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Miriam Kohlhaas: Betroffen von Perfektion?

Das Gespräch für den Insiderbericht zu Niklas Römer (Link zum Beitrag), einen der besten Wide Receiver Deutschlands, hat mich wirklich tief beeindruckt. Selten habe ich so einen fokussierten und – gerade bezogen auf die Sportpsychologie – autodidaktisch begabten Sportler getroffen. Eines ist mir bei meinem Besuch bei Niklas‘ Familie völlig klar geworden: Seine sportlichen Anlagen hat er definitiv in die Wiege gelegt bekommen! Sowohl seine Mutter, als auch sein Vater sind beide durch und durch Sportler. Aber diese Medaille hat natürlich zwei Seiten.

Zum Thema: Perfektionismus als Triebfeder und Stolperstein

Seine Mutter erzählte mir davon, wie sie eines Tages zu Niklas meinte, dass alle anderen Kinder in der Nachbarschaft schon Fahrrad fahren können, nur er nicht. Es dauerte fünf Minuten bis Niklas nach draußen lief, sich auf sein Fahrrad schwang und erst wieder herein kam, als er es konnte. Ich erfuhr von noch so viel mehr Beispielen, sei es das Erlernen des Gitarre- oder Keyboardspielens, bei denen Niklas sich durch seinen ausgeprägten Willen so lange mit der Thematik befasste, bis er die Technik geknackt hatte.

Seine Familie erzählte mir eine Geschichte, die, wie ich finde, sehr gut beschreibt, wer Niklas Römer, einer der Topspieler des deutschen Serienmeisters New Yorker Lions, eigentlich ist. Die Geschichte handelt von einem Zauberwürfel. Diesen hatte er vor einigen Jahren kurz vor Weihnachten zufällig bei seiner Familie gefunden. Er probierte und probierte, las sich Anleitungen durch und schaute sich die ganze Nacht Videos im Internet dazu an, bis er ihn endlich lösen konnte, erst dann konnte er schlafen. Als sein Bruder sah, wie viel Spaß ihm dieser Würfel machte, bestellte er am nächsten Tag einen für ihn im Internet. Als am gleichen Tag plötzlich zwei Pakete die Familie erreichten, waren alle beteiligten verwirrt. Es stellte sich heraus, dass auch Niklas sich längst selbst einen Würfel bestellt hatte.

Alles wird zum Wettbewerb

Aber ich traf auch auf Familienmitglieder, die erzählten, wie anstrengend es manchmal ist, neben einem solch ehrgeizigen Menschen zu stehen. Wie es ist, mit ihm einen gemütlichen Bowlingabend zu planen, um die gemeinsame Zeit zu genießen und Niklas mit einem völlig anderen Ziel mit kommt – er möchte auch hier gewinnen. Dass sie ihm für seine Zukunft wünschen, dass er lernt in solchen Momenten loszulassen und sich drauf einlassen zu können, neue Ziele zu finden, als immer einen Wettbewerb.

Aus sportpsychologischer Sicht ist das natürlich spannend und ein Ansatzpunkt für eine konkrete Zusammenarbeit: Allerdings machte ich in unseren bisherigen Gesprächen die Feststellung, dass Niklas einen guten Weg gefunden hat, stark negative Gedanken bei nicht Erreichung seiner Ziele aktiv zu beseitigen.

Angst und Selbstzweifel

Diese negativen Gedanken wie Angst und Selbstzweifel zwingen sich bei dieser Persönlichkeitsdisposition oft auf und sind damit die größte Schwierigkeit für den „Betroffenen“. Aber dies muss, allen voran im Kontext Sport, nicht immer nur negative Auswirkungen haben, wie prominente Beispiele auch aus anderen Sportarten zeigen:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Cristiano Ronaldo – Gefangen im Perfektionismus?

Konkret würde ich mit Niklas an verschiedenen Entspannungstechniken arbeiten. Ich denke es ist wichtig, sich aktiv Ruhe zu gönnen und auch im Freizeitsport zu lernen, sich aktiver zur Gelassenheit zu steuern. Hierzu würde ich ihm besonders die progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training sowie Meditation empfehlen und einüben.

Welche Schwächen eigentlich?

Aber zurück an den “Küchentisch” von Niklas` Familie: Ich hörte zu, wie seine Mama davon erzählt, wie unfassbar stolz sie auf ihren Sohn ist und wie nah sich die beiden doch sind, trotz der enormen Entfernung. Nicht zu vergessen sein Bruder, der verdammt lange überlegen musste, was eigentlich “Schwächen” seines Bruders sind.

Letztendlich möchte ich euch, liebe Römers, danken, dass ihr mich an diesem Tag bei euch so tief habt blicken lassen in eure Familie und eure gemeinsame Geschichte. Auch, wenn es so viele sehr private Geschichten waren, viel zu privat, als dass ich sie in diesem Artikel verwenden würde, so habe ich doch die Chance bekommen, diesen Niklas Römer verdammt viel besser kennen zu lernen und zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass der Blick auf seinen Weg viele von uns weiterbringen kann:

Also, all ihr fantastischen Sportler da draußen, all ihr wundervollen Receiver: Nun kennt ihr den Weg zu eurem Ziel – macht euch auf den Weg dorthin:

Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Literatur:

– Vopel, Klaus (2010). Mentales Training: Visualisierung und Trancetechniken im Sport. Iskopress Verlag

– Aellig, Steff (2004). Über den Sinn des Unsinns: Flow Erleben und Wohlbefinden als Anreize für autotelische Tätigkeit: eine Untersuchung mit der experience sampling method (ESM) am Beispiel des Felskletterns. Waxmann Verlag

– Lindemann, Hannes. 2004. Autogene Training: Der bewährte Weg zur Entspannung. Goldmann Verlag

– Hainbuch, Friedrich. 2014. Progressive Muskelentspannung. Gräfe und Unzer Verlag GmbH

– Mannschatz, Maria. 2015. Meditation: Mehr Klarheit und innere Ruhe. Gräfe und Unzer Verlag GmbH

 

 

 

 

 

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Jürgen Walter: Der spielfähige Zustand des BVB

Die Nachricht kam gestern wohl für jeden einigermaßen Fußball-Interessierten sehr überraschend – eventuell sogar schockierend: Der Mannschaftsbus von Borussia Dortmund wurde auf dem Weg von Hotel zum Stadion durch die Detonation dreier Sprengsätze beschädigt, ein Spieler wurde verletzt und wurde ins Krankenhaus gebracht, die Austragung der Partie steht auf der Kippe. Wenige Stunden später, ca. um 20:30 Uhr, stand dann fest, dass das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco nicht wie geplant stattfinden, sondern am heutigen Mittwoch um 18:45 Uhr nachgeholt wird. Die Reaktionen darauf waren geprägt von Verständnis, gegenseitigem Respekt und Solidarität, insbesondere der mitgereisten monegassischen Anhänger.

Zum Thema: Die Spielverlegung Dortmund – Monaco aus sportpsychologischer Sicht

Jedoch wurde natürlich auch relativ schnell der Blick zurück aufs Sportliche gelenkt. Dabei wurde relativ klar, welche Intention BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verfolgte: „Druck von der Mannschaft nehmen“, war wohl die Devise. Diese habe eine „sehr gravierende Erfahrung“ gemacht und sei „extrem geschockt.“ Er sprach von einer „Herkulesaufgabe“, die Mannschaft innerhalb eines Tages wieder in „einen spielfähigen Zustand zu versetzen.“

Für den einen klingt das absolut angemessen und psychologisch durchaus clever, der andere sieht in solchen Aussagen schon im Vorfeld die Entschuldigung für eine mögliche Niederlage. Aber völlig unabhängig davon, wie man solche Aussagen bewertet, ist eines völlig klar: Spätestens, wenn Schiedsrichter Daniele Orsato heute um 18:45 Uhr die Partie anpfeift, müssen die Spieler die gestrigen Geschehnisse ausblenden und sich ausschließlich auf das Sportliche konzentrieren.

Keine Vorbereitung auf Extremereignis

Auf den ersten Blick scheint es kaum möglich zu sein, sich mental auf solch ein plötzliches Extremereignis, wie in diesem Fall ein Sprengstoffanschlag, wirklich vorzubereiten und selbstverständlich stehen die Betroffenen kurz danach unter Schock, sodass die Spielverlegung die einzig richtige Entscheidung war. Jedoch sind bis auf Marc Bartra, der durch Glassplitter an der Hand verletzt und noch in der Nacht operiert wurde, aber ansonsten auch wohlauf ist, alle Spieler körperlich unversehrt geblieben und daher zumindest physisch auch in der Lage am nächsten Tag ihre Leistung abzurufen.

Die vollständige Aufarbeitung des gestrigen Tages erfolgt höchst individuell und mag für den ein oder anderen Spieler auch längere Zeit in Anspruch nehmen, aber Fragen wie „Was, wenn heute nochmal so etwas passiert?“ oder „Was, wenn einem von uns Schlimmeres passiert wäre?“ haben im Laufe des Spiels incl. Vor- und Nachbereitung keinen Platz. Während die Partie läuft, können die Spieler kein anderes Problem der Welt lösen und das Sportliche muss zu 100% im Fokus stehen. Anderweitige Sorgen, Ängste und Probleme, Vertragspoker, Eheprobleme oder ein solcher Anschlag können gedanklich zwar manchmal auftauchen, jedoch sollte ein Spieler gelernt haben und in der Lage sein, seine Gedanken insoweit zu kontrollieren und Negatives auszublenden. In solchen Momenten gilt es, die (Gedanken-)Stopptaste zu drücken vor allem wenn der Spieler bemerkt, dass es über (negative) Vermutungen nachdenkt, die darüber hinaus nicht zielführend sind und das Abrufen der vollen Leistungsfähigkeit behindern.

