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Tim Eissler: Viele Fußballer leiden unter dem wachsenden Druck, den Digitalisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung verursachen

Premiere: Am ersten Juni-Wochenende stellen die Sportpsychologen ihre „rote Couch“ erstmals in einem Fußballstadion auf. Im Bochumer Vonovia Ruhrstadion findet am 2. und 3. Juni „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ statt, zu dem zahlreiche Sportpsychologen und Mentaltrainer sowie Spieler, Trainer, Funktionäre, Spielerberater, Journalisten und Unternehmer erwartet werden.

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Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

Einer der Gäste ist Tim Eissler, Gründer der Spielerberatungsagentur YouSports (Link zu YouSports), der im Interview mit Die Sportpsychologen erklärt, weshalb er mentale Aspekte in der Betreuung von Nachwuchs- und Profifußballern für unheimlich wichtig und noch immer unterrepräsentiert ansieht.

Tim Eissler, in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren erlebte der professionelle Fußball eine Revolution in Sachen Athletik und Taktik. Warum kommt aus Ihrer Sicht das Mentale immer noch vergleichsweise kurz?

Zu allererst sollte erwähnt werden, dass viele Fußballspieler unter dem in den vergangenen Jahren wachsenden Druck, den Digitalisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung mit sich bringen, leiden.

Um auf Ihre eigentliche Frage zurückzukommen: Ich vermute, dass viele Vereinsvertreter und Trainer nicht genau wissen, was mit der Sportpsychologie alles erreicht werden kann und welche Chancen sie ihnen bietet. Ein weiteres großes Problem liegt wahrscheinlich immer noch in dem Glauben, dass jeder Fußballspieler, der einen Psychologen besucht, vergleichsweise verrückt sei und große psychische Probleme hat. Wir von YouSports sehen für den Fußball noch unglaubliches Entwicklungspotenzial und daher eine unglaublich spannende Phase an der wir beteiligt sein dürfen.

Mit Ihrer neuen Spielerberatungsfirma YouSports wollen Sie die sportpsychologische Betreuung als Kernelement etablieren. Wie kann sich der Sportler oder der Sportpsychologe das vorstellen?

Es geht bei uns nicht nur darum, dem Spieler in schwierigen Situation beizustehen und ein Ohr für mögliche Probleme zu haben, sondern ihm durch gezielte Trainingsmaßnahmen mit Fähigkeiten und Methoden auszustatten, die ihm bei der Bewältigung zukünftiger Problemsituationen/Herausforderungen helfen können. Darüber hinaus ist es selbst für die besten Sportler schwierig, jeden Morgen mit höchstem Enthusiasmus aus dem Bett aufzuspringen und sich über das nächste harte Training zu freuen. Aber auch dafür gibt es Techniken.

Auszug You-Sports.net (Screenshot), you-sports.net

Wir arbeiten mit ausgewählten sportpsychologischen Experten zusammen, um die von uns betreuten Spieler mental zu unterstützen. Bei uns werden die Spieler individuell nach einzelnen Bedürfnissen und Wünschen (zusätzlich hinsichtlich Athletik, Ernährung, Nährstoffe, etc.) betreut, um jedes Leistungspotenzial voll entwickeln und aktivieren zu können. Deshalb finden regelmäßig Gespräche und Analysen mit den Spielern statt, um gemeinsam zu schauen, an welchen Stellschrauben noch gedreht werden sollte. Gleichzeitig halten wir, sofern dies der Athlet wünscht, stetig Rücksprache mit den Sportpsychologen und entwickeln dann gemeinsam Fahrpläne, um für den einzelnen Spieler bestmögliche und individuell angepasste Rahmenbedingungen für eine konstante Weiterentwicklung der persönlichen Fähigkeiten und mentalen Stärke zu garantieren. Für Sportpsychologen kann unser Beratungskonzept bedeuten, mit uns von YouSports zu kooperieren und Betreuungspläne für die von uns betreuten Spieler zu entwickeln und somit im direkten Austausch mit ihnen zu stehen.

In welchem Alter sehen Sie sportpsychologische Betreuung als wichtiger an – im Jugendbereich oder bei den Profis? Und wie unterscheiden sich aus Ihrer Sicht die Bedarfslagen?

Wir sind der Meinung, dass eine sportpsychologische Betreuung, wie eine professionelle Ernährungs- und Nährstoffsteuerung, bereits im leistungsorientierten Jugendbereich angeboten werden sollte. Sowohl die Vorbereitung eines Jugendspielers auf eine Profi-Karriere, als auch die aktive Phase als Profi, stellen beides enorm wichtige Abschnitte einer Karriere dar. Bei Jugendspielern steht die persönliche Entwicklung im Mittelpunkt. Deshalb sollten auch die Eltern der Jugendspieler psychologisch unterstützt und eingebunden werden, dass eine „gesunde“ Entwicklung des Nachwuchsspielers gewährleisten werden kann. Da das Gehirn in der Jugend einem großen Wandel unterzogen ist, ist es gerade dort wichtig, die aufkommenden Gedanken nachhaltig zu sortieren. Die Fähigkeit mit Stress, der Leistungserwartung oder kritischen Spielsituationen umzugehen, liegt dem einen besser, als dem anderen. Doch genau dieser Unterschied lässt sich mit sportpsychologischer Unterstützung begleichen. Auch sind wir der Meinung, dass ein Sportpsychologe nicht erst bei „akuten Problemen“ weiterhelfen soll, sondern präventiv eingesetzt werden sollte. So kann ein Besuch beim Sportpsychologen sowohl einem Jugendspieler, als auch einem Profi dabei weiterhelfen, Spitzenleistungen in Wettkampfsituationen abzurufen, da durch eine mentale Stabilität der Körper in einen Zustand voller Leistungsfähigkeit versetzt wird. Bei Fußballprofis entstehen dann noch zusätzliche Drucksituationen durch die enorme mediale Aufmerksamkeit und ständiger Bewertung durch Vereine, Fans, Medien und Sponsoren. Auch hier kann eine sportpsychologische Betreuung weiterhelfen.

Die Äußerungen von Weltmeister Per Mertesacker über Druck im Leistungssport haben für Aufsehen gesorgt. Inwiefern haben Sie Erfahrung mit der Problematik, die der Ex-Nationalspieler beschreibt?

Mit solchen Äußerungen wurden wir bisher noch nicht direkt konfrontiert. Das Wichtigste ist immer, und das erhoffen wir auch von unseren Spielern, dass man über jegliche Probleme und Herausforderungen offen reden sollte. Daher pflegen wir bei YouSports einen absolut vertrauensvollen Umgang untereinander. Wie die letzten Tage zusätzlich zeigen, haben ja noch weitere Fußballprofis (u. a. Dennis Aogo vom VfB Stuttgart, Robert Bauer vom SV Werder Bremen und Andre Gomes vom FC Barcelona) über Drucksituationen im Profifußball gesprochen. Es zeigt also, dass Per Mertesacker mit seinen Empfindungen im Profifußball nicht alleine ist. Wie Sie auch in der Frage erwähnen, haben seine Äußerungen leider für Aufsehen und Kritik gesorgt. Das zeigt doch eindeutig, dass in vielen Köpfen ein Umdenken noch nicht stattgefunden hat.

Am 2. und 3. Juni nehmen Sie an der Veranstaltung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ teil? Was erwarten Sie sich von dem Event in Bochum und Hand aufs Herz: Hoffen Sie, dass nicht allzu viele andere Spielerberater dort vor Ort sind?

