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Andreas Meyer: Sinnvolle Diagnostik

Um mehr über den Athleten oder sich selbst heraus zu bekommen und daraufhin die richtigen Ziele setzen zu können, eignen sich nicht zuletzt Fragebögen aus dem Bereich der Sportpsychologie. In meinem abschließenden Beitrag zur Serie “Zielsetzung und Motivation” schaue ich zwei ausgewählte Tests genauer an, die jedem Sportler wertvolle Informationen liefern.

Zum Thema: Zielsetzung und Motivation im Sport (Teil 5)

SOQ (Sport Orientation Questionnaire):

Der SOQ erfasst die Orientierung der Bewertung des Befragten. Unterschieden werden Wettkampforientierung, Gewinnorientierung oder Zielorientierung. Betrachtet man diese Eigenschaften, so erkennt man einige Gemeinsamkeiten zu den verschiedenen Zielarten Ergebnisziele, Leistungsziele und Handlungs-bzw. Prozessziele.

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Ist ein Sportler sehr wettkampforientiert, so geht es hauptsächlich um den Spaß am gegenseitigen messen mit anderen Sportlern. Es steht bei ihm nicht im Vordergrund, ob er gewinnt oder verliert, sondern er liebt die Wettkampfsituation mit allem was dazugehört.

Atmosphäre oder Erfolge als Motivationsgeber

Dieser Athlet wird wenig Probleme mit der Attribution von Ergebnissen zu tun haben, wird sich aber auch keine großen Ziele setzen, da es ihm kaum um die Leistung geht, sondern er vielmehr die Situation und Atmosphäre des Wettkampfes genießt. Er ist in Wettkampfsituationen immer motiviert, wenn nicht, geht er nicht hin.

Der gewinnorientierte Sportler setzt sich gerne Ergebnisziele. Er will andere Sportler im Wettkampf schlagen und sich hierdurch Anerkennung verschaffen und seinen Selbstwert aufbauen. Erzielt er allerdings ein schlechtes Ergebnis und wird zum Beispiel „nur Vierter“, sieht er keinerlei Erfolg in seinem Auftreten. Auch dann nicht, wenn er für sich selbst eine tolle Leistung erbracht hat und die vorderen drei „unschlagbar“ waren.

Der Weg als Ziel

Im Gegensatz dazu können zielorientierte Athleten auch einen verlorenen Wettkampf als durchaus positiv bewerten, da sie ihren persönlichen Erfolg von ihrer erbrachten Leistung abhängig machen. Haben sie verloren und sind trotzdem eine tolle Zeit gelaufen, zählt das für sie mehr als der verpasste Sieg. Konnten sie das Fussballspiel nicht gewinnen, aber haben eine tolle Zweikampfstatistik erzielt, so verkraften sie auch die Niederlage im Spiel und fokussieren sich auf den persönlichen Fortschritt beim Zweikampf. Zielorientierte Sportler setzen sich als Ziele eher Leistungsziele, oder Prozess- und Handlungsziele und profitieren davon, dass sie das Ergebnis stark mit beeinflussen können (im Gegensatz zum gewinnorientierten Sportler).

Wenn man über das Wissen verfügt, welcher Orientierung man hauptsächlich nachgeht, so kann man bewusst die Art der Ziele anpassen. Einem gewinnorientierten Sportler kann es helfen, Leistungsziele zu setzen und hierdurch auch den ein oder anderen Sieg einzufahren. Bleibt der gewinnorientierte Athlet allerdings bei seinen Ergebniszielen halst er sich selbst sehr starken Druck auf, wenn er seine Ziele nicht erreicht.

AMS (Achievement Motives Scale):

Durch den AMS kann man erheben, welche Motive den Sportler hauptsächlich zu seiner Leistungserbringung antreiben. Der Fragebogen differenziert in zwei Gruppen „Hoffnung auf Erfolg“ und „Furcht vor Misserfolg“.

Der Sportler, der einen Misserfolg fürchtet, wird seine Ziele eher sehr gering setzen, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Erreichbarkeit. Er wird aus Selbstschutz eher dazu neigen, Misserfolge extern zu attribuieren, da er seinen Selbstwert verteidigen will. Einen Fokus auf Handlungs- und Prozessziele wird ihm die stärkste Möglichkeit geben, einen Erfolg zu erzielen, sodass er wenig gewinnorientiert ist und Ergebnisziele vermeidet, bei denen es um alles oder nichts geht. Der misserfolgsängstliche Sportler hat Angst durch Versagen Scham zu erleben, Anerkennung oder Liebe zu verlieren, oder seinen Selbstwert zu erniedrigen. Bei schwierigen sportlichen Anforderungen wirkt er wie versteinert, wenig flexibel und gedankenverloren. Für ihn kann es sehr hilfreich sein, durch das bewusste Setzen von Leistungszielen den Fokus auf die eigene zu erbringende Leistung zu legen. Außerdem wird es ihm helfen, sich mit der Attribuierung seiner Erfolge und Misserfolge auseinanderzusetzen und diese zu korrigieren.

Mit positivem Blick auf den Wettkampf

Sportler mit dem Motiv „Hoffnung auf Erfolg“ gehen generell positiver in Wettkampfsituationen. Sie sind zuversichtlich und ungehemmt. Ihre Gedanken sind auf das positive im Wettkampf gerichtet, denn sie wissen „heute geht was“. Die sportliche Leistungserbringung wird als Herausforderung gesehen. Bei dieser Motivation ist die Zielsetzungsfrage meist nicht allzu schwer zu formulieren. Die Ziele können relativ hoch angesiedelt werden, denn der Sportler lässt sich hierdurch nicht aus der Ruhe bringen, sondern er liebt die Herausforderung. Auch Ergebnisziele sind für diesen Sportler kein Problem, wenn die Attribuierung stimmt. Meist wird er wahrscheinlich Erfolge intern und Versagen extern attribuieren.

Wie man sehen kann, gibt es viele Zahnräder und Schrauben an denen man arbeiten kann, um gewinnbringende Ziele für den Athleten aufzustellen. Schlecht gesetzte Ziele können den Athleten stark in seiner Leistungsausübung hemmen, gut durchdachte und strategisch gesetzte Ziele jedoch bergen für den Sportler extremes Potential. Gern stehen meine Kollegen von die-sportpsychologen und ich (direkt zum Profil von Andreas Meyer) bei solchen Fragen zur Verfügung.

 

Alle Texte der Blog-Serie von Andreas Meyer zum Thema Ziele:

Teil 1:

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Teil 2:

Andreas Meyer: Welches Ziel strebe ich an?

Teil 3:

Andreas Meyer: Ziele vs. Zeit

Teil 4:

Andreas Meyer: Richtig bewerten lernen

Zur Profilseite von Andreas Meyer:

Andreas Meyer

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Lena Tessmer: Der Körper als Problem

Es kursieren seit einiger Zeit Hashtags wie bodypositivity, strongnotskinny, bodyappreciation, selbstliebe, aber auch bodyshaming und iwanttobeskinny durch die sozialen Medien. Die Bodypositivity-Bewegung, die sich momentan über alle Altersklassen und Bildungsschichten hinweg medial ausbreitet zeigt wie umfassend das Thema ist und wie viel Kommunikations- und Informationsbedarf es hier zu geben scheint. Im Leistungssport – und besonders beim Nachwuchs – ist der Umgang mit dem eigenen Körper schon lange ein Thema. Wie so häufig wird dieses Thema eher mit Frauen und jungen Mädchen in Verbindung gebracht. Auch wenn über den Nachwuchsleistungssport geredet wird, sind es oftmals die Sportlerinnen, die mit körperlichen Problemen (wie z. B. Gewichtsprobleme, körperliches Unwohlsein bis hin zu Essstörungen) kämpfen. Aber auch für die Jungs spielt der Körper im Leistungssport eine große Rolle, weil er für alle Nachwuchsathleten gleichermaßen das wichtigste Gut zur Leistungserbringung ist.

Welche Rolle spielt das körperliche Wohlbefinden für einen jugendlichen Nachwuchssportler?

