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Dr. René Paasch: Die Entschlüsselung des Siegergens

Sechs Mal in Folge hatte die deutsche Frauenfußball-Nationalelf seit 1995 den Europameisterschaftstitel geholt. Doch im Sommer riss die Serie in den Niederlanden. Im Viertelfinale der UEFA Women’s EURO verlor das Team von Steffi Jones gegen Dänemark – nicht nur die medialen Beobachter monierten eine fehlende Siegermentalität (31.07.17, uefa.com). Ähnliche Aussagen fallen immer wieder von Trainern, Spielern und Funktionären, die ihre verlorenen Spiele damit rechtfertigen wollen. Ich nehme diesen Ball auf und versuche anhand von Eigenschaften Siegertypen und erfolgreiche Mannschaften zu beschreiben.  

Zum Thema: Welche Eigenschaften beschreiben eine ausgeprägte Siegermentalität von Mannschaften und Sportlern?

Was ist Siegermentalität im Fußball? Insbesondere im Fußball zählt nur der Erfolg. Viele Trainer benutzen diesen Begriff, um durch das Fehlen der Siegermentalität eine Niederlage zu rechtfertigen. Doch was ist Siegermentalität eigentlich? Selbst im Internet findet man keine verständliche Definition dazu. Ein erster Überlegungsansatz liegt in der Annahme, dass Fußballer mit Siegermentalität immer gewinnen wollen. Wie beispielsweise Cristiano Ronaldo, der mit seinen physischen Fähigkeiten und seinem Fleiß stetig überzeugt. Doch woher nimmt dieser Weltfußballer seinen unbedingten Siegeswillen? Schließlich war er vor seinen Erfolgen ein normaler Nachwuchskicker mit Talent? Liegt es an den Trainingsmöglichkeiten und dem Trainer- und Funktionsteam, die er im Rahmen seiner Entwicklung nutzen konnte? Ist er mit dem „Siegergen“ schon zur Welt gekommen? So steht man vor vielen Fragen und Ideen, die nicht direkt festzumachen sind. Ich versuche anhand meiner Erfahrungen und empirischer Forschung Ihnen die Siegermentalität im Fußball näher zu erläutern:

Abb. 1: Siegermentalität im Fußball, Paasch (2017)

Für mich steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Siegermentalität angeboren ist oder ob man sie entwickeln kann?

Entscheidend ist nicht nur auf dem Platz

Bundestrainer Joachim Löw sagte vor einiger Zeit im Interview: „Wir haben die nötige Siegermentalität auf und neben den Platz.“ Dieses Zitat macht deutlich, dass sich der Drang zum Sieg nicht nur auf den Fußball, sondern auf allen Lebensbereichen beziehen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt liegt in der Zielsetzung. Die meisten Fußballer und Mannschaften, die erfolgreich waren, gaben im Vorfeld den größtmöglichen Erfolg als Ziel aus. Diese Zielsetzung wird von der Energie begleitet, den sportlichen Weg sehr akribisch zu verfolgen. Damit einher geht die starke Ausrichtung auf den Sieg. Die meisten Leistungskicker und Mannschaften richten ihr gesamtes Leben auf das gesetzte Ziel aus. Sie leben rund um die Uhr für Ihren Traum, das angestrebte Ziel realisieren zu können. Auch wenn das oft bedeutet, Einschränkungen akzeptieren zu müssen.

Der wichtigste Punkt für mich liegt im Umgang der Leistungskicker und Teams mit Widrigkeiten, Problemen und Niederlagen. Aus meiner Erfahrung heraus, sehen sie dies nicht als Problem, sondern als Herausforderung Ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern. Näheres zur Zielsetzung und Umgang mit Problemen finden Sie hier: 

Dr. René Paasch: Per Woop zum Saisonziel

Warum lange Bälle?

Im Fußball stellen viele Trainer ihre taktischen Vorgaben bei einem Rückstand kurz vor Schluss um. Sie agieren vermehrt mit langen Bällen, um das Mittelfeld schnell zu überbrücken. Natürlich funktioniert diese Herangehensweise ab und an. Würde man jedoch bedachter herangehen, dann würde die Mannschaft die taktische Ausrichtung wählen, von dessen Nachhaltigkeit sie überzeugt ist. Denn wenn der Trainer von langen Bällen überzeugt ist, warum lässt er nicht von Anfang an so spielen? In der Charakteristik von Gewinnern gibt es unerlässliche Faktoren, egal ob diese Charakterzüge angeboren oder entwickelt worden sind. Wenn man seinen Sport nicht leidenschaftlich ausführt, wird man nie erfolgreich sein. Wer nicht bereit ist, Ressourcen wie Zeit zu investieren, hat wenige Chancen auf den Erfolg. Ein weiterer Kernpunkt liegt in der Ausrichtung und ganz besonders dann, wenn der Sieg ausbleibt. Es gibt nur wenige Lebensläufe von großen Siegern und erfolgreichen Mannschaften, die nicht auch Rückschläge zu verkraften hatten um dann besser zu werden. Ein weiteres Merkmal ist der Mut. Die Geschichte hat oft gezeigt, dass der Fußball die Mutigen belohnt. In vielen Situationen entscheidet das individuelle und kollektive Selbstvertrauen des Fußballers und der Mannschaft. Die Überzeugung und das Bewusstsein der eigenen Stärken sind wichtige Eigenschaften auf dem Weg zum Erfolg.

Kommen wir nun zu den Mannschaften: Welche Faktoren zeichnen Mannschaften aus, die eine Siegermentalität verkörpern? Die erste Komponente ist eine klare Vorstellung der Spielphilosophie und die transformationale Führung des Trainers. Hat der Verein und der Trainer eine klare Idee davon, wie er die Mannschaft führen will. In diesem Bereich haben vor allem die leistungsorientierten Vereine aufgrund der großen personellen Fluktuation „Trainer & Spieler“ mit einer hohen Kurzfristigkeit zu kämpfen. Ein tolles Beispiel für Langfristigkeit im Fußball ist der Trainer Frank Schmidt von 1. FC Heidenheim, der seit zehn Jahren diesen erfolgreichen Club betreut. Leider kommt dies zu selten vor. Auch die Anzahl an Erfahrungswerten, auf die die Mannschaft zurückgreifen kann, ist relevant. Dabei nutzt man Erfahrungen als Auslöser (verlorene und gewonnene Spiele/Meisterschaften), die das Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten verbessern und verstärken können. Dennoch ist das wiederholte Gewinnen nicht dauerhaft einstellbar. Dies braucht Zeit! Zeit, die Trainer, Spieler und Mannschaften oft nicht haben. Des Weiteren ist die Kommunikation untereinander, die gemeinsame Identität, die gemeinsamen Regeln und Ziele unerlässliche Eigenschaften von echten Teams. Näheres dazu finden Sie über diesen Link: 

Dr. René Paasch: Führung und Teamentwicklung im Fußball

Die Bedeutung von Individualität

Des weiteren  wird sich der Erfolg ohne individuellen Ehrgeiz nicht realisieren lassen. Es muss immer eine Balance zwischen den individuellen Bedürfnissen und den Teambedürfnissen vorherrschen. Dies führt im Idealfall dazu, dass die Mannschaft gestärkt auftritt und keinen Zweifel daran aufkommen lässt, wer erfolgreich sein wird – dies nennen wir dann „Kollektive Selbstwirksamkeit“. Wenn wir uns jetzt der Siegermentalität wissenschaftlich nähern, landen wir schnell beim „Perfektionistischen Streben“. Dies beinhaltet Leistungsmotivation, Volition und Selbstdisziplin (Stoll, O. et al, 2010). Sportler, die das in sich haben, verfolgen hohe persönlichen Standards und zeigen dabei eine „hohe Organisiertheit“. Ähnliche Persönlichkeitseigenschaften konnte beim Nachwuchs festgestellt werden (Holt et al., 2006; Drewitz et al., 2009; Milles et al., 2011).

Fazit

Sowohl bei Leistungskickern als auch bei Mannschaften ist die Entwicklung der Siegermentalität von klaren Eigenschaften abhängig. Diese gilt es, individuell fördern.

 

Literatur

  1. Deutscher Fußball-Bund (DFB), Drewitz, H.-D., Sammer, M., Sandrock, H., Engel, F. & Schott, U. (2009). Talente fordern und fördern! Konzepte und Strukturen vom Kinder- bis zum Spitzenfußball. Münster: Philippka.
  2. Milles, D., Harttgen U., Struck H. (2011). Bewältigungsressourcen und Leistungsentwicklung. Empirische Grundlagen zur komplexen Talent- und Gesundheitsförderung Bewältigungsressourcen und Leistungsentwicklung, in: Leistungssport, 41 (3), S. 41 – 47 S. 41-47
  3. Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Hans Huber Verlag.

 

Thorsten Loch: 11 Freunde müsste ihr sein 2.0

 

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Thorsten Loch: Die unterschätzte Gefahr bei Kopfverletzungen

Was bleibt, wenn wir uns an die ersten sieben Bundesliga-Spieltage der Saison erinnern? Natürlich das frühe Ende von Carlo Ancelotti beim FC Bayern, die Punktekrise beim 1.FC Köln und was noch? Eine Häufung von Kopfverletzungen. Allein Christoph Kramer von Borussia Mönchengladbach hat es gleich mehrfach erwischt. Ob er wohl weiß, dass er sich in ein unkalkulierbares Risiko begeben hat?

Zum Thema: Risiko Kopfverletzung. Leichte traumatische Kopfverletzungen werden im Fussball immer noch oft unterschätzt. Dabei kann ein Fortführen des Spiels und eine zu frühe Rückkehr auf den Platz schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.

