Eine Beobachtung, die mich beschäftigt hat: Vor einigen Monaten begann ich die Zusammenarbeit mit einem jungen Sportler. Wie so häufig im Nachwuchsleistungssport war der Anlass zunächst klar beschrieben. Die Eltern berichteten von einem hohen Maß an Nervosität vor Wettkämpfen, einem hohen Anspruch an sich selbst und davon, dass Fehler ihres Sohnes oft noch lange beschäftigten. Auch im ersten Gespräch wurde schnell deutlich, wie wichtig ihm der Sport war und wie viel Leidenschaft er in sein Training investierte. Je länger wir miteinander sprachen, desto mehr hatte ich allerdings den Eindruck, dass die eigentliche Herausforderung an einer anderen Stelle lag.
Zum Thema: Gedanken aus der sportpsychologischen Praxis über Identität im Nachwuchsleistungssport
Es war nicht die Nervosität, die mich beschäftigte. Es war auch nicht der Perfektionismus. Beides spielte sicherlich eine Rolle, doch ich hatte das Gefühl, dass diese Themen eher Ausdruck eines tiefer liegenden Prozesses waren. Mich ließ vielmehr die Frage nicht los, welche Bedeutung sportliche Leistung im Erleben eines jungen Menschen mit der Zeit annehmen kann? Diese Frage begleitet mich inzwischen häufiger, nicht nur in der Arbeit mit Kindern, sondern ebenso mit Jugendlichen und erwachsenen Athletinnen und Athleten.
Denn Leistung ist zunächst einmal etwas Schönes. Sie bedeutet Entwicklung, Einsatz, Leidenschaft und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Ich würde niemals den Eindruck vermitteln wollen, Ehrgeiz sei etwas Problematisches. Im Gegenteil. Viele der jungen Menschen, die ich begleiten darf, beeindrucken mich gerade durch ihre Begeisterung und ihren Wunsch, sich weiterentwickeln zu wollen. Gleichzeitig scheint es einen Punkt zu geben, an dem Leistung beginnt, mehr zu werden als Leistung. Und genau dieser Gedanke beschäftigt mich.
Wenn sich der Blick langsam verengt
Während der ersten Coachings fiel mir auf, dass der junge Sportler viele Eigenschaften und Interessen mitbrachte, die überhaupt nichts mit seinem Sport zu tun hatten. Er sprach mit leuchtenden Augen von seiner Familie. Er erzählte von Freundschaften, lachte viel und wirkte ausgesprochen kreativ. Es entstand keineswegs das Bild eines Kindes, dessen gesamtes Leben ausschließlich aus Training und Wettkämpfen bestand.
Dennoch hatte ich den Eindruck, dass diese unterschiedlichen Seiten seiner Persönlichkeit im Alltag zunehmend in den Hintergrund rückten. Gute Wettkämpfe schienen seine Stimmung weit über den Sport hinaus zu beeinflussen. Schwierige Wettkämpfe dagegen wirkten sich ebenfalls auf viele andere Lebensbereiche aus. Vielleicht kennen viele Trainerinnen, Trainer oder Eltern genau solche Situationen. Ein Wettkampf ist vorbei – und plötzlich entscheidet das Ergebnis darüber, wie das gesamte Wochenende erlebt wird. Nicht selten verändert sich die Stimmung innerhalb weniger Minuten. Das Kind wirkt stiller, zieht sich zurück oder beschäftigt sich gedanklich noch lange mit einzelnen Fehlern. Mich beschäftigt dabei weniger die Enttäuschung über eine Niederlage. Sie gehört zum Sport dazu. Spannender finde ich die Frage, warum Wettkämpfe eine so große Bedeutung für das gesamte Erleben bekommen.