Die Frage mag rhetorisch klingen, ist sie im Grunde auch. Ist doch logisch, dass das körperliche Wohlbefinden im Leistungssport eine große Rolle spielt. Ganz einfach, oder? Nein, so einfach ist es dann doch nicht. Es fängt mit der Frage an, was genau körperliches Wohlbefinden eigentlich ist und wodurch es sich auszeichnet.

In der sportpsychologischen Forschung wird die Beziehung zum eigenen Körper häufig unter dem physischen Selbstkonzept zusammengefasst. Dieses physische Selbstkonzept wirkt auf das Selbstwertgefühl. Besonders im Jugendalter unterliegt die Einstellung zum eigenen Körper einem Veränderungsprozess, weil hormonelle Prozesse zu einer emotionalen Achterbahnfahrt führen und sichtbare körperliche Veränderungen eintreten. Dies hat zum einen unmittelbare Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Athleten und zum anderen bedarf es einer Auseinandersetzung und Akzeptanz mit dem neuen Erscheinungsbild. Das körperliche Wohlbefinden spielt also – mal mehr, mal weniger bewusst – eine große Rolle im sportlichen Leben der Nachwuchsathleten.   

Die Verkörperung – ein philosophischer Diskurs

Der Mensch ist Körper und der Mensch hat Körper. Körper haben und Körper sein hängen unmittelbar miteinander zusammen und können dennoch getrennt voneinander betrachtet und erlebt werden. Es ist möglich, sich als denkender Mensch von seinem Körper getrennt zu erleben. Oftmals handelt es sich hierbei nicht um einen aktiven Prozess, sondern beispielsweise eine Vermeidungsstrategie, wenn z.B. Stresssymptome (wie Kopfschmerzen oder Tinitus) nicht wahrgenommen werden. In vielen alltäglichen Situationen hat der Mensch einen Körper, ohne sich diesem ständig bewusst zu sein.

Ein Sportler ist sich seines Körpers und dessen Möglichkeiten und Grenzen in höherem zeitlichen Umfang bewusst, weil es in der sportlichen Betätigung zu einer aktiven Auseinandersetzung mit ihm kommt. Dieses Bewusst-Sein bezieht sich auf diverse körperliche Aspekte, wie z.B. die sportartenspezifische Leistungsfähigkeit, Verletzungen und das Erscheinungsbild. Die Beziehung zum eigenen Körper ist für einen Leistungssportler in all ihren Facetten allgegenwärtig.  

Können sportpsychologische Methoden zum Gleichgewicht von Körper und Psyche beitragen?

Es ist mittlerweile unumstritten, dass eine unmittelbare Beziehung von Körper und Geist besteht. Immer mehr Menschen – und Sportler – setzen sich mit mentaler Leistungssteigerung auseinander. Aber kann die mentale Ebene auch das körperliche Wohlbefinden beeinflussen? Was kann ein Sportler tun, wenn er mit seinem Körper, einzigen Körperteilen oder seinem körperlichen Erscheinungsbild unzufrieden ist?

Schon anhand der Fragen wird deutlich, wie facetten- und umfangreich dieses Thema ist. Im Rahmen eines sportpsychologischen Settings können Emotionen, die im Umgang mit dem eigenen Körper auftauchen, thematisiert werden. Schon allein dieses „Raum geben“ kann Erleichterung verschaffen. Darüber hinaus ist es besonders für Nachwuchsathleten wichtig, einen geschützten Rahmen zu haben, in dem ihre Emotionen, Ängste und Sorgen aufgehoben sind. Und gerade in der Phase der Pubertät ist das Körper-Thema ein sehr empfindliches. Sportpsychologische Methoden, wie z.B. die Möglichkeiten der Emotionsregulationen können dabei verhelfen Körper und Psyche wieder in Einklang zu bringen.  

 

Literatur:

Alfermann, D., Stiller, Jeannine & Würth, Sabine (2003). Das physische Selbstkonzept bei sportlich aktiven Jugendlichen in Abhängigkeit von sportlicher Leistungsentwicklung und Geschlecht. Zeitschrift für Sportpsychologie, 35 (3), S. 135-143.   

Shavelson, R.J., Hubner J.J. & Stanton, G.C. (1976). Self-Concept: Validation of Construct Interpretations. Review of Educational Research, 46 (3), S. 407-441.

Stiller, Jeannine & Alfermann, Dorothee (2005). Selbstkonzept im Sport. Zeitschrift für Sportpsychologie, 12 (4), S. 119-126.

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Thorsten Loch: Sexy wie ein Zahnarzt – warum Sportpsychologen in der Rehabilitation dennoch so wichtig sind

Aufgrund von einer Vielzahl von Blessuren und Verletzungen beendete Stefan Reinartz, der ehemalige Profi u.a. von Bayer Leverkusen, seine Karriere bereits mit 27 Jahren. In einem sehr interessanten Zeitungsinterview mit der Süddeutschen Zeitung schildert er seine Eindrücke von dem Geschäft Bundesliga und gibt zugleich einen Ausblick, was anders laufen müsste, auch im Hinblick auf den Umgang mit der Sportpsychologie.

Zum Thema: Wie Befürchtungen und Ängste den verletzten Sportler in der Rehabilitationsphase beflügeln aber auch behindern können.

„Wenn du verletzt bist, bist du nicht existent.“ Stefan Reinartz

Verletzungen bergen immer ein großes Maß an Risiko. Den genauen Heilungsverlauf zu prognostizieren vermag kein Arzt, geschweige ein Trainer, vorherzusagen. Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Der vermeintlich „normale“ Prozess über Arzt, Spieler und Trainer wird beschleunigt. Anstelle der Expertenmeinung eines Mediziners abzuwarten und Rücksprache mit dem Spieler zu halten, versuchen Trainer diese bereits frühzeitig auf ihre Seite zu ziehen, so Reinartz im bemerkenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung. Trainer setzen somit die Spieler unter Druck, was dazu führen kann, dass diese die Warnsignale ihres Körpers bewusst zu verdrängen versuchen (Stichwort: Schmerzmittelmissbrauch).

Reinartzs Erfahrungen sind beinahe deckungsgleich mit meiner Sichtweise bezüglich der fehlenden Wertschätzung in der Verletzungsrehabilitation, die ich in einem Text aus dem Jahr 2016 darstellte:

Thorsten Loch: Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation

Sicherlich stehen Trainer unter enormen Erfolgsdruck. Dementsprechend sind ihre Ziele eher kurzfristig angelegt (nächste Spiel ist das wichtigste). Doch haben – oder vielleicht besser: sollten – diese nicht auch Verantwortung dem Spieler gegenüber, insbesondere aus gesundheitlicher Sicht? Was sie aber damit bei dem Spieler bewirken und welchen langfristigen negative Effekte davontragen, wird oft nicht bedacht.

Was wir werden? Befürchtungen und Ängste bei Sportlern

Die Ungewissheit über den Heilungsverlauf ist ein großer, wenn nicht sogar entscheidender Faktor für die Entstehung von Ängsten. Insbesondere in der frühen Phase des Heilungs- und Rehabilitationsprozesses sind Ängste und Befürchtungen die häufigsten emotionalen Beeinträchtigungen (vgl. Hermann/Eberspächer, 1994). Diese manifestieren sich bei den Sportlern in der Form von Befürchtungen, nicht wieder richtig gesund zu werden, den Anschluss zu verlieren oder gar die aktive Karriere beenden zu müssen (vgl. Kleinert, 2003).

Doch Angst hat in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich einen negativen Einfluss auf uns. Die Assoziation Angst gleich etwas Unschönes oder Störendes ist keine Gleichung, die aufgeht. Ängste besitzen durchaus notwendige und positive Funktionen. So führt Angst zu einem vorsichtigen und schonungsvollen Umgang mit den verletzten Körperstrukturen. Die Besorgnis lenkt unser Verhalten dahingehend, dass den medizinischen Anweisungen Rechnung getragen wird und dieser eher befolgt werden. Kurzum: Angst sorgt dafür, dass der Athlet sich vermehrt um seinen Körper kümmert. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn ein gesundes Maß dieser Empfindung nicht überschritten wird. Zu viel Druck und damit verbundene Angstgefühle lösen unbedacht Reaktionen aus, welche unter Umständen den Heilungsprozess behindern können.

