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Dr. René Paasch: Krisenmanagement zum Saisonende

 

Kurz vor Saisonende kann kein Trainer/in seine Spieler/innen mehr besser machen, er kann sie nur noch besser einstellen und Kräfte wecken, die noch nie da waren oder in der Winterpause in Vergessenheit gerieten. Jetzt aber gilt es, es geht um Bestehen. Ich nehme diesen Ball auf und zeige anhand von etablierten Methoden und Krisenintervention, wie Amateure und Profimannschaften mit dem Abstiegskampf umgehen können.

Zum Thema:  Was tun im Abstiegskampf?

Sportpsychologie ist bei Erfolg genauso wichtig wie beim Abstiegskampf! Selbst wenn man erfolgreich ist, gibt es immer wieder Handlungsoptionen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Der Arbeitsaufwand ist deshalb auch dann im gleichen Maße gegeben. Ich begreife die Sportpsychologie als einen wichtigen Baustein im Sport. Er ist gleichzusetzen mit Bereichen wie Physiotherapie, Athletik-Training, Ernährungsberatung oder der Analyse- und Scoutingpraxis. Trotz allem, kann kein Spieler bzw. Spielerin die Angst in diesen besonderen Drucksituationen ganz ausklammern. Der Abstiegskampf ist eine bedrohliche Situation, da geht es um die wirtschaftliche Existenz des Vereins und die Zukunft der Spieler bzw. Spielerinnen. Die Fähigkeit ist, mit dieser Angst richtig umzugehen. Die Angst darf auf dem Platz dabei sein, doch sie darf nicht die Aufmerksamkeit der Spieler bzw. Spielerinnen binden. Aus der Zeit als Dieter Hecking mit Alemannia Aachen im Europapokal spielte, ist ein Zitat aus der Kabine für sich sprechend.

„Macht endlich Fehler, aber traut euch was. Ich bin euch nicht böse, wenn wir Fehler machen, aber ich will, dass wir mutig spielen.“ Dieter Hecking

Manchmal muss ein Trainer einfach etwas anders machen, um gewisse Muster zu durchbrechen. Um das Gefühl zu geben, es passiert etwas. Man braucht in schwierigen Situationen eine zielführende Führungsstruktur. Es muss geklärt sein, wer Verantwortung übernimmt. Ein wichtiger Faktor sind dabei die Führungsspieler bzw. Führungsspielerinnen. Näheres zum Thema Führungsspieler/innen: 

Dr. René Paasch: Aussterbende Spezies Leitwolf?

Umgang mit Stress

Ein weiterer Faktor ist der Umgang mit dem Stress und was der Trainer bzw. die Trainerin zur Bewältigung im Abstiegskampf dazu beitragen kann. Als Trainer bzw. Trainerin ist es dabei besonders wichtig zu erkennen, welche Stressoren bei den Spielern bzw. Spielerinnen wirken. Die wichtigsten Hilfsmittel dabei sind die positive Bekräftigung, Hilfestellung, Vereinfachung und eine stressfreie und klare Kommunikation (Baumann, 2015; Boisen, 1975) sowie naive Bewältigungsstrategien, die  den Stress mindern können (Alfermann & Stoll, 2007). Trotz allem ist es ganz besonders wichtig als Trainer und Mannschaft, den Abstiegskampf als Chance und nicht als Krise zu sehen und so zu behandeln.

Näheres zum Thema:

Dr. René Paasch: Unter Stress Leistung bringen

Umgang mit der Krise

Alltagssprachlich ist mit dem Wort „Krise“ eine gefährliche Entwicklung bzw. eine Entscheidungs- oder Ausnahmesituation gemeint, im sportlichen, gesellschaftlichen oder individuellen Kontext (Schnell & Wetzel 1999). Der chinesische Begriff für Krise setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen, wobei eins dem Doppelzeichen für „Gefahr“ und das andere dem Doppelzeichen für „Chance“ entstammt. In vielen Kulturen wurde demnach auf die in der Krise potentiell vorhandenen „Veränderungsenergien“ hingewiesen. Insofern kann der Begriff Krise auch positiv besetzt sein, als „eine Herausforderung, deren erfolgreiche Bewältigung mit einem gestärkten Selbstbewusstsein verbunden ist“ (Burgess & Baldwin 1981). Prinzipiell sind an eine Krisenintervention folgende Anforderungen zu stellen (modifiziert auf die Sportpsychologie in Bezug auf den Abstiegskampf nach Berger & Riecher-Rössler, 2004):

  • Schneller Beginn (Hier und Jetzt – jeder Moment zählt!)
  • Zeitliche Begrenzung (Abstiegskampf oder saisonale Planung)
  • Sicherheit für das Team und Umfeld gewährleisten (Schutz vor der Öffentlichkeit)
  • Rasche physische, kognitive und emotionale Entlastung anstreben (Unterstützung Sportpsychologe bzw. Sportpsychologin)
  • Sicheren Raum anbieten für den Ausdruck von Gefühlen (individuell/kollektiv)
  • Aktive und (Methoden-) flexible Trainerhaltung (Aktives Zuhören bis Handeln)
  • Transparentes, nachvollziehbares und eindeutiges Trainervorgehen mit klarer Kommunikation (Zweifache Verwendung des Wertequadrates: für ein Individuum und für ein System – Schulz von Thun)
  • Beratungsfokus auf aktuelle Situation und/oder Auslöser (Unterstützung Sportpsychologe/in und Funktionsteam)
  • Reaktivierung und Einbezug von Ressourcen (Kräfte bündeln und sich gegenseitig motivieren)
  • Planung und Vereinbarung einer zukunftsträchtigen „Nachsorge“ (Umgang mit dem Abstiegskampf? Krisenmanagement fest etablieren und den Blick nach vorne richten)

Ein Kraftakt

Eine Krisenintervention im Abstiegskampf fokussiert somit den Trainer bzw. Trainerin und das Funktionsteam auf den akuten emotionalen und kognitiven Zustand des Sportlers bzw. der Sportlerin sowie die vorhandenen Ressourcen. Sie ist mit einem spezifischen, auf die unmittelbare Stabilisierung der  Mannschaft ausgerichteten Vorgehen versehen. Die Mannschaft soll emotional entlastet und dessen Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit wiederhergestellt werden. Nach dem transaktionalem Modell von Lazarus (1966) erfordert dies von „Jedem“ letztendlich eine Neubewertung des Abstiegskampfes, bspw. „ist eine große Chance für uns; ist eine Herausforderung; …“, und/ oder eine optimistischere Einschätzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen zur Bewältigung, bspw. „wir stehen das durch; wir sind nicht alleine“.

Dabei ist zu betonen, dass eine aktive Haltung des Trainers und Funktionsteams nicht mit einem Aufzwingen von Interventionen gleichzusetzen ist. Des Weiteren erfordert jede Krisenintervention vom Trainer bzw. Trainerin und Funktionsteam ein hohes Maß an „emotionale Gelassenheit und Stärke“, da er/sie unmittelbar mit starken Gefühlen und zum Teil mit schlechten Berichten des Teams und Medien konfrontiert wird, ohne dass er als Reaktion darauf die notwendige Distanz unter- noch überschreiten darf. Genauso wichtig ist es, die Krisen-bezogenen Kognitionen des Sportlers bzw. Sportlerin zu erfassen. Nach dem Grundsatz der Rational Emotiven Therapie nach Ellis (1977), werden emotionale und Verhaltens-Konsequenzen (C) eines Individuums nach dem „ABC-Modell“, nicht direkt durch auslösende äußere oder innere Ereignisse (A), sondern durch die Art der Bewertung (B) dieser Ereignisse hervorgebracht. Die Analyse der Gedanken und Bewertungen Ihrer Spieler und Spielerinnen gibt einerseits einen Hinweis auf innere Auslöser, darüber hinaus kommen dysfunktionale Gedanken und Bewertungen eine krisenaufrechterhaltende Bedeutung zu („Wir schaffen das nie; ich hab das in meiner Karriere noch nicht geschafft“; …). Es sollte daher primär entlastend und stützend interveniert werden. In diesem Fall sollten Sie sich mit einem Sportpsychologen/in kurzschließen, der diesen Prozess begleitet. Weitere interessante Artikel zum Thema Krise und Fokus auf das wesentliche finden Sie hier:

Dr. René Paasch: Teams in der Krise

Prof. Dr. Oliver Stoll: Fokus auf das Wesentliche

Fazit

Das Ziel des Krisenmanagements im Abstiegskampf ist es, auf diese möglichst gut vorbereitet zu sein, um sie zu managen. Ein wichtiger Bestandteil ist es deshalb, eine Strategie zu entwickeln, die auf Veränderungen flexibel reagieren kann. Um diese Strategie zu entwickeln, ist es notwendig, eine Bestandsaufnahme der gesamten Mannschaft zu machen,  Gedankenkontrolle und Ressourcen durchzuführen und diese stetig zu dokumentieren. Krisenmanagement ist keine einmalige Angelegenheit, sondern ein Prozess, der beständig weiterentwickelt wird und sich verändernden Formen anpasst. Somit beginnt Krisenmanagement auch nicht erst, wenn der Abstiegskampf eingetreten ist. Denken Sie immer daran: „Selbst wenn man am Ende absteigen sollte, ist es kein Ende, sondern, wenn man den Abstiegskampf klug genutzt hat, vielleicht ein Anfang.”

