Thorsten Loch: Unabsteigbar nach Herberger

Es ist eine gewagte Behauptung von mir, jedoch bin ich mir ziemliche sicher, dass der legendäre Appell von Sepp Herberger “Elf Freunde müsst ihr sein” gegen Ende einer Saison häufiger gestresst wird als zu Beginn der Spielserie. Ganz gleich in welcher Situation sich die Mannschaft befindet, versuchen die Trainer mit verwandten Phrasen ihre Schützlinge auf die letzten Spiele einzustimmen. Vollkommen zurecht, vorausgesetzt, dass es nicht nur bei diesen wertigen Worten bleibt, sondern sportpsychologisch eine Grundlage geschaffen worden ist. Wie? Einen Ansatz finden wir auf der Insel.

Zum Thema: Zur sozialen Ansteckung im Fussball

Eine Forschergruppe aus Großbritannien konnte herausfinden Boss/Kleinert (2011), dass wenn wir einen unseren Teampartner bei seinem emotional ausgelassenen (Tor-)Jubel beobachten, unsere eigenen Leistungsvoraussetzungen und schließlich unsere eigene Leistung steigen. Sie begründen: Wenn wir eine positiv-konnotierte emotionale Reaktion eines unserer Teampartner beobachten, erhöht das unser eigenes Selbstbewusstsein und löst zugleich Antizipationen aus, das Spiel als Team zu gewinnen. Gegensätzlich geschieht bei der Wahrnehmung einer negativen Verhaltensweise, bspw. einfache Fehler wie vermeidbare Fehlpässe oder ausgelassene Großchancen, nicht zwingend eine Verringerung des eigenen Selbstvertrauens. Vielmehr verändern sich die Beziehungsqualitäten innerhalb des Teams, weil die schlechtere Leistung des Mitspielers eine hohe Frustration über den Mitspieler und dessen Leistung auslöst. Dass negative Beziehungsqualitäten mit schlechterer Teamperformance einhergehen, ist sehr plausibel und gilt als allgemein bestätigt. Studien zeigen auf, dass je geringer der Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft ist, desto geringer ist auch deren Leistung – als auch das Gegenteil.

Dass sich unser Selbstbewusstsein erhöht, wenn wir eine gute Partnerleistung wahrnehmen, und dass wir unsere Beziehungsqualitäten abwerten, wenn wir eine schwache Partnerleistung vernehmen, ist begründet durch selbstwertschützende Bewertungsmuster. Unser Bestreben ist es, uns Dinge stets so auszulegen, dass es günstig für uns, unser Selbstbewusstsein und unser Selbstwert ist. Eine gute Leistung des Mitspielers nehmen wir uns als Vorbild, dass uns aufbaut und eine schlechte weisen wir von uns und schieben allein dem Mitspieler den „schwarzen Peter“ in die Schuhe.

Praxistipp: Was Trainer konkret tun können

Was können Trainer zusätzlich neben Gesprächen usw. unternehmen, um das Selbstvertrauen ihrer Mannschaft zu fördern? Der Trainer des wieder abstiegsbedrohten Hamburger SV, Markus Gisdol, könnte sich folgender Idee bedienen: Er könnte seine Spieler dazu anleiten, gelungene Aktionen wie bspw. den Torerfolg ausgiebig zu feiern und mit Extrapunkten zu belohnen. Denn ausgiebiges Demonstrieren von Stolz verbessert die Leistungsvoraussetzung des eigenen Teams. Nichtgelungende Aktionen sollten nicht zu übermäßigem Ärger über den betroffenen Teampartner führen, da das ebenso die eigene Performance negativ beeinflusst. Vielmehr sollte in einem solchen Fall an der eigenen Frustrationstoleranz gearbeitet werden und seine Teampartner positiv bestärken. Diese so genannten naiven Bewältigungsstrategien (z.B. Emotionsregulation) können im Vorfeld in Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen erarbeitet werden, welche es dem Spieler in einer solchen Situation ermöglichen mannschaftsdienlich agieren zu können.

Fazit: Der Druck auf die im „Abstiegskampf“ beteiligten Personen steigt am Ende einer Saison bis ins schier unermessliche. Die Systeme reagieren recht unterschiedlich auf eine solche Situation und lassen in diesem Zusammenhang nichts unversucht, um das Ruder doch noch „herumzureißen“. Wie der Beitrag hoffentlich gezeigt hat, muss nicht zwingend etwas Außergewöhnliches unternommen werden. Primäres Ziel sollte es sein, das Selbstvertrauen der Spieler zu erhöhen. Ob und wie dies den Trainern Gelingen wird oder nicht, ist eine spannende Frage, dessen Antwort nur die Zukunft kennt. Wir dürfen uns also auf zwei letzte reizvolle Spieltage freuen. Oder um es mit einem Zitat von Sepp Herberger zu sagen: 

„Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.“

 

Dr. René Paasch: Krisenmanagement zum Saisonende

Literatur:

Boss, M. & Kleinert, J. 2011 Beitrag in Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), Köln, Deutschland Juni 02, 2011 – Juni 04, 2011. in Ohlert, J. & Kleinert, J. (Hrsg.): Sport vereinT.Psychologie und Bewegung in Gesellschaft: 43. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 2. – 4. Juni 2011 in Köln Feldhaus (S. 29). (Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 210)

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