Start Blog Seite 134

Luisa Koller: Wie komme ich auf die richtigen Fragen?

Florence von Ziegler und Luisa Koller

Es war an einem Tennisturnier in einer kleinen Stadt in Argentinien, als ich mir überlegte, Sportpsychologin zu werden. Ich war mitgereist mit einem Freund und verbrachte meine Tage hauptsächlich mit Tennis schauen, etwas zuhören und dem Versuch, im richtigen Moment das richtige zu sagen. Einige Jahre später ist mein Interesse an der Sportpsychologie nicht kleiner geworden und es hat sich die Möglichkeit ergeben, in dieser Richtung bei Dr. Hanspeter Gubelmann ein Praktikum zu absolvieren.

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Luisa Koller

Obwohl ich kurz dem Abschluss meines Bachelor-Studiums in Psychologie stehe, ist mein Wissen in diesem Themenbereich noch spärlich. Es bildet keinen Inhalt im Studium – wenn, dann höchstens in Einzelteilen. Immerhin sind mir hin und wieder Begriffe geläufig und ich weiss, wovon die Sprache ist. So habe ich all die Bücher, die mir Hanspeter in sein Büro an der ETH gebracht hat, aufgesogen und versucht, gedanklich zu ordnen. Ein noch besseres Lehrmittel war aber das Zuhören, wenn ich das Glück hatte und bei Sitzungen mit Sportlerinnen und Sportlern dabei sein durfte. Eine dieser Sportlerinnen sollte dann „für mich“ sein. Quasi ein Übungsprojekt, von dem alle Seiten profitieren sollen.

Von März bis Juni war Florence ungefähr einmal pro Woche für ein Gespräch bei uns. Ich habe schnell gemerkt, dass die sportpsychologische Beratung eine abwechslungsreiche und fordernde Aufgabe ist. Was beschäftigt einen Sportler momentan? Wo liegt die Herausforderung? Ist es ein Problem im Training, im privaten Leben, etwas langfristiges oder akutes? Wo setzt man mit Lösungen an und woher nimmt man ebendiese Lösungen?

Die passenden Fragen…

Hanspeter weiss, die passenden Fragen zu stellen, manchmal ganz offene, manchmal herausfordernde. Für mich war das oft noch schwierig – den optimalen Weg zu finden, um an Informationen zu gelangen, die die Zusammenarbeit steuern und vor allem auch Probleme und Lösungen aufzeigen können.

http://die-sportpsychologen.ch/2017/07/06/dr-hanspeter-gubelmann-die-ersten-schritte-im-feld/

Bei der gemeinsamen Arbeit mit Florence habe ich gelernt, dass es ein schrittweiser Prozess ist und dass es manchmal reicht, ein scheinbar kleines Thema in einer Stunde zu besprechen und sich anzunehmen, um dann in der folgenden Woche darauf aufzubauen. Der Trainings- und Wettkampfbesuch gab auch einige Zeit später noch Einblicke und Erkenntnisse.

Eines bleibt: Die Freude am Sport und die Faszination für die Leistungen

Immer wieder schön war es, zu sehen und zu spüren, wie viel Freude, Motivation und Zielstrebigkeit Florence fürs Geräteturnen aufbringt. Etwas, dass sicher vielen Sportlerinnen und Sportlern gemein ist. Mit solch inspirierenden Persönlichkeiten regelmässig zusammenarbeiten zu können, muss sehr bereichernd sein. Auch wenn mein Praktikum sich dem Ende zuneigt, werde ich sicher weiterhin gespannt die Ranglisten von Turn-Wettkämpfen lesen – weil schliesslich ist es das, was mich ursprünglich auf die Idee brachte, die Sportpsychologie näher kennen zu lernen: Die Freude am Sport und die Faszination für die Leistungen, die Athletinnen und Athleten im Stande sind zu erbringen – ziemlich oft optimiert durch die Unterstützung eines Sportpsychologen.

http://die-sportpsychologen.ch/2017/07/06/florence-von-ziegler-sportpsychologie-interessierte-mich-erst-einmal-nicht/

Views: 864

Dr. Hanspeter Gubelmann: Die ersten Schritte im Feld?

Ende Mai fand in Bern die 48. asp-Tagung, die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland, statt. Das reichbefrachtete Tagungsprogramm beinhaltete neben dem traditionellen Wissenschaftsteil eine breite Palette an Praxisworkshops. Als Programm-Verantwortlicher fiel mir vor allem etwas auf: die Workshops zogen ein sehr junges, der angewandten Sportpsychologie zugewandtes Publikum an! Wie schaffen diese Kolleginnen und Kollegen heute den Einstieg in eine beratende Tätigkeit? Welche Einstiegshilfen werden ihnen dabei angeboten? Von einem Beispiel aus eigener Praxis handelt dieser Beitrag.

Zum Thema: Sind die Zeiten des Kaltstarts vorbei?

In diesem Frühjahr erhielt ich Besuch einer Studentin aus Bern. Die Sportwissenschaftlerin Nicole Jänsch befragte mich im Rahmen ihrer qualitativen Studie zu meiner Karriereentwicklung als Sportpsychologe. Ich beschrieb u.a. meinen Einstieg in die angewandte Tätigkeit. Ich erinnerte mich noch gut an das erste Treffen mit „meinem“ ersten Athleten. Ich: völlig auf mich allein gestellt. Mein Gegenüber: ein Zehnkämpfer, Sportstudent an der ETH Zürich, der bei mir noch die Veranstaltung „Einführung in wissenschaftliches Arbeiten“ besuchen musste. Das war 1990 und ich erlebte einen veritablen Kaltstart. Nichts und niemand hatte mich auf diese Situation vorbereitet.

Seit damals hat sich die Situation der angewandten Sportpsychologie in der Schweiz markant entwickelt und verändert. 2009 beschrieb Seiler den weitgehenden Konsens in der Auffassung, „dass ein Markt besteht für gut ausgebildete und kompetente Sportpsychologen.“ Von einem positiven und starken Wachstum der angewandten Sportpsychologie im internationalen Kontext berichteten damals auch Wylleman et. al. (2009). In ihrem Bericht hoben sie den ausgeprägten Mangel an Wissen hinsichtlich  der Karriereentwicklung von angewandt tätigen Sportpsychologen heraus. Insbesonere fehle es an spezifischen Erkenntnissen zum Einstieg in eine solche Berufskarriere. Die Einschätzung eines auch weiterhin „attraktiven Berufsfeldes“ teilen die Berner Kollegen um Studienleiter Marc Blaser (2016), monieren aber in ihrer Beurteilung, dass nur wenige den Grossteil ihrer Arbeitszeit in sportpsychologische Tätigkeit investieren. Entsprechend niedrig beziffert die Studie das daraus erwirtschaftete Einkommen. Jänsch (2017) zielt in ihrer Studie darauf ab, die kritischen Punkte in einer sportpsychologischen Karriereentwicklung näher zu beleuchten. Erklärtes Ziel ihrer Arbeit ist, AbsolventInnen, die gerne im Feld der angewandten Sportpsychologie Fuss fassen möchten, den Einstieg zu erleichtern. Eine möglichst effiziente Planung ihrer Karrieren soll dazu helfen.

Ein gezieltes Mentoring fehlt auch heute

Was mir persönlich damals wie heute fehlt: eine begleitete Einführung, ein eigentliches Mentoring in der ersten Phase des Einstiegs in die angewandte Arbeit junger Berufskollegen. Zu ihren Erfahrungen und Erkenntnissen im Rahmen eines begleitenden Coachings berichten in zwei Insiderberichten die Psychologiestudentin Luisa Koller und die Athletin Florence von Ziegler.

http://die-sportpsychologen.ch/2017/07/06/luisa-koller-wie-komme-ich-auf-die-richtigen-fragen/

Das Angebot startete Ende März und beinhaltete 10 Sitzungen sowie Trainings- und Wettkampfbegleitungen. Die inhaltlichen Schwerpunkte im Überblick:

  • Anforderungsprofil und Voraussetzungen an den Sportpsychologen
  • Erstkontakt und Erstgespräch
  • Auftragsklärung
  • Arbeitskonzeption
  • Zielstellung und Zielvereinbarung
  • Eingrenzung der Themen und erste Beratungsschritte
  • Einbezug des Umfelds, geeignete Arbeitsmittel u.a.m.
  • Standortbestimmung nach 3 Monate, Zwischenfazit und nächste Schritte

http://die-sportpsychologen.ch/2017/07/06/florence-von-ziegler-sportpsychologie-interessierte-mich-erst-einmal-nicht/

Am 3. Juli erfolgte eine Standortbestimmung, da mit diesem Tag auch das Praktikum von Luisa endete. Zu diesem Zweck habe ich Luisa und Florence je um eine Stellungnahme gebeten, die im ausdrücklichen Einverständnis mit ihnen als Insiderberichte publiziert werden.