Diese Krankenakte hat mich aufmerksam werden lassen: Am vierten Spieltag wurde Christoph Kramer von Leipzigs Naby Keita übel an der Lippe erwischt. Es sah schlimmer aus als es war, gab er später zu Protokoll. Dennoch wurden Erinnerungen an das WM-Finale gegen Argentinien (1:0 n. V.) von 2014 wieder wach. Hier erhielt Kramer einen Ellenbogenschlag gegen die Schläfe und konnte sich nach dem Match nicht mehr an die halbe Stunde erinnern, die er auf dem Platz stand. Am 5. Spieltag erwischte es dem 26-Jährigen gegen den VFB Stuttgart schon wieder am Kopf. In der 22. Minute prallte Kramer mit Stuttgarts Anastasios Donis zusammen und hatte sich dabei eine Platzwunde an der Stirn zugezogen und blutete aus der Nase. Nach einer rund dreiminütigen Behandlungszeit spielte er mit einem blauen Pflaster auf der Stirn und Watte in der Nase bis zur Pause weiter, ehe er wegen Schwindel und Übelkeit passen musste.

„Er hat eine Schädelprellung und einen Riss der Nasenwurzel. Ich habe ihn direkt nach dem Spiel in der Kabine genäht.“  

Teamarzt Stefan Hertl

Wie häufig sind Kopfverletzungen?

Fussball gehört wie Eishockey und Handball zu den Kontaktsportarten, in denen es zu leichten traumatischen Kopfverletzungen kommen kann. Bei der vergangenen Fussball-WM war der Kopf neben dem Oberschenkel die häufigste an die medizinische Abteilung der FIFA gemeldete von einer Verletzung betroffene Körperregion (Junge/Dovrak, 2015). Insgesamt kam es über den Turnierverlauf zu drei Schädelfrakturen und fünf Gehirnerschütterungen, darunter Kramers.

Bei einer Gehirnerschütterung handelt es sich um eine leicht traumatische Kopfverletzung, welche durch eine direkte oder indirekte Krafteinwirkung auf den Kopf verursacht wird. Durch die so ausgelösten komplexen pathophysiologischen Veränderungen kann es zu einer vorübergehenden Störung der Gehirnfunktion kommen (siehe Tab. 1 Beschwerden und Symptome). In etwa 90 Prozent der sportbezogenen Gehirnerschütterung liegt keine Bewusstlosigkeit vor, ein Grund, warum diese häufig nicht erkannt bzw. deren Folgen unterschätzt werden. Dabei ist das Risiko 24 bis 48 Stunden nach einer Gehirnerschütterung für das Auftreten intrakranieller Komplikationen (z.B. Gehirnblutungen) erhöht. Harmon et al. (2013) gehen davon aus, dass nach einer Gehirnerschütterung für einen Zeitraum von etwa sieben bis 14 Tagen von einer gesteigerten Vulnerabilität des Gehirns auszugehen ist. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass ein erneutes Trauma vor dem „Ausheilen“ der Folgen einer ersten Gehirnerschütterung schwerwiegende Konsequenzen haben kann.

Diagnose und Behandlung

Die erfreuliche Nachricht ist, dass bei der Mehrzahl der Gehirnerschütterungen nach etwa sieben bis zehn Tagen Beschwerdefreiheit besteht. Eine Gehirnerschütterung kann somit, muss aber nicht körperliche, psychische und neurokognitive Folgen nach sich ziehen. Hieraus wird deutlich, dass der Prozess der Diagnosestellung und weiteren Behandlungsplan interdisziplinär anzusehen ist. Ist die Diagnose „Gehirnerschütterung“ durch einen Arzt sichergestellt, sollte nach den Handlungsempfehlungen „Leichtes Schädel-Hirn-Trauma im Sport“ (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2015) frühzeitig eine Neuropsychologe konsultiert werden. Diese sind darauf spezialisiert, neurokognitive, verhaltensbezogene und psychische Veränderungen nach Schädel-Hirn-Verletzungen zu diagnostizieren und zu behandeln (Gänsslen/Schmehl, 2015). Eine neuropsychologische Behandlung nach einer Gehirnerschütterung umfasst in Abhängigkeit des Einzelfalls kognitive Rehabilitationsmaßnahmen, kognitiv- verhaltenstherapeutische Interventionen (z.B. Angstreduktion, Reattributionstechniken bei Missinterpretation körperlicher Beschwerden) und ebenfalls Neurofeedback.

Wissensvermittlung als Prävention  

Wie bereits zuvor beschrieben, erfordert eine Behandlung einer Gehirnerschütterung einen interdisziplinären Ansatz. Neben Ärzten, sollten auch Neurologen und/oder Sportpsychologen mit „sport-neuropsychologischer Zusatzausbildung“ (z.B. über die Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie, www.gsnp.eu) mit zu Rate gezogen werden.

Was können jedoch Sportpsychologen konkret ohne jene Zusatzqualifikation tun, um die Rückkehr des Sportlers aus gesundheitlicher Sicht positiv zu beeinflussen? Meiner Meinung nach ist das die Wissensvermittlung über die korrekte Behandlung einer solchen Verletzung und die Sensibilisierung. Das Beispiel Kramer oder auch Leon Goreztka im Viertelfinalspiel gegen Ajax Amsterdam (Link zum Kicker-Text) zeigt, dass gerade im professionellen Bereich häufig fehlendes oder lückenhaftes Wissen über Kopfverletzungen dazu führt, dass diese nicht richtig behandelt werden. So wäre es möglich, den aktuellen diagnostischen und therapeutischen Wissensstand an die Fussballvereine weiterzugeben, etwa über Aufklärungs- und Schulungsmaterialien. Ebenfalls könnte unter motivationalen Gesichtspunkten eine Aufklärung und Sinnhaftigkeit einer neurokognitiven Baseline-Untersuchung bei den Spielern denkbar sein.

Fazit:

Gehirnerschütterungen kommen in Kontaktsportarten relativ häufig vor. Auch im Fussball stellen sie eine nicht zu vernachlässigende Verletzung dar, da körperliche, neurokognitive und psychische Beschwerden resultieren können. Wird eine solche Verletzung nicht richtig erkannt bzw. behandelt, drohen chronische Beschwerden bis hin zum Karriereende. Die Entscheidung, ob ein verletzter Sportler wieder in das Trainings- und Wettkampfgeschehen einsteigt, sollte interdisziplinär (Arzt, Neuropsychologe, Physiotherapeut) erfolgen. Damit dies auch geschieht, könnte der Sportpsychologe im Verein Wissensvermittlung und Sensibilisierungsarbeit betreiben und damit die Gesundheit der Sportler massiv mit beeinflussen.  

Literatur:

Link: Broschüre Leichtes Schädel-Hirn-Trauma

https://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Athletenbrosch%C3%BCren/LSHT_Schaedel_Hirn_Trauma_Sport.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Thorsten Loch: Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation

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Julian Völker: Work hard – dream big (#Warum fragen wir nicht einfach die Besten? – Episode 5)

Bereits in meinem zweiten Interview habe ich mich dazu entschieden, dass ich keine Ringe mehr zählen möchte – obwohl sie wirklich toll aussehen an deiner Hand, Niklas Römer (Link zum Insiderbericht von Niklas Römer). Ich habe mich entschlossen, dass ich Geschichten erzählen möchte, die bereichern. Aber auf meinem Weg zu den besten Vereinen Deutschlands kam es zu besonderen Begegnungen. Da waren Spieler und deren Geschichten, die mich auf besondere Art und Weise berührten und die ich genau deshalb auch erzählen möchte.

Wie diese eine, von dem Spieler, der vor knapp vier Jahren zum ersten Mal einen Football in seinen Händen hielt und es geschafft hat, jetzt schon im besten Teams Europas zu spielen – den New Yorker Lions Braunschweig.

Mich hat also interessiert, wie so etwas möglich ist?

Julian, wie bist du zum Football gekommen?

Ich wurde damals in meiner Ausbildung von einem Arbeitskollegen angesprochen, der selbst Spieler der „Langenfeld Longhorns“ war, ob ich nicht mal Lust hätte, mit zum Training zu kommen? Damals habe ich knapp über 80 Kilogramm gewogen und wurde beim ersten Training als Receiver eingesetzt. Schnell haben allerdings alle gemerkt, dass das wohl nichts geben wird, da ich nach zwei Stunden noch immer keinen einzigen Ball gefangen hatte. Der HC Michael Hap hat mich dann an den Defense Coordinator Frank Hoffmeister weitergegeben, der meinte „ich habe bisher jeden ausgebildet und wir kriegen das schon hin“. Mein Körper war total unzureichend für diese Position und so war ich relativ froh, dass wir als Team erst in der 4. Liga gespielt haben. So konnte ich langsam wachsen und mich langsam an die Steigerungen der Gegner gewöhnen. Wir haben uns stetig höher gearbeitet um dann sogar in die 2. GFL aufzusteigen.

Ich glaube, hätte ich vorher mit dem Football begonnen, wäre ich eventuell nicht dabei geblieben. Früher war ich sehr sprunghaft. Ich habe mich in verschiedensten Sportarten ausprobiert. Sechs Jahre lang habe ich Fußball gespielt, auch kurz Tennis.

Am Football mag ich am meisten den Teamgeist, den gelebten Respekt und den Drill. Im Football hat man die Chance, sich schnell weiterzuentwickeln, wenn man hart arbeitet.

Wann hast du gemerkt, dass für dich mehr geht, dass du mehr willst?

