Wie ihr wisst, bin ich Sportpsychologe. Zumindest habe ich mich in meinem ersten Beitrag (Link zum Text) recht selbstbewusst so vorgestellt. Nun möchte ich diese Aussage aber kritisch hinterfragen. Denn die passenden Fächer habe ich zwar studiert. Aber kann ich Sportlern bereits weiterhelfen, ohne bislang viel Erfahrung in der Praxis gesammelt zu haben?
Zum Thema: Mein Weg in die Sportpsychologie (Teil 2)
Ich finde „Ja“, denn immer wieder stelle ich fest: allein das im Studium vermittelte Denken und Wissen bietet einen ungemeinen Mehrwert im Gespräch mit Menschen – insbesondere wenn meinen Gegenüber damit noch eher wenig Kontakt hatten. Und auch Sportler lernen – innerhalb ihrer klassischen Ausbildung – leider immer noch viel zu wenig über psychologische Themen.
Gegen Ende meines Studiums habe ich oft gezweifelt, ob das, was ich vermitteln kann, nicht sowieso schon jeder weiß. Gerade wenn es um absolute Basics geht. Über Psychologie – anders als über Herzchirurgie – hat schließlich fast jeder etwas zu sagen.
Das ist nur verständlich, denn natürlich machen wir alle tagtäglich Erfahrungen mit uns selbst und unserer eigenen Psyche.
Es ist mir dann fast peinlich, psychologisches Grundwissen zu verbreiten, weil ich das Gefühl habe, mein Gegenüber damit für dumm zu verkaufen. Allerdings vergesse ich dabei, dass ich zu Beginn des Studiums auch keine Ahnung hatte, was die Yerkes-Dodson-Kurve ist oder was „SMART“e Ziele sind.
Die meisten Menschen haben intuitives Wissen und Vermutungen darüber, wie wir so funktionieren. Vieles davon ist wertvoll und richtig. Wenn es allerdings mal problematisch wird, sollten wir uns nicht auf gefährliches Halbwissen verlassen, sondern besser auf gesichertes Wissen. Und dabei spreche ich erst mal gar nicht zwangsläufig von dem hochtrabenden Nischenwissen, das man im Laufe eines Studiums natürlich anhäuft, sondern von ganz simplen Modellen. Diese sind nützlich, weil sie auf eine Vielzahl von Situationen übertragbar sind. Sie sind leicht zugänglich und es macht sogar Spaß sie zu erlernen. Das finden nicht nur Psychologen, versprochen! Was anfänglich aber häufig schwer fällt, ist diese Theorien auf die Situationen im eigenen Leben zu übertragen.
Trainings-Weltmeister
Bei der Übertragung in reale Situationen kann ich, ebenso wie meine erfahrenen Kollegen, behilflich sein. Denn Modelle und Wirkmechanismen anzuwenden und damit mögliche Erklärungen für Verhaltensweisen zu kreieren, gehört zu den Grundfähigkeiten, die schon im Studium extrem trainiert werden. Oftmals kann das Erkennen und die Bewusstmachung dieser Mechanismen schon eine Änderung bewirken oder zumindest Lösungswege aufzeigen.
Ein Beispiel: Ein Tennisspieler fragt sich „Warum spiele ich im gesamten Turnier auf Knopfdruck mein bestes Tennis; im Finale aber versage ich immer und immer wieder?“. Natürlich weiß der Spieler, dass es etwas mit der Art des Wettkampfes zu tun hat. Was genau aber dahinter steckt, kann er sich nicht erklären. Hier kann die Vermittlung des oben erwähnten Zusammenhangs zwischen Anspannung/Erregung und Leistung (Yerkes-Dodson, 1908) schon so manchem die Augen öffnen.
Erfahrungsdefizit als Chance
Die Aufgabe, dem Sportler aufzuzeigen, welche Interventionsmöglichkeiten es gibt, geeignete Methoden auszuwählen und diese gemeinsam zu trainieren, ist dann der nächste Schritt. Auch darauf fühle ich mich gut vorbereitet. Um bei unserem Tennisspieler zu bleiben: Methoden der Entspannung und der Anspannungsregulation kennen wir Psychologen alle zuhauf und ich habe viele persönliche Erfahrungen damit gesammelt.
Trotzdem bin ich mir natürlich dessen bewusst, dass jede Menge Erfahrung im Feld letztlich einen riesigen Zugewinn für die Arbeit darstellt. Als Anfänger habe ich halt noch nicht alle Probleme und Geschichten schon einmal gehört und noch nicht alle Methoden schon mal ausprobiert. Da hakt es am Anfang sicher einmal. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass etwas komplett in die Hose geht.
Der Sportler entscheidet!
Lösungen, die für andere Sportler funktioniert haben, kann ich also nicht bieten. Ebenso verfüge ich nicht über ein bewährtes – im Zweifel aber auch starres – Methoden-Repertoire, welches schon hundert Mal angewandt wurde. So werde ich mich (zwangsläufig) deutlich individueller und intensiver mit der Situation des Sportlers auseinander setzen. Er wird dabei auch mal als Versuchskaninchen herhalten müssen. Aber genau darin, gemeinsam neue Lösungsansätze zu finden, liegt die große Chance.
Also: Ja, ich bin sicher, dass ich Sportlern trotz wenig praktischer Erfahrung weiterhelfen kann. Ich hoffe sehr, dass es da draußen solche Sportler gibt, die Lust und Mut haben, mit einem Greenhorn wie mir zusammenarbeiten zu wollen. Risiko und Chance halten sich dabei meines Erachtens die Waage. Am Ende muss jeder Sportler selbst entscheiden was er sucht und ob er sich auf dieses Experiment einlassen möchte.
Ich mache mich dann mal auf die Suche nach mutigen Klienten…
Litaratur:Yerkes, R.M. & Dodson, J.D.: The relation of strength of stimulus to rapidity of habit-formation. Journal of Comparative Neurology and Psychology, 18 (1908) 459-482
Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo gehen erstmals über 80 männliche und weibliche Skateboarder an den Start. Die Szene sieht dieser Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen. Die einen sagen, dem Sport wird etwas genommen, wohingegen die anderen auch eine Chance darin sehen. Ich persönlich freue mich sehr auf diese spannende Entwicklung. Denn quasi über Nacht entstehen Spitzensportstrukturen mit Regionalstützpunkten, mit einer sportartübergreifenden Basisausbildung (mit 40 Lerneinheiten á 45min), welche die Grundlage für die Lizenz Trainer C (insgesamt 120 Lerneinheiten) darstellt. Besonders freue ich mich, dass die Bereiche Motivation und Psychologie fest in den Lehrplan integriert sind. Denn schließlich führen auch beim Skateboarding so manche Wege über die Sportpsychologie.
Zum Thema: Sportpsychologisches Know-How im Skateboarding
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Eines vorweg: Analytische Überlegungen vor und nach einer sportlichen Betätigung sind immer von Vorteil. Und ich kenne nur sehr wenige Athleten, ganz egal in welcher Sportart, die dies anders sehen. Jedoch kreuzen immer dann Schwierigkeiten unseren Weg, wenn man während der Performance beginnt, seine Leistungen zu analysieren. Sicher kann jeder, der schon einmal ambitionierter auf einem Board stand, eine solche Situation nachvollziehen.
Einfache Regel: Wenn es darauf ankommt, gilt es, von seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten überzeugt zu sein und loszulassen. Diese Erkenntnis stützt sich nicht nur auf Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Spitzensportlern, sondern erhält Unterstützung aus dem neurowissenschaftlichen Bereich zur Funktionsweise des Gehirns (Mayer, 2018). Kahneman unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen „schnellem Denken“, das unterbewusst abläuft, und „langsamen Denken“, das bewusst gesteuert wird (2016).
Das schnelle und das langsame Denken
Kennzeichnend für das schnelle, unterbewusste Denken ist, dass dieses
automatisch,
intuitiv, weitgehend mühelos und
ohne willentliche Steuerung arbeitet.
Wenn wir also schnell, effizient und ohne nachzudenken handeln, ist das schnelle Denken verantwortlich. Eine Lücke in der gegnerischen Abwehrkette erkennen und den tödlichen Pass intuitiv in den freien Raum spielen, wäre ein Beispiel aus dem Spielsport. Wenn hingegen das langsame Denken aktiv ist, geht das oftmals mit dem subjektiven Erleben von Kontrolle, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher. Das langsame, bewusste Denken arbeitet
rational,
mühsam,
bezieht Logik mit ein und
beansprucht viel Energie.
Unser Verstand steht für das langsame Denken. Ihn setzen wir aktiv ein, wenn es uns wichtig erscheint. Dies wäre der Fall, wenn etwas Unerwartetes passiert und wir überlegen müssen, was als nächstes folgt. Ein praktisches Beispiel hierfür wäre, wenn wir einen Trick bspw. wie einen „Kickflip“ landen wollen und dieser misslingt. Wir überlegen also, was zu tun ist, damit der nächste Versuch von Erfolg gekrönt ist.
Denkaufgabe
Das schnelle Denken steuert allerdings nicht nur unser (motorisches) Verhalten. Das folgende Beispiel verdeutlicht, dass uns das schnelle Denken auch einfache Lösungen für auftretende Probleme liefert und wir diese schnellen, einfachen Lösungen nur zu gerne übernehmen.
Kleines Rechenspiel (aus Mayer, 2018):
Ein Schläger und Ball kosten 1,10 Euro; der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?
Und? Wem hat das schnelle Denken ein Schnäppchen geschlagen? Die Lösung muss natürlich 5 Cent lauten (der Schläger kostet 1,05 und der Ball 0,05 Cent). Dennoch haben viele Menschen zunächst als Lösung 10 Cent im Kopf. 10 Cent erscheinen auch auf den ersten Blick logisch und nachvollziehbar – und einmal ehrlich, über das Problem nachzudenken ist anstrengend. Man gibt sich mit der schnellen Lösung zufrieden. Es scheint (nicht erforderlich oder man ist zu faul), das langsame, bewusste Denken hinzuzuschalten.