Fazit: Aufwand, der sich für alle Beteiligten lohnt…

Mentor, Praktikantin und Sportlerin haben im Rahmen dieses Betreuungssettings grossen Aufwand betrieben: 10 Beratungstermine mit Vor- und Nachberatungsarbeiten, Trainings-und Wettkampfbesuche sowie die inhaltiche Vertiefung in die Beratungsthemen führen zu einer insgesamt hohen Arbeitsbelastung. Ein Praktikum in angewandter Sportpsychologie bietet hierfür den passenden Rahmen. Angesichts des erzielten Nutzens und der Erkenntnisgewinne darf aber von sehr gut investierter Zeit gesprochen werden!

Luisa betont in ihrem Insiderbericht eine abwechslungsreiche und fordernde Tätigkeit, geprägt von Einsichten und Inspiration. Florence scheint Gefallen an den vielfältigen Möglichkeiten der Selbstbeeinflussung gefunden zu haben. Sie setzt die erworbenen Tools und entwickelten Massnahmen eigenmotiviert und konsequent in Training und Wettkampf ein. Die Blockade ist kein Thema mehr, stattdessen stabilisiert sie ihre Wettkampfleistung zunehmen auf hohem Niveau und feiert schöne sportliche Erfolge. Die Aufgabe des Mentorings, die Unterstützung junger Berufskolleginnen und –kollegen, erlebe ich als eine bereichernde und dankbare Aufgabe! Sie bietet Gelegenheit zur Reflexion der eigenen Praxistätigkeit und öffnet den Horizont für neue, inspirierende Ideen!

…und ein Modell für die Zukunft?

Soll der Praxiseinstieg junger Psychologinnen und Psychologen in Zukunft erleichtert und unterstützt werden, lassen sich mindestens vier Aspekte in die Diskussion einbringen:

  1. Die jüngst erhobenen Daten zur Berufsfeldanalyse (Blaser et al. 2016) und zur Karrierentwicklung (Jänsch 2017) müssen auch im Hinblick auf notwendige Anpassungen hinsichtlich der Ausbildungsstrukturen und -inhalte der postgradualen Ausbildung (CAS Sportpsychologie) in der Schweiz analysiert werden.
  2. Die Schaffung zusätzlicher Praktikumsangebote an Ausbildungsinstitutionen (BASPO, Universitäten, etc.) ist zu prüfen.
  3. Die SASP als Berufsverband ist aufgerufen, vermehrt Informationen zur Karriereentwicklung ihrer Neu-Mitglieder zur Verfügung zu stellen. Spezifische Angebote zu Themen des Berufseinstiegs könnten hierfür besonders hilfreich sein.
  4. Neben Intervisions- und Supervisionsangeboten könnte auch ein Mentoring-Angebot den Praxiseinstieg erleichtern und gleichzeitig auch als effektive Massnahme zur Qualitätssicherung beitragen.

 

 

Literatur

Blaser, M., Stocker, E., Jänsch, N. & Seiler, R. (2016). Qualität im Berufsfeld Sportpsychologie in der Schweiz. Ergebnisse einer Online-Umfrage (Unveröffentlicht). In B. Strauss et al. (Eds.), Spitzensport und Sportpsychologie: Der Weg zu Olympia. 48. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 05.-07.05.2016 in Münster.

Jänsch, N., Seiler, R. & Hirschi, A. (2017). Karriereentwicklung von Schweizer SportpsychologInnen. In A. Conzelmann et. al. (Eds). Gelingende Entwicklung im Lebenslauf. 49. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 25.-27.05.2017 in Bern.

Seiler, R. (2009). Angewandte Sportpsychologie in der Schweiz: Ausbildungskonzeption und Berufsfeldperspektiven. Zeitschrift für Sportpsychologie, 16, 29-34.

http://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1026/1612-5010.16.1.29

Wylleman, P., Harwood, C.G., Elbe, A.-M., Reints, A. & Caluwé, D. de (2009). A perspective on education and professional development in applied sport psychology, Psychology of Sport and Exercise 10 (2009) 435–446.

https://www.researchgate.net/profile/Anne-Marie_Elbe/publication/232413639_A_perspective_on_education_and_professional_development_in_applied_sport_psychology/links/5531484f0cf2f2a588ad47e3/A-perspective-on-education-and-professional-development-in-applied-sport-psychology.pdf

 

Verwandte Blogs

http://die-sportpsychologen.ch/2017/03/08/dr-hanspeter-gubelmann-wie-weiterbilden/

http://die-sportpsychologen.ch/2015/12/21/dr-hanspeter-gubelmann-zum-image-problem-der-schweizer-sportpsychologie/

Views: 2492

Lena Tessmer: Die Ressource Eltern

Zu viel Druck, zu viel Disziplin, zu wenig Freizeit, zu wenig Kindheit, zu viel Vereinnahmung, zu wenig Selbstbestimmung. Der Nachwuchsleistungssport in Deutschland ist umstritten. Die Rolle der Eltern auch. Von Doppelbelastung ist die Rede und von Eltern, die ihre nicht gelebten Träume auf die Kinder projizieren. Die Eltern von leistungssportlich engagierten Kindern kommen in den medialen Berichterstattungen meist schlecht weg. Ist die Realität tatsächlich so einseitig? Wie ist bei diesem Thema die Rolle der Sportpsychologie zu verorten und was können die Experten unterstützend beitragen?

Zum Thema: Was bedeutet es für Eltern, ein Kind in den Leistungssport zu begleiten?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Fordern und Fördern, auf dem Eltern sich bewegen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass es zwischen Unterstützungsleistung der Eltern und dem Erfolg der sportlichen Karriere des Kindes einen Zusammenhang gibt. Bezüglich vorhandener sozialer Ressourcen im Leben der jungen Sportler steht die elterliche Unterstützung sogar auf Platz 1. Während sie also viel richtig machen können, scheint es medial besonders wirksam zu sein, zu beleuchten, was sie alles falsch machen. Aber es gibt sie, die Durchschnittseltern, die sich liebevoll kümmern, die sich hinterfragen, die das leistungssportliche Engagements ihres Kindes reflektieren und unterstützen und die gelegentlich überfordert sind?

Oder schauen wir uns beispielhaft das Thema Überforderung an. Letztere kann von sportbezogenen Emotions- und Motivationsfragen herrühren. Oft stellen sich Eltern in diesem Zusammenhang Fragen, wie: Ist die sportliche Lustlosigkeit auf pubertierendes Verhalten oder tatsächlich verlorener Lust am Sport zu deuten? Ist die niedrige Frustrationstoleranz und folgende Aggression des Kindes noch „normal“? Wie kann die Enttäuschung über eine sportliche Niederlage familiär aufgefangen werden?

Elterncoaching und Sportpsychologie

Wie kann diesen Fragen nun begegnet werden? Die gesamte Erfahrungswelt des Kindes zu verstehen kann äußerst hilfreich sein, um die emotionale Bandbreite nachvollziehen zu können. Eltern begleiten ihre Kinder zwar viel zum Training und zu Wettkämpfen, aber dort machen sie sich lediglich ihr eigenes Bild von Situationen. Die Innensicht des Kindes zu beleuchten, kann dem jungen Athleten zu einer erhöhten Reflexionsfähigkeit verhelfen und den Eltern tiefere Einblicke in die Lebenswelt ihres Kindes gewähren. Aber auch die Lebenswelt der Eltern, die organisatorischen und alltäglichen Herausforderungen zu thematisieren, kann zu einem erhöhten Verständnis beider Parteien führen.

