Dr. René Paasch: Mit Erfolg und Misserfolg umgehen

Sportarten: Fußball, Segeln, Handball, Hockey, Eishockey, Tennis

Fußball ist irrational. Denken wir nur an das Saisonende und den damit verbundenen Kampf um Klassenerhalt oder aber um Ab- bzw. Aufstieg. Für viele Profi-Kicker und natürlich auch für unzählige Amateurfußballer ist dies ein Szenario, welches nicht zuletzt mental an Belastungsgrenzen führt. Das Schlimmste dabei ist: In aller Regel sind die betroffenen Spieler und deren Trainer nicht gut darauf vorbereitet. Daher habe ich hier ein paar Methoden ausgewählt, die die Vorbereitung auf die spezielle Herausforderung oder den Umgang mit dem Ergebnis im Nachgang erleichtern können.

Zum Thema: Wie verarbeiten wir Erfolg und Misserfolg im Auf- und Abstiegskampf?

Auf- und Abstiegskämpfe haben in der Regel einen Gewinner und einen Verlierer. Für die mentale Gesundheit aller Beteiligter im Fußball ist der optimale Umgang mit der Situation eine wichtige Voraussetzung. Wer einen Auf- bzw. Abstiegskampf für sich entscheidet, empfindet in der Regel Freude, Stolz oder Erleichterung. Wer ihn verliert, kann mit Ärger, Wut oder Enttäuschung zu kämpfen haben.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass negative Emotionen wie Ärger, Wut oder Enttäuschung durchaus auf eine positive Art verarbeitet werden können. Das heißt, die Beschäftigung mit der negativen Emotion trägt zu einem konstruktiven Umgang mit der Situation bei. Schauen wir uns das näher an.

Ursachenzuschreibung

Ob im Auf- und Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga oder in der Kreisliga, jeder bzw. jede interpretiert und bewertet die Situation für sich. In der Fachsprache: Ursachenzuschreibung (Stiensmeier-Pelster & Heckhausen, 2006). Davon ist abhängig, welche emotionale Reaktion auf Erfolg bzw. Misserfolg folgt. Wird der Aufstieg beispielsweise auf die eigenen Fähigkeiten zurückgeführt, ist ein erhöhter Selbstwert zu erwarten. Beim Abstieg dagegen entsteht Niedergeschlagenheit oder Frustration, wenn die mangelnden eigenen Fähigkeiten als Ursache wahrgenommen werden. Die mentale Gesundheit ist deshalb eng mit dem Attributionsstil verbunden. Im Attributionsstil liegt auch ein wichtiger Unterschied zwischen optimistischen und pessimistischen Akteuren: Optimisten begründen Erfolg/Aufstieg internal und stabil (z. B. mit den eigenen Fähigkeiten); Misserfolge werden entweder externalen Faktoren zugeschrieben („der Trainer und der Verein sind schuld“) oder bei eigenen Fehlern liegt der Fokus auf der Verbesserung („nächstes Mal schaff ich‘s“). Pessimisten hingegen attribuieren erfolgreiche Aktionen häufig external („nur Glück gehabt“); Misserfolge werden internal und vor allem sehr stabil interpretiert („das schaffen wir nie“).

Als Akteur im Leistungssport ist es daher wichtig, die Attributionsart zu kennen und bestenfalls so zu verändern, dass sie dem optimistischen Attributionsstil entspricht, um mentale Gesundheit zu fördern und negative emotionale Lagen zu vermeiden. Nach Feststellung der Ursachenzuschreibung sollten Sie dann Ihre wiederkehrenden Gedanken hinterfragen und optimieren.

Gedanken hinterfragen und Wahrnehmung ausrichten

Leistungsdruck erleben Sportlerinnen und Sportler bzw. Trainerinnen und Trainer immer dann, wenn die eigenen Ansprüche immens hoch sind oder von außen Anforderungen an sie gestellt werden, die mit den eigenen Fähigkeiten kaum oder gar nicht zu bewältigen erscheinen. Sie haben dann das Gefühl, dass eine bestimmte Leistung um jeden Preis erbracht werden muss, sonst drohen Konsequenzen. Sie denken an frühere Niederlagen oder Misserfolge und fürchten sich vor den Folgen, die eine Nichterbringung der geforderten Leistung nach sich zieht. Dadurch wird die Konzentration entweder auf die Bewältigung von Vergangenem oder auf zukünftige Konsequenzen gerichtet.