Stimmungstagebuch als effektives Tool

Zu viel Erregung führt zu Verspannungen und Verkrampfungen und beeinträchtigt so maßgeblich der Heilungsverlauf. Mit einem frühzeitigen Wiedereinstieg in den Trainingsalltag verbindet sich also zwangsläufig eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Folgeverletzung. Um zu erkennen, ob Angst und Erregtheit einen negativen oder positiven Effekt auf den Rehabilitationsprozess haben, muss der verletzte Sportler in sich hineinhorchen.

Kleinert (2003) empfiehlt in diesem Zusammenhang, für die so genannte Introspektion, ein Stimmungstagebuch (siehe Tabelle 1). Damit wird dem Sportler ein Werkzeug in die Hand gelegt, um zu überprüfen, in welche Richtung ihn seine Emotionen führen.

Tabelle 1: Stimmungstagebuch

  • Wie oft habe ich heute an Dinge gedacht, die mir Sorgen machen, und wie oft an Dinge, die mir Freude machen?
  • An wie viele Schwierigkeiten und Probleme habe ich heute gedacht und an wie viele Lösungsmöglichkeiten und Chancen?
  • Worüber war ich heute enttäuscht, und was hat mich zufrieden  froh gemacht?
  • In welchen Situationen habe ich mich heute schlecht gefühlt, in welchen ging es mir gut?
  • Wann war heute besonders ruhig und wann besonders nervös und aufgeregt?
  • Alles in allem: Was hat heute überwogen:
  1. Die Sorgen, Schwierigkeiten, Enttäuschungen, schlechten Gefühle und Aufregungen oder
  2. Die Freude, Erfolge, Zufriedenheit, positiven Gefühle und ruhigen Augenblicke?

Sonderrolle Trainer

Weisen die Antworten über mehrere Tage tendenziell eine negative Richtung auf, so kann ein Gespräch mit einem vertrauen Menschen aus dem näheren Umfeld, dem man gleichzeitig auch eine entsprechende Kompetenz zuschreibt, helfen. Diese Person kann aus dem privaten, sportlichen oder medizinischen Umfeld kommen. Hier kommt dem Trainer eine besondere Rolle zu. Dieser kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass die Ängste und Befürchtungen sich positiv auf den Heilungsverlauf auswirken können. Übungsleiter können dem verletzten Sportler signalisieren, dass sie auf ihn zählen, jedoch ihm die nötige Zeit geben werden, wieder vollkommen fit auf das Spielfeld zurückzukehren. Dass dies teils im Profigeschäft anders läuft, damit hat Reinartz seine Erfahrungen gemacht:

Als Spieler bist du im Grunde nur eine Funktion. Trainer haben ja in ihren Büros eine Taktik-Pinnwand. Da sind Zettel mit den Namen aller Spieler aus dem Kader drauf. Wenn sich einer verletzt, verschwindet der Name einfach, das hab ich schon oft gesehen. Ob der Trainer den Zettel in eine Schublade legt? Du bist dann jedenfalls kein Mensch seiner Gemeinschaft mehr. Wenn du verletzt bist, bist du für den Trainer nicht mehr existent.“

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Sexy wie ein Zahnarzt

Eine weitere Möglichkeit wäre, sich mit einem in der Praxis tätigen Sportpsychologen zusammen zu setzen. Dass in diesem Bereich noch viel getan werden muss, sieht Reinartz ebenso. Die Notwendigkeit eines sportpsychologischen Trainings wird gesehen, jedoch hapert es häufig an Umsetzung.

“Was total vernachlässigt wird, ist, dass es vor allem mentale Gründe geben kann, warum sich ein Spieler verletzt. Es sagen zwar alle, Sportpsychologie ist total im Kommen und Mentaltraining ist total wichtig im Fußball, aber es hat sich auf dem Feld in den vergangenen fünf Jahren sehr wenig getan. Die Vereine wissen, wir müssen da was machen, und der Trainer findet das eigentlich auch gut, aber auch nur eigentlich. Er sagt dann Sätze zur Mannschaft wie: Wir haben einen Sportpsychologen, wenn ihr ein Problem habt, wisst ihr, wo er ist. Nach dieser Anmoderation ist ein Sportpsychologe dann bei den Spielern in etwa so cool angesehen wie ein Zahnarzt.”

Stefan Reinartz in der Süddeutschen Zeitung

Fazit:

Das Phänomen Verletzung und die Auswirkungen auf die verschiedenen Systeme (Verletzung als bio-psycho-soziales Phänomen gesehen) der Athleten offenbaren, dass eine ganzheitliche Rehabilitation sich nicht ausschließlich auf die physiologischen Aspekte konzentrieren darf. In diesem Zusammenhang kommt dem Trainer eine entscheidende Rolle zu. Dieser kann dem verletzten Athleten die Ängste und Befürchtungen nehmen – bzw. in eine heilungsförderliche Richtung lenken –, in dem er diesen die entsprechende Zeit und Wertschätzung entgegenbringt. Zusätzlich sollte eine proaktive Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen forciert werden und nicht beiläufig erwähnt werden, damit es nicht so endet wie Reinartz treffend in der Süddeutschen mit dem Zahnarzt-Bild beschreibt.

Literatur:

Eberspächer, H./Hermann, H.D. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. Blv Buchverlag: München.

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

Interview in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/sport/stefan-reinartz-im-interview-wenn-du-verletzt-bist-bist-du-nicht-existent-1.3622410

 

Philippe Müller: Verletzungen bewältigen

Prof. Dr. Oliver Stoll: Was tun Sportpsychologen eigentlich?

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Sonny Weishaupt: Gott schenke mir Geduld … und zwar sofort! (#Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 4)

Sportpsychologisch gesehen sind Quarterbacks im American Football sicher diejenigen Spieler, die am meisten und intensivsten mit einem Mentaltrainer zusammenarbeiten. Er ist der Führer der Offense, eine Respektsperson und jemand, an dem sich die gesamte Mannschaften aufrichten kann. Und er muss liefern – nicht nur spielerisch: Seine Kommunikation sollte klar und wertschätzend sein. Er sollte seine Mitspieler genauestens kennen und mit ihnen verbunden sein. Er muss vorangehen, andere leiten können und sie motivieren.
Und natürlich ist es die Position, auf die alle Augen gerichtet sind. Fluch und Segen zugleich. So kann man in der einen Sekunde die Begeisterung aller Fans bis in die Tiefen seines Körpers fühlen und im nächsten Moment alle Verantwortung für ein verlorenes Spiel auf seinen Schultern tragen.

Wie genau geht man aber mit diesem Druck am besten um?

Fragen wir doch einfach einen unserer Nationalmannschafts-Quarterbacks und Topspiele von Frankfurt Universe!

Für die-sportpsychologen.de berichtet:
Sonny Weishaupt (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

Wie bist du zum Football gekommen?

Football wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater spielte früher selbst und war seit ich laufen kann als Funktionär und Stadionsprecher aktiv. Dadurch war ich schon als Kleinkind regelmäßig bei Spielen und bekam das Geschehen hautnah mit. Dazu kam, dass es in Babenhausen, der Stadt in der ich aufgewachsen bin, eine US-Kaserne gab, in der bis 2005 noch viele US-Soldaten mit ihren Familien stationiert waren. Dadurch lebten auch ein paar amerikanische Kinder in der Nachbarschaft und somit war es für mich als Kind genauso normal einen Football zu werfen und zu fangen, wie für andere Kinder, einen Fußball zu kicken.

Mit acht Jahren spielte ich mein erstes Spiel Flag-Football, wobei ich nebenbei auch noch recht erfolgreich Fußball spielte. Seit ich 13 Jahre alt bin, gehört meine gesamte Aufmerksamkeit aber dem Football und somit gab es ab diesem Zeitpunkt nur noch diese eine Sportart für mich. Mit 14 Jahren wurde mir eine Sondererlaubnis erteilt, um auch schon an A-Jugend-Spielen teilnehmen zu dürfen, also echtes Tackle-Football, wobei diese Altersklasse bis 19 Jahre ging.