Fast alle Eltern meinen es „immer nur gut“ mit ihren Kindern. Dieses Wohlwollen kommt bei den Kindern aber möglicherweise nicht an. Die Sportpsychologie bietet Methoden, Kinder und Eltern bei Herausforderungen zu begleiten, die das leistungssportliche Engagement des Kindes mit sich bringen. Wenn also die elterliche Unterstützung die am meisten wirksame Ressource für leistungssportliches Engagement im Kindes- und Jugendalter ist, dann lohnt es sich, in die Eltern-Kind-Beziehung zu investieren. Das Ergebnis ist dann nicht zwangsläufig eine erfolgreiche sportliche Karriere des Kindes, sondern in einigen Fällen vielleicht auch eine gemeinsame Entscheidung gegen den Leistungssport, die aber von allen Parteien verstanden und getragen wird.

Elvina Abdullaeva: Vom Kind zum Tennisprofi

Thorsten Loch: Mein Kind im Sport – und ich?

Literaturverzeichnis

– Borggrefe, C. & Cachay, K. (2014). Duale Karrieren – Möglichkeiten und Grenzen der Vereinbarkeit von Spitzensport und Schule, Studium, Beruf. In T. Borchert (Hrsg.), Kinder- und Jugendsport: Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Allgemein- und Spezialbildung. Festschrift anlässlich der Emeritierung von Prof. Dr. Albrecht Hummel (S. 195–219). Chemnitz: Universitätsverlag

– Brettschneider, W.-D. & Heim, R. (2001). Heranwachsende im Hochleistungssport. Eine (Zwischen-) Bilanz empirischer Befunde. Sportpädagogik (4), 34–38.

– Güllich, A. & Richartz, A. (2015). Leistungssport. In W. Schmidt, N. Neuber, T. Rauschenbach, H.P. Brandl-Bredenbeck, J. Süßenbach, Breuer & Christoph (Hrsg.), Dritter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Kinder- und Jugendsport im Umbruch (S. 140–161). Schorndorf: Hofmann.
– Schweer, Martin K. W. (2011). Kinder und Jugendliche im Leistungssport – eine Herausforderung für Eltern und Trainer. Ein pädagogisch-psychologischer Leitfaden. Frankfurt am Main: Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften.

– Weber, U. (2003). Familie und Leistungssport (Reihe Sportsoziologie). Schorndorf: Hofmann.

– Zweigert, M. (2016). Eltern im Leistungssport – zwischen sportlichen Ambitionen und erzieherischen Erwartungen. In C. Heim, R. Prohl & H. Kaboth (Hrsg.), Bildungsforschung im Sport. 29. Jahrestagung der dvs-Sektion Sportpädagogik vom 26.-28. Mai 2016 in Frankfurt/Main (Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, S. 131–132). Hamburg: Feldhaus.

Views: 4157

Cristina Baldasarre: Vom Sport lernen

Es ist immer wieder erstaunlich und schön zu erfahren, wie Techniken und Tools aus dem Sport – richtig angewandt – in anderen Gebiete gewinnbringend transferiert werden können. Entspannungstechniken sind hierfür ein sehr gutes Beispiel. Dabei ist es nicht schwer, den Wissenstransfer aus dem Sport in die Schule zu meistern.

Zum Thema: Entspannung im Schulalltag

Das Verständnis dafür, dass viel Training auch viel Erholung/Entspannung benötigt, ist im Sportumfeld schon längst bekannt und auf eine ausgeglichene Erholungs-Belastungs-Bilanz wird zum Glück viel Wert gelegt. Aus dem Sportbereich kennen wir Entspannungsverfahren, die physisches aber auch psychisches Erleben von Gelassenheit und Entspannung zum Ziel haben. So kommen wir am Wort Psychohygiene nicht vorbei und daran, dass solche Techniken stressmindernd wirken und zur Prophylaxe von Übertraining und Burnout dienen. Somit, meiner Meinung nach, ein Imperativ für alle Sportler, Trainer und ihr Betreuungsumfeld. Bei diesen Übungen wird eine gezielte Fokussierung auf das Hier und Jetzt gelernt und jede Entspannungsübung ist gleichzeitig auch eine Achtsamkeitsübung. Die dadurch errungene Verbesserung des Wohlbefindens stärkt zudem auch gleich noch die Selbstwirksamkeit.

So entstand meine Idee des Kurses Entspannung im Schulalltag, den ich mittlerweilen schon zum fünften Mal durchführe. Meine Beobachtungen ergaben sich aus unterschiedlichsten Situationen zu Hause mit meinen Kindern und in der Lernpraxis mit den Sportlern und Schülern, mit denen ich zusammenarbeite.

Kennen Sie Ihre Schüler?

Genannte Problemstellungen endeten immer wieder in ähnlichen Interventionsansätzen und so lag es auf der Hand, den Wissenstransfer aus dem Sport in den Leistungsbereich Schule herzustellen:

Kennen Sie SchülerInnen mit Konzentrationsproblemen?
Sind gewisse SchülerInnen manchmal innerlich unruhig?
Kennen Sie SchülerInnen mit Angst- oder Wutzuständen?

In der Schule und insbesondere bei Prüfungssituationen entscheiden nicht selten die Emotionen über das Ergebnis, sprich: über die Note. Ganz genau gleich wie im Sport auch. Das Erleben bestimmter Emotionen kann dazu führen, dass Schüler nicht jederzeit in der Lage sind, ihr Leistungspotential voll abzurufen, zu nutzen und umzusetzen.

Erste Fortschritte nach kurzer Übungszeit

Es ist erwiesen, dass regelmässig angewandte Tiefenentspannung sich positiv auf die körperliche und emotionale Befindlichkeit auswirkt (V. Speck, 2013). Dadurch werden günstigere Lern- und Prüfungsvoraussetzungen geschaffen, die Konzentrationsfähigkeit verbessert sich und das Bewältigen von schwierigen Situationen fällt leichter. Schon nach einer kurzen Übungszeit lernen die Kinder sich besser wahrzunehmen, sie werden ausgeglichener und selbstbewusster. Die Zielgruppe spricht bereits Kinder ab dem Kindergartenalter an, also ab ca. fünf Jahren und ist nach oben unbegrenzt.

Die Progressive Muskelrelaxation nach E. Jacobson (1934) ist eine altbekannte Entspannungsmethode, die sich auch für Kinder und Jugendliche sehr gut eignet. Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem durch willentliche Ansteuerung bestimmter Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung erreicht wird. 
Ergänzend können altersentsprechende Gedanken- und Phantasiereisen dazu dienen, diesen Zustand einzuleiten oder auch zu verstärken.

Kursangebot im August

Ich biete eine allgemeine Einführung in die Theorie und Praxis der Progressiven Muskelrelaxation. Im Zentrum stehen das Erlernen der spezifischen Technik, das eigene Erleben der Methode sowie die konkrete Umsetzung in den eigenen Schulalltag. Dabei erhalten die Teilnehmer ein kompaktes sowie konkretes Vorgehen mit praktischen Übungen, Arbeitsblättern und CD-Beispielen für Ihre spezifische Anwendung im Schulalltag.

Link zu ZAL Ausschreibung

 

Literatur

Speck, V. (2013). Training progressiver Muskelentspannung für Kinder. (2.Aufl.). Hogrefe.

 

Views: 363

Prof. Dr. Oliver Stoll: Fairness vs. Tour de France

Vielleicht haben Sie ja die vierte Etappe der Tour de France gesehen – vor allen Dingen den Schlussspurt. An den Bildern werden sie ohnehin kaum vorbeikommen. Denn ca. 150 Meter vor dem Ziel geht es „richtig zur Sache“. Peter Sagan zieht aus dem Pulk rechts außen an und „berührt“ Mark Cavendish, der in die Leitplanke gerät und stürzt. Dahinter stürzen noch weitere Fahrer, auch John Degenkolb. Sieger des Sprints wird Arnaud Démare, der französische Meister im Straßenradfahren. Etwa zwei Stunden nach dem Rennen wird Weltmeister Sagan und Tour-Mitfavorit vom diesjährigen Rennen suspendiert.

Zum Thema: Fair oder unfair – das ist hier die Frage? Und wohin im Radsport mit der Moral?