Beim selbst initiierten Leistungsdruck sind die Ansprüche selbst verursacht und gehen zurück auf Persönlichkeitseigenschaften, wie das Streben nach Perfektion oder darauf, keine Fehler zu machen. Beim fremdinitiierten Leistungsdruck werden die Ansprüche von außen an die Akteure im Leistungssport herangetragen. Diese sind oft vielfältig und summieren sich zu einem riesigen Berg an ungelösten Gedanken. Nicht nur Trainerinnen bzw. Trainer, auch Eltern, Funktionäre oder die Mannschaftskolleginnen und -kollegen stellen Ansprüche, die als schwere Last empfunden werden. Hier einige Strategien zur Bewältigung von belastenden Situationen:

Raus aus dem Gedankenkarussell: Um die Kontrolle über die Gedanken im Auf- und Abstiegskampf wiederzuerlangen und die Aufmerksamkeit selbst lenken zu können, hat Teismann (2016) für Betroffene eine Art Werkzeugkasten mit verschiedenen Methoden entwickelt, die ich bereits mit Sportlern und Trainern erfolgreich anwenden konnte: Nacheinander konzentrieren sie sich auf verschiedene Umgebungsgeräusche. Durch diese Übung nimmt die selbstfokussierte Aufmerksamkeit ab und es kann wieder Kontrolle gewonnen werden. Anstatt über ein Thema zu grübeln, kann darüber auch geschrieben werden. Mindestens 20 Minuten lang. Schreiben sollten sie nur für sich.

Entspannungsmethoden trainieren: Die wenigsten Akteure im Leistungssport haben angemessen Zeit im Trainings- und Wettkampfalltag, um sich damit auseinanderzusetzen. Nutzen Sie daher die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen oder üben sie täglich achtsam zu sein. Siehe dazu http://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/21/dr-rene-paasch-der-trend-zur-achtsamkeit/. Dies ist eine hervorragende und leicht umsetzbare Methode, die mittlerweile gut nachgewiesen worden ist.

ABC-Modell: Das Selbstkonzept und die persönliche Welt der Akteure im Leistungsfußball werden als bedeutender Einflussfaktor auf ihr Verstehen, Verhalten und ihre Gefühlswelt verstanden. Die kognitive Umstrukturierung konzentriert sich dabei auf gegenwärtige Probleme und bietet problembezogene Lösungsansätze, wie beispielsweise die Rational-Emotive Therapie von Ellis (Ellis, 1993). Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen Bewertungen, insbesondere die irrationalen Bewertungsmuster. Siehe dazu: http://www.die-sportpsychologen.de/2017/06/22/dr-rene-paasch-ruediger-und-der-hass/

Raum für Probleme. Formulieren Sie explizite Regeln für den Umgang mit Traurigkeit, Wut und Ärger. Probleme sollten offen und sachlich erörtert und bereinigt werden. Fördern Sie diesen Prozess. Dabei können positive Umdeutungen der Situation, konstruktive Aussprachen, aber auch das „Vergeben“ dazu beitragen, dass der Abstieg oder verpasste Aufstieg bewältigt wird.

Realistische Ziele setzen: Um die eigenen Ziele und Teamziele nach schwierigen Zeiten miteinander in Einklang zu bringen, ist es wichtig, sich darüber zu unterhalten. Sie sollten daher stets nachvollziehbare und realistische Ziele definieren (siehe dazu http://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/) und diese immer wieder gemeinsam überprüfen und anpassen.

Grundbedürfnisse berücksichtigen: Ermöglichen Sie Bedürfnisbefriedigung, denn die Grundbedürfnisse aller sind Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit (Ryan & Deci, 2000). Aufstellungsmodus, Konfliktlösungen aber auch regelmäßige Gespräche (auf und neben dem Platz) sollten sie zur Bedürfnisbefriedigung anbieten.

Finden Sie den Attributionsstil heraus. Dazu können Sie in Einzelgesprächen nach dem verpassten Saisonziel bzw. Siegen oder Niederlagen nach einer Erklärung für das Gelingen oder Misslingen fragen. Arbeiten Sie daran, einen optimistischen, aber gleichzeitig realistischen Attributionsstil zu entwickeln. Bauen Sie mentale Trainingsformen ins Training ein. Dies wirkt sich positiv auf die Selbstwirksamkeitserwartung (siehe dazu  http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paasch-selbstwirksamkeit-im-fussball/ aus.

Fazit

Angst und Leistungsdruck sind die intensivsten Faktoren im Auf- und Abstiegskampf, denen Akteure im Fußball ausgesetzt sind. Doch so vielfältig die emotionalen Einflüsse und Hemmungen auch sind – ihr Umgang mit ihnen ist erlernbar und steuerbar. Das besondere an der Gedankenkontrolle und den bereits genannten Methoden ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Somit wird der Fokus auf den Prozess des Denkens geleitet. Im Ergebnis gelingt es meistens, mit Hilfe der Übungen früher aus dem Gedankenkarussell „Leistungsdruck“ auszusteigen, Probleme zu erkennen und rationaler anzugehen.

 

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Literatur

Ellis, A. (1993): Grundlagen der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Pfeiffer, München 1993

Stiensmeier-Pelster, J. & Heckhausen, H. (2006): Kausalattribution von Verhalten und Leistung. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (S. 355-392). Heidelberg: Springer.

Teismann, T., Koban, C., Illes, F. & Oermann, A. (2016): Psychotherapie suizidaler Patienten. Göttingen: Hogrefe.

Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 72, Figure 1. In: American Psychologist 55, 68–78.

 

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