Thorsten Loch: Unabsteigbar nach Herberger

 

Literatur

  1. Alfermann, D., & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl). Sportwissenschaft studieren: Vol. 4. Aachen: Meyer & Meyer.
  2. Baumann, S. (2015). Psychologie im Sport: Psychische Belastungen meistern, mental trainieren, Konzentration und Motivation (6. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.
  3. Boisen, M. (1975). Angst im Sport: Der Einfluss von Angst auf das Bewegungsverhalten. Schriftenreihe des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hamburg: Vol. 8. Giessen etc.: Achenbach.
  4. Burgess A.W., Baldwin, B.A. (1981): Crisis intervention theory and practice. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall
  5. Ellis, A. 1962 dt. (1977): Reason and emotion in psychotherapie. New York: Lyle Stuart
  6. Lazarus, R. S. (1966): Psychological stress and the coping process.New York: McGraw-Hill.
  7. Schnell, M. & Wetzel, H. (1999): Krisenintervention und –therapie. In: Asanger R & Wenninger G (Hrsg.) Handwörterbuch Psychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 371-376

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Thorsten Loch: Unabsteigbar nach Herberger

Es ist eine gewagte Behauptung von mir, jedoch bin ich mir ziemliche sicher, dass der legendäre Appell von Sepp Herberger “Elf Freunde müsst ihr sein” gegen Ende einer Saison häufiger gestresst wird als zu Beginn der Spielserie. Ganz gleich in welcher Situation sich die Mannschaft befindet, versuchen die Trainer mit verwandten Phrasen ihre Schützlinge auf die letzten Spiele einzustimmen. Vollkommen zurecht, vorausgesetzt, dass es nicht nur bei diesen wertigen Worten bleibt, sondern sportpsychologisch eine Grundlage geschaffen worden ist. Wie? Einen Ansatz finden wir auf der Insel.

Zum Thema: Zur sozialen Ansteckung im Fussball

Eine Forschergruppe aus Großbritannien konnte herausfinden Boss/Kleinert (2011), dass wenn wir einen unseren Teampartner bei seinem emotional ausgelassenen (Tor-)Jubel beobachten, unsere eigenen Leistungsvoraussetzungen und schließlich unsere eigene Leistung steigen. Sie begründen: Wenn wir eine positiv-konnotierte emotionale Reaktion eines unserer Teampartner beobachten, erhöht das unser eigenes Selbstbewusstsein und löst zugleich Antizipationen aus, das Spiel als Team zu gewinnen. Gegensätzlich geschieht bei der Wahrnehmung einer negativen Verhaltensweise, bspw. einfache Fehler wie vermeidbare Fehlpässe oder ausgelassene Großchancen, nicht zwingend eine Verringerung des eigenen Selbstvertrauens. Vielmehr verändern sich die Beziehungsqualitäten innerhalb des Teams, weil die schlechtere Leistung des Mitspielers eine hohe Frustration über den Mitspieler und dessen Leistung auslöst. Dass negative Beziehungsqualitäten mit schlechterer Teamperformance einhergehen, ist sehr plausibel und gilt als allgemein bestätigt. Studien zeigen auf, dass je geringer der Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft ist, desto geringer ist auch deren Leistung – als auch das Gegenteil.

Dass sich unser Selbstbewusstsein erhöht, wenn wir eine gute Partnerleistung wahrnehmen, und dass wir unsere Beziehungsqualitäten abwerten, wenn wir eine schwache Partnerleistung vernehmen, ist begründet durch selbstwertschützende Bewertungsmuster. Unser Bestreben ist es, uns Dinge stets so auszulegen, dass es günstig für uns, unser Selbstbewusstsein und unser Selbstwert ist. Eine gute Leistung des Mitspielers nehmen wir uns als Vorbild, dass uns aufbaut und eine schlechte weisen wir von uns und schieben allein dem Mitspieler den „schwarzen Peter“ in die Schuhe.

Praxistipp: Was Trainer konkret tun können

Was können Trainer zusätzlich neben Gesprächen usw. unternehmen, um das Selbstvertrauen ihrer Mannschaft zu fördern? Der Trainer des wieder abstiegsbedrohten Hamburger SV, Markus Gisdol, könnte sich folgender Idee bedienen: Er könnte seine Spieler dazu anleiten, gelungene Aktionen wie bspw. den Torerfolg ausgiebig zu feiern und mit Extrapunkten zu belohnen. Denn ausgiebiges Demonstrieren von Stolz verbessert die Leistungsvoraussetzung des eigenen Teams. Nichtgelungende Aktionen sollten nicht zu übermäßigem Ärger über den betroffenen Teampartner führen, da das ebenso die eigene Performance negativ beeinflusst. Vielmehr sollte in einem solchen Fall an der eigenen Frustrationstoleranz gearbeitet werden und seine Teampartner positiv bestärken. Diese so genannten naiven Bewältigungsstrategien (z.B. Emotionsregulation) können im Vorfeld in Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen erarbeitet werden, welche es dem Spieler in einer solchen Situation ermöglichen mannschaftsdienlich agieren zu können.

Fazit: Der Druck auf die im „Abstiegskampf“ beteiligten Personen steigt am Ende einer Saison bis ins schier unermessliche. Die Systeme reagieren recht unterschiedlich auf eine solche Situation und lassen in diesem Zusammenhang nichts unversucht, um das Ruder doch noch „herumzureißen“. Wie der Beitrag hoffentlich gezeigt hat, muss nicht zwingend etwas Außergewöhnliches unternommen werden. Primäres Ziel sollte es sein, das Selbstvertrauen der Spieler zu erhöhen. Ob und wie dies den Trainern Gelingen wird oder nicht, ist eine spannende Frage, dessen Antwort nur die Zukunft kennt. Wir dürfen uns also auf zwei letzte reizvolle Spieltage freuen. Oder um es mit einem Zitat von Sepp Herberger zu sagen: 

„Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.“

 

Dr. René Paasch: Krisenmanagement zum Saisonende

Literatur:

Boss, M. & Kleinert, J. 2011 Beitrag in Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), Köln, Deutschland Juni 02, 2011 – Juni 04, 2011. in Ohlert, J. & Kleinert, J. (Hrsg.): Sport vereinT.Psychologie und Bewegung in Gesellschaft: 43. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 2. – 4. Juni 2011 in Köln Feldhaus (S. 29). (Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 210)

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Dr. René Paasch: Unter Stress Leistung bringen

Drei Spieltage vor Ende der Bundesliga-Saison haben fast alle Teams Stress. Leipzig, Dortmund und Hoffenheim streiten sich um zwei freie direkte Champions League-Startplätze. Zwischen Berlin und Frankfurt träumen sie von der Europa League. Und der ganze Rest kämpft gegen den Abstieg. Auch in anderen Ligen – bis hinunter in die Niederungen des Fußballs – kennen Mannschaften die besonderen kritischen Situationen am Saisonende. Hier geht es um Existenzen, da um Träume oder Alpträume. In dem nun folgenden Beitrag möchte ich Ihnen bewährte Methoden anbieten, die Ihren Spielern bzw. Spielerinnen im Umgang mit Stress behilflich sein können.

Zum Thema: Was kann der Trainer bzw. die Trainerin zur Bewältigung von Stress beitragen?

In der Theorie sind verschiedenste Definitionen von Stress zu finden. Sie werden mit Begriffen wie Beklemmung, Erregung, Überforderung und Kontrollverlust beschrieben (Baumann, 2015). Seit den 80er Jahren definieren Lazarus und Launier (1981) den Stressbegriff als Transaktion zwischen Umwelt und Person. Dabei stellt die subjektive Bewertung durch das Individuum den entscheidenden Faktor dar. Psychologischer Stress beruht demnach auf der Einschätzung eines betroffenen Individuums, ob der jeweilige „Spieler- bzw. Spielerin-Umwelt-Beziehung“ als herausfordernd, bedrohend oder schädigend einzustufen sind. Die kognitive Bewertung wird in zwei Fassetten unterteilt: Erstens die primäre Einschätzung (Was steht auf dem Spiel). Sie bedient sich überwiegend der Informationen aus der Umwelt (individuelle Forderungen). Und zweitens die sekundäre Ressourcenwahrnehmung, bei der die Strategien der Bewältigung überprüft werden. Sie stützt sich auf die Merkmale eines Spielers bzw. Spielerin (Selbstwirksamkeit). Schließlich erfolgt eine Neubewertung (primär & sekundär). Aus der Einschätzung ergeben sich dann verschiedene Bewältigungsstrategien, die auch als Coping bezeichnet werden. Die kognitive Bewertung wird somit zum zentralen Faktor von Stress.

