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Dr. Konrad Smolinski: Sportpsychologie im Triathlon

konrad-ksFür die-sportpsychologen.de berichtet:

Konrad Smolinski

Als Dipl. Sportwissenschaftler, mit Promotion in der Sportpsychologie, betreue ich seit mehr als einem Jahrzehnt Athleten jeder Leistungsklasse. Meine Stärke ist mein interdisziplinärer Zugang und die langjährige Erfahrung sowohl im Fitness- und Gesundheitsport als auch im Leistungssport. Zu den Schwerpunkten meiner Betreuung zählen neben einer maßgeschneiderten Trainingsplanung, individuelle Personaltrainings und sportartspezifische Beratung. Zu meinen Kunden zählen u.a. Triathleten, Läufer, Radsportler und Motocrossfahrer.

Zum Thema: IRONMAN Hawaii – seit 1978 Mythos, Faszination und Leidenschaft

„2.6 miles swim – 112 miles on the bike and a marathon, whoever will reach the finishline first, we’ll call him the Ironman!“

Der Überlieferung nach soll der Marineoffizier John Collins diesen Leitgedanken an seine Sportfreunde gerichtet haben, nachdem sie gemeinsam beschlossen hatten, die drei bekanntesten Ausdauerwettkämpfe der pazifischen Inselgruppe in einem Rennen zu vereinen. Hierfür kombinierten sie die Originalstrecken des „Waikiki Rough Water Swim“, des „Around Oahu Bike Race“ sowie des „Honolulu Marathon“. Was damals 1978 auf der hawaiianischen Insel Oʻahu als eine Art „Stammtischwette“ bzw. „Imagegehabe“ zwischen Männern begann, hat eine Sportart hervorgerufen, welche in ihrer Komplexität und Faszination einzigartig ist.

Die Erstaustragung des Ironman Hawaii im Jahr 1978, mit überschaubaren 15 männlichen Teilnehmern, löste den Startschuss für eine neue Sportart, ja ich behaupte sogar, für eine neue Lebensphilosophie aus. Seit 1982 wird der Ironman Hawaii alljährlich am zweiten Samstag im Oktober, unter der eingetragenen Marke „Ironman World Championship“ auf Big Island ausgetragen. Nicht nur die Profiathleten, sondern vor allem die „Agegrouper“, die neben Familie, Beruf und weiteren Verpflichtungen, die Strapazen des ältesten und bestbesetzten Langdistanztriathlons der Welt meistern, machen den Reiz dieser Veranstaltung aus. Für das Bewältigen der Wettkampfstrecke benötigen die weltbesten Profis um die acht Stunden, während die Altersklassen-Athleten bis zu 17 Stunden Zeit haben, um die Ziellinie auf dem legendären „Alii Drive“ zu überqueren. Viel hat sich seit den Erstaustragungen nicht verändert. Noch immer gilt es, am Wettkampftag der Distanz von 226km mit der höchstmöglichen physischen und mentalen Fitness entgegenzutreten um die brutalen klimatischen Bedingungen der hawaiianischen Insel bewältigen zu können.

„Das Beste ist die Energie dieses Rennens. Die Energie der Leute, die in diesem Rennen unterwegs sind, ist einfach unwirklich. Aber auch die Energie dieser Insel spürst du, sie lebt unter deinen Laufrädern und unter deinen Laufschuhen. Du kannst das während des gesamten Rennens spüren.“ (Boch, 2011, S. 269).

Der Wettkampf ist gekennzeichnet durch eine über weite Strecken vorherrschende Einsamkeit sowie extreme klimatische Bedingungen. Es sind die Wellen des Pazifiks, die „Mumuku-Winde“ – die unvorhersehbaren böigen Seitenwinde die mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h über die Insel fegen – sowie die extremen Temperaturen in der Lavawüste, die diese Sportveranstaltung so einzigartig machen.

Einer der aus eigenen Erfahrungen weiß, wovon ich hier schreibe, ist übrigens Prof. Dr. Oliver Stoll, der den Ironman Hawaii bereits als Teilnehmer erfolgreich bewältigen konnte und dieses Erlebnis, neben der Teilnahme am 100km-Lauf von Biel, als seinen bisher größten sportlichen Erfolg wertet.

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Weitere Informationen

Andererseits sind es die legendären Sportduelle wie die von Mark Allen gegen Dave Scott oder auch Chris McCormack gegen Andreas Raelert, sowie das „Krabbelduell“ Wendy Ingraham gegen Sian Welch, die den Ironman Hawaii zum „Mekka“ des Ausdauersports haben werden lassen.

Sportpsychologische Forschung

„In der Leistungsspitze entscheidet 80 % der Kopf, glaubt Andreas Raelert. Als er nach eigenen Angaben 2010 etwa 6-7 Kilometer vor dem Ziel auf den führenden Chris McCormack auflief, glaubte er, das Rennen gewonnen zu haben, zumal er aus Erfahrung davon ausging, dass er der bessere Sprinter sei. Als sich dann allerdings Chris McCormack doch wieder von ihm entfernte, begannen die Zweifel und der bis dahin so feste Glaube an den Sieg bröckelte dahin“ (Pöttgen, 2013, S. 97).

Es sind Athletenaussagen wie diese, die bereits frühzeitig das Interesse der Forscher aus Sportpsychologie bzw. Sportwissenschaft für den Triathlonsport und den Ironman weckten. Studien zu kritischen Situationen und dem Bewältigungsverhalten von Kurzdistanztriathleten wurden u.a. von Schlicht, Meyer und Janssen (1990a,b) und Ziemainz (1997, 1999) durchgeführt. Mit der Spezifik der Langdistanz (Ironman) befassten sich u.a. Blaue (2012), Smolinski (2007, 2015) und Schücker, Heil, Brand und Hagemann (2014). Theoretische Grundlage für die meisten der hier aufgeführten Studien bildete im Wesentlichen das kognitiv-transaktionale Stressmodell von Lazarus und Launier (1981), welches den Stressprozess als Interaktion zwischen Mensch und Umwelt darlegt. Bedeutend ist hierbei die subjektive Bewertung einer Person, ob die jeweilige Mensch-Umwelt-Beziehung als herausfordernd, bedrohlich oder schädigend eingeschätzt wird. Hieraus ergeben sich verschiedene Bewältigungsformen, welche im Allgemeinen einen problemorientierten oder emotionszentrierten Charakter aufweisen (Lazarus & Folkman, 1984).

Motivationale und emotionale Aspekte im Langdistanztriathlon

In einer eigens durchgeführten Studie (Smolinski, 2007) wurden in der Wettkampfwoche des Ironman Hawaii 2005 weibliche und männliche Langdistanztriathleten hinsichtlich ihrer Teilnahmemotivation befragt. Aus den Ergebnissen der Fragebogenerhebung gingen das Erleben von Spaß und Freude, das ganzheitliche Training und der Erhalt von Fitness und Gesundheit als bedeutende Ausübungsmotive für den Triathlonsport hervor. Für eine Teilnahme am Ironman Hawaii sprechen laut der Befragungspersonen insbesondere der Weltmeisterschaftsstatus und die einzigartige Atmosphäre dieser Veranstaltung.

Blaue (2012) untersuchte ausgewählte emotionale Aspekte anhand einer Fragebogenerhebung mit 62 männlichen und 14 weiblichen Langdistanztriathleten. Die Ergebnisse konnten zeigen, dass das Freudeerleben in der Endphase des Wettkampfs, speziell beim Zieleinlauf, die höchste Ausprägung erfuhr. Auch konnte festgestellt werden, dass die Freude jeweils zum Ende einer Einzeldisziplin stark anstieg. Hingegen löste ein Raddefekt, das Gefühl nicht optimal vorbereitet zu sein und krampfende Muskulatur beim Schwimmen ein höheres Unsicherheitsempfinden aus. Die höchste Ausprägung von Unsicherheit zeigte sich kurz vor dem Schwimmstart. Die Studienergebnisse zeigen auch, dass das Unsicherheitserleben mit dem weiteren Verlauf des Wettkampfs immer weiter sinkt, bevor es zu Beginn des Marathonlaufs nochmals ansteigt und mit Übertreten der Ziellinie völlig verloren geht. Grundsätzlich zeigten die Langdistanztriathleten ein vergleichsweise geringes Unsicherheitserleben während des Wettkampfs.

Aufmerksamkeitslenkung

In einer weiteren Studie untersuchten Schücker, Heil, Brand und Hagemann (2014) die Aufmerksamkeitslenkung von Langdistanztriathleten. Hierfür wurden 72 männlichen und 19 weiblichen Triathleten, welche alle an den Ironman-Weltmeisterschaften 2009 teilnahmen, mittels eines speziell hierfür entwickelten Fragebogens zum Aufmerksamkeitsfokus während des Schwimmens, Radfahrens und Laufens befragt. Der Fragebogen umfasste 10 Items, 5 Items zum externalen Fokus (Gegner, abschweifen mit den Gedanken, Taktik, nachfolgende Disziplin, Umwelt) und 5 Items zur internalen Aufmerksamkeitsausrichtung (richtige Technik, Schmerzen im Zusammenhang mit Ermüdung, spezielle Körperempfindungen wie Atmung und Herzfrequenz, persönliche Gefühle und Emotionen, Geschwindigkeit). Aus den Ergebnissen ging hervor, dass sich die Hawaii-Starter in den meisten Fällen nicht konsequent auf eine Art der Aufmerksamkeitsausrichtung festlegten, sondern vielmehr einen häufigen, flexiblen und phasenbezogenen Wechsel zwischen interner (z.B. Körperempfinden, Technik oder Tempo) und externer (z.B. Gedanken schweifen lassen, die Gegner oder die Umgebung beobachten) Aufmerksamkeitsausrichtung praktizierten. Der Vergleich zwischen Athleten mit niedrigerem und höherem Leistungsniveau konnte zeigen, dass die leistungsschwächeren „Langdistanzler“ während der 180 km Radfahren häufiger einfach ihre Gedanken schweifen ließen und sich weniger auf die zuvor geplante Renneinteilung konzentrierten als die leistungsstärkeren Triathleten. Die leistungsschwächeren Athleten visualisierten häufiger, wie sie die Ziellinie überquerten. Zusammenfassend konnte diese Studie zeigen, dass Langdistanztriathleten höchst unterschiedliche und sehr spezielle Aufmerksamkeitsstrategien nutzten, welche sich erheblich durch das Leistungsniveau unterschieden.

Analyse der psychischen Belastungsbewertung und Belastungsbewältigung von weiblichen und männlichen Langdistanztriathleten

Im Rahmen einer eigenen Untersuchung (Smolinski, 2015) wurden zwei Teilstudien zur Analyse der Belastungsbewertung und Belastungsbewältigung von Langdistanztriathleten durchgeführt. In der Teilstudie 1 wurden 101 Sportler (23 weiblich, 78 männlich) mittels eines neu konzipierten und an die methodisch-inhaltsanalytischen Besonderheiten der Sportart angepassten Fragebogens analysiert. Für die Teilstudie 2 wurden leitfadengestützte Interviews mit 14 Langdistanztriathleten (5 weiblich, 9 männlich) durchgeführt. Nachfolgend sollen einige ausgewählte Ergebnisse dieser umfangreichen Untersuchung zusammengefasst dargestellt werden.

Belastungsbewertung

Die Ergebnisse aus der Fragebogenanalyse konnten zeigen, dass die Phase 35 bis 40 km während des abschließenden Marathonlaufs von den weiblichen und männlichen Langdistanztriathleten am belastendsten wahrgenommen wurde. Des Weiteren gingen die ersten 500 m der Schwimmstrecke sowie der Laufabschnitt von 30 bis 35 km mit einer vergleichsweise hohen Belastungsbewertung hervor. Weniger belastend wurden hingegen die Phasen 30 Minuten bis 2 Stunden nach dem Ironman, 2 bis 4 Wochen nach dem Wettkampf sowie 4 bis 6 Wochen nach einem Ironman empfunden.

Eine plötzlich auftretende Verletzung während des Trainings stellte die Situation mit der insgesamt höchsten Belastungsbewertung dar. Ähnlich belastend empfanden die Athleten eine schwere Verletzung nach dem Beenden einer Langdistanz, einen Sturz während des Radfahrens und eine unfreiwillige krankheitsbedingte Trainingspause. Auch wurden die Situationen eines Reifendefekts während des Radabschnitts und das vom Gegner „Überschwommen“ werden während des Schwimmteils als sehr kritisch angesehen.

