Thorsten Loch: Les Blues und die soziale Angst

In Frankreich haben erfolgreiche Heimturniere Tradition. 1984 holte das Team, um den genialen Spielmacher Michel Platini, bei der Europameisterschaft im eigenen Land den ersten Titel überhaupt. Zwölf Jahre später gelang es der “Équipe Tricolore”, angeführt von Zinédine Zidane, sogar, die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu gewinnen. Nach dem zweiten EM-Erfolg 2000 kamen allerdings keine weiteren Triumphe hinzu. Im Gegenteil: Der Weg der stolzen Nation ging bergab und mündete bei der WM 2010 an einem Tiefpunkt, mit Trainingsboykott und Vorrundenaus. In die EM startete die Mannschaft um den ehemaligen Kapitän der goldenen Generation und jetzigen Trainer Didier Deschamps im Stade de France gegen Rumänien mit einem Sieg. Das Spiel wurde durch ein spätes Traumtor gewonnen, jedoch ringt die „Grande Nation“ mit sich. Auch vor dem zweiten Turnierspiel gegen den vermeintlichen Außenseiter Albanien (Mi., 15. Juni, 21 Uhr).

Zum Thema: Soziale Angst – wie beeinflussen die Fans das Spiel

Da wären zum einen die Erwartungen der Bevölkerung an „Les Bleus“: Jede französische Nationalmannschaft wird immer an den vergangenen Erfolgen gemessen. Zum anderen kämpft das aktuelle Team um Pogba und Co. damit, dass ihnen die Herzen alles andere als zufliegen. Beobachter führen dabei immer wieder die schwierige politische Lage im Land an. Der Ausschluss des Stürmers Karim Benzema von Real Madrid darf dabei als Beispiel gelten, wie stark das Land gespalten ist. Dessen Unterstützer wähnen den Angreifer mit nordafrikanischen Wurzeln als Opfer einer rassistischen Kampagne im Auftrag rechter politischer Kräfte. Für seine Gegner ist er ein gewöhnlicher Krimineller, der sich an der Erpressung eines Mitspielers beteiligt hat. Dies alles hatte sicherlich Auswirkungen auf die Vorbereitungen auf das Turnier und flossen in den eher holprigen Start gegen Rumänien mit ein. Hinzu kommt, dass ein Eröffnungsspiel eines Großereignisses im eigenen Land mit einer zusätzlichen Bedeutsamkeit angereichert ist und nicht unbedingt die Gelassenheit fördert. Kurzum: Die Franzosen kämpfen mit der Last großer Erwartungen.

Soziale Angst

Bei der sozialen Angst handelt es sich um eine Gefühlsreaktion, die in Anbetracht einer bestehenden oder bevorstehenden interpersonellen Beziehung auftritt (Stöber/Schwarzer, 2000). Eine Person sieht sich einer sozialen Situation ausgesetzt und empfindet eine unangenehme und beeinträchtigende Erregung. Diese Situation stellt für das Individuum eine Umweltanforderung dar, die als bedrohlich eingeschätzt wird. In diesem Zusammenhang geht es nicht um die Gefahr, körperlich angegriffen oder verletzt zu werden, vielmehr um eine Bedrohung des Selbst.

»Wenn ich ein Tor schieße, bin ich Franzose, aber wenn ich keins schieße oder wenn es Probleme gibt, bin ich Araber.« Karim Benzema

Grundlage ist die öffentliche Selbstaufmerksamkeit

Die Grundlage für soziale Angst stellt demzufolge die öffentliche Selbstaufmerksamkeit dar. Um eine soziale Umweltanforderung als bedrohlich bewerten zu können, muss die Aufmerksamkeit auf öffentliche Aspekte des Selbst gerichtet sein. In dem vorliegenden Fall wäre dies die kritische Beäugung der Herkunft der Spieler. Demzufolge tendieren wir dazu, uns selbst als ein soziales Objekt zu sehen. Diese anhaltende Selbstbeobachtung während des sozialen Handelns, in dem vorliegenden Fall das Fussballspiel, kann zu unangenehmer Erregung und unkontrollierten Bewegungen führen.

Die Auslösung der sozialen Angst erfolgt durch die Art der sozialen Umgebung und durch das Verhalten der Mitmenschen. Besitzt die soziale Angst zusätzlich Bewertungscharakter, am Beispiel der Europameisterschaft möglichst viele Spiele zu gewinnen, verstärkt dieses die öffentliche Selbstaufmerksamkeit und erhöht die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von sozialer Angst. Nicht die geforderte Leistung ruft Angst hervor, sondern die Erwartung, in einer leistungsthematischen Situation beobachtet werden. Begleitende Kommentare, die negativ bewertend ausfallen, verstärken diese Tendenz.

Angst und Leistung

Liebert und Morris (1967) unterschieden das Erleben der Angst in zwei Komponenten, nämlich der Aufgeregtheit und der Besorgnis.

In der Regel übt Angst einen negativen Effekt auf die Leistung aus. In diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass vor allem die kognitive Erlebniskomponente der Angst (Besorgnis) mit Leitungseinbußen einhergeht, während Aufgeregtheit wesentlich geringeren Einfluss ausübt (Liebert/Morris, 1967). Als Grund für die leistungsmindernde Qualität der kognitiven Komponente des Angsterlebens wird inzwischen angesehen, dass diese das Arbeitsgedächtnis mit aufgabenirrelevanten Inhalten belegt bzw. Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abzieht (Sarason, 1975). Besonders die Theorie von Sarasons hat dabei viel Beachtung gefunden, denn man konnte zeigen, dass Ängstlichkeit mit erhöhter Selbstaufmerksamkeit einhergeht, was zu kognitiven Interferenzen bei der Aufgabenbearbeitung und damit zu verminderter Leistung führt (Schwarzer/Wicklund, 1991).

Fazit:

Angst ist das bewusste Erleben eines Erregungszustandes, der als quälend und bedrückend empfunden wird. Folglich streben Personen danach, diesen Zustand möglichst schnell zu beenden. Trainer Didier Deschamps ist darin gut beraten seinen Schützlingen entsprechende Handlungsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Sei es durch die gezielte Aufgabenstellung, sprich was er sich von seinen Spielern in bestimmten Situationen erwartet. Zusätzlich könnte er den Druck von seinen Spielern nehmen, indem er die Situation umbewertet. Es ist keine Bedrohung, sondern sie haben die Möglichkeit die Nation ein Stück weiter zu „vereinen“. So wie einst 1998, als er und seine damaligen Mannschaftskameraden wie Zidane, Bartez, Thuram, usw. vor dem gleichen „Problem“ standen. Und wem schenkt man denn nicht den meisten Glauben, als dem damaligen Kapitän.

 

Literatur:
Liebert, R. M. & Morris, L. W. !1967). Cognitive and emotional components of test anxiety: A distinction and some initial data. Psychological Reports, 20, 975-978.
Sarason, I. G. (1975). Anxiety and self-preoccupation. In I. G. Sarason & C. D. Spielberger (Eds.), Stress and anxiety (Vol. 2, pp. 27-44). Washington, DC: Hemisphere.
Schwarzer, R. & Wicklund, R. A. (Eds.). Anxiety and self-focused attention. New York: Harwood.
Stöber, J. & Schwarzer, R. (2000). Angst. In J. H. Otto, H. A. Euler & H. Mandl (Hrsg.), Emotionspsychologie: Ein Handbuch (S. 189-198). Weinheim: Beltz/PVU.

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