Wir sehen, dass eine Menge Arbeit verrichtet werden muss, damit die unterschiedlichen und teilweise konkurrierenden Bereiche des Gehirns optimal aufeinander abgestimmt sind und funktionieren. Daraus leitet sich ab, dass es eine übergeordnete Instanz geben muss, die Teile miteinander diskutieren lässt, Ressourcen verteilt und Kontrolle zuweist. Diese Aufgabe wird dem langsamen Denken zugeschrieben. Dazu kommt, dass das langsame Denken immer zu spät dran ist. Das bewusste Denken erfordert Zeit und hinkt immer einer paar Zehntelsekunden der Wirklichkeit hinterher. Wenn man beispielsweise mit dem Finger auf die Tischplatte klopft, hat man subjektiv den Eindruck, dass die Berührung zur selben Zeit stattfindet, wie der Finger die Platte berührt. Es wurde jedoch festgestellt, dass im direkten Gegensatz zu unserem Erleben das Gehirn eine relativ lange Dauer zur Verarbeitung benötigt (bis zu einer halben Sekunde), um ein Bewusstsein des Ereignisses auszulösen (Libet, 2004). Wir haben zwar häufig den Eindruck, dass wir bewusst gehandelt haben, doch trickst unser Gehirn aus, indem es eine subjektive Rückdatierung vornimmt. Noch dazu werden optische und akustische Signale unterschiedlich schnell verarbeitet – und trotzdem hat man den Eindruck, dass zum Beispiel ein Fingerschnipsen gleichzeitig zu hören und zu sehen ist. Die Zeitwahrnehmung ist also lediglich ein Konstrukt des Gehirns (Mayer, 2018).
Funktionieren wie per Autopilot
Wir fassen zusammen: Das schnelle, unterbewusste Denken läuft automatisch ab und steuert wie in einem Autopilot. Das langsame Denken hingegen befindet sich normalerweise in einem Modus, in dem nur ein Teil seiner Kapazität in Anspruch genommen wird, und es hinkt in Wirklichkeit hinterher. Unserem Verstand (langsames Denken) werden ständig Interpretationen der aktuellen Situation vom Unterbewussten (schnelles Denken) angeboten, die er in der Regel akzeptiert und wahrgenommen werden. Die Arbeitsteilung zwischen schnellem und langsamem Denken ist supereffizient, weil das schnelle Denken normalerweise höchst zuverlässig arbeitet (Mayer, 2018).
Das Programm, das passende Verhalten und die wirksame Handlung werden fest angelegt. Damit erreicht das Gehirn zwei wesentliche Ziele. Das erste ist Geschwindigkeit. Erst wenn das langsame Denken in den Hintergrund tritt, kann das schnelle Denken die Arbeit erledigen. Das zweite Ziel ist die Energieeffizienz. Das menschliche Gehirn arbeitet mit beispielloser Effizienz. Die Automatisierung ist ein grundlegender Mechanismus unseres Gehirns. Es passt neuronale Funktionen der Aufgabe an. So können Tätigkeiten, die man zunächst ungeschickt erledigt, immer rascher und effizienter erledigen. Man erinnere sich an seine ersten Versuche in der Kindheit, auf Rollschuhen zu fahren. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann man sich auf seine Intuition verlassen – den Schlüssel, um zu funktionieren, wenn es darauf ankommt.
Wichtig für „schnelle“ Sportarten
Wie bereits angemerkt, finden relevante Aspekte der sportlichen Höchstleistung eigentlich ohne die Einflussnahme von langsamen Denken statt. Man denke beispielsweise an den Semiflip von Mullen.
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In diesem Zusammenhang wird in Sportarten, in denen Schnelligkeit eine besondere Rolle spielt, ersichtlich, dass bestimmte Aufgaben mit bewusstem Denken eigentlich gar nicht bewältigt werden können. Zum Beispiel beim Tennis – ein Aufschlag wird dort mit bis zu 263 Stundenkilometern geschlagen. Gute Spieler können einen Aufschlag mit einem Return beantworten, bevor ihnen bewusst wird, dass Ball unterwegs ist. Durch jahrelange Übung sind die wichtigsten Abfolgen dieser komplexen Bewegung in automatisierte Programm (schnelles Denken) verwandelt worden. Das schnelle Denken kann (durch Interpretation der Bewegung der Aufschlagenden) den Weg des Balles recht genau vorhersagen.
Exkurs: Aufschlag beim Tennis
Schauen wir uns nun die zeitlichen Abläufe im Gehirn beim Return an und vergegenwärtigen uns, dass ein erfolgreicher Return nur mit dem schnellen Denken gelingen kann (Abbildung):
0 ms: Die Aufmerksamkeit wird auf den Gegner gerichtet, eventuell wird mit früheren Erfahrungen verglichen.
70 ms: Der Ball ist unterwegs (ca. 3 Meter geflogen). Der Spieler nimmt den Ball noch nicht bewusst wahr, unterbewusst aber plant sein Gehirn bereits die Aktionen, die für den Return nötig sind. In diesem Stadium nutzt der Spieler vor allem Informationen über Bewegungen des Gegners, um eigene Bewegungen zu planen.
250 ms: Der Ball hat das Netz fast überquert. Das Gehirn des Spielers kombiniert bislang gesammelten Informationen, um eine Reaktion auf den schnell herannahenden Ball zu entwerfen. In diesen Plan fließen Informationen über Körpersprache des Aufschlägers ein, das (noch unterbewusste) Wissen über Geschwindigkeit und Flugbahn des Balles sowie aktivierten Erinnerungen.
285 ms: Bewusstes Denken setzte ein. Unterbewusst ist die Echtzeitposition des Balles bereist kalkuliert. Der Spieler denkt, er sähe den Ball dort, wo er tatsächlich ist.
355 ms: Der Ball kommt in der eigenen Spielhälfte auf. Die motorischen Areale im Gehirn feuern und Arm und Schläger werden so in Position gebracht, dass der Spieler den Ball treffen kann.
500 ms: Der Ball befindet sich unmittelbar vor dem Spieler. Weicht die bewusste Wahrnehmung der Flugbahn des Balles deutlich von der früheren unterbewussten Vorhersage ab, kann er die ältere Planung verwerfen und eine Alternative erwägen. Dafür benötigt der Spieler aber wiederum 200 bis 300 ms – den Ball wird er dann nicht mehr treffen können.
Fazit: Durch „Loslassen“ gelingt Performance
Wenn`s drauf ankommt, geht es darum, zu wissen, wann das langsame Denken aktiviert werden muss und wann man auf den Automatismus des schnellen Denkens vertrauen kann. Gerade im Spitzensport ist das wechselseitige Zusammenspiel zwischen schnellen und langsamen Denkverfahren ein elementarer Bestandteil von Spitzenleistung. Das „Loslassen“ lässt sich auch auf neurophysiologischer Ebene beobachten. In verschiedenen Sportarten konnte anhand von Studien belegt werden, dass eine Deaktivierung der verbal-analytischen Teile im Hirn (vgl. Abb. 1) im Moment der Erbringung der Spitzenleistung vorhanden ist.
Wir können festhalten, dass wenn es darauf ankommt, die Hirnwellen des Sportlers nicht durch unnützes Geplapper des bewussten Denkens gestört werden. Vielmehr sollten die Sportler dazu in die Lage versetzt werden „los zu lassen“ und auf ihre Fähig- und Fertigkeiten zu vertrauen. Und hier kann die angewandte Sportpsychologie dem Athleten die nötige Unterstützung zukommen lassen. Wir dürfen also auch vor diesem Hintergrund gespannt sein, wie es der Sportart Skateboarding gelingt, sich zu etablieren.
Ähnliches gilt ebenfalls für die Sportpsychologie. Weshalb also nicht Synergien bilden und gemeinsam los…Wir von Die Sportpsychologen sind bereit ☺
Literatur:
Kahnemann, D. (2016): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler Verlag.
Libet, B. (2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Nach dem WM-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde viel über die Zukunft diskutiert. Und über eventuelle Fehler in den Ausbildung der Nachwuchsleistungszentren. Gern wurde dabei ein Mehmet Scholl-Klassiker zitiert: “Die Kinder müssen heute abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.” Abseits der Flatulenz-Polemik ist an der Aussage etwas dran: Denn jungen Fußballern wird viel abgenommen, häufig auch das Entscheiden.
Zum Thema: Die Fähigkeit, entscheiden zu lernen
Talente in den Nachwuchsleistungszentren kämpfen mit ganz vielen Faktoren: Ehrgeiz, Disziplin, Wille, Gesundheit und vieles mehr. Aber es greifen auch externe Faktoren, die sich in den vergangenen Jahren so etabliert haben, dass sie mittlerweile ganz normal erscheinen. Die Spieler haben einen Berater, der ihnen den besten Weg zeigen will, einen Ausrüster, der ihnen das beste Material geben will und einen Trainer sowie sportlicher Leiter, der ihnen auf dem Weg zum Profi alles mitgeben will.
Das entstandene Konstrukt federt vieles ab. Aber es befreit auch von vielen Pflichten. Fragen wir mal so: Was entscheidet der Sportler denn eigentlich noch alleine?
In welchem Verein er bestenfalls spielen kann, sich präsentieren und weiterentwickeln… entscheidet der Berater.
Welche Schuhe, Schienbeinschoner und Untershirts er trägt… entscheidet der Ausrüster.
Welche Laufwege er spielen soll und wie die Ausrichtung des Spiels ist… entscheidet der Trainer.
Ob er schon aufgrund seines Talents bei der nächsten Altersgruppe oder sogar bei den Profis trainieren oder gar spielen soll… entscheidet der Trainer und der Geschäftführer Sport.