Da wir bei YouSports eine wissenschaftliche Ausrichtung verfolgen, sind wir immer an Trends und neuesten Veröffentlichungen interessiert, wovon unsere Spieler am Ende profitieren sollen. Zusätzlich bieten wir einen ganzheitlichen Beratungsansatz für Fußballspieler an, weshalb wir auf das Knowhow von Spezialisten zurückgreifen, um die Spieler bestmöglich betreuen zu können. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach Kooperationspartner und froh, durch eine Teilnahme an solch einem Event unser Netzwerk erweitern zu können.

Zu Ihrer zweiten Teilfrage: Ich würde mir sogar wünschen, dass möglichst viele Spielerberater anwesend sein werden. Denn dies würde uns bestätigen, dass wir mit unserer strategischen Ausrichtung von YouSports eindeutig auf dem richtigen Weg sind. Wohl wissend, dass der Spielerberatungsmarkt sehr umkämpft ist, sind wir von unserem Beratungskonzept überzeugt, das uns von den Wettbewerbern eindeutig abhebt. Daher freuen wir uns schon jetzt auf einen wirkungsvollen Austausch mit erfahrenen Experten der Sportpsychologie und anderen Vertretern aus dem Fußballbusiness.

 

Zur Homepage von YouSports: www.you-sports.net

Video „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“

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Zur Anmeldung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“:

Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

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Christian Hoverath: Körper oder Geist – wer gibt zuerst auf?

Aufgegeben wird im Kopf! Oder ist es doch der Körper, der uns begrenzt? Neulich stolperte ich über interessante Befunde zum Thema des Abbruchs einer sportlichen Belastung. Und mit Blick auf meine sportpsychologische Kernzielgruppen, also Triathleten und andere Ausdauersportler, habe ich versucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis zu übersetzen.

Zum Thema: Warum ein müdes Gehirn langsam macht

Es gibt verschiedene Theorien über die Ursachen für den Ausstieg aus einer sportlichen Belastung. Klassische physiologische Theorien besagen, dass Athleten aufgeben, wenn ihre Muskeln müde sind. Das kann an hohen Temperaturen, Ansammlungen von Laktat oder leeren Energiespeichern liegen. Dagegen spricht allerdings, dass Radfahrer, die eine 80 %ige Ausdauerbelastung abbrechen, immer noch mit der vierfachen Leistung sprinten können (Marcora et al., 2010). 

In einem meiner Lieblingsbücher (Lore of Running, Noakes, 2001) las ich seinerzeit vom Central Governor. Diese zentrale Struktur sammele unbewusst Informationen aus Lunge, Herz Kreislauf, Nebenniere, etc. und melde zurück, wenn sie ein Fortführen der Einheit als gefährlich empfinde. Müdigkeit sei somit als Schutzmechanismus zu sehen. Bisher allerdings konnte weder die Struktur gefunden werden, noch lassen sich motivatonale Effekte mithilfe dieses Modells erklären. Somit könnte man sagen, dass Modelle, die sich rein auf die physiologische Ebene beziehen zu einfach sind und man eine psychologische Ebene mit einbeziehen sollte.

Individuelle Grenzen

So besagen psychologische Theorien, dass wir abbrechen, wenn wir die maximale Anstrengung erreicht haben, die wir bereit sind, einzugehen. Dies könnte z.B. einem Motivationsloch entsprechen. Eine zweite Theorie sagt den Abbruch für den Moment vorher, in dem wir glauben, dass wir unsere maximal mögliche Anstrengung aufgebracht haben. Die Wahrnehmung der Anstrengung begrenze uns folglich. Beiden Theorien zufolge wäre eine Aufgabe ein bewusstes Aufhören. Schon Brehm und Self (1989) sagten, dass das Ende der Ausführung erreicht ist, wenn die Fortführung der Anstrengung unmöglich erscheint. Somit habe jede Person eine individuelle Schwelle, nach deren Überqueren abgebrochen werde. Diese Schwelle sei u.a. abhängig von der wahrgenommenen Anstrengung und der Motivation.

Marcora et al. (2009) brachten Beweise, dass mentale Ermüdung durch eine kognitiv anspruchsvolle Aufgabe zu einer reduzierte Anstrengungsbereitschaft führt. In der vorliegenden Studie verkürzte sich die maximale Dauer beim Zeitfahren um 12%. Interessanterweise fanden sich in physiologischen Markern während der Anstrengung keine Unterschiede zur Kontrollgruppe ohne kognitive Ermüdung, allein die wahrgenommene Anstrengung unterschied sich. Pageaux et al. (2013) zeigten, dass kognitive Anstrengung zu einem langsameren fünf Kilometerlauf führte. Brownsberger et al, (2013) konnten in ihrer Untersuchung zeigen, dass kognitiv tief ermüdete Sportler ihre Anstrengung im Vergleich zu mental frischen Athleten reduzierten. Psychische Ermüdung hat folglich einen Einfluss auf die Bereitschaft, sich zu quälen.

Was kann ich dagegen tun?

Es gibt einige mögliche Strategien, um die wahrgenommene Anstrengung zu reduzieren. Dazu zählen unter anderem motivierende Selbstgespräche oder emotional ansprechende Stimuli. 

Eine Forschergruppe um Blanchfield (2014) konnte den Nutzen von motivierenden Selbstgesprächen zeigen. In ihrer Untersuchung, in der Radfahrer entweder ein zweiwöchiges Selbstgesprächstraining erhielten oder ihr Training ohne dieses fortsetzten, konnte die mental trainierte Trainingsgruppe die Leistung in einem Ausdauertest bei 80-prozentiger Belastung um 17% steigern. Zudem sank die wahrgenommene Anstrengung durch die motivierenden Selbstgespräche.

Zu affektiven Stimuli zählen unter anderem Bilder und Musik. Jaafer et al. (2015) beschäftigten sich mit der Wirkung von Bildern während Sprints. Sie konnten zeigen, das emotional positiv besetzte Bilder die neuromuskuläre Leistung verbesserten. Wichtig für die praktische Umsetzung ist, dass diese Bilder von Ihnen verankert werden, damit sie im Wettkampf zur Verfügung stehen und in Phasen, in denen es gefühlt nicht gut läuft, abgerufen werden können. Hilfreich kann es sein, wenn sie sich ein Bild z.B. auf den Vorbau kleben oder sie für das Laufen mit bestimmten Gesten verankert werden. 

Interessante Ergebnisse erbrachte eine Studie von Terry et al. (2012). So bewirkt jede Art von Musik, die zum Rhythmus der Bewegung passt, eine Leistungssteigerung. Es scheint also nicht wichtig zu sein, welche Musik es ist, sondern dass es welche gibt. Finden Sie Musik, die zu Ihnen passt und die Ihnen gefällt!

Fazit

Halten wir fest, dass mentale Ermüdung die wahrgenommene Anstrengung beeinflussen kann und auch die Ausdauerleistung beeinflusst. Sie sollten über Strategien verfügen, die Ihnen helfen, die wahrgenommene Anstrengung zu reduzieren. Dies können motivierende Selbstgespräche genauso wie positiv besetzte Bilder oder Musik sein. Auch Koffein hat eine entsprechende Wirkung. Bei 4-7 mg/Kilogramm Körpergewicht steigt die Leistung um etwa 11 % und die wahrgenommene Anstrengung nimmt ab.

Ich möchte Ihnen noch ein paar Hinweise für die Zeit vor dem Wettkampf geben, die sich aus diesen Ergebnissen ableiten: 

Vermeiden Sie vor Wettkämpfen kognitive Aufgaben, die zu mentaler Ermüdung führen (dies können auch Videospiele sein). Vermeiden Sie Gedanken, die eine aktive Hemmung benötigen. Dies kann zum Beispiel Wut sein, die sie kontrollieren müssen. Vermeiden Sie es, sich aufzuregen. Vermeiden Sie es auch, unschöne Bilder oder Videos zu sehen oder unschöne Gespräche zu führen.

