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Markus Gretz: Fluch und Segen des Underdogs

Spieler und Fans der Philadelphia Eagles liefen in den NFL Playoffs mit Hundemasken umher und schmückten sich mit dem Prädikat Underdog. Normalerweise bekommt diese Bezeichnung nur ein Spieler oder ein Team, dem keiner den Erfolg zutraut. Doch immer wieder findet man Trainer, die ihre Mannschaft oder ihre Sportler klein reden und damit dieses Prädikat für sich beanspruchen. So auch die Eagles, die eigentlich als erster ihrer Conference in die Playoffs gingen. Da die Philadelphia Eagles aber schon länger mit dieser Bezeichnung spielten, war es auch keine Überraschung, dass sie im Superbowl, wo sie dem amtierenden Meister, den New England Patriots, gegenüberstanden auch wieder als Underdog zum Kickoff gingen.

Zum Thema: Wie im Sport mit der Außenseiterrolle umgegangen werden kann

Was kann diese Underdog-Bezeichnung bewirken und weshalb spielen die Trainer und Teams immer wieder damit und versuchen sich selbst als Außenseiter darzustellen? Eigentlich rät man Sportlern ja meist, besonders selbstbewusst in den Wettkampf zu gehen. In der Sportpsychologie ist es sogar weit verbreitet, die Körpersprache zu trainieren, um sich selbstbewusster zu fühlen. Ein hohes Selbstbewusstsein, und Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit soll Studien (Woodman & Hardy 2003) zufolge einen positiven Effekt auf die sportliche Leistung haben. Deshalb scheint es paradox, dass Teams und Trainer sich öffentlich bewusst möglichst wenig selbstbewusst darstellen. Was wollen diese Trainer also damit bewirken?

Die Rolle des Underdogs kann auf einige Sportler eine beruhigende Wirkung haben. Wenn sowieso jeder mit einer Niederlage rechnet, muss man auch vor dem Wettkampf keine Angst vor dem Versagen haben. Besonders Spieler mit Wettkampfangst könnten davon profitieren. Aber auch Spieler mit hohem Selbstvertrauen können von der Underdogrolle profitieren, indem sie durch die Außenseiterrolle zusätzlich motiviert werden. Eine jetzt erst recht Mentalität kann geweckt werden, wodurch die Spieler an ihre Leistungsgrenze gehen und alles versuchen, um das Unmögliche möglich zu machen. Die Rolle des Underdogs nimmt also Druck von ängstlichen Spielern und kann für die selbstbewussten Sportler motivierend wirken.

Zwangsläufige Gefahren

Allerdings birgt diese Herangehensweise auch Gefahren. Spieler können beispielsweise die Motivation verlieren, wenn sie von ihrem Trainer immer wieder hören, dass sie eigentlich keine Chance haben. Außerdem kann sich die Wirkung auch während des Spiels ändern. Während die Underdogrolle zu Beginn des Spiels einen ängstlichen Spieler noch beflügelt, indem es ihm die Angst nimmt, so kann sie mit einer Führung im Nacken im Laufe des Spiels dazu führen, dass die Angst vor dem Verlust des Spiels in der wichtigen Phase unerwartet auftreten kann. In dieser Phase kann dann das Selbstvertrauen fehlen, um das Spiel letztlich zu gewinnen und die Angst, einen sicher geglaubten Sieg zu verlieren, kann plötzlich lähmend wirken.

Nicht so bei den Philadelphia Eagles. Die Eagles konnten die Underdogrolle im Superbowl LII nutzen und trotz großer Verletzungsprobleme im Vorfeld das Spiel für sich entscheiden. Die Strategie scheint aufgegangen zu sein und die Eagles konnten mit ihrem Backup-Quarterback das Unmögliche möglich machen.

Praxistipp

Praxistipp: Wenn man als Trainer mit der Underdogrolle spielt, sollte man sich bewusst sein, wie dies auf die eigenen Spieler wirkt und seine Spielerpersönlichkeiten bestens kennen.

Literatur

Woodman, T., & Hardy, L. (2003). The relative impact of cognitive anxiety and self-confidence upon sport performance: A meta-analysis. Journal of sports sciences, 21(6), 443-457. https://doi.org/10.1080/0264041031000101809

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Dr. Christian Reinhardt: Wie Vereine im Transferpoker Punkte machen können

Das Theater bei Borussia Dortmund um Pierre-Emerick Aubameyang hat endlich ein Ende. Sein Wechsel zu Arsenal London mit all seinen Begleiterscheidungen zeigt zum wiederholten Male aber auf, dass gerade deutsche Clubs vermehrt Probleme haben, ihre Stars zu halten. Dies liegt zum einen natürlich an den enormen Summen, mit denen Vereine aus England und China aktuell locken können. Zum anderen schaffen es Vereine wie Borussia Dortmund aber auch nicht, nachhaltig zu überzeugen. Die Sportpsychologie kann auch in solchen schwierigen Verhandlungssituationen helfen.

Zum Thema: Kommunikation als Kernaufgabe im Vereinsalltag

Vorweg: Wenn ein Spieler, getrieben aus monetären Gründen, den Verein wechseln will, führen die meisten Argumente ins nichts. Sobald allerdings das Geld aber nur ein Teilaspekt ist, lohnt es sich für den Verein, in den Gesprächen mit dem Akteur und seinen Beratern richtig Gas zu geben. Die Kernfrage, auf die in der Kommunikation hingearbeitet werden soll, lautet: Was hat den Spieler damals dazu bewegt, um zu seinem jetzigen Verein zu wechseln? Mögliche Motive: Qualität der Mannschaft, der Spielstil, der Trainer, die Fans oder die Bedeutung des Vereins.

Es geht also darum, dem Spieler aufzuzeigen, was er in diesem Moment bei seinem jetzigen Verein tatsächlich hat. Im Idealfall lassen sich die Motive von einst mit der Aktualität messen. Wenn das gegeben ist, dann ist der Verein gegenüber dem möglicherweise wechselwilligen Spieler bereits wieder in einer deutlich besseren Position. Und auf diese aufbauend, sollte nun überlegt werden, welche zukünftigen persönlichen Ziele der jeweilige Spieler hat und inwiefern ihm sein jetziger Verein die richtige Bühne dafür bietet. Nicht selten kann die Lösung sein, dass ein fester interner Zeitplan vereinbart wird, bis der Spieler tatsächlich zu einem anderen Verein wechseln kann. Er also sein Umfeld nutzt, für welches er sich einst entschieden hatte, um bestens vorbereitet, in großartiger Form und geliebt von den Fans den nächsten Schritt auf seinem Karriereweg zu gehen. Dass dies nur bedingt mit der schriftlich fixierten Vertragslänge zu tun hat, ist allen Beteiligten dabei natürlich klar.

Motive als Orientierung

Die vom Spieler genannten Motive, die für den aktuellen Verein sprechen bzw. gesprochen hatten, sind auch ein wichtiger Feedbackkanal, um Missstände oder Fehlentwicklungen im Team oder im Verein zu prüfen. Um es Sportdirektoren, Managern oder Trainern zu ermöglichen, solche Sachlagen schnell zu erkennen, sollten regelmäßig solche intensiven und offenen Gespräche mit den Spielern geführt werden. In der Realität von professionellen Fußballvereinen sieht dies aber oft anders aus, da dafür die Zeit fehlt oder sich diese nicht genommen wird. Der Schaden, der darüber entsteht, kann aber weit größer sein: Nicht nur finanziell, vor allem atmosphärisch. Borussia Dortmund in seiner jetzigen Situation ist, aus der Ferne betrachtet, dafür ein ziemlich gutes Beispiel.

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Thorsten Loch: Was Handballtrainer der neuen Generation ausmacht

Vor der Handball-Europameisterschaft jubelte das ZDF, dass der neue deutsche Bundestrainer Christian Prokop der Julians Nagelsmann des Handballs sei. Während und vor allem nach dem enttäuschend verlaufenen Turniers wird nun anders über den jungen Cheftrainer diskutiert. Seine Zukunft im Amt, ein Jahr vor der Handball-WM im eigenen Land, ließen die Verantwortlichen wie Vizepräsident Bob Hanning zuletzt offen. Fest steht: Prokop ist ein Vertreter einer neuer Handball-Trainergeneration. Diese erfinden das Spiel zwar nicht neu, setzen aber individuelle Schwerpunkte und verhalten sich zum Teil anders. Mir sind ein paar Dinge aufgefallen, an denen erfahrene wie junge Trainer mit Verankerung in der Sportpsychologie arbeiten können.