Prof. Dr. Oliver Stoll: BVB-Schock beeinflusst Leistung

Sicherheit als Grundlage

Natürlich kann immer irgendetwas passieren. Die Bewertung dieser Wahrscheinlichkeit obliegt aber nicht den Spielern, sondern (in diesem Fall) der Polizei, sodass sich die Mannschaft darauf verlassen kann, dass bei Austragung des Spiels auch sämtliche Vorkehrungen getroffen sind, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten. Wenn dieses Vertrauen nicht bestände, dürfte man streng genommen an keiner öffentlichen Veranstaltung mehr teilnehmen und schon gar nicht – als Spieler, Funktionär, Medienvertreter oder Zuschauer – ein Fußballstadion betreten. Ein – kalkuliertes – Restrisiko besteht immer.

Watzke bezeichnete gestern Abend sein „persönliches Sicherheitsgefühl“ als gut – hoffen wir, dass dies auch für die Mannschaft gilt und diese heute am frühen Abend ausschließlich ihre spielerischen Aufgaben mit dem Ziel das Halbfinale der Champions League zu erreichen im Kopf hat. Dann, so Watzke, kann ein Ereignis wie das gestrige „die Familie noch mehr zusammen [schweißen].“ So pathetisch dieser Satz auch klingt, falsch ist er nicht.

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Niklas Römer: Look good – feel good – play good (Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 1)

Laufen 60 Männer eines Footballkaders ins Stadion ein, so erkennst du die Wide Receiver augenblicklich – sie fallen durch ihr durchgestyltes Äußeres sofort auf. So passen die pinken Schuhe zu den neonfarbenen Handschuhen oder zu dem ausgefallenen Handtuch, welches an der Hose befestigt ist.

Aber warum ist das eigentlich so? Und was macht einen Receiver sonst noch aus? Wer könnte mir all meine Fragen besser beantworten, dachte ich mir, als der derzeit erfolgreichste deutsche Wide Receiver? Und so ist die Idee entstanden, nach meinen Blog-Beiträgen „Ein Hoch auf die dicken Jungs“ und „Bleib hungrig, Mr. Brady“ eine Serie mit den besten deutschen Footballern zu starten. Schließlich können wir alle von ihnen unglaublich viel lernen.

Wenn man ein Ziel hat, das man erreichen will, Vorbilder hat, die genau da sind, wo man selbst gerne sein möchte – dann sollte man sich mit ihrem Weg dorthin beschäftigen!

#Warum fragen wir nicht einfach die Besten?

Niklas Römer, 28 Jahre alt, Wide Receiver bei den New Yorker Lions aus Braunschweig. Zum American Football kam er mit 15 Jahren in Neuss, nachdem der Spross einer sportlichen Familie unter anderem Fußball und Basketball gespielt hatte. Nur 13 Jahre später liest sich seine Titelsammlung so: 2010 Europameister, 2011 MVP der Weltmeisterschaftsspiele Deutschland vs. Australien und Deutschland vs. Frankreich, 2013 Deutscher Meister, 2014 Deutscher Meister, 2014 Europameister, 2015 Deutscher Meister, 2015 Eurobowl Sieger, 2016 Eurobowl Sieger, 2016 MVP Eurobowl, 2016 Deutscher Meister. Niklas Römer ist einer der erfolgreichsten deutschen Footballer.

Diese Vita spricht für sich, doch lassen wir ihn nun selbst zu Wort kommen…

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

Niklas Römer (Interview: Miriam Kohhaas, zur Profilseite von Miriam)

 

Niklas Römers dekorierte Hand

Warum sehen Receiver immer besonders stylish aus?

Ein Receiver steht immer besonders im Fokus. Es sind die, die die spektakulären Catches machen, von denen es immer besonders viele Fotos gibt.                  Look good – feel good – play good. Wenn ich mich selbst in meinem Outfit gut fühle, gehe ich auch viel selbstsicherer aufs Feld.

Ist deine mentale Vorbereitung auf Ligaspiele die gleiche wie auf die wirklich „großen“ Spiele?

Ungefähr eine Woche vor den großen Spielen spüre ich oft, dass es bald los geht und kann dann oft eine Nacht auch richtig schlecht schlafen.

Dann am selben Tag versuche ich mich bewusst in diesen Modus oder diesen gewissen Zustand zu bringen, höre Musik, schaue mir Videos von guten Receivern an. Vor großen Spielen höre ich mir am liebsten Filmmusik an.

Meine besten Spiele sind bis jetzt immer Endspiele gewesen. Da bereite ich mich ehrlicherweise auch anders vor. Alles ist auch am selben Tag viel organisierter und offizieller als bei normalen Ligaspielen. Man fährt als Team gemeinsam im Bus zum Stadion, ich höre auf der Fahrt meine Musik, alle sind hoch konzentriert.

Wenn man ein Ziel hat, das man erreichen will, Vorbilder hat, die genau da sind, wo man selbst gerne sein möchte – dann sollte man sich mit ihrem Weg dorthin beschäftigen!

#Warum fragen wir nicht einfach die Besten?

In dieser Zeit visualisiere ich bewusst meine Spielzüge, gehe im Kopf meine Routen durch. Ich nehme alle Blickwinkel von jeder Stadionseite bewusst ein und stelle mir diese im Kopf vor. Ich bereite mich mental darauf vor, wie ich gleich fange und denke mir dabei – genau so wird das gleich passieren. Ich schotte mich ab, lasse mich auf keine Zwischengespräche ein und versuche mich zu konzentrieren. Das Visualisieren habe ich schon 2007 auf der Fahrt zur NRW-Auswahl für mich entdeckt und ich konnte schnell eine Verbesserung meines Spielverhaltens feststellen im Vergleich zu den Tagen, an denen ich es nicht getan habe. Deshalb bin ich dabei geblieben und habe es weiter trainiert. Meine Art der visuellen Vorstellung hat sich dabei immer weiter entwickelt.

So waren meine besten Spiele das EM Finale 2010, das EM Finale 2014, sowie alle German Bowls. Hier hatte ich immer 80-150 Yards pro Spiel.

Was war in den letzten Jahren das Ziel, nach dem du gestrebt hast?

2009 habe ich mir es zum Ziel gemacht der beste deutsche Spieler auf meiner Position zu werden. Seitdem arbeite ich jeden Tag für mein Ziel. Statistisch ist mir das heute gelungen – aber trotzdem würde ich nicht sagen „ich bin der Beste“,  sondern einer der Besten. Ich mache es aber daran fest, ob ich in der Nationalmannschaft gesetzt bin und dort die beste Leistung abrufen kann.

Mein persönliches Ziel für die kommende Saison ist es, jedes Spiel in meinem Kopf als Endspiel oder großes Spiel zu bewerten. So versuche ich mich auch beim kleinsten Ligaspiel mental vorzubereiten, als sei es der German Bowl oder ein anderes Endspiel. Ich versuche das am Abend vorher schon zu visualisieren und bin sehr gespannt, was mir das bringen kann.

Auch ohne mich jemals explizit mit der Sportpsychologie beschäftigt zu haben, habe ich in den ganzen Jahren immer versucht, mich mental weiterzuentwickeln. So habe ich verschiedenste Dinge für mich ausprobiert und meine Reaktion darauf beobachtet. Hat es mich weiter gebracht, so habe ich es implementiert, ansonsten wieder verworfen. Wenn ich mir vorstelle, dass mir jemand am Anfang meiner Karriere diesen Weg für mich durch sportpsychologische Beratung verkürzt hätte, was wäre dann noch alles möglich gewesen?

Und zu guter Letzt – ich möchte noch einmal Europameister werden. Dann wäre ich drei Mal in Folge Europameister. Der einzige Titel, der mir dann noch fehlt und interessant für mich ist, ist World Game Champion.

Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Ich bin extrem ehrgeizig und verbissen. Ich hasse es, zu verlieren und mache eigentlich aus allem eine Competition. Ob ich mit meinem kleinen Bruder Wii spiele oder abends gemütlich mit Freunden Bowlen gehe – ich will gewinnen und gebe immer 100 Prozent. Irgendwann mal ist mir ein Zauberwürfel in die Hände gefallen und ich habe die Wege so lange auswendig gelernt, bis ich ihn lösen konnte.

Ich will immer das Beste von mir geben!

Meinen Weg bis hierher würde ich so beschreiben: Ich hatte ein Ziel und habe angefangen, den Weg dorthin zu beschreiten. Ich habe verschiedenste Dinge probiert. Manche waren gut, andere haben nicht funktioniert. Wenn dies der Fall war, habe ich nicht wieder von vorne gestartet, sondern bin einfach von diesem Punkt weiter voran gegangen. Wenn man sich nun durch Sportpsychologie schon mit 17 Jahren oder früher mit diesen Wegen beschäftigt, ist das eigene Ausschöpfungspotential natürlich um ein vielfaches höher.

Wie reagierst du auf Fehler?

Bei einem nicht gefangenem Ball versuche ich kurz zu hinterfragen, woran es lag, stelle den Fehler aktiv ab, lächle und laufe zurück ins Huddle.

Die meisten nicht gefangenen Bälle passieren aus Unkonzentriertheit. Manchmal sehe ich den Ball auf mich zu fliegen und denke in dem Moment daran, dass ich den gleich bloß nicht fallen lassen darf – und in diesen Momenten passiert mir genau das.

Konntest du schon einmal einen Flowzustand erreichen?  

Im letzten Jahr habe ich es geschafft, bei den meisten Catches und TDs in einen Flowzustand zu gelangen. Dann kann ich mich nicht mal daran erinnern, was gerade passiert ist. Mein Kopf war leer, mein Körper automatisiert.

Diesen Zustand werde ich mir in der kommenden Saison noch genauer anschauen und aktiv nutzen.

Miriam Kohlhaas: Ein Hoch auf die dicken Jungs!

Hast du bestimmte, wiederkehrende Rituale?

Ich habe am Gameday keine bestimmten Rituale. Das Einzige, was immer gleich ist, ist mein Platz in der Kabine oder besser gesagt auf dem Flur.

Meine Trikotnummer war auch in der Jugend und in Köln und Düsseldorf eine andere. Mittlerweile identifiziere ich mich sehr mit meiner Nummer. Alle Nummern zuvor habe ich mir immer selbst ausgesucht und habe immer die gewählt, die mir gerade am besten gefiel. Meine jetzige Nummer wurde mir bei der Nationalmannschaft irgendwann einfach zugewiesen. Die Nummer hat also mich gefunden und nicht ich sie.

