Wenn Sportpsychologen selbst unter Druck geraten: Wie äußerer Bewertungsdruck nach Niederlagen mit professionellen Entscheidungen zusammenhängt

Prof. Dr. René Paasch erklärt, wie Niederlagen im Sport Druck auf Sportpsychologen und Sportpsychologinnen machen und wie sich damit umgehen lässt.

Sportpsychologinnen und Sportpsychologen stehen nach sportlichen Misserfolgen selbst unter Druck, insbesondere wenn Trainer, Management oder andere Verantwortliche ihre Arbeit kritisch bewerten. Eine Studie von Prof. Dr. René Paasch mit 196 ausgewerteten Teilnehmenden zeigt, dass stärkerer externer Bewertungsdruck mit höheren Ärgerwerten sowie veränderten Prioritäten bei sportpsychologischen Interventionen zusammenhing. Unter diesen Bedingungen gewannen systembezogene Interventionen und die Klärung professioneller Grenzen an Bedeutung, während athletenbezogene Maßnahmen etwas an Priorität verloren. Für die sportpsychologische Praxis empfiehlt sich deshalb, nach Misserfolgen die Bedürfnisse des Athleten, die Anforderungen des Leistungssystems und die eigenen emotionalen Reaktionen bewusst zu reflektieren, bevor Entscheidungen getroffen werden. Die Studie liefert Hinweise darauf, wie äußerer Bewertungsdruck professionelles Entscheiden beeinflussen kann, betont aber zugleich, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf reale Situationen im Leistungssport zu untersuchen.

Die Mannschaft verliert ein wichtiges Spiel. Der Athlet ist enttäuscht, der Trainer unzufrieden und im Staff beginnt die Suche nach Erklärungen. Vielleicht fällt irgendwann auch die Frage: „Was habt ihr eigentlich mental gemacht?“ Eine solche oder ähnliche Situation dürften viele Sportpsychologinnen und Sportpsychologen aus dem Leistungssport kennen. Plötzlich geht es nicht mehr ausschließlich darum, einen Athleten nach einem Misserfolg professionell zu begleiten. Auch die eigene Arbeit steht unter Beobachtung. Erwartungen entstehen, Erklärungen werden eingefordert und möglicherweise wächst der Wunsch, schnell zu reagieren und zu zeigen, dass man die Situation im Griff hat. Doch was macht dieser Druck eigentlich mit uns selbst? Und hängt er möglicherweise auch damit zusammen, welche sportpsychologischen Interventionen wir in diesem Moment für besonders wichtig halten? Genau diese Frage hat mich in meiner aktuellen Studie beschäftigt.

Was hat es zur Folge, dass Sportpsychologen auch Teil des Leistungssystems sind?

In der Sportpsychologie beschäftigen wir uns intensiv damit, was Druck mit Athletinnen und Athleten macht. Wir untersuchen ihre Emotionen, Gedanken und Entscheidungen und entwickeln Strategien, mit denen sie lernen können, unter hohen Erwartungen handlungsfähig zu bleiben und mit Misserfolgen umzugehen. Dabei können wir leicht übersehen, dass auch wir selbst nicht außerhalb dieses Systems stehen. Sportpsychologinnen und Sportpsychologen arbeiten innerhalb eines komplexen sozialen Umfelds. Trainer, Management, Staff, Eltern, Verbände oder andere Verantwortliche haben Erwartungen an unsere Arbeit. Solange die sportliche Entwicklung positiv verläuft, bleiben diese Erwartungen möglicherweise im Hintergrund. Nach Niederlagen und Krisen können sie jedoch sehr schnell sichtbar werden. Dann geht es plötzlich um Verantwortung. Erklärungen werden erwartet, Entscheidungen hinterfragt und möglicherweise steht unausgesprochen die Frage im Raum, warum die sportpsychologische Arbeit einen bestimmten Misserfolg nicht verhindert hat. Mich hat deshalb interessiert, ob unterschiedliche Bedingungen äußeren Bewertungsdrucks auch mit den emotionalen Reaktionen und professionellen Prioritäten von Sportpsychologinnen und Sportpsychologen zusammenhängen.

Was ist Teil der Untersuchung?

