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Miriam Kohlhaas: Mentale Vorbereitung auf ein Finale

Finalspiele sind keine normalen Spiele. Im American Football steht am Samstag, den 9. Juni, wieder eines bevor. Das Endspiel um den Eurobowl XXXII in Frankfurt (ab 20 Uhr live bei Sport1). Für mich ist die Partie allein deshalb schon etwas besonderes, weil sowohl bei den Samsung Frankfurt Universe als auch bei den New Yorker Lions Braunschweig Spieler auflaufen, die ich als sportpsychologische Expertin betreue. Stellt sich die Frage, was gebe ich Ihnen mit auf ihren Weg?

Zum Thema: Enjoy the journey oder die Frage nach der Einstellung…

In Vorbereitung auf das Finale bin ich vor ein paar Tagen zufällig auf eine Spruch gestoßen, der mich zum Nachdenken angeregt hat, mich zuletzt sogar bis zum Hinterfragen meines eigenen Coachings führte…

Enjoy the journey, enjoy every moment and quit worring about winning and losing!

Also dachte ich nach. Und so kam mir etwas in den Sinn: Immer wenn ich ehemalige Sportler danach frage, was sie nach ihrer Karriere am meisten vermissen, so bekomme ich Antworten wie: Die Zeit mit meinen Jungs, den Geruch des Rasens im Stadion, die Fans, den Einlauf, die Competition. Noch niemals hat mir ein Spieler geantwortet, dass er das „Siegen“ vermisst, einen Ring oder eine Medaille.

Aber warum ist das sportpsychologische Coaching dann so oft auf den Sieg gerichtet?

Und ich habe angefangen noch klarer in meinem Kopf zu formulieren, wie genau ich eigentlich meine eigene Arbeit definiere. Schon immer habe ich den Sportlern erklärt, den Studenten, den Schülern, dass ich nicht daran glaube, dass es einen anderen Menschen gibt, der immer die eine so passende und fehlende Antwort auf die gerade offene Frage hat. Keinen Zauberkünstler, keinen ultimativen Motivator.

Ich persönlich glaube daran, dass alles, was ein Mensch braucht, längst in ihm ist und, dass meine einzige Aufgabe darin besteht, eine Reise zu begleiten. Die Hand zu halten, das Licht anzumachen oder kurzzeitig voran zu gehen auf dem Weg meiner Klienten die fehlende Antwort in sich selbst zu finden.

Wieso auch sollte all das, was für mich persönlich richtig ist, auch für alle anderen Menschen gelten!?

Und trotzdem geht es in meiner Arbeit so oft um den nächsten Sieg, wie eben am Samstag, oder die jüngste Niederlage. Um einen Ring, eine Medaille, einen Pokal. Nicht, dass wir uns falsch verstehen – natürlich wünsche ich mir maximale Leistungsfähigkeit der Spieler, daran arbeiten wir hart. Aber vielleicht ist es nicht für die nächste Auszeichnung. Vielleicht ist es dafür, am Ende einer Reise zurück zu blicken und stolz zu erkennen, dass man immer und zu jeder Zeit sein Bestes gegeben hat. Dass man ganz egal, wie viel Spielzeit man bekommen hat oder wie oft man auch verliert, jede Sekunde dieses Weges ausgekostet hat.

Und deshalb habe ich mir fest vorgenommen, meine Spieler ab sofort zu ermutigen auch diese wunderschöne Reise zu genießen. Jeden Augenblick auf dem Feld, jedes noch so harte Training. Dankbar zu sein für diese so besondere Zeit, mit allem, was sie mit sich bringt. Mit jedem Sieg aber auch mit jeder Niederlage. Denn sind wir mal ehrlich, wie lange hat man eigentlich das Privileg seinen Lieblingssport auf hohem Niveau auszuüben!?

Ich bin mir so sicher, dass wenn diese Zeit vorbei ist, es das sein wird, was ihr vermisst:

Das Privileg, welches ihr hattet, diese Reise gehen zu dürfen.

Mehr zum Thema American Football:

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Weitere Informationen

Alle Beiträge von Miriam Kohlhaas:

http://www.die-sportpsychologen.de/author/miriam-kohlhaas/

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Cristina Baldasarre: Gruppensupervision für Mentaltrainer in der Kritik

Seit gut einem Jahr läuft mein Angebot der Gruppensupervision für Mentaltrainer. Nun ist es an der Zeit, zurückzuschauen und ein erstes Fazit zu ziehen…..darüber, welchen Mehrwert so ein Angebot bringt und wie dieses weiter optimiert werden kann. Immer mit dem gleichen Ziel vor Augen, nämlich die bestmögliche Qualität an Fachberatung zu vermitteln.

Zum Thema: Was Gruppensupervision bringt

Der Fokus liegt bei der Gruppensupervision klar auf den mentalen Techniken; klassischer Weise das Aufgabengebiet der Mentaltrainer. Meines Erachtens ist ein grosser Vorteil dieser Gruppe, dass die sportpsychologischen Interventionen, Techniken und Tools bereits gut bekannt sind und vorausgesetzt werden können. Darauf aufbauend wird eine individualisierte und fallspezifische Anwendung erst möglich. Kreativität, Erfahrung und Offenheit für Neues sind dabei die treibenden Merkmale, die Diskussionen und Findungsprozesse für neue Lösungen antreiben. Das Momentum, dass eine Gruppe ungleich mehr Ideen generiert, steht hier im Zentrum. Weiter hat sich bewährt, dass ich als Gruppenleiterin nicht nur den Supervisionsprozess steure, sondern vielmehr auch durch meine langjährige Erfahrung auf allen Interventionsebenen eingreifen kann und inhaltlich neue Aspekte sowie Fachwissen beisteure, was den Lernprozess zusätzlich vertieft. Auch gebe ich immer wieder aus anderen Fachbereichen wie der systemischen Psychotherapie oder der Körperpsychotherapie neue Inputs, die Mentaltrainer gut in der Praxis umsetzen können.

Nachfolgend können Sie lesen, was die verschiedenen Gruppenmitglieder meiner Supervisionsgruppe zu ihren Erfahrungen der vergangenen Jahre zu sagen haben.

 

Katrin Bretscher

Katrin Bretscher
Homepage: https://power-and-balance.ch/

Mein Name ist Katrin Bretscher, ich bin Mentaltrainerin und in Zürich zu Hause. An Stelle einer Spitzensport-Karriere mache ich eine sehr breite Sport-Karriere: Von Ballett über Eishockey, Eiskunstlauf, Karate und Snowboard ist ziemlich alles dabei. Dies hilft mir, das Umfeld meiner Klienten gut zu verstehen und trotzdem den Blick über den Sportarten-Tellerrand zu behalten. Neben meiner Tätigkeit in meiner Praxis bin ich beim Nachwuchs des EHC Kloten, EHC Winterthur, EHC Bülach und EV Dielsdorf-Niederhasli (Young Flyers) für die Ausbildung im Bereich Mentaltraining zuständig: Ich zeige den Jugendlichen Techniken wie etwa Visualisieren oder Autogenes Training und wir erarbeiten, wann und wie sie diese am besten einsetzen können. 

Seit Cristina die Mentaltrainer-Supervisionsgruppe gegründet hat, bin ich mit Freude dabei. Ich habe dort spannende Kollegen kennengelernt, die mein Netzwerk sehr gut ergänzen: Habe ich eine Anfrage aus einem Gebiet, das geografisch oder inhaltlich zu weit von mir weg liegt, kann ich den Klienten mit gutem Gewissen an jemanden weiterleiten, den ich kenne und auf dessen Arbeit ich vertraue. 

In den Treffen der Supervisions-Gruppe sprechen wir über Fragen, die sich ein Mentaltrainer in der Arbeit mit einem seiner Klienten gestellt hat. Untereinander diskutieren wir über Ursachen und mögliche Lösungsansätze. So lerne ich verschiedene Arten kennen, wie man die „gleiche“ Geschichte auch noch betrachten kann. Von meinen Kollegen lerne ich neue Techniken und Tools. Damit ist es eine sehr praxisnahe und vergleichsweise günstige Weiterbildung. Anders als bei einem Kurs kann ich genau die Fragen diskutieren, die meine aktuelle Situation betreffen.

