spaß an der Sache verlieren.

Und zuletzt finde ich es wichtig, sich selbst gegenüber ehrlich zu bleiben. Will man diesen Sport „nur“ just for fun ausüben, dann ist es okay, wenn man das Ganze locker angeht. Das Leben hält noch viele andere tolle Dinge bereit. Wenn man sich jedoch dazu entschließt, ein guter Football-Spieler zu werden, am besten so gut wie es für einen selbst maximal möglich ist, dann aber bitte auch mit allem was geht. Keine Ausreden, kein Jammern. Es ist und wird unglaublich hart und man muss sich ständig neu motivieren und fragen, ob es das wert ist? Aber das Ziel, dass du dir gesteckt hast, was immer es auch sein mag, sollte dir klar und deutlich vermitteln: Ja! Es ist es wert und du wirst es bereuen, dir jetzt nicht weiterhin den Arsch aufzureißen.

Gibt es etwas, was du anders machen würdest, wenn du an einen bestimmten Moment deiner Karriere denkst?

Ehrlich gesagt gibt es gewisse Dinge, die ich so nicht gemacht hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was passiert. Allerdings verfüge ich nicht über diese Gabe und jede bisherige Entscheidung hat mich dahin gebracht, wo ich bin und wer ich bin. Das ist gut so. Klar träumt man davon, weiter zu sein und weiter zu kommen aber das treibt einen ja auch an. Ich denke, dass alles aus einem guten Grund passiert und wir nur daraus lernen können. Dazu sind ja die Erfahrungen da, wir müssen sie nur als solche nutzen und daran wachsen und besser werden.

Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Punkt, an dem die Sportpsychologie und Spieler deiner Position zusammenkommen? Woran könnte man zusammen am besten arbeiten?

Da das Spiel des Quarterbacks sehr stark von seiner mentalen Leistungsfähigkeit abhängt, denke ich es wäre von Vorteil, wenn man genau bei diesen Dingen ansetzt, von der Vorbereitung bis zum Gameday. Oft bedarf es nur eines persönlichen Gesprächs, um den Kopf klar zu kriegen. Man muss den Spieler wiederum kennen, um ihn mit bestimmten Aussagen triggern zu können und dahin zu führen, wo er letztendlich hin will. Russel Wilson hat bei jedem Spiel seinen eigenen Sportpsychologen an der Sideline stehen, der ihn lediglich beobachtet um dann nachträglich gewisse Dinge aufzuarbeiten zu können und diese präventiv als Vorbereitung zum nächsten Spiel aus dem Weg zu räumen.

Was glaubst du ist dein Geheimnis um so lange so erfolgreich zu spielen?

Das strikte Befolgen meiner Glaubenssätze! ☺

Denkst du, Spieler deiner Position haben narzisstische Züge?

Minimale Züge hat jeder, auf jeden Fall. Eine gewisse Selbstüberzeugung ist jedoch für jeden Spieler, der erfolgreich spielt, wichtig, ganz gleich welche Position. Als Narzisst versteht man umgangssprachlich jemanden, der sich selbst mehr liebt und dabei andere Menschen vernachlässigt. Das kann ich so als verallgemeinerte Charaktereigenschaft bei QB’s nicht bestätigen. Oft wird man ja auch in die Rolle gedrängt, dass sich alles um den QB dreht, was sicherlich nicht der Fall ist, jedoch von Außenstehenden gerne so wahrgenommen wird. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist aber in jedem Fall sehr wichtig.

Muss ein Spieler deiner Position furchtlos sein?

Ja, aber situationsabhängig. Es gibt manche Situationen auf dem Footballfeld, in denen man die großen von durchschnittlichen Quarterbacks unterscheiden kann. Zu sehen, dass ein Defender ungeblockt mit voller Geschwindigkeit auf einen losrennt, man aber noch kurz warten muss, bis man den Ball zu seinem WR werfen kann, obwohl man genau weiß, dass es gleich schutzlos einschlagen wird – das ist nur ein Beispiel. Es gibt auch viele andere Situationen, in denen man durchaus furchtlos agieren muss. Trotzdem ist die Furcht etwas durchaus Sinnvolles und Gutes und hilft uns, Gefahren wahrzunehmen. Angst schüttet unter anderem Adrenalin aus, ein Hormon was uns für kurze Zeit leistungsfähiger sein lässt.