Identität ist häufig schon da
In der Sportpsychologie wird häufig davon gesprochen, dass Sportlerinnen und Sportler eine Identität außerhalb ihres Sports entwickeln sollten. Dieser Gedanke ist nachvollziehbar und wissenschaftlich gut begründet. Wer seinen Selbstwert ausschließlich an sportliche Leistungen koppelt, gerät spätestens dann unter Druck, wenn Verletzungen, Leistungsschwankungen oder Misserfolge auftreten. Trotzdem habe ich in den vergangenen Jahren den Eindruck gewonnen, dass dieser Gedanke manchmal etwas verkürzt verstanden wird. Denn viele junge Sportlerinnen und Sportler verfügen bereits über eine erstaunliche Vielfalt an Identitätsbereichen. Sie sind Schwester oder Bruder, Klassenkameradin oder Klassenkamerad, Freundin oder Freund. Sie interessieren sich für Musik, Tiere oder andere Hobbys. Sie sind neugierig, hilfsbereit, humorvoll oder kreativ. Diese Seiten fehlen häufig gar nicht. Was sich verändert, ist vielmehr ihre subjektive Bedeutung. Je mehr Leistung in den Mittelpunkt rückt, desto weniger scheinen andere Bereiche emotional Gewicht zu bekommen. Der Sport wird nach und nach zum wichtigsten Maßstab für die eigene Bewertung.
Ich frage mich deshalb immer häufiger, ob unsere Aufgabe im sportpsychologischen Coaching tatsächlich darin besteht, neue Identitätsbereiche aufzubauen. Oder ob wir vielmehr dabei helfen sollten, die bereits vorhandenen wieder stärker wahrzunehmen. Genau darin sehe ich inzwischen einen wichtigen Unterschied.
Worum es im Coaching eigentlich ging
Aus diesem Gedanken heraus entschied ich mich bewusst gegen einen Coachingprozess, der sich ausschließlich um Wettkämpfe, Druck oder Konzentration drehte. Natürlich spielten diese Themen ebenfalls eine Rolle. Sie gehören schließlich zum sportlichen Alltag. Mindestens genauso wichtig war es jedoch, immer wieder Räume zu schaffen, in denen der junge Sportler erleben konnte, dass er weit mehr ist als seine sportliche Rolle. Wir sprachen über Situationen in der Schule, über Freundschaften und über Dinge, die ihm Freude bereiteten. Manchmal ging es um Eigenschaften, auf die er stolz war. Ein anderes Mal beschäftigten wir uns mit der Frage, welche unterschiedlichen Seiten eigentlich in ihm stecken.
- Der ehrgeizige Sportler.
- Der lustige Freund.
- Das kreative Kind.
- Die mutige Seite.
- Die ruhige Seite.
Mich fasziniert bis heute, wie selbstverständlich Kinder über diese unterschiedlichen Facetten sprechen können, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Und gleichzeitig frage ich mich, wie selten wir Erwachsene ihnen genau diesen Raum im leistungsorientierten Alltag eigentlich noch anbieten.
Der Selbstwert braucht mehr als eine Säule
Je länger ich Sportlerinnen und Sportler begleite, desto häufiger komme ich zu dem Schluss, dass wir im Leistungssport häufig über Selbstwert sprechen, obwohl wir eigentlich etwas anderes meinen. Wir sprechen darüber, wie Kinder selbstbewusster werden können. Wie sie besser mit Fehlern umgehen. Wie sie sich weniger unter Druck setzen oder nach einem misslungenen Wettkampf schneller wieder aufrichten. All diese Ziele sind sinnvoll.
Gleichzeitig frage ich mich immer wieder, ob sie nicht häufig erst das Ergebnis einer anderen Entwicklung sind. Denn wenn sich der eigene Wert fast ausschließlich aus dem Sport speist, wird jede sportliche Situation automatisch größer. Ein Fehler ist dann nicht mehr nur ein Fehler. Eine Niederlage fühlt sich nicht nur wie eine Niederlage an. Sie wird schnell zu einer Aussage über die eigene Person. Vielleicht kennen viele Erwachsene dieses Gefühl ebenfalls aus anderen Lebensbereichen. Wer seinen gesamten Selbstwert ausschließlich aus dem Beruf zieht, erlebt berufliche Rückschläge oft existenziell. Wer sich nur über eine einzige Rolle definiert, macht sich zwangsläufig verletzlich.
Persönlichkeitsentwicklung im Nachwuchsleistungssport
Im Nachwuchsleistungssport scheint mir dieses Phänomen besonders bedeutsam zu sein. Kinder befinden sich mitten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Sie entdecken nach und nach, wer sie sind, was sie ausmacht und wo sie ihren Platz finden. Der Sport kann dabei ein unglaublich wertvoller Entwicklungsraum sein. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass er ungewollt zum alleinigen Maßstab wird.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht in erster Linie darum, Leistung und Selbstwert vollständig voneinander zu trennen. Das erscheint mir weder realistisch noch notwendig. Natürlich freuen wir uns über Erfolge. Selbstverständlich dürfen gute Wettkämpfe stolz machen. Entscheidend scheint mir vielmehr zu sein, dass Leistung nicht die einzige Antwort auf die Frage liefert, wer ich bin.