Peter Sagan „berührt“ Mark Cavendish – es folgt aus meiner Sicht ein „Horror-Sturz“. Kurz nach dem Unfall ist noch wenig über die Schwere der Verletzung von Mark Cavendish bekannt. Aber vieles deutet schon am frühen Abend daraufhin, dass dem Briten die Fortführung des Rennens nicht möglich sein wird. Aber zurück zu Sagan und dessen Attacke: Aus meiner Sicht, sieht das nach „Absicht“ aus. Sagan zieht den Ellbogen hoch und „checkt“ Cavendish in die Leitplanke. Schauen Sie hier:

Nun gut – mal abgesehen davon, ob meine Fernsehsessel-Deutung hinsichtlich der Absicht so zutrifft oder nicht. Als Sportpsychologe mach ich mir dann natürlich Gedanken über eine ganze Reihe von Aspekten. Zum einen tut mir Mark Cavendish leid. Mal abgesehen davon, dass diese Sportler Vollprofis sind und natürlich auch wissen, was da in einem Zielsprint alles passieren kann, trifft einen Radsportler eine solche Aktion beim „Saisonhighlight“ massiv. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. „Harte Kerle“ hin oder her – es sind Menschen – keine Maschinen. Und dann denke ich über die „Doppelmoral“ im Sport nach. Fairness ist einer der zentralen Werte im Sport. Genau dieser „Wert“ macht die Faszination des Leistungssports aus.

Nicht blind im System

Auch wenn im Bereich des Leistungssports Begriffe wie Fairness und Moral mittlerweile sehr kritisch diskutiert werden müssen, sollte man nicht vergessen, dass diese Sportler mit diesen Werten und Normen sozialisiert wurden. Seit Kindesbeinen an trainieren sie hart, stecken Niederlagen weg, und stehen wieder auf, und machen weiter. Vielleicht, um einmal eine Etappe bei der Tour de France zu gewinnen. Moralisches Handeln und ethisch, korrektes Verhalten wird unseren Sportlerinnen und Sportlern immer „eingeimpft“ und dies beeinflusst natürlich deren Denken und Fühlen, auch wenn unsere Athletinnen und Athleten natürlich nicht „blind im System“ herumlaufen.

Die Forschung um Moral und ethisches Handeln im Sport fristet in der Sportpsychologie ein absolutes „Nischen-Dasein“. Meines Wissens hat sich in Deutschland lediglich die aktuelle Umweltministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Claudia Dalbert, in ihrer wissenschaftlichen Karriere mit diesem Thema und insbesondere der Auswirkungen von Gerechtigkeitswahrnehmungen im Sport beschäftigt. Hier sehe ich eindeutig noch Optimierungsbedarf.

Ist der Radsport optimal aufgestellt?

Von dieser Tatsache mal abgesehen, sollte man darüber nachdenken, nicht nur Ärzte und Physiotherapeuten in den Profi-Rad-Teams zu beschäftigen. Ich denke, ein guter Sportpsychologe oder eine gute Sportpsychologin, mit viel Wissen aus der Radsport-Szene und dem notwendigen, sportpsychologischen Rüstzeug könnte das „Support-System“ im Radsport eindeutig und konstruktiv unterstützen.

Ich wünsche Mark Cavendish alles Gute und natürlich schnelle Gesundung. Und Peter Sagan – der sich meinen Informationen nach – schon bei Mark Cavendish entschuldigt hat, einen Augenblick der Selbstreflektion über sich und den Werten und über die Moral im Straßenrad-Rennsport. Die Zeit bekommt er nun, ob er will oder nicht.

 

Literatur

Herrmann, M., Dalbert, C. & Stoll, O. (2008). Fairness im Fußball: Eine gerechtigkeitspsychologische Analyse. Zeitschrift für Sportpsychologie, 15, 12-24.

Views: 848

Elvina Abdullaeva: Saisonvorbereitung für Gewinner

Anfang Juli startet für die Fußball-Bundesligisten die Saisonvorbereitung – eine der wichtigsten Phasen der ganzen Saison, die leicht unterschätzt werden kann. Insbesondere von denjenigen, die eine gute Saison hinter sich und vielleicht sogar einen Titel geholt haben.

Zum Thema: Wie bereitet man die Gewinner auf die neue Saison vor?

Diejenigen, die aus einer schlechten Saison kommen, haben es im Vergleich in der Regel leichter. denn schlechte Zeiten sind die effizientesten Zeiten. In einer sportlichen Krise hat man nichts zu verlieren. Sportler, Trainer oder gesamte Vereine beginnen nach neuen Wegen zum Erfolg zu suchen, probieren ganz andere Dinge als gewöhnlich aus, werden kreativer und mutiger. Im Gegenteil dazu, wenn die Leistung der Vorsaison zufriedenstellend war oder sogar das Prädikat „besser geht’s nicht“ verdiente, wie es international z.B. auf Real Madrid zutrifft, ist die Gefahr groß, dass Sportler oder die Funktionsträger im Verein die neue Serie zu entspannt angehen. Denn in dem Moment hat man keine Not, um mehr an sich zu arbeiten, man ist voller Selbstvertrauen und denkt, dass es von allein so weiter geht. Dafür kann man jedoch sehr teuer bezahlen.

Also: Wie können denn die Gewinner die erreichte Leistung konservieren? Unter uns: Das kann niemand. Die einzige Möglichkeit ist, in Bewegung zu bleiben. Sonst wird es schwierig.

Die Saisonvorbereitung ernst nehmen

In der Fussballgeschichte gibt es viele Beispiele, dass auf eine sensationelle eine katastrophale Saison folgte. Und oft war dies schon am Saisonanfang klar. Wichtig: Oft spielen die ersten Partien für das Selbstvertrauen des Teams eine entscheidende Rolle. Es ist enorm wichtig, allen und sich selbst zu zeigen, dass die Meister noch alles drauf haben. Alle Mannschaften treten gegen den Meister höchst mobilisiert an, gleichzeitig haben sie aber Angst von dem starken Gegner. Und andererseits speist sich die Angst oder auch die Kampfbereitschaft des Gegners von der Spielqualität des Champions. Und dies wiederum hängt wesentlich von dessen Einstellung ab. Ein paar zufällige Niederlagen sind oft genug, damit jeder einzelner Spieler unsicher und nicht mehr zuversichtlich agiert. Dies überträgt sich rasch innerhalb des Teams. Und auf einmal treten die Spieler nervöser auf und vergessen daran zu denken, dass sie eigentlich an sich starke Spieler sind und was sie kurz davor schon alles erreicht haben. Denken wir nur an Borussia Dortmund im letzten Jahr unter Jürgen Klopp. Damit so etwas mit Ihrer Mannschaft nicht passiert, sollten sie der Saisonvorbereitung viel Aufmerksamkeit schenken und das effizient ausnutzen. Ihr Ziel ist es, dass die Mannschaft wieder fleißig trainiert, und von Anfang an motiviert spielt.

Was ist aus sportpsychologischer Sicht in der Saisonvorbereitung zu machen?

  • Realitätscheck

Es geht darum, die Spieler spüren zu lassen, dass Ihre Überlegenheit zerbrechlich ist. Das lernt man nur in Niederlagen. Sie wollen aber nicht, dass diese auf Kosten von Punkten gehen, wenn die Saison schon läuft. Deswegen suchen Sie sorgfältig die Vorbereitungsgegner aus. Es wirkt sich positiv aus, wenn die Mannschaft gegen einen starken Gegner verloren hat. Nicht gegen einen schwachen! Denn in diesem Fall können die Spieler sich immer sagen: „Wir haben uns einfach nicht genug angestrengt.“ Es geht aber darum, ihr „Können“ einem Realitätscheck zu unterziehen und sich bewusst zu machen, dass es immer Luft nach oben gibt. Derjenige, der auf Kosten von alten Siegen lebt, hat keine Zukunft im Leistungssport.

  • Die Herausforderung, sich wieder neu zu finden

Die sportpsychologische Arbeit rund um das Setzen von Zielen spielt hier eine enorme Bedeutung. Die Menschen mit sogenannter Siegermentalität schaffen über lange Zeit, der Beste zu bleiben, weil sie immer wieder einen neuen Vorsatz finden und sich darauf konzentrieren. Seien Sie sich bewusst, dass die Ziele wichtiges Werkzeug ihrer Arbeit sind. Genauso wie ein Navi, der das Auto zum Wunschpunkt bringt, führen die richtige Ziele Ihre Mannschaft zum Erfolg. Überlegen Sie mit dem Team in der Saisonvorbereitung, was das sein könnte, welche neuen Herausforderungen die Mannschaft für sich setzen kann? Auch individuelle Ziele der Spieler sollten sorgfältig durchgesprochen werden. Je individueller und zielführender ein einzelner Akteur an sich arbeitet, desto besser spielt die ganze Truppe (Schliermann & Hülß, 2008). Mehr dazu können Sie zum Beispiel im Artikel von meinem Kollegen Dr. René Paasch lesen.