Im Training kann es natürlich gewollt sein, sich in kognitiv ermüdete Situationen zu begeben, um sich darauf vorzubereiten. Seien Sie sich dessen bewusst. Natürlich sind diese Ergebnisse nicht allumfassend. Dennoch sollte deutlich geworden sein, dass der Kopf eine tragende Rolle für den Abbruch einer Belastung spielt. Es lässt sich festhalten: Ein müdes Gehirn macht langsam! 

Mehr zum Thema:

Christian Hoverath: Weshalb Faris Al-Sultan im Sinne anderer Triathleten zu kurz denkt

Christian Hoverath: Zielsetzung im Triathlon

Christian Hoverath: Fünf wichtige Tipps für Selbstgespräche

Literatur

Blanchfield et al. (2014) Talking Yourself Out of Exhaustion: The Effects of Self-talk on Endurance Performance. Medicine & Science in Sports & Exercise. 46 (5) . 998 – 1007.

Brehm J, Self EA. The intensity of motivation. Ann Rev Psychol. 1989; 40: 109–31.

Brownsberger et al. (2013). Impact of mental fatigue on self-paced exercise. Int J Sports Med. 34(12):1029-36

Marcora SM, Staiano W. (2010). The limit to exercise tolerance in humans: mind over muscle? Eur J Appl Physiol.; 109 (4): 763–70.

Marcora SM, Staiano W, Manning V. (2009). Mental fatigue impairs physical performance in humans. J Appl Physiol.; 106: 857–64.

Pageaux et al. (2013). Prolonged mental exertion does not alter neuromuscular function of the knee extensors.Med Sci Sports Exerc.;45(12):2254-64

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Schwerpunkt Extremsport

Für Die Sportpsychologen ist immer wieder auch die Betreuung von Extremsportlern ein Thema. Die Anforderungen, die sich an die sportpsychologische Intervention stellen, sind in dieser speziellen Sportwelt sehr unterschiedlich. Entsprechend vielseitig sind auch die Beiträge, die uns im Netzwerk bislang beschäftigt haben. Nicht selten wurden einzelne Texte auch sehr kontrovers diskutiert.

Bergsteigen

Dr. Hanspeter Gubelmann: Höher, schneller, tot

Freeride

Lorraine Huber im Interview mit Mila Hanke (exklusiv vor dem Freeride World Tour-Finale): „Wenn ich mich auf ein Lernziel konzentriere, ergeben sich die Resultate von selbst“

Trailrunning

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

Dr. Michele Ufer: Spitzenleistung bei Hitze

Basejumping

Sebastian Reinold: Der Reiz der Gefahr

 

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Johanna Constantini: Mentale Strategien für lange Strecken – ein Marathon-Erfahrungsbericht

Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich meinen (vorerst) letzten Marathon gelaufen. Es war mein zweiter Vienna City Marathon, den ich im April 2017 in Angriff nahm. Auch an meine 42-Kilometer Premiere im Jahr 2016 kann ich mich noch gut erinnern. Was war ich damals nervös! Im Training lief ich nie die gesamte Distanz, weil mir all meine Laufkollegen davon abgeraten hatten. Umso mehr stellte ich mir die Frage: „Schaffe ich die Strecke überhaupt?“

Zum Thema: Einfache Tipps für Einsteiger

Die Unsicherheit war allemal berechtigt, denn ein Marathon ist nun mal kein Spaziergang. Fakt ist jedoch, mit adäquatem Training und guter Vorbereitung ist dieser Langstreckenlauf allemal zu schaffen, womit ich auch schon bei meinem ersten mentalen Tipp für das Marathonlaufen wäre!

Glaube versetzt Berge – und Meter!

Trotz aller Zweifel wusste ich kurz vor dem Start 2016, dass ich die mir bevorstehenden 42 Kilometer schaffen werde! Diesen Gedanken nochmals kurz vor dem Start zu fassen, war wichtig und trug mich fast vier Stunden durch die Wiener Innenstadt bis ins Ziel. Sportpsychologisch korrekt aufgearbeitet, bieten sich sogenannte Glaubenssätze für die unmittelbare Startphase an. Diese sollten natürlich im besten Fall vorher geübt werden, damit sie nicht erst vor der Startlinie in den Sinn kommen!

Coolness first! Vor allem in der ersten Reihe!

Nachdem ich mir meiner Zielerreichung nun sicher war, drängelte ich mich nichtsahnend in die erste Reihe vor. Nichtsahnend, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, dass mich in Kürze circa 20.000 Läuferinnen und Läufer überholen werden. Gar nicht so leicht, da mitzuhalten, dachte ich in den ersten Minuten, die uns alle über die Wiener Reichsbrücke führten. Diese weitere mentale Strategie für den Marathonlauf musste ich also ebenso praktisch erfahren: Cool bleiben beim Start, auf das eigene Tempo besinnen und nicht „anstecken lassen“

Praxistipp: Im Training mit einer Sportuhr laufen und auch beim Marathon an die gelaufene Geschwindigkeit halten (in der Menge tendiert man dazu, Gas zu geben). Lieber ruhiger starten, um die Geschwindigkeit bei Bedarf später noch steigern zu können!

STOPP denken und weiter laufen!

Ich laufe und laufe, der Wind bläst aus den engen Seitengassen und ich folge meinem Vordermann. Halte immer wieder an, um einen Schluck an der Labe-Station zu trinken. Kilometer für Kilometer spüre ich, wie meine Beine schwerer werden. Meine Knie stechen und bei Kilometer 30 macht sich ein leichter Krampf bemerkbar. So ging es mir 2016 und auch im Jahr darauf zweifelte ich irgendwann daran, den Marathon wirklich beenden zu können. Vor allem bei Langstreckenläufen die einen Halbmarathon inkludiert haben, denkt man bei Kilometer 21: „und jetzt nochmal das Ganze.“ Meine mentale Strategie hierfür ist der Gedankenstopp! Er befähigte mich auch bei meinen Läufen dazu, einfach weiterzumachen! Nach dem Motto: STOPP denken und lauf weiter!

Perspektive wechseln für mehr Fokus!

Ein weiterer hilfreicher Tipp ist, die Perspektive während des Laufes zu wechseln. Wir Menschen nehmen 80% unserer Eindrücke über das Sehen war, weshalb wir uns diesen Sinn auch zunutze machen sollten! Während des Laufes habe ich mich daher immer wieder darauf konzentriert, meine Perspektive bewusst zu wechseln. Angefangen damit, dass ich meinen (breiten) Fokus auf die Läufer vor mir gelegt habe, bis hin zu einem (engeren) Fokus auf meine einzelnen (Lauf)Schritte. Der Wechsel zwischen den Perspektiven hilft, die Konzentration hoch zu halten, ohne dabei zu verkrampfen.

Ohne weitere Krämpfe habe ich es schließlich ins Ziel geschafft, worauf ich noch heute stolz bin.