Auch habe ich zu jedem Spiel mindestens drei verschiedene Paar Handschuhe mit. Wenn ich mit einem Paar ein oder zwei Bälle fallen lasse, ziehe ich Neue an. Nicht, weil die dann besser haften oder meine Hände andere sind. Aber wenn es dir in diesem Moment hilft dadurch deinen Kopf frei zu bekommen, dann mach das.

Nach dem Motto: Wie bringe ich mich am besten in die beste Position, um das Beste von mir zu geben.

Passt sich deine Motivation der Qualität deines Gegners an?

Ich bin vor jedem Spiel nervös. Sobald der erste Spielzug läuft, ist die Nervosität aber auch sofort weg. Meine Motivation ist bei einem German Bowl auf jeden Fall höher als in einem Ligaspiel gegen den Tabellenletzten. Meine mentale Einstellung und meine mentale Vorbereitung auch intensiver und ausführlicher. Trotzdem mache ich immer alles, um zu gewinnen.

Sei bereit den Preis zu zahlen!

Ich glaube ich habe für meine sportliche Karriere schon viele Preise gezahlt. Ich habe so viel Freizeit geopfert, war innerhalb von acht Jahren nur einmal im Urlaub. Ich arbeite sechs Tage die Woche und an meinem einzig freien Tag stehe ich auf dem Footballfeld. Ich trainiere zusätzlich zum regulären Training noch mindestens dreimal pro Woche im Fitnessstudio und gehe zu jedem Sondertraining. Meine Partnerinnen haben oft nicht genügend Verständnis entwickeln können und so haben meine Beziehungen darunter oft sehr gelitten.

Gab es in deiner Karriere ein Spiel, vor dem du Angst hattest? Wenn ja, wie konntest du deine Angst besiegen?

Vor meinem allerersten Spiel nach vier Wochen Training hatte ich nach den Erzählungen über den harten Kontakt richtig Angst. Hinzukommen sollte noch, dass direkt der beste Gegner kam. Meine Angst habe ich erst mit der Zeit verloren. Ich habe die Kontakte überlebt und ich bin wieder aufgestanden – so wusste ich irgendwann, dass es ok ist und ich keine Angst haben muss.

Hast du bestimmte Glaubenssätze?

Irgendwann hat der Nationaltrainer mal gesagt, er brauche Receiver, die keinen Schiss vor Linebackern haben. Da habe ich mir gedacht: „Hier ich – ich habe ab sofort keinen Schiss mehr“ – seit diesem Tag ist es dann so gewesen. Ich wollte einfach dieser jemand sein.

Mit der Zeit und immer mehr Erfahrungen, die du gemacht hast, weißt du genau, wann du um einen Kontakt nicht drum herum kommst. Du siehst den Ball in der Luft und rechnest dir aus, dass bestimmte Spieler gleich deinen Weg kreuzen. Dann versuche ich meinen Körper bestmöglich auf diesen Kontakt vorzubereiten und mich wenn möglich noch klein zu machen, um nicht so viel Aufprallfläche zu bieten.

Verlieren gehört dazu – Wenn ich nach einem verlorenen Spiel weiß, dass ich alles gegeben habe. Dann ärgert es mich wahnsinnig aber dann haben wir zurecht verloren, weil die Anderen einfach besser waren. Wichtig ist aber, dass ich weiß, ich habe alles gegeben und ich spüre an meinem Körper, dass mir alles weh tut. Das macht eine Niederlage nicht schön – es macht sie aber erträglicher.

Niklas Römer – einer der erfolgreichsten deutschen Footballspieler

Wem außer dir selbst verdankst du deinen bisherigen Werdegang?

In meinen jetzt 12 Jahren im American Football bin ich vielen Menschen, ob Spielern oder Trainern, über den Weg gelaufen, die mich aktiv auf dem Feld wie auch passiv durch ihre Einstellung beeinflusst haben. Ich denke aber das hätte alles nicht so weit kommen können, hätte eine Mutter damals ihrem 15-jährigen Sohn nicht das OK gegeben, eine weitere Sportart auszuprobieren. Besonders vor dem Hintergrund, dass ich schon so gut wie alles ausprobiert hatte, ob Fußball, Basketball, Skaterhockey und dann Football, wobei Football mit seinem dazugehörigen Equipment auch nicht gerade die kostengünstigste Variante ist. Sie hat mich immer in allen Vorhaben und neuen Ideen unterstützt, was nicht immer selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, dass ich in der Schule ein faules Stück war und nicht die besten – das ist deutlich geschönt – Noten nach Hause gebracht habe.

Nach meiner Jugendzeit müsste ich vor allem Michael Hap und David Odenthal danken, die mich aktiv aus dem GFL Kader der Cologne Falcons angesprochen haben und einem 19-jährigen Bengel mit gerade einmal drei, vier Jahren Erfahrung die Chance gaben in der GFL zu spielen. Der Wurf ins kalte Wasser hat mir definitiv geholfen. Den größten Sprung auf spielerischer Seite habe ich definitiv Estrus Crayton zu verdanken, durch den ich in meinen drei Jahren in Düsseldorf erst das Beste aus meinem Potenzial ziehen konnte. Mein jetziger Head Coach Troy Tomlin war es, der mir (und ich denke vielen anderen auch) gezeigt hat, dass sich das Verhalten auf dem Footballfeld und die Disziplin auf das Privat- und Berufsleben überträgt. Die Wichtigkeit einer positiven Körpersprache spielt dabei eine ganz enorme Rolle. Ich habe gemerkt, dass eine positive Körperhaltung den Geist und die Gedanken beeinflusst und es leichter fällt positive Gedanken zu fassen und mit erhobenem Haupt aus einer negativen Situation herauszugehen. 

Nicht zu vergessen sind natürlich auch meine ganzen Teamkollegen, die ich über die Jahre hatte. Football ist ein Teamsport. Ich könnte also den sportlichen Erfolg niemals alleine erreichen. Spontan fallen mir da Namen wie Robert Demers, Raphael Llanos, Anthony Dablé, Casey Therriault, Sebastian Schönbroich und Lenny Greene ein. Ich könnte weitere aufzählen, doch all diese Spieler haben erst dazu beigetragen, dass ich das Beste aus mir rausholen konnte bzw. aus mir rausholen musste.

Was waren die wichtigsten Sätze, den du in deiner Footballkarriere gesagt bekommen hast?

One play at a time – Konzentriere dich nur auf den einen Spielzug, den wir gerade spielen. Vergiss alles, was vorher war und alles, was danach kommt.

Achte auf deine Body Language – Zeige niemals Schwäche, egal wie anstrengend es auch sein mag. Kopf hoch, Brust raus. Alles andere sagt deinem Gegner: Der kann nicht mehr – und bringt ihn wieder hoch. Aber auch dir selbst bringt deine Haltung viel. Deine Körperhaltung überträgt sich auf deine Gedanken.

Am meisten hat mich Football allerdings für meine Arbeitswelt geprägt. Seinen eigenen Stellenwert zu kennen und zu wissen, wer über dir steht und dir was zu sagen hat, eine gewisse Hierarchie einzuhalten und diese zu akzeptieren. Respekt zu haben. So kann ich in meinem beruflichen Werdegang eine Rangordnung sehr gut akzeptieren und weiß, dass ich erst einmal einiges einzuzahlen habe, bis ich irgendwann vielleicht einmal etwas zurückbekomme. Man lernt mit Kritik umzugehen, man lernt sich unterzuordnen. Davon habe ich bis jetzt am meisten profitiert.

Was würdest du einem jungen Spieler raten, der dorthin kommen will, wo du gerade bist?

Versuche alles aufzusaugen, was du aufsaugen kannst!

Nimm Mental Reps. Guck dir an, was die anderen Spieler machen. Sei durchgehend aufmerksam und höre allen Erklärungen aktiv zu. Lehne dich nicht zurück, wenn andere an der Reihe sind. Gehe währenddessen den Spielzug im Kopf durch, als seist du es, der an der Reihe wäre. Wenn du die Chance hast, mit Imports zu trainieren oder Sondereinheiten zu absolvieren, sei immer dankbar und bereit.

Zeig viel Eigeninitiative!

Ich bin nicht dadurch hierhergekommen, wo ich gerade bin, indem ich lediglich zu den Teamtrainings gegangen bin. Ich bin zusätzlich noch drei, vier Mal in der Woche selbst trainieren gegangen und habe Sondereinheiten eingelegt.

Denkst du, dass die Sportpsychologie ein fester Bestandteil im Football sein sollte?

Ja, auf jeden Fall! Da nicht davon auszugehen ist, dass jeder Spieler die richtige Art findet, mit den Dingen mental umzugehen. Ich kann nicht davon ausgehen, dass jeder so wie ich zufällig den richtigen Weg für sich findet. Von daher finde ich es definitiv wichtig, dass die Sportpsychologie und mentales Training in einem Sport wie American Football – nicht umsonst Rasenschach genannt – fest etabliert wird. Wie kann man sich selbst und seine Fähigkeiten auch nach Rückschlägen wiederfinden und blind sagen – jetzt passt es wieder. Jedes Team sollte so etwas mit anbieten, finde ich.

Dank dir, Niklas, für dieses Interview. Du hast mich tief beeindruckt. Du hast es geschafft, die Sportpsychologie in dein Leben, deine Vorbereitung und dein Denken zu implementieren, und das ohne, dass du aktiv dabei Hilfe hattest. Dein stetiger Wille nach Weiterentwicklung und dein Streben danach, immer dein Bestes zu zeigen haben dich tief in dir selbst die Sportpsychologie finden lassen.

Dieses Interview hat mich noch ein paar Tage danach so bewegt, dass ich mich immer fragen musste, wie es denn möglich ist, dass ein Mensch all das in sich findet, was Sportpsychologen auf der ganzen Welt Sportlern über Jahre aus Lehrbüchern versuchen zu vermitteln?