Zum Thema: Coaching am Spielfeldrand – Grenzen der Einflussmöglichkeiten

Wie im Fußball sind die neuen Handballtrainer gut ausgebildet und verfügen über aktuelles und spezialisiertes Wissen. Aber: Ist das Spiel aber einmal im Gange, können Trainer nur noch in einem geringen Maße Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen. In diesen Augenblicken ist der junge wie der erfahrene Trainer abhängig von seinen Spielern, denn schließlich ist es ihm nicht möglich „auf den Platz zu stürmen“ und das Tor selbst erzielen. Dies ist nicht immer ein schönes Gefühl, jedoch sollte sich dies jeder Trainer bewusst sein und Strategien entwickeln, diese erlebte Ohnmacht aushalten zu können. Diesen Themenkomplex werde ich einem späteren Beitrag einmal aufgreifen, schauen wir uns jetzt erst einmal ganz nüchtern die wesentlichen Aufgaben eines Trainers während des Wettkampfs an, die Lothar Linz (2004) zusammengetragen hat:

  • Verbale und emotionale Unterstützung des Teams.

  • (Fehler-)Analyse des Spiels aus taktischer und psychologischer Sicht.

  • Taktische Korrekturen und Beeinflussung der Einstellung.

  • Ein- und Auswechslung von Spielern.

  • Gezielt gesetzte Auszeiten.

Der Trainer als Unterstützer und wichtiger Signalgeber

Vornehmliche Aufgabe sollte es sein, dass sie ihr Team unterstützen. Dies geschieht vorwiegend über Rufe und Gesten am Spielfeldrand. Viele junge Trainer, wie Christian Prokop, wissen, dass die Spieler weitaus mehr registrieren als bislang gemeinhin angenommen wurde. Dies bezieht sich auch auf die Interaktion mit den Einwechselspielern.

Wie mag sich wohl der Einwechselspieler auf der Bank fühlen – welcher möglicherweise gleich ins Spiel kommt – wenn sie als Trainer das Handeln seiner Mitspieler runter macht? Die Antwort können sie sich denken. Wird jener den Mut aufbringen eine entscheidende Aktion zu riskieren oder wird dieser eher gehemmt auftreten um ja keinen Fehler zu begehen? Machen sie sich die Mühe und beobachten Trainer am Spielfeldrand. Sie werden erkennen, dass wenige Trainer mit den Reservespielern sprechen. Jedoch liegt hier ein großes Potential. Insbesondere beim Handball, wo der Spielerwechsel (Interchanging) keine große Sache ist, weil dem Trainer die Möglichkeit geboten wird freizügig mit den Auswechslungen umzugehen.

Coaching über die Bank

Machen sie sich klar, dass die Spieler auf dem Feld unter Stress stehen und manch einer ihre Anweisungen überhaupt nicht mitbekommt. Andere hingegen können die Anweisungen nicht handlungsdienlich umsetzen und weitere reagieren einfach nur mit Ärger auf Anmerkungen. Im Gegensatz dazu haben die Ergänzungsspieler mehr Ruhe und sie können mit diesen in einen direkten Dialog treten. Führen sie sich vor Augen, dass dies die Spieler sind, die gleich, wenn sie ins Spiel kommen, entscheidende Veränderungen in das Spiel bringen sollen. Vor allem in der zweiten Halbzeit, wenn das Spiel meist hektischer wird, empfiehlt es sich, vermehrt über die Bank zu coachen.

Tipp: Ich lade sie dazu ein und lassen sie sich von einem Bekannten während eines Spiels filmen. Möglicherweise werden sie erschrocken über sich selbst sein, wie sie sich am Spielfeldrand verhalten. Das Ergebnis kann jedoch sehr aufschlussreich sein und ggf. haben sie dann ein wenig mehr Verständnis für manche Reaktion ihrer Schützlinge. In Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen können sie ihr eigenes Coaching verbessern (Coach the coach – Ansatz), was sich zwangsläufig auch auf die Performance der Athleten auswirken wird. Gern stehe meine Kollegen (Profilseiten Die Sportpsychologen) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) für alle Rückfragen bereit.

Klare Rollenzuweisung

Gerade für junge Trainer ist es wichtig, sich ihrer Rolle und deren Facetten klar zu sein. Im Fokus steht hier, dass Trainer im Spiel eine andere Rollen einnehmen sollten als im Trainingsalltag. Wie meine ich das konkret?

Unter der Woche im Training besteht ihre Aufgabe darin, die Spieler auszubilden. Dazu arbeiten sie an den Schwächen und Stärken der Mannschaft. Während des Spiels müssen sie die Rolle des Ausbilders ablegen. In diesem Moment sind sie nicht mehr der Trainer sondern Coach. Soll heißen: Nutzen sie ihre Position am Spielfeldrand, um dem Team Unterstützung und hilfreiche Hinweise zu geben und um die Mannschaft zu führen. Dies sind zwei völlig unterschiedliche Aufgaben. Machen sie sich dies bewusst. Umso besser es ihnen gelingt die jeweilige Rolle anzunehmen, umso leichter wird ihnen die Arbeit fallen und desto größer wird ihre positive Wirkung auf die Mannschaft sein.

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Simon Gavanda: Dr. Gavanda und Mr. Hyde! (#Warum fragen wir nicht einfach die Besten? Episode 7)

Eigentlich war das folgende Interview das, was ich bereits als zweites in dieser Reihe führte. Das Problem war nur, dass es bis jetzt nie richtig fertig wurde, weil ich nur zwei Tage später Dennis Zimmermann zum Interview traf – und was diese Begegnung mit mir machte, wisst ihr alle (zum Interview mit Dennis).

Dabei hat die Begegnung mit dir, Simon, alle Klischees widerlegt, die ich doch so oft höre, dass alle Footballspieler in Wahrheit strohdoof seien. Beim angehenden Doktor der Sportwissenschaften ist das definitiv nicht der Fall.

Ich freue mich noch aus einem zweiten Grund: Denn endlich ist es so weit, dass in meiner Interview-Reihe auch die Defense mal zu Wort kommt. Und dann gleich Simon Gavanda – einer der besten Defense Liner in Deutschland, Spieler der Deutschen Football Nationalmannschaft.

Und noch was: Liebe Trainer und Manager aufgepasst, mein Interviewpartner ist immer noch nicht entschieden, wie und ob es mit ihm in der kommenden Saison weitergeht. Fest steht nur, dass er ab sofort die niederländische Jugend-Nationalmannschaft als Coach betreut. Als Spieler scheint er mir aber offen für gute Angebote zu sein. Wer also ein wenig Stimmung an der Kabine nötig hat und noch einen Führungsspieler in der Defense braucht, ist bei Dr. Henry Jekyll, äh Simon Gavanda sicher richtig. 

Wie bist du zum Football gekommen?

Ich habe mit sechs Jahren einen Schwimmkurs gemacht und bin von dort direkt in einen Schwimmverein eingetreten. Dort hatte ich vier bis fünf Mal pro Woche Training. Zwischendurch habe ich zusätzlich noch ein bisschen Fechten „gemacht“ und kurze Zeit mal Judo ausprobiert. Beim Schwimmen bin ich allerdings geblieben, bis ich ca. 17 Jahre alt war. Da habe ich mich irgendwann gefragt, warum ich das überhaupt noch mache. Die Ansprüche wurden immer mehr. Jedes Wochenende Wettkämpfe, letztendlich Samstag und Sonntag von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr im Schwimmbad und das das ganze Jahr.

Ich habe noch drei Geschwister und meine Eltern haben unsere Sportwünsche immer bestmöglich unterstützt.

Mit 16 Jahren habe ich zusätzlich noch drei Mal in der Woche am Footballtraining teilgenommen und eine zeitlang alles gleichzeitig gemacht.