 

Literaturempfehlungen:

Zur Vorbereitung empfehle ich das Lauftagebuch von Langstreckenläufer und Autor Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. (Dumont Verlag, Köln 2008. 165 Seiten, 16,90 Euro) sowie – für Lauf-Einsteiger besonders geeignet – die Laufdiät (mit Fokus auf die Lauf-Pläne) von Herbert Steffny und Wolfgang Feil (Südwest Verlag; Auflage: 7 (19. Januar 2009), 192 Seiten, 15,50 EURO)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Einmal war ich in Biel (Buch-Bestellung)

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Einmal war ich in Biel (Buch-Bestellung)

Nach dem Zieleinlauf in Biel drückte Frauke Becker-Kopsch ihrem Lebensgefährten Prof. Dr. Oliver Stoll einen Block in die Hand. „Hier schreibst du jetzt weiter“, sagte die Laufbegeisterte. In den Wochen zuvor hatte sie ihren Oliver genau beobachtet und ihre Wahrnehmungen handschriftlich notiert. Im Ergebnis wurden Fraukes Aufzeichnungen zum Startpunkt eines außergewöhnlichen Buchprojektes. Denn tatsächlich nahm sich der Sportpsychologe aus Leipzig dem zu füllenden Schreibblock an und beleuchtete aus mehreren Perspektiven seine 100 Kilometer von Biel. Entstanden ist ein Buch, welches fachlichen Input für jeden Ausdauersportler bietet, einen tiefen Einblick in die Welt eines Athleten liefert und dies um die Perspektive des privaten Umfelds ergänzt – eine Liebeserklärung an das Laufen, die Liebe und das Leben

100 Kilometer laufen. Für die einen ist eine solche Herausforderung undenkbar, für andere ein Lebenselixier. Oliver Stoll zählt zur Gruppe der anderen. Im Juni 2014 erfüllte sich der Sportpsychologe aus Leipzig einen Lebenstraum und absolvierte die legendären 100 Kilometer von Biel. Im Buch „Einmal war ich in Biel“ schildert er seine Erfahrungen. Unverstellt, offen und hintergründig. Entstanden ist ein Buch für Läufer, Grenzgänger und deren Partner.

Buch-Bestellung mit persönlicher Widmung

Das Buch „Einmal war ich in Biel: Eine Geschichte über das Laufen, die Liebe und die Leidenschaft“ von Prof. Dr. Oliver Stoll und Frauke Stoll können Sie hier bestellen. Das Besondere: Notieren Sie in das letzte Kommentarfeld Ihre individuelle Widmung, die von den Autoren persönlich im Buch niedergeschrieben wird.

    Alternativ können Sie das Buch auch bei Amazon bestellen oder als E-Book erwerben

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    Dr. René Paasch: Hochsensibilität im Jugendfußball

    Streitereien, Tränen oder Verhaltensauffälligkeiten beim Training und Wettkampf mag kein Coach. Weder auf noch neben dem Sportplatz. Auf der anderen Seite gibt es Jungen und Mädchen, die hochsensibel sind (kognitiv, emotional und sensorisch). Sie stehen sich meist selbst im Weg, nicht selten wird ihnen Unrecht getan. Es geht darum, diese sensiblen Heranwachsenden, darin zu unterstützen, Vertrauen in sich selbst und in ihre Fähigkeiten zu stärken. Ich nehme diesen Ball auf, um dieses Thema bekannter zu machen und Ihnen eine Hilfestellung zu geben.

    Zum Thema: Hochsensibilität im Jugendfußball

    Hochsensibilität (HSP) wurde Ende der 1990er Jahre von der amerikanischen Psychologieprofessorin Elaine Aron erforscht. Ihr Buch „Highly Sensitive Person“ von 2005 ist bis heute das Standardwerk für viele Interessierte. Nach ihren Forschungen sind ca. 15-20 Prozent der Menschen hochsensibel. Sie nehmen äußere Reize, wie Geräusche oder innere Reize wie die Gefühlslage anderer Menschen nicht nur wesentlich intensiver wahr als „Normalsensible“, sondern reagieren auch auf geringfügige Reize, die von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen werden. Hochsensibilität führt also zu einer wesentlich schnelleren Reizüberflutung, weil das Nervensystem und das Gehirn die extrem umfangreiche Stimulation nicht mehr richtig verarbeiten können. Hochsensible Kinder und Jugendliche benötigen früher eine Pause um all die eingegangenen Informationen zu verarbeiten. Dies bedeutet aber auch, dass sie mit HSP, häufig anfälliger sind für psychische Erkrankungen, denn die permanente Überschreitung der eigenen Grenzen kann schnell zu einem Zusammenbruch führen. Hier die Unterscheidung (Aron, 1997):

    • Sensorisch sensible Kinder und Jugendliche mit HSP haben besonders feine Sinneswahrnehmungen, sie reagieren stark auf optische Reize.
    • Emotional sensible Kinder und Jugendliche nehmen Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich besonders intensiv wahr. Sie haben häufig eine stark ausgeprägte Intuition und sind auffällig empathisch.
    • Kognitiv sensible Kinder und Jugendliche haben dagegen ein außergewöhnlich starkes Gespür für komplexe Zusammenhänge.

    Die meisten Kinder und Jugendlichen erleben sich als eine Mischung aus diesen drei Kategorien. Um der Reizüberflutung zu entkommen, ziehen sie sich schnell zurück. Tatsächlich sind diese Kinder und Jugendliche aber genauso viel oder wenig kontaktfreudig wie ohne diese Sensibilität. Einige junge Sportler/innen leiden unter Hochsensibilität, bis ihnen klar wird, dass sie nicht krank sind, sondern zum Kreis der Genannten gehören. Wer hochsensibel ist, stößt bei seinen Mitschülern, Eltern, Trainern und Mannschaftskollegen häufig auf Unverständnis. Viele glauben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Hochsensibilität ist eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung. Nicht alle, die HSP haben, werden als solche geboren. Manche entwickeln diese Fähigkeiten erst im Laufe ihrer Entwicklung. Je mehr stressbelastete Erfahrungen sie machen (Verletzungen, Leistungsdruck u.v.m.) desto feiner werden ihre Sinne. Hierbei handelt es sich um eine Art Schutzmechanismus, der entwickelt wird, um zukünftige negative Erfahrungen zu vermeiden.

    Anregungen für die Praxis

    „Hochsensible“ nehmen feinere Einzelheiten wahr als andere gleichaltrige und verarbeiten diese Eindrücke komplexer. Das ermöglicht ihnen, sehr enge zwischenmenschliche Beziehungen zu führen. Auch umfangreiches Denken, Einfühlungsvermögen und Intuition gehören zu den positiven Eigenschaften für Hochsensibilität. Dies kann zu außergewöhnlichen Fähigkeiten führen. Sensorisch veranlagte haben oftmals eine künstlerische Begabung. Emotional sensible hingegen unterstützen gerne und haben eine starke Ausprägung gegenüber anderen. Kognitiv sensible dagegen haben die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, nicht selten in den Bereichen von umfangreichen Themen. Hier einige Anregungen, wie Sie mit Ihren Sprösslingen mit und ohne HSP umgehen können:  

    • Schule, Fußball und Freizeit zeitlich optimieren
    • Kreativität auf und neben dem Sportplatz fördern
    • fehlende Autonomie aufbrechen und Selbständigkeit bestärken
    • Gedanken und Gefühle zulassen (Aron, 2008)
    • regelmäßige Gespräche mit den Eltern und Spielern/innen führen
    • Perspektiven und Alternativen zulassen und lenken  
    • auf Anforderungen behutsam vorbereiten
    • auch außersportliche Leistungen würdigen
    • bei Verletzungen unterstützen und Zugehörigkeit ermöglichen
    • bei Erfolg und Misserfolg vorbildlich verhalten
    • Erlebnis und Entwicklung statt Ergebnis

    Schaffen Sie ein Trainingsklima, welches den wertschätzenden Umgang miteinander fördert. Dazu tragen feste Programme, Regeln, aktives Zuhören, Rituale und empathische Führung bei. Auf diese Weise geben Sie Ihren Spielern/innen Sicherheit und fördern das individuelle und kollektive Wachstum. So entwickelt sich auch bei den übrigen Spielern/innen die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen. Ziel sollte sein, die individuelle und mannschaftliche Entwicklung zu stärken. Lassen Sie unbedingt die Kinder und Jugendliche zu Wort kommen. Wenn diese erst einmal das Miteinander gelernt haben, geben sie sich gerne gegenseitig Rückmeldung und können somit zusammenwachsen.