Und so musste ich noch tiefer schauen… entstanden ist nach einem langen Gespräch mit der Familie Römer folgender Blog-Beitrag (Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang: Danke euch für diesen Einblick und einen tollen Tag mit und bei euch!):

Miriam Kohlhaas: Betroffen von Perfektion?

Also, all ihr fantastischen Sportler da draußen, all ihr wundervollen Receiver: Nun kennt ihr den Weg zu eurem Ziel – macht euch auf den Weg dorthin!

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Prof. Dr. Oliver Stoll: BVB-Schock beeinflusst Leistung

Auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund, der sich auf dem Weg zum Champions League-Viertelfinalspiel gegen den AS Monaco befand, wurde am Dienstag ein Anschlag verübt. Es entstand schwerer Sachschaden, zudem erlitt BVB-Verteidiger Marc Bartra schwerwiegende Verletzungen, die zu einer Operation führten. Die UEFA-Offiziellen entschieden, die Partie für den Dienstag abzusagen, aber gleich am Mittwoch neu anzusetzen. Aus sportpsychologischer Perspektive eine problematische Entscheidung.

Zum Thema: Der Umgang mit einem Anschlag auf Leib und Leben

Man könnte ja meinen, dass man heutzutage einfach mit der Gefahr von Terroranschlägen in Deutschland leben muss. Was aber gestern Abend passierte, eröffnet aus meiner Sicht „eine neue Dimension“ der Gefährdungswahrnehmung im bundesdeutschen Profisport-Geschäft. Klar, erinnern wir uns noch an den Bombenanschlag in Paris, als die deutsche Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich absolvierte und den daran anschließenden, blutigen Terroranschlag in Bataclan-Club, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Aber zum o.g. Spiel kamen zunächst keine Zuschauer und keine Athleten zu Schaden. Das ist seit Dienstagabend nicht mehr so. Der Bombenanschlag auf den Bus des BVB auf dem Weg ins Stadion hat offensichtlich zu einer schweren Verletzung an der Hand des Innenverteidigers Marc Bartra geführt. Über die möglicherweise psychischen Auswirkungen bei Spielern und Betreuern können wir ja eigentlich nur spekulieren. Nun soll das Spiel am Mittwochabend nachgeholt werden. Wie sinnvoll ist das?

Ganz sicher ist dies ein Zeichen in Richtung der Täter. „Man will sich nicht unterkriegen lassen“. Also aus Funktionärs- und Verbandssicht zunächst nachvollziehbar. Aus psychologischer Sicht habe ich da so meine Bedenken. Schauen wir uns an, was passiert, wenn eine Person psychisch traumatisiert wird (ohne zu wissen, ob die Spieler des BVB das sind – aber es wäre ja möglich). In der akuten Bedrohungssituation schaltet unser Zentrales Nervensystem auf „Kampf oder Flucht“. Es geht ja immerhin um Leben und Tod. Das ist zunächst reiner Selbstschutz. Was gestern aktuell im Bus nach dem Anschlag passiert ist, wissen wir bislang noch nicht. Wenn die akute Situation vorbei ist, dann kann es entweder dazu kommen, dass tiefe Wut  oder Trauer einsetzt, oder aber die Opfer sich ganz ins ich selbst zurückziehen, quasi so etwas wie einen „katatonen Stupor“ entwickeln. Manche Opfer möchten sofort aufarbeiten und darüber reden. Anderen Opfern geht es besser, wenn sie das Erlebte zunächst verdrängen. So oder so – die Opfer sind einen Tag nach einem solchen Erlebnis, emotional und kognitiv nachhaltig durch das Ereignis beeinflusst. Helfen können hier eigentlich am besten ausgebildete Krisen-Interventions-Helfer oder eben Psychologinnen und Psychologen. Dabei rede ich hier zunächst erst einmal nur über die Ereignisverarbeitung.

Jürgen Walter: Der spielfähige Zustand des BVB

In der Regel leistungsbeeinträchtigende Wirkung

Nun sollen die Spieler tagsdarauf ein Champions-League-Spiel absolvieren. Auch wenn wir wissen, dass Leistungssportler viel Erfahrung mit erlebten Niederlagen oder auch sonstigen Krisen haben, was eventuell dazu führt, dass der eine oder andere gelernt hat, mit schwierigen Situationen umzugehen und in der Lage ist, dieses Ereignis auszublenden, so ist es doch eher wahrscheinlicher, dass diese Besorgniskognitionen und Emotionen die Überhand gewinnen können. Und dies wirkt in der Regel leistungsbeeinträchtigend. Wenn eine Mannschaft dann auch noch sozial sehr eng zusammensteht, dann sind die emotionalen Reaktionen ganz sicher noch intensiver, als wenn man eine Fußballmannschaft nur aus „Kollegen, die einen Job zusammen machen“ betrachtet. Hier wäre ja schon zumindest eine gewisse emotionale Distanz vorhanden, was eine Rationalisierung des Erlebten erleichtern würde.

Wir wissen nicht, wie es in den Köpfen der Spieler gerade aussieht. Vielleicht entwickeln sie gemeinsam so eine Einstellung, wie „Jetzt erst Recht!“ Oder aber, sie haben irgendwie überhaupt keine Lust auf Fußballspielen – werden es dann aber müssen. Ich wünsche den Spielern und dem Unterstützerteam auf alle Fälle viel Kraft und Mut für   die schwere Aufgabe. Und spätestens dann im Anschluss die Möglichkeit, das Erlebte professionell aufarbeiten zu können.           

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Elvina Abdullaeva: Das starke “Ich” trainieren

Was raubt dir vor Beginn des Wettkampfs deine Energie? Was nimmt dir die wertvollen Kräfte ab, die du für deine sportliche Performance brauchst? Die Angst vorm Verlieren? Ja,… zum Teil. Aber das ist nur ein Stückchen von der Wahrheit. Das wichtigste, was dir die Energie raubt, ist die Ungewissheit, weil du nicht weißt, wie der Wettkampf ausgeht: Ob du ein Tor machst, ob du verlierst oder gewinnst? Es entsteht vor dem Wettkampf eine große Frage in deinem Kopf: „Mit welchem Ergebnis wird das hier für mich ausgehen?“

Zum Thema: Emotionsregulation vom Start. Tricks der Profis.

Wenn du in die Zukunft springen und das Ergebnis herausfinden könntest, die Frage wäre nicht mehr relevant. Und du wärst viel ruhiger und entspannter. Dadurch, dass du dich aber nicht in die Zukunft beamen kannst, bleibt die Unsicherheit. Und folglich taucht die Frage „Klappt es oder klappt es nicht?“ so früh auf und beschäftigt dich so stark, dass sie die ganze Energie auffrisst, die du für deine Leistung brauchst.

Warum verliert man so viel Energie? Das menschliche Gehirn ist so aufgebaut. Es ist dafür verantwortlich, auf die für dich so bewegende Frage, eine Antwort zu geben. Stell dir vor: Es kommt eine solche Fragestellung auf. Der Prozess der Antwortfindung ist gestartet. Es gibt eine kleine Stimme, die dir sagt: „Ja, du schaffst das“. Es gibt eine andere Stimme, die lauter behauptet: “Nein, schaffst du nicht!“. Wir Menschen neigen aus dem natürlichen Überlebensmechanismus dazu, uns negative Information besser als positive zu merken. Glaubst du nicht? Stell dir vor, zehn Experten haben deine Leistung bei einem Wettkampf eingeschätzt. Neun von denen Kritiken sind positiv, und nur eine ist negativ. Du wirst dich viel mehr mit dieser einen negativen beschäftigen. So versuchen wir uns von der Gefahr zu schützen.

Viele Folgefragen

Aber zurück zu unserer Situation vom Start: Genauso wie nur eine negative Einschätzung, beschäftigt sich das Gehirn mit deiner negativen Antwort “Nein, du schaffst es nicht“ viel mehr. Diese Wahrscheinlichkeit „Du wirst versagen“ erzeugt viele andere Fragen. Und zwar, wie genau werde ich versagen? Was werde ich falsch machen? Wie wird der Trainer reagieren, wenn ich verliere? Und das Gehirn wird von allen diesen Fragen überfordert.

Aus einer quälenden Frage entstehen viele andere genauso quälende Fragen. Der Arbeitsspeicher des Gehirns ist mit der Informationsverarbeitung massiv beschäftigt. Dieser Prozess raubt sehr viel deiner Energie, die du durch Regenerierung und Erholung für deinen kommenden Wettkampf gesammelt hattest.

Die Störfrage als ein Computervirus

Wie kannst du dich vor diesem nutzlosen Energieverbrauch schützen? Diese Ausgangsfrage  „Schaffe ich es überhaupt?“ parasitiert nach gleichem Prinzip wie ein Computervirus. Die Frage untergräbt deine mentale Stabilität genauso wie nur ein Computervirus das ganze System. Und nun, was machen wir, wenn wir einen Virus haben? Virus entfernen! Das Gleiche muss man auch mit dieser Virusfrage machen. Wir blockieren und heben diese Frage “Schaffe ich es überhaupt?“ auf. Aber wie macht man das denn? Mit einem willentlichen Befehl zu sich selbst. Das läuft nämlich in Form eines innerlichen Gesprächs zwischen deinem starken und schwachen „Ich“ (Piatkowski, 2016).:

  1. Es kommt also eine Frage vom schwachen „Ich“: „Schaffe ich es überhaupt?“

Du setzt hier deinen Willen ein und antwortest: “Ja, ich schaffe, weil…!“ und gibst eine Begründung, die für dich stimmig ist. z.B. weil ich schon mehrmals in gleichen Situationen gewonnen habe, auch gegen einen stärkeren Gegner. Oder: Weil mein Trainer sagt, dass ich ein sehr guter Spieler/Sportler bin.

2) Diese Behauptung bezweifelt dein schwaches „Ich“ und sagt: „Wie kommst du überhaupt darauf, dass du es schaffst?“

Hier gibst du eine zweite willentlich autoritäre Antwort von starkem „Ich“: “Weil ich so entschieden habe!“

3) Das schwache „Ich“ rebelliert wieder: “Wie kommst du darauf? “

Und du gibst deine letzte unwidersprüchliche Antwort: „Weil ich…..“ und gibst wieder eine für dich eine stimmige Begründung.