Was hat dich bei dieser Sportart gehalten?

In erster Linie das Teamgefühl, das Zusammenspiel aller Gewichtsklassen und auch die interkulturelle und soziale Auseinandersetzung mit Jungs sämtlicher Ethnien, sozialer Stände, etc. Das alles, gepaart mit der Vermittlung von Werten wie Respekt vor Autorität und Mitspielern, Disziplin, Ehrgeiz und die Achtung von Hierarchien und einer klaren Team-Struktur. Dazu kommt natürlich die Aufmerksamkeit und Beachtung, die einem widerfährt, wenn man „gut“ in etwas ist – und das war ich damals schon. Die Erkenntnis, trotzdem nur so gut zu sein wie das Team, lässt einen demütig werden und man lernt, dass man nur gemeinsam wirklich erfolgreich sein kann. Diese bedingte Abhängigkeit und das damit verbunden Lernen von Vertrauen schweißt zusammen und lässt Freundschaften entstehen, die weit über das Footballfeld hinausreichen.

Was macht deiner Meinung nach die spezielle Mentalität eines Spielers deiner Position aus?

Der Quarterback ist der Spielmacher, er steht im Fokus der gegnerischen Defense. Als Quarterback steht man im Mittelpunkt, ob man das will oder nicht. Deshalb muss man für sich einen Weg finden, mit dieser Aufmerksamkeit umzugehen.

Jeder Football-Laie erkennt immer den Spielmacher und weiß, sich eine Meinung über ihn zu bilden. In einer optimalen Konstellation fungiert man als verlängerter Arm des Coaches und nimmt die Rolle des „Field Generals“ ein. Man ist quasi der Anführer auf dem Feld. Eine gesunde Sieger-Mentalität bringt wohl jeder Spieler mit, der in der 1. Liga erfolgreich aktiv ist, sonst wäre er dort nicht. Der Unterschied zwischen Quarterbacks und anderen erfolgreichen Spielern liegt wohl einfach an der Herangehensweise. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen und ich kann nur für mich sprechen, dennoch kann man wohl sagen, dass Quarterbacks mehr Zeit in die Vorbereitung stecken müssen, um das Spiel besser zu verstehen als andere.

Patrick Finke: Sportpsychologie? Damit habe ich noch nie gearbeitet! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 3)

Selbstverständlich muss man sich auch körperlich mehr als fit und gesund halten, wozu regelmäßige Stunden im Fitness-Studio von Nöten sind. Doch den größten Unterschied macht die theoretische Vorbereitung aus.

Des Weiteren repräsentiert man in gewisser Weise das Team, wobei mir mal von meinem Mentor Micah Brown gesagt wurde, man dürfe „never too high and never too low“ sein. Damit sind die Körpersprache und die gesamte Ausdrucksweise gemeint. Selbst nach einem vermeintlichen Top-Spiel dürfe man genauso wenig „die Fassung verlieren“ wie nach einem kompletten Desaster-Spiel, in dem nichts zu funktionieren schien.

Was muss ein Spieler deiner Position charakterlich mitbringen?

Er muss die bereits angesprochenen Dinge verkörpern und sich in den Dienst der Mannschaft stellen. Sei es als Starting QB oder Backup. Es bedarf ohnehin mehr als einen guten Quarterback um eine erfolgreiche Saison zu spielen. Man muss von sich selbst überzeugt sein, wobei man nie aufhören darf, sich selbst und seine Spielfähigkeit ständig zu trainieren und zu verbessern. Man darf niemals damit aufhören, offen für neue „Coaching Points“ zu sein. Man kann sich das ähnlich wie einen Baukasten vorstellen, der einem von seinem ersten Trainer übergeben wird. Dieser Baukasten ist anfangs noch leer und muss über die gesamte Karriere hinweg gefüllt werden. Von einem Trainer bekommt man vielleicht alle notwendigen „Tools“, manchmal von vielen verschiedenen Trainern jeweils etwas, aber man kann nie genügend Utensilien in seinem imaginären Baukasten haben. Wobei diese natürlich auch gepflegt werden wollen und müssen. Auch das beste Messer muss irgendwann neu geschliffen werden, um scharf zu bleiben. Zu diesen sogenannten Tools zähle ich jedoch nicht nur die reinen Mechanics wie Footwork, Throwing Motion oder Read Progressions, sondern auch die charakterlichen Eigenschaften, die es wie Tugenden zu erlernen gilt.

Zu all dem zählt auch, den vielen kritischen Stimmen um einen herum nicht immer zuzuhören und sich auf sich selbst zu verlassen und zu konzentrieren. Diese Kritiker sogar als Ansporn zu sehen, aber sich davon niemals klein machen zu lassen. Ganz im Gegenteil, eher zu versuchen daran zu wachsen. Natürlich sollte man nach wie vor kritikfähig bleiben und sich wahrhafte Kritik auch zu Herzen nehmen. Dafür ist aber essentiell wichtig, darauf zu achten, wo diese Kritik herkommt und wie sie an dich herangetragen wird.

Was hast du selbst getan, um nicht nur deinen Körper sondern auch deinen Kopf immer wieder weiter zu trainieren?

Das körperliche Training ist ja bereits bekannt. Stunden über Stunden Training mit Gewichten, etliche Laufeinheiten, koordinative Übungen, sowie Muskelaufbau und Schnelligkeitstraining. Massig viel Schweiß, Aufopferung und Überwindung. Aber der Körper ist unser Kapital als Sportler und die Muskeln sind die Airbags der Knochen. Um leistungsorientiert zu spielen, gehört das einfach dazu.

Um meinen Kopf zu trainieren und optimal vorzubereiten nutze ich jede freie Minute, die mir für Football zur Verfügung steht um Spielzüge einzustudieren, Video-Tutorials zu schauen, Spieler zu analysieren und Football wortwörtlich zu studieren. Hinzu kommt die Hilfe meines engen Freundes und Mentors Micah Brown, der sich meine Trainings- und Spielvideos anschaut und mich anhand dieser coacht. Dazu natürlich jede Theorie-Einheit mitnehmen die angeboten wird. Einfach so gut es geht und so wie es die Zeit zulässt den absoluten Fokus auf Football setzen und darauf, wie ich selbst mehr erfahren und lernen kann, um somit besser zu werden.

Die optimale Verbindung beider Vorbereitungsweisen sind Camp-Teilnahmen. In Camps lernt man ständig neue Leute kennen, mit unterschiedlichen Backgrounds und anderen Spiel-Philosophien. Auch das kann dich nur besser machen, wobei wir wieder bei den Tools und dem Baukasten wären.

Welches ist dein Glaubenssatz?

Da würden mir ein Paar einfallen, doch um zwei zu nennen, die mir direkt einfallen:

„Never quit!“ – Kurz und simpel, aber damit ist alles gesagt. Die klischeehaften Phrasen sind oft wahr und all die Zitate, die wir aus Rocky-Filmen und Ähnlichem kennen stimmen wohl. Es geht darum, einmal mehr aufzustehen als die anderen und sich nicht unten halten zu lassen. Ausdauer und Geduld sind maßgeblich für Erfolg.

„I can do all things through Christ who strengthens me“ – Als gläubiger Christ ein inspirierendes und treffendes Zitat. Zu wissen, nie alleine zu sein und mit Gott an der Seiten nach vorne zu schreiten, das gibt mir ein unglaubliches Gefühl der Sicherheit und Zuversicht.

Wie motivierst du dich am besten? Arbeitest du hier mit Videos oder Bildern?

Unmittelbar vor einem Spiel eigentlich gerne mit kurzen Videos. Das variiert aber oft, mal klassische College/NFL Highlights, mal die Highlights von bestimmten Spielern wie z.B. Tom Brady, manchmal auch allgemeine Sport-Compilations mit motivierenden Zitaten. Als Jugendspieler schaute ich am Abend vor einem Spiel oft einen Football-Film oder andere mich inspirierende Filme an. Heutzutage gehe ich jedoch lieber in mich und halte mir vor Augen, für wen ich spiele und was mir diese Menschen bedeuten. Es ist ein bemerkenswerter Ansporn für mich geworden, den Support meiner Familie und Freunde nicht für selbstverständlich anzuerkennen und wirklich alles zu geben, um sie stolz zu machen.