Der größte Unterschied für mich war, dass es mich erfüllt hat, ein Team zu haben und dass Kommunikation erlaubt und sogar erwünscht war. Im Schwimmen hieß es immer, wenn du reden kannst, kannst du noch schneller schwimmen. Da kam durch die fehlende Kommunikation kaum Teamgefühl auf.

Die Jugendmannschaft mit maximal 20 Spielern hatte sich gerade neu gegründet, der Verein selbst ca. ein Jahr zuvor. Wir alle haben uns ausprobiert, eigentlich hatte niemand zuvor jemals einen Football in der Hand. Ohne das meine Eltern diese Zeit finanziell, sowie zeitlich unterstützt hätten, wäre das niemals möglich gewesen.

Ab 2005 habe ich mich dann nur noch auf Football konzentrieren wollen.

Was konntest du vom Schwimmen mitnehmen?

Pünktlichkeit, Disziplin, Durchbeißen. Im Vergleich zu meinen anderen Teamkollegen ist mir vieles leichter gefallen. So haben schnell einige Mannschaftskameraden über das drei Mal pro Woche stattfindende Training gestöhnt – für mich war es eher eine Entlastung.

Wie war ab da dein sportlicher Werdegang?

2006-2010 habe ich dann in Stuttgart gespielt. In der ersten Herrensaison war ich direkt Starter in der 1. Liga. Dann bin ich nach Köln gezogen und habe angefangen Sport zu studieren. Mit mindestens vier Praxiseinheiten pro Semester habe ich dann zu Beginn erst einmal ein Jahr im Football pausiert. In dieser Zeit hatte ich auch eine Knieverletzung, die operiert werden musste. Den Football habe ich immer vermisst und auch nie aufgehört dafür zu trainieren, damit ich schnellstmöglich wieder spielen konnte.

2012 habe ich durch die Universität einige Spieler der Düsseldorf Panther kennengelernt, bin mit ihnen zum Training gegangen und habe letztendlich dort angefangen zu spielen.

2013 sowie 2014 haben wir in Düsseldorf insgesamt nur ein Spiel gewonnen. Unser Headcoach hatte damals gewechselt und die Art und Weise, wie das damals abgelaufen ist, war für mich nicht tragbar, so dass ich den Verein auch wechseln wollte.

Meinen Kontakt zu Stuttgart hatte ich nie verloren und so habe ich 2015 gesagt, dass, wenn sie mir einen Praktikumsplatz für mein Studium vor Ort besorgen würden, ich eine Saison für sie spielen würde. Headcoach Jemil Hamiko hat dies damals auf eigene Faust organisiert, was ich ihm nie vergessen werde. 2016 kamen unsere Vorstellungen dann leider nicht mehr überein und ich bin einem tollen Angebot von Frankfurt gefolgt. Seit dem habe ich mit einem anderen Spieler eine WG vor Ort und fahre Donnerstag bis Sonntag nach Frankfurt. Ich versuche Montag bis Mittwoch alles hier in Köln zu erledigen.

Wenn man in einem guten Verein der German Football League (GFL) spielen will, dann muss man im deutschen Football bereit sein auch weite Fahrten auf sich zu nehmen.

2009 war ich beim Tryout der Nationalmannschaft. Damals wurde mir gesagt, ich müsse schneller oder schwerer werden und bekam eine Absage. Dann hörte ich jahrelang nichts mehr von ihnen.

2014 war bei den Falcons, direkt neben meiner SportHOCHschule, ein Training der Nationalmannschaft und so habe ich mir das durch Zufall angeschaut. Anschließend hat mein Freund Raphael Llanos mich gefragt, warum ich eigentlich nicht dabei sei und hat den Kontakt zum jetzigen Defense Coordinator hergestellt. Und zwei Wochen vor der WM war ich dann ein Teil des Teams. Ohne ihn wäre das sicher nicht so gewesen.

Erinnerst du dich an dein erstes Spiel?

Für uns alle war das erste Spiel totales Chaos. Mit unseren Pads gab es damals Lieferschwierigkeiten und so kam unsere Ausrüstung erst im April und im Mai hatten wir unser erstes Spiel. Nicht mal vier Wochen hatten wir zuvor Vollkontakttraining gehabt.

2006 bin ich dann nach Stuttgart in die letzte Jugendsaison gewechselt und hatte direkt eine perfekt Saison.

Dort bin ich eigentlich auch erst fest zu meiner Position gekommen.

Was macht deine Position aus und ist sie für dich die Richtige im Nachhinein? Was ist für dich an Defense besser als an Offense?

Definitiv! Meine Position macht aus, dass man lieber austeilt anstatt einzustecken. Es gibt die, die immer scoren, immer glänzen wollen. Und dann gibt es die Bösen…

Medaillensammlung von Simon Gavanda

Bist du ein Leader?

Ich würde mich nicht als Leader bezeichnen. Auf dem Platz habe ich eher die Qualität andere in wichtigen Momenten wieder etwas „runter“ zu bringen.

Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, an wem es lag, wenn wir mal nicht gewonnen haben. Schuldzuweisungen machen meiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn. Wenn jeder auf seiner Position das Beste gibt, wird es funktionieren.

Die Amerikaner übernehmen bei uns am meisten die Rolle des Antreibers und halten die bewegendsten Ansprachen. Allerdings wird sich in Frankfurt von Vereinsseite gewünscht, dass ich die Vorbildfunktion für andere Spieler übernehme.

Welche Vorbereitungen hast du am Spieltag?

Bei Heimspielen bin ich ziemlich früh im Stadion und ich ziehe mich eigentlich direkt schon um. Am Morgen selbst habe ich keine festen Rituale. Eine ziemlich lange Zeit hatte ich eine rote Glücksunterhose, die ich mal von meinem besten Freund bekommen habe. Die habe ich aus Spaß bei jedem Spiel getragen – natürlich immer frisch gewaschen. Irgendwann war sie allerdings leider kaputt.

Beim Kick-off stehe ich immer an der 30 Yard-line. Nach dem ersten Spielzug ist es dann für mich erst richtig gut, da komme ich erst wirklich mental richtig ins Spiel.

Bist du aufgeregt vor Spielen?

Das ist sehr unterschiedlich. Vor dem ersten Spiel gerade der aktuellen Saison war ich schon nervös nach so einer langen spielfreien Zeit. Aber nach all den Jahren mit all meiner Erfahrung hält sich das mittlerweile in Grenzen. Als ich früher in der Offense Line solche Typen wie Raphael Llanos gesehen habe, ist mir das Herz doch kurz in die Hose gerutscht – ich kannte solche großen starken Jungs nicht wirklich bis dahin.

Gab es in deiner Karriere Momente, in denen du dir sportpsychologische Unterstützung gewünscht hättest?

Nach meiner ersten ernstzunehmenden Verletzung 2007 hätte ich mir sportpsychologische Intervention gewünscht. Die dadurch entstandene Verletzungsangst, die ich durch die folgende Saison schleppte, wäre sicher ein spannendes gemeinsames Thema geworden. Damals hat es lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich meinem Körper wieder zu 100% vertrauen kann.

http://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/11/dennis-zimmermann-no-regrets-warum-fragen-wir-nicht-einfach-die-besten-episode-2/

Inwieweit konnte dir dein Studium in der Ausübung deines Sports eine Unterstützung leisten? Welche Überschneidungen gab es?

Vor allem hat es mir Wissen vermittelt über Training, Ernährung und ein bisschen Sportpsychologie. Es hat mit geholfen, Kontakte zu knüpfen mit anderen Spielern im Kraftraum (Düsseldorf Panther, Cologne Crocodiles, Langenfeld Longhorns etc.). Dann, dass ich mein Deutschlandstipendium zur Finanzierung meines Masters durch Football erhalten habe.

Ich bekam Sonderurlaub von Seminaren während der EM. Mehr oder weniger konnte ich eine flexible Zeiteinteilung vornehmen. Mein Pflichtpraktikum während des Masters wurde in Stuttgart vom damaligen Headcoaoch organisiert. Meine Bachelorarbeit habe ich über Football geschrieben und für meine Doktorarbeit mit Footballern (Düsseldorf Panther) gearbeitet und geforscht. Zudem bin ich als Ausbilder im Verband tätig.

Irgendwie ging immer das Eine in das Andere über.