Wann er was für die Schule tun soll… entscheidet das pädagogische Personal im NLZ.
Und so reihen sich eine Vielzahl von Entscheidungen, die dem Sportler abgenommen werden aneinander. Das sich dabei viele wie eine Marionette fühlen, wird schnell deutlich.
Uns als Sportpsychologen macht das Sorgen. Da ist zum einen ein Unwohlsein mit der Hilflosigkeit und der Abhängigkeit, die durch das Marionettenleben zwangsläufig entsteht. Zum anderen wissen wir um die Gefahr, die damit einhergehen kann, wenn jemand das Entscheiden verlernt oder nie richtig gelernt hat.
Was passiert im Gehirn eigentlich, wenn wir eine Entscheidung treffen? Hierzu ist ein Experiment Leipziger Wissenschaftler ein guter Anhaltspunkt. In der Studie war es Aufgabe der Probanden, zu entscheiden, ob sie einen Drücker mit der linken oder rechten Hand auslösen wollen. Während die Versuchsteilnehmer über diese Frage nachdenken, um sich zu entscheiden, beobachteten die Wissenschaftler mittels eines Kernspinttomografen die Hirnaktivität. Schon sieben Sekunden bevor der Proband die Entscheidung mitteilte und den Drücker auslöste, konnten die Forscher im vorderen Bereich des Gehirns Aktivität feststellen. Die Seite, die ausgesucht wurde, zeigt auch vorher schon eine Aktivität im präfrontalen Kortex. Sichtbar werden diese Bereiche, da durch den Denkprozess der Sauerstoffverbrauch steigt bzw. fällt. Durch die Verbindung des präfrontalen Kortex mit dem limbischen System, zeigt sich, dass Entscheidungen nicht nur rational sondern auch durch das limbische System auch emotional getroffen werden. Eine vollständige Trennung der beiden Anteile ist daher nicht möglich.
Übungs- und Trainingsansätze
Um die Fähigkeit eben nicht zu verlieren, bzw. sogar vielleicht zu stärken ist es sinnvoll, diese kognitive Komponente gezielt zu trainieren. Es gibt sicherlich viele Ansätze nachdem die Fähigkeit des Entscheidens im Sport geübt werden kann. Basis sind entweder implizites bzw. explizites Lernen und generelle bzw. spezifische Ansätze.
„Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Immanuel Kant
Es ist zunächst hilfreich, sich darüber Gedanken zu machen, warum etwas entschieden wurde. Ein einfaches Beispiel ist eine Schiedsrichterentscheidung. Ganz egal, ob man mit dieser einverstanden ist oder nicht, man kann versuchen sich hineinzudenken, warum diese nun so getroffen wurde. Dies bringt möglicherweise Erkenntnisse, die einen auf eine andere Lösung bringen, als die eigene es ist. Aufgepasst: Dieser Mechanismus ist nicht nur für den Sportler interessant, sondern auch für den Trainer. Versteht der Sportler, warum ich eine bestimmte taktische Entscheidung treffe, kann er diese nachvollziehen. Im Ergebnis geht sie auch einfacher auf ihn über.
Fazit
Sich aktiv in die Entscheidungsfindung einzubringen, hilft dabei, die Fähigkeit aufrechtzuerhalten, Entscheidungen treffen zu können. Das nachvollziehende und kritische Hinterfragen sollte ein jeder Sportler mit seinem Trainer nutzen, um sich auszutauschen. Den Talenten würde dabei nichts genommen, sondern eine wichtige Fähigkeit geschenkt.
Literatur
Raab, M. (2007). Think SMART, not hard—a review of teaching decision making in sport from an ecological rationality perspective. Physical Education and Sport Pedagogy, 12(1), 1-22.
Gilbert, C. (2017). Entscheidungen Handeldefizit. Zeitmagazin Nr. 44/2017
Das dritte Barcamp von Die Sportpsychologen geht auf die lange Strecke. Auf und rund um der roten Couch sollen zwischen Sportpsychologen, Mentaltrainern, Coaches und Ausdauersportlern (vom Freizeitsportler bis zum Profi) sowie deren Trainer Erfahrungen ausgetauscht, Wissen geteilt und neue Fragen aufgeworfen werden. Den Rahmen bietet “Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp”, welches am 3. und 4. November 2018 im Noch besser Leben in Leipzig veranstaltet wird.
Gastgeber ist Dr. Konrad Smolinski. Der in der Sportpsychologie promovierte Sportwissenschaftler und Ausdauersport-Spezialist widmet sich bereits seit 15 Jahren der Beratung und Betreuung von Triathleten, Läufern, Radsportlern und Abenteurern. Darunter auch zahlreiche Top-Athleten, die in den vergangenen Jahren nicht nur beim Ironman auf Hawaii ihre Spuren hinterlassen haben.
„In meinen Betreuungen, die ich vorrangig auf die Trainingssteuerung auslege, kommen im Zuge eines wachsenden Vertrauensverhältnisses verstärkt sportpsychologische Themen auf. Dies übrigens ganz unabhängig vom Leistungslevel oder den sportlichen Ambitionen meiner Kunden. Oft fehlt im Trainingsalltag allerdings die Zeit, sich diesen so individuellen und für jeden Athleten ungemein wichtigen Themen zu widmen. Umso mehr freue ich mich auf das Barcamp, wo wir alle die Fragen, die Athleten bezüglich mentaler Herausforderungen haben, auf den Tisch bringen und von nationalen und internationalen Experten beleuchten lassen.“
“Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” richtet sich ausdrücklich sowohl an Profilinhaber von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) als auch Sportpsychologen und Mentaltrainer, die nicht im Netzwerk aktiv sind. Dies schließt nicht zuletzt Studenten der Fachrichtungen Sport, Psychologie und Sportpsychologie ein.
Ebenso wird das Format auch von Personen aus dem Sport besucht: Ausdauerathleten aller Art (Triathleten, Langläufer, Ultradistanz-Liebhaber, Schwimmer, Radsportler, Geher) und deren Trainer können das Event nutzen, um Wissen zu festigen oder auszubauen und aktiv Kontakte zu knüpfen. Darüber hinaus sind auch Journalisten und an der Thematik interessierte Fachbesucher eingeladen.
Anmeldung und Preise
69 EUR Studenten (bitte Nachweis anfügen)
129 EUR Sportpsychologen*, Mentaltrainer, Sportler, Personal Trainer, Trainer und Funktionäre
inklusive Snacks, Obst und Getränke
*Profilinhaber von Die Sportpsychologen erhalten einen Rabatt
Zeitplan und Location
Als Location haben Die Sportpsychologen das „Noch besser leben“ im kreativen Leipziger Westen ausgewählt. Das Event wird auf drei Etagen stattfinden – inklusive Bibliothek, Salon und sogar eigener Bar. Die Ortswahl kommt nicht von ungefähr: Denn „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ will sich als besonderes Event im Jahreskalender der Sportpsychologen oder am Thema interessierten Sportler etablieren.
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Noch besser leben, Merseburger Str. 25, 04229 Leipzig-Plagwitz
Sa., 3. November 2018, 14 bis 18 Uhr
So., 4. November 2018, 10 bis 14 Uhr
Was sind die Inhalte der Veranstaltung?
Die Inhalte der Veranstaltung “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” werden von den Teilnehmern bestimmt (siehe “Was ist ein Barcamp?”).
Teilnehmer können im Vorfeld bereits Session-Vorschläge einreichen. Sessions sind die Bausteine, aus denen die sich das alternative Konferenz-Format zusammensetzt.
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Per Definition ist ein Barcamp eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte und Ablauf von den Teilnehmern zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden. Hierbei steht der partizipatorische Gedanke im Vordergrund. Ziel sind der inhaltliche Austausch und eine Diskussion. Teilweise können am Ende der Veranstaltung bereits konkrete Ergebnisse vorgewiesen werden. Die inhaltliche Idee entstand nach dem ersten Netzwerktreffen von Die Sportpsychologen (Link zum Text) und wurde von der Profilinhaberin Wencke Schwarz (zum Profil) und Redaktionsleiter Mathias Liebing weiterentwickelt und im November 2017 in Berlin zum Themenbereich E-Sports (Link zum Nachbericht) sowie im Juni 2018 in Bochum zum Thema Fußball (Link zum Nachbericht) bereits erfolgreich umgesetzt.
Anmeldung
Sie wollen bei “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” dabei sein? Dann melden Sie sich mit Hilfe des Online-Formulars an. Zwei bis drei Werktage nach der Anmeldung erhalten Sie eine schriftliche Bestätigung und die Rechnung per Mail zugesandt.
Das Interesse an der Veranstaltung “Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” zum Thema Ausdauersport ist groß. Wir erwarten zahlreiche Anmeldungen von Sportpsychologen, Mentaltrainern, Sportlern und Trainern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da die räumlichen Kapazitäten beschränkt sind, empfehlen wir eine zeitnahe Anmeldung:
Online-Anmeldung
Eine Anmeldung für „Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ ist ausschließlich über das Online-Anmeldeformular möglich.
Preis
69 EUR Studenten (bitte Nachweis anfügen)
129 EUR Sportpsychologen*, Mentaltrainer, Sportler, Personal Trainer, Trainer und Funktionäre
inklusive Snacks, Obst und Getränke
*Profilinhaber von Die Sportpsychologen erhalten einen Rabatt
Veranstaltungszeitraum
„Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp“ im Noch besser leben, Merseburger Str. 25, 04229 Leipzig-Plagwitz
Sa., 3. November 2018, 14.00 – 18.00 Uhr So., 4. November 2018, 10.00 – 14.00 Uhr
Anfahrt
“Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” findet im Noch besser leben statt. Der Zugang erfolgt über den Eckladen (Ecke Merseburger Straße/Karl-Heine Straße). Anreisende mit PKW können im Umfeld der Karl-Heine-Straße parken.