Dennis Zimmermann: NO REGRETS! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 2)

Inwieweit hat dein Sport-Studium dir Unterstützung leisten können für die Ausübung deines Sportes?

Ehrlich gesagt ist es oft eher eine Belastung, zusätzlich sportlich strapaziert zu werden, da viele praktische Kurse und Prüfungen mitten in der Saison stattfinden und man somit zusätzlich ausgelastet ist. Auf der anderen Seite ist es schon von Vorteil, ein besseres Körperbewusstsein zu erfahren, durch das Erlernen neuer Bewegungsmuster und koordinativer Fähigkeiten. Die Philosophie ist hierbei ein super mentaler Ausgleich, um den Kopf frei zu bekommen und meinen Fokus auf andere mich reizende Dinge legen zu können. Ich denke das Kanalisieren von Konzentration unglaublich wichtig ist. Man kann nicht gut in etwas sein, wenn man sich permanent ausschließlich nur mit diesem einen Thema befasst. Da geht die Konzentration irgendwann verloren und darunter leidet letztendlich die Produktivität. Setzt man jedoch seinen Fokus gezielt auf unterschiedliche Dinge, so kann man meiner Meinung nach in jeder dieser Kategorien erfolgreich sein. Diese Ko-Existenz hilft mir zwischen meinem Leistungssportler- und meinen Studenten-Dasein nicht den benötigten Fokus und somit den Spaß zu verlieren.

Was würdest du jungen Spielern raten?

Sie sollten offen an die Sache herantreten, nicht versteift und nicht aufgrund externer Beweggründe. Sie sollten Camps besuchen und wie ein Schwamm so viel aufsaugen wie nur möglich, wobei sie überall etwas lernen können. Sie sollen sämtliche Fortbildungsmaßnahmen besuchen, bei offenen Trainings der Landesauswahlen teilnehmen und sich nicht vom Weg abbringen lassen, nur weil irgendwer meint, es besser zu wissen und einen nicht gut genug findet. Außerdem sollten sie versuchen, ihren Baukasten mit so vielen Tools wie möglich zu füllen und niemals den Spaß an der Sache verlieren.

Und zuletzt finde ich es wichtig, sich selbst gegenüber ehrlich zu bleiben. Will man diesen Sport „nur“ just for fun ausüben, dann ist es okay, wenn man das Ganze locker angeht. Das Leben hält noch viele andere tolle Dinge bereit. Wenn man sich jedoch dazu entschließt, ein guter Football-Spieler zu werden, am besten so gut wie es für einen selbst maximal möglich ist, dann aber bitte auch mit allem was geht. Keine Ausreden, kein Jammern. Es ist und wird unglaublich hart und man muss sich ständig neu motivieren und fragen, ob es das wert ist? Aber das Ziel, dass du dir gesteckt hast, was immer es auch sein mag, sollte dir klar und deutlich vermitteln: Ja! Es ist es wert und du wirst es bereuen, dir jetzt nicht weiterhin den Arsch aufzureißen.

Gibt es etwas, was du anders machen würdest, wenn du an einen bestimmten Moment deiner Karriere denkst?

Ehrlich gesagt gibt es gewisse Dinge, die ich so nicht gemacht hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was passiert. Allerdings verfüge ich nicht über diese Gabe und jede bisherige Entscheidung hat mich dahin gebracht, wo ich bin und wer ich bin. Das ist gut so. Klar träumt man davon, weiter zu sein und weiter zu kommen aber das treibt einen ja auch an. Ich denke, dass alles aus einem guten Grund passiert und wir nur daraus lernen können. Dazu sind ja die Erfahrungen da, wir müssen sie nur als solche nutzen und daran wachsen und besser werden.

Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Punkt, an dem die Sportpsychologie und Spieler deiner Position zusammenkommen? Woran könnte man zusammen am besten arbeiten?

Da das Spiel des Quarterbacks sehr stark von seiner mentalen Leistungsfähigkeit abhängt, denke ich es wäre von Vorteil, wenn man genau bei diesen Dingen ansetzt, von der Vorbereitung bis zum Gameday. Oft bedarf es nur eines persönlichen Gesprächs, um den Kopf klar zu kriegen. Man muss den Spieler wiederum kennen, um ihn mit bestimmten Aussagen triggern zu können und dahin zu führen, wo er letztendlich hin will. Russel Wilson hat bei jedem Spiel seinen eigenen Sportpsychologen an der Sideline stehen, der ihn lediglich beobachtet um dann nachträglich gewisse Dinge aufzuarbeiten zu können und diese präventiv als Vorbereitung zum nächsten Spiel aus dem Weg zu räumen.

Was glaubst du ist dein Geheimnis um so lange so erfolgreich zu spielen?

Das strikte Befolgen meiner Glaubenssätze! ☺

Denkst du, Spieler deiner Position haben narzisstische Züge?

Minimale Züge hat jeder, auf jeden Fall. Eine gewisse Selbstüberzeugung ist jedoch für jeden Spieler, der erfolgreich spielt, wichtig, ganz gleich welche Position. Als Narzisst versteht man umgangssprachlich jemanden, der sich selbst mehr liebt und dabei andere Menschen vernachlässigt. Das kann ich so als verallgemeinerte Charaktereigenschaft bei QB’s nicht bestätigen. Oft wird man ja auch in die Rolle gedrängt, dass sich alles um den QB dreht, was sicherlich nicht der Fall ist, jedoch von Außenstehenden gerne so wahrgenommen wird. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist aber in jedem Fall sehr wichtig.

Muss ein Spieler deiner Position furchtlos sein?

Ja, aber situationsabhängig. Es gibt manche Situationen auf dem Footballfeld, in denen man die großen von durchschnittlichen Quarterbacks unterscheiden kann. Zu sehen, dass ein Defender ungeblockt mit voller Geschwindigkeit auf einen losrennt, man aber noch kurz warten muss, bis man den Ball zu seinem WR werfen kann, obwohl man genau weiß, dass es gleich schutzlos einschlagen wird – das ist nur ein Beispiel. Es gibt auch viele andere Situationen, in denen man durchaus furchtlos agieren muss. Trotzdem ist die Furcht etwas durchaus Sinnvolles und Gutes und hilft uns, Gefahren wahrzunehmen. Angst schüttet unter anderem Adrenalin aus, ein Hormon was uns für kurze Zeit leistungsfähiger sein lässt.

Mit welcher anderen Position bist du am meisten verbunden?

Als QB ist man oft das Bindeglied aller Offense-Spieler. Daher ist es schwierig, eine spezielle Positionsgruppe ausfindig zu machen. Ich denke, dass ist von Team zu Team unterschiedlich und man kann es nicht komplett verallgemeinern. Meine Offensive Line ist mir mehr als wichtig, vor allem weil diese Jungs den Grundpfeiler für unsere Offense stellen. Wir könnten noch so gute Skill-Player haben, ohne eine gute O-Line, die für uns blockt, sind wir nichts. Da jede intakte Offense von Timing lebt ist das Zusammenspiel zwischen mir und den Wide Receivern von großer Bedeutung, weshalb wir auch viele Extra Trainings zusammen verbringen. Außerdem sind WR oft auch eher extrovertiert und es liegt in beidseitigem Interesse, gut miteinander zu harmonieren.

Miriam Kohlhaas: Ein Hoch auf die dicken Jungs!

Ist deine mentale Vorbereitung bei einem schwachen Gegner dieselbe wie bei einem Nationalspiel?

Es gibt gewisse Rituale, die ich vor jedem Spiel einhalte. Egal ob es ein Vorbereitungsspiel ist oder das Big6 Finale. Bei einem Nationalspiel herrscht eine komplett andere Team-Atmosphäre, man begibt sich mit Spielern, die im normalen Ligabetrieb Gegner sind auf dieselbe Mission und versucht in kürzester Zeit eine Einheit zu schaffen, die erfolgreich zusammenspielen kann. Das ändert jedoch nichts an meiner eigenen mentalen Vorbereitung auf ein Spiel bzw. auf den nächsten Gegner.