Aus den inhaltsanalytisch ausgewerteten Aussagen der Interviews ging hervor, dass die Vorbereitung auf einen Langdistanztriathlon (Ironman), mit dem meist sehr umfangreichen Training und der daraus oft resultierenden Vernachlässigung der Familie und des sozialen Umfelds (aufgrund von Zeitmangel und fehlender Energie) belastend sei. Einige Athleten zeigten Unsicherheiten hinsichtlich ihres Trainingsumfangs und des eigenen Leistungsstands. Ebenfalls waren Stimmungsschwankungen und Motivationsprobleme während der Trainingsphase ein Thema.

Für den Wettkampf selbst zeigte sich während des Schwimmens vor allem der Start und die ersten 500m als große Herausforderung. Situationen die während des Schwimmens für hohes Belastungsempfinden bei den befragten Langdistanztriathleten sorgten waren: vom Gegner „überschwommen“ werden, Fußtritte und Schläge während der Startphase und das in einer Gruppe eingeklemmt sein. Einige Athleten verwiesen auf Probleme mit der Schwimmbrille, wie beispielsweise Beschlagen oder das Eindringen von Wasser.

Aus der Sicht der befragten Langdistanztriathleten wurden im Hinblick auf die Belastungsbewertung während des Radfahrens die Situationen von schnelleren Konkurrenten überholt zu werden, aufkommende Monotonie, gestörter Rhythmus während des Fahrens, steile Abfahrten, Materialdefekte, das Beobachten von unerlaubtem Windschattenfahren bei anderen Startern sowie der Erhalt von Zeitstrafen als bedeutend belastend eingeschätzt.

Im Mittelpunkt der Aussagen zu der Belastungsbewertung während des Laufens standen physiologische Probleme wie muskuläre Ermüdung und Muskelkrämpfe. Zusätzlich zeigten sich bei den befragten Langdistanztriathleten mit zunehmender Wettkampfdauer verstärkt motivationale Probleme. Einige Athleten wiesen auf Magen-Darm-Beschwerden während des abschließenden Marathonlaufs hin. Ferner wurde es von einem der befragten Triathleten als ziemlich belastend empfunden, wenn der persönliche Laufrhythmus nicht gefunden werden konnte.

Die Mehrheit der befragten Langdistanztriathleten beurteilte die Belastungssituationen nach dem Wettkampf als eher unproblematisch. Hierbei zeigten sich überwiegend positive Bewertungen mit dem Erleben von Freude und Euphorie. Zusätzlich wurden eine Reduzierung von Unsicherheit und die Erleichterung von psychophysischen Belastungsfaktoren festgestellt. Hingegen gaben zwei weibliche Befragungspersonen Schmerzen als hauptsächliche Belastung nach dem Wettkampf an. Des Weiteren ergaben sich für die befragten Sportler erhöhte Belastungsbedingungen durch Übelkeit und Magenprobleme, Motivationsverlust, Schlafstörungen sowie allgemeine physische und psychische Ermüdungserscheinungen.

Belastungsbewältigung

Laut der Interviewaussagen stellt die individuelle Erstellung eines Trainingsplans, mit Abstimmung auf die beruflichen und familiären Verpflichtungen, eine bedeutende Maßnahme zur Belastungsbewältigung während der Vorbereitung auf eine Langdistanz dar. Die Mehrzahl der befragten weiblichen und männlichen Langdistanztriathleten nutzen hierfür die Betreuung durch Experten wie Trainer oder Sportwissenschaftler.

Als wesentliche Bewältigungsstrategien während der Anreise und Vorbereitung zeigten sich die Konzentration auf eine optimale Vorbereitung des Materials, das Verfolgen der Wettervorhersagen und das Bemühen um ausreichend Erholung und Schlaf. Sich auf das Körpergefühl und eine optimale Ernährung zu konzentrieren wurde von den befragten Triathletinnen und Triathleten ebenfalls mit hoher Zustimmung bewertet.

Die Ergebnisse der Fragebogenanalyse zeigten auch, dass die Konzentration auf das Körpergefühl, auf einen langen und effektiven Kraulzug und die optimale Geschwindigkeit während des Schwimmens von großer Bedeutung für die Athletinnen und Athleten ist. Aus den Interviews ging das Bewahren von Ruhe, die Vermeidung von Behinderungen und das Ausnutzen des Schwimmschattens als wesentliche Maßnahmen zur Bewältigung der 3.8 km langen Schwimmstrecke hervor.

Während des Radfahrens achteten die Probanden verstärkt auf ihre Nahrungsaufnahme und eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung. Ebenfalls als wichtig erachtet wurden, das Einhalten des geforderten Abstandes zum Vorausfahrenden und das Achten auf die optimale Geschwindigkeit und Wattleistung. Die Mehrzahl der interviewten Athleten gab an, sich auf das aktuelle Geschehen und die passende Geschwindigkeit bzw. Trittfrequenz sowie die optimale Ernährung zu konzentrieren.

Beim abschließenden Marathonlauf konzentrierten sich die weiblichen und männlichen Langdistanztriathleten vor allem auf ihre Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr. Die zweithöchste Zustimmung erhielt das bewusste in den Körper fühlen, gefolgt vom Beachten von ausreichender Kühlung durch Schwämme und Eis. Ergänzend ging aus den Interviews hervor, dass die Konzentration auf den eigenen Laufrhythmus, auf das Körpergefühl sowie auf die Wettkampfabschnitte als häufige Bewältigungsstrategien bevorzugt werden.

Nach dem Wettkampf wurde vor allem an einen schnellen Flüssigkeitsausgleich gedacht. Ebenfalls spielte eine zeitnahe Nahrungsaufnahme sowie ein allgemeines Beachten einer möglichst optimalen Regeneration eine bedeutende Rolle. Aus der Analyse der 14 geführten Interviews kam ergänzend hinzu, dass die befragten Sportler nach dem Wettkampf auf Massagen, allgemeine Ruhe, Regenerationstraining und Urlaub vertrauten, um die Strapazen eines Langdistanztriathlons zu bewältigen.

Sportpsychologische Trainingsprogramm im Triathlon

Basierend auf dem Trainingsprogramm zur Ärgerbewältigung von Steffgen (1993) konzipierte Ziemainz (1999) ein psychologisches Interventionsprogramm zur Stressbewältigung speziell für Triathleten. Das „Leipziger Stressbewältigungsprogramm“ verfolgt das Ziel, die Einschätzung von kritischen Wettkampfsituationen sowie die Kontrollerwartung durch den Athleten zu verbessern. Eine anschließende Wirksamkeitsüberprüfung konnte teilweise deutliche Veränderungen in der Handlungsweise, in der subjektiven Situationsbewertung und der Kontrollüberzeugung der untersuchten Kurzdistanztriathleten zeigen.

Ziemainz et al. (2003) evaluierten die Effektivität eines sportpsychologischen Trainingsverfahrens zur Verbesserung der triathlonspezifischen Wechsel (vom Schwimmen zum Radfahren und vom Radfahren zum Laufen) im Jugend- und Juniorenbereich. Hierfür konnten 27 Nachwuchstriathleten in eine Versuchsgruppe (VG, N = 8), eine Placeboaufmerksamkeitsgruppe (PAG, N = 10) und eine Kontrollgruppe (KG, N = 9) unterteilt und daraufhin verglichen werden. Die VG erhielt ein in 5 Abschnitte aufgebautes und 20 Stunden umfassendes psychologisches Training. Das 5-stufige Interventionsprogramm (nach Eberspächer, 1995) bestand aus 1. „Instruktion“, 2. „Selbstinstruktion“, 3. „Selbstgespräch“, 4. „Knotenpunkte“ und 5. „Symbolische Markierung“. Mit der PAG wurde ein 2mal wöchentlich durchgeführtes Entspannungstraining, über einen Zeitraum von 6 Wochen angewendet. Die KG blieb in diesem Zeitraum ohne sportpsychologische Interventionen. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verbesserung der Bewegungsvorstellung bei der Versuchsgruppe. Hinsichtlich der Wechselzeiten vom Schwimmen zum Radfahren ließ sich ein signifikanter Zeiteffekt feststellen. Jedoch kein Interaktionseffekt (Gruppe*Zeit), d.h. keine generellen Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen erkennen. Das in dieser Pilotstudie angewendete sportpsychologische Trainingsprogramm konnte erste positive Effekte in Bezug auf eine Reduzierung der Wechselzeit und vor allem auf eine Verbesserung der Bewegungsvorstellung zeigen.

Schlusskommentar

Aus den Ergebnissen der hier vorgestellten Studien gingen größtenteils sehr nützliche theoretische, methodische und sportpraktische Erkenntnisse hervor. Diese Erkenntnisgewinne konnten teilweise bereits erfolgreich von den Athleten, Trainern und Sportpsychologen in die praktische Arbeit implementiert werden. Auf Grundlage der hier vorgestellten Studienergebnisse kann eine regelmäßige und systematische Anwendung von psychologischen Trainingsverfahren in der Sportart Triathlon (speziell für die Ironman-Distanz) empfohlen werden. Für die weiterführende sportpsychologische Forschung bleibt weiterhin anzuregen, dass praxisnahe und prozessorientierte Studien – vor allem als Längsschnitt – durchgeführt werden. Besondere Berücksichtigung sollte hierbei die Spezifik der Sportart Triathlon, mit ihren unterschiedlichen Wettkampfformaten und Distanzen erhalten.

Wenn am Samstag, zur 2016er Austragung des Ironman Hawaii, die männlichen deutschen Profiathleten wieder zum engeren Favoritenkreis zählen, dann kommt das nicht von ungefähr. Denn in den Geschichtsbüchern der Ironman-Weltmeisterschaften sind bereits die deutschen Athleten Thomas Hellriegel (Sieger 1997), Normann Stadler (Sieger 2004, 2006), Faris Al-Sultan (Sieger 2005), Sebastian Kienle (Sieger 2014) sowie Jan Frodeno (Sieger 2015) mit ihren Erfolgen vermerkt.

Hawaii ist und bleibt das Herz des Triathlonsports!

Mit sportlichen Grüßen

Konrad Smolinski

 

 

Literatur:

Blaue, J. (2012). Ausgewählte emotionale und motivationale Aspekte von Langdistanztriathleten. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Institut für Sportwissenschaft Jena.

Boch, V. (2011). Road to Kona. Die Ironman-Stars und ihre Trainingsgeheimnisse. Hamburg: spomedis.

Lazarus, R.S. & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal and coping. New York: Springer.

Lazarus, R.S. & Launier, R. (1981). Stressbezogene Transaktionen zwischen Personen und Umwelt. In J.R. Nitsch (Hrsg.), Stress. Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen (S. 213-260). Bern: Huber.

Pöttgen, K. (2013). Andreas Raelert – Planung für den Ironman Hawaii 2012. In M. Engelhardt, B. Franz, G. Neumann & A. Pfützner (Hrsg.), 27. Internationales Triathlon-Symposium Niedernberg 2012 (S. 96-98). Hamburg: Czwalina.

Schlicht, W., Meyer, N. & Janssen, J.P. (1990a). „Ich will mein Rennen laufen“. Bewältigung belastender Ereignisse im Triathlon – Eine Pilotstudie. 1. Teil. Sportpsychologie, 4 (1), 5-14.

Schlicht, W., Meyer, N. & Janssen, J.P. (1990b). „Ich will mein Rennen laufen“. Bewältigung belastender Ereignisse im Triathlon – eine Pilotstudie. 2. Teil. Emotionale Beanspruchungsreaktionen und angemessene Bewältigung. Sportpsychologie, 4 (2), 5-9.

Schücker, L., Heil, O., Brand, R. & Hagemann, N. (2014). Attentional focus strategies of triathletes during the Ironman World Championships. Journal of Sport Behavior, 37 (3), 306-314.

Smolinski, K. (2007). Motivationale Aspekte im Triathlon. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Institut für Sportwissenschaft Jena.

Smolinski, K. (2015). Psychische Beanspruchung im Triathlon. Eine theoretische und empirische Studie zur Bewertung und Bewältigung von Belastungsbedingungen im Langdistanztriathlon. Hamburg: Kovac.

Steffgen, G. (1993). Ärger und Ärgerbewältigung. Empirische Überprüfung von Modellannahmen und Evaluation eines Ärgerbewältigungstrainings. Münster: Waxmann.

Ziemainz, H. (1997). Streßbewältigung und sportlicher Erfolg im Triathlon. Marburg: Tectum.

Ziemainz, H. (1999). Handlungskontrolle und Stressintervention im Triathlon. Aachen: Meyer & Meyer.