Drei einfache Antworten, die du dir mit Hilfe deines Willens selber als Befehl gibst, helfen dir, die eine quälende Frage aufzuheben.

Keine Garantie, aber erhöhte Wahrscheinlichkeit

Wichtig: Keiner gibt dir eine Garantie, dass der Wettkampf so ausgehen wird, wie du dir selbst es versprochen hast. Aber mit diesen willentlichen Antworten sparst du deine wertvolle Energie unmittelbar für den Auftritt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich an, dass du gute Leistung zeigst.

Du wirst für diesen Moment der Gott, der Machthaber, für dich selbst und steuerst dich so wie du es brauchst. Aber denke daran, unbedingt so eine Antwort bzw. realistische Begründung  zu geben, warum du es schaffst. Wenn du mit dir zu streiten beginnst und hinterfragst, ob du die Wahrheit sagst, erzeugt das nur noch mehr Fragen. Denk daran, du machst selber deine eigene Wahrheit. Es wird so sein, wie du gesagt hast. Und versuch, dich an diese Antwort zu halten:

 

  • starkes “Ich”: “Du  schaffst das, weil…”
  • schwaches “Ich”: “Aber was, wenn ich einen Fehler mache?”
  • starkes “Ich”: “Du schaffst das. Ich habe mich so entschieden. Und Punkt!“

 

Viel Erfolg!

Besten Dank an eine der renommierten Sportpsychologen in Russland Tatiana Svidlova für die Idee und Inspiration!

Michele Ufer: Macht den Coaching-Quickie!

Dr. René Paasch: Selbstgespräche machen Beine

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Quelle:

Piatkowski, D. (2016).Unmöglich. Bekämpfe dein Ego. Lebe ohne Grenzen. e-bookowo.pl

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Bedarfsfremd oder falsch?

Dieser Blog-Beitrag entstammt mal wieder aus einer einstündigen Lauf-Trainingseinheit, auf der ich bei schönstem Wetter, herrlich reflektieren (und laufen) konnte. Und nun will ich aber mit euch diskutieren – aber dazu am Ende des Textes mehr.

Zum Thema: Wissenschaft – Lehrbücher – Ratgeberbücher – Sportpsychologische Beratung

Ich bin ja nun schon seit 30 Jahren „im Geschäft“ und ich habe schon viel erlebt! Ich habe wissenschaftliche Artikel in Fachzeitschriften publiziert. Ich habe Lehrbücher für Studentinnen und Studenten geschrieben. Ich habe Ratgeberbücher veröffentlicht und ich berate und betreue Athletinnen und Athleten in ihrer sportlichen und persönlichen Entwicklung. Die Frage, die ich mir heute gestellt habe ist, was denn davon am meisten „Wirkung“ erzielt?

Mir ist natürlich klar, dass man diese Frage nicht pauschal beantworten kann. Es kommt eben immer darauf an, eine Passung zwischen der Anforderung (also der aktuell angefragten Situation) und den Möglichkeiten (also den individuellen Bedürfnissen der Personen) herzustellen. Auch hier könnte man „per se“ meinen, dass dies nur und ausschließlich über eine individuelle Beratung und Betreuung von Individuen gehen kann. Das würde ich so aber nicht unbedingt unterschreiben. Manche Athletinnen und Athleten scheuen den Kontakt zu einem Sportpsychologen, weil sie sich unsicher sind, was auf sie zukommt, wenn sie einem solchen Experten kontaktieren. Ich denke, wir müssen, nach wie vor, auch hier immer noch für viel Information und Transparenz sorgen.

Literatur als Impuls, aber nicht mehr?

Manchmal reicht ja auch hier einfach nur ein „neuer Impuls“, den sich ein Athlet leicht über ein gutes „Ratgeberbuch“ holen kann. Solche Ratgeberbücher sind jedoch oft sehr „allgemein“ gehalten. Manchmal „gaukeln“ sie eine mögliche Lösung vor, die aber in Wirklichkeit, dann doch keine ist. Individuelle Lösungen sind eben individuell – und dafür ist eben auch der „Preis“ ein höherer als für ein Ratgeberbuch.

Kommen wir zu der Frage der Bedeutung von Wissenschaft und Lehrbüchern. Wissenschaft versucht (neue) wissenschaftliche Fragen durch empirische Studien zu lösen (zumindest gilt dies für mich als ein empirisch-analytisch arbeitender Wissenschaftler). Lehrbücher versuchen dieses, in Einzelstudien ermittelte Wissen und den bislang vorliegenden theoretischen Grundlagen zu reflektieren und dann für Studierende so zusammenzufassen, dass daraus ein „Bildungs-Mehrwert“ entsteht. Ich denke, dass dies in unserem Feld der Sportpsychologie auch ganz gut funktioniert.

Falsche Fragen und Wissen vorbei am Bedarf?

Was aber bleibt – aus meiner Sicht – ist eine Lücke zwischen Wissenschaft/Lehrbüchern und Ratgeberbüchern/Sportpsychologische Beratung. Warum gelingt es den sportpsychologischen Akademikern nicht, den sportlichen Praktikern ihre Erkenntnisse zu vermitteln? Und warum gelingt es den Praktikern im Sport nicht, den sportpsychologischen Forscherinnen und Forschern die richtigen Fragen zu stellen? Natürlich habe ich darüber nachgedacht und einige Gedanken entwickelt. Mich interessieren aber Eure Gedanken zu dem hier angerissenen Problemfeld. Ich würde mich freuen, wenn wir eine anregende Diskussion hierzu entwickeln können.

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Thorsten Loch: Kampfzone Pressebereich

Sichtlich angefressen kam der Mannheimer Coach Sean Simpson in die Katakomben nach dem bitteren Viertelfinalaus seiner Adler gegen den Serienmeister aus Berlin. Unwissend der Tatsache, dass die TV-Kamera bereits lief, raunzte Simpson den Reporter an, bevor dieser überhaupt eine Frage stellen konnte. Mit dieser verbalen Entgleisung reiht sich der Coach in eine lange Liste der ¨legendären¨ Ausraster von Cheftrainern ein und ist damit in guter Gesellschaft. Nahezu jeder kennt die Wutrede des ehemaligen Bayern-Trainers Goivanni Trappatoni (¨Spielen wie eine Flasche leer¨) oder die ¨Weißbieraffäre¨ von Rudi Völler. Legendär ist auch Jürgen Klopps Anranzer an den sogenannten “Seuchenvogel” vom SWR.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass Simpson nicht der Erste und auch nicht der Letzte sein wird, mit dem die Pferde durchgehen und somit der Presse hervorragendes ¨Futter¨ liefert.

Zum Thema: Ärgerbewältigung nach emotionalen Spielgeschehen

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Weitere Informationen

Wie eingangs dargestellt, sind emotionale Entgleisungen nach Wettkämpfen eher die Ausnahme. Jedoch steht die Frage im Raum, weshalb diese dennoch hin und wieder vorkommen? Dieser Beitrag verfolgt das Ziel, zunächst einmal das Rollenverständnis von Trainern im Spitzensport darzustellen, um im Anschluss anhand des prozessorientierten Ärgermodells von Schwenkmezger (1999) die Entstehung von Ärger zu verstehen und schlussendlich mit diesem Wissen handlungsunterstützende Strategien abzuleiten und dem interessierten Leser/-in mit an die Hand zugeben.

Zum Rollenverständnis des Trainers

Nach Bette (zitiert nach Mayer/Hermann, 2014) nimmt der Trainer eine Schlüsselposition im Hochleistungssport ein. Neben einer hohen Machtposition gehört die Entwicklung der Sportler ebenfalls zu seinen Aufgaben. Zusätzlich ist der Trainer vielfältigen äußeren Erwartungen  ausgesetzt, was dazu führt, dass sich die Arbeit des Trainers in erster Linie nach kurzfristigen, sportlichen Erfolgen ausrichtet. Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für Bette (1984) folgende Besonderheiten:

  1. Erfolgs- und Wettbewerbsorientierung im Hochleistungssport

Der Spitzensport genießt großes öffentliches Interesse, was auch Ansprüche und Erwartungen beinhaltet und somit soziale Kontrolle über Trainer und Sportler darstellt. Durch diese Erwartungen zeichnet sich ein Bild eines erfolgreichen Trainers über die Erfolge seiner Sportler   aus. Der Trainer ist also in der unangenehmen Situation, den heiß umkämpften Erfolg nur über andere, die Sportler, erreichen zu können (Bette, 1984).

  1. Öffentlichkeit des Rollenhandelns

Aufgrund der Massenmedien erfreuen sich Athleten wie Trainer einer großen Bekanntheit. Diese Präsenz in den Medien kann als lästig und aufdringlich, aber auch als angenehm und karrierefördernd empfunden werden. Dabei werden Trainer oft als Knotenpunkt zwischen Medien und dem Athleten oder dem Team betrachtet. Sie stellen somit besonders nachgefragte Ansprechpartner dar. Es wird Insiderwissen eingefordert und ihre Handlungen werden analysiert und bewertet. Daraus folgt, dass der Trainer sich eine Überprüfung seiner Arbeit gefallen lassen muss, das heißt, sein Wissen und die hieraus abgeleiteten (oder auch nicht abgeleiteten) Maßnahmen werden permanent, oft auch von Laien, hinterfragt. Dabei wird die Beurteilung des Wettkampfes, des Sieges oder der Niederlage, die Trainerarbeit häufig auf eine Dimension (Erfolg oder Misserfolg) reduziert. Exklusives Wissen oder pädagogisch-psychologische Fähigkeiten zählen relativ wenig oder sie werden einfach mit dem Erfolg gleichgesetzt. Für den Trainer im Hochleistungssport kommt es eigentlich nicht primär darauf an, zum Beispiel pädagogisch-psychologisch gut zu arbeiten. Es gilt vielmehr, bei einigen wenigen Wettkämpfen möglichst viel Erfolg zu erzielen.