Hattest du schon einmal Angst vor einem Spiel? Wenn ja, wie konntest du diese überwinden?

Wirklich Angst hatte ich ganz früher vor meinen ersten Jugend-Spielen, in denen ich auf einmal getackled werden konnte. Diese Angst verliert sich jedoch nach den ersten Hits und nachdem man merkt, dass man nicht aus „Zucker“ ist und es oft auch gar nicht so schmerzt. Seitdem herrscht ab und zu eine Grund-Nervosität, die sich allerdings innerhalb der ersten Paar Drives komplett setzt. Ab dann sind quasi Scheuklappen aufgesetzt und ich befinde mich im Game-Modus.

Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir intensive Sportpsychologische Hilfe gewünscht hättest?

Diese Momente gab es sicherlich. Allerdings eher in Verbindung mit einer dritten Person, sei es ein Trainer, Mitspieler, oder ein Familien-Angehöriger. Ein Mensch, der mit der Sportpsychologie vertraut ist, hätte hier super intervenieren und helfen können, als eine Art Vermittler zweier Parteien. Die meisten Trainer befassen sich lediglich mit den X’s and O’s, also allen taktischen Vorgehensweisen. Jedoch sollte es ja im Interesse eines guten Coaches liegen, seine Spieler in die bestmögliche Position zu bringen, erfolgreich zu sein – für den Trainer genauso wie für den Spieler.

Sollte die Sportpsychologie ein fester Bestandteil des Footballs in Deutschland sein?

Der mentale Aspekt ist enorm wichtig, er gerät leider immer wieder zu kurz. Man sollte versuchen, die Sportpsychologie grundsätzlich mehr mit einzubeziehen, mentales Coaching für die Spieler anbieten und auch Coaches sportpsychologisch weiterbilden und schulen, um klar zu machen, dass es um Menschen geht. Menschen mit Wünschen, Träumen, Sorgen und Problemen, und dass diese auch okay sind. In den USA werden Millionen Summen dafür gezahlt, dass die Spieler funktionieren und dabei ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. In Deutschland ist das abgesehen von dem Niveau und den Millionen-Beträgen ähnlich und deshalb sollte eine Art Entschädigung anderweitig stattfinden. Davon könnten ja auch sämtliche Funktionäre und Coaches nur profitieren. In anderen Sportarten ist es bereits Gang und Gäbe einen Sportpsychologen mit ins Team zu integrieren. Davon kann sich der American Football gerne eine Scheibe abschneiden.

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All ihr wundervollen Sportler, ihr fantastischen QBs packt euren Rucksack! Was sind eure Ressourcen und was müsst ihr noch hinein packen? Welche Eigenschaften sollte ein perfekter QB haben und wie könnt ihr sie erreichen?
Zeit euch darüber Gedanken zu machen!

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Andreas Meyer: Richtig bewerten lernen

Athleten sind keine Maschinen, sondern Individuen, welche ihre erbrachte Leistung unterschiedlich bewerten und verschiedene Motive bei der Ausübung ihres Sports verfolgen. Nachdem es in den bisherigen Teile der Serie “Zielsetzung und Motivation im Sport” um die Strategie zur Zieldefinition, verschiedener Arten von Zielen und den Einflussfaktor Zeit ging, steht im vierten Teil nun die Ursachenzuschreibung im Fokus. Diese kann fulminante und fatale Folgen haben.  

Zum Thema: Zielsetzung und Motivation im Sport (Teil 4)

„Bewerten verändert das Bewertete“ (Georg Wilhelm)

Der Attributionsstil des Sportlers in Bezug auf seine positiven und negativen Leistungen kann laut Martin Seligmann in acht Kategorien eingeordnet werden. Dabei werden folgende Ursachen für ein Verhalten bzw. Abschneiden verantwortlich gemacht.

Intern vs. Extern

Stabil vs. Variabel

Generell vs. Spezifisch

Diese Attributionsstile erkläre ich anhand eines Beispiels: „Wie kann es sein, dass ich dieses Spiel verloren habe?“

Führen bestimmte Attributionen zu Depressionen?

Laut Seligmann führt ein Attributionsstil, der schlechte Ergebnisse ständig als intern-stabil-generell sieht zu starken Problemen bis hin zu Depressionen, da der Athlet seine Situation als sein eigenes Versagen beurteilt, welches immer auftritt und er es auch nicht bewältigen kann (auch wenn dies offensichtlich nicht so ist).

Ein Sportler der immer extern-variabel-spezifisch bewertet, wird den Grund des Versagens immer in den anderen sehen. Die Versagenssituation wird als Ausnahme betrachtet, die aber nur hin und wieder mal vorkommt. Wichtig: Generell ist keiner der Attributionsstile als schlecht zu verurteilen. Wichtig ist, dass der Athlet die Situation realistisch bewerten kann.

Attribution verrät viel

In Bezug auf die Zielsetzung ist es sehr interessant zu betrachten, welche Art von Attribution der Sportler standardmäßig anwendet. Dies kann in Bezug auf das Setzen von Zielen wichtige Erkenntnisse liefern. Ein Athlet, der beispielsweise ständig intern-stabil-generell bewertet, läuft Gefahr, bei ständigen Misserfolgen, stark an Selbstvertrauen zu verlieren. Daher kann es hier sinnvoll sein, die Wahrscheinlichkeit zum erfolgreichen Erreichen des Ziels zu erhöhen. Dieser Athlet braucht einfach mehr Erfolge als jemand, der sein Versagen immer den äußeren Umständen zuschreibt.

Der ständig extern attribuierende Sportler wird sehr selten seine eigenen Fehler entdecken und somit seine Leistung nicht dauerhaft verbessern können. Denn er selbst scheint ja keinen Einfluss auf das schlechte Abschneiden zu haben.

Zuschreibung von Erfolgen

Jetzt haben wir uns hauptsächlich mit dem Beurteilen von Versagen beschäftigt, jedoch ist auch das Zuschreiben von Erfolgen ein elementarer Bestandteil. Hier verhält es sich nahezu andersherum. Werden die Erfolge hauptsächlich extern attribuiert, so ist der Hauptverantwortliche für das Abschneiden immer der Zufall. Attribuiert der Athlet seinen Erfolg allerdings auf seine hervorragende Vorbereitung zur Saison (intern-variabel-spezifisch), so wird er an Selbstvertrauen und Motivation gewinnen.

Hierbei wird das Kommittent des Sportlers mit den Zielen wieder interessant. Es kann sehr sinnvoll sein, wenn der Athlet seine Ziele vorher als realistisch und ihm zugehörig festlegt. Dies kann bei der späteren Bewertung des Erfolgs (auch bei Sportlern, die Erfolge gerne dem Zufall zuschreiben) thematisiert werden, da der Sportler dieses Ziel als durch sich erreichbar anerkannt hat. Eine unrealistische externe Attribution des Erfolgs kann somit umgangen werden und der Sportler geht gestärkt aus seiner Erfolgssituation hervor – denn er weiß, er selbst hat etwas Tolles geleistet.

Fazit

Achtet bei der Bewertung eurer Leistung, nicht nur darauf, ob ihr das Ziel erreicht habt. Haltet die Augen offen und schaut, ob euer Attributionsstil tatsächlich eine realistische Bewertung eurer Leistung ist.

Alle Texte der Blog-Serie von Andreas Meyer zum Thema Ziele:

Teil 1:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/18/andreas-meter-wo-fuehren-deine-ziele-hin/

Teil 2:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/25/andreas-meyer-welches-ziel-strebe-ich-an/

Teil 3:

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/08/07/andreas-meyer-ziele-vs-zeit/

Zur Profilseite von Andreas Meyer:

Andreas Meyer

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Dr. Christian Reinhardt: Emotionen im Sport

Auf der einen Seite die in die Jahre gekommene Box-Legende Floyd Mayweather. Auf der anderen der Mixed Martial Arts-Supertar Conor McGregor. Diese Konstellation zweier Weltklasse-Athleten aus zwei unterschiedlichen Kampfsportdisziplinen, die am 26. August 2017 in Paradise, Nevada, im Boxring gegeneinander antreten, elektrisiert die Welt. Dass der Kampf nicht nur Box- oder MMA-Fans aus dem Sessel hebt, liegt an einer in dieser Form neuen Dimension von Spektakel. Schon Monate vor dem Fight begannen Scharmützel, ausgetragen in gemeinsamen PR-Aktionen, Auftritten in Fernsehshows oder Verbalattacken, die sich über Social Media-Kanäle weltweit in Windeseile verbreiteten und häufig auf unterhalb der Gürtellinie zielten. Auch aus sportpsychologischer Sicht versetzt dieser Kampf Grenzen. 