Ziemainz, H., Stoll, O., Küster, C. & Adler, K. (2003). Evaluation Mentalen Trainings im triathlonspezifischen Disziplinwechsel im Jugend- und Juniorenbereich. Leistungssport, 33 (2), 20-22.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Trail-Läufer sind anders

Sie neigt sich dem Ende, die Trail-Lauf-Saison. Die großen Rennen – zumindest in Deutschland – sind Geschichte und die Aktiven widmen sich dem, was z.B. die Triathleten die „Off-Season“ nennen. Oder anders  ausgedrückt: „Mal zuhause bleiben und die Füße hochlegen“. Obwohl in Trail-Runner-Kreisen so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz zu herrschen scheint, welches sich mit dem Satz: „There is no Off-Season“ schön zusammenfassen lässt. Stellen wir also die Frage: Sind sie denn nun wie andere Athleten, oder sind sie anders, diejenigen, die in Ultradistanzen oder mehreren Etappen durch das Mittel- und Hochgebirge rennen?

Zum Thema: Was Lauf-Motive über Trail-Runner verraten

Nun, dieser Frage sind wir wissenschaftlich betrachtet nicht im Detail nachgegangen, wohl aber der Frage, inwieweit sich der Trail-Runner vom „Otto-Normal-Verbraucher“, also dem nicht laufenden „Norm-Bürger“ in Deutschland bezogen auf einige ausgewählte Persönlichkeitseigenschaften unterscheidet. Die Grundlage dafür bildete ein Datensatz, den wir schon vor gut einem Jahr, im Rahmen der „Salomon-4-Trail“ erhoben hatten. Dazu sind auf die-sportpsychologen.de bereits folgende Texte erschienen:

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Wir befragten damals insgesamt 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Salomon-4-Trails (einem Vier-Etappen-Rennens über 160km und ca. 8.000 Höhenmeter) mit standardisierten, psychologischen Fragebogenverfahren bezüglich ihrer Lauf-Motive, aber eben auch bezüglich ihrer Persönlichkeit sowie ihrer Tendenz zum „Sensation-Seeking“. In unserer ersten Analyse fanden wir heraus, dass das Naturmotiv das dominante Laufmotiv schlechthin ist. In unserer zweiten Analyse dieses Datensatzes berechneten wir, ob sich unsere befragten Athletinnen und Athleten in den Persönlichkeitseigenschaften Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit sowie Neurozitismus und in den „Sensation-Seeking-Dimensionen“: „Suche nach dem Thrill und Abenteuer“ (also einer Tendenz, sportliche Aktivitäten zu betreiben, die durch Gefahr, Geschwindigkeit und Risiko gekennzeichnet sind), „Enthemmung“ (also einer Tendenz sozial und sexuell enthemmtes Verhalten zu zeigen), „Besondere Erfahrungen suchen“ (also einer Tendenz besondere Erfahrungen durch mitunter unangepassten Lebensstil und Reisen zu sammeln)  sowie „Langeweile Anfälligkeit“ (also der Tendenz einer Abneigung und wiederstrebenden Verhalten bezüglich Routinen und Wiederholungen).

Trailläufer scheinen “anders” zu sein

Im Ergebnis stellt sich heraus, dass die befragten Trail-Läufer statistisch signifikant höherer Ausprägungen in der Persönlichkeitsdimension  „Offenheit für neue Erfahrungen“ (im Vergleich zur Normalbevölkerung) aufweisen (siehe auch Abbildung  1 und Tabelle 7) – und tendenziell niedrigere Ausprägungen in der  Dimension „Neurozitismus“ sowie leicht höhere Ausprägungen im Bereich der „Extraversion“ und darüber hinaus,  dass sie ebenfalls statistisch abgesichert, eine höhere Tendenz zum Aufsuchen, besonderer Erfahrungen durch mitunter unangepassten Lebensstil und Reisen aufweisen als die Normstichprobe (Abbildung 2). Zusammengefasst sind diese Ergebnisse auch in der Master-Thesis von Zängler (2016) zu finden.  

Halten wir fest: Sie sind dann wohl doch anders, die Trail-Runner im Vergleich zum Normstichproben-Nichtläufer. Sie sind offener für neue Erfahrungen, tendenziell emotional stabiler aber eben auch höher ausgeprägt in Bereichen des Aufsuchens risikoreicher, sportlicher Aktivitäten. Diese eher kleine Stichprobe erlaubt natürlich keine Verallgemeinerung dieser Befunde, könnten aber weiter die Neugierde sportpsychologischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befördern.   

Material

Abbildung 1
Abbildung 1

 

Abbildung 2
Abbildung 2

 

Tabelle 7
Tabelle 7

 

Literatur

Zängler, J. (2016). Sensation Seeking und Trailrunning. Master-Thesis. Universität Leipzig: Institut für Psychologie.

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Dr. René Paasch: Krise à la Schalke

Null Punkte nach fünf Spielen. Tabellenletzter. Beim vor der Saison rund erneuerten FC Schalke 04 herrscht große Ratlosigkeit. Nach der 1:2 Niederlage bei der TSG Hoffenheim äußerte Torhüter Ralf Fährmann bei Sky: „Wo das Problem liegt, weiß ich nicht. Wir sind in einer Situation, in der einem die Worte fehlen. Vorne klappt einfach gar nichts, hinten machen wir Fehler. Es wird von Woche zu Woche schwerer.“ Folgerichtig ist die Geduld der S04-Anhänger arg strapaziert. In der Schlussphase wurden „Wir wollen euch kämpfen sehen“- Stimmen laut. Eine deutliche Botschaft an die Knappen, endlich die Kurve zu kriegen. Manager Christian Heidel, der zusammen mit dem für drei Millionen Euro Ablöse aus Augsburg gekommenen Trainer Markus Weinzierl für den neuen FC Schalke 04 steht, platzte nun der Kragen: Er will laut Süddeutscher Zeitung die Tabelle kopieren und vergrößert in die Kabine hängen. Dr. René Paasch beobachtet die Situation aus der Ferne und versucht Wege abzuleiten, die Teams in ähnlichen Situationen gehen können, um sich aus der Negativspirale zu befreien. 

Zum Thema: Der Umgang mit Niederlagen aus sportpsychologischer Sicht

Wer einen Wettkampf für sich entscheidet, empfindet in der Regel Freude, Zufriedenheit oder Erleichterung. Wer ihn verliert, kann mit Ärger oder Enttäuschung zu kämpfen haben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass negative Emotionen wie Ärger, Wut oder Enttäuschung durchaus auf eine positive Art verarbeitet werden können. Dass heißt, die Beschäftigung mit der negativen Emotion trägt zu einem konstruktiven Umgang mit der Situation bei. Um ihren Ärger über die Niederlagen angemessen bewältigen zu können, wünschen sich die meisten Spieler von ihrem Trainer einen offenen und konstruktiven Umgang mit ihrer Reaktion. Durch den expliziten Ausdruck des Ärgers dürfen keine negativen Konsequenzen für den Fußballer entstehen. Ob ein gewonnener Zweikampf im Fußball oder Niederlagenserien – Ergebnisse von Punktspielen werden von jedem Kicker interpretiert und bewertet, also einer Ursachenzuschreibung (Kausalattribution) unterzogen. Davon ist abhängig, welche emotionale Reaktion auf Erfolg bzw. Misserfolg folgt. Wird eine erfolgreiche Aktion beispielsweise auf die eigenen Fähigkeiten zurückgeführt, ist als emotionale Reaktion Zufriedenheit und ein erhöhter Selbstwert zu erwarten. Bei einer misslungenen Aktion dagegen entsteht als emotionale Reaktion Niedergeschlagenheit, wenn die mangelnden eigenen Fähigkeiten als Ursache wahrgenommen werden.

„Lehne es nicht ab, das Negative zur Kenntnis zu nehmen.

Weigere dich lediglich, dich ihm zu unterwerfen.“ Norman Vincent Peale

Im Attributionsstil liegt auch ein wichtiger Unterschied zwischen optimistischen und pessimistischen Fußballern: Optimisten begründen Erfolg internal und stabil (z.B. mit den eigenen Fähigkeiten); Misserfolge werden entweder externalen Faktoren zugeschrieben („Das war nicht mein Stadion“) oder bei eigenen Fehlern liegt der Fokus auf der Verbesserung („Nächstes Mal schaff ich‘s“). Pessimisten hingegen attribuieren erfolgreiche Aktionen häufig external („Das war bloß Glück“); Misserfolge werden internal und vor allem sehr stabil interpretiert („Das schaff ich niemals“). Als Trainerin ist es daher wichtig, die Attributionsart der Fußballer zu kennen und bestenfalls zielgerichtet zu verändern. Dazu eine Modellierung mit praktischen Beispielen:

Abb.1.: Kausalattributionsschema nach Seligman (1991) mit praktischen Beispielen

Abb.1.: Kausalattributionsschema nach Seligman (1991) mit praktischen Beispielen

Es liegt in der Natur des Wettkampfs, dass er mit einem Sieg oder Punkverlust endet. Damit die daraus resultierenden positiven oder negativen Emotionen optimal verarbeitet und genutzt werden können, sollte der Trainer die Selbstwahrnehmung seiner Schützlinge kennen und an einem positiven Attributionsstil arbeiten.

Anregungen für die Praxis

In dem nun folgenden Abschnitt möchte ich Ihnen gerne weitere hilfreiche Anregungen liefern:

1. Nehmen Sie übermäßigen Druck und Ärger von Ihren Kickern. Als Trainer ist es nicht möglich, die Umweltbedingungen eines Wettkampfs oder Spiels zu verändern. Allerdings können Sie Ihren Spielern bei der Sicht auf die Situation entscheidend helfen. Schaffen Sie einen neutralen Ort, wo sich die Spieler wohlfühlen und austauschen dürfen oder sorgen Sie für den notwendigen Freizeitausgleich fern vom Leistungssport.

2. Lassen Sie Ihre Spieler den Umgang mit Ärger erlernen. Dabei können positive Umdeutungen der Situation, Humor, fürsorgliche Gespräche, aber auch das „Vergeben und Vergessen“ dazu beitragen, dass Ärger bewältigt wird.

3. Bleiben Sie sensibel und haben Sie Verständnis für Ihre Fußballer. Akzeptieren Sie, dass diese nicht immer mit Ihren Entscheidungen zurechtkommen. Trainer sollten dass Einfühlungsvermögen gerade weniger selbstbewussten und ängstlichen Spielern entgegenbringen und diese aktiv unterstützen.

4. Lassen Sie Ihre Fußballer Entspannungs- und Aktivierungsmethoden im Sport lernen. Die wenigsten haben angemessen Zeit im Trainings-und Wettkampfalltag, um sich damit auseinanderzusetzen. Beispielsweise über die Atementspannung oder Progressive Muskelentspannung.

5. Niederlagen lassen sich schlecht verarbeiten, weil sie das Selbstvertrauen untergraben. Die meisten Spieler wissen nicht, wie sie aktiv etwas tun können, um Ihr Selbstvertrauen zu behalten oder wieder aufzubauen. So stärken Sie das Selbstvertrauen ihrer Spieler:

> Sind die individuellen und kollektiven Ziele realistisch? Dazu ein Gedanke! „Setze dir/deine Mannschaft als Ziel bestmögliche Ergebnis, an das du/ihr glauben kannst/könnt“ Nur ein Ziel, dessen Erreichen ihr für möglich haltet, hat eine magische Wirkung auf Euch. Siehe dazu auch „Per Woop zum Saisonziel“!

> Stärken-Analyse. Hängen Sie ein A1 großes Papier in der Kabine auf. Malen Sie in die Mitte einen großen Kreis. Fordern Sie die Mannschaft auf, nacheinander für jeden Spieler eine deutliche Stärke zu benennen. Anschließend fragen Sie die ganze Mannschaft nach den spezifischen Stärken. Diese schreiben Sie um den Kreis herum. So ergibt sich ein Bild von innen und äußeren Stärken. Dieses Blatt können Sie dann in der Kabine (auch bei Auswärtsspielen) aufhängen, so dass die Spieler vor dem nächsten Spiel noch einmal an Ihre Stärken erinnert werden.

> Persönliche Erfahrungen fördern die Entwicklung von Selbstvertrauen und ermöglichen es, sich an eine schwierige Situation anzupassen. Schaffen Sie erreichbare Nahziele im Training, so dass das Erreichen des Fernziels durch kleinere Erfolge machbarer erscheinen.