Warum das auch der Leistung helfen kann
Interessanterweise erleben viele Sportlerinnen und Sportler genau an diesem Punkt eine Veränderung, die zunächst paradox wirkt. Je weniger der Wettkampf darüber entscheidet, welchen Wert sie sich selbst zuschreiben, desto freier gelingt es ihnen häufig, ihre Leistung abzurufen. Das überrascht viele, dabei erscheint es eigentlich logisch.
Wenn ich nicht permanent beweisen muss, dass ich gut genug bin, verändert sich automatisch meine Haltung gegenüber Fehlern. Sie verlieren ihren bedrohlichen Charakter. Aus einem Fehler wird wieder das, was er ursprünglich einmal war: eine Information darüber, was beim nächsten Mal vielleicht besser funktionieren könnte.
Ich habe den Eindruck, dass genau hier häufig ein Missverständnis entsteht. Leistungsunabhängiger Selbstwert bedeutet nicht, dass Leistung unwichtig wird. Ehrgeiz verschwindet dadurch nicht. Der Wunsch, besser zu werden, bleibt bestehen. Was sich verändert, ist die Funktion der Leistung: Sie dient nicht länger dazu, den eigenen Wert zu bestätigen, sondern sie wird wieder zu dem, was sie eigentlich sein sollte, ein Ausdruck von Entwicklung.
Welche Rolle wir Erwachsenen dabei spielen
Je länger ich mit Kindern und Jugendlichen arbeite, desto mehr richtet sich mein Blick auch auf ihr Umfeld. Denn Identität entsteht nie ausschließlich im Kind selbst. Sie entwickelt sich immer auch in Beziehung zu anderen Menschen. Deshalb frage ich mich häufig, welche Botschaften wir Erwachsenen eigentlich vermitteln. Interessieren wir uns nach einem Wettkampf zuerst für das Ergebnis? Oder fragen wir vielleicht auch danach, worauf das Kind unabhängig von der Platzierung stolz ist? Sprechen wir über Mut, Fairness, Freude oder darüber, dass jemand trotz eines Fehlers weitergemacht hat? Oder kreisen unsere Gespräche fast ausschließlich um Technik, Leistung und Ergebnisse?
Ich glaube nicht, dass Eltern oder Trainerinnen und Trainer dabei bewusst Fehler machen. Im Gegenteil. Die allermeisten wünschen sich einfach, dass sich Kinder gut entwickeln. Gerade deshalb lohnt sich aus meiner Sicht hin und wieder ein ehrlicher Blick auf die eigene Sprache. Denn Kinder hören sehr genau zu. Und manchmal lernen sie weniger aus dem, was wir sagen, als aus dem, worüber wir immer wieder sprechen.
Ein Gedanke, den ich aus diesem Coaching mitnehme
Die Zusammenarbeit mit dem jungen Sportler hat mich weniger über Nervosität oder Perfektionismus nachdenken lassen als über eine andere Frage. Was passiert eigentlich, wenn Leistung immer mehr Raum einnimmt? Vielleicht besteht unsere Aufgabe als Sportpsychologinnen und Sportpsychologen gar nicht darin, Kindern zu erklären, dass der Sport nicht alles ist. Ich vermute, die meisten wissen das längst. Vielleicht geht es vielmehr darum, ihnen dabei zu helfen, all die anderen Seiten ihrer Persönlichkeit wieder wahrzunehmen, die im Alltag des Leistungssports manchmal etwas leiser geworden sind.
Aus meiner Sicht liegt darin ein wesentlicher Beitrag sportpsychologischer Arbeit: Nicht den Sport kleiner zu machen, sondern zu verhindern, dass er alles andere kleiner macht. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr überzeugt mich genau dieser Gedanke. Denn Kinder müssen nicht erst zu mehr werden als Sportlerinnen oder Sportler. Sie sind es bereits. Unsere Aufgabe besteht häufig nur darin, ihnen dabei zu helfen, sich wieder als ganzer Mensch zu erleben.

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