    Fazit

    Es gibt kein allgemeingültiges Verfahren um festzustellen, ob ein junger Mensch hochsensibel ist. Einige Spieler/innen berichten davon, dass bereits die Vermutung und das offene Gespräch, ihnen dabei geholfen hat, sich selbst mehr zu akzeptieren und die Schule und den Sport – unter Zuhilfenahme der Eltern und Trainern – entsprechend zu gestalten und einzurichten. Somit lernen sie, sich situationsbedingt abzugrenzen und versuchen nicht mehr, wie alle anderen zu sein, sondern stehen zu ihrer Persönlichkeit.

     

       

       

      Das ist genau Ihr Thema? Dann machen Sie es zu dem der anderen! Dafür ist unser Barcamp da:

      Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

      Literatur

      Aron, N. Elaine (2005): mvg Verlag

      Aron, N. Elaine (2008): Das hochsensible Kind: Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen Taschenbuch. mvg Verlag.

      Aron, N. Elaine (2014): Sind Sie hochsensibel? Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen. Das Arbeitsbuch. mvg Verlag.

       

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      Rita Regös: Herausforderung Kommunikation

      Wir Sportpsychologen kennen die unterschiedlichsten Settings. Wir arbeiten im privaten Umfeld von Freizeitsportlern, bei Vereinen und Verbänden oder gar in hoch professionalisierten Sportbetrieben. Egal in welcher Konstellation: Immer wieder treten Probleme auf. Nicht selten sind diese im weitesten Sinne kommunikativer Art. Meiner Erfahrung nach, hilft allen Beteiligten ein gewisses Maß an Grundwissen zum Thema Kommunikation.  

      Zum Thema: Wenn Kommunikation problematisch wird

      Das Wichtigste vornweg: Kommunikation ist beidseitig! Schlechte Kommunikation ist ein Optimierungspunkt beim Gegenüber und bei sich. Womit das Problem an und für sich, – durch diese Einsicht, Annäherung und in logischer Folge durch Kompromisse – einfach behoben werden kann. Vorausgesetzt man entwickelt das Bewusstsein, dass eine schlechte Kommunikation an allen beteiligten Akteuren liegt. Doch unzählige Diskussionen im familiären Bereich, im beruflichen Alltag sogar in der Politik eliminieren diesen einfachen und formalen Kommunikationsmechanismus und lassen alle Beteiligte bis zur Verfeindung weiter diskutieren. Am Ende stehen negative Emotionen, Wut und eine totale Ablehnung: Das Ende der Kommunikation. Meistens.

      Nicht selten erreicht die Kommunikation auch eine andere Ebene, die persönliche. Eine gefährliche Ebene, die wir schnell verlassen wollen, außer wir waren bei der besagten Kommunikation anwesend und können unsere Meinung selbst bilden. Immer, wenn es persönlich wird, wird es emotional. Wie wir wissen, dienen negative Gefühle, sei es Wut, Genugtuung, Trauer weder der Sache, also einer Konfliktbeseitigung, noch einer rationalen Erkenntnisgewinn somit infolge auch keiner Lösung. Im Gegenteil: Emotionalität verstärkt in der Regel Emotionalität bei der Gegenseite und irgendwann ist man nur noch wütend, das eigentliche Thema wird ignoriert. Das Ergebnis, als nicht unmittelbar Involvierter kriegt man nur die Emotionen mit, trägt sie weiter und schafft Realität.

      Eine typische Konstellation: Vereinssport versus Leistungssport

      Kommunikation ist schon ein spannendes Arbeitsfeld! Schauen wir uns doch einmal eine Gemengelage an, die typisch für kontroverse Diskussionen im Sport ist: Auf der einen Seite der Vereinssport, ihm gegenüber der Leistungssport. Auf beiden Seiten wird kommuniziert, in aller Regel auf Sachebene und meistens auch lösungsorientiert. Aber oft sind die Diskussionspartner unterschiedlicher Meinung, was noch lange nicht heißt, dass einer von ihnen falsch liegt. Möglicherweise liegen beide richtig – in ihrer eigenen Realität, in ihrem eigenen System.

      Erfolgreiche Sportvereine haben viele Mitglieder, ihre Mitglieder arbeiten zu einem hohen Prozentsatz unentgeltlich aber mit viel Enthusiasmus und sie tun dies in ihre Freizeit. Sie sind diejenigen die unsere Kinder bewegen und ihren Spaß an der Bewegung fördern. Das Ziel ist also viele Kinder für den Sport zu begeistern. Wie jeder Verein haben sie Versammlungen und wählen Funktionäre, Präsident, Vizepräsident, Schatzmeister und andere Funktionsträger, die wiederum ihr Amt ehrenamtlich ausführen und die Interessen ihrer Wähler vertreten. Im Leistungssport bezahlt man die Trainer und das gesamte Personal für ihre Arbeit. Sie alle haben die Aufgabe, Leistung zu steigern, mit dem Ziel, Medaillen zu gewinnen. Das Ziel ist also der Erfolg, die Aufgabe der Weg zum Erfolg. Ihnen vorgesetzt ist in manchen Verbänden eine Trainerkommission, bestehend aus allen Bundestrainern, und auf der nächsthöheren Instanz der Sportdirektor. In der Gesamtkonstellation entwickeln sie gemeinsam Maßnahmen verabschieden Kriterien, treffen Entscheidungen und all das, um Medaillen zu gewinnen.

      Rita Regös

      Interessenkonflikte im Kampf der Systeme

      Also zwei gänzlich unterschiedliche Systeme bezüglich der Struktur, einmal ehrenamtlich und demokratisch, auf der anderen Seite hauptberuflich, hierarchisch. Einerseits bedacht auf einen Verein mit vielen Sportlern und auf der anderen Seite auf Medaillenträger. Die eine Seite will viele Sportler, die andere erfolgreiche. Der Leistungssport formuliert die Gütekriterien auf der einen Seite und holt sich die Guten, um aus ihnen die Besten zu machen. Auf der anderen Seite möchte der Verein, dass viele seine Sportler zu den Besten gehören, weil dies logischerweise ein Maßstab der eigenen Tätigkeit darstellt, nebenbei den Verein stärkt.

      Soweit eindeutig im Unterschied und in der vereinfachten Darstellung absolut nicht wertend gemeint, denn beide verfolgen ihre eigenen Ziele und das machen sie sehr gut. Was passiert aber, wenn die Gesamtstruktur einerseits hierarchisch andererseits demokratisch, einmal mit der Zielstellung die Besten und einmal mit dem Ziel, die Meisten, miteinander kommuniziert? Womöglich entstehen Interessenkonflikte, denn beide kämpfen für ihr System, für die eigenen Ziele und beide sind somit in Recht.

      Neutrale Kommunikation – in der Praxis unheimlich schwer

      In den meisten Verbänden sind die zwei Säulen getrennt, es entsteht also kein Interessenkonflikt. In einigen sind die zwei Säulen eng miteinander verbunden, so sind Konflikte zumindest zeitweise möglich. Und in manchen Verbänden sind die zwei Säulen regelrecht miteinander vereint, zum Teil in einer Funktion: Das heißt, das Leistungssportpersonal geführt vom Sportdirektor untersteht dem gewählten Präsidenten. Betrachten wir diese dritte Option aus der Vogelperspektive, heißt es, der von den Vereinsmitgliedern gewählte ehrenamtliche Vertreter (gewählt unter der Voraussetzung, ihre Interessen zu vertreten) entscheidet über die Maßnahmen und Personalien des Leistungssports.

      Aus der Perspektive der Kommunikation ist das System interessenbedingt anfällig für Konflikte: Die Prozessebene ist zu unscharf definiert, die Inhaltsebene durch konträre eine Zielstellung charakterisiert. Im Ergebnis ist es immens schwer, um auf der Beziehungsebene ausschließlich neutral kommunizieren zu können. In jedem gesprochenen Satz, den Unterschied zwischen Breite und Spitze in all seinen Facetten und Konsequenzen zu realisieren ist eine sehr große, auch kommunikative Herausforderung.

