Start Blog Seite 120

Johanna Constantini: Please like me! Wie sich der Vergleich in sozialen Medien auf den Selbstwert unserer AthletInnen auswirkt!

Johanna Constantini
Per Klick zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Bei meiner Tätigkeit als Sportpsychologin arbeite ich vermehrt mit SportlerInnen, die wir als digital natives oder auch digital immigrants bezeichnen können. Dabei handelt es sich um jene AthletInnen, die in den Gebrauch von Smartphones und dem uneingeschränkten Zugang zu sozialen Medien hineingeboren (digital native), oder während ihrer Kindheit unmittelbar damit aufgewachsen sind (digital immigrants). (Prensky, 2001) Zwar sind nicht alle AthletInnen dieser und älterer Generationen dem Hype der neuen Kommunikationsformen verfallen, dennoch befassen sich viele von ihnen auch während ihrer Wettkämpfe mit den digitalen Welten, die in ihren Smartphones stecken. Diverse Social Media Kanäle habe ich bereits in meiner Serie zum „Umgang mit sozialen Medien in der modernen Sportpsychologie“ (alle Teile sind unter dem Text verlinkt) erwähnt. Wie diese das für den sportlichen Erfolg so wichtige Selbstwertgefühl beeinflussen können, möchte ich heute auf Basis der aktuellen Forschungsarbeiten näher beleuchten.

Zum Thema: Der Vergleich über soziale Medien und wie er sich auf den Selbstwert unserer AthletInnen auswirkt! (Aus der Reihe: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 6)

SportlerInnen sind auch nur Menschen, so viel steht fest. Menschen, die sich über ihren Sport Bestätigung holen, wie es Manager über ihren Beruf, Mütter und Väter über ihre Kinder tun. Ständig sind wir Menschen also damit beschäftigt, uns mit anderen in unserem Umfeld zu vergleichen. Diese Theorie  wurde bereits 1954 durch den US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger begründet, im Zeitalter der sozialen Medien wird sie jedoch in ein ganz neues und vor allem aktuelles Licht gerückt. Bei dem sozialen Vergleich unterscheidet man dabei generell zwischen zwei verschiedenen Arten:

Einerseits spricht man von der sogenannten „upward social comparison“, bei der wir uns mit vermeintlich „besser gestellten“ Personen in Beziehung setzen. Im Gegenteil dazu gibt es die „downward social comparison“, um sich mit vermeintlich „Schwächeren“ in unserem Umfeld zu vergleichen (Wills, 1981; Wood, 1989)

Das Selbstwertgefühl in Gefahr

Während uns der Vergleich mit „besser Gestellten“ laut Lockwood und Kundo (1997) zwar inspirieren und motivieren kann (so auch, wenn wir im Sport unseren Vorbildern nacheifern und ihnen über soziale Medien folgen), so führt die ständige Konfrontation mit vermeintlich erfolgreicheren „KonkurrentInnen“ doch auf Dauer zu einer Abnahme unseres Selbstwertgefühls, sowie zu einer negativen Stimmung (Marsh & Parker, 1984; Morse & Gergen, 1970).

In den sozialen Medien neigen wir zur „upward social comparison“, wenn wir unser realistisches Offline – Selbstbild mit einem idealisierten Online-Selbst vergleichen. Besonders was Vergleiche über Facebook angehen, stellten Chou und Edge so bereits 2012 ein negativeres Befinden bei Menschen mit übermäßiger Online Aktivität fest.  

Wollen wir etwas weiter gehen, so lässt sich der vermehrte Gebrauch von Facebook übrigens auch mit dem Ausbruch von Depressionen in Zusammenhang bringen: Nicht nur eine Minderung des individuellen Wohlbefindens, sondern eben auch ernsthafte psychische Konsequenzen stehen dem Surfen durch die weltgrößte Online-Community also hier gegenüber (Feinstein et al., 2013; Kalpidou, Costin, & Morris, 2011; Kross et al., 2013; Mehdizadeh, 2010; Rutledge, Gillmor, & Gillen, 2013).  

Mittendrin im sozialen Netzwerk – wo stehen wir als moderne Sportpsychologen?

Sieht man sich den weltweiten Gebrauch sozialer Medien an, so steigt dieser stetig an. Dabei zeigen Studien aus dem Jahr 2012 bereits schier unglaubliche Zahlen von über 846 Millionen Facebook Usern, die gemeinsam mehr als 9,7 Billionen Minuten pro Tag in den sozialen Online Welten verbringen (Facebook, 2012. Rusli, 2012) Was bedeutet dies für die moderne Sportpsychologie?

Meiner Meinung nach sollten wir Sportpsychologen unsere AthletInnen sicherlich nicht zum „Offline-Dasein“ zu bekehren, um ihre Leistungen vermeintlich steigern zu können. Gelten die heute bekannten „Likes“ über soziale Medien schließlich fast schon als modernes Zahlungsmittel, um in den Selbstwert von Individuen zu investieren. Für unser Wohlbefinden können sie jedenfalls sehr heilsam sein, auch das konnten aktuelle Forschungen beweisen (Valkenburg, Peter, & Schouten, 2006).

In meinen Augen liegt die Aufgabe der modernen Sportpsychologie eher darin, einen Blick auf die Online-Aktivitäten unserer AthletInnen zu werfen, Verständnis für diese modernen Kommunikationsformen aufzubringen aber auch über Wissen zu verfügen, um Alternativen zu den Vergleichen über soziale Medien bieten zu können, über Offline-Zeiten zu diskutieren und falsche Freunde in Zusammenarbeit mit unseren Schützlingen zu entmächtigen. Damit sich die Online und Offline-Welten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, im Sinne des Wohlbefindens und des sportlichen Erfolgs für unsere AthletInnen plausibel vereinen lassen.

Die komplette Serie:

Johanna Constantini: Kommunikation über soziale Medien – welche Auswirkungen hat die Interaktion der Fans auf Athleten?
Johanna Constantini: Warum die Bedeutung der intrinsischen Motivation in der digitalen Welt steigt
Johanna Constantini: Instant Messaging als Stressfaktor!
Johanna Constantini: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten
Johanna Constantini: “Ich poste, also bin ich” – Skype und Social Media in der modernen Sportpsychologie

Quellen:

Chou, H.-T. G., & Edge, N. (2012). “They are hap- pier and having better lives than I am”: The impact of using Facebook on perceptions of others’ lives. Cyberpsychology, Behavior, and Social Network- ing, 15, 117–121. doi:10.1089/cyber.2011.0324

Facebook. (2012). Statistics of Facebook. Palo Alto, CA: Face- book. Retrieved from http://newsroom.fb.com/content/default. aspx?NewsAreaId=22

Feinstein, B. A., Hershenberg, R., Bhatia, V., Latack, J. A., Meuwly, N., & Davila, J. (2013). Negative social comparison on Facebook and depressive symptoms: Rumination as a mechanism. Psychol- ogy of Popular Media Culture, 2, 161–170. doi: 10.1037/a0033111

Festinger, L., 1978. A theory of cognitive dissonance. Huber, Bern [u. a.] ISBN 3-456-80444-X.

Kalpidou, M., Costin, D., & Morris, J. (2011). The relationship between Facebook and the well-being of undergraduate college students. Cyberpsychol- ogy, Behavior, and Social Networking, 14, 183– 189. doi:10.1089/cyber.2010.0061

Kross, E., Verduyn, P., Demiralp, E., Park, J., Seung- jae Lee, D., Lin, N,… Ybarra, O. (2013). Face- book use predicts declines in subjective well-being in young adults. PLoS One, 8, e69841. doi: 10.1371/journal.pone.0069841

Lockwood, P., & Kunda, Z. (1997). Superstars and me: Predicting the impact of role models on the self. Journal of Personality and Social Psychol- ogy, 73, 91–103. doi:10.1037/0022-3514.73.1.91

Marsh, H. W., & Parker, J. W. (1984). Determinants of student self-concept: Is it better to be a rela- tively large fish in a small pond even if you don’t learn to swim as well? Journal of Personality and Social Psychology, 47, 213–231. doi:10.1037/ 0022-3514.47.1.213

Mehdizadeh, S. (2010). Self-presentation 2.0: Narcis- sism and self-esteem on Facebook. Cyberpsychol- ogy, Behavior, and Social Networking, 13, 357– 364. doi:10.1089/cyber.2009.0257

Marc Prensky: Digital Natives, Digital Immigrants (PDF; 135 kB), in: On The Horizon, ISSN 1074-8121, MCB University Press, Vol. 9 No. 5, Oktober 2001.