Im Allgemeinen wird eine grobe Unterscheidung zwischen problemorientierten und emotionsorientierten Funktionen des Copings vorgenommen (Schwarzer, 1993). Bei problemorientiertem Coping zielt das Verhalten auf die Lösung des Problems, bei emotionsorientiertem Coping zielt das Verhalten auf die Linderung der Symptome. Von dieser Idee inspiriert, folgten nun systematische Studien (Stoll, 1995; Ziemainz, 1997). In den genannten Studien konnten leistungsförderliche und –mindernde Copingstrategien aufgedeckt werden. Als Trainer bzw. Trainerin ist es dabei wichtig zu erkennen, aus welchem Grund ein Spieler bzw. Spielerin Stress hat. Die wichtigsten Hilfsmittel sind die positive Bekräftigung, Hilfestellung, Vereinfachung und eine stressfreie und klare Kommunikation (Bandura, 2006; Baumann, 2015; Boisen, 1975) sowie naive Bewältigungsstrategien, die  den Stress mindern können (Alfermann & Stoll, 2007).

Der Umgang mit Stress – Naive Bewältigungsstrategien

Es ist davon auszugehen, dass negativer Stress im Wettkampf zu einer Leistungsminderung führt. Sie blockiert unsere Gedanken (Konzentration, verengte Wahrnehmung). Hier ein praktisches Beispiel „Elfmeter“ aus dem Fußball. Jeder kennt diese Situation: Es sind nur noch wenige Sekunden der Nachspielzeit (Pokal, Punktspiel o.ä.) und wir wissen, dass wir treffen müssen, um zu gewinnen. Foul im Strafraum, Elfmeter! Was passiert in unseren Gedanken? Werde ich den Strafstoß treffen? Ich habe in der letzten Woche nicht getroffen und bin mir heute nicht sicher, ob ich das kann. Was passiert eigentlich, wenn ich den Elfmeter verschieße? Was denken die Zuschauer, Spieler und Trainer von mir? Das innere Gespräch wird immer destruktiver und das ansonsten ausreichend große Tor wird immer kleiner. Der Spieler bzw. die Spielerin stellt die Leistung infrage. Aufgrund des unruhigen Zustandes, kommt es zu einem Verkrampfen der Muskulatur. Die Folge ist, der Elfmeter wird verschossen. Was können Sie tun, um den negativen Stress möglichst wirksam zu bewältigen. Hier können wir uns auf Ergebnisse nur sehr weniger Studien beziehen, die in der angewandten Sportpsychologie durchgeführt wurden. Aus diesem Grund, möchte ich Ihnen die naiven Bewältigungsstrategien Alfermann & Stoll (2007) anbieten. Die im Laufe der Zeit durch verschiedenste Erfahrungen gemacht wurden. Sie lassen sich in personenorientierte (Resillienz, Atementspannung, PMR oder Autogenes Training u.v.m.) und umweltorientierten (Aufsuchen einer beruhigen Atmosphäre unter Zuhilfenahme eines IPods) Bewältigungsstrategien unterteilen. Eine in der Praxis erprobte Überblicksdarstellung der kognitiven, naiven Bewältigungstechniken im Basketball nach Lau, Stoll, Wahnelt (2002) können auf den Fußball –nach individueller Anpassung- übertragen werden. Da dies jetzt zu weit führen würde, möchte ich Ihnen die positiven Selbstinstruktionen und kognitives Training, die sich in der Praxis bewährt haben, anbieten:

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Dr. René Paasch: Selbstgespräche machen Beine

Training zur Neu- und Umbewertung

Darüber hinaus möchte ich das Training zur Neu- und Umbewertung empfehlen. Das Ziel dieses Trainings liegt darin, durch Lernerfahrungen stressauslösende Situationen bewusst wahrzunehmen und diese angemessen einzusetzen. Sie können wie folgt vorgehen:

  1. Informationsphase (Stress und Ärger bewusst machen) Hilfsmittel: Video, Tagebücher.
  2. Übungsphase (Ärger- und Stressbewältigungsstrategien erlernen): Selbstinstruktionen – siehe o.g. Links und Visualisierungsübungen.
  3. Anwendungsphase (Fertigkeiten im Training trainieren). Mit diesen Phasen können Sie Ihren Ärger- und Stress erkennen, neubewerten und trainieren.

Ein Stressbewältigungstraining ist für alle Fußballer bzw. Fußballerinnen sinnvoll, die oft und schnell Stress erleben. Es kann daher nicht nur für Fußballer/innen sondern auch für Trainer und Eltern nützlich sein. Zusammengefasst bieten die naiven Bewältigungsstrategien einen innovativen Ansatz, um dem negativen Einfluss von Stress sportliche Leistung entgegenzuwirken. Durch den Einsatz gezielter Bewältigungsstrategien können gestresste Fußballer/innen in die Lage versetzt werden, auch in Wettkampfsituationen ihre Aufmerksamkeit auf das relevante Ziel zu richten.

 

Literatur

  1. Alfermann, D., & Stoll, O. (2007). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl). Sportwissenschaft studieren: Vol. 4. Aachen: Meyer & Meyer.
  2. Bandura, A. (2006). Psychological modeling: Conflicting theories. New Brunswick, N.J.: Aldine Transaction.
  3. Baumann, S. (2015). Psychologie im Sport: Psychische Belastungen meistern, mental trainieren, Konzentration und Motivation (6. Aufl). Aachen: Meyer & Meyer.
  4. Boisen, M. (1975). Angst im Sport: Der Einfluss von Angst auf das Bewegungsverhalten. Schriftenreihe des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Hamburg: Vol. 8. Giessen etc.: Achenbach.
  5. Lau. A.; Stoll, O.; Wahnelt, S. (2002): Mentales Training im Basketball. Butzbach: Afra
  6. Stoll, O. (1995): Stressbewältigung im Langenstreckenlauf. Bonn. Holos.
  7. Lazarus, R. S. & Launier, R. (1981). Streßbezogene Transaktionen zwischen Person und Umwelt. In J. R. Nitsch (Hrsg.), Streß. Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen (S. 213–259). Bern: Huber.
  8. Schwarzer, R. (1993). Streß, Angst und Handlungsregulation (3. erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  9. Ziemanz, H. (1999): Handlungskontrolle und Stressintervention im Triathlon. Aachen: Meyer & Meyer

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Höher, schneller, tot

«Bergsteiger Ueli Steck tödlich verunglückt!» Diese Schlagzeile dominiert momentan die Medien. Die Schweiz trauert um ihren berühmtesten und erfolgreichsten Extremsportler. Der Absturz am Mount Everest macht betroffen, scheint aber auf tragische Weise jene finale Erkenntnis zu bewahrheiten, die der Alpinist selbst kürzlich in einem Interview pointiert formulierte: „Scheitern heisst Sterben“. Auch die Sportpsychologie ist gefragt, wenn es um die Sinnhaftigkeit sportlichen Strebens in der extremsten Form geht. Wo soll und muss sie sich einmischen? Kann sie helfen zu verstehen, was Extremsportler antreibt?

Zum Thema: Inwiefern kann die Sportpsychologie auch Extremsportlern helfen?

Extremsportler bezeichnen sich selbst als Grenzgänger. Sie erkennen in ihrem aussergewöhnlichen Streben nach Spitzenleistung einen besonderen Sinn, Sicherheiten aufzugeben und sich bewusst und aktiv in bedrohliche Lebenssituationen zu begeben. Der bekannte deutsche Sportpsychologe Henning Allmer (1995) hat schon früh eine noch heute gebräuchliche Systematisierung des Extremsports vorgeschlagen. „Zusammengefasst sind für Extrem- und Risikosportaktivitäten außerordentliche Strapazen, ungewohnte Körperlagen und – zustände, ungewisser Handlungsausgang, unvorhersehbare Situationsbedingungen und lebensgefährliche Aktionen charakteristisch.“ (S.64). Kritiker des Extremsports sprechen vom „kalkulierten Wahnsinn“ und beziehen sich dabei auf das nicht durch den Sportler selbst beeinflussbare Restrisiko. „Wir sprechen vom Restrisiko“, betont auch Extremsportlerin Evelyne Binsack. „Und wenn auf diesem Niveau etwas schiefgeht, kann das eben auch fatale Folgen haben.“ Triebfeder ihres Tuns sei ihre grosse Leidenschaft. Sie spricht von einer „amputierten Seele“ wenn sie daran gehindert würde, diese auszuleben.