      Fazit

      Ich habe dazu einige abschließende Fragen formuliert, die zum Nachdenken oder zur Kontaktaufnahme zu mir (zur Profilseite von Rita Regös) bzw. meinen Kollegen und Kolleginnen (zu den Profilseiten) einladen sollen:

      • Welche Rolle kommt in der Regel Sportpsychologen in der Gemengelage zwischen Leistungsorientierung und Wohlbefinden zu?

      Idealerweise ist der Sportpsychologe im Sinne einer Mediation allparteilich in kommunikativen Konfliktsituationen auch im Sport tätig. Bei widersprüchlichen Interessen zeigt der Sportpsychologe die Differenzen auf, gegebenenfalls Ursachen und Konsequenzen dieser. In unübersichtlichen Situationen fällt ihm eine Strukturierungsfunktion zu, in dem er einzelne Situationsaspekte in die richtigen Ebenen einordnet, Verknüpfungen der Ebenen mit den Beteiligten herausarbeitet und dadurch eine Klarheit schafft. In beiden Fällen ist er Prozessbegleiter, er fällt keine Entscheidungen, er leitet Gespräche, achtet auf Fairness und ist generell zu Verschwiegenheit verpflichtet.

      • Sollten/dürfen Sportpsychologen in fehllaufende Kommunikationsprozesse eingreifen?

      Die Funktion eines Sportpsychologen in verschiedenen Settings des Leistungssports, Trainer-Athlet, Trainer-Eltern, Eltern-Athlet aber auch auf Verbandsebene zum Beispiel, Dachverband-Stützpunkttrainer oder Bundestrainer-Heimtrainer und gegebenenfalls auf den Ebenen untereinander, bietet einen optimalen, sachlich neutralen und doch internen Raum für die Lösung kommunikativer Schwierigkeiten, denn nicht selten beruhen diese lediglich auf fehlende Perspektivenübernahme einer oder beider Parteien. Die sportpsychologische Betreuertätigkeit ist zu einem hohen Anteil kommunikativ aber auch im Sinne des Auftraggebers inhaltlich lösungsorientiert. Ist der betreuende Sportpsychologe in Kommunikationsprozesse eingebunden kann neben dem einmaligen Lösungscharakter auch eine langfristige Begleitung der internen Kommunikation sichergestellt werden, somit zukünftig optimiert und eine entsprechende Kommunikationskultur im Verband und in den Vereinen etabliert werden. Einen Streit kann man schlichten, ein Missverständnis klären allerdings optimal ist eine Kommunikationskultur, wo diese selten, gering oder so gut wie gar nicht auftreten.

      • Wann sollten Externe, Mediatoren usw. einbezogen werden?

      Nicht selten werden Sportpsychologen in interne Kommunikationsbereiche nicht eingebunden – wegen der angenommen fehlende Neutralität, die eine Mediation unerlässlich charakterisiert. Sollte dieses Vertrauen in die Unparteilichkeit fehlen, können Externe im Sinne einer einmaligen Lösung herangezogen werden, jedoch immer im Bewusstsein: Kommunikation ist so etwas wie ein Habitat, eine zeitlose Sozialhandlung, keine Kommunikation gibt es nicht und sie verläuft alltäglich und selbstverständlich und sie verläuft manchmal eben alltäglich selbstverständlich falsch. Erfahrungswerte aus der Praxis zeigen, dass Kommunikationsregeln mühsam in der täglichen Anwendung sind, wir müssen darauf achten, was wir sagen, wie wir es sagen, wem und wann wir es sagen und vor allem, wie versteht das Gesagte mein Gegenüber und was erwidert er – eine endlose Verkettung und ein ewiger Austauschprozess.

      Manchmal wird die Funktion eines Sportpsychologen als extern definiert, interne Kommunikationsschwierigkeiten werden entsprechend mit Hilfe eines Mediators gelöst oder im Alleingang einfach ignoriert, um irgendwann zu eskalieren. Sollte also der Konflikt unlösbar, die direkten Gespräche katastrophal sein, sie alle hingegen an eine Lösung und an der weitere Zusammenarbeit interessiert sein, ist ein Mediator eine gute Idee, erspart negative Gefühle, sinnlose Energieaufwendung und bringt alle ihren Zielen näher.

      • Welche Argumente gibt es noch für Externe?

      Auch im Sinne einer Kommunikationsschulung sind Externe eine optionale Wahl, wobei das Gelernte in die tägliche Anwendung übergehend selbstverständlich auf interne Prozesse zurückfällt und mit Hilfe eines involvierten Sportpsychologen eventuell anwendungsorientierter erarbeitet werden kann.

      • Welche Aufgaben können Mediatoren oder Sportpsychologen in der Konfliktlösung übernehmen?

      Mediatoren und Sportpsychologen können unterstützend Kommunikationsprozesse begleiten, gegebenenfalls zur Konfliktlösung beitragen, die positive Kommunikationskultur fördern, sie können jedoch die Eigenverantwortung der Kommunizierenden nicht aushebeln.

       

      Mehr zum Thema:

      http://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/05/paul-schluetter-sportpsychologie-einfach-erklaert/

       

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      Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sache mit dem Selbstvertrauen im Fußball…

      Seit Ende Februar ist Bruno Labbadia Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg. Keine leichte Aufgabe, nachdem der Pokalsieger von 2015 wirklich schwierige Monate erlebt hat und in dieser Saison neuerlich gegen den Abstieg kämpft. Gestolpert bin ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder über Aussagen von Labbadia zum Thema Selbstvertrauen. Interessante Theorien waren dabei, wie: „Eine Mannschaft, die in erster Linie über das Fußballerische kommt, verliert das Selbstvertrauen viel schneller als ein Team, das eher vom Zweikampf lebt“. Echt aufgeregt haben mich aber seine Worte nach der Niederlage gegen die TSG Hoffenheim: „Selbstvertrauen bekommt man nur durch Erfolgserlebnisse.”

      Zum Thema: Über Spiegelneuronen, Gefühlsansteckungen und kollektives Zielsetzungstraining – ein paar Ideen, um Selbstvertrauen auch unter schwierigen Rahmenbedingungen herstellen zu können  

      Tja, Selbstvertrauen entsteht durch Erfolge, die man hat. So weit, so richtig, Herr Labbadia! Was ich dabei aber nicht verstehe: Warum sorgen Sie denn nicht für Erfolgserlebnisse? Dass meine ich nicht wie ein Fan aus der Kurve oder ein Journalist, der an das nächste Wochenende denkt, sondern vielmehr geht es mir um Trainingsarbeit auf und neben dem Platz.

