Wir als Netzwerk Die Sportpsychologen arbeiten seit einigen Monaten intensiv mit dem Verband Floorball Deutschland zusammen. Zugegeben, hierzulande ein kleiner Spitzenverband. Aber einer, der innovativ und in vielerlei Hinsicht beispielhaft arbeitet. Die Sportpsychologie wird nicht als Feuerwehr verstanden, sondern ist Teil der Maschinerie, mit der die Sportart entwickelt, die AthletInnen und TrainerInnen optimal betreut und Erfolge generiert werden. In Zukunft werden wir häufiger von unserer Zusammenarbeit berichten. Aber ganz grundsätzlich: Weshalb lohnt es sich für andere Verbände, so oder so ähnlich zu arbeiten? Worin liegt der Mehrwert, in Sportverbänden die Sportpsychologie neu und anders zu denken?

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)
Ich fasse den Bogen weit: Psychologie sollte vor einem wichtigen Turnier oder Spiel von Anfang an integriert sein, schon in die strategische Planung der Kommunikation, bevor der erste Spieler (oder die erste Spielerin) nominiert ist. Hier werden schon die ersten Frames gesetzt: Welchen Stellenwert bekommt die Mannschaft, wie werden die Spieler ausgewählt, wie nachvollziehbar wird das nach außen gemacht und nach innen. Wie erleben die Spieler ihre Nominierung so, dass sie zu 100% hinter dem Projekt stehen?
Danach geht es um das Teambuilding, im Tandem mit dem Trainer. Kommunikation, Rahmenbedingungen und vieles mehr spielen eine Rolle dabei, wie Spieler zu einem echten Team werden, wie Vertrauen entsteht, wie eine gemeinsame Vision gestaltet werden und in die Herzen gelangen kann.
Trainer sollten vollen Zugriff auf alle Möglichkeiten der Psychologie haben, um genau das optimal zu unterstützen. Außerdem bei der Kommunikation nach außen: Was, wie, an wen? Das gilt auch für Interviews. Denn wird etwas gesagt, das falsch ankommt, hat nicht nur der Trainer Stress, sondern auch die Spieler.
Dann bei der Vorbereitung: Wie lässt sich der Druck im Turnier simulieren? Wie die Resilienz der Spieler stärken? Wie das Vertrauen untereinander festigen? Wie die Aufopferungsbereitschaft für die Mannschaft ausbauen?
Darüber hinaus sollte das sportpsychologische Know-How natürlich auch den Spielern zur Verfügung stehen. Denn die sind zwar in der Regel top, aber eben auch nicht jeden Tag dem Druck ausgesetzt, den sie speziell in der Nationalmannschaft haben, damit die Nerven halten, wenn es einen Elfmeter, Penalty oder eine Siebenmeter gibt. Und natürlich auch in ganz anderen Situationen. Da kann die Psychologie viel zaubern, und warum sollte man darauf verzichten?

Antwort von: Christian Bader (zum Profil)
Ein Verband, der Sportpsychologie erst dann anruft, wenn die Nerven im Elfmeterschießen bereits versagt haben, hat das Problem nicht verstanden, er hat es nur spät genug bemerkt, um es nicht mehr lösen zu können. Klug in den Kontakt kommen, bevor es brennt, heißt: Sportpsychologie ist keine Abteilung, die man bei Bedarf anruft, sondern eine Linse, durch die Trainerstab, Scouting, Medizin und Kommunikation dauerhaft arbeiten. Wer sie als Feuerwehr organisiert, wird sie auch nur als Feuerwehr erleben: hilflos, wenn es längst großflächig brennt.
Erstens: weg von der Symptombekämpfung, hin zur Systemarchitektur. Solange Sportpsychologie als Stabsstelle für den Ernstfall gedacht wird, bleibt sie strukturell dort, wo sie am wenigsten bewirken kann: am Ende der Kette. Sie gehört an den Anfang, in die Architektur des Systems, nicht in dessen Notfallkoffer.
Zweitens: Sportpsychologie braucht Differenzierung, keine Einheitslösung. Drei Zielgruppen, drei Interventionslogiken. Wer sie vermischt, verwässert alle drei. AthletInnen brauchen kontinuierliche Arbeit an psychologischer Flexibilität und Selbstwahrnehmung, nicht punktuelle Technikvermittlung. TrainerInnen brauchen Sportpsychologie als Führungsinstrument: systemische Gesprächsführung, Kaderentscheidungen und Drop-outs im Kontext von Gruppendynamik und Rollenklarheit reflektieren, nicht als Zusatzangebot für ihre Spieler, sondern als Werkzeug für die eigene Führungsarbeit. Und FunktionärInnen? Die werden am seltensten mitgedacht, dabei strukturiert der Druck von oben (Verbandsspitze) die öffentliche Erwartungshaltung und das Motivationsklima in der gesamten Organisation. Auch das Führungssystem selbst braucht Beratung. Wer glaubt, nur die Mannschaft habe ein Kopfproblem, hat die Hälfte des Systems übersehen.
Drittens: Kontinuität statt Turnierpsychologie. Der wohl teuerste Fehler in den meisten Verbänden: Sportpsychologie wird punktuell vor Turnieren aktiviert, ein Workshop im Trainingslager, ein Impulsvortrag zur „mentalen Vorbereitung“. Das Kalkül dahinter ist naiv. Was unter maximalem Druck im Elfmeterschießen zuverlässig abrufbar sein soll, lässt sich nicht in wenigen Wochen antrainieren. Belastbare mentale Muster entstehen durch wiederholte Erfahrung über Jahre, nicht durch punktuelle Inputs kurz vor dem Ernstfall. Daraus folgt eine doppelte Kontinuität. Zeitlich: Sportpsychologie begleitet den gesamten Zyklus zwischen Turnieren, nicht nur die Vorbereitungsphase. Erst dann wird sie zur Selbstverständlichkeit statt zur Turnier-Sondermaßnahme. Entwicklungsbezogen: Diese Kontinuität beginnt nicht erst bei der A-Nationalmannschaft, sondern in den Nachwuchsleistungszentren. So bringen U17-/U20-Spieler das systemische Verständnis bereits mit, wenn sie aufrücken – die Verbandsarbeit muss es dort nicht erst mühsam nachholen.
Viertens: Mut zur datenbasierten Arbeit – und gleichzeitig die Demut, dass nicht alles messbar ist. Regelmäßige, unaufgeregte Standortbestimmungen, etwa Recovery-Stress-Fragebögen nach Kellmann oder Belastungssteuerung, dienen nicht dazu, Defizite zu „reparieren“. Sie geben dem System Feedback-Schleifen, bevor Symptome überhaupt sichtbar werden, bevor aus latenter Überlastung ein kollektiver Konzentrationsabfall im Elfmeterschießen wird. Wer wartet, bis sich das Problem selbst meldet, hat den Zeitpunkt für Einfluss bereits verpasst.
Fünftens: kulturelle Verankerung – Entstigmatisierung von oben. Kulturelle Verankerung zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in Alltagssprache. Solange mentale Aspekte nur dann erwähnt werden, wenn etwas schiefgelaufen ist, als Erklärung nach der Niederlage, bleibt Sportpsychologie ein Krisenthema statt ein Leistungsthema. Entscheidend ist, dass sportpsychologisches Denken in denselben Gremien und Formaten selbstverständlich vorkommt wie taktische oder athletische Fragen: in Kaderbesprechungen, in der Rückschau nach Spielen, in der Kommunikation nach außen – unabhängig davon, ob gerade gewonnen oder verloren wurde. Erst wenn Führungspersonen mentale Aspekte so beiläufig ansprechen wie eine Laufleistung oder eine Passquote, verliert das Thema seinen Ausnahmecharakter.
Sportpsychologie wirkt nicht als Reparaturdienst am Symptom, sondern als Architektur, die von Anfang an mitgedacht wird.