Ob es sich um eine Frage handelt, die ich selber mitgebracht habe, oder die eines anderen: Ich bin immer wieder herausgefordert, nicht einfach nur meinen eigenen Denk-Gewohnheiten zu folgen. Ich lerne, meine Sichtweise zu hinterfragen. Im Alltag habe ich dann auch schon gedacht „Chris würde jetzt sagen: ‚das sieht dein Klient aber nicht so!‘ „. Es fühlt sich manchmal so an, als hätte ich mein eigenes Coaching-Team im Ohr, wenn ich einen Klienten coache. Das hilft mir, vielseitig zu bleiben und jedem Sportler verschiedene Lösungsansätze anbieten zu können. 

Damit das ganze Lernen stattfinden kann (und sich vielleicht sogar ein inneres Coaching-Team im Ohr niederlassen kann), sollte man regelmässig zur Supervision. Und nicht erst dann, wenn die Hütte brennt. 

 

Chris Bitzer

Chris Bitzer
Homepage: http://www.positive-minds.ch

„Als ich vor circa vier Jahren die ZHAW Ausbildung zum Mentaltrainer absolvierte, geschah es eigentlich nur aus Interesse am Thema, aber nicht um dies später einmal wirklich beruflich auszuüben. Die praktische Arbeit mit Athleten(innen) während der Ausbildung bereitete mir aber so viel Freude, dass ich inzwischen in Teilzeit als Mentaltrainer tätig bin. Ich arbeite schwerpunktmässig mit jugendlichen Leistungssportlern aus verschiedenen Sportarten (Tennis, Schwimmen, Ski Alpin, Fussball, Handball, Golf, …). Mentalttraining verstehe ich nicht als Problemintervention sondern als grundsätzliches Vermitteln von mentalen Fertigkeiten, die von Anfang der sportlichen Karriere an erlernt werden sollten (ebenso wie technische und physische Fähigkeiten) und nicht erst, wenn sich Probleme zeigen. Daher beginne ich oft schon mit sehr jungen Sportlern zu arbeiten (ab acht Jahren). Hier muss man sehr spielerisch und eher intuitiv als kognitiv vorgehen, um die diversen Fertigkeiten zu vermitteln. Ebenso ist es mir wichtig, dass der Wunsch fürs Mentalttraining vom Athleten und nicht (nur) von den Eltern kommt. Der dritte Basisgrundsatz meiner Arbeit ist „Gesundheit vor Leistungsmaximierung“. Mentaltraining darf nicht dazu führen, dass gesundheitsschädliche Muster systematische gefördert oder verstärkt werden, auch wenn dies manchmal von Trainern und/oder Eltern aus übertriebenem Ehrgeiz gewünscht wird. Wer mehr über meinen Ansatz und meine Arbeit erfahren will, kann dies gern auf meiner Webseite nachlesen (http://www.positive-minds.ch).

In meiner Mentaltrainerarbeit stiess ich immer wieder auf Situationen, wo ich mir nicht sicher war, wie man gewisse Fakten interpretieren sollte, ob man alle Optionen schon durchdacht hatte und welche Intervention wohl die zielführendste ist. Manchmal komme ich auch im Nachhinein ins Grübeln, ob ich das Richtige geraten habe. Allein kam ich in solchen Situationen selten weiter. Meist ist es dann auch nicht so einfach, schnell einen Kollegen zu finden, um den Fall zu diskutieren. Darum bin ich zunächst regelmässig in die Einzel-Supervision gegangen. Dies war ein gutes Instrument, aber halt auch immer sehr davon abhängig, was sich bei meinen Klienten gerade getan hatte. Manchmal gab es (zu) viel zu diskutieren, manchmal eher weniger. Als sich dann die Möglichkeit für eine Supervision in einer Kleingruppe ergab, war das für mich eine sehr willkommene Idee. Inzwischen habe ich dieses Format schon mehr als ein Jahr „getestet“ und halte es für eine perfekte Form des Austauschs und der Weiterbildung. Ich profitiere in den längeren Sessions nicht nur vom tiefen Fachwissen des/der Supervisior(in) sondern auch von zusätzlichen Ideen und Erfahrungen der Mentaltrainerkollegen. Darüber hinaus lerne ich nicht nur von den eigenen Fällen, sondern auch von den Fällen der Kollegen. Diese kommen öfters auch aus Sportarten mit denen ich selber keine Berührungspunkte habe. Ich kann aber einige gute Analogien für mich nutzen. Auf diese Weise profitiere ich viel schneller von einer breiten Palette von interessanten Situation, welche sich im eigenen Portfolio erst über einen viel längeren Zeitraum ergeben würden. Ich kann jedem, dem diese Möglichkeit offen steht, empfehlen, es einmal auszuprobieren.

 

Yucca Rotacher

Yucca Rothacher
Homepage: www.yuccarothacher.ch

Als Reitlehrerin und Judotrainerin habe ich vor gut zehn Jahren begonnen, Falltrainings für Reiter anzubieten. In meinen Kursen lernen Reiter wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten sollten und sich bei einem Sturz vom Pferd richtig abzurollen. Oft habe ich mit sehr ängstlichen Personen zu tun, die bereits schon mehrere zum Teil schwere Reitunfälle hatten, leider konnte ich anfangs die daraus resultierenden Ängste nicht beheben. Daher entschloss ich mich, eine Ausbildung zur Mentaltrainerin am IAP/ZHAW zu machen. Es ist faszinierend, wie wenig es manchmal braucht, um mit mentalen Techniken die Ängste anzugehen und das Selbstvertrauen zu stärken. Selbstverständlich gehört auch die Beurteilung des Pferdes dazu. Mein Coaching (www.yuccarothacher.ch) ist kein Ersatz für regelmässigen Reitunterricht beim eigenen Heimtrainer, sondern dient als Ergänzung bis Reiter und Pferd wieder „back on track“ sind. Diese Kurse biete ich in der Schweiz, Deutschland und Österreich an. Als Sportmentaltrainerin betreue ich also Menschen im Pferde- und Hundesport. Das Verständnis des Wesens des Tieres ist Voraussetzung zur Ursachenklärung, wenn das Team Pferd/Hund – Mensch nicht richtig funktionieren will. Das fundierte Fachwissen über Pferde und Hunde hilft, mir die Anliegen der Kunden zu verstehen und sie optimal zu betreuen.

Es zählen aber auch Athleten aus Sportarten wie Judo, Ju Jitsu, Schwingen, Kunstturnen, Ballett zu meinen Kunden. Dass ich selber auf nationaler Ebene Wettkampfsport (Judo) betrieben habe, hilft mir beim Coaching der Athleten.

Die Supervisionsgruppe unterstützt mich durch ihre „neutrale“ Betrachtungsweise der Supervisionsfälle, die mehrere Perspektiven erlaubt. So bekomme ich durch die Anregungen der anderen Gruppenmitglieder für das Coaching der Sportler mehrere und auch neue Ideen. Manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, man ist auf eine Idee fixiert und sieht andere Lösungswege nicht. Das Supervisions-Team bringt mich sanft auf den richtigen Weg. Die Unterstützung durch die erfahrene Sportpsychologin verbessert zusätzlich die Qualität der Betreuung. Wir lernen neue Methoden, die in der Ausbildung nicht erwähnt wurden. Der Austausch mit den Mentaltrainer-Kollegen ist mir sehr wichtig und dient zur Reflexion meiner Tätigkeiten als Mentaltrainerin. Mir ist das Feedback unserer Sportpsychologin Cristina Baldasarre wichtig, um meine Kunden optimal zu betreuen. Jede gelungene Supervision stellt eine persönliche Bereicherung meines Know-How’s dar.