Ich habe mir immer wieder neue, kleine Ziele gesetzt. Mein erstes Ziel war es damals, auf dem Feld nicht über den Haufen gerannt zu werden. Dann war es mein Ziel, dem Team irgendwann als Backup Spieler helfen zu können. Dann wollte ich Starter werden. Ich habe immer wieder gemerkt, dass ich manche Spieler immer wieder recht schnell einholen konnte. Spieler, die schon seit der Jugend Football spielten. Im nächsten Schritt habe ich begonnen, sehr „Football-spezifisch“ Kraft zu trainieren. Weg von der Vorstellung, dass ich nur meine Arme trainiere, um in der Disco gut auszusehen – sondern das zu tun, was ich auf dem Feld brauche.

In der Off-Season vor der ersten Saison in Braunschweig habe ich sicherlich den größten Schritt gemacht. Als ich zum ersten Mal nach Braunschweig kam, in einer Zeit, in der der Verein lediglich lockeres Interesse an mir bekundet hatte, da wurde ich gefragt, was ich denn wiegen würde. Damals waren es 102 kg, da wollte ich Eindruck machen und benannte 105 kg. Daraufhin sagte mein Coach, dass 110kg nicht schlecht wären. So habe ich täglich zwei Mal trainiert und zum Start der Saison brachte ich 113 kg auf die Waage.

Sehr motiviert haben mich immer die Footballcamps. Da treffen sich so viele verschiedene Spieler aus ganz Deutschland. Als dann Menschen wie Raphael Llanos oder Christian Mohr zu mir kamen und mir sagten, wie gut sie mich doch fanden, hat mich das wahnsinnig geehrt. Dort lernt man schnell, weil man von so talentierten Leuten lernt, die mit einem diese Tage verbringen. Seien es Trainer oder auch Spieler.  

Aber hätte Braunschweig kein Interesse an mir bekundet, würde ich 100%ig noch in Langenfeld spielen. Ich hätte es nie gewagt, mich irgendwo zu bewerben – aus mangelndem Selbstbewusstsein im Bereich Football, weil ich einfach noch nicht so lange spiele und weil ich Personen wie Patrick Finke (Link zum Insiderbericht von Patrick Finke) oder Christopher Cauvet niemals um einen Stammplatz herausfordern würde.

Patrick Finke: Sportpsychologie? Damit habe ich noch nie gearbeitet! (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 3)

Ich wäre auch niemals zu einem Verein gewechselt, der gerade oder in Zukunft Konkurrent der Longhorns sein würde – einfach aus Respekt zu meinem Team. Ich würde nie gegen mein altes Team spielen wollen. Für mich ist es keine Option, in ganz Deutschland rumzureisen und für jedes Team eine Saison zu spielen.

Bist du eher ein Teamplayer oder mehr Leader?

Ich glaube ein guter Leader ist auch ein guter Teamplayer. Ich glaube, ich könnte ein guter Leader sein/werden. Ich denke, ich bin ein guter Teamplayer, der manchmal auch die Führung übernehmen kann.

Ich will wissen, was möglich ist!!!!

Was macht deiner Meinung nach die spezielle Mentalität eines Spielers deiner Position aus? 

Anders als auf einigen anderen Position ist man im ständigen Match-Up mit demselben Gegenüber. Offense Tackle gegen Defense End. Deswegen muss man sich immer sicher sein, dass man der Stärkere von beiden ist und seinen Gegenspieler nicht nur körperlich, sondern auch mental dominiert. 
Außerdem ist auch sehr wichtig, dass man diszipliniert ist, um zum Beispiel „Offsides“ zu vermeiden, die an der Linie bei Unkonzentriertheit schnell mal passieren können.

Was muss ein Spieler deiner Position charakterlich mitbringen?

Auf jeden Fall sollte ein Spieler auf meiner Position mentale Stärke mitbringen, was aber sicherlich auf jeder Position auf seine eigene Art und Weise wichtig ist. Außerdem darf man nicht eigennützig sein, sondern muss sich auch damit abfinden, in manchen Fällen die Vorarbeit für die Linebacker zu machen – ohne groß in den Statistiken aufzutauchen.

Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir sportpsychologische Hilfe gewünscht hättest?

Ehrlich gesagt, hab ich es nie in Erwägung gezogen, weil es für mich bisher nie ein Thema war. Bisher ging es in meiner „Karriere“ immer nur bergauf. Keine langwierigen Verletzungen, keine Unzufriedenheit aufgrund von zu wenig Spielzeit oder Ähnlichem. Bisher wusste ich immer, woran es noch fehlt, wenn es mal nicht für einen Starting Platz gereicht hat. Das hat nichts mit mangelnder Motivation zu tun, sondern eher mit realistischer Selbsteinschätzung. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass man an solche Punkte geraten kann, sobald man eines Tages in seiner Leistung stagniert oder mal eine schwere Verletzung wegstecken muss.

Was hast du selbst getan, um nicht nur deinen Körper, sondern auch deinen Kopf immer wieder weiter zu trainieren? 

Gute Frage… Ich glaube, ich habe nie bewusst irgendwelche Methoden angewandt. Ich schaue manchmal einfach in den Spiegel und frage mich, wie weit es noch gehen kann. Wo ich jetzt bin – das hätte ich nie für möglich gehalten. Und warum sollte ich jetzt nicht noch weitere, vermeintlich „unrealistische“ Ziele haben? Ich glaub, auf diese Art und Weise trainiere ich meinen Kopf. Einfach zwischendurch mal darüber nachdenken, wo man herkommt und wo man eventuell noch hinkommen könnte.

Welcher ist dein Glaubenssatz?

Wenn du damit meinst, was mein Motto ist, würde ich mit „hard work pays off“ oder „work hard – dream big“ antworten. Das sind zwei Sprüche, die mich immer verfolgt haben und mit denen ich mich identifizieren kann. Es gibt ja auch noch den Spruch „hard work beats talent, when talent doesn’t work hard“… aber was ist alles möglich, wenn Talent eines Tages auch noch hart arbeitet?

Wie motivierst du dich am besten? Arbeitest du hier mit Videos oder Bildern? 

Ich kann glücklicherweise aus sehr vielen Dingen Motivation ziehen. Ob ich Football Pump-up-Videos, Dokus von erfolgreichen Sportlern oder Sportfilme gucke. Oder wenn mir jemand sagt, dass ich etwas nicht kann. Aber auch wenn ich eine einfache Whatsapp-Unterhaltung mit meinem Bruder über unser jeweiliges Training halte. Das eine motiviert vielleicht eher kurzfristig und weckt Adrenalin in einem, das andere motiviert einen über Wochen, Monate oder sogar Jahre. 

Das ist bei mir wirklich sehr unterschiedlich und abwechslungsreich, bisher hat es selten an Motivation gefehlt.

Was würdest du jungen Sportlern raten?

Sei geduldig und immer hungrig!

Versucht nicht krampfhaft Dinge zu erzwingen. Wenn man hart an etwas arbeitet, dann wird sich das eines Tages auszahlen. Klar, es ist auch immer etwas Glück notwendig, aber das kann man schlussendlich sowieso nicht kontrollieren. Also tut alles dafür, dass ihr nicht auf zu viel Glück angewiesen seid. 

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Ganz wichtig ist noch, dass ihr nicht zu perfektionistisch seid. Klar, das ist für die Entwicklung auch wichtig und man sollte natürlich immer mehr wollen. Aber auf Dauer kann das zu Unzufriedenheit führen und das führt dann eines Tages zu Stillstand in der Entwicklung. Ab und zu einfach mal den „Status quo“ anschauen und mit dem zufrieden sein, was ihr bis dahin erreicht habt. Und wenn ihr nicht zufrieden seid, habt ihr nicht hart genug gearbeitet.

Ist es deiner Meinung nach wünschenswert, dass sich die Sportpsychologie im deutschen Football fest etabliert? 

Definitiv! Jetzt wo ich mich mit dem ganzen auch etwas mehr auseinandersetzen konnte, habe ich gemerkt, dass es auf jeden Fall einigen Leuten enorm weiterhelfen könnte. Es ist natürlich noch nicht vergleichbar mit Sportarten wie Fußball, die viel mehr Präsenz in der Öffentlichkeit haben und wo somit mehr medialer Druck besteht. Aber wenn jemand in einem Formtief steckt, ist es egal ob er 100 € oder 50.000 € mit seinem Sport verdient, oder eben noch viel mehr.

All ihr wundervollen Sportler, ihr fantastischen „Neulinge“, die es in diesem Sport doch gibt.

Seid stolz auf jede einzelne Stufe, die euch hierher gebracht hat!

„Work hard – dream big“ – alles ist für euch möglich!

Eure Miriam

 

 

 

Reaktionen und Feedback:

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Das war’s, Monsieur Constantin!

„Riesen-Eklat“, „Skandal“ oder: „Was die Fussball-Schweiz an diesem Abend gesehen hat, wird um die Welt gehen: Ein Klub-Präsident verprügelt einen TV-Experten und den ehemaligen Trainer der Schweizer Nationalmannschaft.“ Tatsächlich wird die physisch-aggressive Attacke des Sion-Clubpräsidenten Christian Constantin ein breites und internationales Echo erfahren. Insbesondere aus sportethischer Sicht ist zu hoffen, dass diesem widerwärtigen Verhalten vehement und entschlossen begegnet wird. Trotz allgemeiner Entrüstung und grundsätzlichem Konsens bezüglich der Verwerflichkeit der gezeigten physischen Aggression muss sich das System „Spitzensport“ auch fragen: Was lernen wir aus diesem Vorfall und wie kann die Sportpsychologie dabei behilflich sein?  