Wills, T. A. (1981). Downward comparison princi- ples in social psychology. Psychological Bulletin, 90, 245–271. doi:10.1037/0033-2909.90.2.245

Wood, J. V. (1989). Theory and research concerning social comparison of personal attributes. Psycho- logical Bulletin, 106, 231–248. doi:10.1037/0033- 2909.106.2.231

Rusli, E. (2012). Facebook files for an I.P.O. New York Times. Retrieved from http://dealbook.nytimes.com/2012/02/01/face- book-files-for-an-i-p-o/?hp

Rutledge, C. M., Gillmor, K. L., & Gillen, M. M. (2013). Does this profile picture make me look fat? Facebook and body image in college students. Psychology of Popular Media Culture, 2, 251– 258. doi:10.1037/ppm0000011

Valkenburg, P. M., Peter, J., & Schouten, A. P. (2006). Friend networking sites and their relation- ship to adolescents’ well-being and social self- esteem. Cyberpsychology and Behavior, 9, 584– 590. doi:10.1089/cpb.2006.9.584

Views: 400

Dr. René Paasch: Angst im Nachwuchssport

Per Klick zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich, wenig Freizeit, fremdbestimmter Terminkalender und dazu noch ehrgeizige Eltern: Kinder und Jugendliche stehen heute unter enormem Leistungsdruck und werden oft mit hohen Erwartungen in die Welt geschickt. Wo bleibt da die Zeit für Eigenbestimmung und Kreativität? Wenn diese wichtigen Eigenschaften nicht (vor)gelebt werden, dann ist die Angst für unseren Nachwuchs immens hoch. Ich möchte dieser Frage nachgehen und Hilfestellung leisten. Los geht’s …

Zum Thema: Der richtige Umgang mit Angst im Nachwuchssport

Kinder und Jugendliche haben heute häufig schon im Kindergartenalter einen vollen fremdbestimmten Terminkalender. Dieser vollzieht sich dann bis im späten Jugendlichen Alter. Die Kinder machen in der Kita interessante Dinge, lernen viel und sind selbstbestimmt tätig, doch das verliert sich mit dem Älterwerden und dem Leistungsdruck. Erst wenn von oben, mit Druck geführt wird, wird es anstrengend für unsere Kinder und Jugendliche und besonders für deren Entwicklung. Lernen sollte Spaß und mit positiven Emotionen verbunden sein. Angst lähmt und versetzt unseren Nachwuchs in eine Art Flucht- bzw. Kampfmodus. Denn das Lernen und die damit verbundene Entwicklung geschieht durch Anknüpfen an persönliche Interessen. Das heißt: Je neugieriger ein Kind und Jugendlicher auf etwas ist und je mehr Verbindungen man mit vorhandenem Wissen schafft, desto mehr bleibt nachhaltig vorhanden. Wenn man von etwas begeistert ist, vergeht die Zeit wie im Fluge. Und man kann sich später viel besser daran erinnern. Zum Beispiel durch spielerische Vermittlung des Fußballspielens oder das Lernen von Fremdsprachen: Kreativität statt Konstruieren. Zuhören statt Pauken. Vorgaben einschränken (Aufmerksamkeitsregulation) und Freiräume schaffen.

Selbst wenn unsere Kinder und Jugendlichen einen vollen Terminkalender haben, dann sollten sie wenigstens ihre Aktivitäten freiwillig vollziehen dürfen.  Es ist toll, wenn sie sich verausgaben statt den Medienersatz zu nutzen. Sie sollen in ihren Fähigkeiten gefördert werden und zwar so früh und umfassend wie möglich. Doch braucht Entwicklung auch Zeit, Ruhe und Vertrauen. Denn aus meiner Sicht sind Heranwachsende nur gestresst, weil die Fremdbestimmung und -steuerung zu groß ist.

Durchhaltevermögen

Durchhaltevermögen lernt man nicht über Geschrei oder den erhobenen klassischen deutschen Zeigefinger. Das lehrt unsere Kinder und Jugendlichen nur, ängstlich zu reagieren. Ein fürsorgliches Ziel ist daher die Selbststeuerung zu entwickeln. Aufforderungen wie „Jetzt mach endlich, was man von dir verlangt, ansonsten wird das Konsequenzen haben!“ oder „Du brauchst das für deine Zukunft als Fußballer und jetzt bleib mal bei der Sache, ansonsten wird aus dir kein Profi!“, bewirken als „Negativer Verstärker“ genau das Gegenteil.  

Am besten ist es, wenn eure Heranwachsenden es schaffen, selbst eine Belohnung zu erarbeiten. Also etwa dadurch, dass die mit den eingeübten Fußball-Techniken oder dem geforderten Wissen in der Schule am Ende gut klappt. Die Fähigkeit, nicht nur zu reagieren, sondern zielgerichtet zu agieren, fördert und bestärkt unsere Kinder und Jugendlichen. Denn die Selbstkontrolle braucht vor allen Dingen viele Erfahrungswerte „Trial end Error“ und das über viele Jahre hinweg. Viele Erfolgserlebnisse verschaffen, ohne dabei mit Druck und Angst den Lebensweg zu prägen, dass muss unser aller Anspruch sein.

Selbstkontrolle und – steuerrung

Der Mensch musste als Jäger und Sammler planvoll vorgehen, sorgfältig die Feuerstelle pflegen – sonst wäre er erfroren und verhungert. Heute fahren wir ins Einkaufszentrum, um unseren Hunger zu stillen und wenn es kalt wird, dann drehen wir die Heizung auf. Nicht umsonst haben funktionierende Kulturen Sport, Wettspiele und Musik erfunden und kultiviert. Ob Schule, Freizeitaktivitäten oder Sport: Hier muss man einen Plan haben, sich abstimmen, auch mal durch schwierige Zeiten durch. Und es macht Spaß, wie unser Nachwuchs sich förmlich danach sehnt. Genau deshalb braucht man ja auch keinen erhobenen Zeigefinger oder angsteinflößende verbale Ausbrüche (Neubauer, Gawrilow, Hasselhorn, 2014).

Wie wichtig das Training von Selbstkontrolle und – steuerrung für den späteren Erfolg im Leben ist, zeigt eine wegweisende Studie von Wissenschaftlern (Mischel, Shoda, Peake, 1988). Sie untersuchten die Selbstkontrolle von Kindern regelmäßig – bis hinein ins Erwachsenenalter. Dabei zeigte sich, dass Gesundheit, Wohlstand und die sozialen Lebensumstände vom Ausmaß der Selbstkontrolle- und steuerrung in der Kindheit abhängen. Wer als Kind Selbstkontrolle trainiert hatte, neigte später deutlich weniger zu Verarmung, Kriminalität und Suchterkrankungen. Die Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Kinder Gelegenheiten haben, sich an Aufgaben, die ihnen Freude machen, zu bewähren.

Hot- versus Cool-System

In weiteren Untersuchungen zur Entwicklung der Selbstkontrollfähigkeiten wird häufig nach dem Bezug auf heiße versus kalte Fähigkeiten unterschieden. Metcalfe und Mischel (1999) nehmen an, dass diese beiden miteinander verbundenen psychischen Systeme für die Entstehung von Selbstkontrolle verantwortlich sind. Das sogenannte Hot-System besteht bereits in den ersten Lebensjahren und ist die Grundlage für emotionale klassische Konditionierung. Es reagiert schnell und reflexartig auf zunächst angeborene Stimuli. Das Cool-System entwickelt sich dagegen langsam, ist kognitiv, emotional neutral und strategisch. Es ist die Quelle der Selbstkontrolle und wird im Laufe der Entwicklung dominanter als das Hot-System.

Beispielsweise zeigen Kinder und Jugendliche, deren Eltern in der Erziehung klare Grenzen setzen und somit das Cool-System ansprechen, eine höhere Selbstkontrolle. Es lohnt sich daher genauer auf die Entwicklung unserer Sprösslinge zu schauen.

Fördern statt instruieren

Die Anforderungen des Sports und der Schule hat sich während der letzten 50 Jahre enorm gewandelt. Der damit verbundene Fokus des öffentlichen Interesses ist riesig. Betrachtet man die Wirkung, die manche Sportarten wie Fußball oder die Formel 1 heute in den Medien einnehmen, so wird schnell klar, dass sich auch für unseren Nachwuchs während dieser Entwicklung viel verändert hat. Der Weg bis in die Leistungsspitze oder der allgegenwärtige Alltagsdruck (Schule, Freizeit, Nachhilfe, Verein) ist unter anderem durch einen enormen Zeitaufwand, ein hohes Maß an Selbstdisziplin und damit mit einer Vielzahl von menschlichen Entbehrungen, verbunden. Aufgrund der momentanen Entwicklung scheint es kaum verwunderlich, dass selbst Kinder und Jugendliche, die im Verein spielen, mit diesem Druck konfrontiert werden. Erschwerend hinzukommt, dass sie darüber hinaus noch einer Vielzahl weiterer Ansprüche aus dem ökonomischen, gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Bereich gegenüber ausgesetzt sind (Fessler und Schorer, 2001). Vor allem die Koordination der einzelnen Lebensbereiche mit dem Sport erfordert ein hohes Maß an Disziplin von unseren Kindern aber auch der Trainer und Eltern. 

In allen Phasen der (leistungs-)sportlichen Karriere (z.B. Würth, 2001; Weber, 2003) nimmt die Unterstützung durch die Eltern und durch Gleichaltrige eine überaus wichtige Funktion ein. In Bezug auf die Eltern ist es von großer Bedeutung, dass sie voll und ganz hinter ihrem Kind stehen. Rückhalt, Verständnis und Interesse aus dem Elternhaus sind für den Heranwachsenden unverzichtbar, um die Doppelbelastung Schule und (Leistungs-)Sport zu meistern. Oftmals sind die Jungen und Mädchen schon wegen der Wegstrecke zum Training oder zum Wettkampf auf die Eltern angewiesen. Im Allgemeinen ist also eine gute Beziehung zu den Eltern und Trainern, die emotional und orientierend unterstützen, für die Verarbeitung der vielfachen Belastungen von großer Bedeutung. Somit kann die Entstehung von Angst frühzeitig unterbunden werden. Denn eines muss uns klar werden: Die Welt können wir nicht so schnell verändern aber unsere Kinder und Jugendlichen mit stabilen Eigenschaften versorgen.