      Die Sportpsychologie bietet einige seriöse Ansätze, wie sich “Selbstvertrauen” auch in verfahrenen und wenig kontrollierbaren Situationen – wie eben im Abstiegskampf, wo medialer Druck, eine negative Grundstimmung und Misserfolgserlebnisse zusammenkommen – erarbeiten lässt:

      1. Stellen wir also fest: Wir müssen das Selbstvertrauen festigen, ohne den Einfluss des nächsten und möglicherweise überlegenen Gegners im Hinterkopf zu haben. Ein Trainer kann ja eben nur das beeinflussen, worüber er Kontrolle hat. Im besten Fall verfügt er z.B. über Videomaterial seiner Mannschaft, die die eigenen Fähigkeiten im Spiel gegen einen Gegner besonders unterstreicht. Wenn sich Spieler (von außen) sehen können, wie sie erfolgreich gegen Gegner agieren und ihre Fähigkeiten sprichwörtlich „vor Augen geführt wird“, dann hat das auch einen „Beobachter-Lern-Effekt“ für die Psyche (Stichwort: Spiegelneuronen)
      2. Auch im Trainingsbetrieb kann man – didaktisch-methodisch orientiert – Situationen „erzeugen“, die es den Spielern erlauben, einen individuellen Fortschritt zu erkennen. Das erfordert natürlich ein sehr differenziertes Wissen über die sportmotorischen und psychischen Fähigkeiten eines jeden Spielers. Eine individuelle, realistische Zielsetzung einer einzigen Trainingseinheit kann im besten Fall dazu führen, dass ein Spieler in seinem Reflexionsprozess feststellt, dass er auch unter schwierigen Bedingungen ein individuelles Trainingsziel erreicht hat. Und so etwas kann durchaus positive Effekte auf das Selbstvertrauen haben. Und eine „gute Stimmung“ eines einzelnen Spielers kann ansteckend wirken (Stichwort: Emotional Contagion)
      3. Fußball ist ein Mannschaftssport. Stimmt! Es kommt also nicht nur auf individuelle (Trainings)ziele an. Sondern in schwierigen Situationen ist es hilfreich, dass Individuelle und kollektive Ziele übereinstimmen (und das ist sehr viel wichtiger, als „11 Freunde“ unter seinen Fittichen zu haben). Dennoch wissen wir auch um den wissenschaftlich nachgewiesenen Stresspuffer-Effekt von sozialer Unterstützung. Aus diesem Grund sind Team-Entwicklungsmaßnahmen (nein, hiermit sind keine Ausflüge in den Hochseilgarten gemeint) in einer solchen Situation durchaus angesagt. Denn puffert man den Stress ab, kann das individuell durchaus zu mehr Selbstvertrauen führen (Stichwort: Kollektives Zielsetzungstraining).  

      Fazit

      Selbstvertrauen entsteht durch Erfolge. Richtig! Kann man diese aber nicht erzwingen, ist es möglich, selbst bei mehr oder weniger „kontrollierbaren“ Mannschaften Impulse zu setzen, die das Selbstvertrauen steigern können. Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nie – es klingt aber plausibel und es ist vielleicht einen Versuch wert.

       

      Sportpsychologie im Fußball? Wir hätten da noch einen Veranstaltungstipp: 

      Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

      Mehr zum Thema:

      Dr. René Paasch: Selbstvertrauen im Fußball

      Christian Hoverath: Ran an die Quellen des Selbstvertrauens!

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      Ulf Baranowsky: Nur bei 15 Prozent der Profiteams ist ein Psychologe permanent greifbar

      Immer häufiger stoßen Sportpsychologen in den vergangenen Monaten auf Stellenausschreibungen von Profi-Vereinen hinsichtlich freier Posten in den Nachwuchsleistungszentren. Dazu bekennen sich Profis immer häufiger zur Zusammenarbeit mit Sportpsychologen oder Mentaltrainern. Und nehmen wir dann die Diskussionen rund um die Äußerungen von Fußball-Weltmeister Per Mertesacker im Spiegel dazu, ließe sich fast ein Boom der Sportpsychologie im Profi-Fußball vermuten?

      Nicht ganz so rosarot sieht Ulf Baranowsky die Situation im Profi-Fußball. Wir haben in Vorbereitung unserer Veranstaltung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ am 2./3. Juni 2018 in Bochum (weitere Infos und zur Anmeldung) mit dem Geschäftsführer der deutschen Spielergewerkschaft VDV gesprochen. Das Interview bietet eine optimale Grundlage, um bei unserem Barcamp mit Sportpsychologen, Mentaltrainern, Spielern, Trainern, Managern, Sportdirektoren, Spielberatern, Eltern und weiteren Experten in die Tiefe zu gehen.

       

      Ulf Baranowsky, es gibt wenige Themen im Profi-Fußball, über die vorsichtiger gesprochen als über die Sportpsychologie. Wie verbreitet ist denn die Disziplin bei den Klubs in Deutschland?

      Der Großteil aller Teams der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga bietet nach wie vor für die Profis keine sportpsychologische Betreuung an. Ebenso sind fest angestellte Sportpsychologen bei den Profimannschaften weiterhin eine Seltenheit. Das sind die zentralen Ergebnisse unserer aktuellen VDV-Spielerbefragung. Nur bei knapp 15 Prozent der Profimannschaften kümmert sich demnach ein Psychologe vor Ort permanent um die psychische Gesundheit und um die mentale Leistungsfähigkeit der Profis. Bei jeder vierten Profimannschaft gibt es zumindest für Fragen der Spieler externe Ansprechpartner, die temporär vor Ort sind. Dazu zählen auch Sportpsychologen, die für das jeweilige Nachwuchsleistungszentrum der Klubs tätig sind. Rund 60 Prozent der Befragten gaben allerdings an, dass ihre Profimannschaft gegenwärtig überhaupt nicht sportpsychologisch betreut werde.

      Diese Zahlen stehen im Einklang mit älteren Untersuchungen, die sie veröffentlicht haben.

      Auf ähnliche Resultate sind wir als VDV bereits bei unserer ersten Spielerbefragung im Jahr 2012 gestoßen. Schon damals forderten fast alle befragten Profis eine verpflichtende sportpsychologische Betreuung in den Profiteams sowie eine externe Anlaufstelle, da es eine große Hemmschwelle gebe, sich mit ernsthaften psychischen Problemen an den eigenen Klubpsychologen zu wenden.

      Dabei wäre eine Implementierung der Sportpsychologie doch wichtig. Zum einen im Sinne der Optimierung der sportlichen Leistungsfähigkeit, zum anderen aber auch präventiv hinsichtlich psychischer Erkrankungen, die Sportpsychologen zumindest erkennen können? 

      Wir wissen aus internationalen Studien und aus unserer täglichen Arbeit, dass mehr als zwei Drittel der aktiven und ehemaligen Profis unter Symptomen von Depression oder Angststörungen leiden. Insbesondere nach dem tragischen Tod von Robert Enke wurden von Verantwortlichen Verbesserungen in Aussicht gestellt. Geschehen ist aber viel zu wenig. In einigen Fällen haben Klubs sogar zwischenzeitlich in den Profiteams beschäftigte Sportpsychologen wieder entlassen.

      Wohin können sich betroffene Profis den wenden, wenn sie bei sich ein Problem ausmachen?

      Als Anlaufstelle für Fragen zur psychischen Gesundheit und zur schnellen Vermittlung von Hilfe vor Ort haben wir als VDV vor einigen Jahren gemeinsam mit der Robert-Enke-Stiftung und der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) an der Deutschen Sporthochschule in Köln die sportpsychologische Netzwerkinitiative MENTAL GESTÄRKT ins Leben gerufen (www.mentalgestaerkt.de; Beratungshotline 0221-49825540). Dieses Angebot richtet sich insbesondere an Spitzensportler sowie an Top-Talente und deren Familien.

      Welche Erwartungshaltung haben Sie denn aber konkret gegenüber den Klubs?

      Darüber hinaus sehen wir die Klubs und Verbände in der Pflicht, ihrer Fürsorgepflicht für die psychische Gesundheut der Spieler besser nachzukommen. Als Spielergewerkschaft fordern wir daher schon seit langer Zeit, eine Sportpsychologenpflicht im Profibereich. Umgesetzt wurde dies bisher aber nur in den Nachwuchsleistungszentren; und auch dort längst noch nicht überall optimal. Die Klubs erkennen die Chancen meistens nicht, die ihnen die Sportpsychologie bietet; dabei müssten sie aus sportlicher und wirtschaftlicher Sicht ein großes Eigeninteresse daran haben, dass ihre Profis möglichst jederzeit auch mental topfit sind.

      Es gibt also noch ein Wissensdefizit im Profi-Fußball gegenüber der Sportpsychologie?