> Stellvertretende Erfahrungen können das Selbstvertrauen steigern, wenn die eigenen Fähigkeiten eines Teamkollegen oder eines Vorbildes sehr ähnlich sind. Dies führt dann zur Überzeugung: „ Wenn der das kann, dann kann ich es auch“

> Verbale Überzeugung (Selbstgesprächsregulationsfähigkeit) ist eine etablierte Methode in der Sportpsychologie, die ihre Gedanken und das Verhalten im eigenen Umfeld ändern können. Siehe dazu auch: Text von Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche!

> Emotionaler Zustand: Es geht um die Kontrolle von Emotionen im Zusammenhang mit verlorenen Spielen z.B. von innerer Ruhe und Angst. Jedes Spiel wird dann zur Qual und die Selbstzweifel werden immer mannigfaltiger. Daher ist es wichtig, die Gedanken und Emotionen kontrollieren zu können. Siehe dazu auch den Text von Christian Reinhardt: Gefährliche Emotionen!

> Neuere Ergebnisse zum nonverbalen Verhalten weisen daraufhin, dass die Körpersprache Einfluss auf die gegnerische Mannschaft hat. Trainer sollten daher immer wieder im Training und Wettkampf die Körpersprache trainieren und ansprechen ganz besonders bei misslungen Aktionen „Kopf hoch, weiter geht es.“

> Aus meiner Sicht führt gute Arbeit immer noch zum Erfolg! Unterbinden Sie destruktive Gedanken. Unser Denken bietet in schwierigen Situationen keine Hilfe. Gehen Sie stattdessen in jedes Spiel mit einer Einstellung, die sich nur mit der anstehende Aufgabe beschäftigt. Alles andere sind keine relevanten Größen und stören nur beim Abrufen der individuellen und kollektiven Leistungsfähigkeit.

Fazit

Neben dem reinen Fußballtraining wird immer öfter mit Methoden der Sportpsychologie gearbeitet. Trainer tragen immer wieder denselben Pullover oder lassen sich einen Bart stehen, so lange die Siegesserie nicht aufgehalten wird. All diese Dinge können tatsächlich einen großen Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass im Hochleistungssport aber auch im Amateursport, vor allem im Fußball, immer mehr über den Kopf entschieden wird. Nicht nur in schwierigen Situation sondern grundsätzlich in der Entwicklung von Sportmannschaften.

Literatur

Gross, J.J. & Thompson, R.A. (2007). Emotion regulation: Conceptual foundations. In J.J. Gross (Ed.), Handbook of emotion regulation (pp. 3-26). New York: The Guilford Press.

Hermann, H.-D. Mayer, J. (2012). Sportpsychologische Praxis im Fußball. In D. Beckmann-Waldenmayer, J. Beckmann (Hrsg.) Handbuch sportpsychologischer Praxis. Balingen: Spitta.

Linz, L. (2014): Erfolgreiches Teamcoaching. Ein Team bilden, Ziele definieren, Konflikte lösen. Meyer & Meyer Verlag, Aachen. ISBN: 978 – 3- 89899-858-1

Seligman, M.E.P. / Nolen-Hoeksema, S. / Thornton, N. / Thornton, K.M. (1990). Explanatory style as a mechanismen of disappointing athletic performance. Psychological Science, 1, 143—146.

Seligman, M.E.P. (1991). Learned optimism. New York: Knopf.

Stiensmeier-Pelster, J. & Heckhausen, H. (2006). Kausalattribution von Verhalten und Leistung. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln (S. 355-392). Heidelberg: Springer.

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: «Mein Körper und Geist sind müde»

Mitte September machte eine kurze Schlagzeile die Runde: Marc Berthod tritt zurück. Der St. Moritzer Skifahrer, der es nach vielen Stürzen, Verletzungen und Comebacks zu seinem erklärten Ziel gemacht hatte, auf der grossen WM-Skibühne in seiner Heimat nochmals für Furore zu sorgen, lässt sich in einem Communiqué von Swiss Ski zitieren: «Mein Körper und Geist sind müde». Welche „lessons learned“ müssen aus Sicht der angewandten Sportpsychologie aus seinem Beispiel zwingend abgeleitet werden?

Zum Thema: Wie aus sportpsychologischer Perspektive problematischen Karriereverläufen vorgebeugt werden kann

Kurze Rückblende: Der talentierte Berthod gewann 2007 in Adelboden (mit Startnummer 60!) den Slalom und schaffte 2008 mit seinem Triumph im Riesenslalom an gleicher Stätte den sportlichen Aufstieg in die Weltelite. Zusammen mit Daniel Albrecht verkörperte er die damalige Generation des draufgängerischen Supertechnikers. Albrecht verunglückte 2009 auf der «Streif» schwer, lag wochenlang im künstlichen Koma und kehrte schliesslich auf die Weltcup-Pisten zurück. 2013 brach er einen letzten Combackversuch nach erneuter Verletzungsmisere ab. Zu seinem Abgang befragt äusserte sich Albrecht in Metaphern: «Für das Bild eines für mich guten Skifahrers müsste ich andere Farben haben – die habe ich aber nicht mehr. Die Luft ist weg.»

Sturz von Daniel Albrecht (Quelle: Dani Fiori, skionline)
Sturz von Daniel Albrecht (Quelle: Dani Fiori, skionline)

Gerade das Beispiel von Daniel Albrecht zeigt: Ski-Rennsport auf höchstem Niveau ist eine Gratwanderung. Ein „Abflug“ zuviel kann schwerstwiegende Konsequenzen haben. Und: Es trifft auch die Allerbesten der rasenden Zunft; Ted Ligety, Aksel Lund Svindal und Hannes Reichelt bereiten sich nach schweren Verletzungen und nach Phasen monatelanger Rehabilitation auf ihr Comeback vor. Es scheint geradezu, als gehörten diese Unfälle zum Alltag der Skisportszene. Ein Faktum, dass es auch aus Sicht der Sportpsychologie hinzunehmen gilt? Die Antwort kann nur lauten: Nein!

  1. Burnout ist auch ein Thema im Spitzensport!

Beispiele wie jene von Albrecht und Berthod zeigen, dass der Akku irgendwann leer ist. Profisportlerinnen und –sportler sind gewohnt, 100% zu geben und haben sehr hohe Erwartungen und Ansprüche an sich und ihre Leistungsfähigkeit. Dabei müssen sie lernen, nicht immer am Limit zu leisten – leisten zu müssen. Andererseits ist es gerade auch für das Betreuungsumfeld und insbesondere für die Trainer entscheidend zu lernen, mit dieser eingeschränkten Belastungsfähigkeit umzugehen. Wenn die Athleten ihre Körper überfordern und ihre Leistung nachlässt, werden sie frustriert. Sie möchten es besser machen, trainieren mehr, wodurch ihre Leistungsfähigkeit weiter sinkt. Oft folgt eine Verletzung, die Abwärtsspirale dreht kontinuierlich weiter.

  1. Sportpsychologische Betreuung und mentales Training – eine Notwendigkeit auch im Skirennsport!

In vielen „high performance“-Berufen und „Umgebungen“ – wie z.B. in der Pilotenausbildung, in der Betreuung von „special forces“ oder im Bereich der Chirurgie – gehört das mentale Training mittlerweile zum Standard-Ausbildungsprogramm. Betrachtet man die hohe mentale Herausforderung im Skirennsport in Verbindung mit Mut und hoher Risikobereitschaft seitens der Athleten, ist von einer Notwendigkeit sportpsychologischer Begleitung auszugehen (vgl. Engbert 2010). Diese müsste insbesondere auch im Bereich der Nachwuchsförderung und in der Trainerausbildung nachhaltig gefordert und gefördert und zielgerichtet in der Prävention von Sportunfällen und Verletzungen eingesetzt werden.

  1. Mentale Rehabilitation einer Sportverletzung – Treat the person, not just the injury!

Die sportwissenschaftliche Forschung zeigt, dass psychologische Unterstützung den Verlauf des Rehabilitationsprozesses nach Sportverletzungen begünstigt (vgl. Marcolli 2001). Dabei gilt es zu beachten, dass nicht nur Anliegen der spezifischen Verletzungsreha im Vordergrund stehen, sondern auch Möglichkeiten der individuellen (Weiter-)Entwicklung mentaler Fähigkeiten und Fertigkeiten verstärkt genutzt werden sollen.

  1. Phänomen „Heim WM“

Grossveranstaltung wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften stehen im Ruf, besonders anspruchsvoll und herausfordernd auf Athleten und Trainer zu „wirken“ – entsprechend langfristig und umsichtig soll die Vorbereitung gewählt und umgesetzt werden (vgl. Gubelmann & Schmid 2001). Gilt es, eine „Heim-WM“ erfolgsorientiert vorzubereiten, so entsteht der so genannte Heimvorteil vor allem im Kopf (vgl. Strauss 2002), nämlich: Die mit einem unterstützenden Publikum assoziierten positiven Leistungs- und Selbstwirksamkeitserwartungen können tatsächlich für eine bessere Leistung sorgen. Diese individuellen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen gilt es mit entsprechender Unterstützung durch den Sportpsychologen zu entwickeln.

  1. Erholungs-/Belastungsbilanz im Auge behalten!

Im Spitzensport von heute gewinnt die These, wonach eine Leistungssteigerung primär über die Optimierung der Regeneration ermöglicht wird, zunehmend an Bedeutung. Aussagen wie „die Luft ist weg“ oder „ich fühle mich körperlich und geistig müde“ deuten darauf hin, dass bei hoher Trainings- und Wettkampfbelastung der Erholung nur ungenügend Beachtung geschenkt wurde. Hier kann u.a. der Einsatz eines Erholungs-Belastungs-Monitorings (vgl. Kellmann 2002) die Früherkennung einer Überlastungssituation ermöglichen und den rechtzeitigen Einsatz geeigneter Regenerationsmassnahmen unterstützen.

  1. Betreuung und Begleitung in eine nachsportliche Karriere

Ein Rücktritt vom Spitzensport und der Übergang in eine nachsportliche Karriere bedeuten immer einen Einschnitt im Leben eines Spitzensportlers. Viele empfinden den Schritt ins «bürgerliche Leben» als sozialen Abstieg. Zudem zeigt die Erfahrung, dass die Art des Rücktritts entscheidend dafür ist, wie dieser Lebensabschnitt bewältigt wird. Der Übergang fällt einem ehemaligen Berufssportler umso leichter, je stärker der Entscheid zum Rücktritt von ihm selber ausgegangen war. Der Rücktritt wird zusätzlich dann als positiv erlebt, wenn der Athlet finanziell abgesichert ist und gesundheitlich keinen Schaden vom Spitzensport genommen hat.

Marc Berthod in Aktion (Quelle: Dani Fiori, skionline)
Marc Berthod in Aktion (Quelle: Dani Fiori, skionline)

Karriereverläufe wie jene der ehemaligen Skistars Daniel Albrecht und Marc Berthod, gravierende Unfälle mit schwerwiegenden Konsequenzen und die Herausforderung eines anspruchsvollen Übertritts in eine nachsportliche berufliche Laufbahn stellen Hindernisse und Stolpersteine dar, zu deren erfolgreichen Überwindung auch die angewandte Sportpsychologie als Dienstleister mitbeteiligt sein soll. Hierfür ist Kompetenz und Wissen gefragt, wie sie von der Swiss Association of Sport Psychology (SASP) im Rahmen ihrer Fachtagung vom 11. November 2016 in Zürich (siehe sportpsychologie.ch) oder anlässlich der asp-Jahrestagung 2017 in Bern (25.-27.5.2017) im Rahmen verschiedener Praxisworkshops – auch für interessierte Trainerinnen und Trainer – vermittelt werden.

 

 

Literatur

Gubelmann, H. & Schmid, J. (2001). Eine Bestandesaufnahme «mentaler» Schwierigkeiten von Schweizer Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. In R. Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen (S. 90-92). Köln: bps-Verlag.

Kellmann, M. (Hrsg.) (2002). Enhancing Recovery: Preventing Underperformance in Athletes. Champaign, IL: Human Kinetics.

Strauss, B. (2002). Über den Heimvorteil. Spectrum der Sportwissenschaften, 14, 70.90.

