Daniil Medvedev beim ATP-Turnier in Wien: Mit der Faust schlägt er wutentbrannt auf den Boden ein. Wolfgang Seidl, Yvonne Dathe, Janosch Daul und Prof. Dr. René Paasch erklären Hintergründe und zeigen auf, wie sich Emotionen kontrollieren lassen.
Daniil Medvedevs Faustschläge auf den Boden beim ATP-Turnier in Wien geben Anlass, den Umgang mit Ärger und Frustration im Leistungssport zu beleuchten. Yvonne Dathe, Janosch Daul, Wolfgang Seidl und Prof. Dr. René Paasch nutzen das Beispiel, um Ableitungen für die Praxis zu schaffen. In der sportpsychologischen Arbeit geht es darum, individuelle Auslöser, Gedanken und körperliche Frühwarnsignale zu erkennen und passende Handlungsalternativen zu entwickeln. Bewusstes Atmen, hilfreiche Selbstgespräche und regelmäßig trainierte Reset-Routinen können dabei unterstützen, nach Rückschlägen die Aufmerksamkeit wieder auf die nächste Aufgabe zu richten. Ziel ist es, Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren, ohne sie zu unterdrücken oder durch impulsive Handlungen sich selbst oder andere zu gefährden.

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)
Mein erster Gedanke bei Medvedevs Reaktion war, dass er wohl sehr stark überlastet sei. Durch seinen Ausraster, seine Gestik und Mimik wirkt die Reaktion wie ein Ventil für Frust, Druck und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
Dahinter könnte ein Muster stecken. Ein Fehler wird vielleicht als Bestätigung erlebt, die Situation nicht kontrollieren zu können. Innerlich steigt die Anspannung stark an. Die Reaktion wird impulsiv, bevor eine bewusste Regulation möglich ist. Er lässt seinem Frust freien Lauf, was zu kurzfristiger Entlastung führen kann. Langfristig kann solch eine Reaktion die Konzentration und die Leistung schaden.
In der Arbeit mit Sportler:innen ist es meiner Meinung nach wichtig, das Verhalten wertfrei zu betrachten. Gemeinsam kann dann analysiert werden, was der Auslöser war, welche Gedanken und körperlichen Signale vorher auftraten und was die Reaktion bewirken soll. Wichtig ist, dass der/die Sportler:in das eigene Muster erkennen und eine hilfreiche Unterbrechungsroutine entwickeln, um sich wieder auf das, was wichtig ist – das Spiel – zu konzentrieren.
Hilfreich könnte z.B. ein Cross-Check, ein Reset-Ritual, eine bewusste kurze körperliche Entspannung oder eine hilfreiche Selbstinstruktion sein. Möglichkeiten gibt es viele, entscheidend ist, dass dies für den/die Sportler:in passend ist.
Solch eine Unterbrechungsroutine sollte zunächst visualisiert und anschließend im Training geübt werden. Erst wenn sie sich fest verankert hat, lässt sie sich auch sicher im Wettbewerb anwenden.
Die Emotionen gehören zum Kampfgeist dazu, daher sollte es ein Ziel sein, die Frühwarnsignale rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu regulieren, um handlungsfähig und fokussiert zu bleiben.

Antwort von: Janosch Daul (zum Profil)
Wenn ich Medvedevs Reaktion zum ersten Mal sehe, denke ich vor allem: Da ist gerade unglaublich viel Frust, der sich unmittelbar körperlich entlädt. Gleichzeitig stellt sich mir die Frage, wie viel Handlungsspielraum ihm in diesem Moment noch bleibt.
Aus sportpsychologischer Sicht geht es zunächst darum, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und anzunehmen, ohne sie unmittelbar in eine Handlung übersetzen zu müssen. Ärger ist erst einmal nichts Schlechtes. Entscheidend ist, wie wir mit ihm umgehen.
