Dr. Hanspeter Gubelmann: Wir und unser Problem

Wie es um die angewandte Sportpsychologie steht, fragte vor wenigen Tagen Journalist Rainer Sommerhalder in seiner breit angelegten Reportage zum Stand der Entwicklung der angewandten Sportpsychologie in der Schweiz (Mentales Training: Sind Erfolge im Sport reine Kopfsache?). Der gut recherchierte und dokumentierte Artikel verweist auf die vielfältigen Herausforderungen, denen sich das Berufsfeld auch in Zukunft stellen muss. Die Quintessenz liest sich so: Es ist nicht fehlendes Interesse seitens der Sportler oder Trainerinnen, sondern primär ein finanzielles Problem – der Schweizer Spitzensport scheint sich die angewandte Sportpsychologie nicht leisten zu können.

Zum Thema: Die Sportler sind an der Sportpsychologie interessiert…

Das Gespräch mit dem Autor brachte ein interessantes Detail zu Tage. Es war für den Journalisten nicht einfach, einen bekannter(en) Sportler zu finden, der NICHT auf eine sportpsychologische Unterstützung zurückgreift oder noch keine positiven Erfahrungen in Zusammenarbeit mit der Sportpsychologie gesammelt hatte. Aus Athletenumfragen im Zusammenhang mit sportpsychologischen Support im Vorfeld olympischer Spiele ist zudem bekannt, dass sich zahlreiche Athletinnen psychologischen Beistand auch aus anderen, nicht professionellen Gruppen suchen – z.B. beim Freund oder bei der Mutter. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, vor allem wenn von diesen Athleten berichtet wird, dass die Qualität des Angebots durchaus ihren Wünschen entsprach.

Weitgehend unbeantwortet bleibt hingegen die Frage, wie sich die Athleten und Trainer die notwendigen Informationen beschaffen, um im (unmittelbaren) Bedarfsfall schnell an eine passende Person zu gelangen. Eine Kontaktaufnahme über Swiss Olympic, das Bundesamt für Sport (BASPO) oder über Kontaktpersonen beim Berufsverband SASP (Swiss Association of Sport Psychology) scheint naheliegend. Ebenso dürften mündliche Referenzen bedeutsam sein und einige werden sich auch im Internet nach Angeboten umschauen. Die ersten „Treffer“ auf den Suchbegriff „Sportpsychologie“ bei google liefert nebst Namen bekannter Sportpsychologen Kontaktmöglichkeiten zum Fachverband (SASP) und zum IAP in Zürich, wo ein Lehrgang für Mentaltrainer angeboten wird. Zudem findet der Interessierte Informationen von Swiss Olympic hinsichtlich der Unterschiede zwischen Mentaltrainer und Sportpsychologen. Ob die Sport-Fachverbände im Bedarfsfall schlüssige Informationen zur Verfügung stellen können, ist nicht bekannt.

… die Betreuungsangebote sind nicht „sichtbar“!

Im Hinblick auf Grossveranstaltungen wie die kommenden Olympischen Spiele 2016 in Rio darf von einem weiterhin steigenden Interesse an mentaler Unterstützung ausgegangen werden. Ein schaler Beigeschmack bleibt, wenn davon ausgegangen werden muss, dass im breiten Markt mit sehr unterschiedlichen Anbietern auch unlautere und unseriöse Angebote zu finden sind (Vgl. Seiler 2009). Deshalb bleibt verstärkte Information und Transparenz seitens aller involvierter professioneller Institutionen und Partner eine absolute Notwendigkeit. Beispiele wie jenes von Rainer Harnecker, der sich als Mentaltrainer und Menschenreparierer (vgl. Wulzinger 1999) das Vertrauen der Tennisspielerin Patty Schnyder erschlich, dürfen sich gerade aus Sicht einer professionellen Sportpsychologie nie mehr wiederholen.

Die Sportpsychologie in der Schweiz leidet nicht an einem Image-Problem, sondern hat sich durch das strickte Befolgen seines Berufsethos’ derart im Hintergrund und fernab der Öffentlichkeit gehalten, was zu einem beträchtliches Informationsvakuum geführt hat. Will sie sich im härter umkämpften Markt des Schweizer (Spitzen-) Sport behaupten und weiterentwickeln, muss sie eine vermehrt offensive und transparente Haltung in der Sportöffentlichkeit einnehmen.