Fazit:

Liebe Eltern, Trainer und alle die sich mit der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigen: Angst und Stress entstehen nicht außerhalb unserer Gedanken und somit können wir jederzeit die Situation verbessern. Geht ungewöhnliche Wege mit eurem Nachwuchs und fördert sie auf allen Ebenen, wie bspw. durch Musik, verschiedene Sportarten, kreatives Gestalten, Werken, Spielen und dabei bestärkt ihr noch die sozialen Kompetenzen. Die Grundlage unserer Kultur und unseres Wohlstands liegt in den Köpfen unserer Heranwachsenden. Diese brauchen Gelegenheiten des Erlebens von Kompetenz und des Lernens. Das ist langfristig nachhaltig und zugleich wichtiger als ein fremdbestimmtes und geformtes Kind.

Mehr zum Thema

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/30/cristina-baldasarre-fruehfoerderung-im-kinderleistungssport-wieviel-ist-genug/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/06/lena-tessmer-die-ressource-eltern/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/21/dr-rene-paasch-wenn-nachwuchsfussballer-den-traum-der-eltern-leben/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/10/13/thorsten-loch-mein-kind-im-sport-und-ich/

Literatur

Fessler, N. & Schorer, J. (2001): Der jugendliche Leistungssportler – Aufwendungen und Anforderungen. In A. Woll (Hrsg.), Miteinander lernen, forschen, Spielen. Zukunftsperspektiven für Tennis (S.84-96), Band 131. Hamburg: Czwalina.

Neubauer, A, Gawrilow, C. & Hasselhorn, M. (2014): Selbstkontrolle bei Vorschulkindern unterschiedlicher kultureller Herkunft. Frühe Bildung, 3 (3). doi: 10.1026/2191-9186/a000145 

Mischel, W., Shoda, Y. & Peake, P. (1988): The Nature of Adolescent Competencies Predicted by Preschool Delay of Gratification. Journal of Personality and Social  Psychology, 54, 687-696.

Metcalfe, J. & Mischel, W. (1999): A hot/cool system analysis of delay of gratification:  Dynamics of willpower. Psychological Review, 106, 3-19.

Würth, S. (2001): Die Rolle der Eltern im sportlichen Entwicklungsprozess von Kindern und Jugendlichen. Lengerich: Pabst Science Publishers.

Weber, U. (2003). Familie und Leistungssport. Schorndorf: Hofmann Verlag.

Views: 4174

Dr. Tom Kossak: “Die Chirurgie ist für mich wie eine eigene Sportdisziplin”

Dr. Tom Kossak

Dass die Sportpsychologie auch abseits von Spielfeldern, Laufbahnen und Schanzentürmen sinnvoll sein kann, ist kein großes Geheimnis. Wie intensiv auch sportferne Berufsgruppen von sportpsychologischem Fachwissen profitieren können, macht aktuell Dr. Tom Kossak deutlich. Der Münchner Sportpsychologe arbeitet unter anderem mit Chirurgen des Rotkreuzklinikums München. Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, wollte zu dieser Kooperation mehr wissen.   

Dr. Tom Kossak, worin unterscheiden sich in der sportpsychologischen Zusammenarbeit Ärzte von Spitzensportlern?

Auch wenn es viele inhaltliche Gemeinsamkeiten gibt, unterscheidet sich meine Arbeit mit Ärzten auch deutlich vom Spitzensport: Ein Unterschied liegt beispielsweise in der Erfolgsorientierung. Ein Chirurg geht davon aus, dass die Operation gut verlaufen wird. Für den Arzt ist der Erfolg also Normalität – das prägt sein Selbstverständnis. Umso schwerer wiegt der Misserfolg mit seinen Konsequenzen. Ein weiterer Unterschied liegt in der Art der Verantwortung. Sportler, besonders in Individualsportarten, sind nur für sich selbst verantwortlich, während ein Arzt die Verantwortung für die Operation und die Gesundheit seiner Patienten übernimmt. Im Vergleich zu den oft jungen Sportlern bringen Ärzte darüber hinaus meist mehr Lebenserfahrung und damit die Fähigkeit zur Selbstreflektion mit. Das hilft, das mentale Training schneller auf den Arbeitsalltag zu transferieren.

Auch für mich als Sportpsychologen unterscheidet sich die Struktur der Arbeit. Während die Mitarbeiter eines Klinikums meist kontinuierlich vor Ort sind, sodass regelmäßige Termine möglich sind, bedeutet die Arbeit im Spitzensport für mich in der Regel viel Reiseaufwand. Dazu kommt, dass nicht in jedem Trainingslager immer alle Sportler dabei sind, so dass hier viel Koordination notwendig ist um kontinuierlich und nachhaltig zu arbeiten.

Inwiefern war es für Sie schwierig, sich in dieses andere Arbeitsfeld hineinzudenken? Oft haben Sportpsychologen ja auch eigene sportliche Erfahrungen, die es ermöglichen, die gleiche „Sprache“ mit dem Gegenüber zu sprechen?

Ich sehe die Chirurgie wie eine eigene Sportdisziplin. Seit einem Jahr arbeite ich z.B. in einem spannenden Projekt im Motorsport. Auch dort hatte ich bis zu meinem ersten Engagement keine Erfahrung und musste lernen, mich in diesem Feld zu bewegen. Für mich ist eine der wichtigsten Voraussetzungen des Sportpsychologen, neugierig zu sein und die Disziplin kennenlernen zu wollen, und zwar mit ihren Regeln und Menschen. Dabei erlebe ich es oft sogar als Vorteil, sich in einer Disziplin noch nicht so gut auszukennen. So lassen sich Potentiale und blinde Flecken noch besser entdecken.

In welchen sportfernen Arbeitsbereichen, vielleicht auch ungewöhnlichen, sehen Sie Potential für sportpsychologische Expertise?

Mit meinen Kollegen von Sportpsychologie München (www.sportpsychologie-muc.de) hatte ich das Glück, in den vergangenen Jahren Einblicke in ganz verschiedene Branchen erhalten zu dürfen. Die Sportpsychologie kann dabei mit ihrer „Performance-Orientierung“ Menschen aus anderen Disziplinen und Arbeitsbereichen helfen, eigene Potentiale abzurufen. In den letzten Jahren haben wir, neben der Arbeit mit Chirurgen, z.B. auch Mitarbeiter und Führungskräfte von verschiedenen Wirtschaftsunternehmen gecoacht oder mit Opernsängern und Musikern gearbeitet. Unter dem Motto „Performing under Pressure“ haben wir unsere Erfahrungen aus diesen Projekten in einem strukturierten Programm zusammengefasst. In Vorträgen, Workshops und Coachings unterstützen wir damit nun alle interessierten Berufsgruppen, die unter Druck Höchstleistung abrufen müssen und dabei psychisch gesund bleiben möchten.

Wie hat die bisherige Arbeit am Rotkreuzklinikum München Ihre Arbeit verändert?

Die Tätigkeit im Rotkreuzklinikum (www.rotkreuzklinikum-muenchen.de) unter der Leitung von Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Thasler ist für mich insofern spannend, weil sie meinen Blick auf Krankenhäuser allgemein und die Arbeit von Medizinern verändert hat. In der Tätigkeit als Sportpsychologe komme ich mit Ärzten meist aus Patientensicht in Kontakt. Verletzt sich ein von mir betreuter Sportler, schicken wir ihn zum Arzt und gehen davon aus, dass die Verletzung erfolgreich behandelt wird. Dass Ärzte aber unter enormem Druck stehen, um das bestmögliche Ergebnis für ihren Patienten zu erzielen ist ein neuer Blickwinkel. Es ist schön, dass ich durch die Arbeit mit den Medizinern einen Beitrag leisten kann, um Operationen zu verbessern und Chirurgen zu helfen, die wiederum Menschenleben retten.

Welche Herausforderungen stehen Ihnen als Sportpsychologe in der zweiten Jahreshälfte bevor?

Bislang habe ich mit den Ärzten des Rotkreuzklinikums intensiv an den mentalen Bildern von chirurgischen Bewegungsabläufen gearbeitet. Ein spezieller Simulator hilft uns dabei einfache standardisierte Übungen sowohl mental als auch am Simulator zu trainieren. Auf diese Weise können wir den Erfolg des Trainings sehr gut evaluieren. Gerade für minimalinvasive Eingriffen erweisen sich solche Lernmethoden als wichtig, weil so alles außerhalb des Operationssaals ausprobiert und durchdacht werden kann. Im zweiten Halbjahr wollen wir uns verstärkt dem Umgang mit Druck und Belastungen im chirurgischen Praxisalltag widmen. Dabei werden wir darauf eingehen, wie sich die Mediziner mental noch besser auf Operationen vorbereiten können, wie sie im OP auch bei langen Operationen die Konzentration halten können und wir besprechen Strategien, die im Umgang mit Misserfolgen helfen sollen.

Im Sport bin ich im Kopf schon wieder im Winter – schließlich ist die Wintersportsaison schneller da als man denkt. Mit dem Race-Team der Snowboardnationalmannschaft habe ich eine neue Weltcupmannschaft übernommen und auch diese Saison werde ich wieder für den Deutschen Ski Verbandes im Ski Alpin und den Deutschen Eishockeybundes unterwegs sein.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/05/cristina-baldasarre-vom-sport-lernen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/02/wencke-schwarz-die-rolle-und-das-potential-der-sportpsychologie-im-deutschen-spitzensport/

Views: 503

Thorsten Loch: Die Teamentwicklungsphase Forming (Übung 1: Vertrauen herstellen)

Forming ist die erste Phase der Teamentwicklung nach Tuckman. Wie bereits im ersten Teil der Blogreihe (Link zum ersten Text) erwähnt, ist die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft noch distanziert und unpersönlich. Als Trainer/-in und Sportpsychologe/-in zählt es Kontexte zu erschaffen, in welchen sich die Teammitglieder besser kennen lernen. In diesem Artikel fokussieren wir uns auf den folgenden Punkt: Die Schaffung von Vertrauen.