Adresse: Noch besser leben, Merseburger Str. 25, 04229 Leipzig-Plagwitz
Auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Noch besser leben gut zu erreichen: Nutzen Sie via Hauptbahnhof Leipzig die Tram-Linie 14 in Richtung S-Bf. Plagwitz (Fahrtdauer vom Hauptbahnhof ca. 20 Minuten, Fahrtdauer vom Flughafen ca. 50 Minuten)
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Homosexualität ist noch immer ein Tabuthema im Fußball. Trotz des Coming-outs von Thomas Hitzlsperger hat sich bislang kein weiterer deutscher Nationalspieler oder Topspieler aus der Bundesliga geoutet. Diesbezüglich gibt es jetzt einen Vorreiter. Der MLS-Profi Collin Martin hat sich als erster US-Fußballer während seiner aktiven Karriere öffentlich geoutet. Auf Twitter erklärte der Spieler, weshalb er den Schritt gewagt hat. Warum Homosexualität im Fußball trotz prominenter Coming-outs und zahlreicher Aktivisten immer noch ein schwieriges Thema ist und was sich geändert hat, möchte ich in diesem Blogbeitrag näher erläutern.
Zum Thema: Homosexualität im Fußball
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Homosexualität im Fußball ist ein sensibles und brisantes Thema. Trotz des Coming-outs von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich bisher kein anderer Nationalspieler mehr öffentlich dazu bekannt. Der ehemalige Spieler von Aston Villa, VfB Stuttgart, Lazio Rom und VfL Wolfsburg (u.a.) ging 2014 an die Öffentlichkeit, jedoch erst nachdem er seine aktive Karriere beendet hatte und das mit größter Vorsicht und Sorgfalt. Die Entscheidung, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen, sei sehr persönlich und müsse akzeptiert werden. Da sind wir uns größtenteils wohl hoffentlich alle einig. Doch Akzeptanz ist nicht von allen zu erwarten. Zwar sollten Fans, Trainer und Mitspieler gleichermaßen ein offenes Umfeld schaffen und Toleranz zeigen. Doch sieht der sportliche Alltag nach wie vor anders aus. Beleidigungen, verbale Attacken im Netz oder auf dem Platz sind keine Seltenheit. So haben viele homosexuelle Fußballer immer noch Angst vor Anfeindungen und gesellschaftlicher Ächtung.
Der MLS-Profi Collin Martin ist da viel weiter. Er ist der erste US-Fußballer, der als aktiver Spieler seine Homosexualität bekannt gab. Nach seinem Coming-out erhielt der US-Fußballer breite Rückendeckung. Unter dem Hashtag #soccerforall dankten ihm andere Spieler, Vereine und Fans für seinen Mut und seine Offenheit. Großartig!
Stabiles Stigma?
Doch scheint die Umsetzung immer noch schwierig zu sein. Professor Dr. Oliver Stoll hatte sich bereits im Jahr 2014 zum Thema „Stigma Homosexualität im Fußball“ geäußert (https://www.die-sportpsychologen.de/2014/12/23/prof-dr-oliver-stoll-homosexualitaet-im-fussball/). Sein Fazit: Je mehr erfolgreiche Trainer und Sportler zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, sich dazu bekennen und je transparenter sie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten machen, desto stärker werde die Stigmatisierung verschwinden. Dem kann ich nur zustimmen! Doch was hat sich wirklich in den vergangenen Jahren im Profifußball getan?
Ein paar Beispiele:
Das Magazin Mannschaft führte im Jahr 2017 eine Befragung bei verschiedenen deutschen Bundesliga-Vereinen durch, welche Rolle Menschenrechtsfragen bei der Wahl des Trainingslagers spielen. FC Bayern München, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt antworten darauf nicht. Weitere Clubs gaben nur allgemeingültige Antworten.
Der ehemalige FIFA-Präsident Joseph Blatter forderte kurz nach der Vergabe der Fußball-WM 2022 homosexuelle Fans auf, aus Respekt vor dem Gastgeberland auf Sex während der WM zu verzichten. Es hagelte Kritik! Blatter entschuldigte sich öffentlich.
Aber es gibt auch positive Beispiele: Der Schweizer Regisseur Marcel Gisler hat einen Kinofilm über eine schwule Liebesgeschichte im Profi-Fußball gedreht. Erzählt wird in “Mario” eine Liebe zwischen zwei U21-Fußballspielern von Young Boys Bern, die sehr unterschiedlich mit ihrer Homosexualität umgehen. Entstanden ist ein absolut sehenswerter Film, der im Oktober 2018 in die Kinos kommt und hoffentlich viel Anerkennung und Verbreitung findet.
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Etwas älter aber ebenso empfehlenswert ist die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Doku-Reihe “Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball” von Aljoscha Pause.
Der Grund warum Profi-Fußballer nicht offen schwul leben können, ist aus meiner Sicht eine Mischung aus den alten Denkweisen und -strukturen sowie dem Marktwert des Spielers. Fußball ist ein globales Geschäft und ein Fußballspieler, der Karriere machen will, würde seinen Marktwert dadurch gefährden. Insider bestätigen dies. Und es geht noch weiter: Ein mir bekannter Funktionär und Spielerberater berichtete mir, dass es für homosexuelle Spieler zwischen der Bundesliga und der Dritten Liga gängige Praxis sei, zur Tarnung Schein-Beziehungen mit Frauen zu führen. Diese Spielerfrauen würden zum Teil sogar von Agenturen vermittelt. In diesem Zusammenhang stellt sich mir eine Frage: Welchen Beitrag können wir alle leisten, damit diese soziale Ungerechtigkeit verbessert werden kann?
Ein wichtiger Schritt dafür ist die Berliner Erklärung: Am 17. Juli 2013 unterzeichneten eine Vielzahl hochrangiger Vertreter/innen aus Bundesministerien, (Fußball-)Sportvereinen und -verbänden sowie weiteren Institutionen, etwa die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die Charta der Vielfalt e.V. erstmals eine gemeinsame Erklärung gegen Homophobie und für Vielfalt, Respekt und Akzeptanz im Sport. Mittlerweile haben sich zahlreiche Vereine und Institutionen aus allen Ebenen des organisierten Fußballsports angeschlossen und setzen damit Meilensteine gegen Homophobie und für Akzeptanz. Daraus entstand ein umfangreiches Angebot: Aktiv für Akzeptanz, Bildungsangebote für Vereine und Verbände sowie nachhaltige Forschung für mehr Durchblick (http://www.fussball-fuer-vielfalt.de/initiative/). Trotz aller institutionalisierten Bemühungen dürfen wir den Menschen mit seiner einzigartigen Identität aber nicht vergessen.
Identität
Für Homosexuelle hat sich vieles verbessert, das Coming-out hingegen bleibt aber nach wie vor ein langer Prozess. Von Betroffenen hört man immer wieder von negativen Reaktionen in der Familie und Freunden. Es werden dann schwachsinnige Kommentare wie „das ist nur eine Krise“ genannt. Manchmal endet dadurch eine Beziehung oder auch eine Karriere. Als homosexueller Fußballer muss man sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Wenn man jemand neues begegnet, einen neuen Verein hat oder auch gefragt wird, muss man immer wieder entscheiden, wie viel man erzählt. Damit Akzeptanz entstehen kann, ist es unglaublich wichtig, dass die Familie, Freunde und Teamkollegen (siehe positiv Beispiel MLS-Profi Collin Martin) aktiv unterstützen.
Für den US-Psychologen Richard Ryan von der Universität von Rochester, ist das nur allzu verständlich. In seiner Studie (Legate, N; Ryan, R. M.; Weinstein, N., 2011) befragte er gemeinsam mit seinen Kolleginnen 161 Homosexuelle, die zwischen 18 und 65 Jahre alt waren. Etwa ein Drittel der Teilnehmer waren schwul, ein weiteres Drittel lesbisch, die restlichen bisexuell. Sie interessierten sich für das Coming-out und welche Erfahrungen sie hinterher gemacht haben (Arbeit, Familie, Freundeskreis, Religionsgemeinschaft). Erkenntnisse: Offenbar wirkt sich die Art der Umgebung erheblich auf die Transparenz aus. In ihrer Religionsgemeinschaft verbargen die Teilnehmer ihre sexuelle Orientierung am häufigsten, 69 Prozent behielten es für sich. In der Schule (50 Prozent) und im Job (45 Prozent) neigten die Befragten ebenfalls zur Stille. Wesentlich offener gingen sie mit ihrer Neigung im Familienkreis um, hier bekannten sich immerhin 64 Prozent. Am wohlsten fühlten sie sich mit dem Coming-Out im Freundeskreis, hier spielten 87 Prozent mit offenen Karten. Nach Ryan hat jeder Mensch drei universelle psychische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind, neigen Homosexuelle offenbar dazu, ihre Neigung zu verbergen. Übertragend auf den Fußball: Je wohler und sicherer man sich in einem Verein/Mannschaft/Fankultur fühlt, desto eher könnte sich ein Spieler für ein Coming-Out entscheiden. Das wiederrum fördert nicht nur das körperlich Wohlbefinden, sondern auch die seelische Gesundheit.
Ich hoffe, dass die Bundesliga und die Nationalmannschaft weitere Zeichen setzen und ihre Einflussmöglichkeiten nutzen, so wie es der DFB z.B. in Zusammenarbeit mit Thomas Hitzlsperger bereits getan hat. Zeichen der Akzeptanz von Vielfalt lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise setzen. Und was ist mit einem Coming-out? Ich empfehle schwulen Fußballern, sich zusammen zu tun und ein „Gruppen-Outing“ zu machen. Dieser Schritt müsste entsprechend gut geplant sein, vielleicht sollten einige Experten aus dem PR-Bereich oder vertrauensvolle Medienleute hinzugezogen werden. Einen helfenden Beitrag können sicher auch wir Sportpsychologen leisten. Die öffentliche Last würde sich bei einer kollektiven Aktion dann auf mehrere Schultern verteilen. Der Profi-Fußball wird sich früher oder später ohnehin der Realität stellen müssen.