Zum Text von René Paasch

  • Eigenes Können mitnehmen.

Es geht darum, das Selbstvertrauen sowohl der einzelnen Spieler als auch der Mannschaft aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit und durch die Alltagsroutine werden oft eigene Stärken vergessen. Und das sind die Aufgaben des Trainers, sich selbst und den Spielern immer wieder bewusst zu machen, was die Mannschaft in der letzten Saison zum Titel geführt hat! Was macht das Team aus? Was kann jeder einzelner gut? (Baumann,2008).

In diesem Sinne, eine gute Saisonvorbereitung!

Und darüber hinaus freue ich mich auf Ihr persönliches Feedback: Zum Profil von Elvina Abdullaeva

Quellen

Baumann, S. (2008). Mannschaftspsychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.).Aachen: Meyer & Meyer
Schliermann, R. & Hülß, H. (2008). Mentaltraining im Fußball. Hamburg: Czwalina

Views: 567

Thorsten Loch: 11 Freunde müsste ihr sein 2.0

Nach der Saison ist bekanntlich vor der Saison. Während sich die Spieler unmittelbar nach der langen Spielzeit in den Urlaub verabschiedet haben, laufen die Motoren im Management- und Trainerbereich auf Hochtouren. Die zurückliegende Saison wird bis auf die kleinsten Details zerlegt, um diese zu analysieren und reflektieren. Wo waren die Stärken und wo lagen die Schwächen? Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen allen voran die Schwächen. Insbesondere geht es hier um die Fragen, ob diese „Lücken“ aus den eigenen Reihen adäquat geschlossen werden können oder ob man sich auf dem Transfermarkt umschauen und ggf. tätig werden muss. Die Sportpsychologie, ohne dass dies von der Mehrheit der Bundesliga-Vereine genutzt wird, liefert dazu spannende und durchaus praktikable Werkzeuge.  

Zu Thema: Welche Entscheidungskriterien können zusätzlich bei der Urteilsfindung für eine Verpflichtung zu Rate gezogen werden, neben den üblichen „Verdächtigen“ (Physoiologie, spieltaktische Daten, Position, usw.)?

Während des jährlichen Saisonrückblick-Schmökerns eines großen Sportmagazins drängte sich mir die Frage auf, wie machen dies bzw. worauf achten die so genannten „Ausbildungsvereine“ wie Mainz 05 oder der SC Freiburg? Ausdrücklich der Letzt genannte Verein um Cheftrainer Christian Streich blieb bei mir hängen. Jahr für Jahr wechseln die spielstärksten Spieler – aktuelles Beispiel: Maximilian Philipp zum BVB – zu finanzstärkeren Vereinen und stellen die Verantwortlichen des Sportclubs immer wieder vor die Herausforderung, einen schlagkräftigen Kader für die kommende Spielzeit zusammenzustellen. Und das alles unter dem Gesichtspunkt, dass der Etat im Vergleich zu anderen Vereinen eher gering einzustufen ist, gelingt es den Breisgauern dennoch hin und wieder, die Großen zu ärgern und attraktiven Fussball zu spielen. Hier spielen sicherlich viele Faktoren ineinander, jedoch drängt sich einer in den Vordergrund, welcher selbst einem nicht ausgewiesenen Experten ins Auge fällt. Die Mannschaft tritt geschlossen als Team auf. Dies ist sicherlich auch dem Führungsstil eines Christian Streichs geschuldet, jedoch soll der Führungsstil von Streich nicht Inhalt dieses Beitrages sein. In diesem soll vielmehr die Tatsache beleuchtet werden, warum es der Mannschaft des SC Freiburg augenscheinlich besser gelingt als Team – in guten wie in schlechten Zeiten –  aufzutreten als andere.

Teamrollen nach Belbin

In den 70er Jahren untersuchte der Engländer Meredith Belbin die Auswirkungen der Teamzusammensetzung aus verschiedenen Persönlichkeitstypen auf die Teamleistung. Basierend auf der Annahme, dass das Persönlichkeitsprofil eines Menschen auf unterschiedlich stark ausgeprägten Eigenschaften beruht, analysierte Belbin Teams aus Kursteilnehmern am Henley Management College. Hierbei identifizierte er acht verschiedene Teamrollen, welche sich aus den Ergebnissen der Verhaltensmuster ergaben. Im Jahr 1981 in einem Modell (siehe Tabelle 1) zusammengefasst, ergänzte Belbin später wiederum dieses um eine weitere Rolle, nämlich die des Spezialisten. Nach der Auffassung Belbins arbeiten Teams dann effektiv, wenn sie aus einer Vielzahl heterogener Persönlichkeits- und Rollentypen bestehen, wobei er in seiner Gliederung drei Hauptorientierungen unterscheidet, welche erneut jeweils drei der neun Teamrollen umfassen:

·         Handlungsorinentierte Rollen: Macher (Shaper), Umsetzer (Implementer), Perfektionist (Competenter, Finisher)

·         Kommunikationsorinentierte Rollen: Koordinator/Interator (Co-ordinator), Teamarbeiter/Mitspieler (Teamworker), Wegbereiter/Weichensteller (Resource Investigator)

·         Wissensorientierte Rollen: Erfinder (Plant), Beobachter (Monitor Evaluator), Spezialist (Specialist)

Durch die Einwirkung verschiedener und sich gegenseitig beeinflussender Faktoren entwickeln sich die Menschen unterschiedlich, wodurch sie gewissen Charakteristika des Persönlichkeitsprofils und somit auch das Rollenverhalten in Teams herausbildet. Jeder Mensch verfügt somit über bestimmte Stärken und Schwächen. Mittels eines Fragenkatalogs zur Selbsteinschätzung und Beurteilung durch Außenstehende lassen sich die Teamrollenprofile bestimmen.

Fazit

Es ist eine wage Vermutung: Aber ich glaube, dass nur bei wenigen Bundesliga-Clubs bewusst die Persönlichkeitsprofile der potentiellen Neuverpflichtungen überprüft werden, bevor die Transfers über die Bühne gehen. Das Modell von Belbin steht in diesem Zusammenhang nur stellvertretend für einige relevante Optionen mehr, welche die Sportpsychologie bietet. Gleichermaßen möchte ich jedoch betonen, dass die Entscheidungsfindung nicht ausschließlich auf psychologische Tests beruhen sollte. Vielmehr soll dies eine Ergänzung  bzw. ein zusätzliches Puzzelstück des Gesamtbildes darstellen, welches sich lohnt mit einzubeziehen. Auch lässt Belbin offen, inwieweit eine optimale Teambesetzung in einer Fussballmannschaft aussieht. Diese scheint jedoch, egal ob bewusst oder unbewusst, den Verantwortlichen des SC Freiburgs häufig gut zu gelingen. Wir dürfen also gespannt sein, ob es Streich und Co. gelingt das Kunststück Europa League aus dem letzten Jahr zu wiederholen. Wir können jedoch davon ausgehen, dass sie diese große Herausforderung gemeinsam als Team in Angriff nehmen.