Zum Thema: Vertrauen schaffen durch Abhängigkeitsaufgaben (Übung 1)

Fehlendes Vertrauen in einen Teamkollegen führt häufig dazu, dass man seinem Mitspieler die nötige Kompetenz abschreibt und es lieber auf eigene Faust versucht. Insbesondere in Drucksituationen im Wettkampf wird dies immer wieder deutlich. Anstelle den Pass an den besser positionierten Spieler zu spielen, wird lieber der Alleingang oder der Abschluss versucht.

Sportler sollten sich auf dem Feld gut kennen (Stärken und Fähigkeiten der anderen) und vertrauen. Letztendlich betreiben die Akteure eine Mannschaftssportart und bekanntlich ist die Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Sie müssen lernen, dass nicht sie allein für Sieg oder Niederlage der Mannschaft verantwortlich sind, sondern dass Resultate immer das Ergebnis vieler Einzelleistungen sind.

Die Aufgabe

Aufgabe: Die Sportler werden in Zweier-Gruppen (auch größere Gruppen sind möglich) eingeteilt. Sportler A bekommt die Augen verbunden, Sportler B muss mittels verbaler und/oder taktiler Anweisungen den Sportler A durch einen vorher abgesteckten Parcours führen (bei größeren Gruppen: mehrere Teammitglieder lotsen Sportler A durch den Parcours). Wenn das Ziel erreicht ist, werden die Rollen getauscht.

Hinweis: Eine Aufgabe kann nur in Kleingruppen oder im Team erfüllt werden. Die Sportler lernen, sich auf Teammitglieder verlassen zu können.

Grafik: Lisa-Marie Rückel

Variation 1: Sportler B erschwert bzw. erleichtert den Parcours je nach dem Erfolg der ersten Runde.

Variation 2: Anstelle eines Parcours kann auch eine andere Aufgabe gelöst werden. Es können z.B. Puzzles zusammengebaut oder Zelte aufgestellt werden.

Variation 3: Die Schwierigkeit kann erhöht werden, indem Sportler A ein volles Glas Wasser mit durch den Parcours transportieren muss. Am Ende können die verschiedenen Wasserstände im Glas verglichen werden.

Variation 4: Eine Staffel aus mehreren Zweier-Teams bilden. So treten z.B. fünf Zweier-Teams gegen fünf andere Teams an. So wird zusätzlich der Teamgedanke gestärkt.

Diese Übung dient als Veranschauung und kann erweitert und modifiziert werden. Wie immer gilt, dass diese Methode nicht als universell anzusehen ist. Über eine Rückmeldung zu den einzelnen Übungen dieser Serie und eure eigenen Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.

Zur Profiseite von Thorsten Loch

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/15/thorsten-loch-auslaufen-und-teamentwicklung-passt-das/

Views: 18946

Johannes Wunder: Basketball und PMR – Entspannt zu einer hohen Freiwurfquote

Per Klick zum Profil von Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

„Crunchtime in der 1. Basketball-Bundesliga. Zwei der besten Teams treffen aufeinander. Noch fünf Minuten zu spielen in einem stark umkämpften Match. Die Anzeigetafel zeigt fast im Sekundentakt immer wieder Gleichstand an. Ein Team trifft, der Gegner zieht nach. Noch 30 Sekunden zu spielen, es steht 84:84, das gegnerische Team setzt zum Wurf an und vergibt die große Chance. Es bleibt genau ein Angriff, noch acht Sekunden – die Teamfoulgrenze ist bereits erreicht. Ein frühes Foul soll den starken Aufbauspieler der Heimmannschaft an die Freiwurflinie schicken, damit kein 3-Punkte-Wurf gelingt. Der Spieler geht an die Linie, bereits 35 Minuten in den Beinen und ziemlich außer Atem. Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird er treffen?“

Zum Thema: Progressive Muskelrelaxation im Basketball

Als Trainer entscheiden wir oft in Sekundenbruchteilen, wie wir Situationen taktisch lösen. Foulen wir den Spieler taktisch oder nicht – trifft er oder nicht? Auch Spieler zeigen umgangssprachlich „Nerven“ und schaffen es teilweise nicht, Leistungen abzurufen, welche für die Situation erforderlich wäre. Wie kann die Sportpsychologie helfen?

Schaut man sich die Intensität eines durchschnittlichen Basketballspiels genauer an, stellt man unweigerlich fest, dass der Wechsel zwischen Belastung und Erholung zum Teil eher einseitig abläuft. Zahlreiche Studien bestätigen die Annahme, dass Basketball ein körperlich intensives Sportspiel ist. Vaquera et al. (2008) fand in einer Untersuchung heraus, dass die durchschnittliche Herzfrequenz bei einem Basketballspieler bei 186-176 bpm liegt. Bei einem 25 Jahre alten Spieler liegt die Frequenz damit bei etwa 85-90% der HFmax. Andere Studien liefern ähnliche Ergebnisse (Vgl. C. David Leo, 1973).

Intensität kostet Punkte

Zudem gibt es zahlreiche Anhaltspunkte, dass mit steigender Intensität die Trefferquote bei Feldwürfen im Basketball deutlich abnimmt (Vgl. Marcolin et al., 2018; Vencúrik, 2016 und Ardigo et al.,2018). Zudem wurde die Freiwurfquoten bei unterschiedlichen Intensitäten untersucht und es konnte gezeigt werden, dass zwar die Quote in Ruhe und bei 50% der HFmax annähernd gleich bleibt, hingegen aber die Trefferwahrscheinlichkeit bei 80% der HFmax um bis zu 20% sinkt (Vgl. Padulo et al., 2015).

Das ist aus Trainersicht eine ganze Menge, wenn man annimmt, dass durchschnittliche Freiwurfquoten etwa bei 80% liegen, bedeutet dies eine Verminderung auf schlanke 60%. Selbst beim Einwand, die Spieler würden bereits unter eben diesen Bedingungen 80% werfen, kann nur folgerichtig gesagt werden, dass bei geringerer HFmax die Quote deutlich über 80% liegen müsste.

PMR in der Anwendung in Coburg

Sportpsychologie kann unterstützen

Je höher also die Herzfrequenz, desto geringer die Trefferquote. Da die durchschnittliche HFmax bereits in einem Aktivierungslevel liegt, welches sich negativ auf die Freiwurfquote auswirkt, neigen viele Trainer und Athletikcoaches dazu, die durchschnittliche Herzfrequenz bei Belastung durch umfassendes Fitnesstraining zu senken. Soweit so gut.

Ein Blick in die Methodik der angewandten Sportpsychologie gibt uns für diese Problematik folgende unterstützende Maßnahme. Ein gutes Werkzeug aus dem Koffer könnte zweifelsohne die Progressive Muskelrelaxation (PMR) sein. Bereits in einem vorherigen Artikel habe ich über die Wirkungen und den Aufbau dieser Entspannungstechnik geschrieben (Link zum Text). Nun möchte ich einen großen Vorteil des Entspannungsverfahrens herausheben.

PMR als Hebel

Durch die kontinuierliche Anwendung der Techniken des PMR´s ist es möglich, die Herzfrequenz und den Blutdruck über den Hypothalamus zu reduzieren (Vgl. Sheu et al. 2003, Pawlow & Jones 2002). So wäre es möglich, direkt vor dem Freiwurf das Ruhewort zu nutzen und mit passenden PMR-Techniken die Herzfrequenz zu verringern. Aus der Trainingswissenschaft ist bereits bekannt, dass die Herzfrequenz nach einer Belastung rasch und logarithmisch abfällt (Vgl. Schmolinsky, 1980; Weineck, 2004) – diesen Vorgang könnte man durch die Anwendung der PMR begünstigen und somit schneller in einen optimalen Aktivierungszustand kommen. Dies hätte zur Folge, dass die Herzfrequenz unter die wohl „magische“ 80% Grenze fällt und umgehend die Trefferwahrscheinlichkeit steigt.

Natürlich bedarf es ein entsprechendes und angeleitetes Training vor der Anwendung, damit der positive Transfer gelingt. Und nebenbei steigert das Training auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers, den gezielten Abbau von Stress und Ängsten, sowie unterstützend die Regeneration nach großer Belastung.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/24/johannes-wunder-anspannung-und-entspannung-leicht-gemacht/

Views: 45516

Johanna Constantini: „Ich poste, also bin ich“ – Skype und Social Media in der modernen Sportpsychologie

Per Klick zum Profil von Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Digitale Betreuung – das klingt erst mal weit weg vom Menschen und vor allem unpersönlich. Jedenfalls nach Eigenschaften, wie sie in der Begleitung von AthletInnen nicht zu finden sein sollten. Doch bei aller Vorsicht, die im Umgang mit sozialen und digitalen Medien geboten ist, bieten die modernen Kommunikationskanäle auch viel Gutes. Zwei Vorteile möchte ich in meinem heutigen fünften Teil der Serie „Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten“ anführen. 

Zum Thema: Vom Nutzen sozialer Medien und der digitalen Betreuung von AthletInnen (Aus der Reihe: Was moderne Sportpsychologen über soziale Medien wissen sollten – Teil 5)

WettkampfsportlerInnen sind ständig unterwegs. Während der Saison reisen sie meist von einem Wettkampf zum nächsten. Viel Zeit bleibt dazwischen nicht. Das körperliche Training steht dabei in den meisten Sportarten nach wie vor an erster Stelle. Von der Möglichkeit, einen eigenen Sportpsychologen mit auf die Wettkämpfe zu nehmen können viele AthletInnen nur träumen. 