 

Quellen:

Artikel von Rainer Sommerhalder: Mentales Training: Sind Erfolge im Sport reine Kopfsache? 

Seiler, R. (2009). Angewandte Sportpsychologie in der Schweiz: Ausbildungskonzeption und Berufsfeldperspektiven. Zeitschrift für Sportpsychologie 16/1, S.29-34. Göttingen: Hogrefe.

http://econtent.hogrefe.com/doi/abs/10.1026/1612-5010.16.1.29?journalCode=spo

Wulzinger, M. (1999). Der Menschenreparierer. Der Spiegel 15/99. Online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-11616906.html

www.sportpsychologie.ch

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4 Kommentare

  1. Lieber Hanspeter

    Das Problem der Sichtbarkeit und der Wahrnehmung der Sportpsychologie scheint mir zu einem grossen Teil hausgemacht.

    Google lieferte 21 Mio. Ergebnisse für den Begriff „Technik-Training“. „Mentales Training“ und „Mentale Stärke“ kamen zusammen nur auf rund 600.000 Suchergebnisse.

    Aus der Erfahrung von knapp einem Jahr Bloggen und mehreren Kontaktversuchen mit Sportpsychologen, ist mein Fazit ernüchternd. Ich habe vor allem Protektionismus erlebt.

    Denke das hier der grösste Bedarf besteht. Ein Teilen von Information und Zusammenarbeit über die Grenzen der Sportpsycholgen hinaus.

    In diesem Bereich sehe ich persönlich den grössten Nutzen. Ich würde mich auch sehr über Gastartikel von euch auf meinem Blog freuen und umgekehr natürlich genauso.

    Gerne mache ich bei euch den Anfang. 🙂

    Lieber Gruss

    Martin

    • Lieber Martin

      Vielen Dank für die direkte Anfrage und deine offene Stellungnahme. Aus deiner Argumentation wird mir nicht ganz klar, in welchem Zusammenhang die 600’000 Suchergebnisse auf Google zu deiner Protektionismus-Annahme stehen. Vielleicht würde sich die Trefferanzahl erhöhen, wenn zusätzlich zu “mentalem Training” auch noch der Begriff “psychologisches Training” in die Suchmaschine eingegeben würde…

      Aus meiner nun rund 25jährigen Tätigkeit im Bereich der Angewandten Sportpsychologie kann ich dir berichten, dass ich noch nie einen Kontakt ausgeschlagen oder die Diskussion verweigert habe. In diesem Sinne steht auch für dich meine Bürotür an der ETH Zürich offen! Freue mich auf eine intensive Diskussion mit dir – inklusive Kafi!

      Zu deiner Protektionismus-These habe ich für unsere Diskussion drei Gegenargumente:
      1) Die SASP (Swiss Association of Sport Psychology), ihr Vorstand und ich in meiner Funktion als Präsident unseres Berufsverbands achten seit einigen Jahren vermehrt auf Qualitätssicherung. Auch gegenüber unserem Mutterverband FSP (Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen) sind wir verpflichtet, hohe Standards in Bezug auf Aus- und Fortbildung, Einhaltung der Berufsordnung etc. durchzusetzen. Die Durchsetzung unseres Qualitätslabels hat nichts mit Protektionismus zu tun, sondern dient insbesondere dazu, Fälle wie den im Leitartikel erähnten (“Mentalguru Harnecker”) zu verhindern.
      2) Auf Initiative des SASP-Vorstandes wurde vor 5 Jahren die Sektion “Mentaltrainer” innerhalb der SASP gegründet. Sie organisiert sich mehrheitlich autonom, verpflichtet sich aber, unsere Psychologie-Berufsordung strikte zu befolgen. Seit ihrer Gründung haben wir rund 30 Mentaltrainerinnen und -trainer in diese Sektion aufgenommen; alle verfügen über eine entsprechende Ausbildung und haben unser Assessment erfolgreich absolviert. Informationen dazu findest du auf unserer Homepage http://www.sportpsychologie.ch – wann wirst du bei uns Mitglied?
      3) Last but not least – gerade mit dem Start unserer “die-sportpsychologie.ch”-Plattform wollen wir diese von dir angesprochenen “Grenzen” erweitern und werden in Zukunft vermehrt auch fundierte Gastbeiträge publizieren. Ich bitte dich hier einfach noch um etwas Geduld – wir sind erst seit gestern 18.00h online!!