 

Teamrollen im Überblick

Teamrollen

Rollenbeitrag

Charakteristika

Zulässige Schwäche

Erfinder Bringt neue Ideen ein Unorthodoxes Denken Oft gedankenverloren
Wegbereiter/Weichensteller Entwickelt Kontakte Kommunikativ,

extrovertiert

Oft zu optimistisch
Koordinator/Integrator Fördert

Entscheidungsprozesse

Selbstsicher,

vertrauensvoll

Kann als manipulierend

Empfunden werden

Macher Hat Mut, Hindernisse

Zu überwinden

Dynamisch, arbeitet

Gut unter Druck

Ungeduldig, neigt

Zu Provokation

Beobachter Untersucht Vorschläge

Auf Machbarkeit

Nüchtern, strategisch, kritisch Mangelnde

Fähigkeit zur

Inspiration

Teamarbeiter/Mitspieler Verbessert Kommunikation, baut Reibungsverluste ab Kooperativ, diplomatisch Unentschlossen in kritischen Situationen
Umsetzer Setzt Pläne in die Tat um Diszipliniert, verlässlich, effektiv Unflexibel
Perfektionist Vermeidet Fehler, stellt optimale Ergebnisse sicher Gewissenhaft, pünktlich Überängstlich, delegiert ungern
Spezialist Liefert Fachwissen und Informationen Selbstbezogen, engagiert, Fachwissen zählt Verliert sich oft in Details

 

Thorsten Loch: Der Neue im Team

Views: 474

Dr. René Paasch: Rüdiger und der Hass

Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger ist mehrmals Opfer rassistischer Beleidigungen geworden. Im Umfeld des Confed Cups spricht er sehr offen darüber. Rüdiger: „Der Schiri sollte den Stadionsprecher darauf ansprechen, dass das passiert. Dann ist eine Verwarnung angemessen. Und wenn es danach immer noch nicht eingehalten wird, finde ich es gut, wenn ein Spiel abgebrochen wird“. Dass wäre das eine – aber wie können Spieler lernen, mit Schmähungen, Beleidigungen bis hin zu Hass umzugehen?

Zum Thema: Wie gehe ich mit rassistischen Beleidigungen um?

Spieler können Sie sich gegen Diffamierungen schützen. Ein Schlüssel ist die Art und Weise, wie Sportler Informationen wahrnehmen, interpretieren und bewerten. Dies beeinflusst ihre Gefühle und ihr Handeln. Kognitive Prozesse umfassen Erinnerung, Lernen, Planen, Organisieren, Imagination, Hypothesen, Antizipationen und Grundhaltungen. Sie können bewusst oder unbewusst ablaufen. Wie sie verlaufen, ist von der persönlichen Konstitution und den Erfahrungen geprägt. Viele Sportler lernen fälschlicherweise schon sehr früh, negative Filter, zum Beispiel bei Konflikten oder schlechten Spielen, anzuwenden und dabei das Positive auszublenden. Ein großer Teil dieser gefilterten Wahrnehmungen vollzieht sich auf einer unbewussten Ebene in Form automatischer Gedanken. Sie können zu kognitiven Verzerrungen oder dysfunktionalen Überzeugungen führen. Hier setzt die kognitive Umstrukturierung ein. Sie zielt darauf ab, belastende Denkmuster aufzudecken und umzustrukturieren. Nur wenn sich der einzelne Sportler über seine Gedankenmuster und deren Auswirkungen bewusst ist, kann er gezielt entgegensteuern.

Das Selbstkonzept und die persönliche Welt des Sportlers werden als bedeutender Einflussfaktor auf sein Verstehen, Verhalten und seine Gefühlswelt verstanden. Die kognitive Umstrukturierung konzentriert sich dabei auf gegenwärtige Probleme und bietet problembezogene Lösungsansätze, wie beispielsweise die Rational-Emotive Therapie von Ellis. Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen Bewertungen und Bewertungsmuster, insbesondere die irrationalen Bewertungsmuster. Auf Ellis (1993) geht das ABC-Modell zurück:

A (Activating event/experiences) – auslösendes Ereignis, das ein äußeres Ereignis sein kann, wie die rassistischen Beleidigungen gegenüber Antonio Rüdiger

B (Beliefs) – Bewertung in Form eines irrationalen Denkmusters, „Meine Hautfarbe führt zu dauerhaften Beleidigungen in den Stadien.“

C (Consequences) – Konsequenz in Form negativer Gefühle, wie Trauer, Niedergeschlagenheit, Wut und schlechte Leistungen.

Die Bedeutung der Bewertung

Anschließend nutzen Sie die Erweiterung des ABC-Schemas, indem Sie die Bewertung als Zwischenschritt nutzen. Würde ein auslösendes Ereignis gleich zu Gefühlen und Verhalten führen, wären Einflussnahmen kaum möglich, da es sich um eine reflexartige Abfolge handeln würde. Der Einschub der Bewertung, die erst der Auslöser für die Emotionen und das Handeln ist, ermöglicht eine Einflussnahme auf die Bewertung. Sie kann aktiv verändert werden und so eine kognitive Umstrukturierung herbeiführen. Das ABC-Modell verläuft nicht nur linear, sondern in einer selbstverstärkenden Schleife. Angewandte Filter in der Bewertungsphase werden in folgenden ähnlichen Situationen wieder oder gar in verschärfter Form verwendet. Deshalb hat Ellis seinem Modell die Interventionspunkte D (Dispute) und E (Effect) hinzugefügt.

  • D steht für das Hinterfragen der Bewertung und E für das Erleben neuer positiver Erfahrungen. Wenn sich der Sportler einer ungünstigen Bewertung (B) bewusst wird, kann er sie hinterfragen (D) und neue Erfahrungen (E) machen.

Als konkrete Methode wird der Sokratische Dialog genutzt. In einer offenen Gesprächsführung werden die Annahmen des Sportlers auf ihre Logik und ihren Realitätsbezug hinterfragt – mit dem Ziel, einen Perspektivwechsel und die Selbsterkenntnis des Sportlers zu fördern.

Fazit

Im Fußball gibt es die grundlegende Überzeugung, dass für Diskriminierung, Hass und Beleidigungen kein Platz ist. Die internationalen und nationalen Verbände kommunizieren dies gern kampagnenartig oder auch in konkreten Maßnahmen. Auf Ebene der Individuen, also der Spieler, Trainer und Funktionäre im Verein, muss anders agiert werden. Hier können nicht zuletzt Sportpsychologen helfen, denen Methoden wie unter anderem die Rational-Emotive Therapie nach Ellis vertraut sind, um speziell und zielgerichtet auf den Einzelfall zu reagieren. Wichtig ist, dass das Bewusstsein im Fußball wächst, dass auch diese ganz kleinen Schrauben gibt, an denen gedreht werden kann. Relevant sind solche Methoden ja nicht nur im Fall von rassistischen Beleidigungen, wie sie Antonio Rüdiger erlebt hat. Denken wir nur an seinen Nationalmannschaftskollegen Timo Werner von RB Leipzig, der nach seiner Schwalbe gegen Schalke 04 im vergangenen Jahr selbst im Trikot mit den vier Sternen kürzlich ausgepfiffen wurde.

 

Literatur

Achilles. /Pilz, G.A.:  Zum Umgang mit rechten Tendenzen im Fußball-Fan-Umfeld von Hannover 96. Ergebnisse der Interdisziplinären Arbeitsgruppe zur Bekämpfung rechter Umtriebe im Fußballbereich. In: Dembrowski, G./ Scheidle, J. (Hrsg.): Tatort Stadion . Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002; 195-211

Ellis, A. (1993): Grundlagen der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Pfeiffer, München 1993.

Lamprecht, M., Stamm, H. (2002): Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz. Zürich, 2002

Räthzel, N. ( 2000) : Theorien über Rassismus. Hamburg – Berlin.  

Özaydin, C. & Aumeier, H. (2008). Rechtsextremismus und Ausgrenzungserfahrungen aus der Sicht des Vereins Türkiyemspor Berlin e. V. In M. Glaser & G. Elverich (Hrsg.), Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fußball. Erfahrungen und Perspektiven der Prävention (S. 110-123). Leipzig: Omniphon GmbH Leipzig.

Views: 935

Dr. Michele Ufer: Spitzenleistung bei Hitze

Im Juni 2014 schaute fast die ganze Welt nach Südamerika, denn in Brasilien fand die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Die Spieler, deren Trainer und Betreuer sowie die Medien hatten aufgrund der mitunter großen Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit bereits im Vorfeld intensiv über den Umgang mit den äußerst schwierigen klimatischen Bedingungen diskutiert. Aber es geht noch knackiger. Zeitgleich und größtenteils unter Ausschluss der öffentlichen Wahrnehmung ging in der Nähe eine kleine Gruppe von Sportlern im Amazonas-Regenwald an den Start eines extremen Wettkampfes. Beim Jungle Ultra, einem sechstägigen Ultramarathon-Rennen über eine Strecke von 250 Kilometer, mussten die Athleten nicht nur schwierigstes Gelände laufend, kletternd und schwimmend bewältigen, sondern dabei auch noch ihre komplette Ausrüstung von rund zehn Kilogramm während des Rennens selbst transportieren. Nach den täglichen Etappen von bis zu 80 Kilometern wurde unter freiem Himmel in Hängematten übernachtet, bevor es am nächsten Tag bei rund 40°C und 100% Luftfeuchtigkeit weiterging. Jeder dieser Läufer absolvierte an einem einzigen langen Wettkampftag fast so viele Kilometer wie eine komplette Fußballmannschaft zusammen. Während die Fußballer bei den Spielen und in den Pausen quasi rund um die Uhr gepflegt und versorgt wurden, sah das bei den Läufern gänzlich anders aus. Externe Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Herausforderung gab es so gut wie keine und über die Hitze hatte sich kaum jemand beklagt.