Zum Thema: Umgang mit Narzissmus im Profi-Sport

Per Definition versucht die Sportpsychologie, menschliches Verhalten im Rahmen sportlicher Aktivitäten zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und zu beeinflussen – und damit das gewonnene Wissen praktisch anzuwenden (Alfermann & Stoll, 2017) Die „innere Logik“ der beschriebenen Eskalation scheint auch aus alltagspsychologischer Sicht klar: Da der seit langem pointiert und zuweilen heftig kritisierende TV-Experte Rolf Fringer – auf der anderen Seite das tief gekränkte Ego eines leidenschaftlichen Fussballclub-Präsidenten Christian Constantin. Das Pulverfass vollends zur Detonation brachte das öffentlich gemachte Statement Fringers im Interview des TV-Sender Teleclub:

«Man muss wirklich sagen, er (Constantin) ist ein Narzisst, schaut nur für sich, hat null Empathie und Gefühle für andere Leute. Deshalb verursacht er das Chaos immer selber. Ich bin schon lange im Fussball. Man hat immer gesagt, er sei ein Farbtupfer in der Liga. Das ist gut für die Boulevardzeitung, dann läuft etwas. Aber mittlerweile muss ich sagen, dass das Ganze fast lächerlich wird. Es ist Jahr für Jahr der gleiche Stuss.»

Quelle: Kick-Off – Die Fussball-Vorschau – RSL Runde 8

Quelle: https://www.nzz.ch/sport/fussball/christian-constantin-ich-habe-rolf-fringer-einen-tritt-in-den-hintern-versetzt-das-hat-mir-gutgetan-ld.1317828

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Offensichtlich wusste Fringer genau, wovon er sprach, als er Christian Constantin als „Narzissten“ beschrieb. In der klinische Psychologie ist von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung dann die Rede, wenn Egozentrik, krankhafte Empfindlichkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen die hervorstechenden und unübersehbaren Merkmale eines Menschen sind.

Die narzisstische Persönlichkeit – ein psychodynamisches Pulverfass!

Ein Narzisst braucht unentwegt seine Zufuhr von Bewunderung. Er beschäftigt sich übermässig mit Themen wie Geld, Macht und Luxus und hält sich überwiegend in der Gesellschaft von Personen auf, die seiner würdig sind und seinem Status gerecht werden. Narzisstische Persönlichkeiten bezeichnen sich selbst für besonders bedeutungsvoll, zeigen ein sehr hohes Bedürfnis nach übermässiger Bestätigung und unkritischer Bewunderung und glauben, Vorrechte gegenüber anderen zu geniessen. Im Umgang mit anderen Menschen wirken sie meist arrogant, treten besserwisserisch auf, verhalten sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ohne Empathie – häufig sogar ausgesprochen ausbeuterisch, indem sie den Nutzen anderer vor allem zum Erreichen eigener Ziele einsetzen.

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Ein Hauptsymptom einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zeigt sich in einer erhöhten Verletztlichkeit. Der Narzisst spürt rachsüchtige Wut als Reaktion auf Kränkungen und persönliche Verletzungen. Er hat das Gefühl, stets im Recht zu sein und hat dabei niemals ein schlechtes Gewissen. Kurzum: Wird der Narzisst von seiner narzisstischen Zufuhr abgeschnitten, reagiert er gereizt, nervös, ungeduldig, launisch, wütend und feindselig.

Schutz vor der zerstörerischen Kraft von Narzissten!

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat viele Gesichter und Ausdrucksformen. Es gibt leichte Formen des Narzissmus, die im Alltag kaum bemerkt werden. Davon unterschieden werden momentane und vorübergehende narzisstische Reaktionen bis hin zu hochgradigen destruktiven Charakterveränderungen. Die Ursachen dieser Persönlichkeitsstörung sind in einer genetischen Veranlagung, aber auch in der Kindheit zu suchen. Hochgradige Ausprägungen dieser Störung gelten als schwierig therapierbar.

Der Umgang mit Narzissten ist im Sport – wie auch in anderen Lebensbereichen – sehr anspruchsvoll. Eine Hauptaufgabe der Angewandten Sportpsychologie kann darin bestehen, potentielle Opfer (häufig auch junge AthletInnen, vgl. Straub, 2017) vor der zerstörerischen Kraft von Narzissten zu schützen. Hierzu kann eine Psychoedukation zu Themen wie Früherkennnung, Umgang und Selbstschutz zweckdienlich sein. In der diagnostischen Abklärung der klinischen Psychologie kommt häufig ein spezifisches Inventar (DSM-IV) zur Anwendung, welches – auch für einen Laien nachvollziehbar – auf den vier „E“-Wesenszügen basiert: Egomanie, eine wahnsinnige Empfindlichkeit, ein Empathie-Mangel sowie die Entwertung anderer.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Cristiano Ronaldo – Gefangen im Perfektionismus?

Gefährliche Ironie

Von einer sportpsychologischen Unterstützung im Umgang mit Narzissten könnten auch Medienschaffende profitieren. Fühlt sich ein Narzisst nicht ernst genommen, so bringt ihn das auf die Palme. Ein in der medialen Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgegebener Egoman wird schäumen vor Wut. Er wertet dies als heftigen Angriff auf seine geniale Person und wird dementsprechend massivste Hass- und Rachegefühle entwickeln. Wie am Beispiel von Rolf Fringers Ausssage überdeutlich wird, sollten Journalisten besser auf Ironie und Spott in ihren Analysen verzichten.

Eine direkte psychotherapeutische und/oder psychiatrische Intervention scheint nur in Fällen angezeigt, wo der Betroffene selbst den Wunsch dazu äußert und zur Selbsterkenntnis findet, an einem krankhaften Verhalten zu leiden. Viel häufiger wird sich der Narzisst aber auf sein grandioses Selbstbild stützen und Fehler oder Ursachen bei anderen suchen wollen.

Ich kann nicht sagen, dass ich es bereue!

Christian Constantin zeigt auch am Tag nach seinem Ausraster keine Reue. Den tätlichen Angriff auf den TV-Experten bezeichnet er in einer mündlichen Stellungnahme weiterhin als legitim. Er habe Fringers Erinnerung auffrischen wollen und eben auf Walliser Art gehandelt. Es sei halt passiert. Seine Devise lautete: „Wenn man attackiert wird, muss man sich wehren. Ich habe ihn gepackt und in den Arsch getreten. Es fühlt sich gut an. Ich regelte es, wie es Kinder tun. Ich kann nicht sagen, dass ich es bereue.“ Er glaubt sich weiterhin im Recht, äussert sich auch weiterhin völlig uneinsichtig.

Constantin ist ein Wiederholungstäter. Schon 2004 wurde er handgreiflich und attackierte einen Schiedsrichter mit einem Fusstritt in den Unterleib. Das Amtsgericht Luzern sprach ihn 2007 der einfachen Körperverletzung schuldig und verhängte eine bedingte Geldstrafe. Physische Gewalt im Alltag ist gesellschaftlich noch stärker geächtet als damals. Das wird der Clubpräsident des FC Sion zu spüren bekommen.

 

Quellen:

Alfermann, D. & Stoll, O. (2017). Sportpsychologie in 12 Lektionen, 5. überarbeitete Auflage. Aachen: Meyer & Meyer.

Straub, G. (2017). Avoid being coach. Spekulationen über elterlichen Narzissmus im Nachwuchsleistungssport. Leistungssport 4/17, S.24-29.

https://www.bluewin.ch/de/sport/fussball/teleclub-artikel/2017/09/constantin-muss-aus-dem-verkehr-gezogen-werden-und-zwar-lebenslang.html

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“Bei Pétanque hängt 70 bis 80% vom Kopf ab”

Vom 21. bis 24. September 2017 finden im französischen Ort Saint-Pierre-lès-Elbeuf die Europameisterschaften im Pétanque statt. Das deutsche Senioren-Team um Marco Lonken, Jannik Schaake, Moritz Rosik und Marco Schumacher (Teammitglied Raphael Gharany war verhindert) träumt im Vorfeld von einer Medaille. Andreas Meyer von „Die Sportpsychologen“ traf die Auswahl bei einem Vorbereitungswettkampf in Düsseldorf und überzeugte sich davon, welchen großen Stellenwert die Sportpsychologie in dieser Randsportart hat. 

Für die-sportpsychologen.de berichten:
Marco Schumacher, Marco Lonken, Jannik Schaake und Moritz Rosik (Interview: Andreas Meyer, zur Profilseite von Andreas)

Könnt ihr mir verraten, wie lange ihr im Pétanque tätig seid, wie ihr dazu gekommen seid und in welchem Verein ihr spielt?

Marco L: Ich spiele jetzt seit drei Jahren für Düsseldorf sur place und habe vorher bei meinem Vater im Verein in Solingen gespielt. Insgesamt spiele ich jetzt seit zehn Jahren Pétanque. Zum Boule gekommen bin ich über meinen Vater. Ich habe in Solingen auf dem Platz gestanden und wurde einfach von jemandem angesprochen, ob ich nicht ein Turnier in NRW spielen möchte. Und so hat es angefangen.

Jannik: Zum Boule spielen kam ich eher durch Zufall im Urlaub auf einem Campingplatz. Dort wurde eine Boule AG angeboten und dort habe ich dann mitgemacht. Mein Onkel spielt auch schon seit Ewigkeiten Boule und ich habe dann dort im Verein angefangen. Das war dann in Waldhofen in der Nähe von Mannheim, dort habe ich zwei Jahre gespielt. Anschließend bin ich nach Sandhofen gegangen, dort habe ich dann zwei Jahre in der Bundesliga gespielt und weitere sieben Jahre in der Landesliga Baden-Württemberg. Nun bin ich seit drei Jahren in Freiburg. Mein Heimatverein und dort wo ich auf dem Platz stehe und trainiere ist aber weiterhin in Sandhofen.

