Feature: Spanien nach der Trainerentlassung – Hierro fehlt nicht nur Zeit

48 Stunden vor dem WM-Auftaktspiel wurde Julen Lopetegui, Spaniens Trainer, nach Hause geschickt. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass er in der kommenden Saison beim Champions League-Sieger Real Madrid auf die Trainerbank wechseln wird. Für Thorsten Loch von Die Sportpsychologen ist es ein gefährliches Spiel, auf welches sich der spanische Verband eingelassen hat. Schließlich kann Ersatztrainer Fernando Hierro seinen geschassten Vorgänger nicht in allen Bereichen gleichwertig ersetzen.

Zum Thema: Weshalb die Spielanalyse eines Trainers auch vom Trainer-Spieler-Verhältnis beeinflusst wird

Eine Entlassung eines Trainers kurz vor der Eröffnungsfeier eines Turniers, gab es noch nie. Thorsten Loch, Profilinhaber von Die Sportpsychologen hat dazu eine klare Meinung: “Aus rein sportlicher Sicht ist es für mich selten dämlich. Denn selbst wenn Spanien als über Jahre gewachsenes Gefüge, mit zahlreichen erfahrenen Spielern und viel Qualität im Kader ins Turnier geht, darf eines nicht vergessen werden: Für den Erfolg eines Teams ist das Trainer-Spieler-Verhältnis brutal wichtig.”

Vicente del Bosque, Welt- und Europameistertrainer der Spanier hat in diesem Zusammenhang einmal folgende Rechnung aufgemacht: “Ich würde sagen, dass neben rein sportlichen Erwägungen wie Trainingsgestaltung, Auswahl des Spielsystems, oder taktischen Fragen rund die Hälfte meiner Arbeitszeit dem Gedankenaustausch mit meinen Spielern dient. Vielleicht sogar noch etwas mehr.“

Schwere Aufgabe für Fernando Hierro

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Kann Fernando Hierro, der in der Not vom spanischen Verband zum Trainer umfunktionierte Sportdirektor, wenn wir uns an del Bosques Aussagen orientieren, nur Scheitern? Er steht zumindest vor einer extrem schwierige Aufgabe. Das größte Problem sieht Sportpsychologe Loch aus der Ferne im menschlichen Bereich: “Zwar kennt er natürlich die Auswahlspieler – und diese kennen ihn, als Sportdirektor, früheren Co-Trainer bei Real Madrid und einstigen Weltklassespieler. Aber es ist utopisch, dass in der Kürze der Zeit ein auf Empathie beruhendes Trainer-Spieler-Verhältnis entsteht.”

Problematisch kann es also auf der Detailebene werden. Loch: “Der Analyse des Spielverlaufes bekommt in diesem Kontext eine Sonderstellung zu. Sie bezieht sich auf die Forderungen, die an Technik, Taktik, Kondition, Disziplin oder Einsatzbereitschaft gestellt werden. Durch Beobachtung und Erfahrungen erkennt der Trainer die psychische Verfassung der Spieler. Zeigen die Sportler Anzeichen von Resignation oder Ängstlichkeit? Erfüllen sie nicht die an sie gestellten Erwartungen an Engagement und Einsatzbereitschaft oder präsentieren sie sich gar überheblich, unmotiviert oder arrogant? Zeigen sich Spieler emotional erregt, übermotiviert oder frustriert, sodass vereinbartes taktisches Verhalten missachtet wird? Wir sehen also, dass auf der Beziehungsebene extrem hohe Anforderungen den die Trainer gestellt werden. Nur wenn der Trainer weiß, wie sich der Spieler in der jeweiligen Situation fühlt, wird er in der Lage sein, entsprechend handeln zu können. Dazu bedarf es einer guten Kommunikation und einem ehrlichen Interesse dem Anderen gegenüber. Und dafür fehlt Fernando Hierro schlicht Zeit.“

Mit heißem Herzen und kalter Hundeschnauze

Im Fußball entscheiden Funktionäre gern mit heißem Herzen und kalt wie eine Hundeschnauze. Und sicherlich darf Julen Lopetegui auch gern dafür kritisiert werden, dass er erst im Mai seinen Vertrag als Nationaltrainer verlängert hat, um nun doch eine ausgehandelte Ausstiegsklausel zu nutzen (mehr im Kommentar von der Sportschau). Aber im Ergebnis wird die spanische Auswahl durch die Trainerentlassung einem außergewöhnlichen Stresstest unterzogen. Beim ersten WM-Spiel gegen Europameister Portugal dürften die Verantwortlichen des spanischen Verbandes innig auf einen Sieg hoffen. Und auf ein natürliches Gesetz, welches im Sport gilt: Erfolg übertüncht fast alles.

Lopetegui bei seiner Vorstellung in Madrid:

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