      Also, nochmals herzlichen Dank für dein Angebot – du wirst von mir hören!

      Lieber Gruss

      Hanspeter

  2. Lieber Hanspeter

    Herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort.

    Das Angebot inklusive Kafi nehme ich sehr gerne an. 🙂

    Mit der Anzahl der Suchanfragen habe ich versucht den Stellenwert darzustellen. Der Suchbegriff “psychologisches Training” liefert noch weniger Ergebnisse als mentales Training.

    1) Deine Argumentation kann ich absolut nachvollziehen. Aus den von dir genannten Gründen macht das durchaus Sinn. Das mit dem Protektionismus bezieht sich nicht nur auf die klare Trennung Sportpsychologe – Mentaltrainer. Auch innerhalb der (forschenden) Sportpsychologen entsteht für mich als Aussenstehender ein wenig der Eindruck von Gärtchendenken. Abhängig von der Disziplin, wird das gut geschützt.

    2) Hier möchte ich mit einer Gegenfrage antworten. Kann ich nur als Mitglied von SASP ein guter Athletenbetreuer sein?

    3) Cool. Das freue ich mich sehr darauf. 🙂

    Lieber Gruss und nutze deine Möglichkeiten

    Martin

    • Lieber Martin

      Ich weiss, worauf du mit deiner Beschreibung “Gärtchendenken” abzielst. Der “Markt” im Schweizer Spitzensport ist überschaubar, es sind einige Anbieter mit ihren Dienstleistungen, die sich z.T. konkurrenzieren und schliesslich: man kennt sich (meistens). Andererseits ist es auch ein freier Markt, in welchem sich letztlich gute und seriöse Arbeit durchsetzen wird.
      In meiner Argumentation habe ich vor allem aus der Sicht eines (Beruf-)Verbands-Präsidenten Stellung bezogen. Hier halte ich mich eng am Zweck-Artikel unserer SASP-Statuten. Diese besagt Folgendes: Die SASP setzt sich zum Ziel, die Sportpsychologie in der Schweiz zu fördern. Sie ist Plattform für Weiterbildung, Gedanken- und Erfahrungsaustausch ihrer Mitglieder. Zum Erreichen dieses Zwecks will sie
      − Verbände und Öffentlichkeit über Möglichkeiten der Sportpsychologie informieren
      − Trainer, Ausbildner, Sportler und Funktionäre weiterbilden
      − Sportausübende vor missbräuchlicher Anwendung der Psychologie schützen durch Massnahmen zur Sicherung der Qualität
      − die Aus- und Weiterbildung der Sportpsychologinnen und Sportpsychologen fördern und inhaltlich begleiten
      − ein regelmässiges Informationsbulletin für ihre Mitglieder herausgeben
      − sportpsychologische Forschungsarbeiten anregen und unterstützen
      − Verbände und Einzelpersonen in Fragen der Sportpsychologie beraten
      − Anlaufstellen schaffen
      Die SASP wahrt den Berufsstand ihrer Mitglieder und vertritt ihre beruflichen Interessen. Sie will ein kooperatives Verhältnis zu ihren Berufskolleginnen und -kollegen im In- und Ausland pflegen und insbesondere im internationalen Rahmen mit Sportpsychologieverbänden zusammenarbeiten.

      Ich glaube, dass wir diesbezüglich in den letzten Jahren ordentlich vorangekommen sind – und werden auch weiterhin “dran” bleiben. Die Lancierung unserer neuen Plattform zielt ja genau in eine Hauptrichtung unseres Zweckartikels!

      Zu deiner Gegenfrage: Natürlich können auch nicht-SASP-Mitglieder gute sportpsychologische Beratung im Leistungssport anbieten. Wir (SASP) glauben, mit unserer Fachvereinigung ein Qualitätslabel zu schaffen, das vor allem von unseren wichtigsten Partnern – Swiss Olympic und den Sportverbänden – geschätzt und gestützt wird.

      Wann kommst du nach Zürich. Ruf mich doch schnell an!

      Liebe Grüsse, Hanspeter

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