Der 2003 gegründete Instant-Messaging-Dienst Skype bietet daher Abhilfe. Richtig genutzt ermöglicht er Video-Konversationen mit AthletInnen über weite Strecken. Auch ich selbst habe nicht immer die Möglichkeit, meine SportlerInnen direkt begleiten zu können. Gerne vereinbare ich daher Skype Konversationen, um dennoch – sozusagen fast hautnah – von ihren Befindlichkeiten und Gedanken während ihrer Wettkampfzeit zu erfahren.

Wichtig dabei: Skype Gespräche sollten nur dann stattfinden, wenn auch die regelmäßige, persönliche Betreuung gewährleistet werden kann!

Follow me – wie wir unsere Beratung auch durch digitale Verhaltensbeobachtung optimieren können! 

Begleiten können wir unsere SportlerInnen ebenfalls digital. Und zwar nicht nur über die unter Punkt eins angesprochenen Kommunikationsmöglichkeiten wie Instant-Messaging-Dienste (Skype, Whatsapp, etc.), sondern indem wir ihnen einfach in ihre eigene Social Media Welt folgen. Einerseits, um sie durch Likes zu bestärken (das macht man heute nämlich so), andererseits um unsere Beratung zu optimieren. Die „digitale Verhaltensbeobachtung“ ist deshalb so wichtig, weil sich die AthletInnen zunehmend mit ihrem „sozial, medialen Ich“ identifizieren. 

Schon 1986 schrieben Henri Tajfel und John C. Turnier in ihrer „Theorie der sozialen Identität“ davon, dass Menschen ihr Selbstkonzept von der Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und deren emotionaler Bedeutung abhängig machen. Diese sozialen Gruppen finden unsere SportlerInnen heute in den sozialen Medien wieder. Eben dort, wo sich Menschen zunehmend häufiger aufhalten, als in der realen Welt. (Wallsten, S. 2015)

Virtuelle Resonanz wird wichtiger

„Ich poste, also bin ich“, könnte man das Phänomen in Abwandlung an René Descartes Ausspruch „cogito ergo sum“ etwas ironisch formulieren. Die virtuelle Resonanz wird für unsere AthletInnen immens wichtig, spielt sich doch auch vieles in eben dieser digitalen Welt ab. Wie und was posten unsere AthletInnen? Wie stellen sie sich digital dar? Was beschäftigt sie in der virtuellen Wirklichkeit?  

Als Sportpsychologen haben wir heute zumindest die Möglichkeit, unseren SportlerInnen digital überall hin zu folgen, um ihr (online) Verhalten zu ergründen und sie – natürlich offline – in ihrem Selbstkonzept zu stärken! 

Literatur

  1. Tajfel, J. C. Turner: The social identity theory of intergroup behavior. In: S. Worchel, W. G. Austin (Hrsg.): Psychology of intergroup relations. Nelson-Hall, Chicago, IL 1986, S. 7–24.
  2. Wallsten: What Are We Not Doing When We Are Online?. Economic Analysis of the Digital Economy, Goldfarb, Greenstein, and Tucker. 2015

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/12/06/prof-dr-oliver-stoll-athleten-online-beraten/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/29/carolina-werner-im-nachhinein-denke-ich-dass-ich-oefter-den-kontakt-haetten-suchen-muessen/

Die komplette Serie:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/09/johanna-constantini-kommunikation-ueber-soziale-medien-welche-auswirkungen-hat-die-interaktion-der-fans-auf-athleten/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/16/johanna-constantini-warum-die-bedeutung-der-intrinsischen-motivation-in-der-digitalen-welt-steigt/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/14/johanna-constantini-instant-messaging-als-stressfaktor/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/02/23/johanna-constantini-was-moderne-sportpsychologen-ueber-soziale-medien-wissen-sollten/

Views: 287

Christian Hoverath: Mentales Wechseltraining im Triathlon

Per Klick zum Profil von Christian Hoverath: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

Sowohl Wechsel- als auch Koppeltraining sind feste Bestandteile eines jeden Trainingsplans eines Triathleten. Beim Koppeltraining lernt der Körper, sich auf die wechselnde Belastung zwischen dem Schwimmen und dem Radfahren einerseits und dem Radfahren und Laufen andererseits einzustellen. Durch das Wechseltraining wird der Bewegungsablauf des Wechsels selbst trainiert. Dies lässt sich perfekt durch mentales Training unterstützen. 

Zum Thema: Anleitung zum individuellen Wechsel-Film

Eberspächer (2012) definiert mentales Training als planmäßig wiederholtes, intensives Sich-Vorstellen eines Bewegungsablaufs ohne gleichzeitigen praktischen Vollzug. Da unser Gehirn keinen Unterschied zwischen tatsächlicher Ausführung einer Bewegung (wie z.B. einem Wechsel) und der Vorstellung eben dieser macht, lassen sich Wechsel trainieren, ohne tatsächlich das Rennrad durchs Wohnzimmer schieben zu müssen. 

Um das Wechselverhalten mental trainieren zu können, braucht es in eurer Vorstellung ein optimales Bild des Wechsels. Wenn ihr dieses für euch noch nicht habt, dann sprecht mit Trainingspartnern, schaut in Wechselzonen zu oder seht euch entsprechende Videos im Internet an.

Vogel- oder Ich-Perspektive

Habt ihr eine für euch stimmige Vorstellung vom Wechsel, dann solltet ihr diesen alsbald in die Praxis umsetzen. Wenn ihr ein Gefühl dafür bekommen habt, euch den Helm aufzusetzen, die Startnummer zu schnappen, euer Rad zu nehmen und loszulaufen, um dann die Schuhe auf dem Rad anzuziehen, dann könnt ihr die Abläufe im nächsten Schritt auch mental ergänzend einsetzen. Stellt euch den Wechsel so lebhaft wie möglich aus der Vogelperspektive oder aus der Ich-Perspektive vor. Ihr solltet es so detailliert wie möglich tun. Stellt euch z.B. vor, wie ihr euch auf dem Weg zur T2 die Schuhe öffnet und kurz vor dem Balken das Bein über den Sattel schwingt, abspringt und loslauft. Ihr stellt das Rad an seinen Platz, zieht euch den rechten Schuh an, dann den linken und setzt den Helm ab und legt ihn hin. Stellt euch dabei vor, was ihr seht, wie sich der Klettverschluss beim Öffnen anhört und wie sich der Rasen unter den Füßen und wie sich die Laufschuhe anfühlen. Tipp: Die Zeit des mentalen Wechsels sollte zeitlich nah an der tatsächlichen Wechselzeit sein.

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/15/christian-hoverath-sportpsychologie-tipps-fuer-triathleten/

In Lehrbüchern wird häufig darauf verwiesen, im mentalen Training die wichtigsten Knotenpunkte der Bewegung hervorzuheben. Meine Erfahrung in der Arbeit mit Triathleten hat gezeigt, dass es für das Vorstellungstraining des Wechsels nicht unbedingt nötig ist. Ein Beispiel, bei dem es sich als hilfreich erwiesen hat, ist das Ausziehen des Neoprenanzuges am Rad. Während der „Neo“ auf dem Weg aus dem Wasser schon bis zur Hüfte und am Rad mit einem Schwung bis zu den Knien heruntergezogen wird, kann ein individueller Rhythmus die beherzten Schritte unterstützen, mit denen der Neoprenanzug letztlich von den Beinen getreten wird. 

Vorstellungskraft im Wettkampf nutzen

Ein weiterer Ansatzzeitpunkt für die mentale Strategie liegt im Wettkampf selbst. Mit den verinnerlichten Abläufen lässt sich der Wechsel im Rennen kurzfristig noch einmal vor Augen rufen  und somit beschleunigen. Stell Dir auf dem letzten Kilometer in Richtung T2 doch schon einmal vor, wie du die Radschuhe öffnest, kurz vor dem Balken den Körper auf das linke Pedal bringst und nach dem Abspringen weiterläufst. Wenn das Rad im Ständer steht, dann ziehst du die Laufschuhe an und setzt den Helm ab, und los geht es. So hast Du den Weg aus der Wechselzone, den Du dir vor dem Rennen angeschaut hast, auch direkt wieder vor Augen und es kommt zu keiner Verwirrung. 

Ich hoffe ich konnte die ein oder andere Idee liefern, freue mich auf Feedback und Wünsche zu weiteren Beiträgen!

Du willst Kontakt zu Christian Hoverath aufnehmen?

Views: 2910

Dr. René Paasch: Fehleranalyse im Profifußball und Unternehmen

Per Klick zum Profil von Dr. René Paasch

Das Ausscheiden unserer WM-Helden wirkt immer noch nach. Die Fehleranalysen sind überall zu spüren. Die zentralen Punkte für Erfolg und Misserfolg können vom Profifußball auf die Wirtschaft übertragen werden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei, dass das Führungsverhalten und die Fehleranalyse ernst genommen wird. Denn hier wie da geht es darum, großartige Leistung durch einen menschlichen und professionellen Umgang zu erreichen und diesen dann nachhaltig zu pflegen.