 

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Laufen im Mai – Von Hitze, viel Grübeln und mit allen Sinnen genießen (Streakrunning-Serie, Teil 6)

Kaum, dass man es sich versieht, ist auch schon der „Wonnemonat“ Mai vorbei. Dabei hat der Mai 31 Tage; ist also ein eher „langer Monat“. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit verflog. Schon Friedrich Hebbel wusste zu sagen:  „Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude“. Das bringt es wohl auf den Punkt! Schon in den Wintermonaten habe ich mit den „Mai-Bildern“ vor meinem inneren Auge gespielt. Es ist ja auch wirklich eine wahre Pracht, wenn man sich viel in der Natur aufhält. Und da ich als Streakrunner ja täglich laufe, habe ich davon natürlich viel.

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 6

Aber schauen wir erst einmal auf die Fakten im Mai. Insgesamt waren es 288,8 km an 31 Tagen. Insgesamt bin ich nun also seit 153 Tagen Täglichläufer und dieses Jahr schon 1.316,5 Kilometer gelaufen. Im Vergleich zum Mai 2017 war ich 100 Kilometer länger unterwegs. Das hängt aber damit zusammen, dass ich im Mai 2017 zwei sehr kraftraubende Wettkämpfe dabei hatte und somit auch reichlich Ruhetage dabei waren. Nicht so dieses Jahr!

Abbildung: Auflistung der einzelnen Laufeinheiten im Mai 2018 (nun als Kunde bei „runalyze“)

Euch fällt natürlich auf, dass sich die Darstellung meiner monatlichen Laufkilometer verändert hat. Das hängt damit zusammen, dass die Betreiber der Lauf-Dokumentations-Plattform meines Vertrauens (jogmap) diese Seite (aus wirtschaftlichen Gründen sowie der Einführung der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung) abgeschaltet haben. Sechs Jahre war ich dabei. Die Plattform hat ca. elf Jahre existiert – das ist wahrscheinlich die Halbwertszeit einer „digitalen Laufrevolution“, die Jogmap damals war. Na klar, dieser Markt entwickelt sich rasant und „Kunden“ sind heutzutage sehr technik- und netzaffin. Da wechselt man auch mal schnell zu einem potentiellen Konkurrenten. Ich persönlich habe mich bei Jogmap immer sehr wohlgefühlt. Auch wenn die Seite etwas „Old School“ gestrickt war. Sie hatte alles, was ich brauchte. Sie war ein treuer und zuverlässiger Begleiter, den ich in den sechs Jahren fast jeden Tag besucht habe. Jogmap wusste sportlich quasi alles von mir. Das war wie ein Tagebuch! Ich konnte mir meine Eintragungen auch immer wieder anschauen und mit grafischen Darstellungen herumspielen. Jogmap kannte meine schönen Tage und auch meine schlechten – 17.910 aufgezeichnete Kilometer von mir, die ich in 1449 Läufen runtergespult habe. Es war eben ein Tagebuch des Laufens. Und Psychologen wissen natürlich wie wichtig solche Tagebücher für die Psychohygiene sein können. Und ich kannte dort viele „Gleichgesinnte“, mit denen ich mich austauschen konnte. Frauke und ich haben zu Beginn unserer Kennenlernphase viel über Jogmap kommuniziert. Das alles fiel quasi von heute auf morgen flach! Ein halbes Läuferleben – einfach gelöscht! Das hat mich emotional doch mehr runtergezogen als ich vermutet hatte, es hat und mich natürlich auch beim täglichen Laufen beschäftigt.

Die Welt dreht sich schneller

Die Halbwertszeiten von digitalen Produkten. Ich habe wirklich das Gefühl, dass sich die Welt immer schneller dreht. Ich versuche mit meinen 55 Jahren immer noch mitzukommen, aber bei all diesen neuen technischen Neuerungen rund um unser Leben spüre ich, wie ich zunehmend Probleme bekomme, mitzukommen. Das tägliche Laufen ist dabei eine sehr wichtige und angenehme Konstante in meinem Leben geworden. Das Laufen entschleunigt … es wirft mich auf mich selbst zurück und es ermöglicht es mir, mich ganz intensiv wahrzunehmen. Und das in einem Tempo, dass ich selbst bestimmen kann.

Und da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Struktur und Systematik! Ja, ich habe im Mai meiner Lauferei Struktur und Systematik gegeben. Das ist eben auch nötig (und das weiss ich ganz rational und nicht zuletzt aus Erfahrung), wenn man einen Ultra mit Startnummer laufen möchte.

Abbildung: Jogmap – „Abschiedsbildschirm“ von Oliver Stoll

Wettkampflaufen versus Streakrunning

Wenn ihr in meine Laufdokumentation schaut, dann seht ihr neben den Dauerlaufeinheiten, eben auch Regenerationsläufe und die notwendigen langen Laufeinheiten (in der Regel immer sonntags). Dieses Vorgehen kollidierte natürlich brutal mit meinem „Bauchgefühl“. Ich hatte mich so sehr an das „druckfreie“ Laufen, einfach aus einem Impuls heraus gewöhnt, dass mich Struktur und Systematik gnadenlos angekotzt hat. Ich habe in den letzten fünf Monaten das Laufen als pure Freiheit erlebt und nicht als Zwang und Struktur. Und das ist es doch eigentlich: Bewegung ist Freude und Freiheit, kein Zwang. Na ja, das Thema hatten wir ja schon letzten Monat (Link zur April-Folge).

Prof. Dr. Oliver Stoll: April – der Monat, in dem sich alles verändert… (Streakrunning-Serie, Teil 5)

Wettkampflaufen und Streakrunning – das verträgt sich einfach nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es sich hier um verschiedene Sportarten handelt. Nicht aus Sicht der Bewegungswissenschaft, aber auf alle Fälle im Sinne einer psychologischen Grundhaltung. Mit diesem Thema bin ich noch nicht durch – das habe ich noch nicht zu Ende gedacht. Aber ich habe dafür ja noch ein paar Monate Zeit.

Erfolgloser Influencer

Schließlich fiel mir im Mai auf, dass zumindest zwei Menschen, die Anfang des Jahres und in den vergangenen zwei Monaten mit dem Streaken angefangen haben, ausgerechnet im Wonnemonat Mai wieder damit aufgehört haben. Auch das hat mich nachdenklich gemacht. Besonders nah ging mir das bei einem Sportsfreund aus Leipzig, der exakt am selben Tag wie ich damit begonnen hat, und dessen Posts auf Facebook immer verfolgt habe. Gerade zu Beginn war er für mich eine große Quelle der Motivation und Inspiration. Interessanterweise sind wir nie zusammen gelaufen, obwohl wir in der gleichen Stadt leben. Das war mehr ein „mentales Band“, was uns miteinander verbunden hat. Bei ihm war es schlussendlich eine Verletzung, und das auch noch zwei Wochen vor dem Rennsteiglauf, bei dem er dann trotzdem noch angetreten ist, die ihn dazu veranlasste, mit dem täglichen Laufen aufzuhören. Absolut vernünftig und nachvollziehbar – aber … schade ist es trotzdem – so denke zumindest ich. Auch meine „Influencer-Fähigkeiten“ sind wohl eher beschränkt. Anne hat auch wieder aufgehört, aber wir haben das diskutiert und ihre Gründe sind durchaus plausibel und nachvollziehbar. Wenn Du das täglich Laufen schließlich als „Druck“ und „Zwang“ erlebst, dann ist es eben nicht mehr das, was mal war.