  1. Fristigkeit des Rollenhandelns

Die Position des Trainers ist somit von ständigen Erfolgsmeldungen abhängig. Sportler und somit auch ihre Trainer stehen permanent unter Erfolgs- und Zeitdruck. Im Falle von anhaltendem Misserfolg reagiert das System durch Austausch des Rollenträgers. Der Trainer wird entlassen, ein anderer eingestellt, ohne dass darüber hinaus eine Änderung eintreten müsste     (Mayer/Hermann, 2014).

Gemessen an diesen Besonderheiten des Rollenverständnis des Trainers, verwundert es nicht, dass diesen sprichwörtlich der Kragen platzt. Eine entscheidende Frage sollte sein, wie es zu unterschiedlichem Ausmaß von Ärger kommt, was jeder individuell bei der Entstehung von Ärger ¨falsch¨ macht, wie jemand situationsabhängig den richtigen Ärgerausdruck anwenden kann und dieser intra- und interindividuell bewertet wird (Dusi, 2005).

Theoriemodell Ärger

Spielberger et al. (1985) schafft eine gute theoretische Grundlage analog zu seinen Forschungsergebnissen zur Angst in Form der Unterscheidung eines Zustands- und Eigenschaftsträgers (State/Trait). Hinsichtlich des Ärgerausdrucks konnte er drei voneinander unabhängige Faktoren definieren und nachweisen (siehe Tab. 1).

Anger – In Unterdrückung von Ärger bzw. Nichtäußern von ärgerlichen Gefühlen.
Anger – Out Ausdruck von Ärger anderen Personen oder Objekten gegenüber in Form von physischen Angriffen und verbalen Attacken.    
Anger – Control Kontrolle des Ausdrucks von Ärger oder Äußerungen in sozial angemessener Weise.

Tab. 1

Auf diesem theoretischen Fundament entwickelte Schwenkmezger und Mitarbeiter (1999) ein integratives Ärgermodell, dass die Entstehung von Ärgerstress erklärt, die Ärgerrolle bei pathogenen Prozessen darstellt und darüber hinaus geeignete Wege zur Bewältigung dieser Ärgerstressoren aufzeigt. Im Modell wird vor allem die Rolle der Kognitionen bei der Entstehung und Verarbeitung des Ärgers deutlich, die zu einer Bewertung des Ärgerverhaltens und Einschätzung auf Effektivität führt und dadurch die Entwicklung individueller Ärgerverarbeitungsstile fördert. Abbildung 1 zeigt das Modell in der linken Hälfte, wobei auf der rechten Seite der Versuch unternommen wurde, dieses theoretische Gebilde mit Inhalt anhand des Beispiels Simpson zu verdeutlichen.

Abbildung 1

Interventionsmöglichkeiten

Mit dem Ärgerbewältigungstraining liefert Schwenkmezger et al. (1999) auch gleich eine Vorgehensweise, wie mit dem Konstrukt Ärger umgegangen werden kann. Dazu empfiehlt er folgendes praktisches Vorgehen:

Edukation und Aufklärung: Das Ärger auch eine wichtige Funktion hat, sollte bewusst gemacht werden.

Entspannung: Das Erlernen von Grundlagenfertigkeiten (Beckmann/Elbe, 2005), sprich einer Entspannungstechnik ist für den situationsdäquaten Umgang mit Ärger wichtig ist, da Ärgererleben und Entspannung inkompatibel sind.

Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung: Über Selbstbeobachtung (z.B. mittels eines Ärgertagebuchs) soll es in ärgerrelevanten Situationen, die Rolle der Gedanken, der Körperreaktionen, der körperlichen Anspannung und der sozialen Umgebung als relevante Bausteine der Entstehung und Aufrechterhaltung von Ärger analysieren.

Kognitionstraining: Typische ärgerrelevante Gedanken sind hohe Erwartungen, vorschnelle externale Ursachenattribuierung, Generalisierungen und Verletzungen eigener Ansprüche. Hier besteht die Möglichkeit eigene ärgerrelevante Gedanken zu hinterfragen und in Form eines problemlösezentrierten Vorgehens zu ersetzen und einzuüben.

Interaktions- und Kommunikationstraining: Geeignete kommunikative Ärgerbewältigungsstile (insbesondere Ich-Botschaften) im Rollenspiel einüben.

Individuelles Anwendungstraining: Es gibt keine Patentrezepte im Umgang mit Ärger, vielmehr ist das Erleben von flexiblen Strategien mit einem breiten Verhaltensrepertoire notwendig.

Fazit

Wir konnten aufzeigen, dass die Trainer im Hochleistungssport von Besonderheiten des Systems bestimmt werden und deren Arbeit auf erfolgreich oder nicht erfolgreiche Wettkämpfe reduziert wird. In diesem Zusammenhang interessiert es niemanden, welche Arbeit außerhalb des Wettkampfes (innerhalb des Trainingsalltages) geleistet wird. Tatsächlich ist partiell das Gegensätzliche sogar der Fall. Es kam sogar vor, dass Spitzentrainer ihre Position verloren, weil sie zu pädagogisch-psychologisch gearbeitet haben. Aus diesen Überlegungen heraus wird deutlich, unter welchem Zeit- und Erfolgsdruck die heutigen Trainer stehen. Somit wird fühlbar, welche Emotionen, je nach Spielausgang in dem Trainer hochkommen und entsprechend adäquat verarbeitet werden (siehe Ärgermodell Schwenkmezger) müssen. Dies gelingt im Gros den Trainern sehr gut.

In der Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen können individuelle Bewältigungsstile entwickelt werden. Teils wird so genanntes Kommunikationstraining in den Trainerausbildungen angeboten (vgl. DFB Fussballlehrer Hannes Weisweiler Akademie). Und somit wird möglicherweise auch schon eine Antwort auf die Frage gegeben bzw. es verwundert nicht mehr, dass viele Trainer in den unmittelbaren Interviews nach dem Spielgeschehen, sich in die altbekannten Floskeln stürzen, um sich selbst zu schützen und zu verhindern, dass es zu keinen bösen Überraschungen kommt, wie im zu Beginn genannten Fall des Eishockeytrainers.

 

Literatur:

Bette, K. H. (1984). Die Trainerrolle im Hochleistungssport. Sankt Augustin: Richarz.

Dusi, D. (1998). Ärgerbewältigung. Evaluation eines Ärgerbewältigungstrainings für klinische Gruppen (ÄBT-KG) im stationären Setting. Frankfurt a.M.: Lang.

Hermann, H.D., Mayer, J. (2014) Make them go. Was wir vom Coaching für Spitzensportler lernen können. Hamburg: Murmann Verlag.

Schwenkmezger, P., Steffgen, G., Dusi, D,. (1999). Umgang mit Ärger. – Ärger- und Konfliktbewältigungstraining auf kognitiv-verhaltenstherapeutischer Grundlage. Göttingen: Hogrefe.

Spielberger, C.D., Johnson, E.H., Russel, S., Crane, R.J., Jacobs, G., Worden, TJ. (1985). The experience and expression of anger: Construction and validation of an Anger Expression SCale. In M.A. Chesney & R.H. Rosenman (Eds.), Anger and hostility in cardiovascular and behavioral disorders. (pp. 5-30). New York: Hemisphere.

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Markus Gretz: Rituale im Basketball

Vor jedem Spiel wirft LeBron James Magnesiapulver in die Luft und sein ehemaliger Teamkollege Dwanye Wade macht Klimmzüge am Korb. Ist das nur Show oder haben Rituale auch eine Wirkung auf die Sportler? Machen Rituale sportpsychologisch Sinn oder ist das alles nur Aberglaube?

Zum Thema: Was passiert sportpsychologisch bei einem Ritual?

Rituale sind vor allem in Sekten und Religionen ein wichtiger Bestandteil. Aber auch im Sport sind Rituale weit verbreitet. Im Basketball gibt es zahlreiche Sportler, die sich mit einem bestimmten Ritual auf jedes Spiel vorbereiten oder die vor jedem Freiwurf dieselbe Routine durchlaufen. Mannschaften kommen in ein Huddle zusammen und rufen immer denselben Spruch oder machen eine bestimmte Geste. Diese Rituale sind teilweise individuell, werden aber manchmal auch teamübergreifend oder sogar sportartübergreifend durchgeführt. Im Sport soll damit aber keine übernatürliche Kraft gnädig gestimmt werden. Die Rituale haben für die Sportler meist eine andere Bedeutung.

So unterschiedlich wie die Rituale und Routinen sind, so unterschiedlich ist auch ihre Wirkung zu beurteilen. Manche Spieler nutzen Rituale vor allem, um sich zu beruhigen. Andere Spieler wollen sich durch ein Ritual eher aufpushen. Mannschaftsrituale werden hauptsächlich genutzt, um das Teamgefühl zu stärken und manchmal versuchen Mannschaften auch den Gegner durch Rituale zu verunsichern und selbstsicher aufzutreten (vgl. Sahra Schramm, „Mach den Haka!“:

Sarah Schramm: Mach den Haka!

Routinen und der Einfluss auf Emotionen

Wenn ein Spieler also beispielsweise vor jedem Spiel in die Hände klatscht und seine Schuhe abwischt, hat dieser Spieler vermutlich die Absicht mit hoher Energie (Fokus und Einsatz) ins Spiel zu gehen. Das Abwischen der Schuhe ist sogar funktional und hilft ihm auf dem Spielfeld nicht zu rutschen. Da dieses Ritual jedoch vor jedem Spiel ausgeführt wird, hat es noch eine andere Wirkung, die ich im Zusammenhang mit Freiwurfritualen verdeutlichen will.

Routinen haben einen starken Einfluss auf Emotionen. Durch ein gewohntes Ritual vor jedem Freiwurf erhält der Spieler das Gefühl der Kontrolle über die Situation. Es fühlt sich für den Spieler gut an, eine gewohnte Handlung auszuführen. Vor allem in Situationen, die ungewiss und aufregend sind, kann ein Ritual helfen, die Nervosität zu regulieren. Wichtig ist dabei allerdings, dass das Ritual schon Monate oder Jahre lang trainiert werden muss, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Das Ritual muss mit positiven Situationen verknüpft sein, um die positive emotionale Reaktion hervorzurufen. Wird ein Ritual nur vor schwierigen aufregenden Freiwürfen mit hohem Stresslevel durchgeführt, kann ein Ritual sogar entgegengesetzt wirken und noch mehr Aufregung hervorrufen. Bei einer sportpsychologischen Intervention werden Rituale deshalb oft erst im Zusammenhang mit Entspannungsverfahren trainiert, bevor man das Ritual in das sportliche Training integriert.