In meiner Studie beurteilten 204 sportpsychologische Praktikerinnen und Praktiker, überwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, zwei standardisierte Situationen eines sportlichen Misserfolgs. In die Hauptanalyse gingen die Angaben von 196 Personen ein. Der entscheidende Punkt war, dass der Misserfolg selbst vergleichbar blieb. Was sich unterschied, war der Kontext. In einer Situation war der äußere Bewertungsdruck gering. In der anderen kamen deutlich stärkere Erwartungen und Bewertungen aus dem Leistungssystem hinzu. Mich interessierte, wie die Praktiker emotional auf diese Situationen reagierten und welche Interventionen sie jeweils priorisieren würden. Die Antworten unterschieden sich je nach Situation. In der Situation mit stärkerem externen Bewertungsdruck gaben die Befragten höhere Ärgerwerte an. Gleichzeitig gaben die Befragten an, systembezogene Interventionen und die Klärung professioneller Grenzen stärker priorisieren zu wollen, während athletenbezogene Interventionen etwas an Bedeutung verloren. Wichtig ist, diese Ergebnisse nicht vorschnell zu bewerten. Sie bedeuten weder, dass Sportpsychologen unter Druck schlechter entscheiden, noch dass eine stärkere Orientierung am System grundsätzlich problematisch ist. Gerade im Leistungs- und Profisport kann es nach einem Misserfolg ausgesprochen sinnvoll sein, mit dem Trainerteam zu sprechen, Erwartungen zu klären, Kommunikationsprozesse zu verändern oder die eigene professionelle Rolle deutlicher abzugrenzen. Die für mich interessantere Frage lautet deshalb nicht, ob eine stärkere Systemorientierung gut oder schlecht ist. Spannender ist: Warum erscheint mir in dieser konkreten Situation gerade diese Intervention besonders wichtig?

Was bedeutet das Studienergebnis für unsere tägliche sportpsychologische Arbeit?

Stellen wir uns noch einmal die Situation nach einer wichtigen Niederlage vor. Der Athlet ist enttäuscht. Gleichzeitig erwartet der Trainer ein Gespräch. Im Staff wird bereits diskutiert. Vielleicht spüre ich selbst, dass mich bestimmte Aussagen ärgern oder dass ich das Bedürfnis habe, meine Arbeit zu erklären. In einem solchen Moment laufen mehrere Anforderungen gleichzeitig zusammen. Genau deshalb könnte es hilfreich sein, sie zunächst gedanklich voneinander zu trennen. Der erste Blick gilt dem Athleten. Was braucht dieser Mensch gerade wirklich? Benötigt er ein Gespräch, emotionale Unterstützung, eine gemeinsame Reflexion oder vielleicht zunächst einfach Abstand? Diese Frage erscheint selbstverständlich. Bei stärkerem äußeren Bewertungsdruck können jedoch andere Anforderungen stärker in den Vordergrund treten. Danach darf und sollte sich der Blick auf das System richten. Möglicherweise braucht es ein Gespräch mit dem Trainer, eine Klärung von Erwartungen oder eine gemeinsame Verständigung über Verantwortlichkeiten. Manchmal liegt ein wesentlicher Teil des Problems auch außerhalb des Athleten. Dann kann eine systembezogene Intervention fachlich genau die richtige Entscheidung sein. Und schließlich kommt eine Perspektive hinzu, die in unserer täglichen Arbeit möglicherweise weniger selbstverständlich ist: 

  • Was passiert gerade mit mir selbst? 
  • Bin ich verärgert? 
  • Fühle ich mich bewertet? 
  • Habe ich das Bedürfnis, meine Arbeit zu rechtfertigen? 
  • Möchte ich schnell handeln, weil ich zeigen möchte, dass ich handlungsfähig bin? Oder möchte ich eine Grenze ziehen, weil sie fachlich notwendig ist oder möglicherweise auch deshalb, weil ich mich selbst unter Druck fühle? 
  • Eine zusätzliche Frage könnte dabei besonders aufschlussreich sein: Würde ich dieselbe Intervention jetzt auch priorisieren, wenn gerade niemand meine Arbeit bewerten würde? 

Daraus leite ich für meine eigene Praxis einen einfachen Reflexionsgedanken ab: Athlet, System, Ich und dann die Entscheidung.

Das ist ausdrücklich kein wissenschaftlich validiertes Instrument und keine neue sportpsychologische Methode. Es ist ein Reflexionsimpuls, den die Ergebnisse nahelegen und der gerade nach Misserfolgen helfen könnte, unterschiedliche Einflüsse auf die eigene professionelle Entscheidung bewusster wahrzunehmen.

Eine interessante Frage für Supervision und Ausbildung: „Was hat diese Situation eigentlich mit dir gemacht?“

Auch für Supervision und Ausbildung ergibt sich daraus eine interessante Perspektive. Wenn wir sportpsychologische Fälle besprechen, lautet eine typische Frage: „Was hast du mit dem Athleten gemacht?“ Bei Studierenden fragen wir vielleicht: „Welche Intervention würdest du in dieser Situation wählen?“ Das sind wichtige Fragen. Vielleicht sollten wir jedoch häufiger eine zweite stellen: „Was hat diese Situation eigentlich mit dir gemacht?“ Denn professionelle Entscheidungen entstehen nicht allein aus Lehrbüchern, Diagnostik und Interventionstechniken. Sie entstehen innerhalb sozialer Beziehungen und organisationaler Systeme. Und auch diejenigen, die professionell beraten und begleiten, erleben Erwartungen, Konflikte, Emotionen und Bewertungsdruck.