In der praktischen Arbeit mit Sportlerinnen und Sportlern versuchen wir deshalb, individuelle Strategien zu entwickeln, die genau in solchen Situationen helfen. Eine Möglichkeit ist eine Ärgerroutine: den Ärger bewusst wahrnehmen, kurz durchatmen, sich mit positivem Self-Talk wieder auf die eigenen Stärken besinnen und den Fokus gezielt auf die nächste Aufgabe richten.
Das Ziel ist nicht, den Ärger zu unterdrücken, sondern wieder handlungsfähig zu werden. Denn gerade im Wettkampf ist die Fähigkeit, nach einem Rückschlag schnell wieder den Fokus zu finden, eine wichtige Ressource.

Antwort von: Wolfgang Seidl (zum Profil)
Wenn ich die Bilder von Medvedev sehe, fallen mir zunächst zwei Dinge auf, die mehr oder weniger mit Umfeldfaktoren zu tun haben und medial rund um das Turnier diskutiert worden sind: Einerseits sein offensichtlicher Ärger über den langsamen Belag in Wien, der offenbar nicht seinen Vorstellungen entspricht und ihm die Umsetzung seines gewohnten Spiels erschwert. Andererseits scheint seine Reaktion auch eine bewusste Botschaft an die Verantwortlichen der ATP Tour zu sein. Sinngemäß, wenn ich meinen Schläger nicht mehr zerstören darf, dann schlage ich eben mit meiner Hand auf den Boden. Dafür könnt ihr mich nicht bestrafen.
Damit bekommt sein Verhalten eine zusätzliche Dimension. Es geht offenbar nicht nur darum, Frust abzubauen, sondern auch darum, seinen Unmut über die bestehenden Regeln demonstrativ zum Ausdruck zu bringen. Aus einer emotionalen Reaktion wird gleichzeitig eine Form des Protests. Dabei verändert er die Form seines Verhaltens, aber nicht unbedingt das dahinterliegende Muster. Besonders bedenklich finde ich, dass er dabei seine eigene körperliche Unversehrtheit riskiert.
In meiner Arbeit als Mentalcoach erlebe ich immer wieder Sportler, die Schwierigkeiten haben, mit Fehlern, Rückschlägen oder äußeren Bedingungen umzugehen, die sie nicht beeinflussen können. Gerade sehr ehrgeizige Athleten haben oft hohe Erwartungen an sich selbst. Wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen, entsteht eine enorme innere Spannung, die sich in Frustration, Ärger oder impulsiven Handlungen äußern kann.
Ich versuche mit den Sportlern zunächst, diese individuellen Muster zu erkennen. Was löst meinen Ärger aus? Welche Gedanken gehen meinem Verhalten voraus? Und was bringt mir meine Reaktion kurzfristig, welche Konsequenzen hat sie langfristig?
Darauf aufbauend entwickeln wir konkrete Handlungsalternativen, beispielsweise eine kurze Reset-Routine mit drei Schritten:
Abreagieren – Zentrieren – Fokussieren.
Zunächst darf der Frust in einem erträglichen und sinnvollen Maß raus. Das kann je nach Sportler durch das Anspannen und Lösen einer geballten Faust, Ausschütteln der Arme, Stampfen mit den Füßen oder kräftiges Ausatmen passieren. Wichtig ist, dass dabei weder der eigene Körper noch andere gefährdet werden.
Anschließend geht es darum, sich durch bewusstes Atmen und das Spüren des eigenen Körpers wieder zu zentrieren. Im dritten Schritt richtet der Sportler seine Aufmerksamkeit auf den nächsten konkreten Handlungsschritt.
Wichtig ist mir dabei: Es geht nicht darum, Emotionen zu unterdrücken. Ich darf mich ärgern und enttäuscht sein. Aber ich muss nicht alles tun, was mir meine Emotionen in diesem Moment vorgibt.

Antwort von: Prof. Dr. René Paasch (zum Profil)
Die Bilder von Medvedev sind durchaus eindrücklich. Gleichzeitig finde ich interessant, welche Fragen eine solche Szene aus sportpsychologischer Sicht aufwirft. Schließlich sehen wir nur einen Ausschnitt aus einer komplexen Wettkampfsituation.