Technik stabilisieren

Rituale helfen aber auch Techniken zu stabilisieren. Unternimmt ein Spieler vor jedem Freiwurf dieselbe sportmotorisch unzweckmäßige Handlung gibt ihm diese Handlung ein zusätzliches Gefühl der Routine. Der kommende Freiwurf fühlt sich wie jeder vorher im Training geworfene Freiwurf an. Das Gehirn stellt durch das Trainieren der immer selben Bewegungsabfolge eine einfache Verknüpfung zu der darauffolgenden Bewegung her und kann diese noch einfacher abrufen. Dirk Nowitzki soll beispielsweise vor jedem Freiwurf ein Lied summen. Diese Melodie ist durch tausende von Wiederholungen im Training und im Spiel so sehr mit der darauffolgenden Freiwurftechnik verknüpft, dass die Technik anschließend stabiler und leichter ausgeführt werden kann.

Das Trainieren eines Rituals macht also sportpsychologisch und durchaus auch rational Sinn, wenn es richtig eingesetzt wird. Bei manchen Sportlern, die einen Talisman küssen oder reiben ist teilweise auch ein Teil Aberglaube im Spiel, der aber ähnlich wie ein medizinisches Placebo unbewusst wirken und natürlich auch die oben beschriebenen rationalen Wirkungen hervorrufen kann. Rituale sind aber auch nicht für alle Sportler geeignet. Spieler mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung, die also die eigene Kontrolle über die Situation als hoch einschätzen, profitieren weniger von Ritualen als Sportler, für die die Situation unkontrollierbar erscheint.

Von Aktivierung bis zur Beruhigung

Praxis Tipp: Um Rituale zu entwickeln ist es wichtig, individuell auf den Sportler und die Situation abgestimmte Bewegungen und Handlungen auszuwählen. Der Sportler muss sich mit seinem Ritual wohlfühlen. Außerdem sollte das Ritual je nach Zielstellung entwickelt werden. Springen wäre eine Beispielhandlung, um sich eher zu aktivieren, während die Augen zu schließen eher beruhigend wirkt.

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Weitere Informationen

Quellen:

Schippers, M. C., & Van Lange, P. A. (2006). The Psychological Benefits of Superstitious Rituals in Top Sport: A Study Among Top Sportspersons1. Journal of Applied Social Psychology, 36(10), 2532-2553.

Weigelt, M., & Steggemann, Y. (2014). Training von Routinen im Sport. Kognitives Training im Sport, 8, 91.

Cotterill, S. (2010). Pre-performance routines in sport: Current understanding and future directions. International review of sport and exercise psychology, 3(2), 132-153.

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Thorsten Loch: Totgesagte leben länger

Die folgende Blogidee kam mir Anfang März. Ich verfolgte ein Junioren-Bundesligaspiel und fühlte mich an das legendäre „Miracle of Istanbul“ zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand aus dem Jahr 2005 erinnert. Ähnlich diesem denkwürdigen Finale bot das Juniorenspiel über die 90 Minuten Spielzeit die gesamte Bandbreite von emotionalen Höhepunkten und Tiefschlägen. Insbesondere die beiden Trainer stachen von allen Protagonisten besonders heraus und tauchten förmlich in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Euphorie und Hilflosigkeit. Womit sich mir die Frage aufdrängt, ob die erlebte Hilflosigkeit wirklich sein muss?

Zum Thema: Was spielt sich in den Köpfen der Spieler ab und wie kann der Trainer Einfluss auf seine Schützlinge nehmen, wenn der Wettkampf zu kippen droht?

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Weitere Informationen

Der leistungsorientierte Wettkampfsport lebt von seiner Spannung und Dynamik. Fortwährend entwickeln sich neue unerwartete Situationen, die eine hohe Anpassungsleistung von allen Beteiligten verlangen. Gelingt die flexible Einstellung auf sich laufend ändernde Konstellationen im Wettkampfgeschehen (z.B. Zweikämpfe), kann hieraus ein besonderer Konzentrationszustand (vgl. Grau et al., 1990) erwachsen, der in seiner höchsten Ausprägung bis zur Selbstvergessenheit im Wettkampf führen kann. Umgangssprachlich wird dieser Zustand des „Spielrauschs“ oder „in einen Rausch spielen“ immer dann als Erklärung herangezogen, wenn Spielsportmannschaften außergewöhnliche Leistungen erzielen, wie die famose Aufholjagd der Engländer. Das Team aus Mailand spielte wie aus einem Guss und führte schnell 3:0. Csikszentmihalyi (1982) machten diesen Zustand als einer der Ersten zu seinem Forschungsinteresse und prägt den Begriff „Flow“, welcher sich im sportlichen Kontext einstellt, wenn die gestellten Aufgaben mit der für ihre Bewältigung notwendigen Fertigkeiten übereinstimmend erlebt werden.

Plötzliches Gegentor, Platzverweise, Fehlentscheidungen & Co.

Welche Möglichkeiten stehen Trainer und Spieler zur Verfügung, wenn wie nun einmal wie aus dem Nichts der „Faden reißt“ und der eben noch erlebte Flow verloren geht? Bleiben wir bei dem Champions League Finalspiel der Saison 2004/05. Die Rossoneri bestimmten in der ersten Halbzeit nach Belieben und führten „nur“ mit drei Toren. Die Entscheidung schien bereits mit dem Pausenpfiff gefallen und niemand glaubte an die Wende. Dies blieb auch bis zur 54 Minute so. Mit dem Mut der Verzweiflung gelang es dem damaligen Kapitän der „Reds“ Steve Gerrard, einen langen Ball zu verwerten. Ab diesem Zeitpunkt wendete sich das Blatt um 180°. Es schien so, als hätte Rafael Benìtez in der Kabine die richtigen Worte gefunden. Dieser Anschlusstreffer ist aus sportpsychologischer Perspektive insofern sehr interessant, weil dieser Treffer nicht nur Wirkung auf das englische Team hatte. Ab diesem Zeitpunkt konnte man deutlich erkennen, dass das bis dato dominierende Team aus Mailand völlig den Faden verlor. Mit aller Anstrengung stemmten sich die Italiener gegen die drohende Niederlage, aber sich aus diesem Tief selbst zu befreien gelang ihnen nicht.

Reframing

Hat der Trainer die Möglichkeit, während des Wettkampfes mit seinen Athleten in Kontakt zu treten? Zum Beispiel in der Halbzeitpause?

Thorsten Loch: Richtige Worte für die Pause

Aber ja: Ein Trainer kann mit situationsangepasstem Coaching versuchen, den Sportler bei der neuerlichen Konzentration auf das Spielgeschehen zu unterstützen (Syer/Connolly, 1987). Neben einfach und knapp formulierten Anweisungen, ist es besonders wichtig, dass sie die Aufmerksamkeit der Sportler zentrieren oder sogar Überraschungen hervorrufen, so dass die Spieler sie als Signal für das Umschalten von Versagens- auf Erfolgserwartungen deuten kann. Eine Möglichkeit beschreibt Gauron (1984) mit der sogenannten „Technik der Neuausrichtung“ (reframing). Bei dieser Technik nimmt man eine andere Perspektive oder Sichtweise ein und stellt sich seiner vermeintlichen Schwäche oder Schwierigkeit. Fast jeder negative Gedanke kann in ein anderes Licht gerückt oder anders interpretiert werden, so dass er dem Athleten hilft, anstatt ihn zu hindern (Leisinger, 2008). Durch die Neuausrichtung soll nichts heruntergespielt werden. Vielmehr soll der negative Gedanke zum eigenen Vorteil genutzt werden. Wenn ein Athlet beispielsweise den Satz sagt: „Ich hab ein ungutes, komisches Gefühl, wenn ich an die bevorstehende zweite Halbzeit denke“, dann kann er diesen neu ausrichten und z.B. wie folgt umformulieren „Ich bin aufgeregt und fühle mich bereit“. Der positive Selbstgesprächstyp sieht eine Herausforderung in jedem Problem und nicht ein Problem in jeder Herausforderung (Zinsser et al., 2006).

Fazit

Jeder kennt die Situation, ganz gleich ob als Aktiver oder Zuschauer. Eine unvorhersehbare Aktion stellt den bis dahin gelaufenen Verlauf völlig auf den Kopf. Die spielbestimmende Mannschaft verliert den Faden und gibt das Spiel aus der Hand. Viele Sportler und auch Trainer stehen dieser, zugegebenermaßen nicht selten vorkommenden Situation, oftmals hilf- und ratlos gegenüber. Doch dies muss nicht zwingend sein. Die Technik der Neuausrichtung ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die die angewandte Sportpsychologie den Beteiligten bietet, um adäquat mit solchen Situationen umzugehen. Ein Sportpsychologe kann dabei helfen, entsprechende Fertigkeiten gemeinsam mit Spielern und/oder Trainern zu entwickeln. Es bleibt reine Spekulation, ob und wie Benìtez in der Halbzeit seine Worte gewählt hat. Was wir jedoch wissen ist, dass es ihm gelang sein Team neu auf die zweite Halbzeit einzustellen und dies mit Erfolg, wie wir in dieser eindrucksvollen Nacht in Istanbul erleben durften.

 

Literatur:

Grau, U., Möller, J., Rohweder, N. (1990) Erfolgreiche Strategien zur Problemlösung im Sport. Die drei Seiten einer Medaille. Philippka Verlag, Münster.

Gauron, E.F. (1984). Mental training for peak performance. Lansing, NY: Sport Science Associates.

Leisinger, M. (2008) Selbstgesprächsregulation im sportlichen Kontext. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Syer, J., Connolly, C. (1987) Psychotraining für Sportler. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.