Zum Thema: Sportpsychologische Wettkampfvorbereitung im Kampfsport

Wie keinem Zweiten gelingt es Conor McGregor seit Jahren, seine Kontrahenten schon vor dem Kampf zur Weißglut zu treiben. Im Video erklärt Dr. Christian Reinhardt die Strategie dahinter und beantwortet auch die Frage, inwieweit sich Nachwuchsathleten oder ambitionierte Amateursportler daran orientieren können. Zudem zeigt der sportpsychologische Experte für Kampfsportarten auf, wie sich solche Angriffe effektiv kontern lassen.

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Ihr habt Fragen an Dr. Christian Reinhardt? Dann kontaktiert den Kampfsportexperten von Die-Sportpsychologen gern direkt: Zum Profil von Dr. Christian Reinhardt Darüber hinaus freuen wir uns über Feedback zu unseren Videos, Texten und Aktivitäten.

Zusatzmaterial, Links und Verweise 

Instagram ist nur einer der virtuellen Kampfplätze zwischen Floyd Mayweather und Conor McGregor.

It won’t even take me half a punch to sleep this man.

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In Deutschland wird der Kampf zwischen Floyd Mayweather und Conor McGregor am Sonntag, den 27. August, ab 3 Uhr MESZ exklusiv beim Internet-Streaminganbieter DAZN übertragen:

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Mehr von Dr. Christian Reinhardt:

Christian Reinhardt: The Walkout – Der richtige Weg im Tunnel

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Christian Hoverath: Den Match-Tie-Break meistern

„Ich verliere im Match-Tie-Break immer“ – so, oder so ähnlich lautet zur Zeit eine wachsende Zahl an Nachfragen, die mich erreichen. Die Ursachen sind so vielfältig wie die Lösungsansätze, und so möchte ich im Folgenden exemplarisch auf zwei Gedankengänge eingehen. Einer betrifft unsere Sprache, der andere unsere Konzentration. Gemeinsam haben sie, dass sie in aller Regel effektiv wirken. 

Zum Thema: Einfache Techniken für entscheidende Spielsituationen 

Sprachlich ist das Wort „immer“ eine Wucht. Dieses immer ist dann angebracht, wenn man einen groben Überblick geben will. Der Nachteil ist allerdings, dass das Problem durch dieses kleine Wort größer erscheint als es tatsächlich ist. Im Falle eines Tennisspielers, der den Match-tie-Break „immer verliert“, kann dies problematisch werden.

Was macht also dieses Wort immer? Probleme, die man immer hat, erlebt man schwerwiegender als Probleme, die man hin und wieder hat und in der Vergangenheit schon bezwingen konnte. Mehr noch: Probleme, die man immer hat, sind schlimmer als Probleme zu bestimmten Zeiten bei bestimmten Themen. Das kleine Wort „immer“ macht das Problem somit größer als es tatsächlich ist. Hinzu kommt, dass es auch für die Zukunft eine Lösung quasi ausschließt.

Gegen die Schwere ankommen

Unsere Aufgabe ist es nun, zu relativieren: Um das Problem auf seine tatsächliche Größe herunter zu brechen, empfiehlt es sich dabei, mit Differenzierungen zu reagieren und Ausnahmen zu finden. So könnte man sich die Frage stellen: „Ich habe also in der Vergangenheit schon oft einen Match-Tie-Break verloren. Wann denn und wann nicht?“ Durch diese Frage, wie es in der Vergangenheit war, hält man sich Optionen für die Zukunft offen. Zudem hilft die Frage nach Ausnahmen, um gegen die Schwere anzukommen.

Eine weitere Möglichkeit ist es, über die Ausrichtung der Konzentration nachzudenken, denn der Match-Tie-Break ist nun einmal etwas Besonderes. Das Spiel nähert sich einer Entscheidung. Durch die veränderte Zählweise verändert sich die Wahrnehmung. Häufig verändert sich aufgrund der veränderten Situation auch der Konzentrationsfokus. Es kommen Gedanken auf wie „mach jetzt keinen Fehler“ oder dergleichen. Es entstehen lebendige Bilder von dem, was man nicht will, anstelle sich einen Film von dem zurechtzulegen, was man erreichen möchte. Was will ich denn statt des Fehlers machen?

Kreative und individuelle Lösungen

Zuschauer können in dieser Situation häufig Spieler beobachten, die sich verstärkt über ihre Fehler aufregen. Bliebe man beim Spiel „Punkt für Punkt“, dann ist es weiterhin Tennis. Der Ball muss übers Netz und wer den Ball einmal häufiger fehlerfrei ins Feld des Gegenübers spielt, der bekommt den Punkt. Deswegen lohnt es sich, ins Training der Konzentrationsfähigkeit zu investieren und zu lernen, die Konzentration auf das Ziel zu lenken. Empfehlenswert sind Visualisierungen vom Erwünschten und Konzentrationsroutinen, um zielführend mit dieser Ressource umzugehen.

Christian Hoverath: Die Pausen im Tennis

Übrigens, da ich gerade schrieb, dass sich mit der veränderten Zählweise auch die Wahrnehmung verändert, lässt sich natürlich auch mit dieser Wahrnehmung spielen: Ein Tennisspieler fand, dass alle Punkte wie gelbe Luftballons seien und der Match-Tie-Break dann wie rote. Also bliesen wir ganz viele gelbe auf und 18 rote und diskutierten darüber, wie sie sich unterschieden. Was will ich mit diesem Beispiel sagen? Ganz einfach: Die Antworten und Techniken auf die jeweilige Problemstellung, die euch plagt, können sehr, sehr verschieden sein. Ich freue mich also, mit euch kreativ zu werden und lade zur Kontaktaufnahme ein. Zum Profil von Christian Hoverath.

Literatur

Prior, Manfred & Tangen, Dieter (2016). MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH.

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Lena Tessmer: Negativbeispiel DSV

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Fiasko, Wut, verkorkstes Großereignis und Lethargie sind nur einige Stichpunkte, die in der medialen Berichterstattung über das Abschneiden und Verhalten der deutschen Schwimmer*innen bei der Schwimm-WM in Budapest gefallen sind. Es gab und gibt Streit im Verband und es mangelt an Vertrauen. Es entsteht der Eindruck, dass es seit vielen Jahren sowohl körperlich als auch mental bei den deutschen Schwimmer*innen und im Team nicht mehr „passt“. Die Berichterstattung hört sich vor und nach jedem Schwimm-Großereignis gleich an – eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Zum Thema: Die negativen Emotionen im deutschen Schwimmverband und deren Auswirkungen auf die Leistungen

Eines wurde während der Schwimm-WM im Juli im ungarischen Budapest auf Basis der medialen Berichterstattung deutlich: Im deutschen Schwimmverband herrschen offenbar negative Emotionen und schlechte Stimmung vor. Selbst Franziska Hentke, die einzige Medaillengewinnerin (Silber über 200m Schmetterling) dieser WM, zeigte sich enttäuscht darüber, dass ihr Trainer nicht zum DSV-Trainerstab gehört. Von Bitterkeit und Trotz war die Rede. Philip Heintz wünschte sich mehr Ruhe und Vertrauen und weniger Kritik, um sich auf sein Training konzentrieren zu können. Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, dass die Aufmerksamkeit auf ausschließlich negativen Emotionen nicht zur maximalen Leistungserbringung führt.   

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Kann das Abschneiden der deutschen Schwimmer*innen auch als erfolgreich eingestuft werden?