 

 

Quellen

http://marcberthod.ch

http://www.sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/50-2002-2/06-2002-2.pdf

http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Projektlisten/Projekte_2010/Transferprojekte_2010/Engbert_071638_09.pdf?__blob=publicationFile&v=1

http://www.blick.ch/sport/ski/keine-energie-mehr-daniel-albrecht-tritt-zurueck-id2467212.html

http://www.krone.at/wintersport/karriere-ende-hannes-reichelt-spricht-klartext-nach-wirbel-op-story-530795

http://www.srf.ch/sport/ski-alpin/weltcup-maenner/saison-auch-fuer-ligety-vorzeitig-zu-ende

http://www.sportpsychologie.ch

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Dr. René Paasch: Der Trend zur Achtsamkeit

Erste Studien zeigen die Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Interventionsprogramme zur Steigerung sportlicher Leistungen (Bernier, Thienot, Cordon & Fournier, 2009; Hasker, 2010). Achtsamkeit hat schon seit langem das Interesse des Leistungssports geweckt. Trotz wachsenden Interessen aus dem Sport galten die Praktiken der Achtsamkeit lange als spirituell und unwissenschaftlich. Erst durch die Aufnahme achtsamkeitsbasierter Verfahren der klinischen Psychologie und eine stetige Überprüfung ihrer Wirksamkeit hat sich ihr Ruf gewandelt. Denn die Ergebnisse von Evaluationsstudien zeigen, dass das achtsamkeitsbasierte Training sowohl in klinischen als auch in nicht-klinischen Populationen zur Reduzierung der Symptome von Stress, Angst und Depression führt. Da ein effektiver Umgang mit eigenen Emotionen und Gedanken eine Voraussetzung für Leistungen ist, liegt eine Annäherung auf den sportpsychologischen Kontext auf der Hand. Im Text fasse ich die Grundlagen zusammen und gebe am Ende einige praktische Anwendungsvorschläge.

Zum Thema: Achtsamkeit im Leistungs- und Gesundheitssport

Achtsamkeit wird definiert als ein nicht bewertender Fokus der eigenen Aufmerksamkeit auf die augenblickliche Erfahrung. Das Ziel dabei ist ein Verweilen im Hier und Jetzt ohne die empfundenen Gefühle, Gedanken oder Wahrnehmungen zu bewerten. Nach dem Modell von Dimidjian und Linehan (2003) beinhaltet Achtsamkeit zwei Dimensionen: “Was“ und “Wie“. Die Was-Dimension beschreibt, was die Achtsamkeit ausmacht und umfasst drei Aspekte:

  1. a) Beobachtung, was erfahren wird,
  2. b) Beschreibung der Erfahrungen und
  3. c) Teilnahme an den Erfahrungen.

Die Wie-Dimension schließt ebenfalls drei Aspekte ein und bezieht sich auf die Art und Weise, wie vorgegangen wird:

  1. a) nichtbewertend mit Akzeptanz,
  2. b) im augenblicklichen Moment und
  3. c) wirksam.

Die klassischen sportpsychologischen Techniken (z.B. Zielsetzungstraining, Selbstgesprächsintervention) basieren auf der Annahme, dass die Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Zustände Voraussetzung für die optimale Leistung ist. Achtsamkeitsbasierte Techniken haben viele Parallelen zu den etablierten sportpsychologischen Methoden.

Achtsamkeit im sportlichen Training

In der sportpsychologischen Literatur werden drei mögliche Wirkmechanismen diskutiert, wie ein Training der Achtsamkeit die Leistung im Leistungssport beeinflussen könnte. Erstens wird vermutet, dass das Training der Achtsamkeit die Entstehung von Flow begünstigt, der als ein Zustand der optimalen Leistungsfähigkeit gilt. Zweitens wird angenommen, dass das Training der Achtsamkeit die Konzentrationsleistungsfähigkeit verbessert. Drittens wird vermutet, dass das Training der Achtsamkeit die Emotionsregulation beeinflusst, so dass negative Emotionen und Gedanken effektiver verarbeitet werden.

Die Konzepte Achtsamkeit und Flow haben einiges gemeinsam. Beide Konzepte teilen die Betonung auf das Hier und Jetzt und eine Konzentration auf die bevorstehende Aufgabe. Empirische Studien belegen den Zusammenhang: Eliteschwimmern im französischen Nationalteam, bei Bogenschützen und Golfern, sowie bei Ruderern und Läufern stellte man stets fest: Je größer die Fähigkeit zur Achtsamkeit, desto mehr Flow erleben die Sportler. Da die bisherigen Studien jedoch einige methodische Mängel aufweisen, lassen sich noch keine gesicherten Schlussfolgerungen treffen.

Konzentration und Emotionen

Die meisten praktischen Übungen der Achtsamkeit zielen auf das Lenken der Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte wie den eigenen Atem oder die augenblickliche Präsenz. Außerhalb des Sports konnte gezeigt werden, dass ein achtsamkeitsbasiertes Training zu Verbesserungen der selektiven Aufmerksamkeit, der anhaltenden Aufmerksamkeit, der orientierenden Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsflexibilität führt. Vermutlich stellt die Verbesserung der unterschiedlichen Arten von Aufmerksamkeit einen wichtigen Wirkmechanismus im Zusammenspiel von Achtsamkeit und sportlicher Leistung dar. Empirische Studien im Sportkontext fehlen jedoch fast gänzlich, so dass dahingehend keine gesicherte Aussage getroffen werden kann. Lediglich Aussagen von Athleten in Einzelfallstudien lassen vermuten, dass das achtsamkeitsbasierte Training zu Verbesserungen der Konzentrationsfähigkeit im Sport führt.

Der Einfluss von Emotionen auf die Leistungsfähigkeit im Sport ist schon lange Thema der sportpsychologischen Forschung. Im Allgemeinen scheinen die negativen Emotionen einen negativen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im Sport zu haben. Die positiven Emotionen stehen im Allgemeinen mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit in Verbindung. Vor allem außerhalb des Sportkontextes zeigt eine Fülle von Studien, dass ein Achtsamkeitstraining positive Emotionen fördert und das Ausmaß von negativen Emotionen verringert. So wurde beispielsweise dargelegt, dass das Training der Achtsamkeit zur Reduktion der Wettkampfangst führen kann.

Umsetzung in die Praxis

Die erste empirische Studie zum Einsatz von achtsamkeitsbasiertem Training im Leistungssport wurde von Kabat-Zinn, Beall und Rippe (1985) mit College- und Olympiaruderern durchgeführt. Beide Gruppen berichteten von substantiellen Leistungsverbesserungen. Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse wurde dieser Ansatz in den letzten Jahren im Leistungssport nicht weiter verfolgt. Derzeit existiert im englischsprachigen Raum ein wirksames achtsamkeitsbasiertes Interventionsprogramm für den Leistungssport: Mindful Sports Performance Enhancement (MSPE). Kaufman et al. (2009) stellte das Mindful Sports Performance Enhancement (MSPE) als ein vierwöchiges Programm vor. Dieses Programm wurde an die Bedürfnisse des Leistungssports angepasst. Das MSPE Programm bietet zusätzlich eine Meditationsart im Gehen an, die speziell für den Sport modifiziert wurde. Derzeit liegen zwei Interventionsstudien zur Wirksamkeit von MSPE vor (Kaufman et al. (2009; De Petrillo, Kaufman, Glass, Arnkoff, 2009). Aus den oben genannten Inhalten möchte ich Ihnen nun eine Kurzfassung meiner Vorgehensweisen der Achtsamkeit im Sport präsentieren:

Verweilen

„Bleiben Sie beharrlich, gewöhnen Sie sich an, mal zu verweilen.“ Das sei das Grundprinzip der Achtsamkeit: etwas beachten, nur anschauen und sich ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren.

Innehalten

Achtsamkeitstraining ist vergleichbar mit einem Muskel, der durch regelmäßiges Training immer leistungsfähiger wird. Eine klassische Achtsamkeits-Einsteigerübung für einen Sportler ist zum Beispiel, seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten und den eigenen Atem zu beobachten. Während der Sportler darauf achtet, wie sich der Bauch hebt und senkt, beruhigt sich die Atmung und der Geist. Ich lasse bspw. Sportler ihre Achtsamkeit anhand eines Apfels üben. Erst wird die Frucht angeschaut, ertastet und gerochen, dann erst geschmeckt. Auch hierbei sollen die Sportler auf ihren Atem achten und immer, wenn ihre Gedanken vom Apfel wegwandern, mit einem Lächeln zur momentanen Sinneserfahrung zurückkehren.

Körperwahrnehmung verbessern

Mit dieser Übung können Sie Ihre Körperwahrnehmung verbessern, indem Sie ihren Körper systematisch „erfühlen“. Besitzen Sie eine gute Körperwahrnehmung, dann wird es Ihnen leicht fallen, punktgenau die jeweilige Stelle zu treffen. Für die Durchführung dieser Übung benötigen Sie einen weiteren Sportkollegen.

  •         Schließen Sie die Augen.
  •         Bitten Sie die andere Person, Sie an einer beliebigen Stelle am Körper mit dem Finger anzutippen.
  •         Lassen Sie die Augen geschlossen und deuten Sie mit Ihrem Finger möglichst genau auf die Körperstelle.
  •         Wiederholen Sie diesen Vorgang mit weiteren Körperstellen. Als Variante kann die Person Sie an zwei Stellen gleichzeitig antippen.

Schritt für Schritt

Wie sehr wir auf das Gehen und Laufen angewiesen sind, merken wir in der Regel erst dann, wenn die Beine uns infolge einer Verletzung nicht mehr zuverlässig tragen. Jeden Tag legen wir zahlreiche Schritte zurück, ohne dass uns das so recht bewusst ist, denn das Gehen und Laufen ist ein automatischer Vorgang, dem wir oft zu wenig Beachtung schenken. Bei dieser Übung geht es darum, Schritte und Laufwege bewusst zu gehen.

Anleitung:

  •         Gehen oder laufen Sie drauflos – ob Sie in einer Sporthalle Ihre „Runden drehen“ oder im Freien, spielt dabei keine Rolle.
  •         Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf Ihre Füße. Fühlen Sie den Schritt- und Lauftakt und nehmen Sie den Boden unter Ihren Füßen wahr.
  •         Versuchen Sie beim Gehen oder Laufen zuerst die Ferse und dann die Zehen vollständig auf den Boden zu drücken, um möglichst komplette Fußabdrücke zu hinterlassen.

Sie werden merken, dass dem Gehen oder Laufen ein harmonischer Rhythmus zugrunde liegt – und zwar ein persönlicher, denn jeder von uns verfügt über ein individuelles Gang- und Laufmuster. Ändern Sie Ihre Geht- und Lauftechnik und treten Sie nur noch mit den Fersen auf, dann mit den Fußinnen- und Fußaußenkanten – hierbei ist allerdings Vorsicht geboten!

Zusammenfassung

Neben den bekannten Interventionsmethoden der Sportpsychologie werden im neuere sogenannte achtsamkeitsbasierte Interventionsverfahren wissenschaftlich diskutiert. Diese Verfahren unterscheiden sich in ihrem Vorgehen deutlich von den etablierten Interventionsverfahren. Im Vordergrund steht hier der achtsame, nicht wertende und akzeptierende Umgang mit dysfunktionalen mentalen Zustanden, statt der Kontrolle und der volitionalen Steuerung derselben. Leitsatz für Sie: Bewusst wahrnehmen, wertfrei beobachten, keine Beurteilung des Wahrgenommenen, keine unmittelbare Absicht!

Literatur

Darko Jekauc/Christoph Kittler (2015). ACHTSAMKEIT IM LEISTUNGSSPORT. LEISTUNGSSPORT 6/2015, 19-23.

Bernier, M., Thienot, E., Codoron, R., & Fournier, J.F. (2009). Mindfulness ans Acceptance Approaches in Sport Performance. Journal of Clinical Sports Psychology, 4, 320-333.

De Petrillo, L. A., Kaufman, K. A., Glass, C. R., & Arnkoff, D. B. (2009). Mindfulness for long-distance runners: An open trial using Mindful Sport Performance Enhancement (MSPE). Journal of Clinical Sport Psychology, 25(4), 357-376.

Dimidjian, S., & Linehan, M. M. (2003). Defining an agenda for future research on the clinical application of mindfulness practice. Clinical Psychology: Science and Practice, 10(2), 166-171.

Gardner, F. L., & Moore, Z. E. (2004). A mindfulness-acceptance-commitment-based approach to athletic performance enhancement: Theoretical considerations. Behavior Therapy, 35(4), 707-723.