Was würdest du jungen Spielern raten?

  • Früh ins betreute Kraft- und Konditionstraining einsteigen!
  • Wer Ambitionen hat sollte zu einem großen Verein wechseln!
  • Sich Vorbilder suchen!
  • Kurz- und Mittelfristige Ziele setzen und etwas träumen (Fernziele)!
  • Arbeiten, arbeiten, Arbeiten!

Gibt es etwas, dass du anders machen würdest an einem bestimmten Punkt deiner Karriere?

2011 würde ich im Nachhinein nicht mehr aussetzen. Ich würde früher das „Pumpen“ anfangen. Einige Spielzüge im Laufe der Jahre würde ich heute hoffentlich anders spielen.

Ist es deiner Meinung nach wünschenswert, die Sportpsychologie als festen Bestandteil im deutschen Football zu etablieren?

Es wäre super. Die Teamchemie bestimmt einen großen Teil des Erfolgs mit, deshalb sollte Teambuilding durch einen Sportpsychologen begleitet werden. Meine eigenen Verletzungserfahrungen haben auch deutlich gemacht, dass ich in dieser Zeit solche Hilfe dringend gebraucht hätte. Neben vielen anderen Faktoren im deutschen Football kann man hier noch eine Menge rausholen!

Trainer sollten hier aufgeschlossen gegenüber Experten von außen sein, egal ob Athletik, Ernährung oder Psychologie.

 

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Mehr Insiderberichte:

http://www.die-sportpsychologen.de/category/insiderberichte/deutschland-insiderberichte/

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Jens Weißflog: „Wirklich perfekt war es nur bei einem einzigen Sprung“

„Die Psyche spielt im Skispringen eine große Rolle“, weiß Jens Weißflog. Einer der erfolgreichsten deutschen Wintersportler der Geschichte hatte in seiner aktiven Zeit aber nur wenig Zugang zu sportpsychologischen Experten. Kurios: Vor allem nach der deutschen Wiedervereinigung brach die Betreuung durch Sportpsychologen weg. Im Interview mit Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, erinnert er sich an seine Erfahrungen im Umgang mit der Sportpsychologie, spricht von eigenen und außergewöhnlichen Methoden und erklärt, weshalb junge Talente das Themenfeld Sportpsychologie ernst nehmen sollten. 

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Mehr zum Thema Skispringen:

 

Dr. Hanspeter Gubelmann: Vom Ende eines Automatismus – wie Simon Ammann nach neuer Perfektion sucht

 

Dr. Hanspeter Gubelmann: Schwer gestürzt, was nun?

 

Dr. Hanspeter Gubelmann: Angst, lass nach!

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Dr. René Paasch: Das Wohlbefinden verbessern

Wohlbefinden, Glück und Selbstverwirklichung – das sind Größen, die uns alle wichtig sind. Doch was genau führt zu einem glücklichen Leben? Wodurch entfalten wir unsere Talente, können wir das Leben genießen? Antworten liefert die Positive Psychologie. Prof. Dr. Martin Seligman ist der wichtigste Forscher auf dem Gebiet der Positiven Psychologie. Mit seinen gewonnenen Erkenntnissen entwickelte er praktische Übungen und wirksame Methoden, die unsere Lebenszufriedenheit fördern und zu einem gelingenden Leben führen. Das alles steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Resilienzkonzept, das gleiche Ziele verfolgt: Innere Stärke fördern, Widerstandsfähigkeit stärken und Ressourcen für ein glückliches Leben aufbauen. Die Positive Psychologie leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Stärkung einer optimistischen Lebenseinstellung und damit für die Entwicklung von Resilienz.

Zum Thema: Wie können wir unser Wohlbefinden verbessern?

Es existiert die weit verbreitete Annahme, dass Glück unser Wohlbefinden ausmacht. Doch durch Glück allein entsteht noch kein Sinn in unserem Leben. Es braucht mehr, damit wir uns gut fühlen und zufrieden sind. Laut Seligman beruht unser Wohlbefinden auf 5 Säulen, die er PERMA (Seligman, 2012) nennt:

Positive Emotionen

Es reicht nicht, einfach nur keine negativen Emotionen zu haben. Das regelmäßige Erleben positiver Emotionen wie Dankbarkeit, Genuss oder Zuneigung ist ein essentieller Faktor für das Wohlbefinden eines jeden Menschen. Auch, wer Hoffnung und Optimismus mit Blick auf die Zukunft pflegt, hat eine gute Möglichkeit an der Hand, sein Leben subjektiv zu verbessern.

Engagement

Menschen werden zufriedener und können aufblühen, wenn sie im Zuge ihrer Stärken leben, sich für etwas Großes engagieren und bei oder sogar in diesen Aktivitäten aufgehen. Seligman bezieht sich hier vornehmlich auf das vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi geprägte Flow-Erleben, also dem Gefühl eines Schaffensrausches. Flow entsteht häufig bei der Ausübung komplexer Aufgaben, die zwischen Überforderung (Angst) und Unterforderung (Langeweile) ausgeübt werden.

Positive Beziehungen

Teil eines sozialen Netzwerks zu sein, sich auf andere verlassen zu können und auch ihnen von Nutzen zu sein, verschafft vielen Menschen ein großes Glücksgefühl. Ob romantische Partnerschaft, funktionierende Familie oder tiefe Freundschaften – positive Beziehungen sind eine der wichtigsten Zufriedenheitstreiber überhaupt.

Sinnhaftigkeit

Können wir unsere Stärken dann noch zu einem höheren Zweck einsetzen, in dem wir Sinnhaftigkeit erkennen und erleben, ist das ein weiterer großer Schritt in Richtung eines erfüllten Lebens. Das, was schon die griechischen Philosophen der Antike diskutierten und als Erlangung der Glückseligkeit bezeichneten, ist auch für Seligman eine Rechnung, die für das „Glück“ suchende Individuum möglichst zu jedem Zeitpunkt ein positives Gesamtergebnis aufweisen sollte.

Leistung, Zielerreichung

Stephen Covey nennt es „Etwas zu schaffen, was über den Tod hinaus anhält und Spuren hinterlässt“. Um das zu erreichen, benötigt man explizite Ziele im Leben, die man zu erreichen sucht. Zielerreichung führt über ein gesteigertes Selbstwertgefühl ebenfalls zu mehr Zufriedenheit, einem gesteigerten Wohlbefinden und einem höheren Glücksgefühl.

Resilienztraining

Martin Seligman entwickelte auf Basis von PERMA und den Ergebnissen seiner zahlreichen Untersuchung ein spezielles Resilienztraining für Soldaten (Seligman, 2011). Soldaten erleben in Kriegseinsätzen viel Schreckliches – viele sind traumatisiert und entwickeln Depressionen. Das sogenannte „Master Resilience Training“ wurde eingeführt, um genau diese Folgen zu reduzieren. Das Trainingsprogramm besteht aus drei Teilen:

Zusätzlich wird das Training durch selbstgesteuertes Lernen unterstützt. Der Schwerpunkt liegt darauf, die eigenen Gedanken bei Problemen in Richtung einer optimistischen und positiven Haltung zu steuern. So können die Soldaten nach Belastungen und Krisen zielgerichtet ihre Mission fortsetzen. Siehe dazu auch Resilienz im Fußball:

Dr. René Paasch: Resilienz im Fußball

Fazit:

Wohlbefinden und das Resilienzkonzept sind heute so wichtig für uns, weil wir uns mehr denn je ständig an neue Situationen im Privaten und im Leistungssport anpassen müssen. Diejenigen, die sich wohlfühlen und resilient sind, können glücklicher leben und Veränderungsprozesse besser meistern. Sie nehmen jede Lebenssituation mit Dankbarkeit wahr und sehen die Chance auf Veränderung.