Zum Thema: Sportpsychologie des Misslingens im Profifußball und bei Unternehmen

Großartige Erfolge in der Vergangenheit bergen die Gefahr von Zufriedenheit, Hochmut, Selbstüberschätzung und fehlendem Biss. Gegnerische Mannschaften oder Kunden begegnet man mit der Einstellung: „Es wird schon schief gehen.“ Aus diesem Grund wird die Vorrunde locker genommen, da die WM für die deutsche Mannschaft sowieso erst im Achtelfinale beginnt oder weil “wir” eine “Turniermannschaft” sind. Dies konnte man allgegenwärtig hören. Eben diese Lockerheit und Sichtweise ist einer der Gründe dafür, weshalb zahlreiche Unternehmen nicht mehr existieren oder Bundesligisten Auf- und Absteigen. Doch wie kann man in unserer heutigen Zeit Potenziale entwickeln, um sich in einem sicheren und erfolgreichen Gewässer bewegen zu können? Für mich gibt es das mehrere Gründe. Besteht eine Mannschaft aus Führungsspielern (https://www.die-sportpsychologen.de/2016/04/04/dr-rene-paasch-leitwolf-eine-aussterbende-spezies/), Mannschaftsspielern und Individualisten, die jeweils ihren einzigartigen Beitrag zum Gesamterfolg leisten, wie die ehemaligen Nationalspieler Schweinsteiger & Klose 2014?

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/04/04/dr-rene-paasch-leitwolf-eine-aussterbende-spezies/

Dieser Frage müssen wir uns nähern. Zu einer guten Mischung gehört daher, dass sich erfolgreiche und junge Spieler gegenseitig schätzen, unterstützen und reiben. War dies der Fall in der Nationalmannschaft? Auch in der Wirtschaft hindern machtgeleitende und festgefahrene Führungskräfte junge Arbeitnehmer manchmal daran, zu wachsen. Dabei ist es für jede Mannschaft und jedes Unternehmen nachweislich wichtig, Verbindungen mit dem Nachwuchs zu schaffen. Die gemeinsame Identität „Die Mannschaft & #ZSMNN“ und das Kämpfen für ein großes Ziel werden nicht nur in der deutschen Nationalelf vermisst, sondern auch in zahlreichen Unternehmen. Anstelle von Teamgeist (Näheres dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/  findet man hier oftmals Egoismus, Selbstherrlichkeit, Gruppenbildung, Silo-Denken (Fenwick, Seville & Brunsdon, 2009, S. 4), eine mangelnde und ignorante Kommunikation und Zusammenarbeit.

Vertrauen und Menschlichkeit

Vielleicht wurden unseren Weltmeistern durch das Trainerteam mehr Vertrauen entgegengebracht, als es ihrer aktuellen Leistung entsprochen hätte. Auch in Unternehmen bekleiden erfolgsverwöhnte Führungskräfte, die sich durch frühere Leistungen bewiesen haben, auch heute noch einflussreiche Positionen im Sport und der Wirtschaft und machen ihren Anspruch geltend. Natürlich sollten tolle Leistung honoriert werden. Jedoch neigen ehemals erfolgreiche Sportler, Mannschaften und Personen oft dazu, an Altbewährtem festzuhalten und Neues zu bremsen. Nur mit Leidenschaft und Entbehrungen werden Spitzenleistungen erreicht. Doch bereits im Vorfeld der WM gaben einige Spieler an, dass ihnen die Champions League wichtiger sei als die Weltmeisterschaft oder kennzeichneten ihre Zugehörigkeit. Schwierige Situation, die emotional aufgefangen werden muss.

Auch in deutschen Unternehmen berichten Mitarbeiter über eine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber (Gallup Engagement Index 2016), die auch für den Profisport gelten. Begeisterung und emotionale Bindung wirken sich auch auf die mentale Einstellung aus: Bin ich bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen und Entbehrungen auf mich zu nehmen, kämpfe ich um jeden Ball, um jeden Kunden? Übernehme ich Verantwortung für mein Handeln und das Team? Profimannschaften und Unternehmen sollten daher aktiv Rahmenbedingungen schaffen, die Mentalität und eine emotionale Bindung fördern. Weiterhin sollten die Entwicklung und der Erfolgshunger höher ausgeprägt sein als der Drang nach einer positiven Selbstdarstellung.

Quelle: Redaktion Fussballtraining, Philippka-Sportverlag

Kollektiv denken und Fehlerkultur

Die deutsche Mannschaft und der DFB waren sich erfolgssicher. Die Nation und das DFB-Team hielt an ihrer Überzeugung fest, trotz fünf siegloser Spiele vor der WM. Ein derartiges Kollektivdenken ist oft auch in Unternehmen zu finden. Die Realität wird im Sinne des subjektiven Bildes verzerrt. Dies geschieht vor allem in homogenen Gruppen, in denen es keine ersichtliche Reibung und konstruktive Gespräche gibt, in denen Unpässlichkeiten angesprochen werden. Einige Insolvenzen oder Auf- und Abstiege sind unter anderem auf Fehlentscheidungen und Kollektivdenken zurückzuführen.

Entscheidend ist die Art des Umgangs mit Fehlern. Manchmal kann es hilfreich sein, personelle Wechsel in Teams und in der Führungsetage vorzunehmen, wenn die nötige Vision, Fehlerkultur oder Veränderungsbereitschaft fehlen. Wichtig in diesem Zusammenhang sind eine kontinuierliche Selbst- und Teamreflexion. Warum sind die ehemaligen Weltmeister Spanien, Italien oder Frankreich ebenso wie Deutschland in der jeweils darauffolgenden WM früh ausgeschieden? Warum sind andere Unternehmen gescheitert? Nachhaltige und zielführende Fehleranalysen bieten großes Wachstumspotenzial, ohne dass die Mannschaft oder Unternehmen unmittelbar bedroht wird. (Näheres dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/11/16/dr-rene-paasch-joachim-loews-neue-fehlerkultur-wie-fehler-positive-wirkung-entfalten-koennen/)

Fazit

Potenzialentfaltung und großartige Leistungen sind mit den oben genannten Punkten eher wahrscheinlich. Das Führungsverhalten spielt hierbei eine zentrale Rolle. Das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft ist enttäuschend. Dennoch liegt hier ein besonderer Zauber für großes Wachstumspotenzial.

Literatur

Fenwick, T., Seville, E. & Brunsdon, D. (2009): Reducing the impact of organisational silos on resilience. New Zealand: Resilient Organisations Research Programme.

Gallup Engagement Index 2016 erhalten Sie unter:  http://www.gallup.com/de-de/181871/engagement-index-deutschland.aspx

Internet

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/04/04/dr-rene-paasch-leitwolf-eine-aussterbende-spezies/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/11/16/dr-rene-paasch-joachim-loews-neue-fehlerkultur-wie-fehler-positive-wirkung-entfalten-koennen/

Views: 260

Mario Schuster: Sportpsychologisches Training mit Virtual Reality

Mario Schuster
Per Klick zum Profil von Mario Schuster: https://www.die-sportpsychologen.de/marioschuster/

Was wir in der Vergangenheit bereits aus der Science-Fiction Literatur kannten, ist heute bereits Realität. Und diese Realität ist bereits viel greifbarer als vielen bekannt ist. Innovationen bei Virtual Reality- Technologien sowie Anwendungsmöglichkeiten sind tendenziell nur in Insiderkreisen bekannt. Die breite Masse versteht Virtual Reality ausschließlich als die Spieltechnologie der Zukunft. Dabei bietet Virtual Reality ein noch ungeahntes Potential bei praktischen und psychologischen Anwendungen. Die Entwicklung der VR-Technologie schreitet aktuell rasend voran. Der Sportpsychologe Mario Schuster beschreibt in diesem Artikel zukünftige Chancen und Möglichkeiten, welche sich in der mentalen Entwicklung von HochleistungssportlerInnen bei entsprechenden Entwicklungsbemühungen ergeben könnten.

Klinisches VR in der Praxis

Kennengelernt habe ich die Möglichkeiten von Virtual Reality in der Psychologie im ersten VR-Phobie-Zentrum Österreichs Ende 2017. Das Team rund um „Phobius“ hatte mich eigeninitiativ eingeladen um mir das Potential von VR-Anwendungen in der Psychologie zu demonstrieren. Neben einem umfangreichen Briefing incl. klinischen Backgrounds durfte ich das VR-Set auch gleich selbst ausprobieren. Zum Ausprobieren zählte neben dem Erfahren der Qualität heutiger VR-Software auch das Austesten verschiedener Behandlungsprogramme für unterschiedliche Arten von Angststörungen.

Die Hardware ist leicht zugänglich. Die Behandlungssoftware selbst wird dabei in Kooperation mit VR-Softwarespezialisten programmiert und designt. Zielgerichtete Softwareanwendungen für den Sport müssen hierbei jedoch erst generiert werden. Doch dazu zählt, zunächst die richtigen Impulse zu setzen und angewandte sportpsychologische Forschung mit Virtual Reality zu betreiben.

Die Psychologie hinter Virtual Reality: Gummihandillussion

Die psychologische Wirkung virtueller Realitäten können zunächst sehr gut mit der „Rubber Hand Illusion“ (Hegedüs et al., 2014) demonstriert werden: In diesem durchaus bekannten Experiment wurden den sitzenden Versuchspersonen der linke Arm (kann auch rechts sein) durch eine künstliche Gummihand ersetzt. Der echte Arm wurde dabei durch eine Trennwand visuell abgeschirmt. Die TestleiterInnen strichen folgend simultan mit einem Pinsel über die sichtbare Gummihand UND über die visuell abgeschirmte echte Hand. Nach einiger Zeit hämmerte der Versuchsleiter plötzlich mit einem Hammer auf die Gummihand. Die Testpersonen erschreckten jeweils und berichteten darüber, auch einen echten Schmerz gespürt zu haben – obwohl die Gummihand nicht wirklich ein Teil des Körpers war. Die Gummihand wurde im Laufe des Experiments als Teil der eigenen körperlichen Realität integriert.