Gerade im Leistungssport können Emotionen, Erwartungen, situative Bedingungen und persönliche Erfahrungen auf unterschiedliche Weise zusammenwirken. Welche Bedeutung eine bestimmte Handlung für den Athleten selbst hat, lässt sich aus den Bildern allein allerdings kaum erschließen. Auch die Frage nach einem möglichen Verhaltensmuster ist interessant, wobei dafür der persönliche und situative Kontext eine wichtige Rolle spielt. Für mich liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem, was wir beobachten, und der Bedeutung, die ein Verhalten für den jeweiligen Menschen hat. Psychologische Erklärungsansätze können dabei durchaus verschiedene Perspektiven eröffnen. Welche davon im Einzelfall zutreffen, lässt sich jedoch erst mit weiteren Informationen besser beurteilen.
In der sportpsychologischen Praxis ist der persönliche Austausch deshalb besonders wertvoll. Im Gespräch mit dem Athleten entsteht ein umfassenderes Bild davon, wie er bestimmte Situationen erlebt, welche Bedeutung er ihnen gibt und was ihn möglicherweise beschäftigt. Daraus können sich unterschiedliche Ansätze für die gemeinsame Arbeit ergeben, die sich an seinen individuellen Anliegen und Bedürfnissen orientieren.
Die mögliche Verletzungsgefahr durch einen Schlag auf den harten Untergrund lässt sich unabhängig davon als körperliches Risiko betrachten, ohne daraus Rückschlüsse auf die psychische Verfassung zu ziehen.
Für mich macht die Szene vor allem deutlich, wie vielschichtig menschliches Verhalten im Leistungssport ist. Sie bietet Anlass, über mögliche psychologische Zusammenhänge nachzudenken, und erinnert zugleich daran, wie wichtig die individuelle Perspektive ist, wenn wir einen Menschen und sein Verhalten verstehen möchten.
Antworten auf deine Fragen
Wir haben hier einige Fragen und Antworten gesammelt. Wenn du tiefer einsteigen willst, nimm direkten Kontakt auf:
– Yvonne Dathe
– Janosch Daul
– Wolfgang Seidl
– Prof. Dr. René Paasch
Warum kommt es im Sport zu emotionalen Ausbrüchen?
Fehler, Rückschläge, hohe Erwartungen und schwer beeinflussbare Wettkampfbedingungen können Ärger und innere Anspannung auslösen. Welche Bedeutung ein emotionaler Ausbruch für einen bestimmten Sportler hat, lässt sich aus einer einzelnen Szene jedoch nicht zuverlässig erkennen. Dafür müssen seine persönliche Sichtweise und der situative Kontext berücksichtigt werden.
Wie können Sportlerinnen und Sportler ihren Ärger im Wettkampf regulieren?
Ein erster Schritt ist, persönliche Auslöser, belastende Gedanken und körperliche Frühwarnsignale wahrzunehmen. Individuelle Reset-Routinen können anschließend helfen: bewusst ausatmen, körperliche Anspannung lösen, hilfreiche Selbstgespräche einsetzen und die Aufmerksamkeit auf die nächste konkrete Aufgabe richten. Solche Abläufe sollten regelmäßig im Training geübt werden, damit sie unter Wettkampfdruck leichter verfügbar sind.
Sollten Sportlerinnen und Sportler negative Emotionen unterdrücken?
Nein, Ärger und Enttäuschung gehören zum sportlichen Wettkampf und dürfen wahrgenommen und angenommen werden. Entscheidend ist, zwischen dem Gefühl und der daraus folgenden Handlung zu unterscheiden. Sportpsychologische Unterstützung kann helfen, mit Emotionen so umzugehen, dass die Handlungsfähigkeit erhalten bleibt und weder der eigene Körper noch andere gefährdet werden.
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