Das Team von links nach rechts: Marco Schumacher (32, Düsseldorf, Sozialpädagogik-Student), Marco Lonken (24, Wuppertal, Servicetechniker), Moritz Rosik (23, Düsseldorf, BWL-Student und Gastronomie-Kaufmann), Jannik Schaake (28, Mannheim, Lehramt Mathematik-Student) und Sportpsychologe Andreas Meyer (es fehlt: Raphael Gharany)

 

Marco: Ich spiele mittlerweile seit 15 Jahren Boule. Bin an die Sportart über meinen Vater rangekommen, das war eine ganz witzige Situation. Der war immer wieder Samstagnachmittags mal nicht zu Hause und ich habe meine Mutter gefragt, was er macht. Sie sagte mir dann, dass er Boule spielen ist und dann bin ich irgendwann einfach mal mitgekommen, habe Spaß daran gefunden und bin dabei geblieben. Mein erstes Turnier habe ich allerdings erst drei Jahre später bestritten, denn ich wusste anfangs nicht einmal, dass so etwas angeboten wird. Unter anderem habe ich bereits für Hannover und Bonn gespielt. Seit zwei Jahren spiele ich nun hier in Düsseldorf.

Moritz: Also, ich spiele seit neun Jahren Boule und bin durch meinen Opa dazu gekommen. Neben unserem Fussballplatz in Lintorf war auch ein Bouleplatz und dann habe ich dort manchmal einfach mitgespielt. Dann hatte ich Glück, dass die Nationaltrainerin in Duisburg gewohnt hat und in Lintorf selber trainiert hat. Sie hat mich an die Hand genommen und angefangen mich zu trainieren und nach einem Jahr durfte ich dann in der Jugendnationalmannschaft spielen. Groß geworden bin ich in Lintorf, spiele aber jetzt seit fünf Jahren für Düsseldorf sur place.

Nun wollen wir uns etwas spezifischer mit eurer Sportart auseinandersetzen. Was sind eurer Meinung nach Faktoren, die man benötigt, wenn man erfolgreich Pétanque spielen möchte?

Jannik: Also, ich würde sagen, es ist auf jeden Fall auch Kopfsache. Ich kenne viele Boulespieler, die im Training gut spielen aber im Turnier an ihre Grenzen stoßen. Nur wenige bringen es auch in engen Situationen auf den Platz, was sie im Training abrufen können. Ansonsten ist es wichtig, dass die Technik da ist.

Moritz: Es ist auch Training, ganz viel Training und viele Turniere spielen, um einen Rhythmus reinzubekommen. Desto mehr Spiele man auf hohem Niveau beschreitet, desto leichter fällt es einem dann auch auf großen Turnieren mit Zuschauen usw. seine Leistung abzurufen. Viele haben Probleme, sobald der Druck ein bisschen steigt, deshalb finde ich spielt das mentale eine große Rolle.

Ich habe rausgehört, dass die mentale Komponente für euch, neben der Technik eine sehr wichtige Rolle spielt. Welche mentalen Aspekte findet ihr denn besonders wichtig?

Marco: Ich finde es ganz wichtig, dass man negative Erlebnisse so schnell wie möglich wieder aus dem Kopf bekommt. Dass man sich nicht, nach einer schlechten Aktion für den Rest des Spiels runterziehen lässt, sondern das schnell wieder aus dem Kopf raus bekommt, um für die nächste Aufgabe fit zu sein.

Moritz: Es ist auch wichtig, dass wir in einen Tunnel kommen und die störenden Einflüsse von rechts und links nicht mehr so wahrnehmen. Es ist gar nicht so einfach, auch wenn man es unbedingt möchte. Eigentlich wäre es gut, wenn man eine Strategie hat, damit einem dieser Schritt leichter fällt. Man versucht sich eine Strategie zurechtzulegen, indem man reflektiert, wie war das, als du das letzte mal im Tunnel warst? Wie genau bist du damals dahin gekommen?

Könnt ihr euch an Beispielsituationen erinnern, in denen ihr solche Aspekte, die ihr einer mentalen Komponente zuschreiben würdet, im Spiel angewendet habt?

Marco L: Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wenn man im Team spielt, dass derjenige, der an der Reihe ist, von seinen Mitspielern Unterstützung erhält.

Moritz: Bei mir persönlich ist es so, dass wenn ich merke, dass etwas nicht gut läuft, dass ich versuche, immer die gleichen Abläufe ablaufen zu lassen. Vor der Weltmeisterschaft in Gent habe ich mich auch mal mit Daniel Dias zusammengesetzt, denn ich weiß, ich habe ein Problem, wenn rechts und links von mir sehr viel los ist. Dann kann ich mich nicht gut konzentrieren. Wir haben dann aufgeschrieben, welche Faktoren mich am meisten beeinflussen und irgendwie hat das geholfen. Aber so explizit mental gearbeitet habe ich eigentlich sonst noch nicht.

Jannik: Ich habe mich zweimal mit der Sportpsychologin vom SV Waldhof Mannheim getroffen, die mir ein paar Tricks verraten hat. Es gibt eigentlich kaum eine Sportart, in der du mehr mit dir selbst redest als im Boule und unheimlich viel nachdenkst, das liegt auch daran, dass du in dieser Sportart so viele Pausen zwischen der eigentlichen sportlichen Handlung hast. Gerade in engen Situationen oder wenn es schlecht läuft wird dieser Zeitraum hinsichtlich Selbstgespräche und Gedankengänge extrem spannend.

Habt ihr Tipps, welche Strategien bei euch wirken, damit ihr euch besser fokussieren und konzentrieren könnt?

Jannik: Bei mir läuft es immer so, dass wenn mal irgendwas nicht geht, dass ich mir dann die Zeit nehme und bewusst aus dem Kreis heraustrete und noch mal vorlaufe, dann ruhig zurückkomme und anschließend meine Kugel spiele.

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Wie geht es euch hinsichtlich der Nervosität?

Marco: Ich finde es schwierig, wenn man nervös ist, aus diesem Zustand wieder herauszukommen. Häufig ist es so, dass man in einer Art Teufelskreis festsitzt, dann wieder eine Kugel festhält und dadurch noch nervöser wird.

Wie schafft ihr es denn, solche Negativserien oder Teufelskreise zu durchbrechen? Was sind eure Strategien hierfür?

Marco L: Ich erinnere mich dann immer an die schönen Momente zurück, wo Dinge gut geklappt haben und erinnere mich daran, dass es mir Spaß macht. Dann geh ich in den Kreis und mach das genauso.

Marco: Oftmals ist es so, dass dann auch ein Positionswechsel nicht verkehrt ist. Wenn man beispielsweise als Tireur gerade nur „locht“ und man sich fühlt sich als hätte man einen Knoten im Arm, dann tut es meist gut, einfach mal zu drehen und mal vorzulegen. Häufig reicht das schon, wenn man das mal ein bis zwei Aufnahmen macht und sich dort wieder Erfolgserlebnisse holt. Danach kann man ja dann wieder zurück auf die Tireur Position wechseln.

Im Pétanque gibt es verschiedene Spielsysteme. Man kann zum Beispiel einzeln im Tête a Tête starten, oder auch gemeinsam im Doublette oder Triplette. Was davon spielt ihr am liebsten und worin unterscheiden sich diese Spielweisen außer an der Personenzahl?

Jannik: Im Triplette kannst du immer mal einen der schlecht spielt ein bisschen „verstecken“. Auf sehr hohem Niveau geht das dann allerdings nicht mehr. Wenn im Doublette einer schlecht spielt, wird es schon sehr schwer, ein Spiel gegen einen guten Gegner dennoch offen zu gestalten. Und im Tête bist dann wirklich von deiner Leistung abhängig, da kann dir von außen erstmal keiner helfen.

Marco: Das Angebot an Tête Turnieren ist hier in Deutschland auch sehr begrenzt, sodass man meistens als Doublette oder Triplette startet.

Wenn ihr im Doublette oder Triplette startet, wie gestaltet ihr da eure Kommunikation? Wer trifft die Entscheidungen? Gibt es einen Kapitän, der das letzte Wort hat?

Marco: Meiner Ansicht nach ist es am besten, wenn so wenig wie möglich geredet wird, denn dann ist eigentlich immer die Situation klar. Wenn man über jede Kugel anfängt zu diskutieren, dann stimmt im Team irgendwas nicht. Es gibt im Spiel eigentlich nur wenige Situationen, in denen es nicht direkt klar ist, wie man weiter vorgeht. Ich als Coach werde im Schnitt pro Spiel vielleicht einmal gefragt, wenn überhaupt.

Und die Rolle des Teamcaptain, die wechselt auch häufig während eines Turniers oder sogar innerhalb eines Spiels einmal. Wenn jetzt beispielsweise Moritz einen schlechten Tag hat und Jannik und Marco spielen sehr gut, dann wird sich Moritz auch automatisch etwas mehr zurückhalten. Das ergibt sich meistens auch so im Spiel, dass der, der gerade am stärksten ist, auch die Führung übernimmt.

Jannik: Richtig! Das ergibt sich und ist nicht unbedingt vorher festgelegt.

Marco L: Es gibt aber auch andere Rollen, zum Beispiel ist es klar, dass derjenige bei knappen Entscheidungen misst, der keine Kugeln mehr hat, damit derjenige mit Kugeln in seinem Tunnel bleiben kann.

Marco, du bist ja Coach der Mannschaft. Ich habe es so rausgehört, dass du eher eine passive Rolle einnimmst und nicht so oft von außen eingreifst. In welchen Situationen kommt es denn vor, dass dich die Spieler um deinen Rat fragen?