Das VR in der Psychologie keine Spielerei, sondern eine ernstzunehmende Alternative zu herkömmlichen Methoden ist, zeigen ja bereits auch mehrere Studien und Metaanalysen und Reviews (vgl. Scozzari & Gamberini, 2011; Powers & Emmelkamp, 2008) in diesem Bereich.

Die Behandlung von Störungen mittels Virtual Reality

Im Speziellen zeigt eine Meta-Analyse von Powers & Emmelkamp (2008),  dass VR-Therapien eine größere Behandlungswirkung haben, als unter Kontrollbedingungen. Darüber hinaus zeigt sich sogar, dass der Behandlungserfolg mittels VR größer ist, als bei klassischen Therapiesitzungen (z.B. echte Spinnen auf der Hand herumkrabbeln lassen, gemeinsam auf den Berg raufwandern, einen Vortrag live durchführen oder sich in ein echtes Flugzeug setzen, etc.). Darüber hinaus zeigen die Analysen, dass eine Behandlung von Phobien mittels „clinical VR“ auch weniger Behandlungseinheiten bedarf, als die klassische Therapie (CBT). Neben Phobien eignet sich clincal VR übrigens auch zur Behandlung von posttraumatischen Behandlungsstörungen (Scozzari & Gamberini, 2011).

Nicht zu vernachlässigen ist dabei auch das reduzierte Risiko der VR-Variante von möglichen Retraumatisierungen (z.B. Spinne oder der Hund beißt in der Realität ganz unerwartet, etc.) oder tatsächliche Verletzungen (z.B. Knöchelverletzung infolge eines Felssturzes im Rahmen einer therapeutischen Bergwanderung wg. Höhenangst, etc.).

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Ein ausführlichen Bericht zur Behandlung von Phobien mittels VR hatte ich bereits auf der Plattform Mental Blog veröffentlicht.

Neue Technologien bieten neue Trainingswelten

Neben Virtual Reality sind auch Technologien wie AR (Augmented Reality) und MR (Mixed Reality) im Blickfeld der Technologiekonzerne. Doch in diesem Beitrag geht es schon speziell um VR. Die Frage, welche sich mir hier als Sportpsychologe stellt ist, mit welchen weiteren Technologien sich die VR-Sportpsychologie kombinieren lässt, um eine sportspezifischere „Trainingswelt“ zu generieren?

Letztlich geht es darum, Trainingswelten zu konzipieren, zu designen und zu programmieren. Diese Welten sollen auch jene mentale Anforderungen stellen, durch welche auch eine Trainingsbenefit auf mentaler Ebene erzielt werden kann. Außerordentlich wichtig finde ich es dabei, das Feld nicht ausschließlich Programmierern zu überlassen, sondern auch Sportpsychologen signifikant einzubinden. Nicht nur aus Qualitätsgründen, sondern auch um die ethische und gesundheitliche Perspektive im Auge zu behalten.

Technologische Möglichkeiten

  • VR Brillen + Smartversion (VR Brillen mit Smartphonehalterung)
  • VR Sticks oder andere Geräte für die Hände
  • VR Handschuhe
  • Rückenkamera (hinter dem VR-User befindet sich eine Kamera welche ein visuelles LIVE-Feedback der eigenen Körperposition im virtuellen Raum gibt)
  • VR Anzüge (VR Suit | z.B. Teslasuit: https://teslasuit.io; geben dem Körper einen minimalen Strom- oder Druckreiz, aber auch thermisches Feedback)
  • VR Biofeedback

Ich könnte diese Liste nun sogar noch stärker erweitern oder auch die Möglichkeiten der einzelnen Technologien für sportpsychologische VR-Trainingsanwendungen erörtern. Doch dies würde den Rahmen und das Ziel dieses Artikels sprengen.

Virtual Reality Brillen sind mittlerweile massentauglich und auch preislich erschwinglich. Wem die integrierte VR-Brille zu teuer ist, kann sich auch eine sehr günstige VR-Hülle kaufen und das eigene Smartphone als Bildschirmfläche benutzen. Wobei hier davon auszugehen ist, dass die Kopplung von integrierten VR-Brillen mit einem Hochleistungsrechner für entsprechend realistischere VR-Erlebnisse sorgen wird.

Die virtuelle Welt wirkt echt und wirkt auch nach

Wer sich schon mal in die Welt von Virtual Reality begeben hat, dem ist sicher auch bewusst, wie rasch die virtuelle Realität die echte Realität ersetzt. Auch wenn der/die NutzerIn weiß, dass es ja „nur“ eine virtuelle Realität ist, erlebt das Gehirn die virtuelle Realität intuitiv als REAL an und reagiert auch entsprechend auf Reize und Impulse in dieser Realität.

Verschärft wird dieses Erleben mit der Macht, die virtuelle Realität zu manipulieren. So könnte z.B. ein Fußballer üben, Freistöße zu halten. Dabei erhält er jedoch auch einen speziellen Handschuh, welcher auch die Reize von virtuellen Schüssen simuliert. Oder auch durch einen VR Suit, welcher dem Verteidiger einen Druckreiz gibt, wenn der Schuss auf seinen Oberschenkel prallt.

Die Wirkmacht von Virtual Reality zeigt sich auch eindrucksvoll in Bezug auf die Wahrnehmung der echten Welt, nach dem Ausstieg aus der virtuellen Welt. Bei einem veränderten Körperkonzept (durch Manipulation des Körperbildes) kann es sogar passieren, dass du dir ein Glas Wasser über den Kopf schüttest, da es dir im ersten Moment nicht gelingt, das Wasser einfach zu trinken.

Beispiele für potentielle Anwendungsgebiete

So viel zur Theorie, zu möglichen konzeptuellen Strategien und auch Auszügen technologischer Handlungsoptionen. Um Virtual Reality im Spitzensport-Training auch sinnvoll anwenden zu können bedarf es nun auch konkreter Konzepte, welche der VR-Technologie auch einen Vorteil im Trainingsprozess liefern können.

Dazu habe ich ein paar Beispiele ausgearbeitet und gewählt:

  • Eine Mountainbikestrecke (evtl. Olympiastrecke) visuell abgeschirmt und mit Kopfhörern mehrfach durchgehen und somit mental zu trainieren.
  • Komplexe Spielsituationen im Fußball trainieren, um die exekutiven Funktionen (Vestberg et al., 2012) zu stärken.
  • Ein thermischer VR-Suit bereitet Spieler auf komplexe Spielsituationen unter Hitzebedingungen auf die Fußball WM in Katar 2022 vor
  • Gefahrensituationen im Rennsport simulieren, um passende Situationsmuster zu trainieren.
  • Einfach einen Fußball-„Hexenkessel“ (Stadion mit zehntausenden Menschen, welche unerwünschte Parolen singen) um physiologische und mentale Reaktionen zu messen; der Athlet wird dabei an Biofeedbacksensoren angeschlossen. Das erlebte wird dabei entweder simultan oder im Anschluss mit einer Fachkraft reflektiert.
  • Konfliktsituationen mit Eltern, Sponsoren, TeamkollegInnen oder TrainerInnen durch Konfrontation trainieren.
  • TV-Interviews und Antworten auf unangenehme Fragen trainieren.
  • Wechselzone im Triathlon. Auch die Reihenfolge der richtigen Handgriffe gehört trainiert.

Dazu möchte ich auch betonen, dass ich diese Anwendungen auch nicht als Spielerei, sondern als eine wirksame Trainingsergänzung betrachte. Umso wichtiger ist es auch, Sportpsychologen sowohl in die Entwicklung als auch in die Instruktion für die Trainierenden miteinzubeziehen. Vor allem  Anwendungen mit klinischen Thematiken sollten folglich auch unter Begleitung von Fachpersonal vonstattengehen.

Mangelnder Forschungsstand in VR Sportpsychology

Die Forschung im Bereich Virtual Reality aus psychologischer Perspektive ist hochaktiv. Geforscht wird hierzu nicht nur an der Universität Wien.

Aber: Meine Recherchen zum Kenntnisstand von angewandter Virtual Reality in der Sportpsychologie fiel eher mager aus. Weshalb ich hier auch an eine verstärkte Förderung der Wirksamkeitsforschung von VR-Anwendungen im Sport im Vergleich zu alternativen Trainingsmethoden appelliere. Das Potential ist groß, die gelebte Praxis stark zurückhaltend. Womöglich auch aus Mangel konkreter Erfahrung mit gut entwickelten Softwareanwendungen.

Doch jemand muss den Anfang machen. Wenn schon nicht der Spitzensport, dann vielleicht innovative Softwareunternehmen, welche das Potential von Virtual Reality schon längst erkannt haben. Im Blickpunkt der Forschung sollten dabei jedoch nicht nur das leistungsförderliche Potential, sondern auch kurz- und langfristige Effekte auf die gesundheitliche Situation sein um Virtual Reality in der Sportpsychologie von Beginn seriös aufzubauen. Denn eines ist gewiss: Die VR-Technik hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt – und in diesem Tempo wird es auch weitergehen!