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Weitere Informationen

Pädagoge Siegbert Warwitz erkennt im Extremsport ein werterfüllendes Handeln, wenn es von Sinnstreben getragen wird. Im Wagnis sieht er einen Weg der aktiven Selbstvervollkommnung, als Möglichkeit, die naturgegebenen Potenziale optimal auszureifen und einer als bedeutsam angesehenen Lebensaufgabe dienstbar zu machen. Diese pädagogische Betrachtung bedingt zudem eine strikte Trennung zwischen Nervenkitzel und Wagnis, Sensationsgier und Sinnsuche, Thrill und Skill, – Einstellungen eben, die den Wagemutigen vom Reizfanatiker trennen.

Die Motivation zu Extremleistungen

Zur Beschreibung der Motivation zu Extremleistungen aus sportpsychologischer Sicht boten sich schon früh zwei Erklärungsansätze an: Zum einen liegt ein Anreiz vermehrt in der Herausforderung, die eigenen Leistungsgrenzen auszutesten. Zum anderen suchen viele Sportler das emotionale Erlebnis. Die Sportpsychologie spricht vom Sensation Seeker. Dabei geht es nicht nur um den Nervenkitzel, sondern insbesondere um das erfolgreiche Überwinden von eigenen Zweifeln und Ängsten. Evelyne Binsack sagt: „Ich bin auch nur ein Mensch, habe Ängste, innere Kämpfe – mit dieser Zerrissenheit muss ich als Extremsportlerin leben.“ Bekannt ist aber auch, dass intensivste Sinnesreize und aussergewöhnliche Emotionszustände den Sportler in einen rauschähnlichen Zustand versetzen können. Die Extremsport wirkt dann wie eine Droge, die dazu führt, dass der Sportler körperliche Beschwerden nicht mehr spürt oder sie bagetellisiert.

Das Interesse am Extremsport ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Sportangebote werden nachgefragt, die Risiko- und Spannungserleben versprechen. Zusätzlich befeuert wird die Lust an der Grenzerfahrung durch eine stetig steigende Professionalisierung der Extremsportarten. Finanzstarke Sponsoren (z.B. Red Bull) und das vermehrte Interesse der Massenmedien sorgen dafür, dass die „Marke X-treme“ im öffentlichen Bewusstsein verankert wird. Entstanden ist eine neue Sportbühne, die mit dem Stratosphärensprung von Felix Baumgartner von 2012 medienwirksam inszeniert wurde: über 10 Millionen Zuschauer verfolgten den Österreicher live am Bildschirm bei seinem Sprung aus 39 Kilometern Höhe. Noch mehr Nähe zu Extremsportaktivitäten dürfte in den letzten zehn Jahren über die sozialen Medien und ihre Netzwerke entstanden sein. Welche Wirkung diese auf die Beachtung von Extremsportarten bei Jugendlichen haben, ist bisher noch nicht schlüssig erforscht.

Boomender Extremsport

Extremsport boomt, die Lust an der Grenzerfahrung ist ungesättigt, die Nachfrage im Internet steigt weiter. Der tragische Unfall von Ueli Steck zeigt aber auch: die „Verleiht-Fügel“-Idee erlitt jüngst vermehrt katastrophale Bruchlandungen. Deutliches Indiz dafür ist die Zunahme der Todesfälle im Base-Jumping, wie aus der bfu-Statistik der Sportunfälle 2000-2015 zu entnehmen ist. „Wenngleich jeder Extremsportler wisse, dass so etwas geschehen könne, bleibe es unfassbar,“ beschreibt Evelyne Binsack die Tragödie. Der renommierte Höhenmediziner Oswald Oelz bringt es auf den Punkt: „Irgendwann passiert es auch den Allerbesten. Irgendwann schlägt die Statistik zu.“ Diese traurige Wirklichkeit trifft insbesondere für die Schweiz zu. 2009 verunglückte mit Ueli Gegenschatz (38) einer der damals weltbesten Basejumper tödlich, als er im Rahmen eines von Red Bull gesponserten Events vom Hochhaus in Zürich sprang. 2016 wurde Freeride Weltmeisterin Estelle Balet (21) bei Dreharbeiten für einen Film von einer Lawine erfasst und verstarb noch am Unfallort.

Sebastian Reinold: Der Reiz der Gefahr

Auch nach dem Unfall von Ueli Steck dürfte sich der Trend fortsetzen: Extrem- und Risikosportarten werden in Zukunft weiterhin einzelne junge Menschen faszinieren und anziehen. Aus Sicht der angewandten Sportpsychologie lassen sich aus diesen Überlegungen mindestens drei relevante Aspekte benennen:

Aus Sicht einer pädagogisch orientierten Sportpsychologie stellt sich die Frage: Würde ich als Sportpsychologe einen Extremsportler unterstützen wollen? Was sind meine moralisch-ethischen Begründungen, die für oder auch gegen ein Engagement in diesem Bereich sprechen?

Thema Wagnis im Sportunterricht. Siegbert Warwitz’ Analysen ergeben prinzipiell vergleichbare Grundmotive und Charakterstrukturen bei Mutproben des nach seiner Identität suchenden Kindes. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass im Rahmen der Berner Studie zur Persönlichkeitsentwicklung durch Schulsport (BISS) dem Unterrichts-Modul „Wagnis“ grosse Bedeutung zugeschrieben wird.

Betrachtet man die erwähnten Athleten-Beispiele aus Sicht des Karriereverlaufsmodells von Wylleman & Lavallee (2004), stellt sich eine grundsätzliche Frage: Könnten Extremsportler im Herbst ihrer Karriere von einer sportpsychologischen Unterstützung im Übergang in eine nachsportliche Karriere profitieren?

Literatur und Quellen:

Allmer, H. (1995). „No risk – no fun“ – Zur psychologischen Erklärung von Extrem- und Risikosport. Brennpunkte der Sportwissenschaft, 9 (1/2), 60–90.

Wylleman, P. & Lavallee, D. (2004). A developmental perspective on transitions faced by athletes. In M. Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A lifespan perspective (pp. 507-527). Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

Orley, Florian (2014). Die Lust am Risiko. Warum Extremsportler ihr Leben für den Sport risikieren. Hamburg: disserta Verlag.

Warwitz, S.A. (2016) Wege des Wagens in sportlichen Risikobereichen. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Aufl., Baltmannsweiler 2016, S. 53–96.

http://www.20min.ch/sport/weitere/story/-Es-ist–als-ob-man-einem-die-Seele-amputiert–20419948

http://www.tagesanzeiger.ch/sport/Steck-in-seinem-letzten-Interview-Scheitern-heisst-sterben/story/16998516

http://www.bfu.ch/sites/assets/Shop/bfu_2.999.01_bfu-Erhebung%202016%20–%20Tödliche%20Sportunfälle%20in%20der%20Schweiz,%202000–2015.pdf

http://extremsport-welt.de/wp-content/uploads/2013/12/Felix-Baumgartner_Kansir_flickr_CC-BY20.jpg

http://www.blick.ch/news/schweiz/nach-basejumper-tod-hagelt-es-kritik-geht-red-bull-ueber-leichen-id36291.html

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/tragischer-unfall-bei-dreharbeiten-freeride-weltmeisterin-balet-stirbt-in-lawine/13469410.html

https://www.srf.ch/news/panorama/irgendwann-passiert-es-auch-den-allerbesten

http://www.zssw.unibe.ch/biss/

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2. Netzwerktreffen in Bern – 27.05.2017

Das zweite Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen steht im Schweizerischen Bern auf dem Programm. Direkt im Anschluss an die asp-Tagung in Bern kommen die Profilinhaber von Die Sportpsychologen zusammen, um unter dem Motto „Das große Netzwerken oder der große Gegeneinander in der Sportpsychologie“ zu diskutieren.

Als Gäste sind sowohl Martin Feigenwinter, früherer Leistungssportler, Mentaltrainer und Blogger, als auch Katrin Bretscher, Mentaltrainerin aus der Schweiz, angemeldet. Hinzu kommen Absolventen der Sportpsychologie-Studiengänge aus Köln und Halle.

Daten und Fakten zum 2. Netzwerktreffen

Am Pavillon, Bern
Sa., 27. Mai, 14-18 Uhr, Netzwerktreffen Die Sportpsychologen

Die Location – Am Pavillon,  Bern

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Weitere Informationen

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Dr. René Paasch: Deine Glücksbringer

Immer mit dem rechten Fuß zuerst auf das Spielfeld oder die Glücksunterwäsche… Gerade Sportler sind häufig abergläubisch. Und das hat seinen Grund. Wer an Glücksbringer glaubt, dem helfen sie tatsächlich. Denn sie können die Zuversicht in die eigene Leistung und die Überzeugung stärken. Trainer, Mannschaften und Spieler/innen haben eine Schwäche für Glücksbringer und Aberglaube – aller Vernunft zum Trotz. Unter welchen Umständen Sie auf Glücksbringer vertrauen können und was die Wissenschaft dazu sagt, möchte ich Ihnen in dem nun folgenden Beitrag näher erläutern.