Marco: Es sind, wenn dann irgendwelche taktischen Geschichten. Am ehesten passiert so etwas im Triplette, da stehen sich am ehesten mal zwei Meinungen gegenüber und ich werde zu Rate gezogen. Von außen eingreifen tue ich nur, wenn ich merke, dass taktisch etwas völlig falsch läuft. Beispielsweise wenn ich von außen das Gefühl habe, dass die Spieler eingeschüchtert sind und viel zu defensiv spielen. Ansonsten halte ich mich sehr zurück, denn ich war auch selbst mal Spieler und habe es schrecklich gefunden, wenn man sich von außen immer wieder ungefragt einmischt. Das will ich also vermeiden.

Moritz: Aber es gibt auch weitere Rollen des Coaches, die er einnimmt, beispielsweise zwischen den Spielen. Das ist ganz wichtig, da haben wir einen Ansprechpartner, da können wir hingehen, der sieht das Geschehen von außen. Außerdem hat das bei uns auch schon eher freundschaftlichen Charakter, das erleichtert vieles und wir vertrauen auch einander, das ist ein riesen Vorteil bei uns in der Mannschaft. Man kann auch mal Spaß machen miteinander, das hilft.

Marco L: Marco kümmert sich auch um uns, wenn wir Bedürfnisse haben. Er merkt es zum Beispiel auch, wenn er uns mal aufbauen muss.

Wie seht ihr die Sportpsychologie im Pétanque in Deutschland und was denkt ihr, machen die großen Nationen wie Frankreich oder Belgien?

Marco: Ich könnte mir schon vorstellen, dass da Frankreich mehr macht als hier bei uns. Die versuchen alles rauszuholen, was geht.

Jannik: Hier in Deutschland würde ich sagen, ist es eher noch gar nicht integriert.

Moritz: Also ich bin mir sicher, dass die Franzosen auch mentales Training machen. Die haben immer auch Physiotherapeuten und einen Arzt dabei. Die kommen ja immer mit einer ganzen Truppe, auch mit Leuten, die die Spiele filmen und mitschreiben. Also die werden sicherlich auch mentales Training machen, die sind auch immer so abgebrüht. Das nicht nur hin und wieder, sondern sie bewegen sich einfach immer konstant auf hohem Niveau.

Denkt ihr Deutschland hat in dieser Hinsicht Nachholbedarf? Seht ihr in dem Training mentaler Fähigkeiten eine Möglichkeit den Sport voranzutreiben?

Jannik: Ja, das denke ich schon. Ich kenne auch Spieler, die genau das momentan sehr gut gebrauchen könnten. Da gibt es super gute Spieler, die das was sie können, einfach nicht mehr auf den Platz bringen und da einfach im Kopf nicht stark genug sind. Bei mir persönlich war das auch so, dass ich Probleme in dieser Hinsicht hatte und ich war froh, dass ich jemand hatte, der mir da geholfen hat. Es wäre ein großer Vorteil, wenn man dort einen hat, der Hilfe anbietet.

Marco: Das denke ich auch. Denn gerade bei Pétanque auf hohem Niveau hängt 70-80% vom Kopf ab. Von daher wäre es eine gute Möglichkeit, die Spieler auf hohem Niveau stabiler zu machen.

Wo liegen in eurer Mannschaft die Stärken?

Moritz: Wir verstehen uns auch sehr gut privat, das ist schon mal ganz wichtig. Wir haben auch keine großen Differenzen, die sich auf unser Spiel auswirken können. Außerdem schätzen wir uns als Spieler gegenseitig und wissen, was der andere kann. Zudem haben wir einen super Coach dabei, mit dem man auch Spaß haben kann. Und wir wissen auch, dass wenn wir unser Potenzial abrufen, dass wir jeden schlagen können, auch die Großen. Wir müssen uns da nicht verstecken.

Habt ihr für die Europameisterschaft ein gemeinsames Ziel?

Jannik: Natürlich gehen wir mit der Einstellung ran, dass wir jedes Spiel gewinnen wollen. Wenn dann nachher eine Medaille dabei herauskommt, dann sind wir mit Sicherheit sehr zufrieden.

Moritz: Das sehe ich auch so, wieder eine Medaille zu gewinnen wäre schon super.

Marco: Ich denke, da sind wir uns als Team einig!

Ich danke euch, dass ihr euch die Zeit genommen habt und euch auf dieses Interview eingelassen habt. Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Europameisterschaft!

 

Mehr Infos zum Deutschen Verband und zur Europameisterschaft 2017:

http://deutscher-petanque-verband.de/europameisterschaft-2017-maenner-und-espoirs-frauen-und-maenner/

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Dr. René Paasch: Richtiger Konkurrenzkampf

Ein Jahr vor der WM 2018 in Russland hat Bundestrainer Joachim Löw die erwünschte Konkurrenzsituation. Die Confed-Cup-Sieger machen ordentlich Druck auf die Weltmeister. Der Bundestrainer begrüßt den internen Druck. Ich nehme diesen Ball auf und erkläre aus sportpsychologischer Sicht die Notwendigkeit kontinuierlicher Reibung und gegenseitigem Vertrauen.

Zum Thema: Fördert der Konkurrenzkampf und das Vertrauen die kontinuierliche Leistungsfähigkeit im Fußball?

Konkurrenz belebt den Leistungssport. Eine solche Situation kann anspornen, den Ehrgeiz wecken und Innovationen hervorbringen. Zu viel davon kann aber Leistung und Entwicklung gefährden. Vor allem unter Teamkollegen: Wenn Neid, Konkurrenzdenken und Rivalität Überhand nehmen, entstehen daraus schnell Ellbogenkämpfe und Intrigen. Nicht jeder nimmt das sportlich und erträgt es auf Dauer.

Diesen Effekt konnten Forscher der Universität von Saskatchewan in einem Experiment nachweisen. Sie wollten wissen, ob ein direkter Leistungsvergleich die Trainingsintensität und -dauer der Probanden steigern kann? Dazu teilten sie 68 Probanden (darunter neun Männer, Durchschnittsalter 40 Jahre) in zwei Gruppen. Die Aufgabe: So lange wie möglich in einem Ganzkörperstütz auf Ellenbogen und Füßen, parallel zum Boden verharren. Zwei Mal hintereinander, unterbrochen von einer dreiminütigen Pause. Die eine Gruppe bekam in der Pause die Information, dass 80 Prozent der Mitglieder, die sich auf einem vergleichbaren Trainingslevel befinden, beim zweiten Durchgang 20 Prozent länger durchgehalten haben. Der anderen Hälfte der Probanden wurde in der Pause nichts gesagt.

Elvina Abdullaeva: Danke deinem Konkurrenten!

Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit

Die Forscher hatten gehofft, durch die Ansage die Motivation der Probanden und damit auch ihre Leistung im zweiten Durchgang zu steigern. Genau das trat ein: Die „informierte“ Gruppe der Teilnehmer hielt beim zweiten Anlauf um fünf Prozent länger als beim ersten Mal. Ein erstaunliches Ergebnis. Die Durchhaltezeit der Kontrollgruppe war beim zweiten Durchgang um 18 Prozent kürzer. Die Probanden in der ersten Gruppe zeigten zudem ein größeres Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit.

Der Konkurrenzkampf ist somit ein wichtiger Begleiter, der uns in die Wiege gelegt worden ist. Schon Kinder vergleichen und messen sich im Spiel. In der Schule wird es teils durch Wettbewerbe und Noten gefestigt und setzt sich schließlich in der Ausbildung und im Sport fort. Seien Sie dankbar für die Reibung Ihrer Mannschaft: Denn der Vergleich hilft schließlich auch bei der eigenen Standortbestimmung und kontinuierlichen Entwicklung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das gesehene und geführte Vertrauen.  

Vertrauen für mehr Leistungsfähigkeit  

„Wenn ich nicht von Anfang an spiele, dann habe ich schon etwas verloren?“ – Nein! Tatsächlich kann gerade die gemeinsame Freude über einen Erfolg und die Entwicklung von Mannschaftskollegen mehr erreichen als Neid auf Teamkollegen. Denken Sie beispielsweise an den sogenannten Rosenthal-Effekt/Pygmalion-Effekt: Im Jahr 1963 unterzogen sich 18 Grundschüler einem Experiment nach dem amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal: Deren Lehrern wurde gesagt, diese Kinder seien ausgewählt worden, weil sie besonders begabt seien. Als acht Monate später an dieser Schule ein Intelligenztest durchgeführt wurde, schnitten genau diese Schüler besser ab als alle anderen. Das Besondere daran: Die Geschichte war erfunden – die Schüler waren lediglich eine Zufallsauswahl, so begabt wie jeder andere auch. Allerdings hatten ihnen ihre Lehrer besonders gute Leistungen zugetraut – und sie sich selbst somit auch. Die Ergebnisse Rosenthals konnten über viele Jahre und an vielen verschiedenen Schulen repliziert werden (Aronson,  E, Wilson, T.D.  Akert, R.M., 2004). Dabei führten etwa 40 Prozent der Wiederholungen des Experiments zu den erwarteten Ergebnissen.   

Dr. René Paasch: Mit Gruppenbildung zum Erfolg

Nutzen Sie diesen Effekt, indem Sie Ihren Leistungskickern, eine besondere Behandlung (besondere Hilfestellungen, häufigeres Zunicken/Zulächeln, regelmäßige Gespräche und individuelle Trainingspläne) zukommen lassen. Das führt dazu, dass Sie immer mehr an sich und Ihre Fähigkeiten glauben. Dieser Effekt kann auch dann eintreten, wenn es sich „nur“ um einen Durchschnittsschüler handelt. Diese Herangehensweise könnte somit einen Mehrwert für alle Spielklassen im Fußball bedeuten.