 

Literatur

Seligman, M.  E. P. (2012): Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being, Atria Books

http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.422.2772&rep=rep1&type=pdf

https://de.scribd.com/document/351010134/1-Master-Resilience-Training-Reivich-Seligman-pdf

Eine umfangreiche Liste der aktuellen englischsprachigen Literatur zur Positiven Psychologie finden Sie https://positivepsychologyprogram.com/positive-psychology-books-living-list-readings-resources/

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Streakrunning ist „Mentales Training“ (Streakrunning-Serie, Teil 1)

Wer diese Überschrift liest, wird sicherlich sofort die Stirn runzeln und den Kopf schütteln. Na ja, also zumindest diejenigen, die wissen was „Streakrunning“ ist. Hinter diesem Begriff versteckt sich nichts anderes als „Tägliches Laufen“ – an sieben Tagen in der Woche, in den 53 Wochen im Jahr. Also an jedem einzelnen der 365 Tage, die ein Jahr hat – und zwar mindestens eine Meile, also ca. 1,6 Kilometer pro Tag (siehe Wikipedia). Und da werden einige Leser wahrscheinlich wieder den Kopf schütteln. Warum sollte man so etwas tun? Nun gut – eine Antwort auf diese Frage fällt mir auch schwer, weil ich dazu weit ausholen müsste, bzw. viel mehr Platz bräuchte, als im Rahmen eines Blog-Beitrags möglich wäre. Aber wer hier sofort eine Antwort haben möchte, liest am besten das brandaktuelle Buch von Lutz Balschuweit, einem Streakrunner, der das mittlerweile seit sechs Jahren macht und so auf ca. 50.000 Laufkilometer gekommen ist.

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 1

Die Läufer unter unseren Lesern werden jetzt sicherlich auch erst einmal Lächeln, denn 1,6 Kilometer pro Tag sind roundabout 600 Kilometer im Jahr. Das ist für einen ambitionierten Marathonläufer eher „nichts“. Professionelle Marathonläufer machen das in zwei Wochen, ambitionierte Marathon-Hobby-Läufer schaffen das in zwei Monaten und selbst jemand, der einfach gerne joggen geht, aber es nicht ernst wirklich nimmt, braucht dafür vielleicht ein halbes Jahr. Es wird also schnell klar, dass das „Mindestmaß“ für Streaker nicht wirklich eine körperliche Herausforderung ist.

Aber hier sind wir dann auch schon beim Thema. Die meisten Streaker laufen natürlich deutlich mehr als nur die eine Meile am Tag. Die „eine Meile“ ist vielmehr nur der „Notnagel“, wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Und dann machen die Streaker eben trotzdem diese eine Meile. Wer macht so etwas? Wieder eine gute Frage. Streaker kommen aus allen Schichten der Gesellschaft (Angestellte, Beamte, Selbstständige, Arbeitslose, Männer und Frauen….persönliche, politische oder sexuelle Einstellungen, Hautfarbe oder Herkunft spielen keine Rolle). Es gibt natürlich auch so etwas wie „Vereinigungen“ und natürlich auch Netzwerke, in denen sich Streaker austauschen. Interessanterweise existiert „NULL“ wissenschaftliche Literatur zu diesem Sportler-Klientel. Aber man findet sie im Internet und mitunter auch in den sozialen Medien. Auf Facebook z.B. gibt es eine (geschlossene) Gruppe, in der aktuell 109 Mitglieder miteinander vernetzt sind. Dort tummeln sich nicht nur Läufer, die streaken, sondern auch welche, die das eine Zeit lang gemacht haben, jetzt aber andere Ziele haben, sich aber diesen Menschen mit ihrer Aktivität sehr verbunden fühlen. Oder auch diejenigen, die sich einfach nur für das Thema interessieren und mehr „wissen“ wollen. Aber dort tummeln sich eben auch welche, die aktuell tatsächlich streaken. Diese Gruppe ist (neben einigen wenigen anderen Möglichkeiten) ein „sicherer“ Ort für Austausch über Erfahrungen und Informationsaustausch unter Menschen, die etwas tun, für die man „draußen“ auch oftmals stigmatisiert sind. „Verrückt“ und „laufsüchtig“ – das sind die Adjektive, mit denen die „Nicht-Streakende“ Öffentlichkeit diese Menschen häufig betitelt.

Eine andere Einstellung zum Laufen

Aber wie so oft  sind dies lediglich Vorurteile – die Tatsachen sehen meines Erachtens anders aus. Streakrunner wissen in der Regel genau, was sie da machen. Sie kennen die Gefahren, aber sie wissen auch um den Benefit dieser Aktivität. Überforderungs- und Überlastungsprobleme sind sicherlich eine der möglichen Gefahren. Auch das „krank werden“ und trotzdem laufen kann problematisch werden. Streaker sind aber in der Regel keine Laufanfänger. Vielmehr sind es häufig eher „alte Laufhäsinnen bzw. Laufhasen“ mit jahrelanger Erfahrung, die schon viel in ihrem Leben erreicht und erlebt haben.

Häufig hat sich nur die Einstellung zum Laufen verändert. Es geht diesen Läuferinnen und Läufern nicht mehr um die Verbesserung irgendwelche Laufzeiten, oder etwa die nächste Stufe des Ultra-Running zu erreichen (100 Kilometer kann ich – jetzt will ich wissen, ob ich 100 Meilen laufen kann), sondern es geht den meisten Streakern um eine grundlegende Einstellung zu sich, ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit, zur Natur und zum Leben mit sich und auch anderen Menschen im Allgemeinen. Und um den Spaß am Laufen! Im Streakrunning gibt es keine offiziellen und kontrollierten Wettkämpfe, keine von einem Sportverband ausgestellten Urkunden oder Siegerehrungen, keine Finisher-Medaillen oder Finisher T-Shirts (warum – es gibt ja kein „Ziel“), es gibt keine Preisgelder, keine öffentliche Belobigungen oder andere öffentliche Ehrungen. Die meisten Streaker „werben“ auch nicht dafür, gehen damit nicht hausieren. Und das ist schon etwas Besonderes in Zeiten von Facebook und Instagram, in der fast jeder, der ab und zu mal einen Kilometer joggt, dies der geneigten Öffentlichkeit über Social-Media mitteilen muss.

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Mentale Herausforderung

Aber trotzdem ist es eine Herausforderung, wirklich jeden Tag laufen zu gehen. Und sportlich aktive Menschen lieben natürlich – „selbst wenn es nur ein wenig ist“ – Herausforderungen. Worin also besteht die Herausforderung, wenn es keine – wie oben schon angedeutet – körperliche Herausforderung ist? Ganz einfach – es ist eine mentale Herausforderung!

Die mentale Herausforderung besteht darin, sich eben jeden Tag aufzuraffen und laufen zu gehen, unabhängig von Uhrzeit, Wetter, Tagesgeschäft, privaten Problemen, Unwohlsein, „keine Lust“ oder anderen Begleitumständen und anderen sportlichen Aktivitätsmöglichkeiten. Und darin eben laufen zu gehen, obwohl man ganz sicher weiß, das Minimum eine Meile immer gehen sollte. Aber etwas zu wissen, oder aber nicht nur zu wissen, sondern es auch zu tun, sind zwei verschiedene Angelegenheiten. In der Willenspsychologie reden wir davon „Zielintentionen“ in „Ausführungsintentionen“ zu überführen, was dann die Wahrscheinlichkeit erhöht, das man tatsächlich körperlich aktiv wird. Nicht nur eine mentale Herausforderung, sondern auch eine körperliche Herausforderung wird es, wenn Streaker neben dem Aufrechterhalten des Streak auch um Wettkampfziele geht. Dann wird es wirklich hart, denn eine Leistungsverbesserung benötigt auch Pausen zur Erholung, ansonsten bleibt der Trainingseffekt aus. Und auch das wissen natürlich auch Streakrunner, und die meisten geben eben dann auch das Laufen „mit Startnummer“ früher oder später auf. Diese Entscheidung ist wahrscheinlich eine essentielle – früher oder später.

Der Streak – nicht mehr und nicht weniger

Oder aber, stellen Sie sich die Diskussionen mit dem inneren Schweinhund vor, wenn man am Tag vorher den Rennsteig-Supermarathon von 72 km erfolgreich absolviert hat und nun raus muss, um mindestens diese eine Meile zu laufen.  Ich sage mal „Aua“……Aber es geht auch um ganz einfache Herausforderungen, die groß werden können. Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Reise nach Fern-Ost und sie wissen, dass der Flug allein 15 Stunden dauert – plus sechs Stunden für die Anreise zum Flughafen und den Transfer ins Hotel. Irgendwann und irgendwo muss dann in der verbleibenden Zeit die Meile gelaufen werden. Da können  sich schon sehr schräge und mitunter lustige Geschichten entwickeln. Wenn Sie also bei ihrer nächste Reise am Flughafen mal einen Menschen die Gänge rauf und runterjoggen sehen, dann wissen Sie, das Sie gerade einen Streaker gesehen haben. Um es noch einmal zu betonen, diese Menschen sind deswegen nicht süchtig, sondern sie wollen einfach nur den Streak aufrecht erhalten. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger.