Zum Thema: Was können “normale Sportler” von Extremsportlern über den Umgang mit großer Hitze lernen?

Wir alle wissen und erleben immer wieder, dass Menschen auf identische situative Anforderungen oftmals völlig unterschiedlich reagieren. Aus diesem Grund unterscheiden wir zwischen Belastung und Beanspruchung. Unter Belastung ist die situative Herausforderung zu verstehen, die objektiv für alle gleich ist (zum Beispiel der Wettkampf bei 40°C). Unter Beanspruchung verstehen wir die individuellen physiologischen, biochemischen und psychologischen Reaktionen eines Menschen auf die konkrete äußere Belastung.

Die Kreislauf-, Atmungs-, Thermoregulation sowie der Muskelstoffwechsel hängen natürlich einerseits vom Trainings- und andererseits vom Gesundheitszustand ab. Sie können sich bei gleicher Belastung und gleichem Trainingszustand dennoch erheblich unterscheiden und zu individuell unterschiedlichen Beanspruchungen führen. Unstrittig ist, dass die Beanspruchung untrennbar mit mentalen und emotionalen Faktoren verbunden ist. Nervosität und Angst führen z. B. immer auch zu einem Anstieg der Herzfrequenz, verringerter Atemtiefe, vermehrten Schweißproduktion, verändertem Muskeltonus.

Aber gilt das auch für die Thermoregulation, das Temperaturempfinden, und können wir diese womöglich sogar gezielt steuern?

Temperaturregulation steuern: von Extremsportlern lernen

Kennst du den Eismann? Ich meine jetzt weder den Italiener um die Ecke, wo du dir im Sommer zur Erfrischung ein leckeres Spaghetti-Eis gönnst, noch diesen Tiefkühlkost-Lieferanten, sondern den Extremsportler Wim Hof. Dieser ist fähig, durch den Einsatz von Konzentrations- bzw. Meditationstechniken seine Körpertemperatur auch unter extremen Bedingungen zu kontrollieren. Er entwickelt eine schier unvorstellbare Ausdauer zum Verweilen in lebensfeindlicher Kälte und schafft Dinge, die normalerweise für den Menschen innerhalb kürzester Zeit den Tod bedeuten würden. Er taucht zum Beispiel im arktischen Winter nackt eine Strecke von 80 m unter einer Eisscholle her oder hält es über eine Stunde lang gefangen in einem großen Eiswürfel aus.

Eine Untersuchung an der Universität von Minnesota hat ergeben, dass Wim Hof über keine besonderen körperlichen Voraussetzungen verfügt. Seine außergewöhnlichen Leistungen sind auf eine besondere Konzentrationstechnik zurückzuführen: dem sogenannten Tummo. Es handelt sich hierbei um eine buddhistische Meditationspraxis, die die kontrollierte Erhöhung der Körpertemperatur zum Ziel hat, um bewusst Energie von innen nach außen zu lenken und dadurch negative Gedanken, Stressoren etc. durch „Verbrennen“ zu tilgen. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen die temperaturregulativen Effekte des Tummo und erklären dies damit, dass die Praktiker gelernt haben, innere Körpervorgänge besser wahrzunehmen und dann gezielt zu beeinflussen (Benson et al., 1982; Lutz et al., 2007). Geht das auch in die andere Richtung?

Der Wüstenläufer: mentales Abkühlen

Wenn es möglich ist, durch die Lenkung der Aufmerksamkeit die Körpertemperatur zu erhöhen, dann sollte auch die umgekehrte Richtung funktionieren: bei großer Hitze für mehr Frische im Körper zu sorgen. Genau das war eines der Ziele, die ich selbst im Rahmen der mentalen Vorbereitung auf diverse Ultramarathons in der Wüste bei bis zu 54°C verfolgt hatte.

Exkurs: Zitronenexperiment! Du kennst wahrscheinlich das berühmte Zitronenexperiment. Stell dir möglichst intensiv vor, wie du eine frische, geschälte Zitrone in der Hand hältst, wie du sie bereits riechst. Und dann stelle dir vor, wie sich deine Hand mit der Zitrone Richtung Mund bewegt und du beherzt in die Zitrone beißt, sich die Zähne tief ins Fruchtfleisch bohren. Sehr wahrscheinlich führt diese Vorstellung auch bei dir zu unmittelbaren körperlichen Reaktionen. Bei dem einen verzieht sich das Gesicht, beim anderen wird der Speichelfluss angeregt, etc. Diese Wirkung innerer Bilder auf den Körper können wir im Rahmen mentaler Trainingsprogramme gezielt nutzen, um Herausforderungen besser zu bewältigen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Some like it HOT – Ausdauertraining inkl. Vortrag in der Sauna from Michele Ufer on Vimeo.

Wenn man stundenlang durch die Wüstensonne laufen muss, kann die Temperaturregulation zu einem entscheidenden Puzzle-Teil bei der Leistungsoptimierung werden. Aus diesem Grund habe ich vor und während meiner Wettkämpfe u.a. mit inneren Bildern und damit verbundenen Gefühlen gearbeitet, die helfen, das Temperaturempfinden zieldienlich zu kontrollieren. Das intensive Hineinversetzen in bestimmte Vorstellungen von Frische oder Kälte schafft dann trotz äußerer Hitze (Belastung) in den anvisierten Körperregionen, z.B. in den Füßen und Beinen, die entsprechende Reaktion bzw. Wahrnehmung (Beanspruchung). Das kann zum Beispiel die Vorstellung von einem Eisbecken sein, durch das ich watsche. Wie das genau funktionieren kann, habe ich in meinem Buch Mentaltraining für Läufer. Weil Laufen auch Kopfsache ist erläutert. Die dort vorgestellten Strategien haben sich über den reinen Laufsport hinaus in anderen Sportarten und selbst im beruflichen Kontext außerhalb des Sports bewährt.

Fußballer brauchen Konzentrationsroutinen

Nun können Fußballer nicht über den Platz rennen und während des Spiels intensiv an irgendwelche erfrischenden Bilder denken. Das würde zu sehr ablenken. Aber es ist möglich, im Vorfeld Konzentrationsroutinen und Visualisierungen zu entwickeln und den Athleten so zu konditionieren, dass die Aktivierung der regulativen Prozesse und Gefühle von Frische von allein, d.h. wie auf Autopilot stattfindet. Das kann man lernen. Es ist eine Frage des Trainings, des mentalen Trainings.

Ziemlich spooky? Nein! Die Immunisierung gegen die Umgebungstemperatur ist kein heißer Geheimtipp, sondern eine Jahrtausende alte Kulturtechnik. Der typische Deutsche jammert ja gern, meistens ist ihm zu heiß oder zu kalt. Und mir scheint, das gilt auch für die Sport-treibende Zunft. Ab jetzt gibt es aber keinen Grund mehr zu Jammern: wie wir gesehen haben, hast du es selbst in der Hand. Mach das Beste draus.

 

Hinweis in eigener Sache: Dr. Michele Ufer veröffentlicht am 17. Juli 2017 sein neues Buch: „Flow-Jäger. Motivation, Erfolg und Zufriedenheit beim Laufen“. Hier geht es zur Vorbestellung. 