Zinsser, N., Bunker, L. & Williams, J.M. (2006) Cognitive Techniques for improving Performance and Building Confidence. In J. M. Williams, (Ed.). Applied sport psychology: Personal growth to peak performance (5th ed., pp. 349–381). Mountain View, CA: Mayfield

 

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Dr. René Paasch: Ziele und Motivation

Liebe Trainer und Trainerinnen, aus Ihrer eigenen Erfahrung wissen Sie, wie schwierig es sein kann, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Oft stehen Hindernisse im Weg, die auf den ersten Blick kaum oder nur mit viel Erfahrung auszumachen sind. Dieser Beitrag soll Ihnen helfen, genau diese Klippen bei Ihren Sportlern zu erkennen, so dass Sie am Ende individuell darauf reagieren können.  

Thema: Was sollten Sie berücksichtigen, um sportliche Ziele Ihrer Spieler bzw. Spielerinnen und Mannschaft zu erreichen?

Beabsichtigt ein Sportler bzw. Sportlerin oder Mannschaft bessere Leistungen oder Ziele im Training und Wettkampf zu erreichen (bspw. taktische Veränderungen, Schussqualitäten, Reaktionsfähigkeit, Champions League, DFB-Pokal u.v.m.) können hierfür unterschiedliche Anlässe verantwortlich sein. Prinzipiell lassen sich solche Anlässe in zwei Kategorien unterscheiden: Sportler bzw. Sportlerinnen oder Mannschaften deren äußere Einflüsse und Ziele auferlegt werden, können dazu führen, dass sie nur aktiv werden, wenn Strafen drohen. Beispielsweise könnten verpasste Trainingseinheiten dazu führen, dass man im nächsten Spiel auf der Ersatzbank sitzen muss oder Straftraining für die Mannschaft angesetzt werden. Manchmal lassen sich Sportler bzw. Sportlerinnen oder Mannschaften durch sinnvolle Argumente überzeugen. Dies passiert, wenn z.B. Informationen über den Sinn und Zweck der Vorgaben des Trainers von außen an sie herangetragen werden. Sie können solche Argumente  Nachvollziehen, selbst dann wenn sie glauben, dass diese Aussagen des Trainers nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Innere Einflüsse hingegen liegen für den Fall vor, dass der Sportler bzw. die Sportlerinnen beabsichtigen Änderungen vorzunehmen, weil sie sportliche Ziele verfolgen oder weil ihnen der Leistungssport Spaß macht. Neben dem Spaß kann ein weiterer innerer Anlass für eine Sportabsicht sein: Immer dann wenn Sport einen persönlich wichtigen Zweck erfüllt, der durchaus außerhalb des Sports liegen darf (Zugehörigkeit, persönliche Kontakte). Auch hier kommen sinnvolle Argumente für das Sporttreiben zum Tragen, allerdings spiegeln diese Argumente die Bedürfnisse der betroffenen Sportler/innen bzw. Mannschaften wider.

Zusammenspiel zwischen inneren und äußeren Einflüsse

Das Zusammenspiel zwischen inneren und äußeren Einflüsse drückt sich in der Selbstkonkordanz aus. Mit diesem Fachbegriff sind die Merkmale gemeint, die sich mit der formulierten Absicht verbinden. So lassen sich also Absichten hinsichtlich ihrer Selbstkonkordanz unterscheiden und die Höhe der Selbstkonkordanz gibt Auskunft darüber wie sehr eine gefasste Absicht den eigenen Interessen und Wertvorstellungen einer Person bzw. Mannschaft entspricht, was für Ihre praktische Arbeit sehr wichtig ist. Das von Sheldon und Elliot (1999) eingeführte Selbstkonkordanz-Modell beschreibt Zusammenhänge zwischen der Auswahl, der Verfolgung und dem Erreichen von Zielen. Selbstkonkordanz wird definiert als das Ausmaß, in dem Ziele den authentischen Interessen und Werten einer Person/Sportler/Sportlerin/Mannschaft entsprechen. Hintergrund der im Selbstkonkordanz-Modell beschriebenen Zusammenhänge ist die Beobachtung, dass Sportler auch Ziele wählen und verfolgen, die nicht unbedingt den eigenen Interessen entsprechen. Je mehr ein Ziel die persönlichen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse widerspiegelt, desto selbstkonkordanter ist dieses Ziel. Diese „Qualität“ eines Ziels beeinflusst zum einen direkt Prozesse bei der Zielverfolgung und Zielerreichung. Zum zweiten sind Effekte der Selbstkonkordanz zu erwarten, die sich auf die psychologischen Konsequenzen (z.B. Wohlbefinden, Zufriedenheit) der Zielerreichung beziehen. In ihrem Modell (Abbildung 1) verbinden Sheldon und Elliot (1999) diese zwei unterscheidbaren Prozesse miteinander.

 

Abb. 1: Selbstkonkordanz-Modell nach Sheldon und Elliot (1999).

Der erste Prozess beschreibt den Einfluss der Selbstkonkordanz auf die Zielerreichung. Demnach löst ein Ziel mit hoher Selbstkonkordanz eine nachhaltigere Anstrengungsbereitschaft bei der Zielverfolgung aus. Die Verbindung zwischen Zielerreichung und Wohlbefinden erklärt sich in diesem Modell durch den zweiten Teilprozess. Die Zielerreichung führt vor allem dann zu bedürfnisbefriedigenden Erfahrungen und dadurch zu höherem Wohlbefinden, wenn ein Ziel mit hoher Selbstkonkordanz erreicht wird. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine zukünftige Zielerreichung. Die Selbstkonkordanz beschriebenen Prozesse und Zusammenhänge konnten bereits auf der Grundlage mehrerer Studien überprüft und bestätigt werden (Sheldon & Kasser, 1998; Sheldon & Elliot, 1998; Sheldon & Elliot, 1999) Seelig & Fuchs, 2006). Sheldon und Elliot konnten den Einfluss der empfundenen Selbst- oder Fremdregulation bereits auf der Ebene der Zielauswahl beobachten, ohne dass eine entsprechende Handlung bereits durchgeführt sein muss. Auf diese Weise reicht bereits die bloße Formulierung einer entsprechenden Zielintention aus, um die Selbstkonkordanz eines Ziels beschreiben, einschätzen und messen zu können.

Die Rolle der Motivation

Was sollten Sie nun jetzt beachten und wie können sie die Selbstkonkordanz verbessern? Schauen wir uns dazu verschiedene Motivationsmodi an:  

Innere Motivation liegt vor, wenn ein Sportler bzw. Sportlerin ein Ziel selbst auswählt und verfolgt („Ich beabsichtige Leistungssport zu treiben, weil ich davon leben möchte“).

Verfolgt er/sie ein Ziel aufgrund der Überzeugung, dass es mit eigenen übergeordneten Wertevorstellungen übereinstimmt, spricht man von identifizierter Motivation („Ich beabsichtige Leistungssport zu treiben, weil ich talentiert bin und erfolgreich sein möchte“). Weil bei beiden Absichten die getroffene Zielauswahl auf eigenen Interessen beruht, wird die Begründung der Zielverfolgung als internal gesteuert.

Introjizierte Motivation liegt vor, wenn die Zielauswahl und Zielverfolgung auf Wertvorstellungen basiert, die zwar als sinnvoll akzeptiert werden, die aber nicht den eigenen Werten entsprechen. Die Übernahme fremder Wertvorstellungen führt dazu, dass sich Sportler bzw. Sportlerinnen und Mannschaften zur Zielverfolgung verpflichtet fühlen und dass eine potenzielle Nicht-Erfüllung solcher Ziele mit Angst einhergeht („Ich beabsichtige Sport zu treiben, weil ich sonst den Trainer und die Mannschaft enttäusche“).

Bei der äußeren Motivation kommt es lediglich aufgrund äußerer Anreize oder Zwänge zur Auswahl eines Ziels („Ich beabsichtige Sport zu treiben, weil meine Eltern, mich dazu drängen.“).

Für eine generelle Einschätzung der Selbstkonkordanz schlagen Sheldon und Elliot (1999) vor, die oben genannten Anregungen immer wieder in Gespräche nachzufragen und entsprechend anzupassen, indem die Summe der äußeren und der introjizierten Motivation von der Summe der intrinsischen und identifizierten Motivation abgezogen werden. Die Gesamtbetrachtung repräsentiert somit eine vereinfachte Abschätzung eines ursprünglich viergliedrigen Motivationsmusters.

Nach dieser Betrachtung könnten Sie dann Ihre Ziele nach den nun folgenden Methoden Schritt für Schritt umsetzen:

Sarah Schramm: SMARTe Ziele im Rugby

Dr. René Paasch: Per Woop zum Saisonziel

Fazit

Dieser Beitrag sollte Sie bestärken, ihre Spieler/innen und Mannschaften, in ihren Zielen voranzubringen. Viele Hindernisse existieren in den persönlichen Werten und Motivationsmodi. Das ist der Ort, wo Sie  eingreifen können und auch sollten.

Literatur

  • Seelig, H., Göhner, W., Mahler, C. & Fuchs, R. (2006). Selbstkonkordanz und Sportteilnahme: Längsschnittliche Überprüfung zweier konkurrierender Kausalstruktur-Modelle. In B. Halberschmidt & B. Strauss (Hg.), Elf Freunde sollt ihr sein? (S. 126). Hamburg: Czwalina.
  • Sheldon, K. M., & Kasser, T. (1998). Pursuing personal goals: Skills enable progress but not all progress is beneficial. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 1319–1331.
  • Sheldon, K. M. & Elliot, A. J. (1998). Not all personal goals are personal: comparing autonomous and controlled reasons for goals as predictors of effort and attainment. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 546-557.
  • Sheldon, K. M. & Elliot, A. J. (1999). Goal striving, need-satisfaction, and longitudinal well-being: The self-concordance model. Journal of Personality and Social Psychology, 76, 482-497.

Internet:

Link: http://www.die-sportpsychologen.de/2015/10/21/sarah-schramm-smarte-ziele-im-rugby/

Link: http://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/01/dr-rene-paasch-per-woop-zum-saisonziel/

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