Abbildung: Oliver und Frauke beim Start zum Sachsentrail 2017

Nun gut – in einer Woche, am 8.6.2018, ist es soweit! Die Nacht der Nächte wartet auf mich. Keine 100 Kilometer, sondern nur die 56 Kilometer und dennoch weiß ich schon jetzt, dass ich es sehr genießen werde. Die Rückkehr zu dem Ort, der schlussendlich meiner Leidenschaft eine richtige Richtung gegeben hat – und meine Liebe ist auch wieder dabei.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Einmal war ich in Biel (Buch-Bestellung)

 

Die komplette Serie:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Grenzenlose Gelassenheit (Streakrunning-Serie, Teil 2)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sinne schärfen sich (Streakrunning-Serie, Teil 3)

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefangen zwischen Leistungsorientierung und Bauchgefühl (Streakrunning-Serie, Teil 4)

Prof. Dr. Oliver Stoll: April – der Monat, in dem sich alles verändert… (Streakrunning-Serie, Teil 5)

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Dr. René Paasch: Leistung abliefern, wenn es darauf ankommt

Nils Petersen gehört neben Bernd Leno, Jonathan Tah und Leroy Sane zu den vier Nationalspielern, die aus dem Aufgebot der Fußball-Nationalmannschaft gestrichen worden sind. Für viele Fans war der Freiburger ein Sympathieträger, nicht wenige hätten den im Harz geborenen Stürmer gern mit dem Adler auf der Brust in Russland auflaufen sehen. Zu seinen großen Unterstützern und Förderern zählt auch Nils Vater, Andreas Petersen, selbst langjähriger Trainer. Er warnte aber schon nach der überraschenden Nominierung seines Sohnes für den vorläufigen WM-Kader im MDR-Fernsehen: „Nils sollte im Trainingslager nicht zu zaghaft sein und an sich glauben“. 

Zum Thema: Wie die Leistung abrufen, wenn es darauf ankommt?

Zu einem bestimmten Zeitpunkt die Leistung abzurufen, also wirklich bestmöglich zu performen, wenn es darauf ankommt, bereitet vielen Sportlern Schwierigkeiten. Neben dem Talent, der technisch-taktischen Ausbildung und der Kondition als eher grundlegende Voraussetzungen besteht gerade bei Drucksituationen häufig die Frage, ob die Sportlerinnen bzw. Sportler in einer geforderten Leistungssituation ihre Bestleistung abrufen können? Jetzt kommt die gute Nachricht: Darauf kann man sich vorbereiten!

In diesem Zusammenhang möchte euch einige Anregungen anbieten. Eine sportliche, private und berufliche Spitzenleistung hängt von drei Faktoren ab: der biologischen Voraussetzung, den Umgebungsbedingungen und den Soft Skills. Um Höchstleistungen zu bringen, müssen sich alle drei Bereiche gegenseitig unterstützen. Der Faktor „Soft Skills“ wird häufig unterschätzt. Denn meiner Meinung nach spielt genau dieser Bereich die alles entscheidende Rolle, um gut zu sein, wenn es gefordert wird. Es lohnt sich also, das Mentale Training näher zu betrachten.

Bedingungen, die Wettkampfsituationen kennzeichnen 

Zwischen sportlichem Wettkampf, privaten und beruflichen Drucksituationen gibt es zahlreiche Verbindungen. Nach Eberspächer (2012) gibt es verschiedene Bedingungen, die eine typische Wettkampfsituation kennzeichnen:

  • eine hohe zeitliche Belastung, die über dem täglichen Standard liegt
  • die Ungewissheit des Ergebnisses
  • die unmittelbare Leistungsfähigkeit ohne die Möglichkeit, seine Handlung zu wiederholen
  • und die daraus entstanden Konsequenzen des Ergebnisses

Jeder, der eine solche Situation bereits erlebt hat, weiß, dass die physische und psychische Beanspruchung ansteigt. Doch wie bewältigt man Drucksituationen? Durch eine lösungsorientierte Vorgehensweise, Selbstorganisation und einserne Disziplin.

Ein kleines Experiment 

Stellen Sie sich vor, sie stehen im Training vor der Entscheidung, einen Elfmeter schießen zu dürfen, der nur als Übungszweck dient. Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Elfmeter verwandeln, der über den Abstieg in die 2. Liga bestimmt…! „Wie fühlen Sie sich jetzt?“. Angespannt und denken Sie an Konsequenzen (Kuhl & Beckmann, 1987)? Wenn ja, dann spüren Sie ähnliches wie Fußballer/innen auf Topniveau.

Die Erklärung ist folgende: Die veränderte Wahrnehmung, mit einer veränderten Bewertung, führen zu physiologischen Reaktionen (Angst, Sorgen, feuchte Hände u.v.m). In beiden Fällen steht man vor dem Elfmeterpunkt. Im ersten Fall kann nicht viel passieren, auch wenn man nicht treffen würde. Im Abstiegskampf ist die Konsequenz jedoch um einiges höher. Einige Sportlerinnen bzw. Sportler denken in diesem Moment an die Konsequenzen: „Was passiert, wenn…“ Dieser Automatismus, lässt Leistung mindern. Wer jedoch etwas leisten will, der sollte sich nicht nur auf die Konsequenzen konzentrieren, sondern auf die eigenen Fähigkeiten und den gegenwärtigen Moment.

Stärken

Jeder  Mensch hat Stärken und Schwächen. In meiner Beobachtung und in einzelnen Gesprächen mit Leistungskickern/innen überwiegen jedoch die Schwächen. Doch in einem erfolgreichen Leben kommt es vor allem darauf an, die eigenen Stärken zu kennen und zu nutzen. Beispiel: „Sie alle sind jetzt Fußballtrainer/in in einer bekannten Mannschaft. Was erwartet der Manager, der Verein, die Fans und Ihre Spieler bzw. Spielerinnen von einem Trainer/in? Ganz klar: Dass Sie Lösungen parat haben und dass Sie wissen, wie man erfolgreich Fußball spielt.“

Trainer bzw. Trainerinnen werden dafür bezahlt, dass sie Lösungen präsentieren statt Probleme zu diskutieren. Wer will schon eine Trainerin bzw. einen Trainer auf der Bank sitzen haben, der die Kicker im Training und Wettkampf nur beobachtet und dann nur die Schultern zuckt. Wichtig ist daher, die eigenen Kompetenzen situationsgerecht einzusetzen. Ein Experte muss seine Kompetenzen kennen, von diesen Stärken überzeugt sein und sie dann ausspielen. Das erreicht man, indem man die eigenen Fähigkeiten trainiert, entweder durch vielfaches Wiederholen oder durch mentales Training (siehe dazu http://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/29/dr-rene-paasch-mentales-training-im-nachwuchsfussball/). 

Der innere Unterstützer 

Eine Technik, sich auf anspruchsvolle Aufgaben vorzubereiten, ist der Aufbau eines sogenannten „inneren Unterstützers“. Dabei geht es darum, sich von außerordentlichen Situationen (bspw. Nils Petersen im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft und im Länderspiel gegen Österreich) eine genaue Vorstellung zu machen. Diese Vorstellungen dienen als Prüf- und Führungsgrößen. Das funktioniert im Leistungssport ähnlich wie im privaten und beruflichen Kontext. Wie der Elfmeterschütze, der den Bewegungsablauf vor dem Schuss aufs Tor noch einmal durchgeht, so sollten sich bspw. auch Chirurgen vor Beginn ihrer Operation die äußeren und inneren Umstände seiner Tätigkeit präzise bewusst machen und alle Einzelheiten durchgehen. Entscheidend ist, dass ein Schritt nach dem anderen gemacht wird. Es gibt weder wichtige noch unwichtige Schritte. Was einen Top-Spieler/in außerdem auszeichnet, ist eine absolut sachliche und emotionslose Herangehensweise. Dauerhaftte negative Emotionen erzeugen Stress und sind leistungsmindernd.