Und nun kommt mein „Outing“. Ich bin ein Streaker – und zwar seit drei Wochen. Meine täglichen Laufdistanzen bewegen sich derzeit zwischen fünf und zwölf Kilometer. Ich weiß, dass ist erst einmal nichts Besonderes und das soll es eigentlich auch nicht sein. Ich habe das schon mal im Jahr 2014 gemacht. Da hatte ich aber eben noch Wettkampfziele und deswegen das Streaken nach  einem Monat aufgegeben. Ich möchte das aber nun gerne mal – zunächst ein Jahr lang – durchziehen. Und ich werde Euch teilhaben lassen, jeden Monat, einmal im Rahmen eines Blogbeitrags. Ich lass Euch wissen, ob und wenn ja, was sich bei mir verändert. Es werden „harte Tage“ kommen und ich weiß auch, es werden „sensationelle Erfahrungen“ auf mich warten. Vermutlich wird sich mein Hang zum „Perfektionismus“ noch etwas verschärfen, aber auch meine Selbstmanagement-Fähigkeiten werden sich verbessern (so hoffe ich). Selbstmotivationsstrategien – die Arbeit mit meinen „inneren Bilder“, die Art und Weise, wie ich mich über den Tag selbst instruiere, wird sich intensivieren (vermute ich).

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Weitere Informationen

Angst spielt auch eine Rolle

Ich bin dankbar dafür, eine Frau an meiner Seite zu haben, die mich dafür nicht „verurteilt“, sondern es als für das „Normalste der Welt hält“, sich jeden Tag mindestens eine Stunde lang körperlich zu aktivieren. Angst habe ich aber auch! Nämlich davor, dass das Laufen irgendwie so verständlich wird, wie das tägliche „Zähne putzen“ und das somit meine so geliebte Leidenschaft an „Glanz“ verliert.

Freuen würde ich mich über intensiven Austausch mit denjenigen, die das Thema interessiert und sich über die sportpsychologischen Anforderungen und Konsequenzen von Streakrunning interessieren. Das muss nicht mal unbedingt Streakrunning sein, sondern eine völlig anders geartete, tägliche Aktivität, die ihr machen wollt oder machen müsst. Ich bin gespannt, ob ich das schaffe und wie ich mit den möglichen Problemen umgehen werde und was „am Ende des Tages“…nein „am Ende des Jahres“ übrig bleibt. Ich lasse es Euch wissen.

 

Zum E-Book von Prof. Dr. Oliver Stoll, welches sich mit seiner Teilnahme an den 100 Kilometer von Biel beschäftigt:

http://einmalwarichinbiel.de

 

Quellen

Balschuweit, L. (2018). Lebenslauf – kein Wettkampf. (Internet: https://balschuweit.de/blog2/)

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Streaker

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Christian Hoverath: Selbstvertrauen aufbauen

Irrläufig glauben immer noch viele Sportler und Trainer, dass man Selbstvertrauen hat oder eben auch nicht. Dabei kann Selbstvertrauen durch Training und Planung aufgebaut werden. Mögliche Wege sind dabei das Erreichen von Zielen, Visualisierung von Erfolg oder dem erfolgreichen Durchführen bestimmter Übungen, Zielsetzungstraining, Verbesserung physischer Fähigkeiten und Vorbereitung.

Zum Thema: Effektive Hinweise zum Aufbau von Selbstvertrauen

Selbstvertrauen ist auch im Triathlon eine kleine Wunderwaffe: Dies fängt schon damit an, dass selbstbewusste Athleten ihre Nervosität positiv wahrnehmen. Folglich gehen sie gelassener auch mit schwierigen Rennphasen um, die jeder von uns zur genüge kennt. Im Ergebnis agieren selbstbewusste Triathleten konzentrierter. Sogar die Fähigkeit, sich anzustrengen, wird durch ein positives Selbstbewusstsein verbessert. Da der Sportler an seine Fähigkeiten glaubt und davon überzeugt ist, sein Ziel zu erreichen, wird er länger an seinem Ziel festhalten als Athleten mit weniger Selbstbewusstsein. Dies ist insbesondere in unserer Ausdauersportart zu beobachten. So wird ein Sportler mit größerem Selbstbewusstsein länger dafür kämpfen, den Marathon in unter drei Stunden zu laufen oder den Ironman in unter zwölf Stunden zu finishen.

Mentaler Hokuspokus? Mitnichten, richtungsweisend war bereits eine Studie, die 1972 durchgeführt worden ist. Nelson und Durst ließen Probanden im Armdrücken gegeneinander antreten. Bevor die Duelle ausgetragen wurden, maßen sie die Armkraft und teilten dann stärkere Personen deutlich schwächeren zu. Beiden wurde allerdings mitgeteilt, dass die schwächere Person die stärkeren Testwerte erzielt hätte. Erstaunlicherweise gewannen die objektiv schwächeren Personen mehr als 80% der Duelle.

Einfache Tipps

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Wie lässt sich das Selbstvertrauen aufbauen? Ich habe im Folgenden einfache Tipps und Hinweise gesammelt, die als Grundlage dienen können – für mehr und individuelle Beratung kontaktiert gern meine Kollegen oder mich (zur Profilseite von Die Sportpsychologen):

Erreichen von Zielen Erfolge verbessern das Selbstvertrauen und führen zu weiterem erfolgreichen Verhalten. Dazu gehört das Besiegen eines bestimmten Gegners, der Erfolg nach Zurückliegen ebenso wie die Fähigkeit, im Training bestimmte Intervalle oder Strecken laufen zu können. Sicherlich glaubt ein Sportler stärker an sich, wenn er eine bestimmte Leistung im Training bereits zeigen konnte. Das ist der Grund, warum gutes Training sowie physische und mentale Vorbereitung auf ebendiese beste Leistung Selbstvertrauen steigern. Kurzfristige Ziele können dabei helfen den Fortschritt zu beobachten und dadurch Selbstvertrauen steigern. Der Trainer kann dabei helfen, indem er im Training Wettkampfsimulationen einbaut. Situationen sollten so aufgebaut sein, dass sie es den Athleten erlauben, Erfolge zu haben und das Gefühl der Aufgabenbewältigung haben können.

Mit Selbstvertrauen agieren Gedanken, Gefühle und Verhalten hängen zusammen. Je mehr Selbstvertrauen ein Sportler ausstrahlt, umso wahrscheinlicher empfindet er dieses. Setzen Sie sich auf einen Stuhl und sacken Sie zusammen. Sagen Sie sich nun: „Ich bin stark und unbesiegbar.“ Wie fühlt es sich an? Nun setzen Sie sich aufrecht hin, Rücken gerade, Brust raus, Blick nach vorn. Sagen Sie sich: „Ich schaffe es nicht, ich bin es nicht wert.“ Glauben Sie es sich? Wichtig wird die Körperhaltung zusätzlich, wenn ein Athlet das Selbstvertrauen verliert und der Gegner dies mitbekommt. Wie bekommt er es mit und steigert dadurch sein Selbstvertrauen und die Siegchance? Eben über die Körperhaltung. Denken Sie dran, den Blick nach vorn zu richten und die Schultern zurückzunehmen.

Denk mit Selbstvertrauen Glaube an dich und daran deine Ziele zu erreichen! Ein Spruch, der zählt. Gedanken und Selbstgespräche sollten Instruktionen beinhalten und motivieren, nicht bewerten (dazu an anderer Stelle mehr).

Visualisierung Das Augenmerk sollte auf der Bewältigung von Aufgaben liegen, die dem Athleten im Training bisher schwer gefallen sind oder die er noch nicht geschafft hat. So kann das Anschlagen im Becken bei einer bestimmten Intervallzeit visualisiert werden oder der runde Tritt im Anstieg ebenso wie das Überholmanöver einer Gegners. Verletzte Athleten können visualisieren, wie sie wieder ins Trainings- oder Wettkampfgeschehen einsteigen.