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Legate, N; Ryan, R. M.; Weinstein, N. (2011): Is Coming Out Always a “Good Thing”? Exploring the Relations of Autonomy Support, Outness, and Wellness for Lesbian, Gay, and Bisexual Individuals
Die Basketballsaison steht vor der Tür und bald beginnen in allen deutschen Profi-Ligen die „Spiele“. Die übliche Vorbereitungszeit von etwa sechs bis acht Wochen neigt sich dem Ende zu. Zeit, nochmal alles aus den Spielern herauszuholen, um „on-point“ in die Saison zu starten. Viele Trainer denken hierbei an erneutes Wurftraining, weitere Einheiten mit taktischen und technischen Schwerpunkten. Was häufig wenig Beachtung findet, sind mentale Hilfestellungen für die Sportler, damit nicht nur der Körper auf dem Punkt fit ist, sondern auch das Köpfchen mitspielt.
Zum Thema: Sportpsychologische Methoden für den Teamsport
Direkt zum Profil von Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/
„Gut zwei Drittel aller Sportler sind nicht in der Lage, ihre Top-Leistung dann abzurufen, wenn es darauf ankommt.“ So beschreibt mein Kollege Oliver Stoll (zur Profilseite) in einem Interview mit dem BR seine Erfahrungen (https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/sportpsychologie-was-bringt-mentales-training/799739). Auch im Teamsport und natürlich im Basketball ist diese Problematik ein leidiges Thema. Immer wieder ist zu beobachten, dass ein Team erst im zweiten Viertel ins Spiel findet oder gar erst nach der Halbzeitpause. Ab und an wird im Anschluss davon gesprochen, dass die Gegner das Team überrollt haben.
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Was können Ursachen im Teamsport sein, dass die Mannschaft nicht „on-point“ fertig ist?
Zu Beginn ist es wichtig, zu differenzieren, dass ein Team aus mehreren Individuen besteht, welche im Idealfall ein gemeinsames Ziel verfolgen. Für den Trainer bedeutet dies aber nicht nur, ein Team zu formen, sondern auch, dass man auf zwei Ebenen methodisch arbeiten kann, Leistungen punktgenau abzurufen – individuell und über das Kollektiv.
Die Möglichkeiten, ein Kollektiv so vorzubereiten, dass die Leistung ab dem Sprungball abgerufen werden kann, sind natürlich begrenzt. Abgesehen vom taktischen und technischen „Fahrplan“, gibt es dennoch Punkte, die auch ein Trainer steuern kann:
Wann trifft sich das Team vor dem Spiel in der Halle?
Wie viel Zeit bleibt bis zum gemeinsamen Warm-Up?
Wie lange und vor allem wie intensiv wird das Warm-Up gestaltet?
Wann gibt es die obligatorische Kabinenansprache?
Vorhandene Grenzen
Diese Liste kann mit Sicherheit beliebig ergänzt werden, gibt aber bereits einen Einblick, worauf auch ein Trainer zugreifen kann, um das Abrufen von Leistung steuern zu können. Aber Vorsicht: Nur bedeutet ein frühzeitiges Ankommen an der Halle nicht unbedingt, dass die Spieler die Zeit nutzen, um sich körperlich und mental auf den bevorstehenden Wettkampf vorzubereiten. Und auch ein noch so strukturiertes Warm-Up, bei dem auf Belastungsspitzen oder den Abfall der Konzentration eingegangen wird – sei es mit entsprechenden Übungen beziehungsweise Drills oder eben einer Abstimmung der Belastungsdynamik mit der Kabinenansprache – haben immer entsprechende Grenzen.
Natürlich kann auch der Trainer durch ein fokussiertes Auftreten und eigene Abläufe seine Spieler dazu bringen, ihm zu „folgen“. Die Wichtigkeit des Wettkampfes kann so herausgehoben werden – auch während der Trainingswoche. Leadership gilt in diesem Zusammenhang nicht nur für die Top-Spieler, sondern vor allem für den Trainer.
Fokus auf Routinen
Nur bleiben bei all den Werkzeugen des Trainerstabs noch viele Fragen offen. Für mich ist eine davon essentiell: Haben die Spieler Zeit für ihre eigenen Routinen? Und noch wichtiger: Haben die Spieler überhaupt eigene Routinen?
Routinen sind eine Möglichkeit, sich auf den Wettkampf oder einzelne Ereignisse vorzubereiten. Jeder Basketballspieler kennt es und kann es im Schlaf ausführen: Den Freiwurf. Doch so gut Routinen beim Freiwurf helfen, es bleibt bei vielen Spielern auch bei eben dieser Routine. Andere Sportarten, wie Klettern oder auch Tennis, zeigen uns hierbei, wie es gehen könnte. Denkbare Basketball-Routinen könnten im individuellen Warm-Up eingebaut werden. Eine Abfolge von individuellen Übungen, die helfen, die eigene Komfortzone zu erreichen (z.B. Wurf) oder individuelle Dehn- oder Mobilisierungsübungen, um das Körpergefühl zu verbessern. Auch Routinen zur Wahrnehmung (Koordination, Reaktion) sind durchaus sinnvoll und es bietet sich an, diese in seine eigene Routine einzubauen.
Visualisierungen mit Anwendungsbeispielen
Ein großes Feld in der Sportpsychologie ist zudem das Thema Visualisierung. Beim Klettern sieht man sie regelmäßig. Athleten mit ausgestreckten Armen über dem Kopf hangeln sich mental durch die bevorstehende Route. Auch der Skifahrer Hermann Maier hat während seiner aktiven Karriere mit Visualisierungstechniken auf sich aufmerksam gemacht. Die Visualisierung könnte bei Basketballern damit beginnen, den Warm-Up-Prozess mental durchzuspielen, so dass am Ende der Zeit ein optimaler Zustand erreicht wurde, welcher von Beginn an Top-Leistung abrufen lässt.
Zum Beispiel: „Der Sprungball wird gewonnen und das Momentum ist sofort beim eigenen Team.“ Zudem wäre es möglich, dass technische Bewegungsabläufe durchgegangen werden, zum Beispiel Post-Up-Bewegungen bei Centerspielern oder Pick-and-Roll Varianten bei Aufbauspielern. Das alles kann je nach Bedarf noch mit den Anweisungen des Trainers während der Gegneranalyse abgeglichen werden, zum Beispiel mit den zu erwartenden Verteidigungsvarianten. Eine weitere Möglichkeit bietet sich bei besonderen Aufgaben. Jeder Spieler auf Profi-Niveau kennt seine unmittelbaren Gegenspieler und deren Spielerprofil. Auch die Charakteristik von guten Schützen oder schnellen Offensivspielern lässt sich gut in einer Visualisierung einbauen – der Sportler spielt gedanklich mehrere Aktionen durch, in der er den starken Offensivspieler am Zug zum Korb hindert.
Let the music play
Zu guter Letzt bietet auch die Musik eine Reihe von Möglichkeiten, seinen Kopf auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Viele Athleten haben eigene Playlists vor dem Wettkampf, welche sie in „Stimmung“ bringen soll. Dies können sich auch Basketballspieler zu nutzen machen, einige Athleten sieht man hierbei bereits.
Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es nicht nur darum geht, Techniken anzuwenden, sondern vielmehr die, die individuell am geeignetsten sind. Dafür ist es notwendig, dass die Spieler sich selbst, Stärken und Schwächen kennen. Zudem müssen die Spieler bei vielen Techniken in der Lage sein, achtsam den Ist-Zustand zu registrieren, um diesen mit dem Optimal-Zustand abgleichen zu können. Hierfür helfen Techniken aus dem Entspannungs- oder Achtsamkeitstraining beziehungsweise der Meditation.
Eigene Erfahrung
Mal am Rande: Bereits in einem vorherigen Artikel habe ich über Sportpsychologie im Wettkampfklettern geschrieben, insbesondere über die Spitzensportlerin Alma Bestvater. Nachdem einige Wochen ins Land gegangen sind, habe ich auch selbst die erwähnten Techniken beim Klettern oder Bouldern angewandt. Und es funktionierte hervorragend. Was ich damit sagen will? Basketballer können durchaus auch etwas von Bergsportlern lernen. Und: Individuelle Technikanwendungen aus der Sportpsychologie haben durchaus das Zeug, das Teamergebnis begünstigen.
Nein – mein verletztes Außenband, über welches ich im August fast folgenschwer gestolpert bin, war nicht das Ende des Streaks (Link zum Juli-Beitrag). Ich bin weiter gelaufen. Und dennoch hat mich dieses Ereignis auch im August noch – aus verschiedenen Gründen – nachhaltig beschäftigt. Zum einen natürlich rein orthopädisch, funktional, medizinisch. Zum anderen aber eben auch mental, psychologisch und …..philosophisch.
Kommen wir – wie gewohnt – zu den Fakten: Der August schlägt mit 255,80 km zu Buche (siehe Abbildung 1). Ich laufe nun seit 243 Tagen mindestens eine Meile, wobei ich aber bis jetzt noch nie diesen Joker „ziehen musste“. Im Schnitt sind es ca. 8 Kilometer am Tag – also so gesehen: Keine unmenschliche Leistung. Aber: Mehr als im Juli, aber auch weniger als im März, April und Mai. Und bedenkt man, dass ich das mit einem verletzten Außenband im rechten Sprunggelenk gelaufen bin, dann staune ich schon auch selbst am heutigen Tag.