Zum Thema: Funktionieren Glücksbringer? Und wenn ja, wie?

Bekanntlich setzen viele Trainer und Sportler/innen auf Glücksbringer. Golfprofi Tiger Woods etwa trägt am letzten Turniertag immer ein rotes Hemd, Basketball-Star Michael Jordan wollte niemals auf seine Shorts von der North Carolina University unter dem eigentlichen Trikot verzichten. Und Miroslav Klose folgte einem festen Ritual beim Anziehen von Schuhen und Stutzen. Unvergessen ist auch die grüne Krawatte von Felix Magath. 2009 ist der Trainer des VfL Wolfsburg in jedem Spiel an der Seitenlinie mit dieser Krawatte zu sehen – und das zu Recht. Am Ende der Spielzeit gewinnt der VfL überraschend die Meisterschaft. Auch wegen Magaths Krawatte?

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Ob Trainer und Mannschaften auf Glücksbringer setzen, hängt jedoch vor allem davon ab, was sie erreichen wollen: Wollen sie besonders gut vor anderen abschneiden – dann setzen sie auf einen Glücksbringer und andere Hilfsmitteln. Geht es nur darum, ein persönliches Lernziel zu erreichen, lassen sie derlei Schnickschnack eher weg (Hamerman, Morewedge, 2015). Auch die Sozialpsycholog/innen (Damisch, Stoberock & Mussweiler, 2010) gingen dieser Frage auf den Grund. Ihre Einschätzung: Glücksbringer sind leistungsförderlich, weil sie die Selbstwirksamkeitserwartung steigern können. Sie führten vier Experimente durch. In Ihrem ersten Experiment bestand die Aufgabe der Teilnehmer darin, Golfbälle einzulochen: Die Teilnehmer/innen, die mit einem vermeintlichen „Glücksball“ spielten, waren dabei im Schnitt treffsicherer als solche, deren Spielball nicht so bezeichnet worden war. Im zweiten Experiment absolvierten alle Teilnehmer eine Geschicklichkeitsaufgabe: Dabei waren Teilnehmer/innen, denen die Versuchsleiterin die „Daumen gedrückt“ hatte, schneller als Proband/innen, denen die Versuchsleiterin kein Glück gewünscht hatte.

Studien zeigen Auffälligkeiten

Aber wie lässt sich der positive Effekt der Glücksbringer erklären? Dies untersuchte Damisch (2010) in den folgenden beiden Studien. Es wurden alle Teilnehmer/innen gebeten, einen persönlichen Glücksbringer mitzubringen. Die Probanden bearbeiteten zunächst einen Fragebogen zu diesem Thema. Währenddessen nahm die Versuchsleiterin den jeweiligen Glücksbringer mit ins Nebenzimmer, um ihn dort zu fotografieren. Das wichtige war, dass nur die Hälfte der Teilnehmer/innen ihren Glücksbringer zurückbekam, wohingegen die andere Hälfte aufgrund angeblicher technischer Probleme auf ihren Glücksbringer verzichten musste. Bevor alle Probanden dann zum Test ihrer Gedächtnisleistung ein Memory-Spiel lösen sollten, wurden sie gefragt, wie sicher sie sich seien, diese Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Das Ergebnis: Die Teilnehmer/innen mit Glücksbringer waren besser als die ohne Glücksbringer. Dieser Leistungsunterschied ließ sich darauf zurückführen, dass Probanden  mit Glücksbringer zuversichtlicher waren als Probanden ohne Glücksbringer. Im vierten Experiment zeigte sich dieser Befund erneut – diesmal beim Lösen von Anagrammen: Wiederum waren Teilenehmer/innen Glücksbringer erfolgreicher als Teilnehmer/innen ohne Glücksbringer, weil sie höhere Selbstwirksamkeitserwartungen hatten. Näheres zum Thema Selbstwirksamkeitserwartungen finden Sie auf der Seite http://www.die-sportpsychologen.de/2015/08/25/dr-rene-paaschselbstwirksamkeit-im-fussball/.

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

Faktoren für Höchstleistungen

Des Weiteren hat der Sportpsychologe Wann in einer interessanten Studie untersucht, welche Faktoren die Sportler/innen zu Höchstleistungen anspornen (Wann, 2012). Über 300 aktuelle und ehemalige Olympioniken aus aller Welt haben Auskunft darüber geben, was sie voranbringt. Hier ein kleiner Ausschnitt seiner Ergebnisse zum Thema Psychologie und Aberglaube:

  • 60% stimmen dem Satz zu: „Wenn ich das Gefühl habe, gut auszusehen, dann erbringe ich auch eine gute Leistung.“
  • 44% ziehen ein bestimmtes Kleidungsstück immer auf dieselbe Weise an.
  • 36% bekennen, ein Ritual vor dem Wettkampf zu haben.
  • 22% tragen einen Glücksbringer.
  • 22% arbeiten mit Visualisierungen und positivem Denken.

Glücksbringer und die damit verbundene positive Unterstützung ist ein wichtiger Baustein zum Erfolg. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird es leichter, Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Diese Erkenntnis gilt aber nicht nur für Sportler/innen, sondern für alle Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen. Fazit: Glücksbringer können tatsächlich unterstützend wirken, bessere Leistungen zu erbringen. Das funktioniert wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Wer an die Macht des Glücksbringers glaubt, fühlt sich sicherer, geht eine Aufgabe mutiger an und erzielt dann bessere Ergebnisse. Aber Vorsicht: Wenn der Glaube an einen Glücksbringer umkippt und in Richtung Aberglaube tendiert, dann ist es des Guten zu viel. Also aufgepasst!

Literatur:

Wann, D. L. (2012). The Head and Shoulders Psychology of Success Project: An examination

of perceptions of Olympic athletes. North American Journal of Psychology, 14, 123 – 138.

Internet:

  1. http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0146167214565055
  2. http://soco.uni-koeln.de/files/PsychS21_7.pdf

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Thorsten Loch: eSport und die Sportpsychologie

Aufgepasst, jetzt kommt eine Formel: Sportpsychologie + Gaming = eSportpsychologie. Geht diese Rechnung auf, gibt es einen gemeinsamen Nenner von Sportpsychologie und Computerspiele? Ich würde fast behaupten, den meisten kommen eher Analogien wie Feuer/Wasser in den Sinn. Beschäftigt man sich jedoch eine wenig eindringlicher mit der deutschen eSport-Szene, wird schnell eines Besseren belehrt. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden einige ihre Meinung neu überdenken müssen und einige Vorurteile bei Seite schieben. Jedoch alles der Reihe nach und beginnen wir von Anfang an.

Zum Thema: Wird der eSport zu einem großen Betätigungsfeld für die Sportpsychologie?

Der professionelle eSport in Deutschland gewinnt immer mehr an Popularität und die Zahl seiner Anhänger steigt beständig an. Beispielsweise wurde das Finale der World Championships 2015 „League of Legends“  in der Mercedes Benz Arena (Fassungsvermögen 17.000 Plätze) in Berlin ausgeführt und war binnen Sekunden ausverkauft. Dass die wachsende Beliebtheit nicht nur innerhalb der „Zockerszene“ seine Runde macht, zeigt folgendes Beispiel. Mittlerweile haben einschlägig online Sportnachrichtendienstleister auf das öffentliche Interesse reagiert und so findet sich zwischen den Rubriken zur Fussball-Bundesliga und Co. derweil auch der eSport. Auf dieser Weise bin ich auf das Projekt der Männer um Penta Sports aufmerksam geworden. Neben dem „normalen“ Spielbetrieb der ProTeams, haben sie sich auf die Fahne geschrieben, die Nachwuchsarbeit im eSport zu unterstützen und die Professionalisierung dieses Sports in Deutschland weiter voran zu treiben. Angetrieben von dieser Vision und nach einer längeren Konzeptionalisierungsphase mündete diese anfängliche Idee, in dem ersten #ELZ eSports Leistungszentrums in Deutschland, welches am 15. April seine Eröffnung in Berlin feierte. Auf knapp 430 Quadratmetern erschließen sich vier Gamingräume, eine Lounge mit Bar und weitere Büroräume. Kurzum: Ein Paradies für jeden eSportler.

