Elvina Abdullaeva: EM mit ohne Sicherheit

Jerome Boateng hat am Sonntag zum EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine wie angekündigt darauf verzichtet, seine Familie bei der Fußball-Europameisterschaft mit ins Stadion zu nehmen. Der Grund liegt auf der Hand: Spätestens seit den Terrorakten rund um das EM-Vorbereitungsspiel der deutschen Mannschaft im vergangenen November in Paris gegen den Gastgeber Frankreich haben auch die Nationalspieler Angst um Leib und Leben. Bundestrainer Joachim Löw sprach kürzlich in einer Pressekonferenz, dass allen Beteiligten die Gefährdung bewusst sei, aber “sich keiner unsicher fühle”. In der Mannschaft werde über das Thema nicht gesprochen.

Zum Thema: Der richtige Umgang mit der Angst

Angst ist ein normales Gefühl. Interessant: Ein Mittelmaß an Angst kann sogar die Leistungsfähigkeit steigern. Klassisches Beispiel dafür ist ein Urmensch, der im Wald auf einen Tiger trifft. Hätte dieser Urmensch keine Angst, würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet werden. Angst versetzt den Organismus eines Menschen in eine erhöhte Alarmbereitschaft, bzw. löst im jeweiligen Körper bestimmte physiologische Reaktionen aus. So erhöht sich die Aufmerksamkeit, die Seh- und Hörnerven werden empfindlicher, die Reaktionsgeschwindigkeit steigert sich, so dass der Urmensch aus unserem Beispiel im Extremfall schnellst möglich reagieren – also flüchten oder kämpfen – kann. Vielleicht erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt aus Angst etwas Außergewöhnliches gemacht haben, z.B. vor einem Hund schnell weggelaufen sind, in einem Tempo, das Sie beim Sportunterricht in der Schule niemals geschafft haben. Also, manchmal kann Angst sehr hilfreich sein! Aber dieses Gefühl ist nicht immer gut und kann sich auf die sportliche Leistung negativ auswirken. Warum ist das so? Die Wahrnehmung in der Angstsituation ist einfach gestört. Der Mensch bekommt einen Tunnelblick, welcher auf die bestehende „Gefahr“ ausgerichtet ist. Denken wir zurück an unseren Urmenschen, der sich nicht ablenken lassen durfte und die Situation mit dem Tiger meistern musste, um zu überleben. Das heißt, wenn wir im Sport Angst empfinden, z.B. wie der Spieler Jerome Boateng, welcher auf den Platz kommt, aber gedanklich auf der Tribüne bei seiner Familie ist und sich um diese Sorgen macht, ist automatisch von seiner Aufgabe abgelenkt. Denn bei der Angstempfindung hat der Körper keine Ressourcen für etwas anderes, als diese eine Gefahr“ (Alsleben et al., 2004) .

Was wäre der richtige Umgang mit dieser Angst? Die Antwort darauf hängt davon ab, wie bedrohlich die Situation ist. Es gibt zwei Wege beim Umgang mit der Angst: Konfrontation oder Vermeidung. In dem Beispiel von Jerome Boateng ist die Familie zu Hause geblieben, also eine klare Vermeidungsstrategie. Ob Vermeidung in dieser Situation angemessen ist? Aber natürlich! In einer bedrohlichen Situation, wofür es reale Gründe gibt, ist Vermeidung eine vernünftige überlebensnotwendige Strategie. Aber ist es immer gut, die angstauslösenden Situationen zu vermeiden? Nein! Bei den meisten Situationen im Sport und auch im Leben, welche bei uns Angst auslösen, ist Vermeidung keine Lösung. Solche Ängste kann man nur in der Konfrontation besiegen, um so das zunächst bedrohliche Ereignis in eine positive Erfahrung umzuwandeln.

Die Grundlage der Angst

Egal wovor die Spieler Angst haben, sei es die Angst vor der Niederlage, Angst, sich vor den Fans zu blamieren, Angst, die Erwartungen der liebsten Menschen nicht zu erfüllen – alles geht auf die Angst zurück, eine bestimmte Situation nicht bewältigen zu können. Andererseits hat der Mensch viele tiefe Ressourcen und ist dadurch in der Lage, quasi jede Situation zu überleben. Und wenn Sie wissen, dass egal was in Ihrem Leben kommen mag, Sie das überleben können, damit klarkommen, wovor brauchen Sie dann Angst zu haben? Vor dem Nichts! (Jeffers, 2014).

Ich sage nicht, dass Sie nach diesem Satz keine Angst mehr haben werden. Ganz und gar nicht: Die Angst wird in Ihrem Leben immer präsent sein. Aber nur durch Konfrontation – zu probieren, sich was zutrauen, zu riskieren – werden Sie immer selbstbewusster und zuversichtlicher in solche spezifischen Situationen hineingehen, die Ihnen jetzt Angst machen. Die Selbstsicherheit des Menschen wächst dadurch rasch und gewaltig. Sie werden selbst nicht merken, wie locker und gelassen Sie danach Sport- sowie Lebensaufgaben annehmen, vor denen Sie kurz zuvor Angst hatten.

In diesem Sinne, viel Mut!

P.S. Und auszuschließen ist nicht, dass Jerome Boatengs Familie am 10. Juli vielleicht doch nach Paris reist. Vorausgesetzt, die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich für das Finale der Europameisterschaft und die Sicherheitsbehörden bestätigen bis dahin den Eindruck, dass sie die Lage – abgesehen von den bislang auffällig gewordenen Hooligans – unter Kontrolle haben.

 

Literartur:

Alsleben H., Weiss A.,Rufer M.(2004) Psychoedukation Angst- und Panikstörungen. Manual zur Leitung von Patienten- und Angehörigengruppen. Elsevier GmbH, München, Urban & Fischer Verlag.
Jeffers S., (2014).Selbstvertrauen gewinnen: Die Angst vor der Angst verlieren. Aufl. (16). Kösel-Verlag

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