Mit welcher anderen Position bist du am meisten verbunden?

Als QB ist man oft das Bindeglied aller Offense-Spieler. Daher ist es schwierig, eine spezielle Positionsgruppe ausfindig zu machen. Ich denke, dass ist von Team zu Team unterschiedlich und man kann es nicht komplett verallgemeinern. Meine Offensive Line ist mir mehr als wichtig, vor allem weil diese Jungs den Grundpfeiler für unsere Offense stellen. Wir könnten noch so gute Skill-Player haben, ohne eine gute O-Line, die für uns blockt, sind wir nichts. Da jede intakte Offense von Timing lebt ist das Zusammenspiel zwischen mir und den Wide Receivern von großer Bedeutung, weshalb wir auch viele Extra Trainings zusammen verbringen. Außerdem sind WR oft auch eher extrovertiert und es liegt in beidseitigem Interesse, gut miteinander zu harmonieren.

Miriam Kohlhaas: Ein Hoch auf die dicken Jungs!

Ist deine mentale Vorbereitung bei einem schwachen Gegner dieselbe wie bei einem Nationalspiel?

Es gibt gewisse Rituale, die ich vor jedem Spiel einhalte. Egal ob es ein Vorbereitungsspiel ist oder das Big6 Finale. Bei einem Nationalspiel herrscht eine komplett andere Team-Atmosphäre, man begibt sich mit Spielern, die im normalen Ligabetrieb Gegner sind auf dieselbe Mission und versucht in kürzester Zeit eine Einheit zu schaffen, die erfolgreich zusammenspielen kann. Das ändert jedoch nichts an meiner eigenen mentalen Vorbereitung auf ein Spiel bzw. auf den nächsten Gegner.

Hattest du schon einmal Angst vor einem Spiel? Wenn ja, wie konntest du diese überwinden?

Wirklich Angst hatte ich ganz früher vor meinen ersten Jugend-Spielen, in denen ich auf einmal getackled werden konnte. Diese Angst verliert sich jedoch nach den ersten Hits und nachdem man merkt, dass man nicht aus „Zucker“ ist und es oft auch gar nicht so schmerzt. Seitdem herrscht ab und zu eine Grund-Nervosität, die sich allerdings innerhalb der ersten Paar Drives komplett setzt. Ab dann sind quasi Scheuklappen aufgesetzt und ich befinde mich im Game-Modus.

Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir intensive Sportpsychologische Hilfe gewünscht hättest?

Diese Momente gab es sicherlich. Allerdings eher in Verbindung mit einer dritten Person, sei es ein Trainer, Mitspieler, oder ein Familien-Angehöriger. Ein Mensch, der mit der Sportpsychologie vertraut ist, hätte hier super intervenieren und helfen können, als eine Art Vermittler zweier Parteien. Die meisten Trainer befassen sich lediglich mit den X’s and O’s, also allen taktischen Vorgehensweisen. Jedoch sollte es ja im Interesse eines guten Coaches liegen, seine Spieler in die bestmögliche Position zu bringen, erfolgreich zu sein – für den Trainer genauso wie für den Spieler.

Sollte die Sportpsychologie ein fester Bestandteil des Footballs in Deutschland sein?

Der mentale Aspekt ist enorm wichtig, er gerät leider immer wieder zu kurz. Man sollte versuchen, die Sportpsychologie grundsätzlich mehr mit einzubeziehen, mentales Coaching für die Spieler anbieten und auch Coaches sportpsychologisch weiterbilden und schulen, um klar zu machen, dass es um Menschen geht. Menschen mit Wünschen, Träumen, Sorgen und Problemen, und dass diese auch okay sind. In den USA werden Millionen Summen dafür gezahlt, dass die Spieler funktionieren und dabei ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. In Deutschland ist das abgesehen von dem Niveau und den Millionen-Beträgen ähnlich und deshalb sollte eine Art Entschädigung anderweitig stattfinden. Davon könnten ja auch sämtliche Funktionäre und Coaches nur profitieren. In anderen Sportarten ist es bereits Gang und Gäbe einen Sportpsychologen mit ins Team zu integrieren. Davon kann sich der American Football gerne eine Scheibe abschneiden.

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