Hasker, S.M. (2009). Evaluation of the Mindfulness-Acceptance-Commitment (MAC) Approach for enhancing athletic Performance. Dissertation, Indiana Univerity of Pennsylvania. Abgerufen 12. April 2010 von

http://dspace.lib.iup.edu:8080/dspace/bitstream/2069/276/1/Sarah+Hasker+Corrected.pdf

Heinz, K., Heidenreich, T., & Brand, R. (2012). Entwicklung und Effektüberprüfung eines achtsamkeitsbasierten sportpsychologischen Trainings zur Aufmerksamkeits- und Emotionsregulation. In J. Fischer (Ed.), BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2010/11 (pp. 235-238). Bonn: Bundesinstitut für Sportwissenschaft.

Jackson, P., & Delehanty, H. (1996). Sacred hoops: Spiritual lessons of a hardwood warrior. New York: Hyperion.

Kabat-Zinn, J., Beall, B., & Rippe, J. (1985). A systematic mental training program based on mindfulness meditation to optimize performance in collegiate and Olympic rowers. Paper presented at the World Congress  in Sport Psychology, Copenhangen, Denmark.

Kaufman, K. A., Glass, C. R., & Arnkoff, D. B. (2009). Evaluation of Mindful Sport Performance Enhancement (MSPE): A new approach to promote flow in athletes.Journal of Clinical Sport Psychology, 25(4), 334-356.

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Was wir kosten?

Um die Honorare, die Sportpsychologinnen und Sportpsychologen erheben, ranken sich mindestens genauso viele Mythen und Spekulationen, wie um die Art und Weise, wie unsere Berufsgruppe arbeitet. Nein, wir legen niemanden „auf die Couch“ und analysieren frei Assoziationen oder Träume und ebenfalls „Nein“ – wir werden in der Regel nicht Millionäre, sondern ordnen uns, was den „Verdienst“ betrifft, im eher unteren Bereich ein – im Vergleich zu Berufsgruppen, die einen akademischen Abschluss benötigen, um professionell aktiv zu werden.

Zum Thema: Die finanziellen Grundlagen der sportpsychologischen Betreuung

Wir müssen zweierlei unterscheiden. Zum einen, ob ein Sportpsychologe komplett selbstständig arbeitet, oder wie z.B. ich – im Hauptberuf an einer Universität tätig bin und quasi im Nebenberuf sportpsychlogische Betreuung anbiete – oder ob aber, ob sich ein Sportpsychologe völlig selbstständig bei Sportspitzenverbänden auf Honorarbasis durch öffentlich-rechtlich geförderte Institutionen arbeitet oder aber ob er sich komplett im „freien (und somit nicht regulierten) Markt“ bewegt.

Kolleginnen und Kollegen, die sich ausschließlich im freien Markt bewegen und ihr Einkommen nur über sportpsychologische Arbeit generieren, kenne ich zumindest hier in Deutschland nur sehr wenige. Die meisten selbstständigen Sportpsychologen bieten neben ihrer sportpsychologischen Beratungstätigkeit auch Coachingdienste im Bereich der Unternehmens- und Personalentwicklung an. Kommen wir aber zur zentralen Frage: Was verdienen wir?

Die Gebührenordnung

Seit dem Jahr 2002 existiert eine Gebührenordnung für sportpsychologische Leistungen, die im Jahr 2012 überarbeitet wurde. Diese ist hier zu finden:

https://www.bisp-sportpsychologie.de/SpoPsy/DE/Kontaktportal/Kosten/Gebuehrenordnung/GOSP2012.html

Hier existieren zwei Versionen. Zum einen eine Gebührenordnung, die verbindlich für die Arbeit der im DOSB organisierten Sportspitzenverbände ist und die somit auch die Grundlage für die Finanzierung durch öffentlich-rechtlich geförderte Betreuungsprojekte darstellt. Und zum zweiten eine weitere Gebührenordnung, die als Empfehlung für die Arbeit im „freien Markt“ gilt. Ich breche es einmal auf die relevanten Zahlen herunter: 75 Euro pro Stunde, 450 Euro am Tag (nach dem dritten Betreuungstag in Folge nur noch 150 Euro pro Tag, 250 Euro pro Fortbildungsveranstaltung (also Vorträge etc.). Dies sieht zumindest die verbindliche Ordnung im „öffentlich-rechtlich“ regulierten Raum vor. Etwas mehr und detaillierter aufgeschlüsselt sind die Empfehlungen für den „freien Markt“. Wie schon gesagt – es handelt sich hierbei um Empfehlungen. Im freien Markt kann genommen werden, was bezahlt wird.

Zwischen Hobby, olympischen Träumen und einem Wachstumsmarkt

Natürlich sei die Frage erlaubt, warum man in einer Marktwirtschaft überhaupt eine solche Gebührenordnung braucht? Ich kann mich noch gut an meine „ersten Schritte“ im Bereich der sportpsychologischen Betreuung vor gut 30 Jahren erinnern. Es gab in Deutschland noch gar keinen Markt für unseren Berufszweig. Die wenigen Kollegen, die in der Praxis arbeiteten, konnte man an einer Hand abzählen. Zumeist waren das ohnehin Universitätsangestellte oder Professoren, die damit ein wenig ihrem „Hobby“ nachgingen, nämlich die Überführung von (angewandter) Forschung in die Praxis. Ich habe damals angefangen, in der Praxis „zu experimentieren“, also mich auszuprobieren. Völlig autodidaktisch und lediglich mit eher seltenen Intervisions-Möglichkeiten. Ich habe damals weitestgehend im Ehrenamt agiert. Ob ich damals einen guten Job gemacht habe oder nicht, können nur meine Klienten beantworten. Aber ich habe natürlich auch damals „gearbeitet“ – eine Dienstleistung angeboten und durchgeführt. Aus heutiger Sicht wäre ein solches Vorgehen fatal. Eine universitäre Ausbildung zum Sportpsychologen ist kostenintensiv und natürlich auch qualitätsgesichert. Gleiches gilt für die berufliche Fortbildung. Eine hochwertige Ausbildung erfordert eine angemessene Bezahlung und dies muss sowohl dem Klienten, als auch den Kostenträgern bewusst sein. Als Orientierungsmaß gilt dann eben eine solche Gebührenordnung. Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, da ist man als akkreditierter Teil der Mannschaft zu Olympischen Spielen als Sportpsychologe mitgefahren – und man hat für „Ruhm und Ehre“ gearbeitet. Na klar – Teilnehmer bei den Olympischen Spielen zu sein, ist natürlich etwas ganz Besonderes. Aber auch dort wird gearbeitet – und zwar hart. Auch aus diesem Grund gibt es also diese Gebührenordnung.

Ich für meinen Teil danke jedenfalls den Kollegen Jürgen Beckmann und Michael Kellmann sowie Gaby Neumann für die Entwicklung dieser Ordnung und der ASP sowie dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft, dass sie in ihren Verhandlungen mit dem DOSB diese Gebührenordnung für ihre Kooperation für verbindlich erklärt haben. Was den „freien Markt“ betrifft, so bin ich gespannt, was sich hier noch entwickeln wird.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wer ist ohne Handicap?

Alex Zanardi gewann an den Paralympics in Rio Gold im Handbike-Zeitfahren und wiederholte damit seinen Triumph von London 2012. Der lebensfrohe Italiener gilt als schillerndes Beispiel all jener „role models“, die in Rio an den Start gehen. Seine Geschichte ist bewegend und einzigartig: vor genau 15 Jahren verlor der ehemalige Formel-1-Pilot bei einem tragischen Crash in der Champ-Car-Serie beide Beine. Sieben Mal wurde er wiederbelebt, acht Notoperationen musste er über sich ergehen lassen. Gestern meinte er im Interview: „Der 15.9.2001 war ein Glückstag – ich habe überlebt und das Ereignis führte mich auf einen neuen, glücklichen Weg.“ Zanardis Beispiel legt den Schluss nahe, dass die erfolgreiche Überwindung eines Schicksalschlags Energie freilegt, die auch paralympische Karrieren befeuern. Wie ist diese Ausgangslage aus sportpsychologischer Sicht zu deuten und welche Konsequenzen lassen sich für die Betreuung von Paralympics-Athleten allenfalls ableiten? Kann sich die angewandte Sportpsychologie auch an spezifischen wissenschaftlichen Befunden orientieren?

Zum Thema: Der Behindertenspitzensport und die Sportpsychologie

Um sich diesem Thema zu nähern, lohnt ein Blick in die jüngste Vergangenheit der paralympischer Bewegung und ihrer Entwicklung. Singer (2009) beschreibt in seinem Infobrief zu Händen des Deutschen Bundestags eine markante Entwicklung, die sich insbesondere auch in einer erhöhten medialen Beachtung der Paralympics manifestiert. „Der Hochleistungssport von Athleten mit Behinderungen hat in den letzten Jahren zunehmend grössere Aufmerksamkeit erfahren. Die Professionalisierung schreitet auch im Behindertenspitzensport erkennbar voran und hat in den letzten Jahren zu einer Leistungsexplosion geführt. Gleichzeitig hat sich das Spektrum der Disziplinen bei den paralympischen Spielen und anderen Wettkämpfen ausgeweitet. Darüber hinaus wird auch der paralympische Sport – als Teil des sportlichen Wettbewerbs zwischen den Nationen – immer deutlicher in den Dienst der nationalen Repräsentation gestellt.“ Der Schluss liegt nahe, dass sich der Spitzensport mit Handicap, gemessen an den Anforderungen auf Olympischen Niveau, immer stärker dem Spitzensport der Non-Handicap-Elite annähert. Andererseits führt die zunehmende Professionalisierung auch zu kontroversen Diskussionen, wie der mehrfache Schweizer Paralympics Medaillengewinner Lukas Christen (2016) zu bedenken gibt. „Wo hört der Mensch auf – und wo fängt die Maschine an?“ Er nennt das Beispiel des Weitspringers, der mit einem Carbon-Fuss weiter springt als einer mit zwei gewöhnlichen Beinen. Entstehen dadurch vergleichbare oder unterschiedliche Betreuungsbedürfnisse auch hinsichtlich sportpsychologischer Unterstützung?

Keim & Weidig (2011) verzeichneten in ihrer Bestandsaufnahme sportpsychologischer Beratung und Betreuung paralympischer Sportler und Trainer einen interessanten Befund. „Das starke Interesse von paralympischen Sportlern und Bundestrainern, psychomotorisches Training systematisch und nachhaltig in den Trainings- und Wettkampfprozess zu integrieren, und die ihm beigemessene Bedeutung für die Leistungsentwicklung spiegeln den grossen Bedarf an sportpsychologischen Angeboten wieder“. Diese Aussage dürfte mehrheitlich auch auf die in der Schweiz herrschende Bedürfnislage zutreffen. Einigermassen unergiebig präsentiert sich die Informationsbasis zu konkreten, im Spitzensport mit Handicap verbreiteten Interventionsformen und Trainingsprogrammen. Aus den Werkstattberichten Deutscher Kolleginnen und Kollegen im Skisport (Engbert et al., 2011), Reiten (Staufenbiel & Bussmann, 2015) und Schwimmen (Brand et al., 2015) lassen sich bedeutsame Themenfelder skizzieren und ein paar Leitideen für die angewandte Betreuungsarbeit ableiten.

Leitideen für die angewandte Betreuungsarbeit

Grundsätzlich sind die gleichen Themen wie z. B. Psychoregulations- und Konzentrationstraining genauso wichtig wie in der Betreuung nicht behinderter Sportler;

In der Betreuungsarbeit stehen achtsamkeitsbasierte personenzentrierte Techniken in Verbindung mit Formen des Embodiments vermehrt im Vordergrund;

Die grössere Heterogenität der Disziplinen und Trainingsgruppen im Behindertenleistungssport macht eine eine insgesamt stärkere Individualisierung der sportpsychologischen Betreuungsinhalte notwendig;

Der Bedarf an Einzelgesprächen für individuelle Anliegen erscheint erhöht und ist häufig mit einem höheren zeitlichen Aufwand verbunden;

Der Sportpsychologe muss vermehrt Zeit einplanen, um sich mit den Besonderheiten des Behindertensports und der Trainingsabläufe vertraut zu machen, um nötige Einblicke in den üblichen Trainingsablauf zu bekommen;

Ein effektives Umfeldmanagement soll dazu dienen, um Überforderungs- und Insuffizienzgefühlen vorzubeugen bzw. den Umgang damit zu erleichtern.

Athleten mit Handicap trainieren sehr häufig in sehr heterogenen Gruppen zusammen. Teamdynamische Prozesse beeinflussen dabei massgeblich die Trainingsqualität. Hier können Team bildende Maßnahmen helfen, eine positive Gruppendynamik zu fördern sowie eine leistungsfördernde Teamkultur zu entwickeln.