„Nur die ersten Kilometer läuft der Körper“

 

Literatur

Benson, H., Lehmann, J. W.,Malhotra, M. S., Goldman, R. F.; Hopkins, J.& Epstein, M. D.:Body temperature changes during the practice of Tummo yoga. Letter to Nature Magazine, 21 January 1982. Nature, 295, 234-236

Ufer. M. (2016). Mentaltraining für Läufer. Weil Laufen auch Kopfsache ist. Aachen: Meyer & Meyer (hier zur Online-Bestellung)

Views: 291

Cristina Baldasarre: My way…

Die Individualität der Anliegen und der Menschen, die mit ihren Leiden und Wünschen zu mir kommen, bestimmen zu einem grossen Teil die Vorgehensweise meiner Arbeit. Nach genauer Auftragsklärung schöpfe ich aus all meinen „Wissens-Schubladen“ gleichermassen. So wende ich nicht selten eine sportpsychologische Methode in einer Psychotherapiestunde an oder umgekehrt. Methoden- und schulenübergreifend zu Arbeiten, das finde ich sehr befriedigend und für die Klienten ist das eine grosse Bereicherung und Horizonterweiterung. Oft stelle ich auch fest, dass die Schwelle, sich sportpsychologische Unterstützung zu holen viel tiefer liegt als diejenige um zum Psychotherapeuten zu gehen. Wieso also das nicht nutzbringend einsetzen?

Zum Thema: Einsatz von Materialien in der Beratung

Ich bin seit jeher Jägerin und Sammlerin. Und somit ständig auf der Suche nach neuem Material für meine Beratungsstunden. Mein Blick schärft sich immer dann, wenn ich ein Krimskramsgeschäft oder Bastelladen betrete, auf dem Flohmarkt bin oder durch Kinderspielzeugabteilungen streife. Stets auf der Suche nach Hilfsmitteln, welche meine Beratungen und Therapien sinnvoll ergänzen und unterstützen. Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Arbeit und Interventionen durch den Einsatz von Therapiematerial an Kraft gewinnen. Als ich im Jahr 2005 auf einem Kongress in Heidelberg die Arbeiten von Danie Beaulieu kennen lernen durfte, bestärkten mich diese zusätzlich auf meinem eingeschlagenen Weg. Ihr Buch Impact Techniken gehört meiner Meinung nach in jedes Büchergestell. Die teilweise erschreckend erfrischenden, einfachen Hilfsmittel sind schlicht super!

Sportpsychologische Modelle und Techniken, das ist my way.
Psychotherapeutische Modelle und Techniken, auch das ist my way.
Die Integration beider Ansätze, das ist definitiv my way!

Das dahinter liegende Modell leuchtet ein: Je eindrücklicher ein neuer Gedanke vermittelt wird, umso besser ist dessen Verankerung im Gedächtnis – und umso deutlicher die Spur, die derselbe dort hinterlässt. Beaulieu setzt deshalb auf das Prinzip des multisensorischen Lernens, bei dem alle Sinneskanäle mobilisiert werden können: auditiv, visuell, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch (VAKOG). Dadurch wird direkt unser intuitives Wissen angesteuert, welches im Körper steckt: in Bildern und Körperempfindungen. Diese Art von Informationsverarbeitung findet in Bruchteilen von Sekunden statt und arbeitet viel schneller als beispielsweise Gesprächstechniken, die auf unsere Kognitionen abzielen. Umgangssprachlich finden wir dieses Prinzip in Äusserungen wie „…den kann ich nicht riechen…“ oder „….der Schreck blieb mir im Halse stecken …“ etc. wieder.

Werkzeuge ohne Ende

Wir wissen, dass unser Gedächtnis direkt mit unseren Gefühlen gekoppelt ist. Dies kann dahingehend genutzt werden, als dass durch den Einsatz von Bildern, Gegenständen aber auch Gerüchen die dazugehörigen Emotionen ausgelöst werden können. Beispielsweise genügt ein Siegerfoto, um das Glücksgefühl wieder zu spüren und die Bilder vor dem inneren Auge zu sehen. Oder man kann bei einer Person, die sehr negativ denkt und immer nur Probleme sieht, ein Feuerzeug anzünden und bei jeder negativen Bemerkung dieses sogleich auspusten…..immer und immer wieder. Irgendwann wird der Gegenüber dann fragen, was das eigentlich soll und nach einer kurzen Erläuterung dann intuitiv auch verstehen, dass so viele negative Bemerkungen zu keinem Ziel führen.

In meiner Arbeit mit Athleten wende ich Ideen und Material aus allen möglichen Bereichen an, passe sie meiner Arbeitsweise und vor allem den Situationen und Themen meiner Athleten an und habe so über die Jahre hinweg eine vielfältige Menge an Dingen gesammelt. Würde ich eine Hit-Liste dessen erstellen, dann kämen die einfachsten Hilfsmittel zuoberst zu stehen:

diverse Post it’s in allen Farben, Formen & Grössen
kleine Notizhefte
Stickers aller Art
Farb- und Filzstifte
Bilderbücher
Postkarten & Comics
Schnüre & Elastik
kleine Schachteln & Bilderrahmen
Bälle
Figuren
Tiere & Gegenstände
Tassen & Gläser etc.

Mit der Kraft des magischen Denkens

Vor allem bei meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen empfinde ich solche vielfältigen Hilfsmittel als sehr hilfreich und bereichernd. Denn Kinder denken in Bildern, Geschichten und das „magische Denken“ funktioniert noch super. Es macht mir auch einfach mehr Spass, mit solchen spielerischen Interventionen zu arbeiten – und meiner Meinung nach machen sie einen grossen Anteil am positiven Ausgang einer Beratung aus. Einerseits weil der Beziehungsaufbau leichter und spielerisch vonstatten geht. Andererseits aber auch, weil wir ja nun wissen, dass Bilder in unserem Gehirn deutlich besser hängen bleiben als Worte. So nutzt auch die Eriksonsche Hypnotherapie dieses Wissen und arbeitet mit inneren Bildern, Vorstellungen und Gefühlen. Die Aufmerksamkeit wird dadurch gebunden und auf den Körper und sein Innenleben gerichtet. Die gemeinsame (Bilder-)Sprache, die sich zwischen meinem Sportler und mir entwickelt, erweist sich für unseren Beziehungsaufbau als sehr zentral.

Ein Beispiel als Erläuterung: Eine 12-jährige, sehr talentierte Skirennfahrerin berichtet nach einer Bänderverletzung am Fussgelenk über Blockaden während der Rennen. Der Unfall hatte sich nicht auf dem Schnee ereignet – trotzdem hatte er seinen Einfluss auf die Leistung. Sie bringe ihr Tempo einfach nicht mehr und fahre mit angehaltener Bremse, sagte sie. Wow, was für ein perfektes Bild zur Beschreibung ihrer Situation! Wir haben daran gearbeitet, welches Bild ihr anstatt der angezogenen Bremse denn besser entsprechen würde, stimmiger wäre und ihr das Gefühl vermittle, welches sie beim Skifahren haben wollte. Sie konnte sich gut in dieses „Bilder-Gefühls-Spiel“ einlassen und formulierte Begriffe wie auf Schienen, locker, gedankenlos, stark und gleichzeitig wendig, hin und her, Spass, Weitblick etc. Solche Äusserungen laden förmlich zu einer kleinen Trancereise ein. So machten wir uns auf die Suche nach einem gesamthaften Bild, in welchem sich all ihre „guten“ Gefühle vereinen liessen. Es dauerte nicht sehr lange und sie fand sich auf einer Blumenwiese wieder, auf einem Feldweg stehend. Inmitten farbiger Frühlingsblumen und mit viel Fernsicht. Hier fühlte sie sich vollkommen locker. Die Sonne und den Wind spürend spazierte sie völlig frei, glücklich und gedankenlos über diese Wiese. Dieses neu entstandene leistungsfördernde Gefühl hat sie dann an einem für die passenden Ort in ihrem Kopf verstaut, wo sie jederzeit wieder darauf zugreifen konnte. Wer will kann dieses Vorgehen noch mit einem Anker verstärken, wie z.B. das Halten des linken Handgelenks mit der rechten Hand.

Bild als Impulsgeber

Nachdem das Bild entstanden war, forderte ich sie auf, es auf irgendeine Weise zu verbildlichen. Dabei gebe ich stets unterschiedliche Möglichkeiten vor und die Athletin sucht sich eine davon aus: Beispielsweise ein gemaltes Bild, ein inneres Bild als Repräsentation eines Gefühls, eine passende Tierfigur aus meiner Sammlung oder auch ein positiver Satz, der in den passenden Farben geschrieben wird. Ein Bild kann dadurch einen ganzen Prozess in Gang bringen und gehört darum für mich immer mit in die Toolkiste, wenn es um mentale Stärke geht.

Beaulieu, D. (2005). Impact-Techniken für die Psychotherapie. Carl Auer: Heidelberg.

Views: 3087