Weitere Literatur

  • Hegedüs, G., Darnai, G., Szolcsányi, T., Feldmann, Á., Janszky, J., & Kállai, J. (2014). The rubber hand illusion increases heat pain threshold. European Journal Of Pain, 18(8), 1173-1181. http://dx.doi.org/10.1002/j.1532-2149.2014.00466.x
  • Morina, N., Ijntema, H., Meyerbröker, K., & Emmelkamp, P. (2015). Can virtual reality exposure therapy gains be generalized to real-life? A meta-analysis of studies applying behavioral assessments. Behaviour Research And Therapy, 74, 18-24. http://dx.doi.org/10.1016/j.brat.2015.08.010
  • Powers, M., & Emmelkamp, P. (2008). Virtual reality exposure therapy for anxiety disorders: A meta-analysis. Journal Of Anxiety Disorders, 22(3), 561-569. http://dx.doi.org/10.1016/j.janxdis.2007.04.006
  • Scozzari S., Gamberini L. (2011) Virtual Reality as a Tool for Cognitive Behavioral Therapy: A Review. In: Brahnam S., Jain L.C. (eds) Advanced Computational Intelligence Paradigms in Healthcare 6. Virtual Reality in Psychotherapy, Rehabilitation, and Assessment. Studies in Computational Intelligence, vol 337. Springer, Berlin, Heidelberg
  • Vestberg, T., Gustafson, R., Maurex, L., Ingvar, M., & Petrovic, P. (2012). Executive functions predict the success of top-soccer players. PloS one; 7(4)

Mehr zum Thema

Dr. René Paasch: Virtual Reality – Die Zukunft des Fußballs?

Views: 839

Johannes Wunder: Sportpsychologie im Wettkampfklettern

Johannes Wunder
Per Klick zum Profil von Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Im Rahmen der Deutschen Klettermeisterschaft im neu geschaffenen Olympic-Combined-Format hat sich Johannes Wunder mit Urs Stöcker, dem Nationaltrainer Wettkampfklettern, getroffen. Der Klettertrainer gibt interessante Einblicke in seinen Alltag, beschreibt seine Philosophie und berichtet von Schwierigkeiten, mit denen seine Athleten auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo zu kämpfen haben. Die Sportpsychologie spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle.

Zum Thema Erwartungsdruck durch Olympiateilnahme

„Ich war etwas skeptisch“, beginnt Urs Stöcker seine Analyse der vergangenen Monate. Grund hierfür ist zweifelsohne sein großer Erfahrungsschatz. Stöcker, selbst viele Jahre aktiv an den bekanntesten Wänden der Szene – darunter der El Capitan und die Eigernordwand – kennt sich bestens aus im Klettersport. Als Trainer war er unter anderem beim Schweizer Verband für die Top-Athleten zuständig und ist seit gut einem Jahr für den Deutschen Alpenverein in Verantwortung. Seine Aufgabe: Olympia 2020. Seine Lösung: Struktur und Kontinuität. In Vorbereitung auf die ersten Wettkämpfe in diesem Jahr reiste das Team um den neuen Nationaltrainer im Februar nach Tokyo – dort wo 2020 die Entscheidung fällt, ob in der Vorbereitung solide und nachhaltig gearbeitet wurde.

„Alle waren hochmotiviert“, beschreibt Stöcker seine ersten Eindrücke vom Trainingsauftakt. Viele schweißtreibende Einheiten standen auf dem Programm, die Jungs und Mädels entwickelten sich in die richtige Richtung. „Alles lief gut, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass wir vorsichtig sein müssen.“ Der Nationaltrainer beschreibt eine sich entwickelnde Dynamik, geprägt von Leistungswillen und Motivation. „Das erzeugte aber bei allen Beteiligten viel Druck und noch mehr Erwartungen!“ Die Bestätigung erhielt der Bundestrainer dann bei den ersten Weltcup-Events im April. „Wir sind qualitativ gut dabei, aber der Druck hat uns gelähmt“, so Stöcker, der hinzufügt: „Schlecht waren wir zum Auftakt der Saison natürlich nicht, aber das Gesamtergebnis kann nicht zufriedenstellen.“

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen
Eindrucksvolles Video zur Entwicklung im Klettern

„Olympic Combined“ – Chance und Belastung

Das neu geschaffene Format „Olympic Combined“ sieht der Klettertrainer als große Chance für alle Beteiligten, insbesondere natürlich für seine Schützlinge. „Jan Hojer zum Beispiel hatte sein Wettkampfhoch im Bouldern im Jahr 2015, danach wurde es für ihn schwierig, weiterhin konstant große Erfolge zu verbuchen.“ Für ihn sieht Stöcker neue Möglichkeiten, noch einmal ganz oben mitzumischen. Aber bis zur Entscheidung vom ausschließlichen Bouldern auf das neue Format mit Speed- und Lead-Klettern zu setzen, machen viele Gedanken die Runde. Der Bundestrainer bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass es um Spezialisierung und Generalisierung geht. „Wenn du dich wohl fühlst in einer Disziplin und sehr erfolgreich warst, ist es ein großer Schritt, den Fokus fortan auf mehrere Wettkampfformen gleichzeitig zu legen.“ Schließlich entscheiden sich viele Athleten bewusst für ihre Paradedisziplin und gegen Speed- und Lead-Klettern, wie in Hojers Fall. „Du musst open minded an die Sache herangehen. Das ist für viele nicht immer einfach – ich erkenne immer wieder verkopfte Muster bei meinen Athleten.“

Dies bringe auch im Trainings- und Wettkampfalltag manche Schwierigkeiten mit sich. Die Sportler wissen, dass ein falscher Tritt im Speed-Klettern ein Wettkampfaus bedeuten kann. Ähnlich ist es beim Lead-Klettern. „Zu wissen, dass man fünf, sechs Züge mehr braucht als sein Kontrahent, baut unheimlich viel Druck auf.“ Eine kleine Ausnahme stellt laut Stöcker das Bouldern dar. Es werden mehrere Boulderprobleme angegangen und jeder Athlet hat die Möglichkeit, seine Züge zu wiederholen. Der Bundestrainer geht sogar noch weiter mit seiner Analyse: „Wenn du im ersten Boulder extreme Schwierigkeiten hast und alle anderen den Top-Griff erreichen, kannst du danach noch korrigieren.“

Alma Bestvater: Olympic Combined – ihr (harter) Weg nach Tokyo

Ziel: Weiterentwicklung

Jede Disziplin hat also seine eigenen Gesetze und auch die Kombination der drei Wettkampfformen bringt neue, ungewohnte physische und vor allem psychische Herausforderungen mit sich. Urs Stöcker kennt die Hürden und sieht es als seine Aufgabe, bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Athleten optimal entwickeln können. „Für mich war es unheimlich wichtig, dass wir unsere beiden Stützpunkte mit Leben füllen und der Kader regelmäßig zusammen trainiert“, so der ehemalige Top-Bergsteiger, der selbst weiß wie es ist, mit anderen Top-Athleten, wie zum Beispiel Thomas Huber, zusammen zu arbeiten.

Die Marschroute ist klar: „Wir wollen unsere Kräfte bündeln und von den jeweiligen Spezialisten lernen.“ Die Synergien, die er dadurch in den Trainingsgruppen verspürt, empfindet er als bereichernd für alle Athleten. So bleibt auch genug Zeit, um die bereits bekannten Techniken aus der Sportpsychologie weiter zu verfeinern. Viele Sportler des Nationalkaders arbeiten mit Ritualen und Techniken im Bereich Visualisierung. „Wenn wir dann Jan beim Lösen von Boulderproblemen beobachten, erweitert das natürlich den Horizont. Umgekehrt kann er sich bei den Erfahrungen von Spezialisten im Lead-Klettern bedienen.“

Geringerer Erwartungsdruck durch Offenheit

Jeder Athlet weiß also im Idealfall, welche Stärken und Schwächen er hat und kann so entweder Hilfe anbieten oder ihm wird geholfen. Um die eigene Wahrnehmung zu verstärken, hat das Trainerteam um Urs Stöcker eine Charakteristik für seine Sportler und Sportlerinnen erarbeitet. Zu finden sind dort Merkmale zur Persönlichkeit, sowie Stärken und Schwächen. Auch die Athleten selbst werden in die Reflektion von eigenen Ergebnissen beziehungsweise Leistungen anderer eingebunden. „Ich lege großen Wert darauf, mit allen offen zu kommunizieren, jeder soll wissen, woran er ist!“ Stöcker verspricht sich dadurch den Erwartungsdruck geringer zu halten. Wenn jeder genau weiß, wo er im Kader steht und woran er arbeiten muss, existiert größtmögliche Transparenz, so ein Lösungsansatz vom Bundestrainer. Doch damit nicht genug: Unter den Nationaltrainern existiert auch eine sogenannte Potenzialeinschätzung für alle Schützlinge. Auf einer Bewertungsskala von eins bis fünf werden Punkte verteilt in Kategorien wie zum Beispiel „Umfeld“, „mentale Stärke“ oder „Technik“. Daraus wird entsprechend ein Ranking erstellt und dient als objektives Tool für Bewertungen der Bundestrainer. Eine weitere, ähnliche Skala wird zudem für Athletengespräche genutzt. Der Unterschied liegt darin, dass hierbei auch die Selbsteinschätzung der Sportler und des betreuenden Trainers einfließt.

Für die nahe Zukunft schmiedet Stöcker bereits konkrete Pläne, die pädagogisch-psychologische Ebene weiter auszubauen. Künftig wird es betreuende Sportpsychologen für das Team und für den einzelnen Athleten geben – getrennt voneinander, damit keine Rollenkonflikte entstehen und die Betreuung optimal verlaufen kann.

Mehr zum Thema:

Johannes Wunder: Anspannung und Entspannung leicht gemacht

Views: 375