Ein weiteres Werkzeug, seine innere Welt zu programmieren, ist das Selbstgespräch (Paasch, 2015). Was im ersten Moment merkwürdig klingt, hat im Leistungssport  einen besonderen Platz. Steigt die persönliche Beanspruchung durch eine Aufgabe, dann können bewusst geführte Selbstgespräche zu einer verbesserten Leistung führen. Gemeint sind jedoch nur positiv verstärkende Gespräche (siehe dazu: http://www.die-sportpsychologen.de/2016/11/09/dr-rene-paasch-beine-machen-mit-selbstgespraechen/ & http://www.die-sportpsychologen.de/2015/05/22/prof-dr-oliver-stoll-macht-der-selbstgespraeche/

Fazit

Spitzensportler/innen sind Performer des Augenblicks. Sie bringen genau zum richtigen Zeitpunkt die volle Leistung. Das Geheimnis ihres Erfolges versteckt sich hinter dem Wort „Fokussierung“. Sie konzentrieren sich auf das, was gerade wichtig ist. Dazu noch ein kleines Experiment: Jeder sollte Zuhause seinen Fernseher einschalten und sich dabei auf die Pause zwischen Aus- und Einatmen konzentrieren. Das erwartete Ergebnis lautet: Wer sich richtig auf die Atempause konzentriert, wird den Fernseher nicht mehr hören „Sozuagen die Fähigkeit schaffen, zum bewussten Hier und Jetzt. Ein Flow-Erlebnis lebt von der Fokussierung. Weder Vergangenheit noch Zukunft spielen im Moment der Handlung eine Rolle. Dieser Zustand ist sehr wichtig, denn Kopf, Bauch und Körper sollen sich gleichzeitig unterstützen. Wer diese Form beherrscht, ist auch zu Spitzenleistungen fähig.

Und jetzt noch eine Anregung zum Schluss: „Nehmen Sie sich zwei Ideen von meinem Blogbeitrag mit und setzen Sie diese zeitnah um“. Sollten Sie dazu Fragen haben, dann dürfen Sie sich gerne über die genannte E-Mail-Adresse bei mir melden. Zur Profilseite von Dr. René Paasch: http://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/ Viel Erfolg und Spaß bei der Umsetzung.

Ein Wort zu Nils Petersen

Persönlich finde ich es schade, dass Petersen nicht in Russland dabei ist. Aber dafür werden Joachim Löw und sein Team ihre Gründe haben. Jedoch wäre es dem Bundestrainer sicherlich schwerer gefallen, Petersen zu Hause zu lassen, wenn dieser im Länderspiel gegen Österreich eine Mega-Leistung gebracht hätte.

 

Literatur

Beckmann, J. (1987): Höchstleistung als Folge missglückter Selbstregulation. In J.P. Janssen, W. Schlicht & H. Strang (Eds.), Handlungskontrolle und soziale Prozesse im Sport (S. 52-63). Köln: bps.

Eberspächer, H. (2012):  Das Handbuch für Trainer und Sportler. Stiebner Verlag GmbH. ISBN 3936376034

Kuhl, J., & Beckmann, J. (1983): Handlungskontrolle und Umfang der Informationsverarbeitung: Wahl einer vereinfachten (nichtoptimalen) Entscheidungsregel zugunsten rascher Handlungsbereitschaft. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 14, 241-250.

Paasch, R. (2015): Journal of Pedagogy and Psychology. Effect of training self-talk regulation on improving action orientation vs. state orientation and endurance performance in the area of amateur soccer Riga Teacher Training and Educational Management Academy, Latvia. 8th International scientific conference. ISBN 978-9934-503-31-3. Internet: www.rpiva.lv/pdf/8_konferences_raksti.pdf, S. 76

 

Internet

https://www.mdr.de/sport/video-197524_zc-a44cf87d_zs-2013e4cd.html. (Zugriff am 17.05.2018)

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Buch: Yes you can! Mentaltraining für Sport und Alltag (Dr. Christian Reinhardt)

Den Blick auf die Ziellinie fokussieren, alles für den Sieg geben, den Torwart vorm Elfmeter fixieren – was im Sport möglich ist, lässt sich auch auf den Alltag übertragen. Durch Mental Coaching kann jeder mehr Leistung abrufen und das Selbstbewusstsein stärken. Der renommierte Sportpsychologe Dr. Christian Reinhardt gibt jedem die perfekten Strategien in einfachen Konzepten an die Hand, um Leistungsdruck und Stress zu meistern. In Verhandlungssituationen hilft oft ein mentales Warm-Up, einen übermächtigen Gegner kann man durch starkes Auftreten einschüchtern und besiegen, und als Team gemeinsam arbeiten führt oft schneller zum Erfolg. Zur Stärkung des Selbstvertrauens helfen Visualisierungsübungen und Tipps zum Erfolgstracking. Die Techniken und Übungen sind 100% praxisorientiert, durch sie lassen sich mentale Barrieren abbauen und Höchstleistungen abrufen. Die eigenen Stärken und Schwächen kennen und gezielt einsetzten – so gelingt der Sieg nicht nur im Kopf!

Preis

Buch “Yes you can! Mentaltraining für Sport und Alltag”

11,00 EUR (zzgl. Versand)

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Mila Hanke: Sportpsychologisches Mentaltraining für (Hobby-)Mountainbiker

Mentaltraining? Das ist doch nur was für Profi-Sportler, die Medaillen und Titel gewinnen wollen. Für Fußball-Stars oder Tennis-Asse zum Beispiel, die über Jahre täglich hart trainieren – und dann vor großem (medialen) Publikum und unter großem Druck im entscheidenden Moment die perfekte Leistung abliefern müssen. Aber für Hobbysportler? Für Outdoorsportler, ohne Verein ohne Wettkampfzirkus? Für die „Nischensportart“ Mountainbiken? Nee …

Doch – auch genau für solche Sportler „ist Mentaltraining was“. Auch wenn die oben skizzierte Meinung weit verbreitet ist.

Zum Thema: Blog-Serie Sportpsychologisches Mentaltraining für (Hobby-)Mountainbiker

Foto: Mila Hanke in Action (Quelle: Chris Tharovsky/ www.team-f8.de)

In meiner Blog-Serie möchte ich von meiner Arbeit mit Hobby-Mountainbikern und Mountainbikerinnen berichten – einer meiner Meinung nach unterschätzten Zielgruppe, die von Mentaltraining ebenso profitieren kann wie Leistungssportler. Ich möchte zu verschiedenen Themenbereichen sportpsychologische Beispiel-Methoden erklären, die den Bikern, die ich betreue, besonders gut geholfen haben. Den Anfang mache ich mit einer Übung zum Thema „Konzentration und Aufmerksamkeit“ (Link zum Text)

Mila Hanke: Mentaltraining für Mountainbiker – Konzentration & Aufmerksamkeit verbessern

(Fotocredit: Sissi Richter, www.sissirichter.de)

Doch zunächst möchte ich für alle „Bike-Laien“ erklären, was den abfahrtsorientierten Mountainbikesport eigentlich ausmacht – und in welchen Themenbereichen auch bei Hobbybikern der Bedarf für sportpsychologisches Mentaltraining groß ist.

Die Herausforderungen beim abfahrtsorientierten Mountainbiken

Ich bin selbst leidenschaftliche Mountainbikerin und zwar im Bereich „Enduro“/“All Mountain“. Das heißt: Ich fahre keine Cross-Country-Marathons (nach Strecke, Höhenmeter und Zeit) und nicht mit dem Lift nach oben wie Downhiller. Ich fahre Touren für das Naturerlebnis, trete selbst nach oben für die Fitness – um dann aber nicht einfach auf Forststraßen bergab zu rollen, sondern auf natürlichen, schmalen Bergpfaden (in der Bikersprache „Trails“ genannt) den Geschicklichkeits- und Geschwindigkeitskick zu erleben. Die Trails haben unterschiedlich schwierige fahrtechnische Herausforderungen: Steilpassagen, Wurzeln, loses Geröll, größere Felsblöcke, Absätze, Stufen und enge Kehren. Zudem beeinflussen die Bodenbeschaffenheit und die Umgebung den Schwierigkeitsgrad: bei Nässe werden z.B. Wurzeln und Lehmböden sehr rutschig, hochalpine Pfade sind oft besonders schmal, ausgesetzt und absturzgefährlich – beides erfordert besonderes Fahrkönnen und besonders viel Konzentration.