Darüber hinaus sollte mit den Trainern – wie im übrigen Leistungssport auch – an der Förderung von Kommunikation (z. B. der Optimierung von Feedback und Führungsverhalten) gearbeitet werden.

Was die oben erwähnten Werkstattberichte nicht erwähnen, in der Arbeit mit dem einzelnen Paralympic Athleten aber erfahrbar wird und sich letztlich auch am Beispiel von Handbike-Champion Zanardi manifestiert: Jeder dieser Athleten verkörpert ein persönliches Schicksal – häufig in Verbindung mit einem tragischen Unfallereignis, welches es zuallererst und meist mit psychologischer Unterstützung damals zu überwinden galt. Die dafür notwendigen individuellen Ressourcen, sehr häufig ausgeprägte Willensqualitäten, dürften von erstrangiger Bedeutung sein.

Auf Ressourcen bauen

Ein betreuender Sportpsychologe ist folglich gut beraten, wenn er sich im Rahmen seiner Interventionen primär dieser Ressourcen annimmt und diese im Kontext des psychologischen Anforderungsprofils der entsprechenden Sportart/Disziplin gewichtet. Ein individuelles, ressourcenorientiertes, auf eine systemische Unterstützung ausgerichtetes und mit Elementen der Embodiment-Praxis angereichertes Interventionsprogramm scheint aus dieser Sicht besonders nutzbringend und geeignet zu sein.

Für den interessierten Zuschauer der Paralympics in Rio überrascht Lukas Christen in seinem Aufsatz „Viele siegen, wir alle gewinnen“ mit einer bemerkenswerten Sichtweise: „Bei den Paralympics geht es nicht nur darum, wer siegt. Es geht darum, wer gewinnt. Paralympians sind eben etwas anders. Man nimmt sie, ob man will oder nicht, anders wahr. Man sieht zwar die Leistung, doch man spürt vor allem das Überwinden des Handicaps. Die Paralympics schauen kann deshalb eine Inspiration sein, sich seinem eigenen Handicap zuzuwenden. Hand aufs Herz: Wer ist schon ohne Behinderung? Die Paralympics schauen lohnt sich also, weil man nur gewinnen kann.“

 

Mehr zum Thema:

http://die-sportpsychologen.ch/2016/09/06/sandra-stoeckli-aus-der-nicht-qualifikation-fuer-die-spiele-in-london-habe-ich-meine-lehren-gezogen/

 

Literatur

Brand, R., Delow, A., & Steven-Vitense, B. (2015). Sportpsychologische Eingangsdiagnostik und Betreuung der Nationalmannschaft Behindertensport Schwimmen. In Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.), BISp-Jahrbuch 2014/2015 (S. 223-228). Köln: Sport und Buch Strauß.

Engbert, K., Werts, T. & Beckmann, J. (2011). Sportpsychologische Betreuung des paralympic Skiteam Alpin des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Zugriff am 14.09.2016, unter http://www. Bisp-sportpsychologie.de

Keim, J. & Weidig, T. (2010). Sportpsychologische Beratung und Betreuung paralympischer Sportler und Trainer. Leistungssport, 40/5, S.19-22.

Staufenbiel, K. & Bussmann, G. (2015). Sportpsychologische Möglichkeiten im Reitsport. Therapeutisches Reiten 1, S.28-30.

 

Quellen

https://www.bundestag.de/blob/190652/150e73c0915e53d3a80023b6905b3c17/hochleistungssport_behinderter_menschen-data.pdf

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/weitere/viele-siegen-wir-alle-gewinnen/story/12868185

https://www.youtube.com/watch?v=y0Tpv5XZgeY

http://www.motorsport-total.com/mehr/news/2016/09/alex-zanardi-holt-gold-in-rio-16091403.html

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Dr. Michele Ufer: Umgang mit öffentlicher Kritik

Echte Ehrlichkeit ist nicht nur im Sport selten. Im Musik- und Showbusiness sieht es nicht wirklich anders aus. Einen umso beachtenswerteren Einblick lieferten der TV-Star Jan Böhmermann und der Musiker und Entertainer Olli Schulz neulich in ihrem Spotify-Podcast “Fest und flauschig”. Offen sprachen beide in der Folge “Künstlerische Depression” darüber, wie schwer sie sich tun, mit Kritik von Journalisten an ihrer Person und ihrem kreativen Output umzugehen. Oder auch mit dem Feedback über Social Media-Plattformen wie Facebook und Twitter. Eine Situation, mit der sich allen voran Profi-Sportler sehr, sehr regelmäßig konfrontiert sehen. Was können Kultur-Promis von Sportlern und Sportpsychologen lernen und umgekehrt?

Zum Thema: Hinweise und Strategien zum Umgang mit öffentlicher Kritik

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Weitere Informationen

Prominente Menschen stehen meist im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Egal ob A-, B- oder C-Promi, viele “kennen” sie und haben sich eine Meinung über die jeweilige Person gebildet. Das ist in Showbiz, Politik und Wirtschaft genauso, wie im Sport. Wer in der Öffentlichkeit steht, macht sich angreifbar. Es gibt immer jemanden, der irgendwas besser weiß, vermeintlich kann oder allzu schnell ein Urteil fällt. Hinzu kommt oft ein erheblicher Leistungs- und Erwartungsdruck, der nicht selten über die Massenmedien mit ihrer Jagd nach neuen Inhalten verschärft wird. Das kann sehr anstrengend für die Betroffenen sein, vor allem, wenn Kritik unter die Gürtellinie geht. Seit dem rasanten Bedeutungszuwachs sozialer Medien, wie Facebook und Co., können selbst weniger prominente Sportler ein wenig von dieser „Bühnenluft“ schnuppern. Was einerseits die Kommunikation untereinander vereinfacht und intensiviert, kann andererseits schnell und ungewollt zu einer Welle der Aufmerksamkeit, Kritik bis hin zum regelrechten Shitstorm im Netz führen. Das kann frustrieren, am Selbstwert nagen und leistungsmäßig blockieren.

Folgende Tipps helfen, den Umgang mit öffentlicher Kritik zu verbessern

Zunächst einmal lässt sich die Situation durch folgendes Bewusstsein entschärfen:

  • Die Öffentlichkeit ist eine wertvolle Feedback-Ressource, denn wir erhalten durch sie Informationen, die wir für unsere Weiterentwicklung nutzen können. Der Umfang an Öffentlichkeit ist darüber hinaus oft ein Indiz für den Marktwert und somit auch ein wichtiges Instrument für die Markenbildung eines Sportlers. Gut also, wenn wir den Umgang mit ihr souverän zu gestalten wissen. Das kann und sollte man lernen, je mehr man in der Öffentlichkeit steht.
  • Wie sehr wir uns auch anstrengen und nur das Beste wollen, es gibt fast immer irgendwo irgendjemanden, der das, was wir tun oder wie wir es tun, nicht gut findet.
  • Negative, wenig konstruktive Kritik basiert oft auf Neid und Missgunst.
  • Wir haben stets die Wahl, ob wir eine Rückmeldung annehmen und uns damit beschäftigen oder eben nicht.

Und wenn es unter die Gürtellinie geht?

  • Entscheidend ist ein gesundes Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten, Ziele und dafür, was uns wichtig im Leben ist, wem und welchen ethisch-moralischen Standards wir uns verpflichtet fühlen. Wenn wir das für uns klar haben, leitet es uns wie ein innerer Kompass und hilft auch bei starkem Gegenwind, auf dem eigenen Weg zu bleiben.
  • In akuten Situationen hilft oft, erstmal tief durchzuatmen, zu entspannen, drüber zu schlafen, statt reflexartig zu reagieren oder „nachzutreten“, denn oft sind wir bei persönlichen Angriffen im „Fight-or-Flight-Modus“, bei dem es zu Affekthandlungen kommen kann. Wir handeln spontan, ohne nachzudenken. Dabei hauen wir manchmal Dinge raus, die womöglich nicht zu unseren Gunsten sind.
  • Besonders wirksam, gleichwohl nicht immer einfach: verletzender Kritik keine weitere Aufmerksamkeit schenken, denn dies würde die Kritik nur weiter nähren und den Sender der Kritik stärken.

Weitere Strategien, um den Umgang mit der (medialen) Öffentlichkeit zu optimieren:

  • Durch mentales Training und posthypnotische Konditionierungen kann die Fähigkeit zur Abschirmung von negativen Einflüssen bzw. potenziell verletzender Kritik oder deren Umwandlung in konstruktive Energie verbessert werden.
  • Ein videogestütztes Rhetorik-/Medien-Training kann sinnvoll sein, um die Schlagfertigkeit in entscheidenden Momenten zu erhöhen
  • Direkt bei oder nach starker körperlicher Belastung ist die Aktivität der Sprachzentren unseres Gehirns reduziert. Da sind wir meist nicht sonderlich eloquent. Deshalb: möglichst kurz zur Ruhe kommen und ein paar Mal tief durchatmen vor einer Interview-Antwort. Oder noch besser: eintrainieren eines „Interview-Modus“, der genauso wie ein optimaler Wettkampf-Leistungszustand gezielt aktiviert werden kann.
  • Auch ein Bewusstsein für die Arbeitsweise der manchmal etwas hektischen Massenmedien relativiert einiges.
  • Etwas Küchenpsychologie (aber deshalb nicht weniger relevant): Dinge nicht allzu persönlich nehmen

Und zum Abschluss eine meiner Lieblings-Weisheiten:

Was Müller über Meier sagt, sagt oft mehr über Müller aus, als über Meier. Bitte mal drüber nachdenken und beim nächsten „medialen Dolchstoß“ daran erinnern. In diesem Sinne, liebe Sportler: lebt EURE Träume und bleibt aufmerksam und offen für wertvolle Informationen aus dem Umfeld. Über den Rest lernt… zu lächeln. Und, liebe Trainer: wichtig ist heutzutage nicht mehr nur „auf‘m Platz“.

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Elvina Abdullaeva: Schnell im neuen Team ankommen

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Keine zwei Wochen ist der Ukrainer Yevhen Konoplyanka nun Schalker. Sein erstes Spiel für die Königsblauen hat er zwar mit 0:2 gegen den FC Bayern München verloren, allerdings bot der vom FC Sevilla geholte Mittelfeldmann eine hervorragende Leistung. Das Publikum in der Veltins Arena verabschiedete ihn bei seiner Auswechslung mit einem herzlichen Applaus. Ist Konoplyanka auf dem Weg, ein echter Schalker zu werden? Gut möglich, allerdings müssen er und seine neuen Mitspieler ein paar einfache Fehler vermeiden, die auch ganz normalen Sportlern das Leben bei einem Vereinswechsel schwer machen.

Zum Thema: Welche drei Dinge sollten Spieler beachten, wenn sie neu zu einer Mannschaft kommen?

Wenn wir in einen neuen Job anfangen, fühlen wir uns alle immer unsicher und etwas unwohl. Der Anfang für einen neuen Mitarbeiter ist wegen der Ungewissheit in der Regel sehr schwierig, weil der Einzelne noch nicht genau weiß, was ihn erwartet und ob er mit den Veränderungen, welchen er sich auf jeden Fall stellen muss, klar kommt. Es ist egal, ob wir über eine Sportmannschaft oder ein wirtschaftliches Unternehmen sprechen. Es braucht Zeit, bis ein Neuling sich im Team einlebt. Aber je schneller und harmonischer dieser Integrationsprozess verläuft, desto bessere Leistung zeigt der Mensch, sprich Sportler. Und  das liegt in einem direkten Interesse sowohl des Sportlers selbst, als auch der ganzen Mannschaft. Daher ist es wichtig ein paar Regeln zu beachten, die Ihnen helfen, sich erfolgreich in das neue Team zu integrieren und ein vollwertiges Mitglied des Teams zu werden.

  1. Seien Sie hoch engagiert und bescheiden.  

Solange Ihr neues Team Sie noch nicht so gut kennengelernt hat und Sie nicht genug Autorität haben, richten Sie Ihre Energie darauf, die Mitspieler besser kennenzulernen und sich als ein zielstrebiger und fleißiger Sportler zu zeigen.

Erstens, interessieren Sie sich für die Lebensweise der Mannschaft, die formalen und non-formalen Regeln. Investieren Sie in die Beziehungen mit den Teammitgliedern, sammeln Sie die Information über Mannschaftskultur, welche sich in den Kleinigkeiten zeigt: “Worüber sprechen Mitspieler während des Essens oder in der Kabine? Wie reagieren sie auf die Anweisungen vom Trainer? Welche Atmosphäre herrscht im Team?”