Auszug aus Runalyze – „Täglich Laufen seit 243 Tagen“
Wie ging das nun also weiter? Der Außenbandriss – vielleicht war es auch nur ein Anriss (wie schon gesagt, ich habe mir das nicht durch eine gehaltene Röntgenaufnahme letztendlich beweisen lassen) – ist nun ca. fünf Wochen her. Ich habe so gut wie keine Beschwerden mehr. Das Gelenk schwillt nur noch dann mal etwas an, wenn ich vor lauter Euphorie, mal wieder Trail laufen zu können, doch wieder umknicke (aber das vergeht dann auch wieder über Nacht). Und ansonsten fühlt es sich da unten rechts natürlich nicht unbedingt immer super stabil an, aber eben auch nicht so, als das ich irgendwie groß rumheulen müsste. Ich habe mir natürlich darüber Gedanken gemacht, wie das nun weitergehen soll und habe mich im Internet informiert, wie das andere gemacht haben und was dafür und dagegen spricht (Gegen das Weiterlaufen findet man mehr Argumente als für das Weiterlaufen). Aber im Endeffekt habe ich diesbezüglich eine mutige, vielleicht nicht unbedingt vernünftige Entscheidung getroffen. Aber anstatt mich den im Internet immer wieder zu findenden „Horrorszenarien“ zu widmen, wenn man in diesem Falle weiterläuft, dachte ich an den Titel eines Buches, das meine Frau gerade liest: „Am Arsch vorbei, geht auch ein Weg“ und genau diesen habe ich für mich beschritten. Ich habe mich also einfach meinen Instinkten hingegeben. Und so, bin ich dann, entgegen vieler gut gemeinter Ratschläge, einfach weitergelaufen. Und dabei habe ich wieder einmal etwas über das „Wunderwerk Mensch und seine (Selbst-)Heilungskräfte“ gelernt.
Zum anderen habe ich mich – neben Arbeit, Familie und Laufen – auch mit einem anderen, sehr spannenden Menschen beschäftigt (und das hat natürlich auch mit der vorher beschriebenen Thematik zu tun). Bernd Heinrich, ein emeritierter Professor für Biologie hatte eine Professur an der Universität in Vermont und neben einer unglaublichen “Läufer-Karriere” auch ein Buch geschrieben, dass meiner Meinung nach, jeder Sportstudent und/oder Läufer mal gelesen haben sollte (siehe Literaturhinweis am Ende des Blog-Beitrags). Bernd Heinrichs Familie stammt aus Westpreußen. Sein Vater war der Zoologe Gerd Heinrich. Die Familie musste 1945 aus Polen fliehen und lebte nach dem Zweiten Weltkrieg fünf Jahre in einer kleinen Hütte im Wald Hahnheide bei Trittau in der Nähe von Hamburg, bis sie 1950 nach Maine (USA) auswanderte. Bernd Heinrich hat in Zoologie promoviert und erhielt zwei Ehrendoktortitel. Er ist Autor mehrerer Sachbücher und unter anderem Preisträger der John-Burroughs-Medaille. 2004 wurde er zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt. Er lebt heute in Hinesburg, Vermont, in einer Blockhütte in einem Wald in Maine.
„Sei ein gutes Tier und bleib deinen tierischen Instinkten treu“
(Bernd Heinrich)
Neben der Biologie ist Bernd`s Leidenschaft das Laufen. 40-jährig!!! lief er einen Marathon in 2:25. Ein Jahr später, bei seiner ersten Teilnahme an einem 100-km-Lauf siegte er 1981 in Chicago in einer Zeit von 6:38:21, was damals eine Weltbestzeit auf der Straße und einen US-Rekord bedeutete, der 14 Jahre hielt. 1983 stellte er mit 156 Meilen und 1388 Yards (252,327 km) einen neuen US-Rekord über 24 Stunden auf. Und am 19. Mai 1984 sicherte er sich mit 12:27:01 einen weiteren US-Bestwert über 100 Meilen, der bis heute nicht unterboten wurde. Heute läuft er täglich, zumindest klingt das in seinem Buch so an („Heute verbinde ich mit meinem täglichen Lauf….“ S. 11, Buch: Laufen“, siehe Literaturhinweis). Darin schildert er seine eigenen Erfahrungen mit dem Laufen und zieht Vergleiche zwischen menschlicher und tierischer Ausdauerleistungen.
Ein einfacher Läufer
Da dachte ich mir jedenfalls – das ist wohl ein Mann, der sich auskennt und zum Thema Laufen sicher etwas zu sagen hat. Ich will jetzt hier keine Rezension seines Buches schreiben. Dafür bräuchte ich deutlich mehr Platz. Und, nun gut – Bernd ist Biologe. Und damit hat er eine vielleicht „etwas enge Sicht“ – nämlich eine im Wesentlichen eine biologische – auf das Thema „Laufen und Bewegung“ (und vielleicht weniger eine eher psychologische, wobei ich das eigentlich auch gleich wieder relativieren muss). Aber zum Thema „Laufen und Verletzung“ fand ich folgendes Zitat in seinem Buch hoch spannend:
„Einfach zu laufen, um Geschwindigkeit und Ausdauer zu trainieren, berücksichtigt alle wichtigen Aspekte – all die unzähligen Glieder in der sehr langen und sehr komplexen Kette. Das heißt, die notwendige Komplexität und Effizienz des Laufens lässt sich ganz einfach erreichen – durch Laufen. Ich muss keine Gewichte heben. Nachdem ich mir die schwere Verletzung zugezogen hatte (Bernd Heinrich hatte sich in jungen Jahren bei Gewichtstraining einen Bandscheibenvorfalls zugezogen, Anm.: Oliver Stoll), habe ich nie wieder ein Gewicht angefasst. Und ich habe nie den Hauch eines leistungssteigernden Wirkstoffes zu mir genommen. Um ein Läufer zu werden, bin ich einfach gelaufen“ (Heinrich, 2013, S.95).
Eine besondere Einstellung zur Natur
Ausgleichstraining? Stabitraining? Gewichtstraining? Medikamente („Doping“) ? Alles Fehlanzeige! Was vom Laufen kommt, geht durch Laufen auch wieder weg. Gut, das ist natürlich eine einzelne Meinung und das lässt sich sicher auch nicht verallgemeinern. Aber mir hat dieses Zitat (mit meiner selbstverständlich sehr selektiven Sichtweise gerade) sehr gut gefallen. Bernd Heinrich hat natürlich noch sehr viel mehr zum Thema „Laufen“ zu sagen. Ich bin beeindruckt von seiner grundsätzlichen Einstellung zur Natur und zu sich selbst sowie von seinem Respekt, jedem Lebewesen gegenüber. Aber macht Euch einfach selbst ein Bild. Dazu empfehle ich das sehr inspirierende Portrait-Video:
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Aber zurück in mein Läuferleben: Der August war ein sehr schöner Monat. Es war vielleicht ab und zu mal etwas zu warm, aber gerade die letzten Augusttage waren ein Traum. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Frauke und ich beschlossen haben, dass wieder häufiger zu machen, was wir in den ersten Jahren unserer Beziehung fast jedes Wochenende gemacht haben, nämlich einfach raus aus Leipzig (oder damals Donauwörth), irgendwo ins Mittelgebirge und sich dort bewegen. Der Alltag und die Sorgen und Gedanken, die wir auf unserer Arbeit über genau diese haben, zerstören eben nicht nur das eigene, tägliche Wohlbefinden, sondern eben auch Beziehungen. Miteinander zu leben, ist eine tägliche Aufgabe, die sich nicht voll allein erledigt. Sich austauschen, zuhören, miteinander reden, Ziele und Visionen für die Zukunft entwickeln, sind starke Beziehungsmotoren. Und wenn man dann auch noch gemeinsam ein Hobby teilt, dann ist das eben der Oberhammer! Ich kann schon auch ganz gut alleine so vor mich hinlaufen und mich dabei pudelwohl fühlen. Wenn man aber z.B. solche schönen Lauftouren, wie z.B. rund um Blankenburg im Harz (nördlich der Teufelsmauer zum „Hamburger Wappen“ und dann südlich der Teufelsmauer hoch auf den Kammweg mit kleinen Klettereinlagen zurück nach Blankenburg) gemeinsam erleben kann, dann sind das einfach nicht zu schlagende Erinnerungen, die das gemeinsame, verbindende Band emotional noch einmal sehr viel stärker werden lässt.
Frauke vor dem „Hamburger Wappen“ in der Nähe von Blankenburg im Harz
Nun schauen wir mal, was der Monat September so bringen wird. Auf alle Fälle haben wir dort mal wieder zwei Läufe „mit Start-Nummer“. Zum einen den Südthüringentrail am kommenden Wochenende, bei dem Frauke und ich am Freitagabend sogar öffentlich unser Buch: „Einmal war ich in Biel“ vorstellen werden. Und zum anderen, eine Woche später, heißt es wieder: „Laufen in meinem Wohnzimmer“. Für mich steht zum elften Mal der Berlin-Marathon an. Und ich weiß, ich werde es lieben. Ich wette jedoch trotzdem, dass mich dieses Thema – also laufen mit Start-Nummer“ – wieder einmal beschäftigen werden wird.
Zwei “Messages”
Mein Fazit zum Monat August beinhaltet, psychologisch betrachtet, zwei „Messages“: Auch wenn es nicht immer gut läuft oder ihr verletzt seid, hört in Euch hinein, seid mutig, lasst Euch nicht zu sehr von der Meinung anderer beeinflussen. Sei ein gutes Tier und bleib deinen tierischen Instinkten treu! Denkt nicht immer zu lange nach, Durchbrich die Grübel-Spirale und „Just do it“.
Und zum Zweiten: Kümmert Euch um die Menschen, die ihr liebt, und mit denen ihr solche grandiosen Erlebnisse teilen könnt. Das ist besser als jede Psychotherapie! Soziale Unterstützung ist der beste Stresspuffer, den es gibt!