Also machte ich mich an jenem Morgen des 15. Aprils auf den Weg von Köln nach Berlin und nutzte die Fahrzeit um meine Gedanken zu sortieren und auszumalen, was denn dort auf mich zukommen würde. Schlichtweg konnte ich mir kein klares Bild davon machen, wie ein solches Zentrum aussehen könnte. Immer wieder blieb ich an dem gleichen Bild hängen: Ich erinnerte mich an meine Schulzeit und an die Wochenenden, an welchen wir mühevoll mit Wäschekörben unserer Mütter das ganze Zeug (Rechner, Bildschirm, Kabel usw.) in ein elternfreies Haus schafften, um uns die Nächte um die Ohren zu schlagen. Zugegebenermaßen hatte dies sicher nichts mit Leistungssport zu tun.

Hornbrille, Hochwasserhosen und Co.

Mit dieser Vorstellung erreichte ich Berlin und wurde schnell eines Besseren belehrt. Unmittelbar nach meiner Ankunft wurde mir postwendend klar, dass ich völlig daneben lag. Anstelle von so genannten „Nerds“ standen clevere, visionär denkende junge Menschen vor mir, deren Energie und Aufbruchsstimmung man sprichwörtlich spüren konnte. Neben die eingangs erwähnten überragenden Räumlichkeiten, schwebten den Verantwortlichen noch weitere Variablen vor Augen. So wurde beispielsweise mit dem nahegelegenen Fitnessstudio eine Kooperation geschlossen und Workshops zu den Themen Ernährung/Schlaf/Tagesplanung sollen nebst dem Mental Coaching ihrem Raum im #ELZ bekommen. Nachdem ich schon zu später Stunde es geschafft hatte, meine Eindrücke und die Menge an Informationen zu sortieren, machte sich bei mir ein innerliches Grinsen breit. Ausgerechnet ich, als praktisch arbeitender Sportpsychologe, der häufig mit Vorurteilen und Klischees (Stichwort „Rote Couch“) zu kämpfen hat, bin selbst der Bauernschläue aufgesessen und mit auf den Zug des Clusterdenkens aufgesprungen.

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Fazit

Der eSport befindet sich weltweit auf dem Vormarsch und die Teams werden immer stärker professionalisiert. Im Gegensatz zu anderen Sportarten, in welchen die Sportpsychologie immer noch ein Schattendasein pflegt, scheint diese im Vergleich zu anderen noch „junge“ Sportart, mit der Zeit zu gehen und die Notwendigkeit der mentalen Stärke für eine bestmögliche Leistungserzielung erkannt zu haben. Es bleibt abzuwarten wie sich die Szene weiterentwickelt und in welche Richtung es geht. Ich für meinen Teil werde diese Entwicklung weiter beobachten und bedanke mich an dieser Stelle bei Penta Sports für die Einladung und dem damit einhergehende „Erleuchtung“ bezüglich eSports. Bleibt festzuhalten, dass die anfangs aufgeworfene Formel doch nicht ganz aufgeht, sondern noch um weitere Punkte ergänzt werden müsste, um dieser Sportart gerecht zu werden. Aber um nochmal in Erinnerung zu schwelgen: Mathe war noch nie meine Stärke ☺.

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Christian Hoverath: Der Kopf auf dem Einrad

Vom 28. bis 30. April finden in Bottrop die deutschen Meisterschaften im Einrad Freestyle statt. Bei den Wettkämpfen präsentieren die Einradfahrer Küren mit verschiedenen Tricks in Kostümen zu Musik. Es gibt dabei Einzel-, Paar- und Gruppenküren, die zwischen zwei und sechs Minuten lang sind. Eine Jury bewertet sowohl die Technik als auch die Präsentation. Während bei den Einzelküren ein Fahrer alleine eine Kür präsentiert, zeigen in einer Paarkür zwei Fahrer gemeinsam Fahrfiguren und Tricks. Bei den Gruppenküren starten mindestens drei Fahrer gemeinsam.

Nun habe ich mich als ehemaliger Einradfahrer gefragt, welche Tipps und Anregungen ich den Sportlern mitgeben könnte. Dabei ist zu beachten, dass diese Maßnahmen wie auch das praktische Training der Übung bedürfen und die folgenden Ideen und Vorschläge nicht erst am Wettkampftag ergriffen werden sollen.

Zum Thema: Sportpsychologische Techniken für Einradsportler

Jeder Sportler hat seine individuelle Zone des optimalen Erregungszustandes. Sowohl Über- als auch Untererregung können den Abruf der optimalen Leistung verhindern. Eine mögliche Ursache für Übererregung kann die Nervosität vor dem Start sein, die ihr mit einer Entspannungsmethode gut in den Griff bekommen könnt. Nehmt euch also die Zeit, eine für euch hilfreiche Entspannungsmethode zu erlernen. Von Vorteil sind Atementspannungsübungen. Diese sind relativ einfach zu erlernen und können, wenn sie einmal erlernt sind, so schnell wirken, dass sie auch aufkeimender Nervosität innerhalb des Wettkampfes wirkungsvoll entgegen steuern.

Im Vorfeld des Wettkampfes lässt sich auch ein Erste-Hilfe-Koffer mit wirksamen Maßnahmen gegen Nervosität, Ängste und unvorhersehbare Situationen erstellen. Dazu könnt ihr euch in eurer Trainingsgruppe zusammensetzen und überlegen, für welche Situationen ihr Hilfe gebrauchen könntet. Gemeinsam oder in Kleingruppen tragt ihr dann Ideen zusammen, wie ihr mit diesen Situationen umgehen könntet und legt euch anschließend passende Strategien zurecht.

Nutzt eure Vorstellungskraft

Eberspächer (2012) definiert mentales Training als planmäßig wiederholtes, intensives Sich-Vorstellen eines Bewegungsablaufs ohne gleichzeitigen praktischen Vollzug. Da unser Gehirn keinen Unterschied zwischen tatsächlicher Ausführung einer Bewegung (oder eben einer Kür) und der Vorstellung eben dieser macht, lässt sich eine Kür trainieren, ohne tatsächlich auf dem Einrad zu sitzen. Stellt euch vor, wie ihr sie durchfahrt, wenn ihr im Wohnzimmer sitzt oder eben auf der Bank, wenn die Trainingsfläche belegt ist. Die Sinne sollten dabei möglichst nah an der Bewegung sein. Hilfreich ist es, sich das Gefühl der Füße auf Pedal oder Reifen vorzustellen während man seine Kürmusik über Kopfhörer hört. Ihr könnt auch die Reifengeräusche „hören“ oder euch auch den Applaus als Reaktion auf schöne Figuren vorstellen. Diese Trainingsform kann in Bewegung erfolgen (indem ihr eure Kür „ablauft“) oder auch im Sitzen. Stellt euch die Bewegung möglichst ausführlich und genau vor. Und nutzt positive Bilder, also fahrt die Kür abstiegsfrei durch! Findet ein positives Ende und stellt euch auch gern vor, wie ihr euer Wunschergebnis erreicht.

Ob im mentalen Training oder beim tatsächlichen Training empfiehlt die Sportpsychologie in der Vorbereitung das Kostüm eurer Kür zu tragen. Die Nervosität am Wettkampftag ist durch viele unbekannte Faktoren gesteigert. Dabei sorgt Vertrautes für Sicherheit. Warum also nicht das Kostüm zu etwas Vertrautem machen?

Macht euch mit der Wettkampfstätte vertraut

Ich wiederhole mich, aber Neues schafft Unsicherheit und kann Ängste erzeugen. Geht, wann möglich, am Tag vor dem Wettkampf durch die Halle, schaut euch die Tribüne aus Sicht des Fahrers an und stellt euch vor, wie die Halle mit Zuschauern gefüllt ist. Hört eure Kürmusik und stellt euch vor, wie ihr eure Kür durchlauft. Testet den Hallenboden. Sorgt dafür, dass die Halle euch gehört!

Habt eine Einfahrroutine

Am Wettkampftag selbst steht nur wenig Zeit auf der Wettkampffläche zur Verfügung. Um diese Zeit sinnvoll zu nutzen, sollte eine Routine zum Einfahren erarbeitet sein, die ihr auch im Training durchlauft. Mein Tipp ist es, vorher schon die Nebenhalle zum Aufwärmen zu nutzen. Danach könnt ihr dann die Zeit in der Wettkampfhalle nutzen, um euch zielgerichtet vorzubereiten. Geht dabei vom leichten zum komplexen, beginnt mit einfachen Tricks und bekommt ein Gefühl für die Halle. Wichtig ist es, nicht mit einem misslungenem Trick zu enden. Eine Routine ist besonders wichtig für die Fahrer, die ohne ein festgelegtes Ende dazu neigen, diesen oder jenen Trick noch ein „allerletztes Mal“ zu probieren und nur mit einem guten Gefühl von der Fläche zu gehen. Häufig stellt sich gerade dann ein gutes Gefühl nicht ein, wenn man es zwingend erwartet. Sucht euch zum Ende einen Trick aus, den ihr sicher steht.