Gerade im Profisport könnte diese Perspektive relevant sein. Sportpsychologinnen und Sportpsychologen arbeiten dort nicht ausschließlich mit Athleten. Sie bewegen sich zwischen Trainern, medizinischem Staff, sportlicher Leitung und weiteren Entscheidungsträgern. Unterschiedliche Interessen und Erwartungen gehören zum Arbeitsalltag. Nach einem Misserfolg können diese Dynamiken besonders deutlich werden. Wer trägt Verantwortung? Was muss verändert werden? Wer muss reagieren? Und möglicherweise auch: Warum hat die sportpsychologische Arbeit das nicht verhindert?

Professionelle Stärke muss in solchen Momenten vielleicht nicht darin bestehen, möglichst schnell eine Antwort zu liefern. Sie könnte auch darin liegen, zunächst wahrzunehmen, woher der eigene Handlungsimpuls gerade kommt.

Was geht aus der Studie nicht hervor?

Eine Grenze ist wichtig. Ich habe Sportpsychologinnen und Sportpsychologen nicht nach einer tatsächlichen Niederlage im Stadion oder Trainingszentrum beobachtet. Die Teilnehmenden reagierten auf standardisierte Situationen. Die Ergebnisse zeigen deshalb nicht, dass sich Sportpsychologen im realen Leistungssport unter entsprechendem Druck genauso verhalten. Die Studie liefert vielmehr Hinweise darauf, dass unterschiedliche Bedingungen professioneller Verantwortlichkeit und Bewertung mit emotionalen Reaktionen und Interventionsprioritäten zusammenhängen können. Ob und wie sich diese Zusammenhänge im sportpsychologischen Alltag tatsächlich zeigen, muss weitere Forschung untersuchen. Für mich schmälert diese Einschränkung den praktischen Wert der Frage jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie lädt dazu ein, genauer hinzuschauen, ohne vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen.

Was können Sportpsychologen und Sportpsychologinnen konkret aus der Studie ableiten?

Sportpsychologinnen und Sportpsychologen unterstützen andere Menschen dabei, ihre Emotionen wahrzunehmen, Gedanken zu reflektieren und unter Druck gute Entscheidungen zu treffen. Vielleicht sollten wir uns gelegentlich daran erinnern, dass diese Prinzipien auch für uns selbst gelten. Nach einem Misserfolg könnte es deshalb hilfreich sein, nicht sofort nach der nächsten Intervention zu suchen. Zunächst kann der Blick auf den Athleten gerichtet werden: Was braucht er gerade? Danach auf das System: Was ist dort tatsächlich notwendig? Und schließlich auf uns selbst: Was macht diese Situation gerade mit mir? Erst dann stellt sich die eigentliche professionelle Frage: Was halte ich jetzt, unter Berücksichtigung dieser unterschiedlichen Perspektiven, für die angemessene Intervention?

Denn vielleicht zeigt sich gute sportpsychologische Arbeit nicht darin, vom Druck des Systems unberührt zu bleiben. Sondern darin, zu bemerken, wann er auch für unser eigenes Denken und Entscheiden relevant wird.

Zur Studie

Professional Decision-Making Under Accountability Pressure: Emotional and Intervention Recalibration Following Failure in Applied Sport Psychology

DOI: 10.1016/j.psychsport.2026.103275

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Wie beeinflusst äußerer Druck die Entscheidungen von Sportpsychologinnen und Sportpsychologen?

Äußerer Bewertungsdruck kann damit zusammenhängen, wie Sportpsychologinnen und Sportpsychologen auf Niederlagen reagieren und welche Interventionen sie priorisieren. Eine Studie von Prof. Dr. René Paasch mit 196 ausgewerteten Teilnehmenden zeigte, dass stärkerer Bewertungsdruck mit höheren Ärgerwerten sowie einer stärkeren Priorisierung systembezogener Interventionen und der Klärung professioneller Grenzen zusammenhing.

Warum sollten Sportpsychologen nach einer Niederlage auch ihre eigenen Emotionen reflektieren?

Nach einer Niederlage stehen Sportpsychologen möglicherweise selbst unter Rechtfertigungsdruck, etwa gegenüber Trainern, dem Management oder anderen Mitgliedern des Staffs. Die Reflexion eigener Emotionen und Handlungsimpulse kann helfen, zwischen den tatsächlichen Bedürfnissen des Athleten, den Anforderungen des Leistungssystems und dem eigenen Druck zu unterscheiden. So lässt sich bewusster prüfen, welche Intervention fachlich angemessen ist.

Was können Sportpsychologinnen und Sportpsychologen aus der Studie von Prof. Dr. René Paasch für ihre Praxis ableiten?

Die Studie legt nahe, nach sportlichen Misserfolgen drei Perspektiven bewusst einzubeziehen: den Athleten, das Leistungssystem und die eigene emotionale Reaktion. Diese Reflexion kann helfen, professionelle Entscheidungen unter Bewertungsdruck besser einzuordnen. Da die Untersuchung auf standardisierten Situationen und nicht auf der Beobachtung realer Niederlagen basiert, muss die Übertragbarkeit auf den sportpsychologischen Alltag durch weitere Forschung geprüft werden.

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