Literatur
Heinrich, B. (2015). Laufen – Geschichte einer Leidenschaft, 5. Auflage. Berlin: Ullstein.
Was ist Sportpsychologie? Welche Themenfelder umfasst die angewandte Sportpsychologie und wie entwickelt ein Sportpsychologe seine spezifischen Kompetenzen, um in der Sportpraxis Sportlerinnen und Sportler zu begleiten? Genau davon berichte ich üblicherweise in der ersten Semesterstunde in der Vorlesung «Sportpsychologie» im Rahmen des Lehrdiploms Sport an der ETH Zürich. Gestützt auf relevante Basisliteratur (siehe Quellenverzeichnis!) und exemplifiziert am eigenen Werdegang versuche ich, den Studierenden einen möglichst anschaulichen und interessanten ersten Einblick in unser Arbeitsfeld zu vermitteln. In einer abschliessenden Diskussion wird mir meist die Frage gestellt: „Gehört es zum Anforderungsprofil des Sportpsychologen, selbst ein sehr guter Sportler (gewesen) zu sein?“ Meine Antwort auf diese Frage lautet immer: „Aus meiner Optik nein! Was ich allerdings als unabdingbare Voraussetzung erachte, ist ein ausserordentlich hoch ausgeprägtes Interesse am Sport generell sowie möglichst vielfältige Selbsterfahrungen – als Trainerin oder als Athlet – in der Praxis.“ Von einer derartigen Selbsterfahrung berichtet dieser Beitrag.
Die Rede ist von „Cycle Greater Yellowstone“ (CGY), einer Rad-Mehretappen-Veranstaltung, die vom 8. bis 14. August 2018 in seiner sechsten Austragung durchgeführt wurde. Die Eckdaten deuten auf ein ambitioniertes Unterfangen hin: In sieben Tagen soll eine Strecke von rund 800km mit insgesamt 7’000 Höhenmetern absolviert werden, wobei sich die 350 FahrerInnen immer in Höhenlagen zwischen 1’500 und 3’000 Meter über dem Meeresspiegel bewegen. Neben der sportlichen Herausforderung begeistert diese Tour vor allem durch ihre Streckenführung durch das faszinierende Umland des Yellowstone Nationalparks. Es ist ein Event, das nicht rennmässig absolviert wird – trotzdem offenbaren sich die sportlichen Ambitionen vieler TeilnehmerInnen sehr schnell! Wer morgens erst um 8.00 Uhr losfährt, gilt als „easy camper“ – die „hot shots“ stehen pünktlich zur Streckeneröffnung um 7.00 Uhr „sharp“ an der Startlinie.
How to get started!
Am Vorabend zur ersten Etappe wurden die TeilnehmerInnen nach Cody, Wyoming chauffiert. Dort bezogen wir das vom Veranstalter zur Verfügung gestellte Sherpa-Tent – eine Zeltunterbringung, die fortan für die FahrerInnen von Etappenort zum nächsten transportiert und eingerichtet wurde. Meine Zeltnummer war die 95, an jenem Abend lernte ich meine Nachbarn in den Zelten 92 bis 94 kennen: Amy, Steve, Tracey und Jane. Auf wunderbare Art repräsentieren sie die Vielfalt im Teilnehmerfeld von CGY: wir alle sind zwischen 50 und 60 Jahren, treiben regelmässig und zuweilen ambitioniert Sport und sehen die bevorstehende Tour als veritable persönliche Herausforderung. Jane ist eine ambitionierte Tennisspielerin, Tracey mag vor allem Crossfit, Steve offenbarte als stolzer Besitzer von 17 Bikes seine Radleidenschaft und Amy outete sich als passionierte Allrounderin. Als die Reihe an mir war, beschrieb ich meine Erfahrungen meiner ersten Teilnahme vor drei Jahren und erwähnte dabei, dass ich als Sportpsychologe arbeite. Sofort warf Jane die Frage in die Runde, wie man als Rookie diesen Mehretappen-Event – auch mental – in Angriff nehmen sollte, um die (Tor-)Tour erfolgreich zu bewältigen?
Die Fahrerunterkünfte
Auf dem Programm des ersten Tages standen 70 Meilen, mehrheitlich flach, wobei hohe Temperaturen und starker Wind angekündigt waren. Im Sinne von „keep it stupid simple“ gab ich zur Antwort: „Freut euch auf den tollen Start, endlich geht es los! Startet mit einem „big smile“ und grosser Vorfreude! Zuvor lohnt es, sich den Etappenplan gut einzuprägen, um die Herausforderung in Abschnitten zu bewältigen und dabei insbesondere die Verpflegungsstellen als mentale Orientierungspunkte und für die optimale Verpflegung zu nutzen. Nehmt euch vor, bewusst langsam zu starten, um ein gutes Bewegungsgefühl aufzubauen. Das flache Profil eignet sich sehr gut, um in einen Handlungsfluss zu kommen – let it flow!“
When the going gets tough!
Sonnenschein, schon frühmorgens warme Temperaturen und ein satter Rückenwind lud die FahrerInnen am nächsten Morgen tatsächlich dazu ein, schon vom Start weg flott in die Pedalen zu treten. Wer aber den Etappenplan gut studierte hatte, konnte erahnen, dass wir nicht den über die gesamte Strecke von einem höchst angenehmen Schiebewind profitieren würden. Das Thermometer stieg rasch über 30 Grad. Heftiger und böiger Gegenwind bei Temperaturen von bis zu 40 Grad gestalteten dann aber die letzten 15 Kilometer zur Tortur. In der abendlichen Diskussionsrunde war das Thema schnell gefunden: I got really mad! – lautete der Tenor, verbunden mit der Bitte an den Sportpsychologen um ein „mental coping“. Ich verwies auf ein möglichst gutes „Briefing“ der Etappe und gab folgende Ideen in die Diskussion: „Auch mich brachten Hitze und Gegenwind ans Limit! Da dies aber erst auf den letzten 15km eintraf, konnte ich mir relativierend sagen: «90km sind ja schon abgespult, den letzten Abschnitt schaffe ich auch noch! Just keep spinning!».
Zudem überlegte ich mir zwei Optionen: ich profitiere vom Windschatten eines etwas stärkeren Fahrers oder ich lege einen zusätzlichen Stopp ein mit genügend Flüssigkeitszufuhr und Verpflegung (koffeinhaltiger Gel) – was ich dann auch tat. Zusätzlich hatte ich mir im Vorfeld eine Playlist mit Musiktiteln genau zu diesem Thema zusammengestellt. In meinem Ohr hatte ich schon: «Runaway» von Bon Jovi! Damit kann ich mich gut von den störenden Windgedanken ablenken. Aus Jane sprudelte es sogleich heraus: „How funny, I also started singin’ my favorite song!“
Die Playlist von Dr. Hanspeter Gubelmann
I can’t ride in dark tunnels!
„You should give us all a talk“ – meinte Amy euphorisch und wies darauf hin, dass solche Ideen und mentalen Tipps ganz vielen TeilnehmerInnen helfen würden und sicher grosses Gehör fänden. Tatsächlich erachte ich Gruppen wie beispielsweise jene am CYG als sehr interessantes Klientel für unsere Anliegen der angewandten Sportpsychologie. Daraufhin bat mich Tracey um Rat. Sie hätte grosse Mühe, sich in unbeleuchteten Tunneln auf dem Rad zu bewegen, sehr schnell würden sich Befürchtungen oder gar Angstzustände bei ihr einstellen.
Da zu Beginn der zweiten Etappe drei solcher unbeleuchteter Tunnel auf dem Programm standen, war der Auftrag an mich klar. Ich explorierte kurz bisherige Erfahrungen und Verhaltensweisen und gab ihr folgende Leitideen (vgl. Gubelmann & Stoll, im Druck) mit: „Versuche heute Abend in deiner Vorstellung drei solcher Tunnel zu durchfahren, indem du dir folgende Verhaltensweisen vorgibst. Nimm dir deine Kollegin (Jane) mit rotem Rücklicht als Orientierungspunkt und folge diesem in einem für dich passenden Abstand. Stell dir vor, ein gleichmässiges, gemütliches Tempo zu fahren und richte deine Aufmerksamkeit immer wieder auch auf das (helle!) Tunnelende. Wechsle (vorwiegend) zwischen diesen Orientierungspunkten und stelle dir vor, wie diese Punkte dich zum Ziel (Tunnelende) führen. Vielleicht hälst du nach dem ersten Tunnel auch kurz an, atmest tief durch, trinkst einen Schluck und belohnst dich mit dem Zuspruch: «I did it!» Längerfristig könnte ich mir auch vorstellen, dass du im Training zuhause auf dem Ergometer vermehrt auch im Dunkeln fährst.“ Ich erinnere mich an Traceys glücklich strahlendes Gesicht am Etappenziel! „Yes, I did it – three times!“
Expect the unexpected!
Am vierten Tag war mit 61 Meilen nach Dubois die kürzeste Etappe der Woche angesagt. Das Streckenprofil versprach nur geringe Anforderungen, wenngleich die letzten 15 Meilen ansteigend verliefen. Ähnlich wie am ersten Tag herrschten auch dieses Mal unangenehme Gegenwindverhältnisse. Was aber am Abend in unserer Runde wesentlich mehr zu reden gab, war der Umstand, dass nach 61 Meilen das Ziel noch lange nicht erreicht war – satte und unerwartete zehn Kilometer galt es auch mental zusätzlich zu bewältigen! „I coudn’t cope with that – not knowing when it’s done!“ In der angeregten Diskussion verwies ich auf eine Idee, die im Olympischen Umfeld häufig diskutiert wird: „expect the unexpected“! Steve fragte, wie trainiert man das?