Gerade vor den Paar- und Gruppenküren ist es wichtig, eine Routine zu haben. Es lassen sich noch ein paar entscheidende Figuren trainieren und das Gefühl füreinander „aktualisieren“. Hat man keine Routine bereit, kann je nach Kommunikationsstruktur wertvolle Zeit verloren gehen.

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Routinen, die ihr im Training nutzt, haben auch noch einen zusätzlichen positiven Effekt. Denn durch eine gewohnte Routine bekommt der Fahrer das Gefühl von Kontrolle, da er diese Situation schon etliche Male durchlaufen hat.

Nutzt Rituale

Jeder kennt die Fahrer, die vor dem Aufstieg ihre Pedale parallel zum Boden ausrichten, obwohl dies rein mechanisch gar nicht nötig ist. Andere streifen ihre Schuhe vor dem Wettkampf am Handtuch ab oder klopfen auf ihren Reifen. Damit sind wir wieder beim Thema Sicherheit. Richtig angewandt sorgen Rituale für das Gefühl von Kontrolle. Das Kommende fühlt sich an wie eine Situation, die schon etliche Male im Training durchlaufen wurde.

Rituale helfen die Technik zu stabilisieren. Im Gehirn entstehen Verknüpfungen, die das Ritual mit der folgenden Aktion verbinden. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das Selbstvertrauen. Rituale können beruhigend oder aktivierend wirken. Auch für Gruppen lohnt es sich Rituale zu entwickeln, denn sie können den Teamzusammenhalt und damit die Leistung stärken.

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/03/markus-gretz-rituale-im-basketball/

Denkt aber bitte daran, dass ihr eure Rituale im Training über Monate und Jahre festigt, damit sie nicht mit der Wettkampfsituation verknüpft sind und dann eher verunsichernd wirken können.

Überlegt euch, ob ihr euch die Küren eurer Wettkampfklasse anschaut

Was die Küren vor euch mit euch machen, kann sehr unterschiedlich sein. Sind eure Ziele sehr auf euer Ergebnis oder einen direkten Vergleich ausgerichtet, kann zusätzliche Nervosität die Folge sein. Überlegt euch im Vorfeld wie ihr die Zeit zwischen dem Warmfahren und eurem Start nutzt und legt euch dann mit Erhalt der Startreihenfolge ein konkretes Programm zurecht.

Besprecht den Ablauf mit eurem Trainer. Dieser kennt euch und hat vielleicht auch noch den ein oder anderen Tipp parat. Auch hier ist es hilfreich, auf Entspannungs- und Aktivierungsmethoden zurückgreifen zu können.

Fertigt eine Packliste an

Weniges ist ärgerlicher, als am Wettkampftag in die Tasche zu greifen und dann festzustellen, dass Socken, Schuhe oder auch die Flasche Wasser fehlen. Habt ihr einen Zwischensnack, auf den ihr ungern verzichtet? Erstellt euch eine Liste, was alles in eure Wettkampftasche gehört. Wenn ihr eure Tasche packt, hakt ihr diese ab und könnt sicher sein, dass ihr alles dabei habt, was ihr benötigt.

Aber was ist eigentlich das Wichtigste?

Spaß haben

Denkt bitte daran, dass mentales Training genauso trainiert werden muss wie das Training auf dem Einrad. So wie ihr für Tricks trainiert, will auch euer Kopf trainiert werden. Sportpsychologische Maßnahmen versprechen Erfolg, sind aber keine Wundermittel, die ad hoc funktionieren.

Ich wünsche allen Aktiven viel Spaß und Erfolg! Und vielleicht hat der ein oder andere sportpsychologisch interessierte Leser ja Lust, sich die Wettkämpfe in der Halle anzuschauen. Es lohnt sich!

 

Referenzen

Cotterill, S. (2010). Pre-performance routines in sport: Current understanding and future directions. International review of sport and exercise psychology3(2), 132-153.

Eberspächer, H. (2012). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler. München: Copress Verlag.

Jones, M. (2003). Controlling Emotions in Sport. The Sport Psychologist, 17, 471 – 486.

 

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Federers psychische Brillanz – ein Lehrstück für die Nachwuchsförderung

Der kritische Blick auf erfolgreiche Karriereverläufe im Spitzensport zeigt überdeutlich: Die Weichenstellungen für einen späteren Erfolg erfolgen frühzeitig. Ein entscheidender Grund für Roger Federers grandiose Karriere findet sich auch in der Art und Weise, wie er als Kind und Jugendlicher gefördert wurde. Seine heute ebenso überragende wie erfolgreiche Spielkunst wurzelt primär in seiner psychischen Brillanz, die zu einem schönen Teil hart erarbeitet ist. Am Beispiel des Vorzeigeathleten lassen sich konkrete Massnahmen und Hilfestellungen für die Entwicklung des Erfolgsfaktors „mentale Stärke“ ableiten.

Für die-sportpsychologen.ch berichtet Dr. Hanspeter Gubelmann:

Es mögen viele Wege nach Rom führen – auch im Spitzensport! Jeder Karriereverlauf basiert auf individuellen Voraussetzungen und unterschiedlich definierten Rahmenbedingungen. Andererseits verlaufen erfolgreiche Karrieren im Spitzensport nicht zufällig. An diesem Punkt, nämlich einer wissenschaftlich präzisen Betrachtung von sportlichen Laufbahnen von ehemaligen Schweizer Nachwuchs-Elite-Athleten unter dem Aspekt des Erfolgs, setzt die für den CH-Spitzensport einzigartige Studie des Berners Robertino Engel an. In seiner Längsschnittstudie versuchte der Sportpsychologe zu ergründen, inwiefern der sportliche Erfolg durch ausgewählte institutionelle, sportwissenschaftliche und individuelle Parameter vorhergesagt werden kann. Die Stichprobe (N=222) umfasste alle deutschsprachigen Nachwuchs-Elite-Athleten von 1999, darunter später so erfolgreiche Athleten wie Fabian Cancellara, Simon Ammann, Roger Federer. Sie alle wurden 2011 im Rahmen einer zweiten Erhebung zum Karriereverlauf erneut befragt. Die Resultate zeichnen insgesamt ein positives Bild. Trotz verschiedener Hürden im Nachwuchsalter schafften die meisten befragten Athleten den Sprung in die Elite-Stufe. Knapp ein Drittel von ihnen konnte dabei grosse Erfolge (Medaillengewinn) an bedeutenden internationalen Wettkämpfen erringen. Quintessenz der Studie: Es zeigte sich, dass Defizite im mentalen Bereich (z.B. Mangel an Selbstvertrauen, leistungshemmende Gedanken und Gefühle im Wettkampf, Nervenflattern im Wettkampf etc.) im Nachwuchsalter prädiktiven Wert haben. „Dies ist aus sportpsychologischer Perspektive ein äusserst interessanter Befund. Er spricht dafür, dass mental schwächere Athleten, deren Defizite im mentalen Bereich sich bereits im Nachwuchsalter abzeichnen, später in der Mastery-Phase weniger Erfolg an bedeutenden Wettkämpfen haben und auch früher mit dem Leistungssport aufhören.“ (Engel 2014, S. 158)

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Ein Schlüssel zum Erfolg: Emotionale Stabilität!

Selbst ein Ausnahmekönner wie Roger Federer scheint sich seine mentalen Fertigkeiten in seinen frühen Jahren zielgerichtet erarbeitet zu haben. Als Tennis-Junior erlebte er wilde Zeiten. Er schmiss den Schläger, drosch Bälle in den Himmel oder hackte aus Ärger über sein Spiel schon mal einen Triangel in die Plane eines Sponsors, was ihm zur Strafe einige Stunden Fronarbeit mit Putzen eintrug. In diese Zeit fällt auch eine Phase der Zusammenarbeit mit einem bekannten Sportpsychologen. Welchen Stellenwert Federer der Mentalen Stärke auch im weiteren Verlauf seiner Karriere beimisst, gab er 2016 folgendermassen zu Protokoll: „Es geht nicht nur um die wichtigen Momente auf dem Platz, sondern darum, wie viel du täglich investierst. ,Bist du bereit deine Heimat für zwei, drei Monate zu verlassen, hart zu trainieren, mit den Medien umzugehen – und das alles über deine gesamte Karriere?“

Dr. Hanspeter Gubelmann veröffentlichte im April 2017 im Blick ein sportpsychologisches Portrait über Roger Federer

Genau dieser Frage, nämlich ob Zusammenhänge zwischen Sportlerpersönlichkeit, mentalen Fähigkeiten und Umgang mit Hindernissen und Stolpersteinen im Karriereverlauf bestehen, ging ich 2011 im Rahmen einer umfangreichen Studie nach. Die Faktenlage ist eindeutig: Die Persönlichkeitsmerkmale «Gewissenhaftigkeit» und «Emotionale Stabilität» korrelieren positiv. Sportler, die unter Stress emotional ausgeglichen reagieren, zielstrebig, willensstark, pflichtbewusst und ordentlich sind, gehören vermehrt zur Gruppe der  «Handlungsorientierten» – und packen an, wenn es darum geht, eine Absicht in die Tat umzusetzen. Diese psychische Robustheit hilft ihnen massgeblich, sowohl im Umgang mit alltäglichkeiten Widrigkeiten (daily hassles) wie auch beim Überwinden von Hürden und Stolpersteinen im Karriereverlauf. Oder anders ausgedrückt: Wer häufig überempfindlich, verletzlich und unsicher auf Schwierigkeiten im Alltag des Spitzensportes reagiert, wird früher Scheitern und die Karriere beenden.