Ein Video für einen realen Eindruck

Hier ein Link zu einem Beispiel-Video von Enduro-Profis bei einem World Cup-Rennen in Val di Sole, Italien. (Die ersten Minuten reichen für einen Einblick.) Der durchschnittliche Hobby-Biker fährt langsamer, ohne full-face-Helm und springt nicht – doch das Video veranschaulicht, welche Art von Terrain, Hindernissen und Risiken es auf Mountainbike-Trails zu bewältigen gilt.

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Weitere Informationen

https://www.youtube.com/watch?v=xUG6yL0S3iQ , Quelle: Dirt TV / youtube

Warum abfahrtsorientiertes Mountainbiken ein „Kopf-Sport“ ist

Ich selbst nehme nicht an Rennen oder Meisterschaften teil, dieser Sport ist einfach mein Hobby, so wie für sehr viele Gleichgesinnte. Doch egal mit welcher Geschwindigkeit und mit welcher Ambition: Die abfahrtsorientierte Form des Mountanbikens ist zu einem sehr großen Teil ein „Kopf-Sport“ – weil er auch ohne Wettkampfdruck ein Risikosport ist. Innerhalb von Sekundenbruchteilen muss der Fahrer/die Fahrerin mit Gewichtsverlagerung, Bremsverhalten und anderem fahrtechnischem Können auf den sich ständig verändernden Untergrund und Unvorhergesehenes (loses Geröll, rutschiger Boden, Äste unter Laub etc) reagieren, fast intuitiv. Schwierige Passagen meistert, wer – zusätzlich zur Fahrtechnik – seine Nervosität, seine Konzentration und seine Gedanken/Selbstgespräche im Griff hat, wer körperlich und mental ganz im Moment sein kann. Wer das nicht hat oder nicht ist – der „verweigert“ oder stürzt.

 Vielen Bikern und Bikerinnen ist das schon passiert, mit oder ohne Verletzungen. Und viele – besonders Frauen – tragen davon eine Art „Sturz-Trauma“ davon: Ihr Selbstvertrauen sinkt, die Lockerheit und dass Flowgefühl gehen verloren, bei schwierigen oder auch eigentlich leichten Stellen verkrampfen sie körperlich und mental oder blockieren komplett. Passagen, die sie früher ohne Nachdenken meisterten, funktionieren plötzlich nicht mehr. Diese Erlebnisse lösen Nervosität, Überaktivierung oder auch ernsthafte Ängste aus, ebenso Enttäuschung, Ungeduld, Frustration oder starke Wut auf sich selbst. Und das, obwohl Mountainbiken für diese Menschen „nur“ ein Hobby ist und es eigentlich „um nichts geht“. Eine durchaus gefährliche Spirale, denn wenn Biker während einer Abfahrt in diesen emotionalen Zustand geraten, sind Stürze und Verletzungen umso wahrscheinlicher.  

Ansatzpunkte der Sportpsychologie im Mountainbike-Sport

Aus den Herausforderungen dieser Sportart ergeben sich also viele klassische Ansatzpunkte für sportpsychologisches Mentaltraining – und immer mehr Privatpersonen (auch ohne Vereinsanbindung oder Wettkampfambitionen) suchen bei mir Unterstützung.

Wichtige Themenfelder sind: der Umgang mit Nervosität und Höhen- oder Sturz-Angst, Konzentration & Aufmerksamkeitssteuerung, Stärkung des Selbstbewusstseins nach Stürzen/Misserfolgen sowie das Finden des optimalen Aktivierungsniveaus vor oder während einer anspruchsvollen Abfahrt. Weitere häufige Themen in dieser Risikosportart sind der Umgang mit Verletzungskrisen, Motivation und Zielsetzung für langwierige Reha-Phasen und die Unterstützung beim Wiedereinstieg und bei der Bewältigung der Angst vor erneuter Verletzung.  

Mountainbiken als Teamsport

Obwohl Mountainbiken eigentlich ein Individualsport ist, ist es auch ein Teamsport. Denn fast alle Hobbybiker fahren Touren in Gruppen. Mit Partner/in, Freunden, Bekannten, Freunden von Freunden, die andere mit zur Tour gebracht haben (also Fremde für einen Teil der Gruppe) – und meist sind die konditionellen und fahrtechnischen Fähigkeiten nicht auf einem einheitlichen Niveau. Einige Frauen fahren nur mit ihrem Partner oder mit männlichen Bikekumpels, manche Frauen fahren bewusst nur mit Frauen, weil sie sich von Männern unter Druck gesetzt fühlen, andere am liebsten in gemischten Gruppen.

In jeder Konstellation entsteht – bergauf und bergab – eine eigene Gruppendynamik, mit mehr oder weniger Konkurrenzdruck durch soziale Vergleichsprozesse (er/sie ist schneller als ich, er/sie traut sich die schwere Passage zu fahren und ich nicht, ich will ihn/sie beeindrucken, bloß nicht der/die Letzte sein usw.) und/oder mit Konflikten aufgrund von Über- oder Unterforderung verschiedener Gruppenmitglieder oder aufgrund von Rivalität um die Gruppenleitung. Auch diese „Teamprozesse“ belasten manche Biker und Bikerinnen, verstärkten Ängste, führen zu Frusterlebnissen, (Paar-)Konflikten oder zu Stürzen durch Gruppendruck, Verantwortungsdiffusion und falsche Selbsteinschätzung.

 

Foto: Mila Hanke in Action (Quelle: Chris Tharovsky/ www.team-f8.de)

Mehr zum Thema:

Mila Hanke: Mentaltraining für Mountainbiker – Konzentration & Aufmerksamkeit verbessern

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Mila Hanke: Mentaltraining für Mountainbiker – Konzentration & Aufmerksamkeit verbessern

Konzentration spielt bei anspruchsvollen Trail-Abfahrten eine wesentliche Rolle. Die MountainbikerInnen, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, haben sehr davon profitiert, dass wir gemeinsam die vier verschiedenen Dimensionen erarbeitet haben, in oder auf denen die eigene Aufmerksamkeit liegen kann: „außen- weit“, „außen-eng“, „innen-weit“ oder „innen-eng“. Diese Methode möchte ich hier beispielhaft näher erläutern.

Zum Thema: Mentaltraining für Mountainbiker (Teil 1)

Die Arbeit an der Aufmerksamkeitssteuerung mit Hilfe dieser schematischen Unterteilung ist eine verbreitete Methode in der Sportpsychologie – und hilft meiner Erfahrung nach gerade Mountainbikern sehr, weil sie ihren Fokus (auch im Sinne der Blickführung) während eines Trails sehr oft und – je nach Geschwindigkeit – sehr schnell wechseln müssen. Zudem gibt es sehr viele ablenkende Faktoren (Geräusche des Reifens auf dem Untergrund, Verhalten anderer Mitfahrer in der Gruppe, Selbstgespräche, steile Abhänge/Absturzgefahr auf einer Trail-Seite usw.), die zu „Verweigerung“ oder Stürzen führen können.

Das Bewusstsein zu entwickeln, wo die eigene Aufmerksamkeit tatsächlich gerade liegt, ob dieser aktuelle Fokus mir persönlich dabei hilft, diese Passage zu meistern (oder eher hinderlich ist) und zu lernen, den Fokus je nach Situation schnell und eigenständig zu wechseln – all das ist ein wesentliches Ziel des sportpsychologischen Konzentrationstrainings für Mountainbiker.

http://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/31/mila-hanke-sportpsychologisches-mentaltraining-fuer-hobby-mountainbiker/

Mila Hanke selbst „in bike action“. Fotocredit: www.team-f8.de / Chris Tharovsky

Stirnlampen zur Veranschaulichung

Um die verschiedenen Dimensionen anschaulicher, „sinn-licher“ und erlebbarer zu machen, lasse ich die Sportler im ersten Schritt Stirnlampen auf den Kopf setzen, ausprobieren und wahrnehmen: Worauf ist der Lichtkegel deines Aufmerksamkeitsscheinwerfers gerade gerichtet? Nach außen auf etwas in der Umgebung? Oder nach innen, auf deine persönliche Gefühlswelt oder deine Gedanken? Ist er weit eingestellt oder eher eng? Und wie fühlt sich dieser Fokus für dich in dieser speziellen Situation gerade an?