Jane, Tracey, Amy und Steve
Ich gab zwei Beispiele: „Im Leichtathletiktraining absolvierten wir häufig Laufserien, z.B. 5 x 200m mit lohnender Erholung zwischen den Läufen. Plan und Ablauf gab ich als Trainer vor und die Athletinnen stellten sich darauf ein – und waren dann überrascht, als ich nach dem 5. Lauf ankündigte: «Okay, heute hängen wir noch einen 6. Lauf über 200m dran!» Auf die Frage nach dem «Warum sollen wir das tun?», entgegnete ich: «Es ist gut möglich, dass ein Wettkampfsprint, z.B. wegen Ausfall der Zeitmessung, wiederholt werden muss. Wenn wir sowas üben, hast du im Notfall ‚bessere mentale Karten’!» Steve machte ich den Vorschlag: „Vielleicht nimmst du dir bei deiner nächsten Ausfahrt zu Hause 30 Meilen vor und legst dir einen Würfel vor die Haustüre. Wenn du dann nach Hause kommst, würfelst du und fährst entsprechend der gewürfelten Augenzahl noch die Zusatzmeilen!“ Sehr lohnend sind auch eigene Wettkampferfahrungen. Ich erinnere mich zudem an den Swiss Alpine Marathon von 1999 in Davos, der damals laut Wettkampfprogramm über 72km führen sollte. Am Ende waren es deren 78! – und ich um eine ganz spannende Erfahrung reicher (vgl. Gubelmann & Schmid, 1999).
Do you have a plan?
Dr. Hanspeter Gubelmann am Togwotee-Pass
Stellte der 4. Etappentag bereits alle TeilnehmerInnen vor eine mentale Herausforderung, wartete am 5. Tag mit den „100miles“ das „piece de résistence“ auf uns. Die als „out and back“-angelegte Strecke führte zweimal über den gleichen Pass, „the iconic Togwotee Pass“, wie im Tourprogramm vielversprechend nachzulesen war. Die Erwähnung des Kulminationspunktes von beinahe 3000m liess in mir Erinnerungen an die CGY-Austragung aufkommen, als wir im dichten Schneetreiben und grosser Kälte einen anderen 3000er bezwingen durften!
Aus organisatorischen Gründen mussten sich die Fahrerinnen am Vorabend entscheiden, wie weit sie am nächsten Tag zu radeln planten. Noch mit den mentalen Spuren des vierten Tages im Kopf verlief die abendliche Diskussionsrunde sehr lebendig. Niemand mochte sich definitiv festlegen, welche Strecke er oder sie sich am nächsten Tag vornehmen würde. Ich schlug folgendes Vorgehen vor: „Unabhängig davon, was ich in der offiziellen Liste eingetragen habe, gibt es drei Zielstellungen (vgl. Birrer et. al. 2010), die ich mir vornehme. Mein Minimalziel lautet: ich radle bis zur ersten Verpflegung und kehre um (=34 Meilen). Mein Normalziel (was ich mir zutraue, wenn ich mich einigermassen in Form fühle!) liegt im Erreichen des Passes (60 Meilen). Das Optimalziel (100 Meilen) kann ich nur dann anpeilen, wenn ich mich so fühle, dass ich „all in“ gehen kann! Mit glänzenden Augen stiessen Steve und ich einige Stunden später auf das Erreichen dieses grossen Ziels an!
Debriefing – what’s next!
Am letzten Abend traf sich unsere Gruppe von “Zelt 92-95“ ein letztes Mal in unserer mittlerweile heiss geliebten Diskussionsrunde. Es gab viel zu erzählen, zu lachen – bis spät in die Nacht hinein. Als ich die Frage stellte, wer von uns in Zukunft wieder an einer CGY-Ausgabe teilnehmen würde, blieben alle sehr zurückhaltend – was bei näherer Betrachtung nicht weiter verwunderlich erscheint! Zu nahe lagen die körperlichen Strapazen und die teilweise heftigen mentalen Eindrücke, als dass ein euphorischer Hauch die Vorstellung an eine zukünftige Teilnahme hätte befeuern könnte. Amy meinte, sie hätte den Überblick über die vergangenen Tage vollständig verloren. „I will take the map and write down all my experiences I had during this week“.
Wird es ein Wiedersehen geben?
Ich ermunterte die Gruppe, dass wir Amys Beispiel folgen und uns diese Eindrücke (Debriefing) gegenseitig zukommen lassen könnten. Schnell war die Idee geboren, eine Whatsapp-Gruppe zu installieren und den gegenseitigen Austausch über dieses Medium weiter zu führen. Kaum eine Woche war vergangen, als die ersten Ideen für zukünftige gemeinsame Touren im Chat erschienen!
Epilog!
Meine zweite Teilnahme an CGY erwies sich in mancherlei Hinsicht als „Volltreffer“. Zum einen durfte ich einen äusserst ungezwungenen und regen Austausch an sportpsychologischen Themen geniessen, wie ich es in einer solchen Gruppe nicht erwartet hätte. Zum anderen profitierte ich meinerseits an diesem Austausch, indem ich entsprechende mentale Strategien wieder gezielt für meine sportlichen Herausforderungen einsetzte und wohl auch dadurch meine sportlichen Erwartungen deutlich übertraf. Ich hätte nicht gedacht, dass ich beinahe 800km verbunden mit einigen Höhenmetern in einem durchschnittlichen Tempo von rund 30km/h schaffen könnte! Eben – we should practise what we preach! Und wie es funktioniert!
Alfermann, D. & Stoll, O. (2017). Sportpsychologie. Ein Lehrbuch in 12. Lektionen (5.Aufl.) Aachen: Meyer&Meyer.
Beckmann, J. & Elbe, A.-M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Ballingen: Spitta-Verlag.
Birrer, D., Ruchti, E. & Morgan, G. (2010), Psyche: Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele. Magglingen: Bundesamt für Sport (BASPO).
Gabler, H., Nitsch, J.R. & Singer, R. (2001). Einführung in die Sportpsychologie. Teil 2: Anwendungsfelder (2.Aufl.). Schorndorf: Hofmann.
Gubelmann, H.-P. & Schmid, J. (1999). ”The Crazy Peak Experience”: Coachingstrategien im Ultralangstreckenlauf am Beispiel des Swiss Alpine Marathons. In: K. Roth et al. (Hrsg.). Dimensionen und Visionen des Sports. dvs-Band 108, Hamburg: Cwalina, S. 179.
Gubelmann, H.-P. & Stoll, O. (im Druck). Aufmerksamkeitssteuerung und Vorstellungstraining. In: Staufenbiel, K., Liesenfeld, M. & Lobinger, B. (Hrsg). Angewandte Sportpsychologie im Leistungssport: Göttingen: Hogrefe.
Forming ist die erste Phase der Teamentwicklung nach Tuckman. Wie bereits im ersten Teil der Blogreihe (Link zum ersten Text) erwähnt, ist die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft noch distanziert und unpersönlich. Als Trainer/-in und Sportpsychologe/-in zählt es Kontexte zu erschaffen, in welchen sich die Teammitglieder besser kennen lernen. In diesem Artikel fokussieren wir uns auf den folgenden Punkt: Die Herausarbeitung gemeinsamer Ziele.
Zum Thema: Definieren von Mannschaftsziele im Zirkeltraining (Übung 2)
Tritt man neu in eine Mannschaft ein, so erhofft man sich z.B. eine Verbesserung der Technik, einen Stammplatz zu erarbeiten oder ähnliches. Auch die Mannschaftsmitglieder, die bereits in Teamgefüge etabliert sind, bekommen neue Konkurrenz und müssen sich wieder beweisen. Folglich werden sehr individuelle und persönliche Ziele, wie zum Beispiel „ich werde Stammspieler“, definiert. Solche Ziele sind nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil, sie erschaffen Motivation. Allerdings benötigt es neben solch individuellen Zielen auch eine gemeinsame Mission. Denn, wenn Jeder nur seine eigenen Ziele verfolgt, so ist meist das Zusammenspiel mit den Anderen nicht ausreichend vorhanden, was dazu führt, dass die eigenen Ziele womöglich nicht erreicht werden können. Auch schließen viele individuelle Ziele das Team mit ein. Wenn man sich z.B. vornimmt um den Aufstieg mitzuspielen, so kann das Ziel nur mit Hilfe anderer erreicht werden.
Ziel: Eine gemeinsame Mission ermitteln um die Motivation zu erhöhen und Identifikation mit dem Team zu steigern.
Aufgabe: Das Team wird in mehrere Gruppen eingeteilt. Sie durchlaufen mehrere Stationen mit Informationsmaterialien nacheinander. Das Durchlaufen der Stationen kann mit sportlichen und sportartbezogenen Aufgaben verbunden werden. Zum Beispiel können währenddessen Koordinationsaufgaben gelöst werden.
Beispiele für die Stationen:
Station 1: Infomaterial zu SMARTEN Zielen
Station 2: Infomaterial zu Ergebniszielen
Station 3: Infomaterial zu Leistungszielen
Station 4: Freie Station zum Brainstormen
Nachdem die Kleingruppen alle Stationen durchlaufen haben formulieren sie Kleingruppenziele. Diese Gruppenziele werden dann zusammengetragen und eine Teammission wird formuliert. Wichtig ist, dass alle Teammitglieder bei der Formulierung des Ziels beteiligt sind. Auch kann der Trainerstab in die Gruppen verteilt werden.
Variation: Je nach Altersgruppe und Vertrautheit mit mentalem Training können Formulierungshilfen eingesetzt werden. Auch können gezielt Zwischenziele abgefragt werden.
Zusatz: Das formulierte Ziel kann von nun an als Banner die Mannschaftskabine dekorieren, in die Besprechung ergänzt werden oder in den Schlachtruf integriert werden.
Diese Übung dient als Veranschauung und kann erweitert und modifiziert werden. Wie immer gilt, dass diese Methode nicht als universell anzusehen ist. Über eine Rückmeldung zu den einzelnen Übungen dieser Serie und eure eigenen Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.