Prof. Dr. Oliver Stoll: Müssen wir “böser” werden?

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Als ich am Sonntagabend die Fernsehübertragung der Leichtathletik-WM in London verfolgte, gab es zum Final-Wettkampf von David Storl im Kugelstoßen mehrfach einen Hinweis der Kommentatoren, die einen Sportpsychologen, der in der Praxis tätig ist, natürlich stutzig werden lässt. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Storl seit Kurzem mit einem „Mental-Coach“ namens Matthias Große zusammenarbeitet, der ihm dabei helfe, dass er sich „auf das Wesentliche fokussieren könne“ und der ihm den Hinweis gegeben hätte, dass er „viel zu lieb sei“ und „böser werden müsse“.

Zum Thema: Was der Fall David Storl die Sportpsychologie lehren sollte

Nun gut, mal ganz davon abgesehen, was ich von solchen Ratschlägen halte (vor allen Dingen, wenn die auch noch in der Öffentlichkeit breitgetreten werden), interessierte mich natürlich, wer dieser Matthias Große eigentlich ist. Ich dachte, er arbeitet für einen Athleten, der in einem großen Sportspitzenverband organisiert ist und von dem ich weiß, dass dort hervorragend qualifizierte Sportpsychologinnen und Sportpsychologen aktiv sind – dann wird er sicherlich auf der DOSB-Expertendatenbank sein. Ich habe nachgeschaut – Fehlanzeige. Redaktionsleiter Mathias Liebing hat dann im Rahmen seiner journalistischen Recherche beim DLV angefragt, ob Herr Große in irgendeiner Art und Weise vom DLV beschäftigt wird. Die Antwort des DLV war „nein“ (hätte mich auch gewundert, denn finanziert werden im DLV nur qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, die auf der DOSB-Expertendatenbank registriert sind). Was wir aber der Presse entnehmen konnten war, dass Herr Große der Lebensgefährte von Claudia Pechstein ist und als „Unternehmer“ arbeitet.

Das bringt mich dann doch zum Nachdenken. Wie kann es denn sein, dass ein Athlet mit einem „Unternehmer“ im Bereich „Mental-Coaching“ zusammenarbeitet, über dessen Qualifikation in Sachen Mentaltraining oder Sportpsychologie so gut wie nichts bekannt ist? Ich behaupte ja nicht, dass alle in der DOSB-Datenbank registrierten und somit in ihrer Ausbildung als qualitätsgesichert geltenden Kolleginnen und Kollegen die „Coaching und Sportpsychologische Trainingweisheit mit Löffeln gefressen haben“. Auch diese wissen, dass zu einer Zusammenarbeit sehr viel mehr gehört als Fachwissen und ein großer „mentaler Werkzeugkoffer“. Es ist sehr oft die Beziehungsqualität, das Vertrauen und das motivationale Klima, die eine Zusammenarbeit erfolgreich werden lassen – und das kann man eben nicht studieren.

Brauchen wir mehr Öffentlichkeit?

Aber: Ohne Fachwissen in Sachen Diagnostik, Intervention und Evaluation von solchen Maßnahmen geht es eben auch nicht. Man kann unsere Athleten natürlich nicht dazu zwingen, nur mit Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, die ihre Kompetenz qualitätsgesichert nachgewiesen haben, zumal wenn sie diese Berater privat bezahlen. Aber man kann sich als Sportpsychologe natürlich die Frage stellen, ob wir ein Problem in der öffentlichen Darstellung unseres Faches und unserer Arbeit haben.

Und natürlich muss uns die Aussage von David Storl zu denken geben, wenn er sagt, dass er mal bei einer Sportpsychologin war, die jedoch viel zu „theoretisch“ war. Die Auseinandersetzung mit der Qualitätssicherung unseres Berufsfeldes muss nach wie vor aktuell bleiben! Unser Berufsfeld sollte in der Öffentlichkeit noch sehr viel transparenter dargestellt werden und uns muss es noch viel besser gelingen, die Athleten von unseren Fähigkeiten zu überzeugen – nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen in der Praxis, und gerade auch im Bereich des Spitzensports einen Super-Job machen. Viel zu selten sehen wir etwas von deren Arbeit in der Öffentlichkeit, aus welchen Gründen auch immer. Es ist jedenfalls an der Zeit, dies zu ändern und den Markt nicht einer Beliebigkeit zu überlassen.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Vorsicht vor den Gurus!

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