Gemeinsam reflektieren und notieren wir dann verschiedene persönliche „Schlüssel-Situationen“ während der Auf- und Abfahrt und in eine Spalte daneben, wo genau die Aufmerksamkeit des Sportlers dabei liegt:

… auf dem Bergpanorama (außen- weit)?

… auf einem Mit-Biker (außen-eng)?

… auf der eigenen allgemeinen Gefühlslage, z.B. „müde“, „aufgedreht“  (innen – weit)?

… auf den eigenen konkreten Gedanken, z.B. „Da vorne kommt eine Spitzkehre, die schaffe ich doch eh wieder nicht“ (innen – eng)?

Leistungsfördernd oder eher leistungshemmend?

In einem dritten Schritt bewertet und notiert der Sportler neben jeder Situation und der dazugehörigen Aufmerksamkeitsvariante, ob diese „Scheinwerferausrichtung“ in der betreffenden Situation für ihn leistungsfördernd oder eher leistungshemmend ist. Also ob die Ausrichtung gewechselt werden sollte – und wie der Sportler diesen Wechsel eigenständig umsetzen kann.  

Zum Beispiel: Am Einstieg in einen Trail liegt die Aufmerksamkeit einer Bikerin meist auf dem Herumgeblödel oder der schlechten Laune eines anderen Gruppenmitglieds (außen – eng). Diesen Fokus beurteilt die Sportlerin als für sie persönlich negativ. Sie reflektiert selbst, dass sie den Trail sicherer meistern würde, wenn sie sich stattdessen ganz auf ihre positiven Selbstgespräche konzentrieren würde (z.B. „Ich schaffe das, weil ich es geübt habe“ oder „Ich bin ganz im Moment“) – also auf den Fokus „innen- eng“. (-> Selbstgesprächsregulation ist ein weiterer Themenbereich des Mentaltrainings, auf den ich in einem anderen Blog-Beitrag eingehen werde). Sie entwickelt für sich als spürbares „Wechsel-Signal, sich mit der Hand auf den Oberschenkel zu klatschen, um ihre Konzentration entsprechend umzulenken.  

Den Aufmerksamkeitsfokus lenken

Ein anderer Sportler richtet seine Aufmerksamkeit vor dem Trail-Einstieg ganz auf seinen allgemeinen Gefühlszustand nach einer für ihn viel zu langen Gruppen-Mittagpause auf der Hütte („ungeduldig, angespannt, zappelig, aufgepusht, will endlich Gas geben und den anderen zeigen, was ich kann“) – sein Fokus liegt auf der Dimension „innen – weit“. Im Reflexionsgespräch stellt er fest, dass er in diesem Zustand Gefahr läuft, den Trail zu schnell, zu unkontrolliert und zu übermütig abzufahren – und zu stürzen, was ihm häufig passiert. Wir erarbeiten gemeinsam, dass es für seinen Fahrstil besser wäre, sich vor dem Start ein paar Schritte von der Gruppe zu entfernen und den weiten Ausblick auf die Bergkette zu nutzen, um sich zu entspannen, zu beruhigen und zu sammeln. Seine Aufmerksamkeit sollte also eher „außen – weit“ eingestellt sein (auf die beruhigende idyllische Umgebung), statt „innen – weit“ (auf seine überdrehte Gefühlslage) – um auf dem Trail nicht vor lauter Ungeduld und Hektik zu stürzen.  

Weitere Beispiel-Übungen für Mountainbiker zu den Themenbereichen „Umgang mit Nervosität & Angst“, „Aktivierung & Entspannung“ sowie Verletzungsmanagement werde ich in meinen zukünftigen Blog-Beiträgen dieser Serie beschreiben.

Zum Schluss: Meine praktische Arbeit als Sportpsychologin mit MountainbikerInnen:

Als individuelles Privattraining oder Kleingruppen-Training arbeite ich im Chiemgau mit dem MTB-Fahrtechniktrainer Andy Rieger von „HappyTrails“ zusammen. Denn die eng und individuell aufeinander abgestimmte Verbindung von Mentaltraining UND fahrtechnischem Training ist das, was den Sportlern und Sportlerinnen am meisten dabei hilft, mehr Spaß und Sicherheit beim Biken zu entwickeln. Mein spezieller Ansatz ist, das Mentaltraining zunächst zeitlich und „räumlich“ getrennt vom Fahrtechniktraining durchzuführen – damit die Sportler mentale Methoden erst einmal in Ruhe und abseits von Bike und Trails erlernen und üben können (auch im Alltag, Job, etc), BEVOR das fahrtechnische Input hinzukommt. Erst nach den einzelnen Einheiten verbinden wir beide Bausteine in realen Bike-Situationen im Gelände.

Mehr Infos: http://happytrails.de/mountainbike-fahrtechnikkurse-und-camps/  

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Champions League-Finale: Was Loris Karius erfahren musste und Sportler lernen können

Diese Bilder werden im Jahresrückblick 2018 nicht fehlen. Ein leidender Loris Karius, der sich bei den Fans seines FC Liverpool für seine Fehler entschuldigt. Das Endspiel der Champions League zwischen Liverpool und Real Madrid war erst einige Minuten Sporthistorie, da sprach Oliver Kahn im ZDF aus Erfahrung. Er erklärte nach dem Finale, welches die Spanier mit 3:1 für sich entscheiden konnten, wie beschissen sich die Situation nun für den jungen Torhüter anfühle. Und er betonte, dass sich das Gefühl in den kommenden Tagen noch deutlich verschlimmern werde. Also haben wir im Netzwerk eine Frage aufgeworfen, was Sportlern in solchen Situationen helfen kann. 

Frage: Wie kann Loris Karius das Misserfolgserlebnis „Champions League-Finale“ abhaken?

Thorsten Loch
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Das Stichwort ist in diesem Fall selbstwertdienliche Attribuierung. Dieses Attribuierungsmuster dient in verschiedenen Lebenslagen dazu, Misserfolg mit Ursachen zu begründen, die den eigenen Selbstwert nicht gefährden. Diesen Stil konnte man bei Karius unmittelbar nach dem ersten „Patzer“ beobachten, in dem er beim Schiedsrichter bemängelte, dass der Stürmer nicht den nötigen Abstand eingehalten hätte. Also nicht er selbst, sondern eine externe Variable (in diesem Fall Benzema) war dafür verantwortlich. Diese Reaktion deutet daraufhin, dass der Selbstwert bzw. das Selbstvertrauen von Karius in den Keller rutschte. Dass das Traumtor von Bale das Selbstvertrauen endgültig angriff, konnte man bei dem dritten Treffer von Madrid sehen.

Karius ist nun gut darin beraten, erst einmal ein wenig Abstand zu gewinnen, damit ausführliche – emotional nicht behaftete – Analysen durchgeführt werden können. Dann sollte er seine Leistung in Relation zu seinen bisher gezeigten Leistungen setzen. Eine gute Möglichkeit besteht darin, zu erforschen, dass er nicht der Einzige ist, dem solches passiert ist. Selbst einem Oliver Kahn im WM–Finale 2002 oder kürzlich Sven Ulreich im Champions League-Halbfinale sind schwerwiegende Fehler schon unterlaufen. Dabei wird er erkennen können, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ihm ein solches Spiel nochmals passieren könnte, so gering ist, dass er seinen Nutzen daraus ziehen kann und gestärkt aus dieser schweren Phase herauskommen kann.