Fazit:  

Solange alle Sportler die Konkurrenzsituation sportlich nehmen und sich an Fair-Play-Regeln halten, kann ein Konkurrenzkampf beflügeln und Wachstum hervorbringen. Auch im Amateur – und Leistungssport wird der Rosenthal-Effekt durch das Erwecken einer positiven Erwartungshaltung bestärkt. Hier führt die positive Energie des Überzeugten dazu, dass der Cheftrainer ebenfalls an das Gelingen glaubt und sich mit dieser Motivation um seine Mannschaft und Spieler kümmert. Dadurch wiederum wird das Selbstbewusstsein positiv beeinflusst und die Leistungsfähigkeit gesteigert. Ein gegenseitiger Nutzen für Trainer und Spieler.

Joachim Löw macht Ihnen als Trainer vor, wie sich der Konkurrenzkampf effektiv und gewinnbringend für alle Beteiligten auswirken kann. Wenn Sie Fragen haben, wie Sie dieses Handwerkszeug in Ihre tägliche Arbeit einbauen können, meine Kollegen und ich stehen Ihnen gern zur Verfügung:

Zum Profil von Dr. René Paasch

Zu den Profilen von Die Sportpsychologen

 

Literatur

Aronson,  E, Wilson, T.D.  Akert, R.M.  (2004): Sozialpsychologie. 4. Auflage. Pearson Studium, ISBN 3-8273-7084-1, S. 23

Rosenthal, R. Fode, K. L. (1963): The Effect of Experimenter Bias on the Performance of the Albino Rat“, in: Behavioral Science 8, S. 183-189.

Internet: https://digest.bps.org.uk/2014/08/18/the-simple-piece-of-information-that-could-dramatically-increase-your-muscular-endurance/

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Markus Gretz: Teamwork makes the dream work

Slowenien hat das Finale der Eurobasket 2017 gewonnen. Im dramatischen Endspiel gegen Serbien behielt das Team um NBA-Star Goran Dragic mit 93:85 die Oberhand. In einigen Medienberichten wird der Europameistertitel vorrangig der Performance des Topspielers Dragic zugeschrieben. Allerdings lieferten die Slowenen im gesamten Turnierverlauf eine grandiose Mannschaftsleistung. Zumal der NBA-Star in den Schlussminuten des Finales von Istanbul sogar zuschauen musste.    

Zum Thema: Psychologische Faktoren für das Zusammenspiel im Team

Das Stichwort für beide Finalteilnehmer war „Team“, denn sowohl Slowenien als auch Serbien konnten schon im Halbfinale ihre Gegner besonders durch eine geschlossene Mannschaftsleistung bezwingen. Beide Teams hatten in den Halbfinals deutlich mehr Assists (Vorlagen) als der Gegner. Während bei den Spaniern nur drei Spieler zweistellig punkteten, konnten sich bei den Slowenen fünf Spieler mit mindestens zehn Punkten in die Statistik eintragen. Auch bei Serbien punktete jeder Spieler, der mehr als eine Minute auf dem Spielfeld stand.

Das Zusammenspiel im Team war also in beiden Halbfinalspielen ausschlaggebend für den Erfolg. Als Sportpsychologen fragen wir uns deshalb oft, was sind die psychologischen Faktoren, die dieses Zusammenspiel beeinflussen und wie können wir diese steigern?

Kohäsion und Vertrauen

Zum einen gibt es in der Sportpsychologie die sozialpsychologischen Phänomene der Gruppen-Kohäsion. Damit ist der Zusammenhalt in Gruppen gemeint. Sportpsychologisch ist es besonders sinnvoll, zwischen aufgabenspezifischer und sozialer Kohäsion zu unterscheiden. Forscher konnten herausfinden, dass vor allem die aufgabenspezifische Kohäsion zu einer besseren Leistung führt. Allerdings hängen soziale und aufgabenspezifische Kohäsion auch stark zusammen und können sich gegenseitig beeinflussen. Die aufgabenspezifische Kohäsion wird vor allem davon beeinflusst, ob man ein gemeinsames Ziel hat und alle Gruppenmitglieder dieses gemeinsame Ziel auch im gleichen Maße verfolgen.

Ein zweiter Faktor, der das Zusammenspiel beeinflusst, ist Vertrauen. Oft hört man in Sportsendungen, dass ein Sportler vermutlich besonders gute Leistungen vollbringen konnte, weil er mit Selbstvertrauen aufgetreten ist. In einem Team ist sowohl das Selbstvertrauen der Einzelakteure von Bedeutung als auch das Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitspieler. Die entscheidende Vorlage wird schließlich nur gespielt, wenn man dem Mitspieler auch vertraut, dass er sie verwerten kann. Dennis Schröder, der Anführer und Topscorer der deutschen Mannschaft, die im Viertelfinale am Turnierfavoriten Spanien scheiterte, sagte vor der EM in einem Interview mit dem Basketball-Medium BiG zum Beispiel, dass es für ihn am wichtigsten sei, dass ihm die Mitspieler vertrauten.

Zweifelhaftes Teambuilding

Für Mannschaften ist es demnach besonders wichtig, diese beiden Faktoren zu entwickeln und zu stärken, um im Spiel das Zusammenspiel zu verbessern. In der Vorbereitung auf ein Turnier oder die kommende Saison bietet es sich deshalb an, auch das Teambuilding aktiv voranzutreiben. Etwas abgenutzt sind Teamevents im Klettergarten oder im Raftingboot. Vor allem, wenn sie im Anschluss nicht gut ausgewertet werden, ist der Nutzen von solchen Veranstaltungen oft zweifelhaft.

Entsprechend halten der deutsche Bundestrainer Chris Flemming und Center Johannes Voigtmann laut einem Interview des Centers in der BiG nicht viel von solchen Maßnahmen. Viel wichtiger ist es, mit einer Mannschaft über das gemeinsame Ziel zu sprechen und zu überlegen, welchen Beitrag jeder Einzelne dafür leisten kann und leisten muss. Dadurch kann nämlich die aufgabenspezifische Kohäsion direkter beeinflusst werden. Wenn alle wissen, dass auch die Mitspieler dasselbe Ziel haben, ist es einfacher, Verantwortung aufzuteilen. Anstatt dem Spruch „Teamwork makes the dream work.“ könnte man also auch sagen „A dream makes the Teamwork”.

Auswertung wird oft vernachlässigt

Außerdem muss an dem Vertrauen der Spieler untereinander gearbeitet werden. Auch hierfür gibt es zahlreiche ausgelutschte Teambuilding-Übungen, bei denen man sich beispielsweise mit geschlossenen Augen in die Arme des Mitspielers fallen lassen muss. Wie auch beim Klettergarten ist dabei vor allem die Auswertung solcher Übungen ausschlaggebend. Viel direkter kann auf das spielspezifische Vertrauen eingegangen werden, wenn man die Spieler beispielsweise eine Liste über die Stärken der Mitspieler anfertigen lässt oder über die Stärken und Schwächen gemeinsam spricht. Diese und ähnliche Übungen schaffen oft eine deutlich bessere und schnellere Übertragbarkeit auf das Spiel als unspezifische Vertrauensspielchen.

Im EM-Finale war Dragic mit 35 Punkten zwar der beste Werfer bei den Slowenen, allerdings zeigte auch diese Partie, wie viel Wert das funktionierende Zusammenspiel im Team hat. Als der NBA-Star in den Schlussminuten am Ende seine Kräfte war, übernahmen andere Spieler die Verantwortung und brachten den historischen Sieg für Slowenien ins Ziel. Also doch: „Teamwork makes the dream work.“

Markus Gretz: Rituale im Basketball

 

Quellen:

Alfermann, D. & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie. Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (Sportwissenschaft studieren, 4) (2. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.

Baumann, S. (2002). Mannschaftspsychologie. Methoden und Techniken (2. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer.

BiG – Basketball in Germany – das Magazin #67

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Dr. Christian Reinhardt: Müssen Sportler gierig sein?

Einst war „Gier“ eines der Lieblingswörter von Jürgen Klopp. In seiner erfolgreichen Phase als Trainer von Borussia Dortmund strapazierte er den Begriff häufig – und dies nicht nur im Dialog mit den Medien sondern auch in der Kommunikation mit der Mannschaft. In den weniger erfolgreichen Tagen verschwand die Vokabel immer mehr im Hintergrund. Kein Wunder, denn es ist eine unheimlich schwere Aufgabe für Sportler, Gier zu konservieren. 

Zum Thema: Warum dauerhaft erfolgreiche Athleten gierig bleiben müssen und wie sie das anstellen können?