Zielsetzung Das Verfolgen von Zielen verstärkt die Anstrengungsbereitschaft und Zielsetzungstraining ist somit ein äußerst wirksames sportpsychologisches Tool. Der Einsatz verschiedener Zieltypen (kurz-, mittel-, und langfristige Ziele) ist ebenso entscheidend wie eine SMARTE Formulierung, die für den Athleten emotional bedeutsam ist. Zudem sollten neben den Ergebniszielen auch Leistungs- und Prozessziele verfolgt werden, da sie im stärkeren Maße in der Kontrolle des Sportlers liegen.

Christian Hoverath: Zielsetzung im Triathlon

Vorbereitung Wer vorbereitet ist, weiß was auf ihn zukommt. Wer vorbereitet ist, der hat das Vertrauen alles gemacht zu haben, was für den Erfolg nötig ist. Dabei ist Erfolg mit dem Erreichen der persönlichen Ziele gleichzusetzen. Der Sportler weiß, was er zu tun hat. Legen Sie sich eine Strategie zurecht. Ebenso sollten Sie über Alternativstrategien verfügen, damit ein Rückschlag Sie nicht aus der Bahn wirft. Zu einer guten Vorbereitung gehört eine Vorstartroutine und ein Zeitplan für das Zeitfenster vor dem Rennen.

Physisches Training Natürlich hilft es in der bestmöglichen physischen Verfassung zu sein, um Selbstvertrauen aufzubauen. Keine mentale Trainingsform kann das erreichen, was physisches Training und die entsprechende Form bewirken, die für den Sport nötig sind.

 

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Dr. René Paasch: Umgang mit einem Trauerfall

2003 ereilte den Ex-Bayern-Star Sammy Kuffour ein schweres Schicksal: Seine einjährige Tochter ertrank beim Baden. Wie die Verantwortlichen des FC Bayern damals mit der schlimmen Situation umgingen, zeugt von wahrer menschlicher Größe. Kuffour selbst erinnert sich: „Sofort kamen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu mir nach Hause, um mich zu trösten. Sie organisierten innerhalb von zwei Stunden einen Privatjet, damit ich nach Ghana fliegen konnte. Dieser blieb solange in Ghana, bis ich alles erledigt hatte.“ Großartig! Was können wir daraus lernen und wie sollten wir uns verhalten?

Zum Thema: Umgang mit einem Trauerfall und wie können Mitspieler und Verantwortliche helfen?

Im Alter von 16 Jahren wechselte Samuel Kuffour vom FC Turin zum FC Bayern. Mit Ausnahme einer halbjährigen Leihe zum 1. FC Nürnberg spielte der Ghanaer insgesamt elf Jahre für den Rekordmeister. 2003 musste Kuffour einen schrecklichen Schicksalsschlag hinnehmen, als seine Tochter Godiva beim Baden in Ghana ertrank. In der 90-minütigen Dokumentation „Das mia-san-mia-Phänomen“, die von der „Deutschen Welle“ produziert wurde, lassen Kuffour und Präsident Uli Hoeneß den fürchterlichen Vorfall noch einmal Revue passieren.

Jahr für Jahr sterben mehr als 850.000 Menschen in Deutschland. Es ist der Augenblick, der das Leben für viele in ein „davor“ und ein „danach“ teilt. In dem plötzlich nichts mehr so ist, wie es war. Der Alltag gerät dabei manchmal aus den Fugen, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Früher hat die Gesellschaft den Einzelnen in solchen Momenten gestützt, heute ist das Trauern eine individuelle Angelegenheit geworden. Bei einer TNS-Emnid-Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Bestatter im Jahr 2011 beklagten 67 Prozent der Befragten, dass die Öffentlichkeit das Thema Tod verdränge. Erschreckend!

„Wir können es besser machen, indem wir verstehen und unsere Hilfe anbieten“. 

Der Trauerweg

Im ersten Moment bewirkt der Tod des geliebten Menschen oft eine Art Schockzustand, der tagelang anhalten kann. Der Trauernde kann nicht fassen, was geschehen ist und fühlt sich wie erstarrt. In dieser Phase braucht er jemanden, der ihm zur Seite steht und beim Erledigen alltäglicher Aufgaben hilft. Anschließend brechen meist die Emotionen auf. Der Hinterbliebene wird überwältigt von Gefühlen wie Angst, tiefer Trauer, Wut und sucht verzweifelt nach einer Erklärung für den Verlust. In diesem Gefühlschaos braucht er vor allem jemanden, der einfach nur zuhört.

Irgendwann beruhigen sich die Gefühle, doch in vielen kleinen Situationen des Alltags fühlt sich der Trauernde an den Verstorbenen erinnert. Er muss sich immer wieder bewusst machen, dass es den schmerzlich vermissten Menschen nicht mehr gibt. Diese Phase, des Suchens, kann Wochen, aber auch Jahre dauern. Sie erfordert vom Umfeld Geduld und Verständnis. Erst wenn sich das Suchen abschwächt, öffnet sich der Blick für die Zukunft.

Die individuelle Trauer

Nicht jeder Mensch erlebt den Verlust eines lieben Menschen in gleicher Weise und schon gar nicht nach dem gleichen Zeitplan. Und auch die Voraussetzungen, den Verlust endgültig zu verkraften, sind unterschiedlich. Traumaforscher George A. Bonanno (2012) stellte fest, dass es rund zehn Prozent der Hinterbliebenen langfristig schwerfällt, mit dem Tod eines engen Angehörigen fertig zu werden. Sie quälen sich jahrelang und sehnen sich dauerhaft nach dem Verstorbenen. Weitere zwanzig Prozent leiden ebenfalls stark. Sie funktionieren irgendwie, obwohl sie innerlich immer noch sehr verletzt sind. Sie alle können Hilfe brauchen. Hören Sie zu!

Tatsächlich geht es bei der Trauer nicht darum, etwas hinter sich zu lassen oder abzulegen wie einst die schwarze Kleidung nach dem Trauerjahr. Als Prozess dient sie dazu, den Schmerz zu verarbeiten. Das kann schneller gehen oder mag auch langsamer gelingen. Die Zeit sollte kein Kriterium sein, da jeder anders trauert. Wichtig ist allein, dass der Hinterbliebene den Blick dabei nach innen richtet, den Verlust akzeptiert, die Beziehung zum Verstorbenen verändert und dadurch wieder nach vorne schauen kann. Besonders gut gelingt das Menschen, die über genügend Resilienz verfügen. So bezeichnet man die seelische Widerstandskraft, die selbst in schwierigen Situationen Halt gibt. Resiliente Menschen können sich neuen Umständen gut anpassen. Sie erstarren nicht dauerhaft in ihrer Trauer, sondern stellen nach einer Weile die emotionale Balance wieder her. Näheres dazu: http://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/07/dr-rene-paasch-resilienz-im-fussball/.

Dr. René Paasch: Resilienz im Fußball

Es braucht viel seelische Stärke, um zu akzeptieren, was wir nicht ändern können, ganz besonders wenn das eigene Kind stirbt. Die Resilienzforscher zeigen auf, dass sich die seelische Widerstandskraft, mit der wir Krisen überwinden, sogar noch im Erwachsenenalter gezielt fördern lässt: indem wir in uns hineinhorchen und unsere Bedürfnisse ergründen, uns mit Menschen umgeben, die uns guttun und Aufgaben suchen, die befriedigen.

Wie helfen, was sagen und tun im Leistungssport?

Zuhören: Anstatt nach den richtigen Worten zu suchen, ist es für Trauernde hilfreich, wenn der Trainer, Mannschaftskollege aufmerksam und einfühlend zuhört. Sie können Trauernden ihre Trauer nicht abnehmen sondern sollten sie ermutigen, sich auf den Schmerz einzulassen. Dabei ist es ein großes Geschenk, wenn Sie einfach da sind, den Schmerz aushalten, zusammen weinen oder zusammen schweigen.