Dr. René Paasch  
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Loris Karius hat im Champions League-Finale gezeigt, wie schwierig es ist, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen. Und häufig stelle ich persönlich fest, dass im Profi-Fußball kaum bekannt ist, wie Gedanken das Erleben und das Handeln im Leistungssport beeinflussen können. Welche Methoden und Übungen gibt es aber dafür?
Akzeptanz- und Commitmenttraining kann dabei ein wichtiger Schlüssel sein. Im Fall von Karius ließe sich an mehreren konkreten Punkten ansetzen: Die Unwilligkeit, also die Tatsache, dass die Fehler nicht seine Absicht waren, wie er es mit der emotionalen Entschuldigung den Fans gegenüber nach Spielende ausgedrückt hat. Unerwünschte Gedanken können eine Rolle spielen, nach dem Motto: Ich bin ein schlechter Torwart. Nicht zu vernachlässigen sind belastende Gefühle und Ängste, die nicht zuletzt die Morddrohungen ausgelöst haben könnten. Damit im Zusammenhang stehen auch unangenehme körperliche Zustände, die sich in Übelkeit oder Kopfschmerzen äußern können.

Für einen gesunden Umgang mit außergewöhnlichen Situationen sind aus meiner Sicht die Akzeptanz und die innere Verpflichtung sich selbst gegenüber maßgeblich. Aber auch die empathische und fürsorgliche Begleitung aller Akteure und Unterstützer, können in diesem Fall helfen. Der DFB fordert dies seit einigen Jahren in den
Nachwuchsleistungszentren (NLZ) ein. Es schadet aber auch bei Profils nicht.

 

 

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“Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” – Anfahrt, Online-Anmeldung und Tageskasse

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Alexander Schneider: Auch im österreichischen Profifußball werden die Berührungsängste gegenüber der Sportpsychologie kleiner

Bei der Veranstaltung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ am ersten Juni-Wochenende in Bochum sind Experten und Insider aus ganz Deutschland und sogar aus der Schweiz und Österreich vor Ort. Wir freuen uns, Alexander Schneider aus Wien auf unserer roten Couch begrüßen zu dürfen. Er arbeitet als Sportpsychologe beim FK Austria Wien.

Alexander Schneider, welche Bedeutung hat die Sportpsychologie im österreichischen Fußball?

Eine zunehmend wachsende, mittlerweile sind bei allen Akademien wie auch bei den Junioren-Nationalteams Sportpsychologen bereits Standard. Auch im Profifußball werden die Berührungsängste immer kleiner und greifen vermehrt Vereine und einzelne Spieler auf deren Dienste zurück.

Wie sieht ihr Alltag als Sportpsychologe bei der Austria aus?

Meine Arbeit gliedert sich in Einzelarbeit mit ausgewählten Spieler, Einzelarbeit mit den Trainern und Mannschaftsarbeit. Je nach Zeitpunkt in der Saison ist die Gewichtung dabei unterschiedlich.

Wie haben Sie die Diskussion um die Aussagen von Weltmeister Per Mertesacker über den Leistungsdruck im Profi-Fußball verfolgt? Gibt es eine solche Auseinandersetzung mit dem Thema auch in Österreich?

Aktuell noch nicht, überraschenderweise hat das Mertesacker-Interview hier kaum hohe Wellen geschlagen. Natürlich ist der Leistungsdruck an der absoluten sportlichen Spitze also in einer internationalen Topmannschaft noch einmal deutlich höher als beispielsweise in der österreichischen Bundesliga.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Teilnahme an der Veranstaltung „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ in Bochum?

Einen regen fachlichen Austausch mit den Kollegen vor Ort und natürlich auch Vernetzungsmöglichkeiten für mögliche zukünftige gemeinsame Treffen oder Kooperationen.

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Johanna Constantini: Loris Karius – Wenn Verantwortung diffundiert

Es war herzzerreißend: Nach dem Abpfiff des UEFA Champions League-Finales fiel Loris Karius, der deutsche Torhüter vom FC Liverpool, auf die Knie und begrub sein Gesicht über Minuten in seinem Trikot. Etwas später entschuldigte er sich bei den Fans für seine Patzer. Patzer, da waren sich die Experten der TV-Stationen einig, die das große Finale der Königsklasse für Real Madrid entschieden. Eine Einschätzung, die auch die vielen, vielen Fans der Liverpooler wohl teilten, aber sich dennoch vorbildlich verhielten. Denn Karius steckt nun in einer schwierigen Situation, weiß auchs ein Trainer Jürgen Klopp.   

Zum Thema: Verantwortungsdiffusion – wenn die Schuld bei einem liegt

Meist ist es der Trainer, der für eine Niederlage herangezogen wird. Als zweiter Verlierer muss oft der Goalie herhalten. Warum? Weil es nun einmal einfacher ist, eine Person zur Verantwortung zu ziehen. So handelt es sich um eine Art der sogenannten Verantwortungsdiffusion, die kurzzeitig auf dem Spielfeld entsteht. (Darley, J. M. & Batson, D. 1973).

„Auf dem Feld sind viele Köpfe gerettet, wenn nur einer für die Niederlage rollen darf“, könnte man dieses Phänomen zusammenfassend beschreiben. Im positiven Sinn werden genau nach diesem Prinzip schließlich auch Torjäger gefeiert. Oder wer denkt bei dem gestrigen Sieg nun nicht an Real Stürmer Gareth Bale? Zwei Tore verbuchte der 28-jährige Waliser, was den Sieg von Real erst möglich machte! Wirklich?

Was der FC Liverpool aus sportpsychologischer Sicht richtig gemacht hat!

Im Zuge der Verantwortungsdiffusion gibt es den Begriff der sogenannten Bystander. Das sind jene Menschen, die – liegt die Verantwortung erst einmal augenscheinlich bei einem Einzelnen – nicht mehr auf das Ereignis reagieren. Die Fans des FC Liverpool haben diese negative Diffusion der Verantwortung am Finale hervorragend gebrochen. Waren die lautesten Sprechgesänge schließlich aus ihrer Richtung zu hören. Und das in den letzten Minuten des Finales, dann, als das Spiel eigentlich bereits entschieden war.

Ebenfalls gegen jegliche Verantwortungsdiffusion reagierte im Nachhinein auch Trainer Jürgen Klopp. Er relativierte die Leistung seines Keepers: „Nein, dafür habe ich keine Erklärung. Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht, das ist Wahnsinn, das ist ganz, ganz hart. Es tut mir total leid für ihn. Er hat eine tolle Saison gespielt. Es ist eine Fehlentscheidung in einer Millisekunde. Es ist sehr unglücklich für ihn. Es ist klar, dass er beim dritten Gegentor davon beeinflusst war. Das heute war natürlich nicht sein Abend.“ (die Welt online, 27.05.2018)

Gemeinsam gewinnen – gemeinsam verlieren

Die Mannschaft bis zuletzt aufzubauen, auch den Goalie, der das Spiel nicht als einziger verliert bis zuletzt in seiner Leistung zu bestärken – das macht wahre Sieger aus! Denn am Ende gilt die einfache Formel: Gemeinsam gewinnen – gemeinsam verlieren. Aber wer sich einmal in einer vergleichbaren Situation befand, der weiß wie schwierig der Umgang damit ist. Wie schwierig es ist, richtige Worte zu finden. Umso wertvoller war das Gefühl, was die Fans im Stadion und in den Stunden nach dem Finale auch über die sozialen Netzwerke transportierten.

 

Lust, über Fußball und Sportpsychologie zu diskutieren? Dann sollten wir uns in Bochum sehen:

Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp (Thema Fußball) – 02/03.06.2018 in Bochum

Quellen:

Darley, J. M. & Batson, D. (1973). From Jerusalem to Jericho: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 27, 100–108. (Stangl, 2018).

https://www.welt.de/sport/fussball/champions-league/article176707105/Champions-League-Real-Madrid-FC-Liverpool-Das-sagt-Klopp-ueber-Loris-Karius.html

http://www.allgemeine-zeitung.de/sport/top-clubs/mainz-05/mainz-05-karius-fc-liverpool-champions-league_18701452.html

 

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