Zweitens, zeigen Sie eine ehrliche Bestrebung nach einem guten Beitrag für das Mannschaftsspiel zu leisten und nützlich zu sein.  Die Menschen spüren sowas sehr gut: “Wozu ist der Neuling gekommen? Nur ausschließlich wegen des persönlichen Gewinns, oder will er auch dem ganzen Team zu helfen.” Also, deswegen setzten Sie sich gut im Training und in den Spielen ein.

  1. Fragen Sie nach einem „Mentor“

Klären Sie mit dem Trainer, ob es am Anfang möglich ist, einen Mitspieler an die Seite zu bekommen, der quasi dafür sorgt, dass Sie gut im Team ankommen. Am besten es soll ein erfahrener Spieler sein, der auch Autorität in der Mannschaft hat. Derjenige, der Sie zu einer privaten Party oder zu einem Geburtstags einlädt, wo Sie und die Anderen sich besser und in entspannte Atmosphäre kennenlernen können. Bitten Sie wiederum den „Mentor“ noch mehr über das Team und über den Trainer zu erzählen, ein Paar nützliche Fakten, die man im Alltag braucht, z.B. “der Coach hasst, wenn wir zum Training später kommen“ oder „auf gar kein Fall während der Spielnachbesprechung zum Handy greifen“. Solche Infos helfen, sich im Team zu orientieren und zu verstehen, was von Ihnen erwartet wird (Virovec, 2013).

  1. Seien Sie geduldig

Falls die erste Begegnung mit der Mannschaft unterkühlt war, ist eines wichtig zu wissen: Eine skeptische Reaktion ist ganz normal, wenn man einer neuen Person oder sich in einer neuen Situation wiederfindet. Das ist reiner Selbsterhaltungstrieb, es wird einfach überprüft, ob dieser Mensch oder die Situation für uns eine Gefahr darstellt oder nicht. Deswegen, wenn Sie in ein neues noch „fremdes“ Team kommen, seien Sie sich bewusst, dass Sie nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. Es ist wichtig, Geduld und Verständnis zu haben. Diese kleine aber sehr wichtige Übung wird Ihnen dabei helfen (Roach, 2015):

Schließen Sie die Augen und versuchen Sie sich in die Position ihrer neuen Teammitglieder hineinzuversetzen. Denken Sie darüber nach, wenn Sie ein alteingesessener Spieler wären und es käme ein Neuling hinzu. Was würden Sie von diesem Newcomer erwarten, damit der Kontakt sich schnell aufbaut und er Ihnen und Ihrem Team geholfen hätte, bessere Leistung zu zeigen?

Die Ideen, die in Ihrem Kopf auftauchen sind genau der Schlüssel, was Sie als Neuling alles dafür tun können, sich bestmöglich in das Team zu integrieren. Es bleibt, diese Gedanken lediglich in die Tat umzusetzen. Also, viel Erfolg bei Ihren neuen beruflichen Start!

 

Quellen

Roach, M. (2015). Der Diamantschneider: Die Weisheit der Diamanten. Buddhistische Prinzipien für Beruflichen Erfolg und privates Glück. Aufl. 4.Hamburg: Edition Blumenau

Virovec, Y. (2013) (Вировес, Ю.) Адаптация на рабочем месте. Правила выживания. Caнкт-Петербург: Питер

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Sandra Stöckli: „Aus der Nicht-Qualifikation für die Spiele in London habe ich meine Lehren gezogen“

Ich treffe Sandra Stöckli wenige Tage vor ihrem Abflug an die Paralympics 2016 in Rio. Die Handbikerin, die seit ihrem Sturz von der Sprossenwand als damals 15-Jährige gelähmt ist, empfängt mich sichtlich gut gelaunt und mit einem für sie typischen Strahlen im Gesicht. „Ich freue mich riesig auf die Spiele und bin froh, wenn es endlich losgeht und die Reise nach Rio beginnt“, schildert die Athletin ihre aktuelle Befindlichkeit. Sodann schiebt sie nach: „Es sollte nun eigentlich alles reisebereit in den Kisten verpackt sein, doch heute morgen musste ich mich wieder etwas ärgern…“ Ein technisches Detail an der Ausrüstung stimmte noch nicht und hätte angepasst werden müssen, was nicht nach ihren Wünschen geschah, entsprechend angespannt wirkt Sandra, wenn sie davon spricht.

Etwas mehr als eine Woche bleibt der Handbikerin nach ihrer Ankunft in Rio Zeit für die Akklimatisation Zeit, bevor es schliesslich, wie sie es ausrückt, ans „Eingemachte geht“. Das Zeitfahren (2 Runden à 10km) findet am Mittwoch, den 14. September statt, das Strassenrennen (3 Runden à 15km) tags darauf. Die Rennen werden in Pontal ausgetragen, etwa 20 Kilometer vom Olympischen Dorf entfernt, wo die Schweizer Delegation logiert.

Auf ihrer speziell für Rio angepassten Homepage gibt sich Sandra Stöckli kämpferisch und zuversichtlich: „Ich bin überzeugt davon, dass ich in Brasilien meine bisher stärksten Wettkämpfe fahren werde. Dass ich eine Medaille im Gepäck habe, wenn ich am 20. September wieder in Zürich lande, kann ich zwar nicht versprechen. Das Ziel sowohl im Zeitfahren wie auch im Strassenrennen ist ein Diplomrang.“ Sie vertraue auf die starken Resultate im Vorfeld der Spiele und ein hervorragendes Team im Rücken was sie zusätzlich ansporne, an den Paralympics über sich hinauszuwachsen, „wenn ich mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust über Rios Strassen «fliege»“.

Unser letztes Treffen vor dem Abflug dient auch einem mentalen „check-up“ und der Vertiefung positiver Vorstellungen und Gedanken. Das folgende Interview beinhaltet einige dieser Aspekte, welche dazu beitragen sollen, im entscheidenden Moment – dann wenn’s in Rio zählt – optimal vorbereitet an den Start zu gehen.

Sandra, wissenschaftliche Befunde, wie z.B. den SOR-Berichten von Swiss Olympic zu entnehmen ist, verweisen auf eine notwendige, langfristige mentale Vorbereitung auf Olympische Spiele hin. Was waren „deine mentalen Meilensteine“ on the road to Rio?

Der grosse, vielleicht bedeutendste „Meilenstein“ war der Entscheid vor drei Jahren, von der Leichtathletik in den Radsport und auf das Handbike zu wechseln. Diese wichtige aber auch ebenso schwierige Entscheidung löste eine grosse Motivation aus. Ich wollte alles selber, von Grund auf neu und richtig lernen. Ich bin sehr wissbegierig und es ist schon noch eindrücklich, dass ich sogar als Mechanikerin meines High-Tech-Sportgerätes technische Einstellungen jetzt selbst vornehmen kann. Andererseits wäre ich ohne meine Erfahrungen aus der Zeit in der Leichtathletik nicht dort, wo ich heute leistungsmässig stehe.

Einen weiteren entscheidenden Punkt sehe ich in den Lehren, die ich aus der Nicht-Qualifikation für die Spiele in London gezogen hatte. Ich war immer eine motivierte Athletin, die Gelassenheit aber fehlte sehr oft. Die neue Herausforderung gab mir anfangs mehr Spielraum und zusammen mit dem „Radvirus“ kamen Freude und inneres Feuer zusammen. Schliesslich waren die kontinuierliche Leistungsentwicklung und die tollen Erfolge, die ich gerade auch dieses Jahr feiern durfte, stets positive Verstärker. Ich liebe meine Aufgabe im Handbike, sie liegt mir sehr! Ich spüre die grosse Kraft, die ich auf die Kurbel übertragen kann und wie ich so das Rennen aktiv mitbestimme.

Wie äusserst sich dieses „Mehr an Gelassenheit“

Zuerst einmal erlebe ich mich „durchs Band“, in allen Bereichen gelassener als früher. Das könnte natürlich auch mit meinem Alter und dem grösseren Erfahrungsschatz zusammenhängen. Heute vertraue ich aber viel mehr den Automatismen in der Wettkampfvorbereitung, die mentale Vorbereitung ist vollständig integriert und mein „Rhythmus“ in der Vorbereitung stimmt. In den vergangenen Jahren habe ich jeden Tag gewusst, wofür ich trainiere – ohne dass ich aber immer bewusst und zuviel daran dachte. Das war früher anders… Spitzensport und die spezifische Wettkampfvorbereitung sind zur Selbstverständlichkeit in meinem Alltag geworden.

Was bedeutet für dich die Teilnahme an den Paralympics 2016 in Rio und welche Gedanken gehen dir aktuell durch den Kopf?

Das, was ich in den nächsten Tagen und Wochen erleben darf, bedeutet mir sehr, sehr viel. Ich gehe daran, mir einen grossen Traum zu erfüllen, einen sportlichen Höhenpunkt zu erleben und strebe ein hohes sportliches Ziel an. Ja, ich bin stolz auf mich und mein Team und sehe meinen Einsatz in Rio als Belohnung für die jahrelange harte Arbeit. Die grosse Vorfreude, die ich jetzt tagtäglich spüre, ist sicher auch Ausdruck der Erfüllung meines Olympiatraums.

Aktuell bin ich aber mit handfesten Dingen beschäftigt, z.B. mit dem Packen des Koffers und des ganzen Materials. Mich beschäftigt vor allem der Gedanke, ja nichts zu vergessen! Und habe ich an alles gedacht, was noch hier in der Schweiz erledigt werden muss? Ich bin froh, in Rio genügend Zeit zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung zur Verfügung zu haben, ab und zu kommen mir auch Bilder von der Eröffnungsfeier in den Sinn. Ganz selten sickert etwas Nervosität durch – aber die Vorfreude ist in jeder Situation stärker!

Worauf wirst du in deiner Wettkampfvorbereitung in Rio besonders achten? Was heisst für dich die olympische These: „expect the unexpected“?

Meine Wettkämpfe sind spät und ich werde vor Ort die Gelegenheit nutzen, das Umfeld, die Wettkampfsituation und den Streckenverlauf eingehend kennenzulernen. Ich werde akribisch alle Abläufe vom Wettkampftag durchgehen, meinen Olympiafilm „durchspielen“ und die Zeit auch für letzte, wettkampfspezifische Trainings nutzen. Ebenso wichtig sind aber auch regelmässige Timeouts und ein aktives „mich-Lösen-vom-Olympia-Geschehen“. Dabei will ich bewusst entspannen, den Kopf lüften und genügend Energie tanken in möglichst Olympia-freien Zonen. Am Wettkampftag will ich mit Kopf und Körper zu 100% leistungsfähig sein!

„Expect the unexpected“ bedeutet, dass ich im Rahmen des „Vorstellbaren/ Planbaren“ nichts dem Zufall überlassen will. Es bedeutet aber auch, dass ich – weil ich so gut vorbereitet bin, mich in Bestform fühle – auch allem, was da kommt, gelassen entgegentreten kann. Ich will und werde flexibel bleiben. Geschieht irgendwas Ausserplanmässiges: „Zuerst Ausatmen, dann Einatmen“… Fakten annehmen, dann halt etwas anpassen, vielleicht umdisponieren und dann Plan „B“ mit positivere Energie und Freude umsetzen.

Rio wird für dich ein Erfolg werden wenn

ich den besten Wettkampf meiner Karriere fahre, wenn ich nach der Zieldurchfahrt Freudentränen in den Augen habe, viel Spass und positive Emotionen erlebt habe und dann dieses Ereignis mit meinem Team auch noch etwas Feiern darf!

Sandra bietet mir noch einen Kaffee an und erkundigt sich nach dem Wohlergehen meiner Kinder. Wir plaudern eine Weile und es ist schon spät, als sie mich mit ihrem Lächeln und einem letzten Satz verabschiedet: „Weißt du, ich kann es kaum erwarten und ich freue mich soooo sehr auf Rio!“

Quellen:

Gubelmann, H.-P. (2001). Eine Bestandesaufnahme «mentaler» Schwierigkeiten von Schweizer Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. In R.

Seiler, D. Birrer, J. Schmid & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen, Anwendungen, Auswirkungen. Proceedings asp-Tagung 2001 Magglingen. Köln: bps, S. 90-92.

http://www.sandrastoeckli.ch/de/paralympics-2016.html

http://www.swissparalympic.ch/ueber-uns/stifter/

https://www.paralympic.org

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