      Es ist ganz wichtig, dass in die Köpfe der Entscheidungsträger kommt, welche unterschiedlichen Facetten die Sportpsychologie hat. Facetten, die auch wichtig sind für den Klub und für die Gesellschaft. Wir haben im Profi-Fußball die Situation, dass sich alle Beteiligten sehr intensiv die Frage stellen, wie die Leistung des Einzelnen verbessert werden kann. Da bietet die Sportpsychologie Antworten, wenn es darum geht, sich zu fokussieren, resilient zu werden und Stress zu managen. Auf der anderen Seite geht es eben aber auch um Verantwortungsbewusstsein. Und da geht es eben darum, Risikofaktoren zu minimieren, Spieler frühzeitig aufzuklären und zu lernen, Anzeichen zum Beispiel auch hinsichtlich psychischer Erkrankungen richtig zu erkennen und dann zu intervenieren.

      Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

      Wir müssen leider feststellen, dass diese Botschaft bei den Klubs der Bundesliga, der 2. Bundesliga und der Dritten Liga leider noch nicht so angekommen ist, wie es wünschenswert wäre. Zwar ist auch auf Forderung der VDV unter Andreas Rettig seinerzeit als DFL-Geschäftsführer eine Verpflichtung implementiert worden, dass es eine sportpsychologische Betreuung in der Nachwuchsleistungszentren geben muss, für den Profibereich gibt es die aber noch nicht. Von unserer Seite ist die fehlende Verpflichtung der sportpsychologischen Betreuung bei den Profi-Teams ein klarer Kritikpunkt an die Adresse des deutschen Profifußballs.

      Es fehlt also an Rahmenbedingungen?

      Wir brauchen Festlegungen, wer überhaupt Sportpsychologe in den Klubs sein darf. Stellen wir doch mal die Frage, welche Qualifikationen diese Leute brauchen? Aus unserer Sicht müssen das an Universitäten studierte Psychologen sein, die eine Spezialisierung im Bereich Sportpsychologie benötigen. Und wünschenswert wäre es zudem, wenn sie zusätzlich noch eine therapeutische Zulassung hätten. Hier muss eine Professionalisierung her und ein klares Rollenbild geschaffen werden, mit dem diese Personen in den Klubs arbeiten. Das Rollenbild schließt zum einen die zeitlichen Umfänge mit ein, zum anderen aber auch den Schutzraum, den sie im Klub bieten müssen. Denn letztlich muss sich ein Spieler sicher sein, dass die ärztliche Schweigepflicht auch für die Gespräche mit dem Sportpsychologen im Klub gilt. Dies sind aber alles Dinge, die noch offen sind, und die völlig unterschiedlich gehandhabt werden. Und es ist traurig, dass es an dieser Stelle nochnicht weiter vorangegangen ist.

       

      Direkt zur Anmeldung für das Barcamp:

         

        DAZN-Beitrag von Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, mit Ulf Baranowsky zum Thema Depression im Profi-Fußball 

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        Thorsten Loch: Was Trainer vor einem Finale ändern sollten

        Während in anderen Ligen wie beispielsweise der Fussball-Bundesliga der Deutsche Meister mit dem FC Bayern München bereits feststeht, läuft derzeit das Finale rund um die Deutsche Meisterschaft im Futsal auf Hochtouren. Anders als in der höchsten deutschen Spielklasse, in welcher der Meister über eine Saison ermittelt wird, spielen im Futsal die jeweiligen Verbände einen Regionalmeister über eine Saison aus. Der Meister und Vizemeister der vier Regionalverbände qualifiziert sich für K.O.-Runde. Das diesjährige Finalspiel findet am Samstag, den 28. April, zwischen dem VfL 05 Hohenstein-Ernstthal und Futsal Panthers e.V. aus Köln in Dresden statt. Der Ausgang scheint völlig offen, schließlich treffen zwei Top-Teams aufeinander. Entsprechend liegt in den Tagen bis zum Finale einiges an Verantwortung und Gestaltungsfreiraum bei den Trainern. Insbesondere dann, wenn bei Spielern klammheimlich die Furcht vor einer Niederlage wächst.

        Zum Thema: Keine Angst vor der Niederlage

        Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, wozu Angst vor einer Niederlage führen kann. Das vor Jahren erlebte Spiel nagt noch immer an mir. Aber daraus habe ich gelernt und kann dieses Wissen in meine Arbeit als Sportpsychologe einfließen lassen (zum Profil von Thorsten Loch).

        Der Einklang von Unbewusstem und Bewusstem ist die Basis für ein selbstvertrauendes Handeln. Insbesondere in Belastungssituationen gründet das stabile Selbstvertrauen auf der Übereinstimmung unbewusster und bewusster Motive (Baumann, 2008). Die Unterstützung des bewussten Handelns durch die Übereinstimmung mit unbewussten Antrieben kann bei labileren Sportlern in Belastungssituationen negativ beeinflusst werden. So kann aus dem Gedanken: „Wir müssen gewinnen!“, gleichzeitig eine unbewusste Gegenreaktion: „Wir dürfen nicht verlieren!“, auslösen. Verlieren bedeutet in diesem Zusammenhang Blamage, Abstieg, Verlust an Anerkennung usw. So kann es sein, dass bei manchen Sportlern die Erwartung an einen erhofften Erfolg, unbewusst Angst auslöst, dass sich der Erfolg möglicherweise doch nicht einstellt. Unbewusste Ängste und unbewusste Trotz- und Gegenreaktionen machen sich als geistige und emotionale Sperren bemerkbar, indem sie Kreativität, Offensivgeist und wahres Selbstvertrauen unterbinden. Unter diesen Voraussetzungen sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, den Platz als Gewinner zu verlassen. Die Sportler sollten über eine klare Einschätzung seiner Fähigkeiten und der Leistungsmöglichkeiten verfügen. Nur wer die Niederlage als Möglichkeit annimmt, kann in einem Finale mutig aufspielen.

        Schlüsselrolle Trainer

        Dem Trainer kommt in dieser Situation einen Schlüsselrolle zu. Seine Aufgabe besteht darin, den Spielern zu verdeutlichen, dass die Gedanken: „Was ist, wenn wir verlieren?“, „Was ist, wenn…?“, keinen positiven Beitrag zur Bewältigung der bevorstehenden Aufgabe leistet. Bedenke, wer sich bereits im Vorfeld selbst in Frage stellt oder verurteilt, vergrößert die Diskrepanz zwischen bewussten Wollen und unbewussten Ängsten. Die Folgen können unerklärliche Leistungseinbußen sein.  

        Christian Hoverath: Ran an die Quellen des Selbstvertrauens!

        Fazit

        Ein Finale ist immer etwas Besonderes. Machen sie sich dessen als Trainer bewusst. An diesem Tag kommt es darauf an, jetzt spitzt sich alles zu und jeder der Beteiligten weiß, was die Stunde geschlagen hat. Tragen sie dieser Bedeutung Rechnung und tun sie nicht so, als ob es etwas Normales sei. Sie werden unglaubwürdig auf ihre Sportler wirken. Bekräftigen sie ihre Sportler. Es geht um den Mut im Herzen. Um die innere Bereitschaft, mit aller Kraft und auf die Gefahr des Scheiterns hin etwas zu wagen.  

        Halten sie zum Beispiel eine ungewöhnliche Abschlussbesprechung oder ändern sie den Ablauf der Vorbereitung in wenigen Punkten. Jedoch nicht zu viel, denn Routine gibt Sicherheit. Das „Geheimnis“ liegt wohl in der Mischung. Ein kleiner Teil Besonderheit, ein größerer Teil Vertrautheit, das dürfte in den meisten Fällen ein gute Rezept sein.

         

        Gehören Futsal-Spieler und -Trainer auf die rote Couch? – Warum eigentlich nicht!

        Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

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