Welcher konkrete Nutzen ergibt sich aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Was lehrt uns das Beispiel „Roger Federer“? Abschliessend werden drei inhaltliche Schwerpunkte im Themenfeld „Psychologische Beratung und mentales Training im Nachwuchsbereich“ angesprochen. Es handelt sich dabei auch um Inhalte, die im Rahmen von Workshops anlässlich der asp-Tagung vom 25.-27. Mai in Bern präsentiert werden.

Swiss Tennis: Player Development Plan

Der Tennisverband scheint „seine“ Lehren schlüssig gezogen zu haben. Projektleiter und Sportpsychologe Jürg Bühler mit dem „Swiss Tennis Player Development“ ein Ausbildungsprogramm entwickelt, welches inhaltlich gleichermassen aus aktuellen Erkenntnissen der Sportwissenschaft und „best practise“ Erfahrungen aus dem Leistungssport gespiesen wird. Es überrascht deshalb kaum, dass der psychologischen Entwicklung als Teil der ganzen Spielerentwicklung vorrangige Bedeutung beigemessen wird. Das Ausbildungskonzept orientiert sich u.a. am bekannten Karriereverlaufsmodell von Wylleman und Lavallee (2004).

Quelle: Swiss Tennis, Player Development – Grundlagen Psyche

Mentales Training im Kindesalter

Wenn Kinder beginnen Sport zu treiben, stehen meist die Freude an der Sache, das gemeinsame Sporterlebnis und vielfältige Bewegungserfahrungen im Vordergrund. Dabei lernen sie auf spielerische Art, Herausforderungen anzunehmen und sich für das Team und die eigene Leistung mit grossem Engagement einzusetzen. Im Jugendalter und insbesondere in Sportarten mit frühzeitiger Spezialisierung verändert sich das sportliche Engagement zusehends in Richtung Leistungssport. An diesen vor allem auch entwicklungspsychologisch relevanten Rahmenbedingungen muss sich der sinnvolle Einsatz mentaler Trainingstools für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 14 Jahren orientieren.

Elterncoaching

Nicht nur im Tennis, sondern in allen Sportarten ergibt sich im Kindes- und Jugendalter die spannende Ausgangslage: ohne Eltern geht es nicht! – aber wie? Eine konstruktive Eltern-Athleten-Interaktion moderiert nachweislich die Leistungsvariablen gerade bei jungen Athleten und Athletinnen. Ein sportpsychologisch orientiertes Elterncoaching hilft, die Schlüsselrolle der Eltern besser einzuordnen. Oft sind zusätzliche Informationen zu entwicklungspsychologischen Besonderheiten von Kindern und Jugendlichen im Spitzensport elementar. Dieses Knowhow soll Eltern darin unterstützen, ihre Kinder in den verschiedenen Übergängen einer Nachwuchskarriere kompetent zu begleiten.

 

Quellen:

Engel, R. (2014). Laufbahnen von ehemaligen Schweizer Nachwuchs-Elite-Athleten unter dem Aspekt des Erfolgs. Unveröff. Dissertation. Uni Bern.

Gubelmann, H. (2011). Analyse zentraler Aspekte der Umfeldgestaltung im Leistungssport. Eine Bedürfnisabklärung im Schweizer Spitzensport (2. Teil). Unveröff. Forschungsbericht. ETH Zürich.

Wylleman, P. & Lavallee, D. (2004). A developmental perspective on transitions faced by athletes. In M. Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A lifespan perspective (pp. 507-527). Morgantown, WV: Fitness Information Technology.

https://www.nzz.ch/article9DPJF-1.208823

http://www.spox.com/de/tennisnet/1604/Artikel/atp-tour-mentale-monster-wenn-der-kopf-das-match-entscheidet-67053.html

https://www.swisstennis.ch/national/leistungssport/player-development

http://www.asp2017.ch/praxisprogramm.html

http://bazonline.ch/sport/tennis/Als-Federer-sich-schaemte-und-Rosset-zitterte/story/20083180?track

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Katharina Petereit: Uneingeschränkt mental stark

Anfang März fanden die nationalen Winterspiele der Special Olympics in Willingen statt, bei welchem im Rahmen des Healthy Athletes Programms die neue Disziplin Strong Minds angeboten wurde. Hierbei geht es um das psychische Wohlbefinden der Athletinnen und Athleten – durch unterschiedliche Übungen und Strategien sollen die Ressourcen zur Bewältigung von belastenden Situationen gestärkt werden.  

Zum Thema: Zur praktischen Umsetzung von sportpsychologischen Interventionen bei Menschen mit Behinderung 

Strong Minds ist unter den sieben Disziplinen des Gesundheitsprogramms diejenige, die die sportpsychologische Unterstützung der Athletinnen und Athleten beinhaltet. Strong Minds soll dazu dienen, den Athletinnen und Athleten Übungen an die Hand zu geben, die sie in belastenden und stressreichen Situationen selbstständig anwenden können. An den unterschiedlichen Stationen können die Sportlerinnen und Sportler unter anderem Atemübungen, das Entwickeln von positiven Bildern und Übungen mit dem Stressball erlernen. Die Vermittlung und Anleitung der Übungen findet individuell und angepasst an die Voraussetzungen der Athletin/des Athleten statt.

Mehrwert für die eigene sportpsychologische Arbeit

Ich habe bei den Winterspielen als Helferin beim Strong Minds Programm mitgewirkt und bei der Durchführung auch immer meine eigene sportpsychologische Arbeit reflektiert. Die Arbeit mit den Athletinnen und Athleten hat mir gezeigt, dass eine individuelle Herangehensweise und eine immer wieder neue Art und Weise der Vermittlung von sportpsychologischen Interventionen unabdingbar sind. Ohne Frage bleiben das Gerüst und das Ziel der Übung immer gleich, aber die Methode muss flexibel bleiben und ständig angepasst werden. Kreativität und Einfallsreichtum sind hierbei zwei wichtige Punkte. In der Praxis ist es erforderlich, das Ziel der Übung/der Einheit zu benennen und den Weg dorthin flexibel gestalten zu können. Ich habe durch das Strong Minds Programm ein weiteres Mal gemerkt, wie wichtig es ist, auch bei der Umsetzung von sportpsychologischen Interventionen offen und anpassungsfähig zu sein. Bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung werden einem schnell Grenzen gesetzt, wenn man einem strikten Plan folgt und nicht in der Lage ist, sensibel und flexibel zu reagieren. Bei Sportlerinnen und Sportlern ohne Einschränkung werden solche Grenzen vielleicht nicht immer bewusst und man versucht möglicherweise Strategien und Übungen zu vermitteln, die bei der Athletin/dem Athleten nicht funktionieren. Aber man macht das so, weil man gelernt oder gelesen hat, dass die und die Intervention bei der und der Problemstellung helfen kann. Ich habe dabei meine Arbeit reflektiert und mir in jedem Fall vorgenommen, noch individueller zu arbeiten.

Erfahrungsaustausch als Erfahrungsgewinn

Der Erfahrungsaustausch bei den Winterspielen und insbesondere beim Strong Minds Programm war sehr wertvoll und bereichernd. Die Heterogenität von Sportlerinnen und Sportlern und die herausfordernde und sogar manchmal auch schwierige Arbeit stellen einen großen Erfahrungsgewinn dar. Durch die unterschiedlichen Perspektiven der Helfer, Koordinatoren und Experten und den stetigen Austausch wird die Qualität des Programms durchaus gefördert und sichergestellt.

An dieser Stelle rege ich im Rahmen unseres Netzwerkes und darüber hinaus einen Erfahrungsaustausch über die sportpsychologische Arbeit mit Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung an und würde mich über Rückmeldungen diesbezüglich sehr freuen. Zudem wird aktuell nach einem Titel für das Strong Minds Programm in leichter Sprache in Deutsch gesucht!

 

Weiterführende Links:

http://specialolympics.de/sport-angebote/healthy-athletesR-gesunde-athleten/

http://specialolympics.de/sport-angebote/healthy-athletesR-gesunde-athleten/strong-minds/

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