Ja, kann es! Im internationalen Vergleich hat Deutschland eher einen kleinen Schwimm-Kader. Im Vorfeld hat der DSV-Bundestrainer Lambertz seine realistische Zielsetzung mit drei Medaillen-Hoffnungen benannt. Eine ist es geworden. Die deutschen Schwimmer*innen sind also zu 33,3% erfolgreich gewesen. Im Sport auf internationalem Hochleistungsniveau gibt es unzählige Variablen, die im Vorfeld nicht kalkulierbar sind. Das macht den Sport ja so emotional und spannend. Erwartungen sind nicht übertroffen worden, aber mit etwas Wohlwollen kann gesagt werden, dass die Leistungen solide waren.

Silber!!! Franzi, Danke für das Rennen!! #FranziskaHentke #waterinstinct #FINAWorlds

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Wo sollen die positiven Emotionen herkommen?

Die deutsche Medaillengewinnerin Hentke ist ein Paradebeispiel für Willenskraft, Durchhaltevermögen und Fokus. Sie gibt preis, dass sie sich vor ihrem Finallauf in ein anderes Setting gedacht hat. Sie hat das tobende Stadion „einfach“ ausgeblendet. Sie gehört mit ihren 28 Jahren bereits zu den älteren Athleten. Sie hat bei dieser WM einen starken Kopf bewahrt und möglicherweise hat das den entscheidenden Unterschied gemacht. Im Konkurrenzkampf mit der internationalen Spitze geht es im Schwimmsport letztendlich um Hundertstelsekunden. Am Ende gewinnt (vielleicht) der stärkste Kopf?

Hentke ist zu Recht stolz auf ihre Medaille und Schwimm-Deutschland darf das auch sein. Die zum Teil berechtigte Kritik am DSV der letzten Jahre hat nicht zu Schwimmerfolgen geführt. Die Aufmerksamkeit auf die Erfolgsgeschichten zu richten, die der Schwimmsport immer noch schreibt, könnten vielleicht zu einer Wendung führen. Den Stolz und die Leidenschaft für das nächste Großereignis zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu machen, wäre zumindest ein Versuch wert.  

 

Literaturverzeichnis

Haack, Melanie (2017). Die verheerende WM-Bilanz der deutschen Schwimmer.

Verfügbar unter: https://www.welt.de/sport/article167188466/Die-verheerende-WM-Bilanz-der-deutschen-Schwimmer.html [07.08.17]

Haack, Melanie (2017). Die bitteren Tränen der großartigen Franziska Hentke.

Verfügbar unter: https://www.welt.de/sport/article167131873/Die-bitteren-Traenen-der-grossartigen-Franziska-Hentke.html [07.08.17]  

Hornung, Christian (2017). Warum Bundestrainer Lambertz ins Schwimmen gerät.

Verfügbar unter: http://www.sportschau.de/weitere/schwimmen/analyse-schwimm-wm-henning-lambertz-100.html [07.08.17]

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3. Netzwerktreffen in Berlin – 24.11.2017

Das dritte Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen findet am Freitag, den 24. November 2017, statt. Ab 20 Uhr nutzen die Profilinhaber von Die Sportpsychologen die Räumlichkeiten des Leistungszentrums der E-Sport Organisation Penta Sports in Berlin. Am darauffolgenden Samstag, den 25. November 2017, startet an gleicher Stelle die Premiere der Veranstaltungsreihe „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ (weitere Infos folgen), zu der auch Sportpsychologen und Mentaltrainer eingeladen sind, die nicht im Netzwerk Die Sportpsychologen aktiv sind.

Daten und Fakten zum 3. Netzwerktreffen

Penta Sports Leistungszentrum, Berlin
Fr, 24.11., ab 20 Uhr, Netzwerktreffen Die Sportpsychologen


 

Die Location – #ELZ,  das Leistungszentrums der E-Sport Organisation Penta Sports

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Bildquelle: Penta Sports

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Müssen wir “böser” werden?

Als ich am Sonntagabend die Fernsehübertragung der Leichtathletik-WM in London verfolgte, gab es zum Final-Wettkampf von David Storl im Kugelstoßen mehrfach einen Hinweis der Kommentatoren, die einen Sportpsychologen, der in der Praxis tätig ist, natürlich stutzig werden lässt. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Storl seit Kurzem mit einem „Mental-Coach“ namens Matthias Große zusammenarbeitet, der ihm dabei helfe, dass er sich „auf das Wesentliche fokussieren könne“ und der ihm den Hinweis gegeben hätte, dass er „viel zu lieb sei“ und „böser werden müsse“.

Zum Thema: Was der Fall David Storl die Sportpsychologie lehren sollte

Nun gut, mal ganz davon abgesehen, was ich von solchen Ratschlägen halte (vor allen Dingen, wenn die auch noch in der Öffentlichkeit breitgetreten werden), interessierte mich natürlich, wer dieser Matthias Große eigentlich ist. Ich dachte, er arbeitet für einen Athleten, der in einem großen Sportspitzenverband organisiert ist und von dem ich weiß, dass dort hervorragend qualifizierte Sportpsychologinnen und Sportpsychologen aktiv sind – dann wird er sicherlich auf der DOSB-Expertendatenbank sein. Ich habe nachgeschaut – Fehlanzeige. Redaktionsleiter Mathias Liebing hat dann im Rahmen seiner journalistischen Recherche beim DLV angefragt, ob Herr Große in irgendeiner Art und Weise vom DLV beschäftigt wird. Die Antwort des DLV war „nein“ (hätte mich auch gewundert, denn finanziert werden im DLV nur qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, die auf der DOSB-Expertendatenbank registriert sind). Was wir aber der Presse entnehmen konnten war, dass Herr Große der Lebensgefährte von Claudia Pechstein ist und als „Unternehmer“ arbeitet.

Das bringt mich dann doch zum Nachdenken. Wie kann es denn sein, dass ein Athlet mit einem „Unternehmer“ im Bereich „Mental-Coaching“ zusammenarbeitet, über dessen Qualifikation in Sachen Mentaltraining oder Sportpsychologie so gut wie nichts bekannt ist? Ich behaupte ja nicht, dass alle in der DOSB-Datenbank registrierten und somit in ihrer Ausbildung als qualitätsgesichert geltenden Kolleginnen und Kollegen die „Coaching und Sportpsychologische Trainingweisheit mit Löffeln gefressen haben“. Auch diese wissen, dass zu einer Zusammenarbeit sehr viel mehr gehört als Fachwissen und ein großer „mentaler Werkzeugkoffer“. Es ist sehr oft die Beziehungsqualität, das Vertrauen und das motivationale Klima, die eine Zusammenarbeit erfolgreich werden lassen – und das kann man eben nicht studieren.

Brauchen wir mehr Öffentlichkeit?

Aber: Ohne Fachwissen in Sachen Diagnostik, Intervention und Evaluation von solchen Maßnahmen geht es eben auch nicht. Man kann unsere Athleten natürlich nicht dazu zwingen, nur mit Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, die ihre Kompetenz qualitätsgesichert nachgewiesen haben, zumal wenn sie diese Berater privat bezahlen. Aber man kann sich als Sportpsychologe natürlich die Frage stellen, ob wir ein Problem in der öffentlichen Darstellung unseres Faches und unserer Arbeit haben.

Und natürlich muss uns die Aussage von David Storl zu denken geben, wenn er sagt, dass er mal bei einer Sportpsychologin war, die jedoch viel zu „theoretisch“ war. Die Auseinandersetzung mit der Qualitätssicherung unseres Berufsfeldes muss nach wie vor aktuell bleiben! Unser Berufsfeld sollte in der Öffentlichkeit noch sehr viel transparenter dargestellt werden und uns muss es noch viel besser gelingen, die Athleten von unseren Fähigkeiten zu überzeugen – nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Praxis, und gerade auch im Bereich des Spitzensports einen Super-Job machen. Viel zu selten sehen wir etwas von deren Arbeit in der Öffentlichkeit, aus welchen Gründen auch immer. Es ist jedenfalls an der Zeit, dies zu ändern und den Markt nicht einer Beliebigkeit zu überlassen.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Vorsicht vor den Gurus!

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