Mitgefühl und Geduld haben: Trauernde sollten ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können, ohne Angst zu haben, deshalb kritisiert zu werden. Begegnen Sie ihnen vorurteilsfrei und verzichten sie auf Verhaltensratschläge. Als Mannschaftskollege begleiten Sie den Trauernden auf seinem Weg und jeder Trauerweg ist anders und einzigartig und braucht seine eigene Zeit. Erspüren oder fragen Sie, welche Bedürfnisse der Trauernde hat.

Fazit

Wichtig ist es, die Realität des Todes anzuerkennen. Egal ob plötzlich oder vorhersehbar, es kann lange dauern, bis der Verlust wirklich anerkannt wird. Es ist normal, dass Trauernde immer wieder die Realität des Todes verdrängen, bis sie sie ganz erfassen können. Stück für Stück, durch Erzählen und Begreifen wird der Verlust mehr zur Wirklichkeit. Durch Zuhören und ermutigen, sich dem Schmerz zu stellen, können Sie den Trauernden bei dem wichtigen Schritt unterstützen. Der Weg durch die Trauer muss jedoch gegangen werden, auch wenn es leichter scheint zu verdrängen oder zu verleugnen. Versuchen Sie also nicht, dem Trauernden den Schmerz auszureden und ihn davon wegzuführen, sorgen Sie eher für eine wohltuende, geschützte Umgebung, in der der Trauernde sein darf wie er sich innerlich fühlt. So wie es der Rekordmeister vorbildich getan hat. Im Bedarfsfall sollten Sie psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen.

Zur absolut sehenswerten DW-Dokumentation (Klick auf das Bild, oder hier entlang: http://www.dw.com/de/fc-bayern-münchen-dokumentation/a-40525205):

Literatur

George A. Bonanno (2012): Die andere Seite der Trauer: Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden, Verlag: Aisthesis; Auflage: 1

Internet:

https://www.bestatter.de/fileadmin/user_upload/bdb/global/illu/Emnid/EMNID_Umfrage_2011_kurz.pdf. Zugriff am 25.10.2017.

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Christian Hoverath: Zielsetzung im Triathlon

Nach einer anstrengenden Saison die Beine hochlegen – diese Phase dürfte zum Jahresbeginn für die meisten Triathleten vorbei sein. Mit der sportlichen Vorbereitung sollte auch die Saisonplanung beginnen und damit auch ein sportpsychologisch wichtiges Tool in den Fokus rücken: die Zielsetzung. Hilfreich gesetzte Ziele helfen dabei, die Motivation aufrecht zu erhalten und können über das Erreichen von Zielen einen positiven Einfluß auf das Selbstvertrauen und die Nervosität haben. Durch den stärkeren Aufgabenbezug ist die Selbstregulation verbessert. Zudem bekommt der  Athlet durch die Aufgabenorientierung Feedback und kann sich so kontinuierlich entwickeln. Ziele lenken die Aufmerksamkeit auf die relevanten Elemente der Tätigkeit. 

Zum Thema: Tipps und Hinweise zum Zielsetzungstraining im Triathlon

Es gibt drei Arten von Zielen. Dies sind Ergebnis-, Leistungs- und Prozessziele. Ergebnisziele beziehen sich auf ein Ergebnis und beziehen damit auch immer die Leistung des Gegners mit ein. Leistungsziele hingegen beziehen sich objektiv auf die erbrachte Leistung, wie z.B. die Verbesserung der Bestzeit oder einen schnelleren Kilometerschnitt. Prozessziele beziehen sich auf Handlungen, die ein Individuum für gute Leistungen erbringen muss. Dies kann der flache Fußaufsatz oder die Hüftstreckung sein.

Wichtig ist es, alle Arten von Zielen zu berücksichtigen. Ergebnisziele können kurzfristig die Motivation erhöhen, jedoch kurz vor einem Rennen zu Ängsten und ablenkenden Gedanken führen. Leistungs- und Prozessziele lassen sich viel genauer adjustieren und sind unabhängig vom Gegnerverhalten. Im Rennen sind diese beiden Zielarten viel nützlicher, da der Fokus auf die eigenen Möglichkeiten gelegt wird. Dies ist für den Selbstwert und das Selbstvertrauen äußerst wichtig. Auch Leistungsziele (z.B. der 5er-Schnitt) können, wenn sie zu hoch gesteckt sind, Ängste auslösen. Deswegen ist es wichtig, sie gut zu setzen (z.B. SMART, dazu später mehr).

Hinweis: Sind sie gegen Ende der Strecke mit ihrer berechneten Zeit zufrieden, dann konzentrieren Sie sich auf Prozessziele, das hält die Konzentration und Motivation hoch.

Etappenziele

Kurzfristige und langfristige Ziele sind ein weiterer Aspekt, den Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie sich in den nächsten Tagen Gedanken über die kommende Saison machen. So mag das Ziel der Hawaii-Quali für dieses Jahr beängstigend wirken, wenn Sie im Juli ihre erste Langdistanz planen, als langfristiges Ziel aber durchaus möglich sein.

Dann gilt es sich zu überlegen, was sie bis dahin erarbeiten müssen? Ebenso ist es wichtig zu überlegen, was auf dem Weg zu ihrem Ziel passieren muss? Was für Schwimmleistungen sind nötig? Was müssen Sie ernährungstechnisch tun? Wie müssen Sie ihre langen Läufe aufbauen und wie lang müssen diese zu welchem Saisonzeitpunkt sein? Bei welchen Wettkämpfen möchten Sie auf dem Weg zum Hauptwettkampf starten und wie sollen diese gestaltet werden?

Trainings- und Wettkampfziele

Auch wenn Wettkampfziele vorrangig erscheinen – vergessen Sie Ihre Trainingsziele nicht! Sie verbringen einen viel größeren Teil im Training als im Rennen. Trainingsziele machen das Training interessant und helfen, die Motivation aufrecht zu erhalten. Um die Form kontinuierlich zu entwickeln, sollten Sie sich Gedanken darüber machen, welche Einheit in welcher Form (Tempo, Art, Dauer) gestaltet wird. Außerdem sollten Sie sich Gedanken machen, welche Ziele Sie im Training erreichen müssen, um ihre Wettkampfziele zu erreichen.

„Smarte Ziele“ hatten wir schon angesprochen. Aber was bedeutet das eigentlich? Hinter der Abkürzung stecken die Begriffe spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminierbar. Spezifisch bedeutet, dass Sie sich vorstellen können, wie es sich anfühlt, wie es aussieht, wie es sich anhört, wenn Sie Ihre Ziele erreichen. Je konkreter Ihre Vorstellung ist, desto besser. Wenn Sie die Frage „Woran erkenne ich, dass ich mein Ziel erreicht habe?“ beantworten können, sind Sie beim Aspekt der Messbarkeit. Das Ziel sollte für Sie attraktiv sein und im realistischen Bereich werden. Ihre Ziele sollten Sie demnach zeitlich festlegen.

Fazit

Kurz und knapp wurden im vorliegenden Text einige der zentralen Aspekte der Zielsetzung beschrieben, weiterführend sei auf die Serie von Andreas Meyer verwiesen.

Andreas Meyer: Wo führen deine Ziele hin?

Wenn Sie sich an die Planung der Saison machen, denken Sie daran, Ihre Ziele spezifisch zu setzen. Überlegen Sie sich, was Sie benötigen und in Zwischenzielen erreichen müssen, um Ihre Ziele zu erreichen. Setzen Sie sich im Übereifer nicht zu viele Ziele zur gleichen Zeit. Sie verlieren die Ziele zu schnell aus den Augen und das Monitoring wird unmöglich. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Ziele in beide Richtungen anzupassen – nach Krankheit oder aufgrund anderer Belastung, oder auch wenn Sie sich besser entwickeln als Sie dies zu Beginn der Saison dachten.

Mein letzter Rat: Es sind Ihre Ziele! Lassen Sie sich nicht beeinflussen und achten Sie darauf, dass Sie sich mit Ihren Zielen wohlfühlen.

Merkblatt Ressourcen-ABC

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Literatur:

https://gipfelkurs.de/blog/zielsetzung-im-triathlon

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1980). Gauging the Relationship Between Self-Efficacy and Action. Cognitive Therapie and Research, 4(2), 263-268.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

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