Mehr dazu im Video-Blog von Dr. Christian Reinhardt:

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Im Zusammenhang zum Thema sind folgende Beiträge auch interessant:

Christian Hoverath: Den Match-Tie-Break meistern

Dr. René Paasch: Resilienz im Fußball

 

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Cristina Baldasarre: Motivation im Nachwuchsleistungssport

Für die-sportpsychologen hat Cristina Baldasarre die beiden Schweizer Eiskunstlauftalente Valeria und Talia zu einer Trainingslagerwoche nach Lugano begleitet. Die Sportpsychologin aus Zürich wollte herausfinden, wie sich die Motivation der beiden elf- und zwölfjährigen Mädchen im Laufe der Tage entwickelt. Das Ergebnis hat die Mutter einer der beiden Sportlerinnen und Profilinhaberin von die-sportpsychologen durchaus überrascht. Mehr dazu in unserer Multimedia-Story:

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Feedback und Anmerkungen: 

Wir freuen uns auf Ihre Resonanz. Sollten Sie direkten Kontakt zu Cristina Baldasarre aufnehmen wollen, nutzen Sie bitte ihre Profilseite: http://die-sportpsychologen.ch/profile/cristina.baldasarre/

Für alle weiteren Anfragen stehen Ihnen Projektleiter Philippe Müller und Redaktionsleiter Mathias Liebing zur Verfügung:

Philippe Müller
Projektleiter

mobil: +41 79 910 39 40
mail: p.mueller@die-sportpsychologen.ch

Mathias Liebing
Redaktionsleiter

mobil: +49 170 9615287
mail: m.liebing@die-sportpsychologen.de

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Thorsten Loch: Leistungsabfall unter Druck

„Katastrophal“. Das war der einzig für Alexander Zverev zulässige Begriff für die Beurteilung seiner Leistung in der zweiten Runde der US Open, welcher der Hamburger im Jahr 2017 ursprünglich gewinnen wollte. Mit 6:3, 5:7, 6:7(1), 6:7(4) verlor die neue deutsche Tennishoffnung gegen Borna Coric aus Kroatien. Der 20-jährige Zverev gehört zweifelsohne zu den besten Spielern auf diesem Planeten. Jedoch stelle ich mir die Frage, weshalb er trotz seines Talents, dem Ehrgeiz und den ersten Erfolgen auf größeren Turnieren bis dato noch nie die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht hat? Es scheint so, dass ausgerechnet dann, wenn es besonders wichtig ist und/oder es gerade nicht seinen Vorstellungen läuft, Zverev zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Dieses Problem hat der Hamburger aber nicht exklusiv.

Zum Thema: Welche Ursachen sorgen dafür, dass so genanntes Choking under pressure entstehen kann?

Auszug aus dem Filmbeitrag Im Körper der Topathleten (Arte 2008):

„Nach einer nur vierjährigen Sprinterlaufbahn lief Asafa Powell 2005 seinen ersten 100-Meter-Weltrekord: 9,77 Sekunden. Im darauffolgenden Jahr gelang ihm die gleiche Zeit noch zweimal. Im September 2007 brach er dann mit schier unglaublichen 9,74 Sekunden seinen eigenen Rekord. Damit stellte Powell als erster Athlet überhaupt vier offiziell anerkannte Weltrekorde auf. Als Powells Stärke gilt sein explosionsartiger Start. In der zweiten Hälfte der Kurzdistanz ist seine Sprinttechnik durch eine Kombination von langen und schnellen Schritten gekennzeichnet… Asafa Powells athletischer Körper ist für den Sprint wie geschaffen, doch Goldmedaillen und olympische Ehren blieben dem Athleten bisher versagt. Warum gewinnt er keine großen Wettkämpfe? Spezialisten erklären dies damit, dass Powell möglicherweise an muskulärer „Koativierung“ leidet, einem oft durch Extremstress verursachten Phänomen. Wenn ein Läufer unter großen psychischen Druck steht und sein Gehirn seinen Muskeln befiehlt, sich immer schneller zu bewegen, kann es durch diese Signale zu einer Störung der natürlichen, rhythmischen Muskelaktivierung kommen.“

In der Literatur lassen unterschiedliche Erklärungsansätze für jenen Leistungsabfall finden. Eine unter ihnen, ist die so genannte Selbstaufmerksamkeit, welche postuliert das Choking auf einem Anstieg dieser beruht. Der wahrgenommene Druck führt dazu, dass Angst vor dem Versagen entsteht, die wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit auslöst. Der Beginn des Teufelskreises. Erhöhter Selbstaufmerksamkeit hat zur Folge, dass die Bewegung (z.B. Aufschlag) nicht mehr automatisiert ausgeführt wird, sondern die Athleten plötzlich bewusst darauf achten, wie die Bewegung ablaufen soll(te). Sie denken also über die Bewegung bewusst nach. Paradoxerweise zieht eine erhöhte Aufmerksamkeit nach sich, dass Bewegungen nicht optimal ablaufen können und somit die Performance stören. Wie an dem Beispiel Powell beschrieben wird dieses kognitive Eingreifen in bereits auf automatisiertem Niveau ablaufende Bewegungen als Koaktivierung beschrieben. Bei Zeverev konnte man beobachten, dass er mit jedem Fehler wütender und verkrampfter wurde.

„Wenn es dann nicht perfekt läuft, dann macht er sich Gedanken.“

Bruder Mischa Zverev

Was kann man tun, wenn man unter Druck zu einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit neigt und diese den Leistungsabfall verursacht?

Die erlebte Misserfolgsangst sorgt dafür, dass der Fokus auf mögliche Fehler gerichtet wird, die unbedingt vermieden werden sollen. Sätze wie „Jetzt bloß keinen Doppelfehler machen“ nähren den Boden für Vermeidungshandlungen, die sich in die üblichen Handlungsketten einschleichen und die optimale Ausführungen stören (Stichwort: selbsterfüllende Prophezeiung). Was ist nun zu tun bei Athleten, die aufgrund des wahrgenommenen Drucks glauben, Erfolg haben zu müssen bzw. keinen Misserfolg zulassen dürfen. Der Schlüssel liegt in der kognitiven Kontrolle.

The only one who actually listens to me #lövik #puppylove

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Zum einen kann auch hier das Training von Drucksituationen sinnvoll sein, etwa indem im Training Wettkampfdruck erzeugt wird oder plötzliche kritische Situationen geübt werden (z.B. Anwesenheit wichtiger Beobachter). Zusätzlich sollten Athleten lernen, eine Kurzentspannung im Wettkampf anwenden zu können, beispielsweise Atementspannung oder eine kognitive Entspannungsroutine (z.B. Selbstinstruktion „ganz ruhig“). Beckmann und Elbe (2008) sprechen in diesem Zusammenhang von so genannten Grundlagenfähigkeiten, welcher jeder Sportler beherrschen sollte. Darüber hinaus können Selbstinstruktionen helfen, die die automatisierte Bewegung unterstützen. Es gibt eine Vielzahl von Techniken, wie man so genannte Selbstgespräche konstruktiv regulieren kann (vgl. Leisinger, 2008). Allerdings ist sich nicht jeder Athlet sich seiner Selbstgespräche bewusst. In einem ersten Schritt geht es darum, den Sportler für seine Selbstgespräche zu sensibilisieren. Um z.B. einer Golferin deutlich zu machen, wie häufig sie negative Gedanken in Form von Selbstgesprächen auf dem Golfplatz mit sich herumträgt, haben Owens und Bunker (1989) sie aufgefordert, 100 Papierschnipsel in ihre vordere Hosentasche zu stecken, mit der Anweisung, nach jedem negativen Gedanken einen Papierschnipsel rauszuziehen und in die hintere Hosentasche zu stecken. Nach einer Platzrunde mit 84 Schlägen hatten sich 87 Papierschnipsel in der hinteren Tasche gesammelt. Ist sich der Sportler seiner Selbstgespräche bewusst, kann mit dem eigentlichen Training begonnen werden.

Selbstgesprächsregulation

Stellvertretend für eine Möglichkeit der Selbstgesprächsregulation wird die Umwandlung vom negativen zum positiven Selbstgespräch näher erläutert. Weinberg (2007) empfiehlt hierfür folgende Vorgehensweise: Zuerst sollen alle negativen Gedanken, die die sportliche Leistung beeinträchtigen oder die zu unerwünschtem Verhalten führen, aufgelistet werden. Ziel ist es, Situationen und Ursachen negativer Gedanken zu erkennen. Dann soll die negative Aussage durch eine positive ersetzt werden und in einer Tabelle gegenübergestellt werden.

Folgende Richtlinien sollten nach Weinberg (2007) beachtet werden:

  1. Erst im Training und dann im Wettkampf üben, die meisten negativen Gedanken entstehen unter Stress.
  2. Versuche den stressverursachenden negativen Gedanken für einen Moment festzuhalten und anschließend tief einzuatmen.
  3. Tief ausatmen und den positiven Gedanken wiederholen.

Fazit

Vor Leistungsabfall unter Druck ist niemand gefeit. Je nach Sportart und Wettkampf kann dies auch durchaus als normale Begleiterscheinung gelten. Entscheidend ist jedoch, sich während des Wettkampfs wieder zu fangen. Dazu bietet die angewandte Sportpsychologie dem Athleten unterschiedliche Trainingstechniken und Möglichkeiten. Das diese durchaus möglich ist und nicht nur graue Theorie, zeigt uns Roger Federer. Zu Beginn seiner Karriere schimpfte dieser ebenfalls des Öfteren über einfache Fehler und verhalf dem Gegner somit zu leichten Punktgewinnen. Beobachtet man nun diesen zugegebenermaßen Ausnahmeathleten, gewinnt man bei ihm nie den Eindruck – auch wenn es einmal nicht so läuft – dass er nervös wird und Angst vor dem Verlieren hat.

Entscheidend für Zverev ist jedoch die Tendenz, welche hoffen lässt. Der Vergleich seiner Leistungen aus den vorherigen Jahren, gelingt es ihm schon besser, mit Misserfolgserlebnissen umzugehen. Wir dürfen gespannt sein, ob Zeverev es gelingt, seinen Traum zu verwirklichen, denn das Potential dazu hat er allemal, wenn er sich die Entwicklung von Roger Federer zum Vorbild nimmt.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Owens, D./Bunker, L. (1989). Golf: steps to success. Leisure Press, University of Virginia.

Weinberg, R. S. (2007). Foundations of sport and exercise psychology. (4. Ed.) Champaign, IL: Human Kinetics.

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