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)
Sportpsychologie sollte in einem Verband kein Reparaturbetrieb für Krisen sein, sondern ein selbstverständlicher Teil der täglichen Arbeit. Idealerweise arbeiten Sportpsychologinnen und Sportpsychologen langfristig mit Spielerinnen, Spielern, Trainerteams und Führungskräften zusammen – nicht nur vor großen Turnieren. Mich überzeugt dabei besonders der interdisziplinäre Ansatz, wie er in einigen erfolgreichen Verbänden bereits gelebt wird: Psychologie, Medizin, Athletik und Analyse arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Gleichzeitig braucht es Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung, Führung und Kommunikation, weil Leistung immer im Zusammenspiel mit Menschen entsteht. Wenn mentale Stärke als trainierbare Kompetenz verstanden wird, verändert das langfristig die gesamte Leistungskultur. Genau dort sehe ich die größte Chance für den DFB und andere Spitzenverbände.

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)
Aus meiner Sicht könnte ein wichtiger Perspektivwechsel darin bestehen, Sportpsychologie nicht in erster Linie als Unterstützung einzelner Athletinnen und Athleten zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil einer evidenzbasierten Leistungs- und Organisationsentwicklung innerhalb eines Verbandes.
Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, dass Spitzenleistungen im Mannschaftssport aus einem komplexen Zusammenspiel technischer, taktischer, körperlicher, kognitiver, sozialer und situativer Faktoren entstehen. Sportpsychologie versteht sich daher nicht als Erklärung für Sieg oder Niederlage, sondern als wissenschaftliche Perspektive auf Bedingungen, die leistungsförderliche Prozesse innerhalb von Teams begünstigen können.
Dazu zählen unter anderem Teamkohäsion, kollektive Selbstwirksamkeit, soziale Identität, psychologische Sicherheit, vertrauensvolle Kommunikation, Rollenklarheit sowie Teamresilienz. Diese Prozesse entstehen nicht erst unmittelbar vor einem großen Turnier, sondern entwickeln sich kontinuierlich im Trainings- und Wettkampfalltag.
Vor diesem Hintergrund könnte Sportpsychologie auf allen Ebenen eines Verbandes dauerhaft eingebunden werden. Neben der individuellen Begleitung von Athletinnen und Athleten sehe ich großes Potenzial in der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Trainerteams, Führungskräften und Nachwuchsbereichen. Ebenso sinnvoll erscheinen regelmäßige wissenschaftlich fundierte Evaluationen von Teamprozessen, Führungsverhalten und psychologischem Klima, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gezielt begleiten zu können.
Für mich liegt darin eine große Chance: Sportpsychologie nicht als Reparaturbetrieb nach Misserfolgen zu verstehen, sondern als selbstverständlichen Bestandteil einer langfristigen, interdisziplinären und wissenschaftlich fundierten Leistungsentwicklung. Ihre größte Wirkung entfaltet sie aus meiner Sicht dann, wenn sie nicht isoliert arbeitet, sondern gemeinsam mit Trainerteam, Athletik, Medizin und Analyse dauerhaft in die Strukturen eines Verbandes eingebunden ist.

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